Decumbitur-Horoskop

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Der König im Bett[1]

Alternative Schreibweise: Dekumbitur

Das Decumbitur-Horoskop ist in der Klassischen Astrologie ein Horoskop für den Augenblick, in dem ein Kranker erstmals gezwungen ist sich ins Bett zu legen.

Geschichte

Prognosen zu Krankheitsverläufen sind schon aus dem elften Jahrhundert v.Chr. überliefert, im Rahmen der Tagwählerei der Babylonischen Astrologie.[2] Bei Vettius Valens, dem neben Ptolemäus wohl bedeutendsten Astrologen der Spätantike (zweites Jahrhundert n.Chr.), wird die Technik kurz angesprochen.[3] Die Deutungsregeln wurden aber zu der Zeit hauptsächlich unter dem Namen des Arztes "Galenos" (Galen) bekannt[4], und von dort in die mittelalterlichen Astrologiewerke übernommen.[5]

Der Kranke und die Sterne[6]

Regeln

Mit dem Decumbitur-Horoskop soll ermöglicht werden, eine Krankheit und ihren weiteren Verlauf zu erkennen bzw. diagnostizieren. Falls der kritische Augenblick des Anfangs der Sache unbekannt ist, kann nach Deutung z.B. von William Lilly der Moment genommen werden, in dem der Erkrankte seinen Harn zur Krankheitsdiagnose einer anderen Person übergibt, ob Arzt oder nicht. Sollte auch dieser Zeitpunkt nicht vorliegen, kann auch die Zeit des ersten Gesprächs mit dem Arzt verwendet werden[7].
Für die Deutung entscheidend sind der AC, das erste Haus samt dortigen Planeten, der AC-Herrscher, das 6. Haus mit Hausherrscher und den Planeten darin, sowie der Mond und dessen Aspekte.
In einem Decumbitur-Horoskop sieht man:[7]

  • Den betroffenen Körperteil (über Haus- und Zeichen-Position der Signifikatoren)
  • Den Grund der Erkrankung (entsprechend der Elementen-Anteile bei den Signifikatoren)
  • Die Art der Krankheit (über die Planeten als Signifikatoren)
  • Die Dauer der Krankheit
  • Die Schwere der Krankheit
  • Die Entwicklung der Krankheit

Beim letzten Punkt, Verlauf der Krankheit, werden die bestehenden Mond-Qualitäten zur Mond-Position im Radix-Horoskop des Betroffenen ins Verhältnis gesetzt (Interaspekte). Krankheitskrisen treten auf beim Halbquadrat, bei einem Quadrat, und beim Anderthalbquadrat. Der Verlauf der Krise wird durch Aspekte auf "freundliche" Planeten (z.B. die Wohltäter Venus oder Jupiter), auf die klassischen Übeltäter (Mars, Saturn), sowie durch Spannungs- (Quadrat, Opposition) oder harmonische Aspekte (Trigon, Sextil) abgebildet. Spannungsaspekte auf den Herrscher über das sechste und achte Haus verschlechtern ebenfalls den Zustand, wie auch die Wirkung von Medikamenten.

Das Decumbitur-Horoskop wurde traditionell oft mit dem Regiomontanus-Häusersystem erstellt. Für die Deutung gibt Lilly eine ausführliche Differenzierung nach zahlreichen Gesichtspunkten. Bei ihm, aber auch bei Karl Brandler-Pracht im deutschsprachigen Raum, wird der drohende gefährliche oder gar tödliche Verlauf einer Krankheit deutlich zur Sprache gebracht; ein Umstand, der einerseits einem anderen Verhältnis zum Tod, aber auch den damals geringeren Überlebenschancen zuzuschreiben ist.

Siehe auch

Weblinks

Stiehles Sammelband

Literatur

  • Reinhardt Stiehle (Hrg.): Der Krankheitsverlauf im Horoskop: Quellentexte zum Dekumbitur. 143 Seiten. Chiron-Verlag, Tübingen 2008. ISBN 3899971736 ISBN 978-3899971736
Klassische Texte zum Dekumbitur: Der Claudius Galen zugeschriebene Text über die "Prognosen zum Dekubitus". Hippokrates befasst sich mit den Beziehungen des Mondes zu den Krankheiten. Das im 15. Jahrhundert bedeutendste Buch zur Medizin überhaupt, stammte von dem Franzosen Jean Ganivet und trug den Titel "Amicus Medicorum". Es enthält das berühmte Beispiel einer eingetroffenen Krankheits-Prognose, das ebenfalls enthalten ist. Andrea Argolus, ein im 16. Jahrhundert in Italien wirkender Astrologe, verfasste einen Beitrag über die "Kritischen Tage." Nicholas Culpeper, der berühmteste Arzt Englands, zeigt eine Methode, um die Ursachen und den Umschwung einer Krankheit zu erkennen.
  • Tania Daniels: Das Dekumbitur-Horoskop, in Meridian 6/2012, Seite 41f.
Ursprünglich diente eine Dekumbitur vor allem dazu, festzustellen, ob der Patient überleben würde oder nicht. Heute wird diese Technik vor allem dazu benutzt, den Kranken gezielt in den verschieden Phasen seines Heilungsprozesses zu unterstützen. Der letzte Mondaspekt sowie die separativen Aspekte zum Herrscher des 1. Hauses beschreiben, wie es zur Krankheit kam und wie sie sich (bisher) im Körper manifestiert hat. Die Krankheit selbst wird durch das 6. Haus und dessen Herrscher beschrieben. Aussagen über den Verlauf chronischer Krankheiten werden durch die Analyse der Sonnentransite zu ihrer Position in der Dekumbitur bzw. ihren Aspekten zu anderen Planeten in der Dekumbitur gewonnen.
  • Tania Daniels: Die Technik der Mondkrisenhoroskope, in Meridian 1/2013, Seite 53f.
Es gibt verschiedene Techniken zur Dekumbitur und die von Galen und Hippokrates waren wahrscheinlich bis ins 16. Jahrhundert am weitesten verbreitet. Auch William Lilly, der große englische Astrologe, der die Stundenastrologie hoffähig machte, bezieht sich auf diese Schule. Die beiden Griechen benutzten die Mondtransite zur Dekumbitur in erster Linie, um die günstigsten Zeitpunkte für Behandlung und Medizinverabreichung zu berechnen. Nach Galens Ansicht, musste der Arzt sozusagen »auf die Einladung der Natur zum Helfen« warten, bevor er eine Medizin verabreichen konnte. Vor diesem Zeitpunkt hatte die Medizin entweder keine oder eine verminderte Wirkung. Erst der Astrologe, Botaniker und Naturheilkundler Nicholas Culpeper (1616-1654), ein Zeitgenosse und Schüler Lillys, der in die Geschichte Englands als einer der größten Heiler der letzten Jahrhunderte eingegangen ist, stellte ein einfacheres und auf klassischen Aspekten basierendes System vor, die so genannten Mondkrisenhoroskope.
  • Nicholas Culpeper: Semeiotica Uranica: Or an Astrological judgment of diseases from the decumbiture of the sick; 1. From Aven Ezra by way of introduction. 2. From Noel Duret by way of direction. Wherein is layd down, the way and manner of finding out the cause, change and end of a disease. 190 Seiten. Nathaniell Brooke, London 1651; erweiterte Ausgabe 1655 (integriert Ibn Esras Kritische Tage) Digitalisat von Paulo Alexandre Silva; Neuausgabe bei Kessinger Publishing, 2004 ISBN 978-0766185784
  • Wanda Sellar: Introduction to Medical Astrology. Wessex Astrologer, 2008, 236 Seiten. ISBN 9781902405322 Review online (Deborah Houlding, 2009)

Quellen und Anmerkungen

  1. Alchemistische Darstellung
  2. Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 2003, S. 48f.
  3. Vettius Valens: Blütensträusse, Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 2004. S. 204, S. 333
  4. In Galens Prognostiken über bettlägerige Kranke
  5. Gundel/ Gundel: Astrologumena. Die astrologische Literatur in der Antike und ihre Geschichte. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1966, S. 225
  6. Mittelalterliche Abbildung
  7. 7,0 7,1 William Lilly: Christliche Astrologie. Chiron-Verlag, Tübingen 2007, S. 276 ff.