Michel Gauquelin

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Michel Gauquelin

Die statistische Erfassung der Astrologie ist eng verbunden mit dem Namen des Franzosen Michel Gauquelin (geboren am 13.11.1928 um 22.15 Uhr in Paris)[1], und seiner ersten Frau Françoise Schneider-Gauquelin.[2]
Die beiden heirateten 1954 und lebten 31 Jahre zusammen. In diese Zeit fiel auch ihre fruchtbarste Schaffensperiode.
Gauquelin starb in Paris durch Suizid am 20.5.1991.

Gauquelins Geburtshoroskop

Biographie

Michel Gauquelin war Statistiker, Psychologe, in jungen Jahren professioneller Radfahrer und Tennisspieler, und schon als Kind von der Astrologie begeistert (sein Spitzname an der Schule: "Nostradamus"). Mit diesen Voraussetzungen interessierte er sich später brennend für die Frage, ob astrologische Erkenntnisse statistisch erfassbar seien. Von der Astrologie verstand er dabei genug, um zu wissen, dass das Sonnenzeichen alleine nicht ausreicht, um derlei Forschungen ernsthaft zu betreiben.

Astrologie

Die Gauquelins sammelten riesige Datenmengen, besorgten sich bei Standesämtern die Geburtszeiten von zigtausend Persönlichkeiten, die es in ihrem jeweiligen Beruf zu einem besonderen Erfolg gebracht hatten (Sportler, Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler etc.), um sie statistisch auf astrologische Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen. Dabei kamen zwar signifikante (bedeutsame) Ergebnisse heraus; bekannt wurde insbesondere ihr "Mars-Effekt".[3].
Insgesamt waren seine Überprüfungen jedoch überwiegend negativ bzw. ernüchternd, desillusionierend. 1991, nach 45 Jahren Forschungsarbeit, konstatierte er: "Die Horoskopelemente scheinen keinerlei der ihnen (traditionell) zugeschriebenen Einflüsse zu haben."[4]

Michel Gauquelin erhielt 1989 auf der United Astrology Conference für seine Verdienste den Marc Edmund Jones Award.

Mars-Effekt

Der Mars-Effekt mit den typischen Spitzen vor den Achsen.

1955 entdeckte er den sog. Mars-Effekt: eine Korrelation der Mars-Hausposition vor dem AC und vor dem MC mit dem beruflichen Erfolg bei Spitzensportlern. Ähnlich zeigte sich ein "Saturn-Effekt" bei besonders guten Ärzten, sowie bei berühmten Wissenschaftlern[5], und ein "Jupiter-Effekt" bei Schauspielern. Daneben wurden auch noch herausragende Militärs, Politiker, Schriftsteller, Maler, Musiker und Wirtschaftsmanager untersucht - was die mittelalterliche Planetenkinder-Typologie teilweise bestätigte.

Dieser statistische "Beweis" der Planetenwirkung zeigt jedoch aus astrologischer Sicht mehrere Schönheitsfehler (Einwände):

  1. Es wurden Signifikanzen nur für die Planeten Mond, Mars, Jupiter und Saturn gefunden, nicht jedoch für die Sonne (damit auch nicht für die Sonnenzeichen![6]), und auch nicht für Merkur, Venus, Uranus, Neptun und Pluto.
  2. Die gefundenen Effekte waren zwar statistisch "signifikant", in absoluten Zahlen eigentlich aber nur schwach (sichtbar lediglich bei den gegebenen großen Datenmengen); sie sind von daher für den astrologischen Praktiker/ Berater kaum zu gebrauchen.[7]
  3. Die relevanten Gauquelin-Sektoren (nach den Achsen, in den sog. kadenten, fallenden Häusern) entsprechen nicht den traditionell als wichtig angesehenen Eckfeldern (erstes und zehntes Haus) - und führen deshalb bei ihrer Berücksichtigung konsequenterweise zu einer "neuen" (Neo-)Astrologie:
Die Gauquelin-Sektoren[8]

Neo-Astrologie

Gauquelin forderte zum Schluss seines Lebens eine "Neo-Astrologie", d.h. eine Reform der Astrologie nach dem quantitativ-statistischen Ansatz: Astrologen sollten sich in ihren Aussagen auf die statistisch bewiesenen Zusammenhänge beschränken[9].

Dazu Peter Niehenke: :"An die Stelle einer universalen, in Symbolen vermittelten 'Theorie' über den Zusammenhang zwischen Kosmos und Mensch, tritt [hier] die Überprüfung von Einzelhypothesen über Korrelationen zwischen klar definierten astronomischen Einzelfakten und ebenso klar definierten isolierten Merkmalen einer Person, also Statistik. Und es werden ausschließlich solche Regeln für die Deutung des Horoskops akzeptiert, die einer statistischen Überprüfung standgehalten haben bzw. die auf diese Weise erst entwickelt wurden"[10] - was natürlich auf eine drastische Reduktion der klassischen astrologischen Symbolik hinauslaufen würde. Niehenke weiter: "Wir finden [in Gauquelins Schriften] auch keine Erörterungen über die Angemessenheit der Operationalisierungen der Bedeutung der astrologischen Symbole. Dieses Problem ergibt sich für ihn gar nicht, da er zu den Entsprechungen auf rein empirischem Wege gelangt. Dem quantitativ-statistischen Ansatz zufolge kommt er dann [zwangsläufig] dazu, die Bedeutung der Symbole als eine Sammlung von Entsprechungen aufzufassen, die er in Bezug auf die psychologische Aussage-Dimension zu Listen von 'key-words' zusammenfasst."[11]

Gauquelins sog. CTH (character trait hypothesis), d.h. ein Zusammenhang zwischen der Planeten-Stellung und dem - mit Merkmalslisten aus Kurzbiographien erfassten - Charakter eines Menschen, ließ sich von ihm und anderen nicht bestätigen. Ein Misserfolg war ebenso die Überprüfung seiner "Eminenz"-Hypothese : je berühmter jemand in seinem Beruf sei, desto häufiger befänden sich die berufsspezifischen Planeten in den Gauquelin-Sektoren; s. Arno Müller.

Gauquelins Ergebnisse in Ertel, 2011.

Streit in der Wissenschaft

Gauquelin lag viel an der Anerkennung seiner Arbeit durch die etablierte Wissenschaft. Diese blieb ihm jedoch zeitlebens versagt. Er wurde im Gegenteil für seine Arbeit häufig verspottet, war Anfeindungen und Polemik ausgesetzt. Auch die Astrologen sträubten sich natürlich gegen das von ihm geforderte radikale Umdenken - so dass er quasi zwischen allen Stühlen saß. Schon seine Publikationen in den 1950ern hatten eine lebhafte Debatte hervorgerufen. Seine Ergebnisse waren von unabhängiger, offizieller Seite in verschiedenen Ländern zumeist repliziert (bestätigt) worden (z.B. von Ertel, 1988), und auch die professionellen Skeptiker[12] schafften es trotz hohen Aufwands in über fünfzig Jahren nicht, ihn zu widerlegen (weshalb man es vorzog, ihn zu ignorieren).
Zwar waren die gemessenen Effekte bei den meisten Nachprüfungen schwächer[13], eine gewisse Voreingenommenheit seinerseits ist unstrittig und wurde auch von ihm selbst bemerkt bzw. zugegeben. Leider vernichtete er kurz vor seinem Tod wichtige Ausgangsdaten seiner Untersuchungen; ein vorsätzlicher Betrug oder eine Datenmanipulation durch ihn ist nach Ertel, 2011 jedoch auszuschließen.

Dieter Koch resümiert (2003) nach einer eingehenden Analyse: "Die Kontroverse um Gauquelins Marseffekt ist also ... nicht beendet, und eine endgültige Beurteilung der Sache bleibt abzuwarten."[14]

Werke

  • Die Uhren des Kosmos gehen anders. Neue Erkenntnisse über die Energien des Kosmos und seiner uns bisher zumeist verborgenen Kräfte, die psychische und seelische Phänomene in einem neuen Licht erscheinen lassen. 1. Auflage, 1973. Scherz, München 220 (aktuellste Auflage 1984) ISBN 3502132844*Die Wahrheit der Astrologie. J. Kamphausen Verlag 1987 ISBN 3591082430
  • ABC der Charakterkunde. Eine lebensnahe Einführung in praktische Psychologie und Charakterkunde. Gondrom Verlag Bindlach 1987 ISBN 3811205269
  • Kosmische Einflüsse auf menschliches Verhalten. Hermann Bauer Verlag, Freiburg 1983 ISBN 3762606064
  • Planetare Einflüsse auf Persönlichkeit und Lebensweg. Hermann Bauer Verlag, Freiburg 1986 ISBN 3762606307
  • Wetterfühlig. Einfluss des Klimas auf die Gesundheit. Mueller Rueschlikon Verlag 1973, 1992 ISBN 3275005170
  • Was für ein Mensch ist das? Psychologie und Charakterkunde. Mueller Rueschlikon Verlag 1992 ISBN 3275006096
  • Macht uns das Wetter krank? Der Einfluss von Klima und Kosmos auf die Gesundheit. Goldmann Wilhelm GmbH 1975, 1984 ISBN 3442111226

Englisch

  • (Zusammen mit Francoise Schneider-Gauquelin): The Gauquelin Book of American Charts. 518 Charts with Character Trait Descriptions, 893 Birth Data/ Planet Position Listings for other individuals. 1st Edition, 1982. ACS Publications, Inc., San Diego. Paperback. Circa 380 S.. ISBN 0917086333
  • Astrology and Science. Translated by James Hughes. 1st edition, 1972. Mayflower Books Ltd., London. Paperback. 238 Pages. ISBN 432055657
  • Neo-astrology, a Copernican revolution. 1991. Arkana. Paperback. 193 Pages. ISBN 0140193189
  • The Cosmic Clocks. From Astrology to a Modern Science. 1973. Paladin, Frogmore, St. Albans. Paperback. 222 Pages
  • Is There Really a Mars Effect?, Above & Below: Journal of Astrological Studies, Issue 11, Fall 1988, pp. 4-7. PDF online
Zusammen mit seiner Frau und Hans Jürgen Eysenck‎:
Gauquelin, M.; Gauquelin, F. and Eysenck, S.B.G. (1979): Personality and position of the planets at birth: An empirical study, British Journal of Social and Clinical Psychology, Vol:18: pp.71–75.
Gauquelin, M.; Gauquelin, F. and Eysenck, S.B.G. (1981): Eysenck's personality analysis and position of the planets at birth: A replication on American subjects., Personality and Individual Differences, Vol 2(4) pp.346-350.

Siehe auch

Weblinks

Weiterführende Literatur

Gauquelin in jüngeren Jahren.

Quellen und Anmerkungen

  1. Hans Taeger: Internationales Horoskope-Lexikon. Freiburg 1992; Rodden Rating AA.
  2. Ihre Vorgänger im Bereich der Astrologie-Statistik waren Paul Choisnard und Karl Ernst Krafft.
  3. Englischsprachiges Wikipedia
  4. "Having collected half a million dates of birth from the most diverse people, I have been able to observe that the majority of the elements in a horoscope seem not to possess any of the influences which have been attributed to them." (Neo-Astrology S.20).
  5. Arno Müller & Suitbert Ertel: 1083 Members of the French Académy de Médicine. Astroforschungsdaten (Bd. 5), Waldmohr 1994
  6. Dies war u.a. der Auslöser für Niehenkes 1987er Arbeit
  7. Geoffrey Dean: "Significance levels tell us little about how big an effect is. As N increases, even the most trivial effect will eventually reach astonishing significance. Gauquelin's hit rate of around 52% is of no practical use. ... Planetary effects have tiny effect sizes, and it does not need much of an artifact to produce a tiny effect size." Siehe The Gauquelin work - part 2. Opinions, artifacts, puzzles. (2000)
  8. Kurz nach dem Aufgang von Planeten und kurz nach ihrer Kulmination, d.h. im 9. und 12. Haus.
  9. Dies wurde u.a. von Theodor Landscheidt aufgegriffen.
  10. Niehenke 1987, S. 93
  11. Niehenke 1987, S. 96
  12. Die in ihren Nachuntersuchungen anscheinend auch betrogen (und die astrologischen Prämissen eh nicht akzeptierten.
  13. Bei einer Neu-Berechnung etwa seiner - ursprünglich handschriftlichen - Daten mit einem Computer ergab sich eine Absenkung des Signifikanz-Niveaus: er hatte sich also häufiger zugunsten der astrologischen Hypothese als zu ihren Ungunsten verrechnet. s. Niehenke 1987, S. 131
  14. In seinem Buch Kritik der astrologischen Vernunft (S. 110).
  15. Download möglich von Astrozero (unten auf der Seite)