Bewegliche
Erde
- Herrscher: Merkur
- Exil: Jupiter
- Fall: Venus
Jungfrau ist ein kompliziertes Zeichen, das einiges Nachdenken erfordert,
denn obwohl es ein Erdzeichen ist, ist es doch auch beweglich und hat
Merkur als Zeichenherrscher. Das Tierkreiszeichen Jungfrau entspricht der ursprünglichen,
archetypischen großen Göttin vor ihrer Aufteilung in die vielen
verschiedenen Aspekte des Weiblichen. Im Grunde genommen ist die Große
Göttin Jungfrau, das heißt, selbstgenügsam, „in sich
selbst ganz und vollständig“. Dies ist eine Beschreibung von Mutter
Erde, dem weiblichen Aspekt der Lebenskraft selbst, die nichts und niemanden
zu ihrer Vervollständigung braucht. Ein anderer Aspekt der weiblichen
Lebenskraft ist Sophia, die archaische Göttin der Weisheit, von der es
heißt, sie habe schon lange vor dem Auftreten irgendwelcher männlicher
Gottheiten existiert.
Der Zeichenherrscher Merkur verweist auf das intelligente und analytische
Wesen dieses Zeichens, doch da es sich um ein Erdzeichen handelt, wird
diese Intelligenz auf praktische Weise angewendet und bezieht sich
auf Dinge und Gegenstände, um diese zu vervollkommnen und zu heilen.
Unter diesem Blickwinkel hat Jungfrau mit der Pflege und Vervollkommnung
des Körpers durch gesunde Ernährung, Übungen und Heilweisen
zu tun. Ebenso ist Jungfrau das Zeichen aller angewandten Künste,
die auf die Erschaffung von Dingen zielen, die sowohl anwendbar und
nützlich als auch schön und verfeinert sind. Jungfrau herrscht über
alle Rituale, und ein wesentliches Merkmal dieses Zeichens ist es,
alle auf die Arbeit oder den Körper bezogenen Rituale zu verfeinern
und zu perfektionieren. Es besteht eine starke mythische Verbindung
zwischen dem Jungfrauherrscher Merkur und dem Gott Thoth, dem ägyptischen
Hermes, der die Menschen alle praktischen Künste und Fähigkeiten
wie zum Beispiel das Schreiben und die Medizin lehrte. Jungfrau ist
auch das Zeichen des Alchemisten, dessen Aufgabe es ist, das Ausgangsmaterial
zu reinigen, zu verfeinern und zu perfektionieren.
Teilnehmerin: War Thoth nicht auch der Schreiber?
Clare: Ja. Er erfand die Sprache und die Schrift und fungierte
als Schreiber beziehungsweise als Hüter der Aufzeichnungen für
die Götter. Das ist der Unterschied zwischen dem Merkur, der über
Zwillinge herrscht, dem Götterboten, und dem Merkur, der über
Jungfrau herrscht, dem Schreiber der Götter, der eine mehr erdgebundene,
praktische Gestalt ist. Die Funktion des Führens von Aufzeichnungen
gibt uns einige wichtige Hinweise zur Jungfrau. Aufzeichnungen zu führen
ist mit einer Art Ritual verbunden, nicht wahr? Das ist ein ganz eigenes
Vergnügen. Wenn Ihnen so etwas liegt, dann kann das Erstellen
von sauberen Zeichnungen und Tabellen ausgesprochen befriedigend sein,
ebenso wie das Schaffen von Ordnung aus dem Chaos, das Trennen der
Spreu vom Weizen.
Jungfrauen mögen es, wenn Dinge ordentlich kategorisiert und
klassifiziert sind. In der Regel haben sie ihre Bücher alphabetisch
geordnet im Regal stehen und wissen ganz genau, was in welcher Schublade
zu finden ist. Jungfrauen sind Meister des angewandten gesunden Menschenverstandes.
Ohne dieses Zeichen im Tierkreis gäbe es weder Ordnung noch Sinn
für Details, und niemand wäre mehr in der Lage, irgend etwas
wiederzufinden. Jungfrau ist bescheiden und stellt ihr Licht gern unter
den Scheffel; sie läuft zur Hochform auf, wenn sie nützlich
sein und sich um die kleinen Dinge im Leben kümmern kann. Jungfrauen
haben oft eine ausgeprägte Abneigung gegen Achtlosigkeit und Derbheiten
und besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, Irrtümer oder
auch nur einen kleinen Sprung im Porzellan schon auf fünfzig Meter
Entfernung zu erkennen.
Teilnehmerin: Das kommt mir durchaus bekannt vor.
Clare: Ich glaube, das Wesentliche hier ist, daß die
Jungfrau sich durch Unvollkommenheiten wirklich beleidigt fühlen
kann, und daß sie diese weitaus häufiger entdeckt als jedes
andere Zeichen. Auch Chaos und Durcheinander machen ihr deutlich mehr
aus als jedem anderen Zeichen, und deshalb ist sie auch so motiviert,
immer alles zu ordnen und zu säubern. Stellen wir uns eine Party
vor, zu der Feuer- und Erdzeichen eingeladen sind, so sind es wahrscheinlich
die Jungfrauen, die herumgehen und die Aschenbecher ausleeren oder
in der Küche Geschirr spülen, während sich die Feuerzeichen
prächtig amüsieren. Jungfrauen sind sehr praktisch und haben
gern Beschäftigung. Es macht ihnen Spaß, zu tun, was getan
werden muß. Sie ziehen es tatsächlich oft vor, Gläser
zu spülen, als sich mitten in all dem Lärm und Durcheinander
der eigentlichen Party aufzuhalten.
Teilnehmerin: Ich bin Jungfrau, aber das habe ich in meinem
ganzen Leben noch nicht getan.
Clare: Nun ja, diese Beschreibungen sind nur Karikaturen, und
niemand ist ausschließlich Jungfrau. Vielleicht leben Sie mehr
am Fische-Ende des Jungfrau/Fische-Spektrums? Falls das zutrifft, schließen
Sie sich vielleicht lieber den anderen an und trinken das eine oder
andere Glas mit, doch zweifellos werden Sie Ihr Verhalten tags darauf
kritisch analysieren.
Teilnehmerin: Ja, analytisch und kritisch bin ich sehr wohl.
Clare: Das ist bestimmt eines der Hauptmerkmale dieses Zeichens,
wobei ich allerdings der Meinung bin, daß dies eine erweiterte
Form seines äußerst selbstkritischen Wesens ist. Jungfrauen
erwarten von sich nichts Geringeres als Vollkommenheit und neigen dazu,
diese Erwartung in Form von Kritik auf andere auszuweiten. Doch wenn
es ihnen gelingt, die Dinge etwas zu relativieren, können Jungfrauen
auch gut über sich selbst lachen und ein überaus amüsantes,
angenehmes Gegenüber sein. Auf der körperlichen Ebene herrscht
Jungfrau über die Eingeweide, deren Aufgabe es ist zu unterscheiden,
was vom Körper aufgenommen und was ausgesondert werden soll. Jungfrauen
haben meist ein sehr empfindliches Verdauungssystem und eine stark
psychosomatisierende Konstitution. Alles muß sorgfältig
analysiert, sortiert und verdaut werden. Wenn sie sich zuviel auf einmal
aufladen, neigen sie zu Streßsymptomen, unter denen ihr Körper
und Verdauungssystem zu leiden haben. Jungfrauen sind schnell mit den
Nerven am Ende und müssen lernen, nein zu sagen, nicht zuviel
auf sich zu nehmen und zu ihrem eigenen Schutz gesunde Grenzen zu ziehen.
Obschon es manchmal heißt, sie seien gefühllos und kleinlich
oder allzu trocken und sachlich, zeigt dies vielleicht einfach nur,
daß sie gelernt haben, sich gegen Übergriffe zu schützen.
Die Integration von Jupiter und Venus, die sich nach traditioneller
Auffassung in diesem Zeichen im Exil beziehungsweise Fall befinden,
kann zum positiven Ausgleich einer Einstellung zum Leben beitragen,
die andernfalls nur auf Arbeit ausgerichtet wäre und Spiel und
Spaß zu kurz kommen ließe. Jupiter kann sowohl den Wald
als auch die Bäume sehen, will heißen, er kann dazu beitragen,
die jungfrauhafte Detailversessenheit in einen größeren
Sinnzusammenhang zu stellen. Venus kann die Erlaubnis beisteuern, einfach
zu leben und die Kleinigkeiten und Rituale des Lebens um ihrer selbst
willen zu genießen, und zwar ohne die Ängstlichkeit oder
den Druck, von dem solche Aufgaben sonst allzu leicht begleitet sind.
Planeten in Jungfrau
Teilnehmerin: Ich habe den Mond in Jungfrau.
Clare: Da stelle ich mir vor, daß Sie Ihren Alltag und
Ihre Arbeit wirklich im Griff haben müssen.
Teilnehmerin: Also, ein gewisses Bedürfnis nach Ritualen
habe ich auf jeden Fall. Ich werde schnell ängstlich und manchmal
auch richtiggehend zwanghaft, wenn ich meine gewohnten Abläufe
verlasse, und das bezieht sich auch auf meine Ernährungsgewohnheiten.
Clare: David hat sowohl Uranus als auch Pluto in der Jungfrau – eine
besonders interessante Stellung, die alle in den mittleren 1960er Jahren
Geborenen gemeinsam haben. Einschließlich einiger kurzer Rückläufigkeitsphasen
hielt sich Pluto fünfzehn Jahre lang in der Jungfrau auf, von
Oktober 1956 bis Oktober 1971; Uranus war von August 1962 bis September
1968 in der Jungfrau, und die beiden Planeten bildeten während
der mittleren 60er Jahre eine enge Konjunktion. Uranus und Pluto treten
alle 125 Jahre in Konjunktion zueinander, und der Blick zurück
in die Geschichte zeigt, daß dies oft intensive Zeiten radikalen
kollektiven Umschwungs sind, in denen die alte Ordnung zerstört
und machtvolle neue Ideale hervorgebracht werden. Oft werden während
solcher Zeiten radikale Denker geboren, deren Ideen großen Einfluß auf
spätere Generationen ausüben. Allerdings werden die Deutungen
der einzelnen Uranus-Pluto-Konjunktionen verschieden ausfallen, da
sie sich ja auch auf das Zeichen beziehen, in dem die Konjunktion jeweils
stattfindet.
Es lohnt sich, etwas Zeit auf diese Uranus-Pluto-Geschichte zu verwenden,
denn ich halte sie für den derzeit mächtigsten und radikalsten
Generationsaspekt. Das Bild wird noch etwas komplizierter, weil die
Mitte der Sechziger Jahre Geborenen auch noch Neptun in Skorpion haben
und Chiron und Saturn in Fische sich in Opposition zu der Uranus-Pluto-Konjunktion
befinden. Wir könnten dieser Konstellation also durchaus ein ganzes
Seminar widmen, doch für den Augenblick sollten wir uns nur auf
Uranus und Pluto in Jungfrau konzentrieren. Es ist wohl so, daß jede
Generation die alten Gußformen zerbricht und etwas Neues erschafft,
das von den nachfolgenden Generationen einfach als gegeben hingenommen
wird.
Wenn Jungfrau für Arbeit, Dienst und Gesundheit steht, dann wissen
wir schon, daß der Durchgang von Pluto durch die Jungfrau all
diese Themen intensivieren, alle damit verbundenen, versteckten Probleme
aufdecken, sie unter starken Druck setzen und für immer verändern
wird. Der zeitgleiche Transit von Uranus durch die Jungfrau wird in
diesen Bereichen gleichzeitig grundlegende Veränderungen, Innovationen
und Durchbrüche bringen. Wir dürfen also damit rechnen, daß der
Arbeits- und Dienstleistungssektor sowie das Gesundheitswesen eine
Periode der Umbrüche und Veränderungen durchmachen werden.
Die Sechziger Jahre sind als Jahrzehnt sozialer und politischer Unruhen
bekannt. Die Bürgerrechtsbewegung wurde stärker, in ganz
Europa gab es Studentenunruhen und Demonstrationen, die kollektive
Enttäuschung über den Vietnamkrieg nahm zu, und viele ehemalige
britische Kolonien machten sich unabhängig. Wenn Sie sich altes
Filmmaterial aus dieser Zeit ansehen, werden Sie ohne weiteres erkennen,
was für eine auffallend zerrissene und radikale Zeit das war.
John F. Kennedy wurde 1963 ermordet – vermutlich das bis dahin
schockierendste Ereignis der nordamerikanischen Geschichte. Mit der
Entwicklung von Mikrochips und Glasfaserkabeln vollzog sich eine technologische
Revolution mit enormen Fortschritten in der Computertechnik, und Telekommunikationssatelliten
ermöglichten erstmalig weltweite, praktisch verzögerungsfreie
Kommunikation. Im Gesundheitswesen befreite die Pille die Frauen von
ihrer Biologie und gab ihnen zum ersten Mal in der Geschichte die Kontrolle über
ihren Reproduktionszyklus. Immer mehr neue Technologien wurden eingeführt,
die die Erträge in Ackerbau und Viehzucht steigerten und die entsprechenden
Wachstumsraten beschleunigten.
Teilnehmerin: Ist das nicht alles etwas rücksichtslos?
Ich vermute, unter Uranus und Pluto lassen sich Veränderungen
nicht vermeiden, doch scheinen sich diese Veränderungen so auszuwirken,
daß sie uns noch weiter von der Natur und den natürlichen
Kreisläufen entfernen.
Clare: Ganz richtig. Uranus gibt uns plötzlich und radikal
die Freiheit, und natürlich führt da kein Weg mehr zurück.
Damit haben wir uns in der Tat weit davon entfernt, auf die Vorsehung
der Natur zu vertrauen.
Teilnehmerin: Also haben wir es eigentlich mit einer Umkehrung
und in gewisser Weise mit einer Zerstörung des Jungfrauprinzips
zu tun.
Clare: Ja. Generell können wir Menschen mit dieser Stellung
als intelligent, geschickt, analytisch, feinfühlig und auf der
persönlichen Ebene sehr bescheiden beschreiben. Offenbar gab es
Mitte der Sechziger Jahre einen mächtigen, evolutionären
Technologieschub, weshalb die zu dieser Zeit und später Geborenen
Technologie instinktiv auf eine Art und Weise verstehen und einsetzen
können, die all jenen unzugänglich bleibt, die vor dieser
Zeit geboren wurden. Diese Generation neigt zu kollektiver Verachtung
für die Art und Weise, wie die Dinge vor den Sechzigern geregelt
wurden; das gilt besonders für die Bereiche Arbeit und Arbeitsumgebung,
und auch für die gedankenlose Zerstörung der natürlichen
Ressourcen der Erde. Sie sind radikal, politisch und subversiv, besonders
wenn es um Nahrung, Gesundheit und Ökologie geht.
Diese Altersgruppe ist es, die die Zerstörung unserer Verbindung
zu Natur und Arbeit miterlebt hat. Eine Anstellung „von der Wiege
bis ins Grab“, wie es sie früher gab, wird sie nie erleben,
denn die Firmen und sonstigen Organisationen werden auf Trab gebracht
und abgespeckt, und werden dadurch schlanker und mitleidloser. Wir
können uns nicht mehr auf unser Einkommen oder unser jungfrauhaftes
tägliches Brot verlassen. Doch war es auch gerade diese Generation,
die sich gegen alte Normen im Bereich Arbeit und Dienstleistung aufgelehnt
hat.
Zugleich zeigen Pluto und Uranus aber auch das Aufkommen kompensatorischer
Ideologien an. Es handelt sich also um eine Generation mit hohen Idealen
von Arbeit, Gesundheit, Ökologie und Weiblichkeit. Schlimmstenfalls
sind einzelne Mitglieder dieser Generation von einer instinktiven Verbundenheit
mit ihrem Körper abgeschnitten und besessen von Diäten und
Gesundheitsregeln, doch mit Uranus in Jungfrau sind sie zugleich auch
in der Lage, ihren Körper zu mißbrauchen. Das klingt merkwürdig,
doch ist es für Menschen mit Uranus und Pluto in Jungfrau nichts
Ungewöhnliches, zwanghaft an ihre Gesundheit zu denken und dabei
halb zu verhungern oder ihre Körper mit Drogen oder Schlafmangel
zu mißbrauchen, obwohl sie Regale voller Bücher über
richtige Ernährung und Schränke voller Nahrungsergänzungsmittel
und Vitamine besitzen. Oder vielleicht schließen sie sich radikalen
und subversiven Tierschutzorganisationen an und behandeln im gleichen
Atemzug den eigenen, tierhaften Körper auf die grausamste Weise.
Teilnehmerin: Da erkenne ich mich selbst wieder. Das ist ja
reichlich vertrackt.
Clare: Ja. Jung äußerte sich sehr deutlich zu den
Gefahren der Identifizierung mit kollektiven Bewegungen. Wir werden
unweigerlich mit ihnen sympathisieren, da sie ja in unserem Horoskop
enthalten sind, doch wenn wir kein ausgeprägtes Gefühl von
uns selbst haben, identifizieren wir uns allzu leicht mit ihnen, und
das bedeutet, daß wir auf der menschlichen Ebene zu leiden haben
werden. Mit einer ausreichend starken Egostruktur haben wir die Wahl.
Wir können uns immer noch für den Dienst an der Allgemeinheit
entscheiden, doch besteht ein großer Unterschied zwischen einer
bewußten Wahl und der Besessenheit durch eine unbewußte,
archetypische Kraft – letzteres würde bedeuten, daß wir
unser persönliches Leben einer kollektiven Ideologie opfern.

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