| Vor der Entdeckung der drei äußeren Planeten beschäftigte
sich die Astrologie nur mit den sieben mit bloßem Auge sichtbaren
Planeten. Merkur ausgenommen, können diese sinnvollerweise als drei
Gegensatzpaare betrachtet werden. Beginnen wir mit den beiden Lichtern
Sonne und Mond, die im astrologischen Sprachgebrauch ebenfalls als Planeten
bezeichnet werden.
Im wesentlichen stellen Sonne und Mond unsere persönliche Verbindung
zu Geist und Seele dar, was auch deutlich an den Symbolen der beiden
Planeten abgelesen werden kann. Keines dieser beiden Symbole weist das
Kreuz der Materie auf, was bedeutet, daß sowohl der Geist als auch
die Seele nicht nur in den Bereich unseres manifesten Lebens, sondern
auch in andere Daseinsbereiche gehören. Allerdings werden die Prinzipien
von Geist und Seele während unserer Lebenszeit, um die es ja bei
der Betrachtung des Geburtshoroskops geht, „heruntertransponiert“ und
auf unsere Erfahrung unserer menschlichen Eltern projiziert – Vater
und Mutter, die Erschaffer unserer körperlichen Existenz.
In der Astrologie stehen sich Sonne und Mond gegenüber und ergänzen
sich gegenseitig, wobei sie jeweils Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit,
männlich und weiblich, Klarheit und Komplexität, Ausstrahlung
und Reflexion, Zuversicht und Zweifel, Geradlinigkeit und Rundung sowie
viele andere Gegensatzpaare darstellen, die mit den entgegengesetzten
Prinzipien des Männlichen und des Weiblichen in Verbindung gebracht
werden. In jedem Horoskop finden sich sowohl Sonne als auch Mond, woraus – wie
Jung bemerkte – ersichtlich wird, daß in der Psyche maskulines
und feminines Prinzip gleichermaßen vorhanden sind. Da das Horoskop
einfach nur die Landkarte eines bestimmten Augenblicks in Zeit und Raum
ist und nicht ausschließlich unsere Individualität beschreibt,
läßt sich daraus auch niemals das Geschlecht einer Person
ersehen. Statt dessen beschreibt das Horoskop, wie sich das männliche
und das weibliche Prinzip im Leben eines Individuums auswirken, und zwar
unabhängig von dessen Geschlecht. Dies ist ein wichtiger Punkt,
denn in diesen Zeiten politischer Korrektheit können viele Menschen
anfangs nur mit Mühe akzeptieren, daß sich die astrologischen
Analogien von männlich/weiblich, positiv/negativ, aktiv/passiv,
yang/yin usw. nicht nur auf unsere Biologie, sondern auch auf unsere
Psyche beziehen, die ein potentielles Gleichgewicht dieser Gegensätze
beinhaltet.

Ein Stich aus Michael Maier’s alchemistischem
Text Atalanta fugiens (1618), der Sonne und Mond
als die beiden sich ergänzenden Zwillingsprinzipien des alchemistischen
Werks darstellt.

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