Clare: Die Mondknoten bezeichnen - von der Erde aus gesehen - die beiden Punkte, an denen Sonne und Mond sich begegnen und zusammenkommen, an denen sich ihre Wege kreuzen, an denen Geist und Seele sich vereinen. Wir sehen, dass die Mondknotenachse gleichermaßen solarer wie lunarer Natur ist und dass sie daher sowohl persönliche als auch kollektive Bedeutung hat. Kollektiv gesehen haben alle Menschen, die innerhalb eines bestimmten 18-Monats-Abschnitts geboren sind, die Mondknotenachse in den gleichen beiden Tierkreiszeichen. Wir haben uns letzte Woche mit den sechs Zeichenachsen beschäftigt, wobei es sich als unsere Aufgabe herausstellte, dass wir - sofern wir alchemistisch an der Entwicklung des individuellen und kollektiven Bewusstseins arbeiten - versuchen müssen, die beiden gegensätzlichen Pole der Achse, auf der wir geboren wurden, zu integrieren. Wir können sagen, dass wir in eine bestimmte Polarität, in ein unerlöstes, gestörtes Gleichgewicht des Kollektivs hinein geboren wurden; daher bedeutet unser persönliches Bemühen, die Gleichwertigkeit beider Seiten einer beliebigen #archetypischen Polarität anzuerkennen, einen Beitrag für das ganze Menschheitsprojekt zu leisten, "denn das Fortbestehen der Natur hängt letzten Endes von der Art des Bewusstseins ab, mit dem wir uns auf sie beziehen."
Wenn wir noch weiter in die kollektive, lunare Seite der Mondknotenachse eintauchen, stoßen wir in den westlichen Mysterientraditionen, innerhalb deren sich die Astrologie entwickelt hat, auf jenen kollektiven Aspekt der Seele, der als anima mundi oder Weltseele bekannt ist - eine Dimension der Realität, die atmet und überaus lebendig ist. Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass die Mondknotenachse eine Tür oder Schwelle zwischen der manifesten, körperlichen Welt und der Weltseele, der anima mundi ist. Die "Weltseele" ist selbst eine GrenzgA¤ngerin und vermittelt zwischen den Bereichen des Göttlichen und des Menschlichen; sie ist nicht nur "voller Götter", wie Proclus schrieb, sondern sie scheint sich erstaunlicherweise auch für uns zu interessieren. Vielleicht sind wir gar nicht so allein wie wir meinen. Die Existenz dieses durchlässigen Zwischenreichs wurde vor langer Zeit einmal als gegeben vorausgesetzt. Die eher mystischen alten griechischen Philosophen glaubten an eine ganze Reihe von Mittelsleuten und Botschaftern - Archonten und Daimonen - die sich in den Grenzbereichen zwischen dieser und jenen anderen Welten aufhielten und sowohl persönliche als auch unpersönliche Bedeutung hatten.
Teilnehmerin: Das klingt ein bisschen nach der "Anderswelt" aus der keltischen Überlieferung.
Clare:Ja, und natürlich gibt es diese Zwischen-
und Anderswelten in allen Kulturen
und Überlieferungen, von denen ich nur einige wenige anführen möchte.
Im tibetanischen Buddhismus sind es die Bardos, die Bereiche zwischen
Leben und Tod; bei den australischen Ureinwohnern sind sie als
Traumzeit bekannt; in der Kultur der Hindus ist es die Akasha-Chronik - ein
riesiger Gedächtnisspeicher, der der ganzen Menschheit gehört und innerhalb
dessen wir unmittelbar an jeden beliebigen Ort oder Zeitpunkt der
menschlichen Geschichte reisen können. In der westlichen Tradition heißt dieser
Bereich anima mundi. Der Zugang zu
den Anderswelten erfolgt in der Imagination, in Mythen, Geschichten,
Träumen und veränderten Bewusstseinszuständen. Diese Welten sind zu Zeiten
und an Orten des Übergangs, an Wegscheiden oder Schwellen in unserem
Leben, oder in den Momenten zwischen Schlaf und Wachen besonders gut
wahrnehmbar. Wenn Sie Erfahrung mit Rebirthing, Regressionstherapie oder
schamanischen Praktiken haben, sind Sie zweifellos schon mit diesen Bereichen
vertraut, in denen weder Zeit noch Raum unserer gewohnten Normalität
entsprechen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestehen zugleich,
immer und überall, hinter und unter der Oberfläche unserer alltäglichen
Wahrnehmung. Dies ist ein unbekanntes und doch merkwürdig vertrautes
Gebiet. Wenn wir die Anderswelten besuchen, haben wir Zugang zu einem
immensen persönlichen und zugleich kollektiven Erfahrungsschatz, der
sowohl etwas Individuelles ist als auch der ganzen Menschheit gehört.
So gesehen können wir die Mondknoten als Treffpunkt temporaler, zeitgebundener
Dimensionen mit jenen räumlichen Dimensionen auffassen, in denen sich
unablässig die gesamte menschliche Erfahrung abspielt.
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