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Clare: Wir wollen uns jetzt mit Merkur beschäftigen. Anders
als die anderen Planeten der alten Welt hat Merkur keinen Gegenspieler
oder Partner, weil er als Symbol des Paradoxen und Widersprüchlichen
alle Gegensätze in sich selbst trägt. Merkur ist androgyn,
also männlich und weiblich zugleich. Er ist sowohl trennend als
auch verbindend, sowohl analytisch als auch integrativ. Als sonnennächster
Planet ist Merkur der kleinste und schnellste, seine Umlaufzeit beträgt
nur 88 Tage. Aus seinen astronomischen Eigenschaften wird manches, was
mit ihm in Verbindung gebracht wird, unmittelbar offensichtlich. Er saust
schnell um die Sonne herum; mal sieht man ihn, dann wieder nicht; mal
scheint er sich in die eine Richtung zu bewegen, dann wieder in die andere.
Haben Sie aus mythologischer Sicht irgendwelche Assoziationen zu Merkur?
Teilnehmerin: War er nicht der Götterbote?

Teilnehmerin: Er war auch ein Dieb und ein Gauner. Hat er nicht
irgendwo mal ein paar Kühe gestohlen?
Clare: Das stimmt. Sein Bild ist das eines Knaben mit einem
geflügelten Helm und geflügelten Sandalen; er hält einen
Caduceus, einen Stab mit zwei sich windenden Schlangen, der heutzutage
oft als Symbol des Heilens und der Medizin verwendet wird. Merkur ist
der Überbringer von Nachrichten und Informationen. Er interessiert
sich nicht für den eigentlichen Inhalt der Nachricht, seine Aufgabe
ist lediglich die des Vermittlers. In diesem Sinn bevorzugt Merkur weder
das Richtige noch das Falsche, weder die Wahrheit noch die Lüge.
Tratsch und Klatsch verbreitet er genauso gern wie irgend eine andere
Art von Information. Er ist wendig, listig, unmoralisch, unzuverlässig
und ätherisch, ein bißchen so wie Puck aus dem Mittsommernachtstraum,
oder Ariel aus dem Sturm, oder wie Peter Pan, der nie erwachsen werden
wollte.
Teilnehmerin: Unmoralisch? Sie meinen also, er hat keine moralischen
Grundsätze?
Clare: Ja. Er hat überhaupt nichts dagegen, den Fuchs zwischen
die Hühner zu setzen und sich dann in aller Ruhe die Folgen anzuschauen.
Daher stammen auch die Assoziationen von Merkur mit dem Schurken, Gauner,
Falschspieler und Dieb. Wenn wir jemanden als „merkurisch“ bezeichnen,
meinen wir damit durchaus, daß er klug ist, doch halten wir ihn
zugleich auch für einen Herumtreiber, der sich womöglich auch
gern einmal aus dem Staub macht.
Ein verzerrter Merkur kann sich in Tricks und Listigkeiten, Betrügereien
und Lügen äußern, in zerstörerischer Kritik und
verbaler Grausamkeit, oder als tiefgreifende Angst, Furcht und Spannung,
die das Immunsystem angreift und den Körper zerstört. Jede
dieser Manifestationen kann ein Anzeichen dafür sein, daß die
archetypischen Gaben Merkurs – Wahrnehmungsfähigkeit, Intelligenz,
Wissen, sanfter Humor, echte Bescheidenheit und Selbstvertrauen – von
den negativen Lebenserfahrungen des betreffenden Individuums beeinträchtigt
wurden. Für den psychologischen Astrologen wäre dies ein Hinweis
auf ein möglicherweise sehr ergiebiges Untersuchungsgebiet, je nachdem,
wie Merkur im Geburtshoroskop steht.

Der alchemistische Merkur, aus Tripus
aureus (Der goldene Dreifuß) von Michael Maier, um 1618. Als Mercurius
hat er den Vorsitz beim alchemistischen Werk inne, indem er die Prinzipien
von Sonne und Mond integriert.
Merkur herrscht über das Gehirn, den Verstand und die Denkprozesse.
Er ist bipolar und herrscht sowohl über die linke als auch über
die rechte Hirnhälfte – sowohl über das logische Denken
(innerhalb dessen etwas nicht zugleich A und nicht-A sein kann), als
auch über das analoge Denken (innerhalb dessen etwas sowohl A als
auch nicht-A sein kann). So verstanden herrscht Merkur über den
Doppelsinn, die Doppelzüngigkeit, das zweite Gesicht, über
double entendre, über Kreuzworträtsel (vertikales und horizontales
Denken), über Humor und Witzeleien. All dies sind Beispiele dafür,
zunächst die eine Sache zu sehen oder zu hören, um dann im
nächsten Augenblick eine tiefere oder andere Bedeutung des soeben
Gesagten zu entdecken. Die Freudsche Fehlleistung ist ein gutes Beispiel
dafür, wie Merkur funktioniert. Merkur ist fasziniert von der Sprache,
den Wörtern und den Beziehungen zwischen ihnen. Daher ist es nicht
einfach, diese Hermesgestalt genau zu beschreiben, sie ist schwer faßbar
und voll unerwarteter Wendungen. Daher ist es auch kein Zufall, daß wir
sagen, „Mein Verstand hat mir einen Streich gespielt“. Astrologisch
gesehen beschreibt die Merkurposition im Horoskop, wie jeder einzelne
von uns die Welt wahrnimmt und für sich deutet – die Art und
Weise, in der wir Informationen verstehen und weiterverarbeiten, Zusammenhänge
herstellen und kommunizieren.
Merkur hat mit den anderen Planeten – Sonne und Mond ausgenommen – gemeinsam,
daß er über zwei Tierkreiszeichen herrscht, ein positives
und ein negatives: das Luftzeichen Zwillinge und das Erdzeichen Jungfrau.
Schauen Sie sich die verschiedenen Merkurassoziationen mit Zwillinge
und Jungfrau in der Tabelle der Planetenentsprechungen an. Der Mond herrscht über
unsere Zeit als Säugling, Merkur dagegen über unsere frühe
Kindheit – den Zeitraum, in dem wir sprechen und gehen lernen und
unsere unmittelbare Umgebung erforschen können; dazu gehören
auch unsere ersten Beziehungen zu unseren Geschwistern. Merkur wird in
der Regel die Art dieser Beziehungen beschreiben, so wie wir sie wahrnehmen.
Die Funktion Merkurs besteht darin, Informationen zu übertragen
und zu verbreiten. Er herrscht über den Klatsch im Laden an der
Ecke, wo Sie Ihre Zeitung kaufen. Merkur herrscht über Schulen,
Läden, Märkte, Messen und Tennis. Tennis ist ein sehr merkurischer
Sport, ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem der Ball hin- und hergeschlagen
wird. Merkur herrscht über Straßen, Parkplätze, Garagen,
Telefonvermittlungen, Schreibwaren, Füller, Bleistifte und Bücher.
Merkurbetonte Menschen lieben Füller, Bleistifte und Bücher!
Teilnehmerin: Also ist Merkur sehr vielgestaltig.
Clare: Ganz genau. Im Tierreich herrscht er über die kleinen
Wesen der Luft wie Schmetterlinge, Vögel und Bienen, die sich von
Pflanze zu Pflanze bewegen und diese wahllos bestäuben. Ganz allgemein
gehören auch alle kleinen Tiere in das Reich Merkurs – Lebewesen,
die sich schnell fortbewegen und in deren täglichem Leben es viel
Hin und Her gibt.
Teilnehmerin: Sie bewegen sich also viel, aber
sie kommen nicht weit.
Clare: Ja, und deshalb herrscht Merkur auch über Handelsleute,
Postboten, Kuriere und andere Menschen, die von Haus zu Haus gehen. Taxifahrer
sind ein weiteres Beispiel: sie bringen Leute von einem Ort an einen
anderen, interessieren sich aber nicht besonders für den Sinn und
Zweck dieser Reise.
Teilnehmerin: Es geht also um die Art Mensch, die beobachtet
und unterstützt, aber sich nicht einbeziehen läßt.
Clare: Ja, es betrifft Verbindungen um ihrer selbst willen, ähnlich
wie wenn man verschiedene Menschen einander vorstellt. Sekretärinnen,
Journalistinnen und Schriftstellerinnen sind merkurbetonte Menschen.
Nun könnten wir verallgemeinern und sagen, daß Journalistinnen
unmoralisch sein können, da es sie nicht interessiert, ob das, was
sie schreiben, wahr ist oder nicht. Hauptsache eine gute Story, oder
etwa nicht?
Teilnehmerin: Mein Sohn ist Zwillinge, und er ist Journalist.
Er entspricht dem Gesagten so sehr, daß es einfach überhaupt
nicht mehr lustig ist.
Clare: Und ich bin sicher, daß er auch schnell
und gerissen ist und sich auch sehr gut ausdrücken kann, oder?
Teilnehmerin: Ja, aber das ist keine große Hilfe beim
Zusammenleben mit ihm, denn er läßt sich einfach auf nichts
festlegen.
Clare: Naja, das liegt wahrscheinlich daran, daß Sie das
einfach nicht versuchen sollten.
Teilnehmerin: Das klingt als wären merkurbetonte Menschen
sehr kindlich.
Clare: Ja, Menschen mit Planeten in den Merkurzeichen Zwillinge
und Jungfrau sehen oft sehr viel jünger aus als sie sind. Das mag
auch daran liegen, daß sie sich immer für das aktuelle Geschehen
interessieren. Da wir nun über diesen Planeten der Kommunikation,
der Sprache und des Herstellens von Verbindungen gesprochen haben, möchte
ich gern damit beginnen, die Sprache der Astrologie anzuwenden, soweit
wir den Wortschatz bereits besitzen. Ich möchte, daß Sie sich
Ihre eigenen Geburtshoroskope daraufhin ansehen, ob bei Ihnen ein Kontakt
oder Aspekt zwischen Merkur und Sonne oder Mond besteht. Sie können
dies aus dem Aspektarium ersehen – für den Augenblick spielt
es keine Rolle, um welche Art von Kontakt oder Aspekt es sich handelt,
da ich einfach nur die Planetenprinzipien selbst zueinander in Beziehung
setzen möchte.
Teilnehmerin: Ich habe einen Kontakt zwischen Sonne und Merkur.
Clare: Das ist eine sehr häufige Verbindung, denn Merkur
ist nie weiter von der Sonne entfernt als 27°, so daß die beiden
Planeten oft in Beziehung zueinander stehen. Wie würden wir das
deuten?
Teilnehmerin: Daß meine Identität irgendwie in Beziehung
zu meiner Kommunikationsfähigkeit steht?
Clare: Ganz genau, und das ist schon unser erster Schritt zu
einer echten Horoskopdeutung. Wenn die Sonne unsere Identität beschreibt,
wird auch Merkur beteiligt sein. Dieser Kontakt beschreibt die Bedeutung
(Sonne) von oder die Konzentration (Sonne) auf Kommunikation und Information
(Merkur) und findet sich sehr wahrscheinlich in den Horoskopen von Journalisten,
Schriftstellern und Lehrern (Merkur), um nur einige Beispiele zu nennen.
Trifft das bei Ihnen zu?
Teilnehmerin: Ja, ich bin Lehrerin. Dazu kommt noch, daß ich
Sprachen unterrichte!
Clare: Lassen Sie uns jetzt den Merkur-Mond-Kontakt betrachten.
Er sagt uns, daß unsere Art zu denken von unserer Art zu fühlen
beeinflußt wird und damit in Verbindung steht. Es könnte sich
beispielsweise um jemanden handeln, der sehr viel Emotionales in sein
schriftstellerisches Schaffen einfließen läßt. Das wäre
eine gute Verbindung für einen Dichter. Andererseits könnte
es auch jemanden beschreiben, dessen Gefühle seine Gedanken durcheinanderbringen,
dem es schwerfällt, sich klar zu äußern, sobald er emotional
wird. Merkur-Mond beschreibt jemanden, der von Informationen, Gesprächen,
Büchern und Klatsch lebt; oder jemanden, dessen Mutter (Mond) als
Lehrerin (Merkur) an einer Schule (Merkur) tätig ist, oder vielleicht
eine jugendliche (Merkur) Mutter (Mond), die eher eine Schwester (Merkur)
als eine traditionelle Muttergestalt (Mond) ist.
Es könnte sich auch um eine weibliche (Mond) Journalistin (Merkur)
handeln, oder um eine Frauenzeitschrift (Mond-Merkur). Wir können
mit sämtlichen Begriffen aus allen Ebenen der Tabelle der Plantenentsprechungen
spielen. Zum Beispiel könnten wir uns ein weißes (Mond) Auto
(Merkur) vorstellen, ein Damenfahrrad (Mond-Merkur), eine weibliche (Mond)
Tennisspielerin (Merkur), einen silbernen (Mond) Schmetterling (Merkur)
und so weiter. Obwohl dies in bestimmter Hinsicht nur ein oberflächliches
Wortspiel ist, trägt es in sich auch eine tiefere astrologische
Bedeutung, denn die Symbolik dieser beiden Planeten erweist sich auf
allen Ebenen als gleichermaßen gültig. So wäre es beispielsweise – außer
für Nicht-Astrologen – kaum überraschend, wenn ein Mensch
mit einem Merkur-Mond-Kontakt tatsächlich ein weißes Auto
besäße!

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