Gradastrologie

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Tycho Brahe in seinem Mauerquadranten auf der Insel Hven, mit dem er die (astronomischen) Positionen von Himmelskörpern gradgenau ablesen konnte.

In der Gradastrologie wird versucht, den Tierkreis in seine kleinsten möglichen Sinneinheiten zu unterteilen, die einzelnen Tierkreisgrade. Dieser Zweig der Astrologie geht davon aus, dass für jeden einzelnen Grad eine ganz bestimmte Bedeutung existiert, analog zur Zwölferteilung des Tierkreises, bzw. der Verfeinerung oder Aufteilung in 36 Segmente durch die Dekanate.
Die Deutung einzelner Tierkreisgrade wurde bis zum Mittelalter auch Monomörien ("Einzelschicksale") genannt. Diese Bezeichnung wird bis heute vor allem auf die klassischen Überlieferungen angewandt.

Teilweise versuchte man, in die Abfolge der gefundenen Bedeutungen ein System zu bringen, wie es Dane Rudhyar bei den sabischen Symbolen von Marc Edmund Jones tat; oftmals stehen sie aber auch einfach nur in ihrer Reihenfolge ohne weitere Ordnung und Gewichtung hintereinander aufgelistet (z.B. bei Charubel und Sepharial).

Gewinnung der Symbole

Die Deutung für die einzelnen Grade wurde und wird auf unterschiedliche Arten gewonnen, wobei drei große Richtungen erkennbar sind:

  1. Zum einen kann die Tierkreisgrad-Deutung vor allem einfach der überlieferten, traditionellen Deutung aus Antike und Mittelalter folgen; siehe die Monomörien.
  2. Seit dem 19. Jahrhundert entstanden Deutungen durch reine Intuition oder Imagination, bis hin zu medialen Eingebungen oder Übermittelungen[1]. Diese Form der Zuordnung betrifft die sabischen Symbole, aber auch die symbolischen Tierkreisgrade nach Charubel und Sepharial.
  3. Weiterhin entstanden besonders im Laufe des Zwanzigsten Jahrhunderts Deutungen für alle Grade entlang der kabbalistischen Tradition, sowie durch "Empirie/ Erfahrung", oder nur für bestimmte Grade des Tierkreises - wie bei Michael Roscher und Wolfgang Döbereiner - aufgrund anderweitiger Erkenntniswege[2]. Roscher z.B. versuchte auf astronomisch-astrologischer und auch mathematischer Grundlage die Bedeutungen der einzelnen Grade herzuleiten.

Die gradastrologischen Deutungen sollen die Aussagen des Horoskops ergänzen und eine feinere Austarierung ermöglichen. Besonders gerne werden die Formulierungen auf Sonne und Aszendent bezogen, teilweise noch auf die Schnellläufer. Ob die Aussagen auch für die Langsamläufer Gültigkeit besitzen, wurde noch nicht eingehend erforscht.

Problematik:
Es gibt viele unterschiedliche Systeme, die nebeneinander existieren, jedes verwendet andere Formulierungen und Beschreibungen, und es ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, ob sie auf einer gemeinsamen Grundlage erstellt wurden, also im Endeffekt nur verschiedene Facetten ein- und derselben Grundaussage darstellen. Die bestehende Widersprüchlichkeit kann aus der tatsächlich fehlenden Aussage der einzelnen Tierkreisgrade resultieren, oder aber nur ein Phänomen vergleichbar dem Gleichnis der blinden Männer und des Elefanten, d.h. der divergierenden Herangehensweisen sein. [3]

Gradastrologische Systeme

Beispiele

Autor Grad Kurzbeschreibung Erläuterung
Charubel 0-1° Jungfrau Ein Wolf, der ein Lamm fortträgt Deutet auf Betrug, Gerissenheit, Habsucht und Grausamkeit hin. Dieser Grad könnte den Betreffenden leicht zu einem Verbrecher machen, es sei denn, vieles würde dem entgegenwirken.
Sepharial 0-1° Jungfrau Ein Fest oder ein besonderer Anlass für Dorfbewohner, sich in Gala-Kleidung zu versammeln Bezeichnet einen geselligen, freundlichen und flexiblen Menschen, der in der Lage ist, sich seiner Umgebung anzupassen. Er findet großen Gefallen an Vergnügungen aller Art, an Pracht und Luxus, festlichen Veranstaltungen etc. Dieser Grad verheißt Freundschaft und Glück, und der Betreffende wird seiner Geselligkeit und Heiterkeit wegen sehr geschätzt. Dieser Grad steht für feiern und genießen.
Rudhyar
(Symbol wie Jones)
0-1° Jungfrau In einem Portrait sind die wichtigsten Züge eines männlichen Kopfes künstlerisch hervorgehoben Schlüssel: Die Fähigkeit, sich selbst deutlich die hervorstechenden Züge und die Geamtbedeutung jeglicher Lebenssituation bildhaft vorzustellen.
Das Persönlichkeit gewordene Bewusstsein, voll von Energie, die es freigesetzt und derer es sich erfreut hat, muss nun die Lektion der bedeutsamen Form lernen. Es muss fähig werden, Lebenssituationen als Erfahrungseinheiten in iherer Ganzheit zu sehen und ihre Bedeutung zu entdecken durch Unterscheidung ihrer charakteristischsten Züge.
Dies ist die erste Stufe der einunddreißigsten Fünfer-Sequenz von Symbolen, und ihr Schlüsselbegriff lautet Unterscheidung. Das heißt Unterscheidung im Sinne von Analyse wie auch Intuition.
Angelus 0-1° Jungfrau Eine Frau steigt auf, die nach einem Mann Ausschau hält Es wird ein sehr guter Liebhaber oder eine Liebhaberin sein.
Schmatzberger
(Symbol wie Angelus)
0-1° Jungfrau Eine Frau steigt auf, die nach einem Mann Ausschau hält Ein Mensch mit Sinn für Genauigkeit, Ordnungsliebe und Pflichtgefühl. Sparsam und überpünktlich, den Blick aufs Detail gerichtet, sammelt er verschiedene Sachen, wenn sie nur klein genug sind, ist gerne als Buchhalter, Bankangestellter oder Schulleiter tätig.
Roscher 29° Löwe bis 1° Jungfrau Sonne/ Merkur Muss über seine Empfindungen reden; "Gefühlezeiger"; mnachmal Hinweis auf Koordinationsstörungen aller Art; gesteigerte Tendenz zu Infektionskrankheiten, Cellulite, Ödemen; Gelegentlich Hinweis auf außergewöhnliche Körperbeherrschung bis hin zu artistischen Neigungen, aber auch Handlungslähmung. Oft nah am Wasser gebaut. Will durch Anpassung dominieren. Schwer zufrieden zu stellen. Detailverliebt. Angst vor Kontrollverlust. Fühlt sich unterbewertet. Selbstbestätigung durch Leistung und Unterordnung. Abhängig von Statussymbolen. Gibt zuviel auf die Meinung anderer.
Marby 0-1° Jungfrau Körperlich: meistens zierliche Figur, etwa Mittelgröße, zumeist blondes Haar, bei weiblichen schwierige Geburten, da entsprechend gebaut, im Grunde etwas schwache Nerven.
Wesensart: lebhaft, sehr beweglich, sehr wissbegierig, schlau, pflichtbewusst, fleißig, dazu etwas Hang zur Schwärmerei, mindestens zur Romantik, dabei etwas spekulativ veranlagt.
Schicksals-Möglichkeiten: meistens in guten oder stabilen Verhältnissen großwerdend. In vielen Fällen stirbt der Vater vor der Mutter. Ebenfalls die Möglichkeit einer sog. Mussheirat mit gutem Ausgang, Partner (Pertnerin) sehr strebsam, oft zu sehr. Evtl. Operation in den niederen Regionen. Wenig Kinder, etwas Sorge mit einer Tochtger. Hohes Alter wahrscheinlich.
Prónay 0,5-1,5° Jungfrau Wenn der Aszendent in diesen Grad des Tierkreises fällt, bedeutet das nach der Tradition, dass der Horoskopeigner zu Egoismus neigt, auch kühn und etwas eingebildet ist. Ist in diesem Grad das MC, besagt das nach traditionellem Verständnis, dass sich der Horoskopeigner sich mit hohen Dingen befasst. Er kann auch Karriere machen.
Die okkulte Bedeutung dieses Grades: Täuschung und Habgier sind Eigenschaften, gegen die der Horoskopeigner angehen muss.
Charakteristik: Stichwort: Lehrer. HE taugt zum Lehrer, obwohl er selbst immer mehr ein Lernender sein wird. Seine oft bissige Kritik ist gefürchtet.
Hilble 0-1° Jungfrau Selbsterhaltungsbetreben, Aussteuerungsüberforderung, seelische Verdauungsstörung, medizinische Ausbildung, Krankheitspunkt, vegetative Dystonie
Ebertin 0-1° Jungfrau Zwölffingerdarm
Döbereiner 0-1° Jungfrau Auf diesem Grad kein Gruppenschicksalspunkt

Siehe auch

Weblinks

Literatur

  • Reinhardt Stiehle: Die Deutung der Tierkreisgrade und deren Geschichte, in: Volker Schendel: Apokryphen der Astrologie, Tübingen (2008)
  • Meridian-Schwerpunktthema Die Deutung und Bedeutung einzelner Tierkreisgrade, Heft 6/ 2010
  • Isidore Kozminsky: Tierkreisgrade und die Kraft der Planeten. Deutungen für jeden Grad des Zodiaks, 144 Seiten, Astronova 2013 (original 1917) SBN 978-3-89997-217-7

Quellen und Anmerkungen

  1. Reinhardt Stiehle, Die Ideengeschichte der Deutung der Tierkreisgrade, in: Charubel und Sepharial. Symbolische Tierkreisgrade: Die Deutung der 360 Grade des Horoskops. Chiron Verlag, Tübingen 2004, ISBN 3899971078, S. 9f.
  2. Stiehle 2004, S. 17ff.
  3. Wikipedia: Die blinden Männer und der Elefant
  4. Stiehle, 2004.
  5. Reinhold Ebertin: Anatomische Entsprechungen der Tierkreisgrade. Ebertin-Verlag Freiburg, 4. Auflage 1997 ISBN 3762660123
  6. Marc Edmund Jones: Die sabischen Symbole in der Astrologie. Edition Astrodata Wettswil 1994 ISBN 3907029402
  7. Dane Rudhyar: Astrologischer Tierkreis und Bewusstsein. Eine Interpretation der 360 Tierkreisgrade. Hugendubel Verlag ab 1984 ISBN 978-3880346963
  8. Michael Roscher: Kritische Grade im Horoskop: Schnelldiagnose und Tiefendeutung. Chiron Verlag 2005 ISBN 3899971213
  9. Michael Roscher: Kritische Grade in der Prognose. Chiron Verlag 2006 ISBN 3899971418
  10. Friedrich Bernhard Marby: Sonne und Planeten im Tierkreis: Eine Studie über Wirken und Bedeutung aller 360 Sonnengrade. Spieth-Verlag 1975 ISBN 3880930031
  11. Alexander von Prónay: Die Deutung des Solarhoroskops und aller Grade des Zodiaks. Rohm Verlag 1985 ISBN 3876831679
  12. Johannes Angelus: Astrolabium planum, in tabulis ascendens, Augsburg, 1488, 1494, 1502
  13. Schmatzberger, Herbert: Das aufsteigende Zeichen. Aszendent, Sonne, Himmelsmitte. Buch der Deutungen. Herbert Schmatzberger und März Verlag Berlin 1983 ISBN 3888800390 Nachdruck bei Rowohlt 1986 ISBN 349915675X
  14. Hilble, Johann: Faszination Geburtszeitkorrektur. Books on Demand ISBN 3831104042
  15. Janduz: Les 360 degrés du zodiaque symbolisés par l'image et par la cabbale. Nouveau procédé de rectification de l'heure de la naissance. 477 Seiten. Niclaus, Bussiere Paris 1939; 1977; 1986; 1990 ISBN 978-2850900068