Astrologie im Byzantinischen Reich

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Der Tierkreis in einer byzantinischen Ausgabe der Tetrabiblos[1]

Konstantinopel oder Byzanz, das ehemalige "Ost-Rom", wurde nach seiner Eroberung 1453 das heutige Istanbul. Obwohl am Rande des Kontinents gelegen, war es vom neunten bis zum elften Jahrhundert Europas größte und reichste Stadt. Im Byzantinischen Reich wurden Teile der Kultur und des geistigen Lebens der griechischen Antike weiter tradiert, unter nunmehr christlich-kirchlichen Vorzeichen. Lange vor dem lateinisch-christlichen Westeuropa wurde in ihm auch die Hellenistische Astrologie der Spätantike übernommen; doch offenkundig nicht ganz bruchlos.
Entsprechend stammen die meisten griechisch-sprachigen Astrologie-Handschriften, die im maßgeblichen Catalogus Codicum Astrologorum Graecorum gesammelt und veröffentlicht wurden, aus dem Byzantinischen Reich.[2] Diese Manuskripte wurden bisher erst teilweise ausgewertet und editiert, so dass das Bild der Astrologie in Byzanz noch unvollständig ist. Doch lassen die vorhandenen Arbeiten bzw. Publikationen bereits das Ausmaß und die Bedeutung der dort praktizierten Astrologie erahnen.[3]

Personelle Einflüsse

Am Beginn des byzantinischen Mittelalters steht der Philosoph, Lehrer und Astronom-Astrologe Stephanos von Alexandria. Er wurde im siebten Jahrhundert - anscheinend von Kaiser Herakleios[4] höchstselbst - von Alexandria nach Konstantinopel geholt, in einer Zeit großer kultureller Belebung.[5]

Während ihrer Blütezeit im benachbarten islamisch-arabischen Orient wurde die Arabische Astrologie, inklusive der Hellenistischen oder klassischen Astrologie-Werke, auch im konkurrierenden Byzantinischen Reich intensiv aufgenommen. Vermittler und Anreger des Astronomie-Interesses in Byzanz war im achten Jahrhundert anscheinend Stephanos Philosophos.[6] Der aus dem islamischen Persien nach Konstantinopel übergesiedelte Stephanos sprach u.a. vom hohen wissenschaftlichen Rang der Astrologie. Er meinte allerdings, im Christentum stünde den Sternen natürlich keine göttliche Verehrung zu; ebenso dürfe ihnen keine Willensautonomie unterstellt werden.
Auch die Werke von Theophilos von Edessa, dem Gelehrten und Astrologen am islamischen Kalifenhof Bagdads, welcher gleichfalls die Harmonisierung von Christentum und Astrologie versuchte, wurden ab dem neunten Jahrhundert in Byzanz breit rezipiert. Nicht zu vergessen die Texte von islamischen Gelehrten wie Abu Ma'schar oder Sahl ibn Bishr[7][8] Der kulturelle Austausch zwischen Konstantinopel und dem expandierenden arabisch-islamischen Reich wird auch daran sichtbar, dass Kalif al-Ma'mūn (erste Hälfte neuntes Jahrhundert) Leon der Mathematiker von Konstantinopel nach Bagdad holen wollte, wohl auch wegen dessen astrologischer Gelehrtheit.[9] Im elften und zwölften Jahrhundert bestand zwischen dem ägyptischen Fatimiden-Reich und dem Byzanz der Komnenen-Dynastie ein vielfältiger Transfer auf astrologischer Ebene. So arbeiteten damals offenbar ägyptische Astrologen in Byzanz, wahrscheinlich auch für den dortigen kaiserlichen Hof, und es wurden u.a. die so genannten Großen Hakimitischen Tafeln ('al-Zij al-Kabir al-Hakimi')[10] des Kairoer Astronomen Ibn Yunus verwendet.[11][12]

Geschichte

Phasen der Astrologie

Während der byzantinischen Geschichte schwankte das Interesse an der Astrologie-Astronomie sowie ihre Ausübung erheblich, wie anderorts und in anderen Epochen auch. Etwa Ende des achten Jahrhunderts stieg ihre Beachtung stark an - nach vielen Jahrzehnten militärischer Auseinandersetzungen, zuerst mit dem Sassaniden-Reich, danach mit dem expandierenden arabisch-islamischen Reich. Einen Höhepunkt erreichten Praxis und Lehre während der so genannten Makedonischen Renaissance im neunten und zehnten Jahrhundert. So wurden u.a. zu Kaiser Konstantin VII. (zehntes Jahrhundert) Geburtshoroskope inklusive detaillierter Deutung erstellt.[13]
Im elften und zwölften Jahrhundert fand während der Komnenen-Dynastie erneut ein Aufschwung statt. Sowohl für Alexios I. Komnenos wie für seinen Sohn Manuel I. Komnenos wurden – in sassanidischer Tradition – Horoskope für den Krönungsaugenblick erstellt. Von Manuel I. ist sogar ein Traktat zur Verteidigung einer christlich verankerten Astrologie überliefert.[14][15] Anna Komnena, die Historikerin und Tochter von Alexios I. Komnenos, erläutert in ihrem Geschichtswerk Alexiade (um 1148 geschrieben) ausdrücklich das Neuartige der Geburtshoroskopie in Relation zu den Fähigkeiten der antiken Vorbilder wie Platon oder Eudoxos von Knidos, den sogenannten 'Alten', im Zusammenhang mit einer spektakulär eingetroffenen Vorhersage des ausgehenden elften Jahrhunderts.[16]

Manuel II. Palaiologos: Horoskop für die Proklamation als Mitkaiser (25.9.1373).[17]

Für die byzantinische Palaiologen-Dynastie (13.–15. Jahrhundert) kann eine weitere Blütezeit der Astrologie festgestellt werden, an welcher auch der kaiserliche Hof Konstantinopels beteiligt war. Beispielsweise ist ein Proklamations-Horoskop (1373) überliefert, diesmal von Manuel II. Palaiologos, allerdings nur für sein Amt als Mitkaiser von Johannes V. Palaiologos[18][19] Im späten 14. Jahrhundert wirkten gleich zwei Gelehrte und Astronomen-Astrologen, Johannes Abramios und Eleutherios von Elis, jeweils in einem Kreis weiterer Schüler und Astrologen, wohl u.a. in Konstantinopel , bzw. sind durch verschiedene, teils umfangreiche Handschriften greifbar.[20]

Stellung der Astrologie

Wie schon in der christlichen Spätantike und im Islam des Mittelalters wurden Astrologen immer wieder mal vor allem aus Konstantinopel ausgewiesen. Die astrologische Betätigung wurde zeitweilig verboten, sowie besonders von Kirchenleuten und Theologen kritisiert wie diskreditiert. Dessen ungeachtet findet man im Byzantinischen Reich - Jahrhunderte vor dem Gebrauch einer gelehrten Astrologie im lateinisch-christlichen, westlichen Europa - die Anwendung anspruchsvoller Techniken und Methoden wie die Geburtshoroskopie, die Stundenastrologie, oder die so genannten Militär-Astrologie. D.h. Methoden, welche stets fundierte ('akademische') mathematisch-astronomische Kenntnisse erforderten. Zudem teilweise Techniken, welche die Hellenistische Astrologie so noch nicht kannte, und die Byzanz als Weiterentwicklung erst aus dem islamisch-arabischen Orient rezipiert hatte. Ob im Byzantinischen Reich auch eigenständige astrologische Techniken oder Astrologie-Bereiche entwickelt wurden, war bisher anscheinend noch kein wissenschaftlicher Forschungsgegenstand.

Byzanz und das westliche Europa

Klar ist hingegen, dass die Anhänger des sich ab dem späten 14. Jahrhundert vor allem in Italien formierenden Renaissance-Humanismus im großen Ausmaß griechisch-sprachige Handschriften antiker Werke im Byzanz der Palaiologen-Dynastie aufkauften oder kopieren ließen. In diesen Zusammenhang gehört der für die entstehende Esoterik wie Okkultismus bzw. Hermetik der Renaissance bedeutsame Fund von griechischen Texten des Corpus Hermeticum in Mazedonien 1463, von denen man damals glaubte, sie würden die ältesten Weisheitslehren der Menschheit überliefern.[21] Vor allem der namensgebende legendäre Hermes Trismegistos wurde astrologisch mit Merkur gleichgesetzt. Mit Merkur identifizierten sich in Folge der Corpus-Texte viele Dichter und Astrologen der Renaissance, und die Astrologie wurde anschließend oft als Teil der Hermetik gelehrt und betrachtet.[22] Zugleich wirkten in Italien, besonders in Florenz, verschiedene byzantinische Gelehrte wie Basilius Bessarion und Georgios Gemistos Plethon.[23] Dabei gelangten zahlreiche astronomisch-astrologische Abhandlungen byzantinischer Zeit als Handschriften u.a. nach Italien, wie jene aus dem Umfeld von Johannes Abramios.[24] Wegen der osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 verließen weitere byzantinische Gelehrte ihre Heimat in Richtung Italien und westliches Europa. Es ist anzunehmen, dass der Transfer von Manuskripten wie auch das Wirken byzantinischer Gelehrter dem lateinisch-christlichen Europa einen beträchtlichen Beitrag bzw. Anschub zur Astrologie-Entwicklung in der Renaissance leistete.[25]
Einschlägige Arbeiten liegen dazu jedoch bisher anscheinend nicht vor.

Siehe auch

Weblinks

Konstantinopels "Goldenes Horn"[26]

Quellen und Anmerkungen

  1. Aus dem neunten Jahrhundert.
  2. Lexikon des Mittelalters. Studienausgabe, Band I. Verlag J. Metzler, Stuttgart, Weimar 1999. S. 1138, Stichwort Astrologie.
  3. Gerd Mentgen, Astrologie und Öffentlichkeit im Mittelalter. Anton Hiersemann, Stuttgart 2005, S. 168-169.
  4. Herrschaft von 610 – 641.
  5. Hildebrand Beck: Vorsehung und Vorherbestimmung in der theologischen Literatur der Byzantiner. Pont. Institutum Orientalium Studiorum, Roma 1937. S. 68.
  6. David Pingree: From Alexandria to Baghdad to Byzantium. The Transmission of Astrology., in: International Journal of the Classical Tradition, Bd. 8, Nr.1, Summer 2001, S. 3–37.
  7. Beck, S. 68f. und S. 71.
  8. Manfred Ullmann: Die Natur- und Geheimwissenschaften im Islam. E.J. Brill, Leiden 1972. S. 310, 317. (Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung. Ergänzungsband VI, 2. Abschnitt).
  9. Herbert Hunger: Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner: 2. Philologie, Profandichtung, Musik, Mathematik und Astronomie, Naturwissenschaften, Medizin, Kriegswissenschaften, Rechtsliteratur. C.H. Beck Verlag, München 1978. S. 237;ff.
  10. Dies waren Ephemeriden für astronomische wie astrologische Berechnungen.
  11. Mentgen, S. 170.
  12. Efthymios Nicolaidis: Science and Eastern Orthodoxy: From the Greek Fathers to the Age of Globalization. The John Hopkins University Press, Baltimore (Maryland) 2011; S.107f.
  13. David Pingree, The Horoscope of Constantine VII Porphyrogenitus, in: Dumbarton Oaks Papers. Bd. 27 (1973), S. 219–231, hier S. 221.
  14. Herbert Hunger S. 242.
  15. Stephan Heilen: 'Hadriani genitura' – die astrologischen Fragmente des Antigonos von Nikaia. Walter de Gruyter, Berlin 2015. S. 315 ('Griechische Horoskope').
  16. Mentgen, S. 169f.
  17. David Pingree, The Astrological School of John Abramius, in: Dumbarton Oaks Papers, Bd. 25 (1971), S. 193.
  18. Heilen, S. 316.
  19. Pingree, Abramius, S. 193.
  20. Herbert Hunger, S. 254f.
  21. Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie. Verlag C.H. Beck, München 2003. S. 212.
  22. Wolfgang Hübner, Astrologie in der Renaissance, in: Klaus Bergdolt, Walther Ludwig (Hrg.), Zukunftsvoraussagen in der Renaissance. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005. S. 267f.
  23. Evangelos Konstantinou (Hrg.): Der Beitrag der byzantinischen Gelehrten zur abendländischen Renaissance des 14. und 15. Jahrhunderts. Peter Lang GmbH, Frankfurt/ Main 2006. S. 9f.
  24. James Herschel Holden: A History of Horoskopic Astrology. From the Babylonian Period to the Modern Age. Tempe (Arizona, USA) 2006. S. 143, S. 153–154, S. 101–102.
  25. Hübner, S. 241–279, hier S. 244.
  26. Astrogeographisch wird das von Wasser umgebene Konstantinopel/ Istanbul bei Hans Baumgartner dem Tierkreiszeichen Krebs zugeordnet.