Ägyptische Astrologie
Das Alte Ägypten gilt mit gutem Grund als eine der bedeutendsten Hochkulturen. Dies bezieht sich nicht nur auf äußere Hinterlassenschaften wie die Pyramiden[2] und Tempel, sondern auch auf das spirituelle Wissen. Dabei war die Sterndeutung wichtig; die altägyptische Astrologie basierte allerdings auf einem anderen System als die heutige abendländische. Es gab etwa keinen Tierkreis als Grundlage für die Deutung. Überhaupt war die ägyptische Astrologie weniger empirisch (beobachtungsbezogen) und mathematisiert als die sumerische. Der Mythos spielte eine große Rolle - beispielsweise die den Himmel überspannende Göttin Nut oder die die Nacht durchschiffende Barke des Sonnengottes Re.
Die stark hierarchische Gesellschaft beschränkte die astrologischen Deutungen auf die politische und religiöse Führung des Landes. Als Vermittler der Götter sowie als Repräsentanten des Staates schlechthin war es nur den Pharaonen und deren Familien vorbehalten, an diesem Wissen teilzuhaben. Die meisten Prognosen und Orakel befassten sich ohnehin mit gesellschaftlichen Ereignissen.
Astrologie
Im Alten Ägypten wurden die Einflüsse der Gestirne wie überall zunächst nicht auf einzelne Personen bezogen. Dort entstand gegen Ende des dritten Jahrhundert v.Chr. als Vorform der Astrologie mit den Dekansternen bzw. den 36 Dekan-Göttern und ihren Bewegungen wie Auf- und Untergängen am Horizont eine umfangreiche Bewertung günstiger und ungünstiger Tage. Die Dekane wurden zudem zur nächtlichen Zeitmessung herangezogen und beeinflussten den exakten Zeitpunkt von Kulthandlungen und die Wahl von Bauplätzen für Tempel. Später wurden davon z. B. Witterungsprognosen und Geburts-Prophezeiungen abgeleitet.[3] Ein Dekan erstreckte sich über einen Bogen von 10°, so dass mit den 36 Dekanen der gesamte Himmel unterteilt gewesen war. Die 36 Dekane wurden wohl während des dritten Jahrhundert v.Chr. im Ptolemäischen Ägypten mit dem ebenfalls 360° umfassenden, babylonischen Tierkreis kombiniert. Daraus entstand vermutlich zunächst die Lehre vom bei Geburt am Ost-Horizont aufsteigenden 'Tierkreis-Dekan', bald darauf vom aufsteigenden Tierkreis-Grad, dem Horoskop-Aszendenten.[4]
Kalender
Der ägyptischen Weltanschauung lag ein zyklisches Denken zugrunde. Das innere und äußere Leben des Volkes orientierte sich an immer wiederkehrenden Perioden. Deren wichtigste war der scheinbare Lauf der Sonne um die Erde. Das ägyptische Jahr bestand aus 360 Tagen, die in drei Jahreszeiten unterteilt waren. Neujahr wurde gefeiert, wenn die Nilfluten über ihr Ufer traten. Das war nach dem ältesten Kalender am 19. Juli der Fall. Dies fiel mit dem Aufgang des Sirius' zusammen, dem hellsten Fixstern der nördlichen Hemisphäre, der für die Ägypter eine besondere Bedeutung hatte. Damit begann die erste Jahreszeit, die Periode der Flut, welche bis zum 18. November dauerte. Darauf folgte bis zum 18. März die Periode der Vegetation und schließlich die Zeit der Ernte, bis zum Ende des ägyptischen Jahres. Das Jahr wurde außerdem in zwölf Monate mit je dreißig sowie in 36 Dekane mit je zehn Tagen unterteilt.
| Jahreszeit | Monat |
|---|---|
| Ache (Überschwemmungszeit) | Thot |
| Phaophi | |
| Athyr | |
| Choiak | |
| Prôje (Winter) | Tybi |
| Mechir | |
| Phamenoth | |
| Pharmuthi | |
| Schômû (Sommer) | Pachon |
| Payni | |
| Epiphi | |
| Mesori |
Über die Dekane (Zehn-Tages-Abschnitte) herrschten 36 Dekangottheiten, die als Personifizierung von Zeit und Raum galten. Den ägyptischen Astronomen war bekannt, dass der Sonnenumlauf im Jahr fünf Tage länger dauert. Um die Differenz auszugleichen, führten sie fünf Schalttage ein, die sie nach den wichtigen Gottheiten Horus, Isis, Osiris, Nephthys und Seth benannten. Im Laufe der Zeit erkannten sie schließlich an dem sich verändernden Aufgang des Sirius, dass diese fünf Tage nicht ausreichten - was jedoch keinerlei praktischen Konsequenzen hatte. Sie hielten bis zur Römerzeit an ihrer Zeiteinteilung fest.
Ihr kleinster Zyklus war der Tag, die Drehung der Erde um ihre Achse. Es gab eine Tag- und eine Nachtepoche von jeweils zwölf Stunden[6], welche - wie die Dekane - jeweils einer bestimmten Gottheit zugeordnet waren. Die Gottheiten der Dekane sowie der Tag- und Nachtperioden waren mit bestimmten Themen oder Energien verbunden. Diese Zuordnung war die Grundlage aller divinatorischen Aussagen; es war die Aufgabe der Sternkundigen, die aktuell herrschenden Kräfte zu erkennen. Gestützt auf ihre Erfahrung konnten die Priester sagen, welches Unternehmen zu welcher Zeit begünstigt war oder wo Schwierigkeiten zu erwarten waren. Die periodischen Zeitunterteilungen ergaben auch eine individuelle Ausprägung der Astrologie, wie sie in vielen Frühkulturen nicht bestand. Durch den (zwei-)stündlichen Wechsel der 24 bzw. zwölf Tagesherrscher, die sozusagen mit dem Aszendenten verglichen werden können, sowie dem zehntägigen Wechsel der Dekanherrscher, vergleichbar mit den Dekanen der heutigen Sonnenzeichen, waren selbst innerhalb kurzer Zeitabstände zahlreiche Kombinationen möglich.
Ordnung des Himmels (Mythologie)
Nicht nur der Zyklus und die Zeitqualität prägten die altägyptische Astrologie. Auch der Himmel selbst galt als Spiegelbild der Erde. Die Ägypter besaßen einen Polytheismus und sahen in allen Himmelserscheinungen ihre Gottheiten. Nut, die Himmelsgöttin, bildete das Firmament, auf dem Re, der Sonnengott, seine ewige Bahn zog. Schu, der Gott des Raumes und der Atmosphäre, sowie seine Zwillingsschwester Tefnut, die Göttin der Feuchtigkeit, verbanden das Himmelsgewölbe mit der Erde, die wiederum von dem Gott Geb beherrscht wurde, dem männlichen Gegenpol zu Nut. Geb und Nut entstammten aus der Verbindung von Schu und Tefnut.
Der Lauf der Sonne sowie der anderen Gestirne über das Firmament wurde von den ägyptischen Astronomen genau beobachtet. Dabei spielten nicht nur die Planeten und die Sterne der Ekliptik eine Rolle, sondern auch andere auffällige Fixsterne. Da in allen Gestirnen die Götter gesehen wurden, galt das Schauspiel am Himmel als der äußere Ausdruck des göttliche Waltens. Der Lauf der Sterne schuf auch die Verbindung zum Jahres-Zyklus und zur aktuellen Zeitqualität. Die Ägypter glaubten, dass die Himmelsgötter auf den Stationen ihrer ewigen Bahnen ihre Energien verteilten, welche jeden Teil des Firmaments prägten. Der eigentliche, moderne Tierkreis entstand allerdings erst durch babylonischen Einfluss. Unter den Gestirnen nahm die Sonne die zentrale Stellung ein. Mehr als in anderen Kulturen dominierte sie die Astrologie sowie die gesamte Weltanschauung. Der Pharao als oberster Herrscher galt als direkter Abkomme des Sonnengottes. Darüber hinaus waren die Ägypter vermutlich das erste Volk, das einen reinen Sonnenkalender benutzte.
Siehe auch
Weblinks
- Wikipedia: Kategorie Astronomie im Alten Ägypten
- Wikipedia: Nut (Ägyptische Mythologie)
- Mein-Altägypten (kommerzielle Seite)
- Time, the Egyptians and the Calendar (Deborah Houlding 1996, 2003; englisch)
- The Role of Egypt in the Development of the Horoscope (Dorian Greenbaum/ Micah Ross, Prague 2010) PDF
Quellen und Anmerkungen
- ↑ In der Mitte der Sonnengott Ra, der ein Henkelkreuz trägt. Das Ankh (auch Anch) bedeutet Leben und stellte ursprünglich wohl eine Sandalenrieme dar. Auf Grab- und Tempelwänden sieht man Götter, die dem Pharao ein Ankh an den Mund halten und ihm so ewiges Leben sichern.
- ↑ Das einzige noch existierende antike "Weltwunder"
- ↑ Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Wissenschaftsverlag Harri Deutsch, Frankfurt/M 2010. S. 211f.
- ↑ Stephan Heilen: 'Hadriani genitura' – Die astrologischen Fragmente des Antigonos von Nikaia. Walter de Gruyter, Berlin 2015. S. 237
- ↑ Siehe auch Die Nachtfahrt des Sonnengottes (mein-altaegypten.de)
- ↑ Unter babylonischem Einfluss (im Jahr 525 v. Chr. war das Land von den Persern erobert worden) wurden daraus zwölf Doppelstunden
- ↑ Ramses III.:* um 1221 v. Chr.; † 7. April 1156 v. Chr. Siehe Wikipedia: Ramses_III.