Eine Landkarte der Seele, Band 2
Einführung in die Psychologische Astrologie, von Clare Martin
Band 2: Aspekte und Häuser im Horoskop

Lektion Fünf: Die Mondknoten

Das menschliche Leben ist weit umfassender, als es unsere Theorien vorsehen. Früher oder später scheint uns etwas auf einen ganz bestimmten Weg zu locken. [1]

Wirft man in den späteren Jahren des Lebens einen Blick zurück auf den Lauf der Tage, so sieht man, wie Begegnungen und Ereignisse, die damals zufällig wirkten, zu den entscheidenden strukturgebenden Zügen einer nicht beabsichtigten Lebensgeschichte wurden, durch die die Möglichkeiten, die im eigenen Charakter lagen, der Erfüllung zugeführt wurden. Man kann sich nur schwer der Auffassung widersetzen, daß sich der Verlauf der eigenen Biographie mit einem geschickt gebauten Roman vergleichen läßt, wobei man sich fragt, wer der Autor der überraschenden Geschichte gewesen sein kann. [2]

Im Zuge unserer Beschäftigung mit der gesamten Achsenthematik möchte ich diese Woche näher auf die Mondknotenachse eingehen. Sie ist neben den Kardinalachsen (der Aszendent-Deszendent- und der MC-IC-Achse) die dritte besonders bedeutsame Achse in unserem Horoskop. Wie immer fangen wir am besten damit an, uns klar zu machen, was die Mondknoten astronomisch gesehen eigentlich sind, denn das ist die Grundlage unserer astrologischen Auffassung und Deutung. Wenn Sie sich Ihre Horoskope ansehen, werden Sie dort zweifellos das Symbol für den nördlichen Mondknoten entdecken.

Mondknoten

Doch das Symbol des südlichen Mondknotens ist auf manchen Ausdrucken nicht enthalten, und das erklärt, warum diese wichtige Achse nicht immer gleich ins Auge springt. Da es sich um eine Achse handelt, befindet sich der südliche Mondknoten genau gegenüber, beziehungsweise in 180 Grad Entfernung vom nördlichen Mondknoten.
Sie sehen auf dieser Grafik, dass die Ebene, in der der Mond die Erde umkreist, etwa fünf Grad gegen die Ebene des Sonnenumlaufs (die Ekliptik) geneigt ist. Die Knotenpunkte sind die Stellen, an denen sich diese beiden Ebenen schneiden. Zwei Mal pro Monat kreuzt der Mond die Ekliptikebene, einmal auf dem Weg nach Norden am nördlichen Mondknoten, und einmal auf dem Weg nach Süden am südlichen Mondknoten.

Die Mondknotenachse

Mondknotenachse

Kreuzt der Mond die Ebene der Ekliptik, so befinden sich Sonne und Mond von der Erde aus gesehen auf einer Linie. Trifft nun ein Voll- oder Neumond halbwegs genau auf einen der Knotenpunkte, kommt es zu einer Finsternis, und Finsternisse sind natürlich machtvolle Himmelsereignisse, denen in der ganzen Geschichte der Astronomie und Astrologie schon immer große Bedeutung beigemessen wurde.
Von alters her sind die Mondknoten als Kopf und Schwanz der Himmelsschlange bekannt - ein Untier, das während der Finsternisse die Sonne oder den Mond verschlingt. Besonders wichtig sind die Mondknoten in der vedischen Astrologie der Inder, bei denen der nördliche Knoten ("Rahu") der Kopf und der südliche ("Ketu") der Schwanz eines Drachens ist. Bestimmt können Sie gut verstehen, warum beide Knoten als gefährliche oder bösartige Punkte angesehen wurden. Mit Finsternissen werden wir uns im nächsten Kurs noch eingehender beschäftigen; heute geht es mir hauptsächlich darum zu zeigen, dass wir bei Finsternissen nach oben, von der Erde und allen unseren alltäglichen Angelegenheiten weg blicken, um diese großen Ereignisse voller Ehrfurcht zu betrachten.

Die Schlange am Himmel

Teilnehmerin: Diese Punkte klingen ziemlich beängstigend.

Clare: Ja, auch weil sie sowohl in der vedischen als auch in der westlichen Astrologie schon immer mit dem Schicksal und schicksalhaften Ereignissen in Verbindung gebracht wurden. Traditionell stehen Finsternisse für tragische Ereignisse, Katastrophen und Todesfälle, insbesondere für den Tod des Königs. Ich denke, wir als psychologische Astrologinnen und Astrologen müssen hier zu einem anderen Verständnis finden.
Nachdem wir nun festgestellt haben, wo die Mondknotenachse bei jedem von uns verläuft, ist die nächste Frage, wie sie zu deuten ist, und diese Frage ist um einiges schwerer zu beantworten.

Teilnehmerin: Deuten wir die Knoten so ähnlich wie den Mond?

Clare: Nun, eigentlich sind die Knoten - außer während einer Finsternis - leere Orte im Raum, eben Schnittpunkte, und deshalb sollten wir der Versuchung widerstehen, sie einfach wie Planeten zu deuten. Sie haben offenbar eine zutiefst metaphysische Bedeutung, denn nur an diesen Orten können Sonne, Mond und Erde sich in einer Linie aufreihen, und daher scheinen die Knoten - sowohl individuell als auch kollektiv - der symbolische Treffpunkt von Geist, Seele und Materie zu sein. Eine andere wichtige Eigenschaft der Mondknotenachse ist, dass sie entgegengesetzt zur Bewegungsrichtung der Sonne und aller anderen Planeten fortschreitet. Die Kardinalpunkte und Planeten bezeichnen mit ihrer Bewegung entgegen dem Uhrzeigersinn, wie wir auf die Welt um uns bezogen sind. Die Aszendent-Deszendent- und die MC-IC-Achse sind unsere Tore zur Welt und zeigen unser Bemühen, uns aus der elterlichen Matrix zu lösen, unsere Wurzeln und unseren angestammten Platz in der Welt zu finden und uns durch unsere Beziehungen zu definieren. Im Gegensatz dazu bewegt sich die Mondknotenachse im Uhrzeigersinn durch unser Horoskop. Mit der Dramatik des Lebens hat sie nicht allzu viel zu tun. Vielmehr scheint sie ein Zugang zu anderen Dimensionen zu sein, in denen wir manchmal einen Blick auf das Ziel und die Struktur unserer Seele erhaschen oder unsere Eigengesetzlichkeit, den tieferen Sinn und Zweck unserer Existenz erspüren können - und dieser kann sich sehr stark von den bewussten oder weltlichen Zielen unterscheiden, die wir uns stecken.
Zweifellos ist die Mondknotenachse von größter Bedeutung für unser Leben. Bei dieser Achse geht es um Spannungen und Zwänge, und es scheint, dass in ihrem Umkreis stets auch etwas "Schicksal" und "Fügung" in der Luft liegt. Richard Idemon schreibt: "Es scheint, dass uns das Leben immer wieder zu dieser Achse zurückführt, damit wir etwas ganz Bestimmtes erledigen". [4] Wer von Ihnen kennt die Mondknoten bereits, und woran denken Sie, wenn Sie die Knoten im Horoskop sehen?

Teilnehmerin: An Lektionen, die wir lernen müssen.

Teilnehmerin: Vergangenheit und Gegenwart. Die Mondknoten haben etwas mit der Zeit zu tun - am südlichen Knoten müssen wir uns mit der Vergangenheit befassen, am nördlichen mit der Zukunft.

Teilnehmerin: Der nördliche Mondknoten ist das, wozu wir werden wollen.

Teilnehmerin: Hat es nicht auch mit Reinkarnation zu tun?

Teilnehmerin: Es geht um Begegnungen mit besonderen Menschen.

Clare: Entfernen Sie die Knotenachse doch einmal vorübergehend aus Ihrem Horoskop. Wie fühlt sich das für Sie an?

Teilnehmerin: Richtungslos.

Teilnehmerin: Wir verlieren unsere Seele.

Clare: Das ist ja interessant! Ohne die Mondknotenachse verlieren wir also unsere Richtung und unsere Seele! Schauen wir uns noch die anderen Dinge an, die erwähnt wurden. Die Mondknoten wurden zwar ursprünglich als bösartig angesehen, doch irgendwann im Lauf der Entwicklung der westlichen Astrologie polarisierte sich die Deutung. So wird zum Beispiel in der traditionellen Stundenastrologie ein Planet durch die Konjunktion mit dem nördlichen Mondknoten gestärkt oder gesteigert, wogegen er durch die Konjunktion mit dem südlichen Mondknoten verletzt oder abgeschwächt wird. Außerdem fing man an, den nördlichen Mondknoten als "Entwicklungsweg", als schicksalhafte Lebensrichtung zu deuten; der südliche Mondknoten wurde als "regressiver Pfad" aufgefasst, als unsere Vergangenheit oder die Richtung, aus der wir kommen.
Für die westliche Astrologie war es wohl Alan Leo, der die besondere Verbindung zwischen Mondknotenachse und Karma hergestellt hat. Die theosophische Bewegung, aus der die Astrologie zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts wiedergeboren wurde, stand unter dem Einfluss indischer Kultur und Religionen. Als Astrologe war Alan Leo sehr bemüht, der westlichen Astrologie neues Leben einzuhauchen, und als Theosoph war er davon überzeugt, dass es nur im Kontext von Karma, früheren Leben und Reinkarnation möglich sei, das Geburtshoroskop richtig zu verstehen. Wir müssen hier unbedingt gleich feststellen, dass uns das Horoskop an sich zu diesem Thema nichts zu sagen hat. Ein Horoskop ist nur ein Horoskop. Die Bedeutung, die wir ihm beimessen, hängt sowohl vom jeweiligen kulturellen und historischen Hintergrund als auch von der individuellen Philosophie und Weltanschauung der betreffenden Astrologinnen und Astrologen ab.
Und damit haben wir ein spannendes Rätsel geerbt, denn die westliche Astrologie hat seit Alan Leo enorme Fortschritte gemacht. Da wir Astrologie nicht mehr in der Begrifflichkeit von Ursache und Wirkung verstehen, scheint unsere Deutung der Mondknoten doch recht zurückgeblieben zu sein. Zum Beispiel deuten wir ja meist nicht das ganze Horoskop aus karmischer Perspektive, oder? Bei der Deutung einer Saturn-Mars-Konjunktion würden wir uns wohl kaum fragen, ob der betreffende Mensch in einem früheren Leben vielleicht ein Mörder war - so arbeiten wir heutzutage einfach nicht mehr.

Mondknoten

Teilnehmerin: Hoffentlich nicht, denn ich habe selbst eine Saturn-Mars-Konjunktion.

Clare: Lassen Sie uns noch einmal auf die Grafik zurückkommen. Sie sehen, dass der nördliche Mondknoten der Punkt ist, an dem der Mond in die nördliche Hemisphäre "aufsteigt"; der südliche Mondknoten ist dagegen der Punkt, an dem der Mond in die südliche Hemisphäre "absteigt". Vielleicht ist das der Grund dafür, dass der nördliche Mondknoten mit dem spirituellen Weg in Verbindung gebracht wurde, denn laut unserer astrologischen Symbolik ist das Spirituelle grundsätzlich solarer Natur und hat mit Höhe, Licht und Transzendenz zu tun. Das Spirituelle ist abstrakt, linear und vertikal, es ruft uns vorwärts, nach außen und nach oben.

So wurde der nördliche Mondknoten mit unserer individuellen heroischen Suche gleichgesetzt, die zur Erfüllung unseres spirituellen Schicksals von uns verlangt, dass wir unseren persönlichen Willen entwickeln. Daher wird oft angenommen, der südliche Mondknoten sei regressiv und würde uns tendenziell zurück und nach unten ziehen und uns von unserem spirituellen Weg abbringen. So kam es, dass sich eine Trennung in Gut und Böse, in Zukunft und Vergangenheit, und damit eine Art moralischer Imperativ in unsere Deutungen eingeschlichen hat. So kommt es selbst unter Astrologinnen und Astrologen, die sonst sehr psychologisch orientiert sind, durchaus vor, dass sie bei der Deutung der Mondknotenachse Ausdrücke wie "sollte" und "müsste" verwenden.
Wenn wir uns aber wieder den tatsächlichen astronomischen Eigenschaften der Mondknoten zuwenden, sehen wir, dass es sich um die Treffpunkte von Sonne, Mond und Erde handelt; daher sind sie der symbolische Ort des Zusammenkommens von Geist, Seele und Körper - Grenzbereiche also, in denen Gegensätze zusammenkommen und verschmelzen. Aus alchemistischer Perspektive repräsentieren die Mondknoten die heilige Hochzeit der Sonne mit dem Mond, des männlichen Prinzips mit dem weiblichen, das mysterium coniunctionis als Ziel des alchemistischen großen Werks. Während unseres ganzen Lebens sind beide Mondknoten gleichermaßen betont; sie sind gleichermaßen aktiv, denn Sonnen- und Mondfinsternisse ereignen sich an beiden Knotenpunkten. Die vielleicht beste Darstellungsweise für diesen Sachverhalt ist diese Grafik, in der die Doppelspirale der DNS völlig symmetrisch als Schlangenpaar gezeigt wird. [5]

Schlangen

Es ist ganz natürlich, dass wir aufgrund der Funktionsweise unseres Verstandes gern in unser gewohntes entweder-oder-Denken verfallen. Dennoch ist es wichtig, möglichst nicht zu polarisieren, auch wenn wir wissen, dass Sonne und Mond Gegensätze darstellen - wir wissen nämlich auch, dass Gegensätze sich bedingen, ergänzen und von einander abhängig sind. Bitte sehen Sie sich diese Gegenüberstellung von Begriffen an, die mit Sonne und Mond in Verbindung gebracht werden.

Sonne
Mond
Geist
Seele
linear
kreisförmig
vertikal
horizontal
fokussiert
diffus
Zeit
Raum
Einheit
Vielheit
Transzendenz
Immanenz
Wille
Schicksal
individuell
kollektiv
Licht
Dunkelheit
Verstand
Körper

Sehen wir uns die lunare Seite dieser Tabelle an. Der Mond wird symbolisch mit der Seele in Verbindung gebracht und für diffus, immanent und kollektiv gehalten. Er ist kreisförmig und dunkel, und er hat mit dem Körper und der Materie zu tun. Er ruft uns abwärts in unser Horoskop, in die Natur und in unsere Inkarnation. Und da die Mondknoten auch die Punkte sind, an denen Sonne und Mond zusammenkommen - Orte, an denen Gegensätze mit einander verschmelzen -, müssen wir bei unseren Deutungen beide Spalten der Tabelle berücksichtigen.

Teilnehmerin: Ja, jetzt verstehe ich! Offenbar verwenden wir bei der Betrachtung der Mondknoten überwiegend solare Begriffe beziehungsweise eine solare Blickweise.


  1. Hillman, James, The Soul's Code: In Search of Character and Calling. Dt.: Charakter und Bestimmung. Eine Entdeckungsreise zum individuellen Sinn des Lebens
  2. Campbell, Joseph, The Inner Reaches of Outer Space: Metaphor as Myth and as Religion. Dt.: Die Mitte ist überall
  3. Darstellung aus: West, John Anthony, Serpent in the Sky: The High Wisdom of Ancient Egypt. Dt.: Die Schlange am Firmament: die Wahrheit des Alten Ägypten
  4. Idemon, Richard, The Magic Thread: Astrological Chart Interpretation Using Depth Psychology [hereafter Idemon, The Magic Thread], p. 105.
  5. Wills, Christopher, 'Exons, introns and talking genes', in Narby, Jeremy, The Cosmic Serpent: DNA and the Origins of Knowledge. Dt.: Die kosmische Schlange - Auf den Pfaden der Schamanen zu den Ursprüngen modernen Wissens. Stuttgart 2001
  6. Baring and Cashford, p. 681.
  7. Raine, Kathleen and George Harper (eds), Thomas Taylor the Platonist: Selected Writings, quoted in Harpur, Patrick, Daimonic Reality, A Field Guide to the Otherworld (Enumclaw, WA: Pine Winds Press, 1992) [hereafter Harpur, Daimonic Reality], p. 49.
  8. Ebertin, Reinhold, The Combination of Stellar Influences, trans. Alfred G. Roosedale. Dt.: Kombination der Gestirnseinflüsse [1960]).
  9. Hillman, James, The Soul's Code: In Search of Character and Calling. Dt.: Charakter und Bestimmung. Eine Entdeckungsreise zum individuellen Sinn des Lebens
  10. Yeats, W. B., Mythologies, zitiert in Harpur, Daimonic Reality, p. 40.

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Das Buch Eine Landkarte der Seele, Band 2

Erstveröffentlichung 2007 durch CPA Press, BCM Box 1815, London WC1N 3XX, Copyright © 2007, Clare Martin.
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