Eine Landkarte der Seele
Einführung in die Psychologische Astrologie, von Clare Martin
Lektion Neun: Die Feuer- und Erdzeichen

Ich möchte die Feuer- und Erdzeichen gemeinsam betrachten, da sie gegensätzliche Elemente sind und sich somit gegenseitig herausfordern und ergänzen. Indem wir ein Element mit etwas vergleichen, das es gerade nicht ist, können wir es leichter verstehen. Feuer ist positiv und männlich, Erde ist negativ und weiblich. Wilbers Quadrantenmodell zufolge haben diese beiden Elemente die gleiche persönliche, individuelle Ausrichtung in bezug auf die Welt. Diese Ausrichtung ist beim Feuer subjektiv. Ein Beispiel dafür wäre eine religiöse Erfahrung oder eine persönliche Überzeugung, die für das Individuum zwar absolut real ist, die aber nicht bewiesen werden kann und auch keines Beweises, keiner Erklärung und keiner Rechtfertigung bedarf, eben weil sie für das Individuum wahr ist. Für die Erdzeichen ist die Wahrheit zwar objektiv, aber zugleich auch persönlich, da sie auf die eigene Sinneswahrnehmung der Außenwelt zurückgeht. Wenn die Erde beispielsweise den Geruch, den Geschmack oder die Farbe einer Sache nicht mag, dann war es das – da gibt es nichts zu diskutieren. Sobald wir also wirklich verstehen, wie jedes Element die Welt erlebt und deutet, lernen wir es auch zu schätzen, daß jedes Element seinen ganz eigenen Platz in einem größeren Ganzen innehat.

Feuer ist natürlich heiß, aber es ist auch magnetisch – es zieht uns an. Wenn Sie jemals an einem großen Feuer gestanden oder vor einem offenen Kamin gesessen sind, haben Sie diese Faszination bestimmt gespürt. Wenn wir die Flammen beobachten, versetzen sie uns in einen trance-artigen Zustand, der uns von der „realen Welt“ weg und in die Welt unserer Vorstellungen hinein führt. Gerade in unserer Vorstellungswelt fühlen sich die Visionen, Mythen und Phantasien des Feuers am meisten Zuhause. Unsere Vorstellungskraft führt uns in eine Welt, in der alles übertrieben, bunt, überlebensgroß und voll aufregender Möglichkeiten ist. Und aus der Vorstellungswelt beziehen die Feuerzeichen auch ihre ansteckende Wärme und ihre Begeisterung, angespornt von einem einzigartigen, persönlichen Gefühl der Verbundenheit mit einer großartigen Vision, einer spirituellen Suche, einem großen Bild als Umrahmung oder Hintergrund ihres eigenen Lebens.

Die Feuerzeichen haben etwas Enthusiastisches, Spontanes, Kindliches. Feuer ist übertrieben, überlebensgroß, und Feuerzeichen müssen mitten in ihren individuellen Dramen und mythischen Träumen leben, wenn sie sich selbst treu bleiben wollen. Feuerzeichen haben ein angeborenes Gefühl ihrer eigenen, einzigartigen Besonderheit, und daraus erklärt sich auch, weshalb sie ein so ungeheures Selbstvertrauen besitzen und Risiken eingehen, vor denen andere zurückschrecken würden – sie sind nämlich von vornherein der Überzeugung, daß sie irgendwie das Glück auf ihrer Seite haben werden. „Objektive Wahrheiten“ wie etwa die statistisch geringen Gewinnchancen im Lotto bedeuten den Feuerzeichen gar nichts und geben oft Anlaß zu Unverständnis, Frustration oder Ungeduld. Selbst wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant und selbst wenn sie hart aufschlagen und Verluste erleiden, haben die Feuerzeichen normalerweise genügend Zuversicht, um sich wieder aufzurappeln und weiterzumachen. Für das Element Feuer geht es in Beziehungen um die Aufregung und Faszination der Jagd, um das noch nicht erfüllte Verlangen nach einem Objekt – sei dies nun eine andere Person oder ein Ideal. Feuer kann und wird keine Einschränkungen hinnehmen, denn es schert sich nicht um Verbindlichkeit und Stabilität. Das ist auch der Grund dafür, warum sich so viele Menschen die Finger verbrennen, wenn sie mit dem Feuer spielen.

In der alchemistischen Bildersprache wird das Element Feuer durch den Salamander dargestellt, von dem man glaubte, er ertrage die Hitze der Flammen aufgrund der Kühle seines Körpers. Dieser Salamander stammt aus Michael Maiers Atalanta fugiens (1618).

Sehr interessant im Zusammenhang mit den Elementen ist auch die Tatsache, daß wir auf sehr konkrete Weise unser Hauptelement schnell verbrauchen und es ständig erneuern müssen, um unseren Energiehaushalt aufrechtzuerhalten. Deshalb brauchen Menschen mit einer Feuerbetonung auf einer sehr grundlegenden Ebene viel Sonne, denn die Sonne als physische Manifestation des Feuers im Sonnensystem erneuert tatsächlich die Energie und Vitalität dieser Menschen. Feuerzeichen müssen „auftanken“ und sich erholen, indem sie sich körperlich betätigen, auf Reisen oder Abenteuer gehen, ein Theaterstück, ein Rockkonzert oder eine Oper besuchen, denn sie brauchen sehr viel Dramatik und Phantasie. Diese Erfahrungen stellen nicht nur ihre Energien, sondern auch ihren Optimismus und ihr Vertrauen zum Leben wieder her. Bekommt das Feuer, was es braucht, so sind seine warme Spontaneität und seine instinktive Großzügigkeit ausgesprochen heilsam für andere, selbst wenn sich Feuerzeichen dessen oft nicht bewußt sind, da dies für sie einfach nur ein Nebenprodukt ihrer natürlichen Vitalität ist. Wenn Sie dagegen selbst nicht viel Feuer haben, stellen Sie vielleicht fest, daß Feuermenschen Ihnen Energie entziehen, da Ihnen deren Gegenwart einfach zuviel ist. Dann ist es Ihre Aufgabe, Spiel und Spaß zu lernen – was keineswegs einfach ist, wenn es Ihnen nicht schon in die Wiege gelegt wurde.

Teilnehmerin:  Das ist ja alles schön und gut, aber die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus, oder?

Clare:  Nun, das hängt ganz davon ab, wo Sie herkommen. Für das Feuer ist dies durchaus die Wirklichkeit, doch Ihre Bemerkung ist ein schönes Beispiel dafür, daß jedes Element sein Gegenteil heraufbeschwört. Gibt es hier noch jemanden, der das Gefühl hat, all diese Begeisterung und Zuversicht müsse sich doch auch etwas in Grenzen halten?

Teilnehmerin:  Für mich klingt es so, als wären diese Feuerzeichen recht selbstsüchtig und unsensibel.

Clare:  Nun, aus der Perspektive des Elements Erde haben Sie recht. Wenn wir uns ganz genau an die grundsätzliche Bedeutung von Feuer und Erde halten, was macht die Erde dann mit dem Feuer?

Teilnehmerin:  Sie löscht es, erstickt es, erdrückt es.

Clare:  Genau. Und doch kann das Feuer paradoxerweise nicht brennen, ohne etwas Gegenständliches wie zum Beispiel Kohle oder Holz zu verbrauchen, die beide zum Element Erde gehören. Das erklärt sowohl die gegenseitige Abstoßung als auch die Anziehung zwischen Feuer und Erde. Sie sind Gegensätze, aber sie sind aufeinander angewiesen. Wir können verstehen, warum die Erde sich gegen das Feuer wehrt und es unter Kontrolle bringen will, denn das Feuer droht die Erde zu verbrauchen, zu verbrennen. Andererseits ist die Erde auf das Feuer als Lebenskraft angewiesen. Ich glaube, in Australien gibt es eine bestimmte Eukalyptusart, die große Hitze wie etwa bei einem Waldbrand braucht, um weiterleben und neues Wachstum hervorbringen zu können. Ein weiteres Beispiel ist der mythische Vogel Phönix, der sich regelmäßig ins Feuer stürzen und auf diese Weise verbrannt und gereinigt werden muß, ehe er wiedergeboren werden kann.

Im Gegensatz dazu sind die Erdzeichen ganz in der Realität des Hier und Jetzt verwurzelt. Sie sind solide, zuverlässig und praktisch, sie beschäftigen sich mit der materiellen Welt und ihren fünf Sinnen. Denken Sie buchstäblich an Erde – alles, was uns erhält, wächst aus der Erde, all unsere Nahrung kommt aus der Erde. Die Erde unterstützt das Leben, und Erdzeichen haben ein starkes Sicherheitsbedürfnis und neigen dazu, konservativ zu sein. Sie sind realistisch. Sie können Dinge umsetzen und dafür sorgen, daß wirklich etwas geschieht. Sie sind ausdauernd und verfügen über ein enormes Durchhaltevermögen. Wenn Realismus und praktische Lösungen gefragt sind, befinden sich die Erdeichen ganz in ihrem Element.

Die Erdzeichen fühlen sich wohl in der natürlichen Welt, sie sind mit ihr verbunden und neigen, anders als die anderen Elemente, nicht dazu, die Bedürfnisse des Körpers nach geeigneter Ernährung, Ruhe und Betätigung zu unterdrücken oder zu unterschätzen. Von allen Elementen sind die Erdzeichen die sinnlichsten und der Sexualität am meisten zugewandt. Auch hier ist die Erde in ihrem Element. Dem gegenüber empfinden viele Feuerzeichen eine aktive Abneigung gegen ihren Körper, der als zu beengend und einschränkend erlebt wird. Der Körper hält uns zurück und will ernährt, bekleidet und ausgeruht sein.

Teilnehmerin:  Wo liegen denn die Beschränkungen der Erdzeichen?

Clare:  Ganz allgemein entsprechen die Beschränkungen der Erdzeichen den Stärken der Feuerzeichen. Die praktischen, realistischen Erdzeichen weisen mitunter einen deutlichen Mangel an Enthusiasmus, Hoffnung, Zuversicht und Optimismus auf, was zu einer Art zynischer Enttäuschung über das Leben führen und ihnen das Gefühl geben kann, die Welt habe sie im Stich gelassen. Vielleicht fehlt es auch an Phantasie und der Fähigkeit zu symbolischem Denken. Im Extremfall kann der „konkrete Denker“ auch zum Bekehrer oder Fundamentalisten werden, was in der Regel kein Ausdruck des Glaubens, sondern vielmehr eines Mangels an Glauben ist.

Das Element Erde wird in Johann Daniel Mylius’ Philosophia reformata (1622) als Ursubstanz dargestellt, die den filius philosophorum, das alchemistische Gold, säugt. Linkerhand der Salamander des Elements Feuer, rechts die zum Element Luft gehörigen Vögel. Die Erde steht mit ihren Füßen im Element Wasser.

Ebenso können die Beschränkungen der Feuerzeichen als Stärken der Erdzeichen beschrieben werden. Für die Feuerzeichen bestehen die Schwierigkeiten in den tausend praktischen Hindernissen, die nur allzu leicht der Phantasie entgegenstehen und sie zunichte machen. Oft gibt es Probleme im Umgang mit den gewöhnlichen Dingen des Alltags. Das Feuer ist schnell von der Welt mit ihren langweiligen Einzelheiten, Verboten, Verkehrsregeln, Rechnungen, Vorschriften und anderen Anforderungen frustriert – ganz zu schweigen von jenen anderen Menschen, die – praktisch, aber nicht besonders hilfreich – auf all die guten Gründe hinweisen, weshalb etwas unmöglich ist. Feuerbetonte Menschen können angesichts einer Einkommensteuererklärung in Panik geraten oder sich ausgesprochen mies fühlen und werden alles tun, um dem irgendwie zu entgehen. Auf ganz eigenartige Weise ist die Einkommensteuererklärung eine Beleidigung für die Feuerperson, die nicht einsehen mag, weshalb sie ihre Existenz rechtfertigen oder irgendwelchen Regeln gehorchen soll, die ja doch nur für gewöhnliche Sterbliche gemacht sind! Feuerzeichen interessieren sich nicht für die eigentliche Realität einer bestimmten Situation, und deshalb können sie sich nicht unbedingt daran erinnern, wo sie die Autoschlüssel hingelegt haben, oder sie gehen ohne Geld aus dem Haus.

Die feurige Vorstellungskraft kann sich ohne jegliche Beschränkung überallhin begeben. Das Feuer kann sich ohne weiteres vorstellen, in den Anden beim Bergsteigen zu sein, vor der Küste Neuseelands mit Delphinen zu schwimmen, in einem Raumschiff zu den Außenbezirken des Sonnensystems vorzudringen oder sich für zehn Jahre in ein japanisches Zenkloster zurückzuziehen; doch um diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen, bedarf es des praktischen Erdelements. Wir müssen genügend Geld verdienen, so daß wir es uns leisten können, unsere Träume zu verwirklichen, wir müssen uns mit Fahrplänen für Züge und Flugzeuge herumschlagen, uns Visa ausstellen lassen und genügend Zeit für den Weg zum Flughafen einplanen, wenn wir nicht zu spät kommen wollen.

Erde ist nicht die einzige Herausforderung für das Feuer. Die Luft- und die Wasserzeichen können sich genauso querstellen. Die subjektive Vision und Begeisterung des Feuers können ganz leicht von der rationalen Faktenanalyse der Luft zunichte gemacht werden, und das Wasser kann der Hitze und dem Enthusiasmus des Feuers eine ordentliche kalte Dusche verpassen. Feuerzeichen können sehr verletzlich sein und einen eigentümlichen Mangel an Durchhaltevermögen aufweisen. Schnell sind sie vom Widerstand der Welt überfordert, so daß man immer wieder einmal auf „ausgelöschte“ Feuerzeichen trifft.

Teilnehmerin:   Liegt das nicht auch an ihrer Selbstsucht und Unkontrolliertheit?

Clare:  Das ist genau die Reaktion oder Urteilsweise, die sie oft hervorrufen. Es gibt eine gewisse Neigung dazu, all diesem Enthusiasmus Grenzen zu setzen, und wenn das zu früh im Leben oder zu wenig einfühlsam geschieht, kann es bleibende Auswirkungen auf die Lebenskraft des betreffenden Menschen haben oder seinen Willen so stark brechen, daß er nicht mehr an sich selbst glaubt. So ein Fall bedeutet Arbeit für den Astrologen. Wenn die natürliche Begeisterung, der Optimismus und der Glaube des Feuerelements an sich selbst nicht wieder angefacht werden, kann es zu einem Zerrbild des Feuers kommen – gewalttätig und destruktiv beim Widder, anspruchsvoll und eifersüchtig beim Löwen oder arrogant und herablassend beim Schützen.

Teilnehmerin:  Wenn es soweit gekommen ist, brauchen die Feuerzeichen also vermutlich eine neue Vision, eine neue spirituelle Aufgabe oder neue Abenteuer?

Clare:  Ja, schlußendlich müssen sie an sich selbst glauben, und sie brauchen andere, die an sie glauben.

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Das Buch"Mapping the Psyche"

Erstveröffentlichung 2005 durch CPA Press, BCM Box 1815, London WC1N 3XX, Großbritannien, www.cpalondon.com.
Copyright ©2005 by Clare Martin.
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