Copyright 1996 by Robert Hand (info@robhand.com)
Veröffentlicht im März 1996 in der Newsgroup alt.astrology.
Deutsche Übersetzung von Franz Isfort.
Einleitung
Das hier vorgelegte Material war ursprünglich
die Einleitung eines Buchs der Übersetzungen des Project Hindsight, "The
Record of the Early Sages in Ancient Greek" ("Die Hinterlassenschaft
der frühen Weisen in der Griechischen Antike"). Er bestand aus
Fragmenten und Zitaten, die entweder direkt oder indirekt aus den ältesten
Quellen der Astrologie des mittleren Ostens oder des Westens stammten
oder Paraphrasen von Material aus diesen Quellen waren.
Im März '96 erschien auf alt.astrology
ein Artikel, "Eine kurze Einleitung in die Geschichte der
Astrologie", der eine Menge Irrtümer enthielt. Wir vom
Project Hindsight hielten es für eine gute Idee, eine andere
Sichtweise zu präsentieren. Wir erwarten nicht, daß jedermann
die Sichtweise dieses Aufsatzes akzeptiert, aber der Leser sollte
sich dessen bewußt sein, daß sie von der Mehrheit der
verantwortungsbewußten Astrologiehistoriker geteilt wird
(Damit will ich nicht alle diejenigen verantwortungslos nennen,
die nicht mit dieser Sichtweise übereinstimmen, auch wenn
es die zweifelsohne geben mag).
Für alle, die es noch nicht wissen: Project
Hindsight ist eine Unternehmung, die nicht weniger beabsichtigt
als eine Übersetzung des vollständigen Korpus der erhaltenen
griechischen Astrologie sowie der mittelalterlichen lateinischen
Tradition, soviel wie machbar ist. Wir werden auch weiterhin Übersetzungen
aus dem Hebräischen, dem Sanskrit, und hoffentlich auch aus
dem Arabischen anfertigen. Ich glaube behaupten zu können,
daß unser kollektives Werk die größte Sammlung
an Material zur Astrologiegeschichte darstellt, die zur Zeit in
englischer Sprache existiert. Und deswegen glaube ich auch, daß wir
wissen, wovon wir sprechen, auch wenn wir möglicherweise auf
der Grundlage dessen, was weitere Forschung zu Tage bringen wird,
unsere Ansichten revidieren müssen. Wir sind zu erreichen
unter:
The Golden Hind Press
532 Washington Street
Cumberland MD 21502 USA
Tel. (301) 724-4463
oder
http://www.projecthindsight.com
Teil I
Die hier vorliegende Abhandlung beruht größtenteils
auf gängigen akademischen Quellen, auch wenn wir in einigen
Bereichen, in denen die Quellenlage nicht eindeutig ist, eigene
Spekulationen vorstellen. Wir bringen solche Spekulationen nicht
aus Lust und Laune, sondern nur dann, wenn sie aufgrund innerer
Stimmigkeit gerechtfertigt erscheinen, und sie werden immer mit
dem klaren Hinweis gekennzeichnet, daß es sich um Spekulationen
handelt. Man könnte, da wir aus westlichen akademischen Quellen
schöpften, einwenden, daß diese Abhandlung andere mögliche
Sichtweisen nicht in Betracht ziehe, wie man sie beispielsweise
durch das Studium der indischen Astrologien gewinnen könne.
Dieser Einwand mag berechtigt sein, doch wir möchten dem Leser
versichern, daß wir den akademischen Standpunkt zur Astrologiegeschichte
nicht unkritisch übernehmen. Wir versuchen, nur das zu akzeptieren,
was aufgrund innerer Stimmigkeit mit den Texten selbst vereinbar
ist. Wir geben zu bedenken, daß das, was wir hier sagen,
nicht als endgültige Stellungnahme zu verstehen ist. Es gibt
in der Astrologiegeschichte noch so viel zu erforschen, insbesondere
jetzt, wo sie gründlich von Forschern untersucht wird, die
ihrem Gegenstand nicht feindlich gesonnen sind.
Auf der Grundlage obiger Überlegungen
ist die These des Autors, daß Astrologie, wie wir sie kennen,
nur einmal zu einer Zeit und an einem Ort entstand; der Ort ist
Mesopotamien (etwa der heutige Irak) und auf die Zeit kommen wir
noch zu sprechen. Nach dieser Vorbemerkung muß noch ein weiterer
Punkt klargestellt werden: Was wir unter "Astrologie, wie
wir sie kennen" verstehen, ist Horoskop-Astrologie, d.h. eine
Astrologie, die darauf abzielt, günstige Zeiten für Handlungen
zu wählen, Fragen zu beantworten, irdische Ereignisse vorherzusagen
und das individuelle Schicksal zu analysieren, und zwar mit Hilfe
eines besonderen Instruments, dem Thema, Genesis, oder Geburtshoroskop.
Und dieses Horoskop hat einen bestimmten Grad oder ein bestimmtes
Zeichen, das den Ausgangspunkt der Deutung markiert. In der Regel
handelt es sich um den aufsteigenden Grad oder das aufsteigende
Zeichen, auch wenn für bestimmte Zwecke die Sonne, der Mond
oder auch der Glückspunkt benutzt werden.
Der Grund für diese sehr spezifische Definition "Astrologie,
wie wir sie kennen" liegt darin, daß eine Astrologie
in weiteren Sinne bei den alten Völkern fast universell und
nicht auf eine Zeit oder einen Ort als Ursprung beschränkt
ist. Fast jedes alte Volk hatte irgendein System, den Himmel zu
Weissagungszwecken zu untersuchen: die amerikanischen Ureinwohner,
die Griechen (lange bevor sie der mesopotamischen Astrologie begegneten),
die Völker Indiens, wer auch immer Stonehenge und New Grange
auf den britischen Inseln erbaute, und auch die nordischen Völker,
um nur einige zu nennen. Ein Großteil der Kontroversen um
das Alter der Astrologien verschiedener Völker beruht auf
Unklarheit über diesen Punkt. Das Studium himmlischer Omina
ohne ein Horoskop konstituiert noch keine Astrologie, wie wir sie
kennen.

Ursprünge
in Mesopotamien
Mesopotamien, das "Land zwischen den zwei
Flüssen", ist eine der sogenannten "Wiegen" der
Zivilisation, wie Ägypten, China, das Industal und Mittelamerika.
Es scheint auch die älteste zu sein. Anzeichen für eine
städtische Zivilisation finden sich bereits um 4000 v. Chr.
Die ersten Menschen in dieser Region waren das Volk der sogenannten
Ubaider. Wir wissen so gut wie nichts über dieses Volk, außer
daß zu einer recht frühen Zeit andere Völker in
diese Region einwanderten und sich mit ihnen vermischten. Dies
waren die Sumerer, die sich bald durchsetzten und deren Sprache
die der Ubaider ersetzte. Die Sumerer erfanden die älteste
bekannte Form der Schrift, die Keilschrift, die durch Abdrücke
von Keilformen in feuchten Ton aufgezeichnet wird. Nach einer gewissen
Zeit wanderten auch semitische Völker in diese Region. Die
ersten davon waren die Akkader, die um ihre Hauptstadt Akkad siedelten.
Um 2330 v. Chr. besiegte Sargon von Akkad die Sumerer und schuf
das erste von verschiedenen semitischen Imperien, die nicht nur
Mesopotamien, sondern auch die Mittelmeerküste und schließlich
sogar Ägypten beherrschten. Die Sprache der Akkader war der
direkte Vorläufer der assyrischen und babylonischen Sprachen,
die eigentlich nur Dialekte des Akkadischen sind.
Das akkadische Reich fiel im Jahre 2218 v.
Chr. Danach kämpften verschiedene semitische und andere Völker
um die Vorherrschaft in diesem Gebiet. In diesem ständigen
Kampf unterschiedlicher Völker liegt der große Unterschied
der mesopotamischen Zivilisation zu der Ägyptens. In Ägypten
bestand über Jahrhunderte hinweg ein relativer Frieden mit
gelegentlichen Unruheperioden, jedoch nicht dieses Chaos wie in
Mesopotamien.
Etwas später im 2. Jahrtausend v. Chr.
begannen zwei Völker die Vorherrschaft anzustreben, die Babylonier
im Süden, die viele Jahrhunderte lang kulturell dominierten,
und die Assyrer im Norden. Beide Gruppen hatten abwechselnd die
Vorherrschaft inne, doch ganz allgemein läßt sich sagen,
daß die Assyrer meist politisch herrschten, während
die Babylonier kulturell dominierten. Tatsächlich benutzten
die Assyrer sogar den babylonischen Dialekt des Akkadischen für
ihre offiziellen Aufzeichnungen.
Hier sind einige Daten der mesopotamischen
Geschichte ab diesem Zeitpunkt. Alle Daten beziehen sich auf das
moderne System der Chronologie. Doch auch in aktuellen Quellen
variieren die Angaben. Die hier vorliegenden stammen aus Microsofts
Encarta von 1994.
* 1792-1750 v. Chr. Hammurabi einigt
das Gebiet um Babylon
* 1350 v. Chr. Aufstieg des assyrischen
Reichs
* 730-650 v.Chr. Das assyrische Reich
kontrolliert ganz Mesopotamien, Teile von Persien, Syrien, Palästina
und Ägypten. Das ist insofern bemerkenswert, als daß Ägypten
und Babylon erstmals unter derselben Regierung sind.
* 612 v. Chr. Fall von Assyrien und
Aufstieg des zweiten babylonischen Reichs. Das babylonische Volk,
das dies herbeiführte, war bekannt als das der Chaldäer,
von daher die Bezeichnung chaldäisches Reich.
* 539 v. Chr. Die Eroberung Babyloniens
durch Persien. Zum zweiten Mal waren Ägypten und Babylon unter
einer Regierung.
* 331 v. Chr. Die Eroberung Mesopotamiens
durch Alexander den Großen. Die ganze Region wird durch die
griechische Sprache und Kultur dominiert. Die Dynastie der Seleukiden,
die von Alexanders General Seleukos abstammte, beherrschte ein
Gebiet, das Mesopotamien einschloß.
* 126 n. Chr. Die Parther, ein persischer
Stamm, eroberten Mesopotamien.
* 227 n. Chr. Die Sassaniden, ein Volk
aus Zentralpersien, besiegen die Parther und begründen das
zweite persische Reich oder Sassanidenreich.
* 635 n. Chr. Moslemische Araber besiegen
das Sassanidenreich, und Mesopotamien kommt unter die Herrschaft
verschiedener Kalifate.
Bevor wir uns der Diskussion zuwenden, wie
und wo die Astrologie entstand, geben wir eine ähnliche Chronologie
für Ägypten an:
* 3200 v. Chr. Erste Anzeichen starker
politischer Kräfte im Niltal. Ebenso die ersten Hieroglyphen.
Die Anzeichen einer Hochkultur in diesem Gebiet reichen mehrere
Jahrhunderte zurück.
* ca. 2755-2255 v. Chr. Das Alte Königreich.
Die Pyramiden stammen aus dieser Zeit. Der erste Sonnenkalender
wurde entwickelt.
* ca. 2255-2134 v. Chr. Interregnum.
* ca. 2134-1668 v. Chr. Das Mittlere
Königreich.
* ca. 1668-1570 v. Chr. Das zweite Interregnum,
die Periode des Hyksos; zu dieser Zeit beherrschte eine wahrscheinlich
semitische Völkergruppe Ägypten.
* 1570-1070 v. Chr. Das Neue Königreich.
Dies ist die Zeit der Könige Amenhotep, Echnaton, Tutenchamun
und der verschiedenen Ramses. Man glaubt weithin, daß der
Auszug der Israeliten in dieser Zeit stattfand.
* 1070-671 v. Chr. Das dritte Interregnum.
Verschiedene regionale Dynastien regierten. Im Jahr 671 v. Chr.
eroberten die Assyrer vorübergehend Ägypten.
* 525 v. Chr. Die Perser besiegten den
letzten einheimischen Herrscher Ägyptens.
* 332 v. Chr. Alexander der Große
eroberte Ägypten. Dann kam es unter die Herrschaft der Ptolemäer,
die von Ptolemäus I abstammten, einem anderen General Alexanders.
* 30 v. Chr. Cleopatra, die letzte aus
dem Geschlecht der Ptolemäer, stirbt und die Römer übernehmen
die Macht.
Ägypten fiel schließlich unter arabische
Herrschaft, zur gleichen Zeit, als das Sassanidenreich besiegt
wurde.

Teil II
Mesopotamische
Astrologie - Erste Schritte
Am Anfang war die mesopotamische Astrologie
vergleichbar mit der anderer Kulturen, ein simples Absuchen des
Himmels nach Omina, die das Königreich betreffen könnten.
Diese Beobachtungen von Omina umfaßten echte astronomische
Phänomene ebenso wie Wetterphänomene. Die Mesopotamier
unterschied von anderen, daß sie schon zu einer frühen
Zeit systematische Beobachtungen anstellten mit der Absicht, wiederkehrende
Muster am Himmel zu finden, die mit Mustern in menschlichen Ereignissen
korrelierten.
Nach Van der Waerden (Science Awakening, Bd.
II, Oxford Univ. Press) stammen die ersten astronomischen Schriften
in Mesopotamien aus altbabylonischer Zeit, ungefähr der Zeit
von Hammurabi. Man weiß nicht, ob auch die Sumerer astronomische
Studien betrieben, doch das erscheint plausibel. Es existieren
auch einige Schriften, die sich auf die akkadische Zeit beziehen
und ungefähr auf 2300 v. Chr. zu datieren sind. Hier ein Beispiel
aus einer dieser frühen Schriften:
Wenn Venus im Osten im Monat Airu erscheint
und die Großen und die Kleinen Zwillinge sie umgeben, alle
viere, und sie ist dunkel, dann wird das Königreich von Elam
krank werden und nicht am Leben bleiben.
Die umfangreichste Überlieferung von Omina
war in einer Sammlung namens Enuma Anu Enlil enthalten. Diese wurde
irgendwann im 2. Jahrtausend v. Chr. zusammengestellt. Auch eine
weitere Sammlung von Omina ist ein bedeutendes Werk, auch wenn
die Datierung sehr umstritten ist, die Venustafeln von Ammizaduga.
Diese bestehen aus systematischen Beobachtungen der Venusphasen
in Kombination mit ihrer Bedeutung als Omina. Man glaubt gemeinhin,
daß diese Tafeln aus der Zeit der Herrschaft des Ammizaduga
etwa 146 Jahre nach Hammurabi stammen. Auf astronomischer Grundlage
bestimmt Van der Waerden die folgenden Jahre als mögliche
Beobachtungsdaten: 1702, 1646, 1638 und 1582 v. Chr. Einer der
Gründe, warum diese Daten in gewissen Kreisen zu Kontroversen
führten, liegt darin, daß für den Fall, daß diese
Daten korrekt wären, Velikowsky ernsthaft irrte. Diese Kontroverse
liegt außerhalb des Themas dieser Einführung, und wir
gehen von der Annahme aus, daß die orthodoxen Gelehrten weitgehend
richtig liegen. Dennoch rate ich dem Leser dringend, diese Angaben
mit extremer Vorsicht zu genießen. Die Babylonier schrieben
sich und ihren Beobachtungen, ähnlich wie die heutigen Hindus,
ein so hohes Alter zu, daß es nach westlichen Standards phantastisch
anmutet, hunderttausende, ja Millionen von Jahren. Ein solches
Alter ist zwar mit den Erkenntnissen der Gelehrten nicht vereinbar,
doch sollten wir auch hier eine offene Einstellung beibehalten.
Gelehrte sind durch ihre Spezialisierung oft beschränkt und
sehen nicht, daß eine Disziplin, wie z.B. die moderne Astronomie,
wichtige Konsequenzen für eine andere wie die Archäologie
haben kann. Ich denke da an das Werk von Gerald Hawkins über
Stonehenge. Aber erst einmal muß jemand die beiden Disziplinen
zusammenbringen. Dies könnte auch noch bei Forschungen zu
Mesopotamien geschehen, so daß sich unser historisches Verständnis
radikal verändern könnte.
Van der Waerden kommt zu dem Schluß,
daß das Motiv für die Zusammenstellung und Überlieferung
der Venustafeln in der Astralreligion lag, d.h. die Mesopotamier
glaubten, daß die Sterne und Planeten mit den Göttern
zusammenhingen oder selbst Götter waren. Ishtar-Venus war
eine der wichtigeren Gottheiten der mesopotamischen Völker.
Viele andere antike Völker hatten ähnliche Vorstellungen.
Die Ägypter identifizierten die Konstellation des Orion mit
Osiris. Osiris war ein toter Gott, der die Unterwelt regierte.
Seine Versetzung an den Himmel war anderen Übertragungen aus
der klassischen Mythologie vergleichbar. Ungewöhnlich groß war
die Bedeutung, die die Mesopotamier den Sternen und Planeten als
Indikatoren des göttlichen Willens im Hier und Jetzt zumaßen.
Dies ist wahrscheinlich das Hauptmotiv für die Untersuchungen,
die zur Astrologie führten.
In den nächsten Jahrhunderten beobachteten
die Mesopotamier, insbesondere die Babylonier, kontinuierlich weiter
und stellten Listen von Phänomenen zusammen. Schließlich
gelangten sie soweit, daß auf der Grundlage der beobachteten
Wiederkehr von Planetenzyklen recht akkurate Schätzungen von
Planetenpositionen für jeden Zeitpunkt in der Zukunft möglich
waren. Ptolemäus berichtet, und auch moderne Gelehrte bestreiten
dies nicht, daß akkurate und systematische Finsternisaufzeichnungen
von 747 v. Chr. bis in die hellenistische Zeit nach den Zügen
Alexander des Großen reichen.
Eine interessante Frage, die sehr kontrovers
diskutiert wird, ist: welchen Zodiak benutzten die Babylonier?
In dem frühen Material zeichneten sie nur auf, daß Planeten
soundsoviel Grad von einem Stern entfernt seien.
19 vom Mond zu den Plejaden; 17 von den Plejaden
zum Orion; 14 vom Orion zu Sirius...
Dies ist de facto eine siderische Beobachtung,
aber noch kein Zodiak! Ein Zodiak braucht einen Ausgangspunkt,
einen Punkt auf dem Kreis, von dem aus Messungen vorgenommen werden.
Außerdem hat ein Zodiak normalerweise eine feste Zahl von
Unterteilungen wie die zwölf Zeichen des modernen Zodiaks,
die siebenundzwanzig Mondstationen des Hindu-Mondkalenders und
so weiter. Aber all diese frühen Beobachtungen sind dieser
einen vergleichbar, sie liefern Einzelsterne als Positionsmarken.
Van der Waerden vertritt die Ansicht, daß sich
die Evolution der Astrologie in drei Phasen vollzog. Die erste
Phase besteht aus der Überlieferung von Omina, wie wir sie
schon beschrieben haben. Die zweite Phase hängt eng damit
zusammen, kennt aber bereits einen Zodiak im modernen Sinne, zwölf
Zeichen zu dreißig Grad. Es gibt noch keine persönliche
Horoskopie auf dieser mittleren Ebene, jedoch wird den Transiten
des Jupiter durch die Zeichen mit einer Geschwindigkeit von einem
Zeichen pro Jahr große Bedeutung zugemessen. Von daher stammt
ganz klar die chinesische Praxis, jedem Jahr ein Tierkreiszeichen
zuzuschreiben, und vielleicht auch das System jährlicher Projektionen
in der späteren Horoskop-Astrologie. Es gab natürlich
auch noch keinerlei Häuser. Van der Waerden datiert diese
mittlere Phase auf ca. 640-450 v. Chr. Der Tierkreis ist an diesem
Punkt ganz klar ein siderischer, und sein Ayanamsha liegt ziemlich
nahe bei dem Wert von Fagan-Allen.
Die dritte Phase ist die horoskopische Astrologie.
Unterschiedliche antike Quellen erwähnen "Chaldäer",
die Geburtshoroskope für verschiedene Personen erstellen.
Auch Diogenes Laertius berichtet, daß laut Aristoteles ein
Chaldäer mittels Horoskop den Tod des Sokrates vorhergesagt
haben soll, und der Vater des Euripides erhielt aus dem Horoskop
seines Sohnes eine Vorhersage über dessen brillante Karriere.
Die Bezeichnung "Chaldäer" bezieht sich natürlich
auf die Astrologen und verdeutlicht, daß diese Kunst den
Spätbabyloniern, den Chaldäern, zugeschrieben wurde.
Verschiedene in Keilschrift verfaßte
Horoskope sind aufgefunden worden. Die meisten stammen aus hellenistischer
Zeit, doch das älteste ist laut A. Sachs auf den 29. April
410 v. Chr. zu datieren. Hier die Übersetzung nach Fagan:
1. Monat [?] Nisan [?] Nacht [?] des [?]
Vierzehnten [?] ...
2. Geboren wurde der Sohn von Shuma-usur, Sohn des Shumaiddina, Nachkomme des
Deke.
3. Zu dieser Zeit war der Mond unterhalb des "Horns" des Skorpions
4. Jupiter in den Fischen, Venus
5. im Stier, Saturn im Krebs.
6. Mars im Zwilling, Merkur, der unterging, war [letztmals noch sichtbar].
7. ...etc., etc.
Der Leser bemerkt, daß es sich nur um
ein ungefähres Horoskop mit den Zeichenpositionen und ohne
irgendeine Deutung handelt. Auch die anderen Keilschrift-Horoskope
aus späterer Zeit sind ebenso knapp gehalten, auch wenn die
Positionen mit größerer Genauigkeit gegeben sind. Wie
Cyril Fagan richtig ausführt, entsprechen die Horokop-Positionen
viel eher denen des siderischen Zodiak mit dem Fagan-Allan-Ayanamsha
als den tropischen Positionen. Doch gibt es an diesem Punkt irgend
etwas, was der ausgeklügelten Horoskop-Astrologie der späthellenistischen
Zeit entspricht? Nein! Auch wenn die akademischen Historiker noch
keine konkreten Informationen über die Evolution der Astrologie
nach den frühen babylonischen Horoskopen entdeckt haben, so
gibt es doch beachtliche Hinweise auf den Ursprungsort der frühesten
Texte. Viele dieser alten Texte sind in dem vorliegenden Band enthalten
[das bezieht sich auf die Veröffentlichung des Projekt Hindsight].
Nach diesen Texten wäre der Geburtsort der Astrologie, wie
wir sie kennen, Ägypten.
Für Cyril Fagan wäre dies keine Überraschung.
Er steht mit seiner Behauptung, Ägypten sei der Geburtsort
der Horoskop-Astrologie, ziemlich allein. Die Schwierigkeiten seiner
Theorie liegen insbesondere darin, daß er glaubte, die horoskopische
Astrologie sei im Ägypten der Pharaonen entstanden. Doch dafür
gibt es außer Fagans eigenen recht fragwürdigen Interpretationen
der Quellen sehr wenig Anzeichen. Es war ein späteres Ägypten,
in dem die Horoskop-Astrologie geboren wurde, ein Ägypten,
das in engem Kontakt mit den Ideen der Babylonier war. Im Ägypten
der Pharaonen interessierte man sich sehr für Astronomie.
Dies ist in vielerlei Hinsicht so offensichtlich, daß man
es im Einzelnen gar nicht anführen muß. Doch es handelte
sich um eine Astronomie, die mehr mit den Sternen als mit den Planeten
zu tun hatte. Die Ägypter waren Meister darin, Gebäude,
Tempel und insbesondere die Pyramiden auf die Fixsterne auszurichten,
offenbar in dem Bemühen, eine Sympathie zwischen den irdischen
Strukturen und den Sternen, mit denen sie assoziiert wurden, herbeizuführen.
Ihre Fähigkeit, Gebäude zu vermessen und nach den Sternen
auszurichten, war von unglaublicher Genauigkeit, die Abweichung
lag oftmals innerhalb von Bogenminuten zur exakten Ausrichtung.
Doch sie besaßen offenbar keine Planetentheorie noch verfügten
sie über die entsprechenden mathematischen Methoden.
Die Mesopotamier erbten das sexagesimale Zahlensystem
der Sumerer, ein System, das ähnlich wie unser modernes Dezimalsystem
Platzhalter für Zahlen benutzte und sexagesimale Brüche ähnlich
unseren Dezimalbrüchen. Das ermöglichte den Mesopotamiern
komplexe Berechnungen, die in jedem anderen antiken System numerischer
Notation äußerst schwierig gewesen wären. Die anderen
Völker der Antike zollten den Mesopotamiern höchste Anerkennung
für ihre mathematische Notation. Sie benutzten sie, wann immer
sie selbst ähnliche Berechnungen vorzunehmen hatten. Die Ägypter
besaßen nichts vergleichbares. Doch sie hatten ein starkes
Bedürfnis, die irdischen Angelegenheiten in Einklang mit dem
Himmel zu bringen. Die kritischen Zeitpunkte der Verschmelzung ägyptischer
Vorstellungen mit der babylonischen Astronomie waren ein beziehungsweise
zwei historische Ereignisse, die Eroberung Ägyptens durch
die Perser, und die Eroberung von Persien und Ägypten durch
Alexander den Großen. Beidemal stand Ägypten unter derselben
Herrschaft wie Babylon. Im Fall des persischen Reichs wurden die
Perser begeisterte Anhänger der Astrologie, was zweifellos
das Vordringen astrologischer Vorstellungen nach Ägypten beförderte.
Wenn man die Texte dieses Buchs ("Early
Sages") untersucht, entdeckt man etwas, was nicht in allen
historischen Texten, die von Astrologie handeln, offensichtlich
ist. Die Menschen der Antike wußten, daß Astrologie
irgend etwas mit Babylon zu tun hatte (schließlich nannten
sie die Astrologen Chaldäer), aber den grundsätzlichen
Verdienst schrieben sie den Ägyptern zu. Bei den Akademikern
wird dies gewöhnlich übergangen als etwas, das eine Modeerscheinung
bei den antiken Autoren sei, aber keinerlei historische Fundierung
habe. Und tatsächlich schrieben antike Autoren die Astrologie
Personen zu, die wie Nechepso und Petosiris in die Zeit der Pharaonen
reichten. Dennoch gibt es keinen Grund anzunehmen, daß sie
nicht richtig lagen, als sie Ägypten als die primäre
Quelle der Horoskop-Astrologie nannten; es war nur ein bißchen
später, als sie vermuteten.

Teil
III
Was fügten die Ägypter zu der babylonischen
Astrologie hinzu? Wir wissen es nicht genau, doch implizite Beweise
deuten auf Folgendes. Der aufsteigende Grad mag in der in der prä-hellenistisch-babylonischen
Astrologie schon gebräuchlich gewesen sein oder auch nicht.
Aber die hellenistischen Autoren schrieben die Häuser oder
Zeichen, die wie Häuser genutzt wurden, dem Hermes zu. Hermes
sollten wir als Hinweis auf hellenistisch-ägyptische Quellen
verstehen. Wahrscheinlich sind auch die Aspekte ägyptisch,
doch das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Die Lose sind
ziemlich sicher ägyptisch ebenso wie das System der Herrscher.
Nur die Erhöhungen sind ganz klar mesopotamischen Ursprungs.
Auf jeden Fall ist es ziemlich wahrscheinlich,
daß der ganze Apparat der horoskopischen Astrologie um das
Jahr 1 n. Chr. beisammen war, möglicherweise einige Jahrhunderte
früher. Eines der Dinge, die wir im Laufe unserer Studien über
die späteren griechischen Autoren herausgefunden haben ist,
daß auch diese schon mit einer späten Ära der Astrologie
zu tun haben. Auch sie haben schon ihre "Alten" und beginnen,
einige der alten Lehren mißzuverstehen. Einer dieser Autoren,
Vettius Valens, reiste auf der Suche nach Meistern der alten Traditionen
durch Ägypten, ganz ähnlich, wie moderne Amerikaner nach
Indien reisen, um Astrologie und verschiedene sakrale Lehren zu
studieren. Während die meisten griechischen Schriftsteller
Bücher studiert zu haben scheinen, lernte Valens zumindest
bei einigen noch lebenden Lehrern der alten Traditionen. Und aus
seinem Werk wird deutlich, daß vieles von dem, was sie lehrten,
niemals niedergeschrieben worden wäre, hätte er es nicht
getan.

Was
dann geschah
Was immer die Sprache der ägyptischen
Astrologie gewesen sein mag, als sie erstmals entstand, im Jahre
1 n. Chr. war sie griechisch. Das soll nicht heißen, daß es
keine astrologischen Texte in Koptisch gibt, der letzten Form des
antiken Ägyptisch, doch es hat kein klarer Hinweis darauf überlebt.
Alle ägyptischen Texte, auf die in der
späteren Literatur Bezug genommen wird, scheinen in Griechisch
geschrieben zu sein. Möglicherweise waren einige Übersetzungen
aus dem Koptischen. Der Gebrauch des Griechischen hatte wichtige
Konsequenzen. Auch wenn das persische Reich ein wahrlich kosmopolitisches
Reich war, mit einer beachtlichen Gleichheit unter den Völkern,
die das Reich ausmachten, so war doch keine Sprache vorherrschend.
Zweifelsohne wurde das Persische für offizielle Zwecke benutzt,
aber das Babylonische und das Ägyptische wurden weiterhin
in ihrem eigenen Sprachraum dem Persischen vorgezogen. Doch als
Alexander der Große ganz Persien und Ägypten eroberte
und bis in den Nordwesten Indiens vorstieß, wurde das Griechische
die dominante Sprache, nicht nur für offizielle Anlässe,
sondern für jeden Zweck, der eine Kommunikation von einem
ethnischen Gebiet zu einem anderen beinhaltete. Die ursprünglichen
Sprachen blieben lokal in Gebrauch, wie das Aramäische (welches
das Babylonische vollständig ablöste) und das Koptische.
Ein Gelehrter oder Reisender konnte überallhin reisen, von
Griechenland im Westen nach Indien im Osten und Ägypten im
Süden, und wurde überall verstanden. Jede Idee, die in
Griechisch ausgedrückt wurde, konnte eine vergleichbare Reichweite
haben.
Sogar nach dem persischen Wiedererstarken beginnend
mit den Parthern und später mit den Sassaniden (siehe die
obige Chronologie), hatten die baktrischen Völker dort, wo
jetzt Afghanistan und Pakistan sind, weiterhin griechisch sprechende
Herrscher bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Folgerichtig
konnten die babylonischen Methoden in der ägyptischen Astrologie
und die ägyptischen Methoden selbst ohne jede Schwierigkeit
leicht nach Indien gelangen. Dies erklärt die Tatsache, daß alle
Fachbegriffe der indischen Astrologie, die sich in eine andere
Sprache zurückführen lassen, Griechisch sind, und nicht
Babylonisch, Koptisch oder Früh-Ägyptisch. Ebenso interessant
ist, daß offenbar, wenn überhaupt, nur wenige technischen
Worte der griechischen Astrologie auf eine andere Sprache zurückzuführen
sind. Unten ist eine unvollständige Liste einiger Begriffe
der Hindu-Astrologie, die anscheinend griechischen Ursprungs sind.
1. Tierkreiszeichen
| Sanskrit |
Griechisch |
Deutsch |
|
Sanskrit |
Griechisch |
Deutsch |
|
| Kriya |
Krios |
Widder |
 |
Juka |
Zugos |
Waage |
| Tavura |
Taurus |
Stier |
Kaurpi |
Skorpios |
Skorpion |
| Jituma |
Didumoi |
Zwillinge |
Taukshika |
Toxotes |
Schütze |
| Kulira |
Karkinos |
Krebs |
Akokera |
Aigokeres |
Steinbock |
| Leya |
Leon |
Löwe |
Hridroga |
Hudrochoos |
Wassermann |
| Pathona |
Parthenos |
Jungfrau |
Chettha |
Ichthues |
Fische |
2. Planeten
| Sanskrit |
Griechisch |
Deutsch |
|
Sanskrit |
Griechisch |
Deutsch |
|
| Hermnan |
Hermes |
Merkur |
 |
Ara |
Ares |
Mars |
| Asphujit |
Aphrodite |
Venus |
Jeeva |
Zeus |
Jupiter (Jovis) |
| Heli |
Helios |
Sonne |
Kona |
Kronos |
Saturn |
All diese Begriffe haben Sanskrit-Äquivalente,
die wahrscheinlich der Einführung obiger Worte nach Indien vorangingen
und die schließlich vollständig durch diese Worte hellenistischen
Ursprungs ersetzt wurden. Die folgenden sind Begriffe, die keine
Sanskritwurzeln haben und offenbar vollständig aus dem Griechischen
stammen. Diese Worte sind in Indien bis in zum heutigen Tag Standardbegriffe
der Astrologie.
3. Worte für die Häuser und Aspekte
| Sanskrit |
Griechisch |
Deutsch |
|
Sanskrit |
Griechisch |
Deutsch |
|
| Hora |
Hora |
Stunde |
 |
Kendra |
Kentron |
Eckhaus, kard. H. |
| Liptaka |
Lepta |
Minute |
Panaphara |
Epanaphora |
fixes Haus |
| Hiptaka |
Hupogeion |
Imum Coeli |
Apoklima |
Apoklima |
veränderl. Haus |
| Jamitra |
Diametros |
Achse |
Drekana |
Dekanos |
Dekan |
| Mesurana |
Mesouranema |
MC |
Sunapha |
Sunaphe |
Applikation |
| Menyaiva |
Meniaios |
[Kein Äquiv.] |
Anaphara |
Anaphora |
Separation |
| Trikona |
Trigonon |
Trigon |
Dauradhura |
Doruphoria |
[Doryphory] |
| Dyuna |
Dunon |
Untergang |
Kemadruma |
Kenodromia |
[Void of Course] |
Wie die Überschrift von Tabelle 3 zeigt, sind all dies Worte für
Häuser und Aspekte, was darauf hinweist, daß dies ein Bereich der
Hindu-Astrologie war, auf den die hellenistische Astrologie großen Einfluß hatte.
Die Frage, was die Hindu-Astrologie der hellenistischen
verdankt und was nicht, ist äußerst kontrovers. Viele
Autoren der Hinduschule würden gerne bestreiten, daß es überhaupt
einen Einfluß gab. Diese Position ist jedoch schwer zu halten,
wenn man das Obige in Betracht zieht und auch die häufigen
Hinweise auf "Yavanas", Griechen oder genauer gesagt
griechisch sprechende Personen unterschiedlichster ethnischer Herkunft.
Andererseits gibt es Westler, zu denen der
Autor nicht gehört, die glauben, die Hindu-Astrologie stamme
gänzlich aus dem Westen (oder genauer aus dem Mittleren Osten).
David Pingree katalogisiert in seiner Untersuchung des Yavanajataka äußerst
sorgfältig die Parallelen zwischen der Astrologie dieses Werks
und der der Griechen, und sogar er muß zugeben, daß es
viele Unterschiede gibt. Dennoch müssen solche Unterschiede
nicht notwendigerweise auf zwei unterschiedliche Anfangspunkte
zurückzuführen sein. Dazu braucht es nur eine Periode
der Isolation zwischen zwei Zweigen einer Tradition nach einer
frühen Periode der Einheit, so daß die beiden Zweige
sich voneinander entfernen können, und der eine, der östliche,
mit schon vorhandenen einheimischen Traditionen verschmelzen kann.
Wir bestehen nicht darauf, daß die Hindu-Astrologie gänzlich
oder in erster Linie ein Ableger der hellenistischen sei. Doch
man muß darauf verweisen, daß es die nötige Periode
der Isolation gab, die dafür hätte sorgen können,
daß aus einer einzigen Tradition zwei wurden.
Nach 126 n. Chr. erhoben sich die Parther,
ein persisches Volk, gegen die Seleukiden, die Nachfolger Alexanders
des Großen, und eroberten den größten Teil des
alten persischen Reichs mit Ausnahme der Region nahe dem Mittelmeer
und einer Region im Nordwesten Indiens. Die Parther waren den Griechen
(und später den Römern) äußerst feindselig
gesonnen. Sie beschnitten die Kommunikation (oder verdünnten
sie auf ein Rinnsal) zwischen dem Großteil der hellenistischen
Völker im Westen und den baktrischen Griechen in Afghanistan
und Pakistan, die bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte
an der Macht blieben. Die baktrischen Griechen konvertierten schließlich
zum Hinduismus und ihre Sprache verschwand. Noch um 200 n. Chr.
existierten sie als eine identifizierbare Gruppe. Das sind die
Yavanas des Yavanajataka. Später erwähnt der Historiker
Kay Hindu-Aufzeichnungen des 4. und 5. Jahrhunderts n. Chr. über
einen neuen Kult des Sonnengotts, der aus dem Westen kommt. Unter
der Voraussetzung, daß das Christentum die Verehrung des
Sol Invictus, des unbesiegbaren Sonnengottes, ablöste, ist
es verlockend zu postulieren, daß die Hindu-Astrologie einen
zweiten Zustrom durch eine neue Gruppe von Yavanas erhielt, die
vor der Verfolgung durch die Christen im Westen floh. Das Grundproblem
bleibt, wieviel an der Hindu-Astrologie originär ist und wieviel
aus dem Westen kommt. Außer den wenigen Andeutungen, die
ich hier gemacht habe, ist hier nicht der Platz, um eine Antwort
zu wagen. Auf jeden Fall ist klar, daß die Hindus, was immer
sie aus dem Westen erhielten, nicht nur aufnahmen und passiv anwandten.
Sie veränderten, modifizierten und verbesserten, was immer
sie aus dem Westen erhielten, und kombinierten es mit ihren einheimischen
Traditionen.
Es gibt noch eine weitere Folge der Trennung
durch die Parther. Die persischen Völker waren immer begeisterte
Astrologen gewesen. Es scheint logisch, daß auch sie ihre
eigene Tradition aus der Astrologie entwickelten, die sie von den
Mesopotamiern und den Griechen erbten. 227 n. Chr. wurden sie von
den sassanidischen Persern unterworfen, die wohl die Entwicklung
der persischen Traditionen der Astrologie fortführten.
Unglücklicherweise wurde, als die Araber
einfielen, fast die ganze Literatur der zoroastrischen Sassaniden
zerstört. Dazu gehören auch ihre astrologischen Werke.
Dennoch gibt es starke Anhaltspunkte dafür, wie ihre Astrologie
beschaffen gewesen sein muß. Die meisten großen Astrologen
der arabischen Ära waren Perser! Und die Astrologie, die sie
lehrten, unterscheidet sich deutlich sowohl von der der Hindus
wie der der Griechen. Sie enthielt Aspektorben, die großen
Zyklen von Jupiter und Saturn, und ein ausgeklügeltes System
planetarischer Wechselwirkungen wie Refranation, Frustration, Abszission
und Translation des Lichts, und so weiter. Die Astrologie der arabischen
Zeit hat der hellenistischen Astrologie viel zu verdanken. Und
es ist auch klar, daß in den zwei oder drei Jahrhunderten
zwischen den letzten bekannten hellenistischen und den ersten bekannten
arabischen Astrologen eine neue Strömung hinzukam. Dies war
wahrscheinlich der persische Strang der Astrologie. Und die arabische
Astrologie ist der unmittelbare Vorgänger der westlichen Astrologie
von heute. So könnte unsere Astrologie tatsächlich der
Nachfolger dieser dritten Strömung der antiken Astrologien
sein.

Eine
abschließende Bemerkung über die beiden Tierkreise
Wir haben weiter oben in diesem Aufsatz ausgeführt,
daß die ersten babylonischen Geburtshoroskope im siderischen
Zodiak erstellt wurden. Auch die Hindu-Astrologen benutzen traditionellerweise
den einen oder anderen siderischen Zodiak. Die ganze Angelegenheit
ist ebenso kontrovers wie die Frage, was die Hindu-Astrologie der
mittelöstlichen Astrologie verdankt. Doch in diesem Aufsatz
ist nicht der Platz, um dieses Mal tiefer in die Materie einzusteigen.
In früheren Schriften (des Project Hindsight) haben wir festgestellt,
daß die Frage nach dem Zodiak in der Antike von keiner großen
Bedeutung war. Dieser Meinung sind wir noch immer. In einem künftigen
Aufsatz werden wir uns intensiver damit auseinandersetzen. Für
den Augenblick lassen wir es damit bewenden festzustellen, daß die
Angelegenheit weit davon entfernt ist, zugunsten des einen oder anderen
Zodiaks entschieden zu sein.
Copyright 1996 by Robert Hand.
Robert Hand übersetzt seit langer Zeot antike und mittelalterliche astrologische
Texte für das Project Hindsight. Über 2000 Seiten Übersetzung
und Kommentar wurden bereits veröffentlicht. Wer an weitergehenden Informationen über
das Project Hindsight interessiert ist, konsultiere folgende Seite im Web:
http://www.projecthindsight.com
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