Naibodschlüssel
Als "Naibodschlüssel" bezeichnet man die Methode, den Sonnenbogen, also die Strecke, die die Sonne täglich zurücklegt, mit einem Mittelwert zu berechnen. Diesem Schlüssel liegt folgender Wert für die Tagesstrecke der Sonne zugrunde: 0°59´8,33". Dieser Schlüssel wurde von Valentin Naibod bereits 1560 in seinem Werk Enarratio elementorvm astrologiae veröffentlicht. Die nach diesem Schlüssel errechnete Direktion ist die mittlere Sonnenbogendirektion, da sie die Exzentrizität der Erdbahn um die Sonne nicht berücksichtigt.
In der Fachliteratur wird deshalb häufig angenommen, dass der Naibodbogen nur der Mittelwert der ekliptikalen Sonnenbewegung sei und damit nur einen ideellen Normwert für die Direktion mit dem Naibodschlüssel darstelle. Das ist jedoch nur bezogen auf die ekliptikale Sonnenbewegung richtig, denn der Naibodbogen leitet sich anders ab. Da jedoch die mittlere Bewegung der Sonne dem Naibodbogenwert entspricht, ist dieser Irrtum in gewisser Weise verständlich. Kündig:"Die tägliche Bewegung dieser mittleren Sonne beträgt 0°59´08,33. Der Naibodschlüssel wird jedoch noch anders definiert. Der tägliche Sternzeitfortschritt beträgt nämlich 3 m 56,555 s, was, in Bogen ausgedrückt, wiederum 0°59°08,33 ergibt. Folglich heißt die Formel für diesen Schlüssel auch: mittlere tägliche Sonnenbewegung = 1 Jahr oder, auf die Sternzeit bezogen: täglicher Sternzeitfortschritt = 1 Jahr." [1]
Mit anderen Worten, der Naibodschlüssel, der für die Primärdirektion verwendet wird, ist kein irrealer oder ideeller symbolischer Mittelwert, wie häufig behauptet, sondern leitet sich direkt aus der Rotationsbewegung der Erde ab, die sich bis auf vernachlässigende Minimalwerte immer gleichförmig bewegt, bzw. rotiert.
Viele Autoren meinten, diese Tatsache nicht berücksichtigend, man müsse den wahren Sonnenbogen für die Primärdirektion benutzen, da ja die Sonne seit der kopernikanischen Wende im Mittelpunkt der Welt stehe und nicht mehr die Erde. Da sich jedoch die Sonne, nicht wie die Rotation der Erde, immer gleichförmig bewegt, sondern an jedem Tag ungleich dem anderen, wurden zahlreiche Direktionsschlüssel abgeleitet, die allesamt darauf beruhen, das ungleichförmige Fortschreiten der Sonne bezüglich des Direktionsschlüssels zu berücksichtigen. Tatsächlich ist es natürlich die Erde, die jährlich um die Sonne auf einer elliptischen Bahn kreist.
Während Naibod noch die Korrektur von 1° in RA des Ptolemäus vornahm, und den Direktionsschlüssel für die Primärdirektion präzisierte, wollte Johannes Kepler bereits das tägliche ungleichförmige Fortschreiten der Erde, nicht um sich selbst als Rotation um die eigene Achse, sondern um die Sonne berücksichtigt wissen. Placidus de Titis entwickelte einen ähnlichen auf der Sonnenbewegung (jährliche Erdbewegung um die Sonne) beruhenden Individualschlüssel. Erich Carl Kühr, der Pionier des Primärdirektionsverfahrens in Deutschland, dagegen bemühte sich darum, erneut zu belegen und zu veranschaulichen, dass der Naibodschlüssel ein real-astronomischer Wert ist, der ganz natürlich dem Prinzip der Primärdirektion entspricht und durch keinen Individualschlüssel zu ersetzen und an jedem Tag im Jahr gültig sei.[2]