Zeitungshoroskop

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"27.8.: Sie werden Ihr Leben romantisch und interessant finden"[1]

Zeitungshoroskope sind die in Zeitungen und Zeitschriften anzutreffende Trivialastrologie auf Basis der Sonnenzeichenastrologie.

Geschichte des Tages- und Wochenhoroskops

Die Zeitungsastrologie mit ihren Horoskopspalten wurde im ersten Drittel des Zwanzigsten Jahrhunderts in den USA durch Evangeline Adams, und insbesondere in Großbritannien durch Richard Harold Naylor in Umlauf gebracht.[2]

Naylors Horoskop für Margaret Rose

Margaret Rose

Anlass für den Einstieg in diese Form der astrologischen Pressearbeit war die Geburt der englischen Prinzessin Margaret Rose (Schwester der heutigen Queen Elizabeth). Der Redakteur des Sunday Express, John Gordon, wollte die Geschichte ihrer Geburt aus einer neuen, ungewohnten Perspektive erzählen, und bat deshalb den berühmten Astrologen Cheiro, ihr Geburtshoroskop zu erstellen und zu deuten. Da dieser jedoch verhindert war, übernahm Cheiros Mitarbeiter Naylor die Aufgabe, und so erschien am 24.8.1930 auf Seite 11 der Zeitung der Artikel "What the stars foretell for the new princess" (was die Sterne für die neue Prinzessin vorhersagen). Dort wurde das Geburtshoroskop abgebildet und erläutert, was die einzelnen Faktoren zu bedeuten hätten, besonders ihr Sonnenzeichen Löwe, aber auch weitere Konstellationen, sowie eine kurze, allgemein gehaltene Prognose ihres Lebens gegeben.

Anlässlich dieses Artikels erschienen auch unter der Überschrift "Hinweise auf die Ereignisse dieser Woche" in gleichem Umfange mundanastrologische Vorhersagen, sowie Prognosen für jeden Geburtstag der kommenden Woche, beispielsweise: "29.8.: Familiäre Streitigkeiten werden beigelegt".

Eine Woche später, am 31.8., berichtete der Sunday Express, dass Naylors Artikel und seine Vorhersagen für jeden Geburtstag auf "gewaltiges Interesse" gestoßen und "viele Anfragen" über weitere Vorhersagen eingegangen seien. Naylor gab nunmehr für jeden Tag im September eine Kurzprognose ab, in dem bekannten Stil, wie auch heute noch Zeitungshoroskope erscheinen, etwa: "24.9.: Gut für Investitionen"; 30.9.: "Falscher Stolz führt zu Fehlern". Eine kurze mundane Prognose rundete die Artikel ab. Gleiches wurde Anfang Oktober veröffentlicht.

R101 Absturz

Das Wrack der R101

Im September 1930 sagte Naylor voraus, im Oktober sei "ein Britisches Flugzeug in Gefahr". Als am 5. Oktober tatsächlich der Zeppelin R101 über Frankreich dramatisch abstürzte und ausbrannte (mit ca. fünfzig Toten), gratulierte Gordon vom Express Naylor zu dessen gelungener Prognose, und stellte ihm daraufhin eine wöchentliche Kolumne zur Verfügung. Ab der darauffolgenden Woche erschien nun erstmals ein Wochenhoroskop unter dem Titel "Was die Sterne für diese Woche vorhersagen". Eingeleitet wurde der Artikel so:

"Der Sunday Express hat so viele Leserbriefe betreffend die letzten herausragenden Vorhersagen von R.H. Naylor erhalten... [Künftig] wird er die astrologischen Anzeichen deuten, die voraussichtlich das nationale und das Weltgeschehen jeder Woche beeinflussen." Bald folgten weitere Tageszeitungen, und der Siegeszug des Zeitungshoroskops rund um die Welt war nicht mehr aufzuhalten.[3]

Der Engländer William Tucker verkaufte 1936 über eine Kombination von Textbausteinen in einem Sonderangebot der Zeitung Sunday Dispatch wöchentlich tausende von Billighoroskopen.[4]
Alan Leo hatte in seiner Astrologie-Zeitschrift schon Ende des 19. Jahrhunderts - neben einem kostenlosen Standardhoroskop auf Basis der Sonnenzeichenastrologie - gegen Bezahlung eine umfangreichere und detailliertere Horoskop-Berechnung angeboten, die ein regelrechter Verkaufsschlager wurde. Er war damit - schon vor Tucker und Naylor, und lange vor den heutigen Computerzeiten - der erste, der mit einer Kombination von Textbausteinen Horoskope produzierte.

Einordnung und Beurteilung

Typisches Tageshoroskop

Die Zeitungsastrologie entstand aus dem Bedürfnis nach Zukunftsprophezeiung und Unterhaltung. Dabei werden sehr allgemein gehaltene Prognosen und Verhaltenstipps pauschal für alle Angehörigen eines Sonnen- oder Sternzeichens gegeben. Die Astrologie wird so auf den Stand der Sonne im Tierkreiszeichen reduziert - eine Verflachung, wohinter der Gedanke steht, dass jeder Mensch sein Sonnenzeichen kennt, nicht aber beispielsweise seinen Aszendenten. Aufgrund des allgemeinen Charakters der Zeitungshoroskope sind deren Voraussagen jedoch oft unzutreffend, da individuelle astrologische Einflüsse die für das Sonnenzeichen gegebene Beschreibung überstrahlen. An Tagen, an denen keine individuell stark wirksamen Konstellationen auftreten, trifft das Zeitungshoroskop mit größerer Wahrscheinlichkeit zu, vorausgesetzt, es ist von einem guten Astrologen verfasst.

Es gibt immer noch viele Menschen, die Astrologie mit Zeitungshoroskopen gleichsetzen. Sich mit Astrologie zu befassen heißt für sie nichts anderes, als an die Boulevardvariante zu glauben. Auch Astrologiegegner beziehen sich in Unkenntnis oft darauf. Mit einem wirklichen Geburtshoroskop, welches die Basis jeder seriösen astrologischen Betätigung ist, haben Zeitungshoroskope jedoch nichts zu tun.

Practika Europen, 1529[5]

Weitere Formen

Als Reaktion auf das wachsende Interesse an seriöser Astrologie gibt es inzwischen auch sogenannte Mondhoroskope, oder die Tierkreiszeichen werden in Drittel aufgeteilt (Dekaden), um die Adressaten einer Prognose etwas mehr zu spezifizieren (statt nur zwölf Charaktere gibt es dann immerhin 36 zur Auswahl). Darüber hinaus bieten viele Zeitschriften Jahresprognosen auf derselben allgemeinen Basis an. Diese können so umfangreich sein, dass sie bisweilen sogar als Sonderheft erscheinen. Die grundlegende Problematik - der fehlende Bezug zum Geburtshoroskop - wird dabei aber nicht aufgehoben.

Vorläufer dieser jährlichen Almanache sind die spätmittelalterlichen Kalender und Praktiken, welche - für die überwiegend bäuerliche Bevölkerung - auch viele Wetterprognosen enthielten.[6]

Eine Variante des Zeitungshoroskops für jedermann sind Prognosen für Prominente, welche im Gegensatz zu den allgemeinen Vorhersagen und Tipps gern ganz konkrete Ereignisse angeben (wie Hochzeit, Schwangerschaft, Trennung, Erfolg/ Misserfolg). Die Trefferquote ist meist gering, vor allem, wenn die Geburtszeit des Prominenten unbekannt ist, oder wenn aus dem Bedürfnis, den Sensationshunger der Massen zu befriedigen, aus astrologischen "Mücken" ein Elefant gemacht wird. Seriös erstellte Prognosen für Prominente können durchaus richtig liegen, sind dann jedoch in der Regel weniger sensationsheischend formuliert.

Kaffeetasse, Zuckerwürfel und Horoskop[7]

Siehe auch

Weblinks

Literatur

Quellen und Anmerkungen

  1. "Der Zeitungsleser" (Carl Zewy, um 1929). Wikimedia Commons
  2. Howe, Ellic: Uranias Kinder: Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich. Beltz-Athenäum, Weinheim 1995, S. 97f., S. 101
  3. Entstehungsgeschichte aus: Wikipedia (englisch): R.H. Naylor
  4. Howe, S. 100
  5. Mit einem toten Gekrönten im Vordergrund; von Paracelsus
  6. Noch Johannes Kepler verfasste als Grazer Astronom regelmäßig solche "Kalender"
  7. Foto von Petra Dörfert