Konverse Direktion
Bei der Konversen Direktion, im Gegensatz zur direkten Direktion, werden die Planeten oder Horoskopfaktoren entgegen dem Jahreslauf entlang der Ekliptik (Tierkreiszeichen) im Sinne des Tageslaufs von Ost (Aszendent) über den Südpunkt (MC) nach West (Deszendent), und von West über die Himmelstiefe (IC) nach Ost in der Nachthälfte dirigiert. Die konverse Direktion war Bestandteil des gelehrten Standarddirektionsverfahrens des Altertums. In Direktionstabellen werden ausgelöste konverse Aspekte gewöhnlich mit conv. oder c. gekennzeichnet (Kühr). Gelegentlich wird in der Literatur auch r. oder retr. (für retrograd) verwendet, was jedoch nicht ganz korrekt ist, da es sich nicht um eine tatsächliche Rückläufigkeit handelt.
Wenn Sekundärdirektionen verwendet werden, wird die converse Führung häufig als "regressiv" (Abkürzung: r. oder regr.) bezeichnet (im Gegensatz zu progressiv = direkt), siehe auch konverse Progression.
Historische Entwicklung
Claudius Ptolemäus
Wilhelm Knappich konnte nachweisen, dass Ptolemäus ausschließlich konvers dirigierte: "Daß Ptolemäus wirklich nur nach einer Richtung dirigierte (wir würden heute sagen mundan convers) zeigen klar die Beispiele, die er selbst gemacht hat." [2] Im Geozentrisches Weltbild war die konverse Direktion die einzig logische, weil alle Planeten, Sonne, Mond und Sterne sich nur in einer Richtung "primär" bewegten. Das Leben wurde als Gleichnis dieser Wanderung vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang verstanden. Insofern ist es verständlich, dass Ptolemäus nur mit fünf Signifaktoren (Aszendent, Sonne, Glücksrad, Mond, MC) dirigierte, bzw. diese durch das Horoskop wandern ließ. Kennzeichnend sind es die "persönlichen Punkte", mit denen dirigiert wurde. So wie der Mensch selbst durch das Leben wanderte, ließen die Alten analog die "Lebenslichter" (Sonne, Mond und Glücksrad), sowie die essentiellen Persönlichkeitsfaktoren (MC,AC) wandern, wobei sie zu allen anderen Planeten und Himmelskörpern im Laufe der Zeit Aspekte bildeten. Die Umrechnung erfolgte vom Tagesablauf, der als Gleichnis zum Jahreslauf erlebt wurde, gemäß der Formel: 1 Tag = 1 Jahr. In dieser Weise wurden die kosmischen Bewegungsabläufe auf das Leben übertragen.
Johannes Kepler
Johannes Kepler, der die Sekundärdirektionen in die Astrologie einführte, begann in dieser Direktionsmanier auch "direkt" in Richtung des Tierkreises zu dirigieren, nach ihm später Placidus de Titis, weil der Lauf des Lebens im heliozentrischen System nun entlang der Sonnenlaufbahn auf der Ekliptik verstanden werden konnte, während die Primärdirektionen weiterhin konvers geführt wurden.
Die geistige Umstellung auf das heliozentrische System als Schnittpunkt zwischen Altertum und Moderne ist bei Kepler besonders deutlich. W. Knappich: "Kepler dirigiert also MC und Asz. nach dem motus primus, bzw. nach der Erdrotation, Sonne und Mond aber nach dem motus secundus, dem jährlichen Umlauf der Erde um die Sonne"[3]
Viel später wurden in allen Systemen, Sonnenbogendirektion, Primärdirektion oder Sekundärdirektion konvers und/ oder direkt dirigiert, ohne Rücksicht auf den entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang der Direktionstechniken (siehe auch unter Regression).
Deutung
Einige esoterische Autoren vertreten die Auffassung, dass es bei der Deutung konverser Direktionen um vorgeburtliche Konditionierungen handle. Andere wiederum behaupteten, sie hätten eine besondere Bedeutung im Sinne einer (karmischen) Vergangenheit, welche in die Gegenwart wirkt ([s. [karmische Astrologie]]). Letzteres wurde besonders in der theosophischen Astrologie vertreten.
Das kann jedoch theoretisch nur bei konversen Sekundärdirektionen zutreffen, denn diese erfassen Aspekte in der pränatalen Phase, während die konversen Primärdirektionen nicht vorgeburtlich sind, da sie den Umschwung des gesamten Himmelsgewölbes mit Planeten und Horoskopfaktoren nach der Geburt erfassen, und die dirigierten Himmelskörper oder Faktoren nach einem bestimmten Direktionschlüssel wieder auf dem Zodiak auftragen. Diese erscheinen zwar zodiakal "konvers", tatsächlich aber stammen sie ja aus der Erfassung des ganz anderen Bewegungsmusters der Erdrotation, welche dem direkten solaren Lauf der Planeten entgegengesetzt verläuft.
Begriffsverwirrungen
Im Grunde ist der Begriff "konvers" in Bezug zum Prinzip des Primärdirektionssystems nicht korrekt, was Erich Carl Kühr dazu veranlasste, die im Altertum noch als konvers bezeichneten Primärdirektionen nicht konvers zu nennen, sondern direkt, und die direkten Primärdirektionen konvers.[4] Er folgte dabei verschiedenen Vorgängern, wie z.B. Alan Leo, der die hier als konvers aufgefasste Direktion als "mundan direkt" definiert und die direkte Direktion als "mundan convers".[5]. Dieser Ansatz ist zwar verständlich und gut begründet, führte jedoch weniger zu mehr Klarheit, sondern zu weiteren Begriffsverwirrungen. Es ist eine Frage der Perspektive. Die Begriffe "konvers" und "direkt" wurden auch erst spät eingesetzt. Ptolemäus nannte diese noch beim Namen indem er eindeutig "entgegen der Tierkeiszeichen" oder "im Lauf der Tierkeiszeichen" formulierte.[6] Knappich: "41.- Zwiefach ist auch die Direktionsbewegung gemäß Ptolemäus; die eine heißt Aktinobolie oder direkte Führung (motus rectus), diese geht in der Folge der Zeichen, die andere heißt Horimaia oder motus conversus und geht gegen die Folge der Zeichen. (228)(Anmerkung: Folgend die Übersetzung des Placidus durch Knappich: "Somit halte auch ich nur zwei Direktionsweisen für zulässig, direkt und konvers, und halte die Meinung derer, die nur in zodiaco dirigieren und konverse Direktionen verdammen, für irrig." (229)(....) 42. Da die älteren Astrologen nur in zodiaco dirigiert haben, beziehen sich die Ausdrücke "direkt" und "konvers" stets nur auf den Tierkreis und nie auf die tägliche Himmelsbewegung oder gar auf die Rotation der Erde![7]
Siehe auch
- Direktion
- Direkte Direktion
- Primärdirektion
- Sekundärdirektion
- Sekundärprogression
- konverse Progression
Literatur
- Alexander Marr: Prediction I: using common & prenatal cycles. 179 Seiten. American Federation of Astrologers, Tempe (AZ) 1953; 1981 ISBN 0866900322
- Ronald Davison: The Technique of Prediction: The New Complete System of Secondary Directing. 152 Seiten. C. W. Daniel Co Ltd, 1955; L. N. Fowler & Co., Romford 1971; 1974; 1977; 1979; 1983; 1990 ISBN 0852431724
Quellen und Anmerkungen
- ↑ Römischer Marmor-Doppelkopf, nach griechischem Original. Vatikanische Museen
- ↑ Wilhelm Knappich: Entwicklung der Horoskoptechnik vom Altertum bis zur Gegenwart. (Bearbeitet von Sandor Belcsak) In: Qualität der Zeit (Publikationen der ÖAG) 38/ 39, Wien 1978: S. 90
- ↑ ebd. S. 97
- ↑ Kühr, E.C., Berechnung der Ereigniszeiten. Regulus-Verlag Görlitz 1936
- ↑ Leo, Alan, Direktionen.
- ↑ Wilhelm Knappich: Horoskoptechnik, 1978
- ↑ Wilhelm Knappich: Placido de Titi's Leben und Lehre, Zenit 1935, Heft 7-11