Auf der veränderlichen Luft-Feuer-, Zwillinge-Schütze-Achse begegnen uns
als Planetenherrscher Merkur und Jupiter. Hier geht es zum einen um das
Lernen, das Sammeln von Informationen und Wissen, und zum anderen um
dessen Weitergabe und Verbreitung. Diese Achse des Erforschens betrifft
die Beziehung zwischen Nachricht und Bedeutung, zwischen Fakten und
Wissen, zwischen dem Schüler und dem Lehrer, zwischen Grundschule und
Universität. Die Pole dieser Achse ergänzen und vervollständigen einander,
denn wenn der Zwillinge-Pol den Bezug zum Gesamtzusammenhang, zum Wert und
Sinn der gesammelten Information verliert, kann alles trivial,
oberflächlich und bedeutungslos werden und sogar in Nihilismus münden.
Verliert andererseits Schütze den Bezug zur Unvoreingenommenheit und den
relativen Wahrheiten von Zwillinge, so können aus dem Gefühl des
privilegierten Zugangs zur einen Wahrheit Arroganz und Fundamentalismus
entstehen.
Diese Thematik wird in Horoskopen spürbar, in denen mehrere Planeten in
Zwillinge oder Schütze oder im dritten oder neunten Haus stehen, oder in
denen diese zwei Zeichen auf eine der beiden Kardinalachsen fallen.
Identifizieren wir uns ausschließlich mit der Zwillinge-Seite dieser
Achse, so verharren wir möglicherweise in einer Art ewiger Kindheit oder
werden zum ewigen Studenten, wir leben ein provisorisches Leben, das es
uns gestattet, unverbindlich zu bleiben und niemandem Rechenschaft
abzulegen, wir verweigern jegliche Festlegungen. Daraus kann schließlich
genau die Falle werden, die wir unbedingt vermeiden wollten, denn da ist
die Weigerung, zu reifen oder etwas Sinnvolles zu der Gesellschaft
beizutragen, in der wir leben. Wenn wir uns andererseits ausschließlich
mit der Schütze-Seite dieser Achse identifizieren, wird sich unsere
Sinnsuche, unser Verlangen nach Weisheit und dem philosophischen Feuer
ungehindert so lange ausbreiten, bis sie uns zu überwältigen droht. Wenn
wir nicht mehr objektiv sind und die Tatsachen aus den Augen verlieren, so
verlieren wir auch zunehmend den Bezug zu eben jenem Gefühl des Visionären
und Bedeutungshaften, das uns so wichtig war. Zu dieser Entfremdung kommt
es, weil uns der richtige Blickwinkel fehlt oder wir es nicht gelernt
haben, unsere Vision in Worte zu fassen; weil wir sie nicht objektiv mit
anderen diskutieren können, sie nicht mit anderen geistigen Strömungen
vergleichen und sie auch nicht weitergeben können. Vielleicht wünschen wir
uns dann auch Gefolgsleute und Schüler, die nichts hinterfragen, und
werden schließlich in Bezug auf unsere Autorität, unseren Status und
unsere Bedeutung immer mehr von ihnen abhängig. Ist diese Achse stark
polarisiert, so können beide Pole zur Falle werden, was eigentlich nicht
zum veränderlichen Wesen dieser Zeichen passt.
Teilnehmerin: Heißt das, dass man auf der Zwillinge-Seite dieser Achse zum Schüler wird und somit Lehrer anzieht?
Plato unterweist Aristoteles in Raffaels Fresko 'Die Schule von Athen' (1509-10)
Clare: Ja, wobei Sie dann allerdings Ihre eigene innere Lehrerin, Ihre Weisheit und Ihr Wissen auf andere projiziert hätten.
Teilnehmerin: Also muss man die eigene Weisheit und Sinnsuche entwickeln? Aber dann brauchte man ja nie mehr etwas von anderen zu lernen.
Clare: Auf einer veränderlichen Achse wie dieser gibt es keinen Punkt, an dem wir aufhören zu lernen oder zu forschen. Doch bleibt zu hoffen, dass wir, bevor wir zum nächsten Kapitel fortschreiten, das Gelernte auch aufnehmen können, sodass es mehr und mehr zu einem Teil von uns wird. Wenn diese Achsen aber stark polarisiert sind und projiziert werden, können wir unser Wissen oder unseren Glauben möglicherweise nicht in unser Leben integrieren; dann lehren oder predigen wir vielleicht einfach, was wir wissen und glauben, ohne es jedoch auf uns selbst anzuwenden. Mit anderen Worten: Wir tun nicht, was wir sagen, unsere Worte sind hohl und unsere Götter sind Götzen.
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