Autorinnen und Autoren
Interview mit Liz Greene
Das Horoskop "Beruf und Berufung"

"Die innere Berufung hat wenig mit der Lohnhöhe zu tun, sie spiegelt vielmehr die Suche nach einem sinnerfüllten Leben."

P.I.:
Liz Greene, Ihre neue Horoskopdeutung "Beruf und Berufung" ist seit November 2000 veröffentlicht.. Was können Ihre Leser und Leserinnen erwarten?

Liz Greene:
Viele Menschen sind hilflos, wenn sie einen Beruf wählen sollen, weil sie sich selbst zu wenig kennen. Schon während der Ausbildung probieren sie, sich ganz nach den Bedürfnissen des Marktes zu richten. Sie versuchen, einen Beruf mit guten Verdienstmöglichkeiten zu finden, oder einen, der nicht so schnell vom Arbeitsmarkt verschwinden wird. Nach solchen Kriterien treffen sie eine Wahl. Viele fragen gar nicht nach einem befriedigenden Berufsleben. Beruf und Berufung Ich finde aber, dass man sich dieser Frage von Innen her nähern sollte. Bevor junge Menschen überhaupt beginnen, sich mit der Auswahl einer Lehre oder eines Universitätsstudiums zu befassen, sollten sie etwas über sich selbst erfahren. Sie sollten wissen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen, welche Fähigkeiten sie haben, und was sie von Herzen gerne tun. Nur so können sie eine kluge Wahl treffen. Die innere Berufung hat wenig mit der Lohnhöhe zu tun, sie spiegelt vielmehr die Suche nach einem sinnerfüllten Leben. Ein solches Leben wird erst möglich, wenn das Herz mitredet und man seine Tage mit einer Arbeit füllt, die einem wirklich etwas bedeutet - statt nur die Monatsrechnungen begleichen zu wollen. Man kann seine Fähigkeiten dann in Übereinstimmung mit dem eigenen Wesen ausweiten. Das neue Horoskop bietet auf dieser Ebene Unterstützung. "Beruf und Berufung" soll eine psychologische Auseinandersetzung mit diesem Thema ermöglichen.

P.I.:
Erhalten die Leser und Leserinnen konkrete Ratschläge über passende Stellen?

Liz Greene:
Das Geburtshoroskop kann keine genaue Beschreibung einer "richtigen" Stelle liefern. Die Deutung macht keine spezifischen Angaben, sie zeigt allgemeine Richtlinien auf. Es gibt, zum Beispiel, Leute, die sehr sensibel und feinfühlig sind, und denen das Wohl ihrer Mitmenschen sehr am Herzen liegt. Sie haben eine Begabung dafür, mit Menschen zu arbeiten. Darin liegt ihre Berufung. Es gibt mehrere Tätigkeitsfelder, die einer solchen Berufung entsprechen können, sie könnten eine therapeutische Arbeit ausüben, könnten Berater sein, Lehrer sein, oder in gewissen Bereichen der Justiz tätig sein. Es wird leichter sein, das Passende zu finden, wenn die allgemeine Richtung stimmt.

K.B.:
Spielen bestimmte Planeten und Konstellationen in dieser Interpretation eine besonders wichtige Rolle?

Liz Greene:
Teilweise, ja. Aber das ganze Horoskop muss berücksichtigt werden. Die traditionelle Astrologie betrachtet in diesem Zusammenhang etwa das zehnte und das sechste Haus, oder das Zeichen an der Himmelsmitte. Das funktioniert aber eigentlich nicht. Eine Berufung ist Ausdruck des ganzen Menschen, es sollten so viele Teile dieser Person wie nur möglich mit einbezogen werden. Die Sonne im Horoskop ist mir in diesem Zusammenhang wichtig, da alles, was die Sonne betrifft, mit dem Gefühl der Einzigartigkeit eines jeden Menschen zusammenhängt, und mit der Wahrnehmung seines ganz besonderen Schicksals. Das ist aber nur ein Teil der Analyse, es geht wirklich um das ganze Horoskop.

"Eine abwechslungsreiche Laufbahn kann als Suche nach dem richtigen Beruf verstanden werden, es kann aber auch verschiedene Formen für den gleichen Inhalt darstellen."

P.I.:
Welche Themen werden besprochen?

Liz Greene:
Der erste Programmteil beschreibt die allgemeine Lebenseinstellung der Person, wie sie sich und die Welt wahrnimmt, und die Stärken, die sie schon aufgrund ihres Temperaments mitbringt. Es gibt ja Menschen, die eher rationale Werte haben, es gibt Empfindungstypen, es gibt Leute, die sich nach ihren Intuitionen richten, oder andere, die sich über ihr Gefühlsleben wahrnehmen. Im ersten Teil wird der grundlegende Persönlichkeitstyp wiedergegeben. Es ist offensichtlich, dass gewisse Temperamente in bestimmten Berufssparten zu Hause sind. Eine Person mit einem sehr wachen, neugierigen Geist wird sich, zum Beispiel, in einer Anstellung äusserst unwohl fühlen, wo sie den ganzen Tag lang Briefe in Umschläge steckt, oder einer ähnlich monotonen Beschäftigung nachgeht. So eine Arbeit ist für einen solchen Typ unerträglich.

Im zweiten Teil geht es um bestimmte Fähigkeiten und Begabungen. Vor dem Hintergrund des ganzen Horoskops werden einzelne Faktoren im Detail besprochen. Es geht um Themen wie das Können des Einzelnen und um das Arbeitsumfeld, welches zu ihm passt. Es gibt Leute, die im Team gut funktionieren, andere, die klar strukturierte Institutionen schätzen, und wieder andere, die am liebsten alleine arbeiten. Solche Fragen finden hier eine Antwort.

Im nächsten Teil werden Grenzen, Begrenzungen und Konflikte erwähnt, die eventuell beachtet werden sollten. Es geht hier nicht um "Fehler", oder um Dinge die immer "falsch" laufen - jeder findet irgendwo seine Grenzen. Meist entspringen diese Schwierigkeiten einem mitgebrachten Thema, es hat keinen Sinn, sie einfach verleugnen zu wollen. Statt dessen sollte man versuchen, kreativ mit diesen Begrenzungen umzugehen, mit ihnen zu arbeiten und sie vielleicht sogar zum eigenen Vorteil einzusetzen.

Der letzte Abschnitt ist dreigeteilt. Der erste Teil beschreibt, wie die Person mit anderen zusammenarbeitet und geht auf den Umgang mit Arbeitsbeziehungen ein. Es kann, zum Beispiel, vorkommen, dass ein Angestellter eigentlich nur ungerne in der Gesellschaft anderer ist, oder allzu kontrollierend auf seine Mitarbeiter wirkt. Danach kommt ein Abschnitt über spezifische Ängste oder Befürchtungen im Zusammenhang mit Leistung und Erfolg, falls solche im Horoskop angedeutet sein sollten. Hier werden tiefliegende Unsicherheiten aufgespürt und sorgfältig betrachtet.

Im letzten Teil geht es um den Erfolg. Erfolg zu haben bedeutet jedem Menschen etwas anderes. Manchen ist der materielle Erfolg wichtig, sie fühlen sich wohl, wenn Bankkonto und Eigenheim immer voller werden. Anderen bedeuten diese Dinge überhaupt nichts - sie empfinden sich als erfolgreich wenn sie anderen helfen und sich nützlich machen oder eine künstlerische Vision verwirklichen können. Hier werden die tiefsten Werte der Person beschrieben. Wenn wir uns nach diesen richten und sie umsetzen, werden wir bestärkt in dem Gefühl, das Beste aus unserem Leben zu machen.

P.I.:
Kann sich eine Berufung im Laufe der Zeit ändern?

Liz Greene:
Oberflächlich betrachtet mag es so aussehen, ja. Wechsel und Veränderungen der Berufsrichtung kommen ständig vor, und manche brauchen sehr viel Zeit bis sie überhaupt eine Richtung finden. Trotzdem, tief im Innern, bleibt der Mensch unverändert. Eine abwechslungsreiche Laufbahn kann als Suche nach dem richtigen Beruf verstanden werden, es kann aber auch verschiedene Formen für den gleichen Inhalt darstellen. Wenn eine Frau, zum Beispiel, als Therapeutin ihre Laufbahn beginnt, dann noch Medizin studiert und schliesslich Astrologin oder Naturheilpraktikerin wird, so ist die innere Verbindung ganz deutlich sichtbar. Die äusseren Formen haben alle im gleichen Kern ihren Ursprung. Im Inneren eines jeden Menschen gibt es etwas Unveränderbares, eine gleichbleibende Essenz. Oft entwickelt sich dieser Kern nur sehr langsam und die Berufung wird erst nach der ersten Lebenhälfte sichtbar, oder gar später. Es findet eine andauernde Suche statt, indem verschiedene Situationen ausprobiert werden. Erst wenn der innere Kern einer Person in seinem Beruf einen Ausdruck findet, kann es eine wirkliche Erfüllung in der Arbeit geben.

"Erst wenn der innere Kern einer Person in seinem Beruf einen Ausdruck findet, kann es eine wirkliche Erfüllung in der Arbeit geben."

P.I.:
Es geht also um dasselbe Thema, nur auf verschiedenen Ebenen?

Liz Greene:
Ja, genau. Der eigentliche Zweck dieser astrologischen Arbeit besteht darin, diesen Kern sichtbar zu machen. Das Leben eines Menschen ist immer Ausdruck genau dieser Person, es geschieht nichts aufs Geratewohl. Von aussen betrachtet mag es manchmal ziellos aussehen, wenn sich einer mal für diese Stelle entscheidet, mal für jene. Es besteht aber trotzdem eine Verbindung, und diese wird uns zeigen, wonach diese Person strebt. Wohin führt die Suche? Was ist ihr wirklicher Inhalt? Wenn diese Fragen beantwortet werden können, kann ein Beruf gewählt werden, der dieser Person auf möglichst vielen Ebenen entspricht. Selbst wenn der Kern einer Person sich nicht vollkommen im Beruf spiegeln kann - sie wird dann sagen können: "Das ist der richtige Weg für mich, das ist lohnend und befriedigend!" Dieses Gefühl, am richtigen Ort zu sein, bleibt erhalten, auch wenn es Schwierigkeiten gibt. Es muss "von Herzen kommen", die Dinge des Herzens verändern sich nicht.

P.I.:
Empfehlen Sie, dass Arbeitgeber und Personalchefs dieses Horoskop für professionelle Zwecke einsetzen?

Liz Greene:
Die Horoskopdeutung kann eine wertvolle Hilfe sein, wenn sie mit Vernunft und ohne Vorurteile eingesetzt wird. Eine solche Anwendung setzt ein gewisses Niveau des Arbeitgebers voraus, damit kein starres Urteil gefällt wird. Dieser Horoskopinterpretation kann man nicht entnehmen, ob jemand eine gute Mitarbeiterin sein wird oder nicht. Bis eine Angestellte ihr volles Potential verwirklicht, kann allerhand dazwischenkommen. Es könnten sich vielleicht im Verlauf der Zeit gewisse Konflikte im Büro entwickeln, oder sie könnte sich dafür entscheiden, ein Kind zu bekommen. Wenn eine Arbeitnehmerin gesucht wird, die sich gerne leiten lässt und gewissenhaft Routinearbeiten erledigen muss, sollte der Arbeitgeber sich bemühen, eine Person zu finden, deren Temperament diesen Anforderungen entspricht. Es gibt nämlich Temperamente, die mit einer solchen Struktur Probleme haben werden. Sollte eine Person eingestellt werden, die diesen Anforderungen nicht entspricht, wird sie vielleicht immer mehr wollen, und darauf warten, sich einzubringen. Wenn die Stelle ihr nicht das bietet, was sie braucht, wird sie wieder gehen. Das Wissen um solche Veranlagungen kann dem Arbeitgeber sehr nützlich sein. Es geht dabei nicht um eine irgendwie geartete Verurteilung der Person, sie hat vielleicht einige Fähigkeiten, die der Arbeitgeber an diesem Ort nicht einsetzen kann. Sie könnte aber auch die gefragten Eigenschaften mitbringen. Die Analyse kann also in diesem Rahmen sehr viel bringen. Man sollte aber immer bedenken, dass sie nicht im Sinne einer Vorverurteilung eingesetzt werden sollte, und dass sie Unvorhersagbares nicht vorhersagen kann.

"Die Technologien der Arbeitswelt entwickeln sich so schnell, dass viele Tätigkeiten in den nächsten Jahren als Arbeit wegfallen werden. Da ist ein Bewusstsein der eigenen Mitte um so wichtiger."

K.B.:
Die Anforderungen der Arbeitswelt verändern sich so schnell - wie sollen Menschen noch zu einer Berufung finden?

Liz Greene:
Ich habe versucht, schon im Aufbau der Deutung diese Frage zu berücksichtigen. Gerade aus diesem Grunde ist es unmöglich, ganz konkret zu werden und eine bestimmte Arbeit oder ein bestimmtes Unternehmen vorzuschlagen. Die Technologien der Arbeitswelt entwickeln sich so schnell, dass viele Tätigkeiten in den nächsten Jahren als Arbeit wegfallen werden. Da ist ein Bewusstsein der eigenen Mitte um so wichtiger, und gerade dieses möchte ich mit diesem Horoskop unterstützen. Die Herausforderung besteht darin, das zu erkennen, was uns wertvoll ist. Selbst wenn die äusseren Formen der Arbeit sich ändern - der Geist, der die individuelle Berufung inspiriert, bleibt der selbe. Sicherlich, es ist schrecklich, wenn die Firma für die man arbeitet untergeht. Aber wer im eigenen Können und Selbstverständnis verwurzelt ist, kann seine Werte auch in einer neuen Tätigkeit wiederfinden. Vielleicht müssen neue Techniken gelernt werden, aber wenn der Kern stimmt, wird die Motivation dafür vorhanden sein.

K.B.:
Es dreht sich also immer um den Kern ...

Liz Greene:
Ja. Das ist, meiner Meinung nach, die wirkliche Bedeutung von "Berufung". Viele sind mit ihrem Arbeitsalltag unzufrieden, weil sie keinen Beruf gewählt haben, der ihnen entspricht. Wer Ritual, Rhythmus und Routine liebt, kann Erfüllung finden, als Maurer zu arbeiten. Dieser Beruf kann eine echte Kunstform sein. Falls irgendwann Backsteine aus unserem Alltag verschwinden, wird er diese Qualität an einem anderen Medium zum Ausdruck bringen können. Lebensziele können nicht von äusseren Umständen diktiert werden. Ob eine Laufbahn zum "Erfolg" führt, ob die Eltern damit einverstanden sind, ob ein Beruf Ansehen verleiht - diese Kriterien entstammen den äusseren Umständen. Statt dessen geht es hier eigentlich um die Frage, wie wir der Welt einen Beitrag leisten können und was uns teuer und lieb ist.

K.B.:
Im Informationszeitalter werden wir dauernd mit Wissen bombardiert, wir werden von Eindrücken überflutet und müssen andauernd dazulernen. Wie sollen wir damit umgehen?

Liz Greene:
Wenn man das Gefühl hat, vom Chaos überflutet zu werden, liegt die Ursache zum Teil darin, dass die eigene Mitte nicht wahrgenommen wird. Man wird erschlagen von Eindrücken und Einfüssen, bis hin zur Fragmentierung. Wo gibt es heute noch gültige Wahrheiten? Kulturelle Verschiebungen, Informationsfluten, der rasante Wandel der Technologien, die Unsicherheiten in der Arbeitswelt - wir befinden uns in einer Zeit grosser Veränderung. Da hilft nur eines - im Inneren des Menschen braucht es einen stabilen, festen Kern. Man muss wissen wer man ist, welche Fähigkeiten zu einem gehören und welche Tätigkeiten dem Herzen entsprechen. Wenn der Kern gut spürbar ist, stellen notwendige Anpassungen kein Problem mehr dar. Sie sind manchmal unangenehm, aber das Leben ist nun mal nicht immer gerecht. Alles hängt davon ab, ob wir die notwendigen Anpassungen bewältigen können, gestützt auf ein solides Wissen, wer wir sind. Wir können uns neue Fertigkeiten aneignen: Wir können lernen, mit einem Computer umzugehen, neue Sprachen zu reden oder neue künstlerische Fertigkeiten zu entwickeln. Aber niemand kann lernen, ein anderer zu sein als er ist.

Dieses Interview wurde Herbst 2000 durchgeführt.
Die Fragen stellten Karin Baasch und Peter Isler.

 

 

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