Eine Landkarte der Seele, Band 2
Einführung in die Psychologische Astrologie, von Clare Martin
Band 2: Aspekte und Häuser im Horoskop

Die Zwillinge-Schütze-Achse

Herrscher: Merkur und Jupiter

Zugeordnete Häuser: III/IX

Auf der veränderlichen Luft-Feuer-, Zwillinge-Schütze-Achse begegnen uns als Planetenherrscher Merkur und Jupiter. Hier geht es zum einen um das Lernen, das Sammeln von Informationen und Wissen, und zum anderen um dessen Weitergabe und Verbreitung. Diese Achse des Erforschens betrifft die Beziehung zwischen Nachricht und Bedeutung, zwischen Fakten und Wissen, zwischen dem Schüler und dem Lehrer, zwischen Grundschule und Universität. Die Pole dieser Achse ergänzen und vervollständigen einander, denn wenn der Zwillinge-Pol den Bezug zum Gesamtzusammenhang, zum Wert und Sinn der gesammelten Information verliert, kann alles trivial, oberflächlich und bedeutungslos werden und sogar in Nihilismus münden. Verliert andererseits Schütze den Bezug zur Unvoreingenommenheit und den relativen Wahrheiten von Zwillinge, so können aus dem Gefühl des privilegierten Zugangs zur einen Wahrheit Arroganz und Fundamentalismus entstehen.
Diese Thematik wird in Horoskopen spürbar, in denen mehrere Planeten in Zwillinge oder Schütze oder im dritten oder neunten Haus stehen, oder in denen diese zwei Zeichen auf eine der beiden Kardinalachsen fallen. Identifizieren wir uns ausschließlich mit der Zwillinge-Seite dieser Achse, so verharren wir möglicherweise in einer Art ewiger Kindheit oder werden zum ewigen Studenten, wir leben ein provisorisches Leben, das es uns gestattet, unverbindlich zu bleiben und niemandem Rechenschaft abzulegen, wir verweigern jegliche Festlegungen. Daraus kann schließlich genau die Falle werden, die wir unbedingt vermeiden wollten, denn da ist die Weigerung, zu reifen oder etwas Sinnvolles zu der Gesellschaft beizutragen, in der wir leben. Wenn wir uns andererseits ausschließlich mit der Schütze-Seite dieser Achse identifizieren, wird sich unsere Sinnsuche, unser Verlangen nach Weisheit und dem philosophischen Feuer ungehindert so lange ausbreiten, bis sie uns zu überwältigen droht. Wenn wir nicht mehr objektiv sind und die Tatsachen aus den Augen verlieren, so verlieren wir auch zunehmend den Bezug zu eben jenem Gefühl des Visionären und Bedeutungshaften, das uns so wichtig war. Zu dieser Entfremdung kommt es, weil uns der richtige Blickwinkel fehlt oder wir es nicht gelernt haben, unsere Vision in Worte zu fassen; weil wir sie nicht objektiv mit anderen diskutieren können, sie nicht mit anderen geistigen Strömungen vergleichen und sie auch nicht weitergeben können. Vielleicht wünschen wir uns dann auch Gefolgsleute und Schüler, die nichts hinterfragen, und werden schließlich in Bezug auf unsere Autorität, unseren Status und unsere Bedeutung immer mehr von ihnen abhängig. Ist diese Achse stark polarisiert, so können beide Pole zur Falle werden, was eigentlich nicht zum veränderlichen Wesen dieser Zeichen passt.

Teilnehmerin: Heißt das, dass man auf der Zwillinge-Seite dieser Achse zum Schüler wird und somit Lehrer anzieht?

Raffael, Die Schule von Athen

Plato unterweist Aristoteles in Raffaels Fresko 'Die Schule von Athen' (1509-10)

Clare: Ja, wobei Sie dann allerdings Ihre eigene innere Lehrerin, Ihre Weisheit und Ihr Wissen auf andere projiziert hätten.

Teilnehmerin: Also muss man die eigene Weisheit und Sinnsuche entwickeln? Aber dann brauchte man ja nie mehr etwas von anderen zu lernen.

Clare: Auf einer veränderlichen Achse wie dieser gibt es keinen Punkt, an dem wir aufhören zu lernen oder zu forschen. Doch bleibt zu hoffen, dass wir, bevor wir zum nächsten Kapitel fortschreiten, das Gelernte auch aufnehmen können, sodass es mehr und mehr zu einem Teil von uns wird. Wenn diese Achsen aber stark polarisiert sind und projiziert werden, können wir unser Wissen oder unseren Glauben möglicherweise nicht in unser Leben integrieren; dann lehren oder predigen wir vielleicht einfach, was wir wissen und glauben, ohne es jedoch auf uns selbst anzuwenden. Mit anderen Worten: Wir tun nicht, was wir sagen, unsere Worte sind hohl und unsere Götter sind Götzen.

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Das Buch " Eine Landkarte der Seele, Band 2"

Erstveröffentlichung 2007 durch CPA Press, BCM Box 1815, London WC1N 3XX, Copyright © 2007, Clare Martin
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