|
"...Märchen können Wirklichkeit werden
George W. ist ein wahrer Romantiker, wenn auch erst in
den allerersten Anfängen. Eine der großen Stärken seines Wesens
ist eine tiefe angeborene Beziehung zu der inneren Welt der Phantasie
und Vorstellungen, und in dieser Offenheit für den Bereich der Mythen,
Bilder und Eingebungen zeigt sich das Potential zu einer beträchtlichen
kreativen Begabung. Im Laufe seines Heranwachsens könnte sich seine
reiche Phantasiebegabung als leidenschaftliches Interesse für Hobbys
und Schulfächer äußern, die sehr viel Spielraum und Möglichkeiten
bieten, z.B. Kunst, Geschichte, Geographie oder Sprachen. Die gleiche
Begabung zeigt sich auch in der Neigung, Fächer und Beschäftigungen,
die der Phantasie nur wenig Spielraum bieten, zu ignorieren oder
nur oberflächlich zu behandeln. Jegliche Routine, sei es in der
Schule oder zu Hause, kann bei ihm Trödelei oder offene Rebellion
hervorrufen, wenn sie nicht zu einem "Endergebnis" führt, das in
sich selbst wieder eine künftige Möglichkeit darstellt. ..."
"...Der
dramatische Anteil in George W.s Persönlichkeit, der allerdings
nicht unbedingt offen zutage treten muß, könnte zu einer Tendenz
führen, sich auf die eine oder andere Weise selbst zu dramatisieren
- als wäre er der Hauptdarsteller in einem erfolgreichen Theaterstück.
Seine angeborene Theatralik könnte sich in Form von Konkurrenzdenken
und subtilen oder offensichtlichen Versuchen zeigen, zum Mittelpunkt
der Aufmerksamkeit zu werden - sei es zu Hause oder in der Schule.
Sieht er seinen Willen durch irgend etwas frustriert, so kann er
auch einen reichlich übertriebenen Ärger an den Tag legen. Ebenso
groß und stark wie sein inneres Bedürfnis nach Verzauberung und
Dramatik ist George W.s machtvoller Wille, und das wird unweigerlich
zu einigen schweren Gewittern führen, während er allmählich mit
den Grenzen anderer Menschen und den Anforderungen der äußeren Welt
zurechtzukommen lernt. Seine hochentwickelte Intuition ermöglicht
es ihm, Menschen, Situationen und Probleme schnell auszuforschen
und auf eine fast magische Art und Weise höchst individuelle Lösungen
und Antworten zu finden..."
"...Gegen
die gewöhnliche Welt ankämpfen
Möglicherweise versucht George W. sehr stark, die Menschen
in seiner Umgebung davon zu überzeugen, daß er etwas zu Besonderes
ist, um sich mit der gewöhnlichen Welt abzugeben, und aufgrund seiner
angeborenen Vitalität und persönlichen Ausstrahlung könnte er von
Eltern, die ihn sehr bewundern, nur allzuschnell "verdorben" werden.
Hart arbeitende Eltern mit einer eher bodenständigen Grundhaltung
dagegen könnten ebensoschnell wütend auf ihn werden. Doch diese
Art der Zuspitzung, die George W. innerhalb der Familie leicht provozieren
könnte, ist wenig hilfreich und unnötig. Der Versuch, seine lebhafte
innere Welt zu zerstören, würde nur in tiefem Unglück und Auflehnung
enden oder möglicherweise jene Aufmerksamkeit erheischenden psychosomatischen
Symptome hervorrufen, die auch bei Kindern vorkommen, wenn sie insgeheim
frustriert und unterdrückt sind. George W. braucht ein gesundes
Gleichgewicht - man sollte seine schöpferischen Gaben fördern und
zugleich das Verständnis dafür wecken, daß sich diese Begabung am
besten entwickelt, wenn man den Anforderungen der materiellen Wirklichkeit
eine gewisse Aufmerksamkeit widmet. Nörgelei und emotionale Erpressung
würden diesem Kind schlecht bekommen, denn es ist im Innersten großzügig
und offenherzig..."
"..Ein Kind, das im Märchenland lebt
"Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch
heute", so sollte idealerweise jede Geschichte enden, wenn es nach
George W. ginge. In dieser hoffnungsvollen Vorstellung vom Leben
spiegelt sich nicht einfach kindliche Naivität - sie ist eine Weltanschauung,
die den Kern seines Wesens bildet, und daran wird sich, ungeachtet
aller Enttäuschungen, während seines ganzen Lebens nichts ändern.
Er besitzt einen zutiefst romantischen Geist und glaubt instinktiv
an die tiefe Moral der Märchen. Er glaubt auch an Verabsolutierungen
wie z.B. an wahre Liebe, die nie vergeht, an das Gute, das letzten
Endes immer über das Böse triumphiert, und an eine Welt, die im
Grunde gütig und gerecht ist. Er ist weder zartbesaitet, noch ist
er gleichgültig gegen das, was um ihn herum vorgeht. Doch die Realität,
wie andere sie darstellen, stimmt einfach nicht mit seiner Sicht
der Dinge überein, und er besitzt eine ganz bemerkenswerte Fähigkeit,
alles umzudeuten oder schlechthin zu ignorieren, was seine Weltanschauung
in Frage stellen könnte. In Krisensituationen helfen ihm viele innere
Kräfte und Ressourcen, zurechtzukommen - unter anderem auch die
Fähigkeit, im richtigen Augenblick den richtigen Menschen um Hilfe
zu bitten. Wenn man ihn dazu drängt, kann er auch einigermaßen praktisch
sein und mit seinen alltäglichen Pflichten und Aufgaben zu Rande
kommen. Er ist viel widerstandsfähiger, als man meinen möchte, und
braucht keineswegs übermäßig beschützt zu werden..."
"...Ein Wunderglaube
George W. neigt auch dazu, sich mit seinen eigenen Märchengestalten
zu identifizieren, und lebt vielleicht insgeheim in der Phantasie,
ein Königssohn zu sein oder ein wunderbares, ganz besonderes Schicksal
zu haben. Daher könnte er zuweilen einen etwas selbstbezogenen und
rücksichtslosen Eindruck machen, besonders dann, wenn er im Bewußtsein
seiner eigenen Besonderheit die Gefühle von Geschwistern oder Gleichaltrigen
übergeht. Möglicherweise braucht er enorm viel Aufmerksamkeit und
kann sehr theatralische Szenen liefern, wenn sie ihm vorenthalten
wird. Man sollte ihn zu kreativen Interessen ermutigen, bei denen
er seine Zauberwelt auf eine eigene, individuelle Art und Weise
äußern kann, ohne sich an den unvermeidlichen Grenzen der äußeren
Wirklichkeit zu stoßen. Schauspielerei und Geschichtenerzählen sind
zwei sehr gute Äußerungsmöglichkeiten für diese Begabung. Man kann
seinem Bedürfnis, sich hervorzutun, teilweise entgegenkommen, indem
man seine Talente fördert und ihm hilft, nach hervorragenden Leistungen
und Ergebnissen zu streben. Das Leben wird ihn früher oder später
daran erinnern, daß er das eigene Wesen und die Grenzen anderer
anerkennen muß. Doch er wird nie seinen Glauben daran verlieren,
daß Märchen Wirklichkeit werden können - vor allem, wenn er selbst
die Hauptrolle darin spielt. ..."
"...Der
Vater als Quelle der Inspiration und des Abenteuerlichen
George W. erwartet von seinem Vater die Inspiration und
Ermutigung, um auszuziehen und das Leben zu erforschen, denn er
erlebt ihn als einen ewigen Abenteurer, der im Herzen immer jung
bleiben wird. Es spielt keine Rolle, wenn der Vater sich zuweilen
alles andere als abenteuerlustig fühlen mag - das Bild, das sein
Sohn von ihm hat, ist groß, beeindruckend, aufregend und richtiggehend
märchenhaft in seinen Ausmaßen. Natürlich kann kein Vater von früh
bis spät dynamisch, optimistisch und expansiv sein, und Umstände
wie Konflikte zu Hause oder berufliche Zwänge könnten es George
W.s Vater schwermachen, sich überhaupt abenteuerlustig zu fühlen
oder soviel Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, wie beide sich wünschen
würden. Doch es kommt auf die Qualität der Beziehung an, und nicht
darauf, wie oft und wie lange man sich sieht. In der Art und Weise,
wie der Sohn seinen Vater sieht, steckt auch eine ganze Menge Idealismus.
Wann immer George W. Zeit mit seinem Vater verbringt, wird er von
dieser Begegnung voller Begeisterung über das Leben, mit neuen Interessen
und in einem optimistischen, freudigen Geist zurückkehren. Sein
Vater muß nicht irgend etwas zu sein vorgeben, das er gar nicht
ist, und er muß bestimmt kein Übermensch sein, um die Bedürfnisse
seines Sohnes zu befriedigen. Doch es ist wichtig, daß der Vater
sich die Zeit nimmt, um mit seinem Sohn Spaß zu haben, ihn an interessante
Orte zu bringen und seine eigenen Träume und Hoffnungen für die
Zukunft mit ihm zu teilen. Zuweilen mag es nötig sein, Aufgaben
und Verpflichtungen für eine Weile hintanzustellen, denn George
W. wird die Hoffnung und Begeisterung, die er von seinem Vater erwartet,
im Laufe seiner Entwicklung verinnerlichen und schließlich in seinem
eigenen Leben äußern..."
|