Eine Landkarte der Seele
Einführung in die Psychologische Astrologie, von Clare Martin
Lektion Eins: Die Planeten

Das Sonnensystem

Die astrologische Tradition ist Jahrtausende alt; ihre Wurzeln liegen in den genauen Beobachtungen und sorgfältigen Aufzeichnungen der mesopotamischen Priester-Astrologen von den sich ständig verändernden Positionen der sieben mit bloßem Auge sichtbaren Planeten – sowohl in ihrer Beziehung zueinander als auch vor dem Hintergrund der Fixsterne und ihrer Konstellationen. Ein „Horoskop“ (auch: eine Landkarte der Zeit) ist die Darstellung der Planetenpositionen, wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt von einem bestimmten Erdort aus gesehen werden. Die Astrologie war stets ein geozentrisches System und wird es auch bleiben, denn obgleich die Sonne im Mittelpunkt des Sonnensystems steht, ist dennoch die Erde unser Zuhause, und unsere ganze Orientierung ist auf die Erde bezogen.

Teilnehmerin: Also waren einfache Beobachtung und das Anfertigen von Aufzeichnungen der eigentliche Ursprung der Astrologie?

Clare: Richtig. Mesopotamien wurde schon immer als die Wiege der westlichen Zivilisation bezeichnet, und dort wurden auch die Kunst, das Handwerk und die Wissenschaft der westlichen Astrologie erstmals miteinander vereint. Mesopotamien ist zu weiten Teilen ein flaches, ödes Land mit weiten Horizonten und großartigen Nachthimmeln. So ist es nicht überraschend, daß die allerersten Mythen oft Geschichten über den Himmel sind, und daß die Himmelskörper als Gottheiten angesehen wurden – lebendige Mächte, deren Beziehungen zu den Menschenwesen ebenso offensichtlich waren, wie sie auch als selbstverständlich vorausgesetzt wurden. Da wir Heutigen nicht mehr nach oben schauen und den Lauf der Planeten über den Nachthimmel beobachten, haben wir unsere instinktive Verbindung zu diesen lebendigen Göttern verloren und nehmen die Astrologie kollektiv nicht mehr ernst. Gelegentlich wird gesagt, die Planeten sprächen nicht mehr zu uns, weil wir ihnen nicht mehr zuhörten; doch wer schon jemals weitab jeglicher menschlicher Ansiedlungen zum Nachthimmel aufgeschaut hat, der hat bestimmt auch etwas von der majestätischen und machtvollen Ausstrahlung der Sterne und Planeten erlebt.

Solange uns ein noch so kleiner Funke Vorstellungskraft geblieben ist und wir unserem Gefühl und unserer Intuition vertrauen, so spüren wir beim Anblick des Firmaments mit körperlicher Gewißheit, daß diese Feuervögel eine Wirkung auf das menschliche Leben ausüben und es zweifellos beeinflussen.[12]

Als Studierende der Astrologie ist es eine unserer ersten Aufgaben, die astronomischen Grundlagen und Wirkzusammenhänge des Sonnensystems kennenzulernen und zu verstehen. Dies ist die Grundlage unserer Kunst und unseres Handwerks, und wenn Sie sich das jetzt aneignen können, wird es Ihnen bei all Ihren astrologischen Studien eine gute Handhabe bieten. Lassen Sie uns also die Reihenfolge der Planeten, beginnend bei der Sonne, betrachten. Die Anatomie unseres Sonnensystems ist nicht ohne weiteres verständlich, doch wir als Astrologinnen und Astrologen müssen sie unbedingt kennen – nicht nur, weil es bei der Auseinandersetzung mit Planetenzyklen und Voraussagetechniken entscheidend auf das Verständnis der Umlaufperioden der Planeten mit ihren relativen Geschwindigkeiten ankommt, sondern auch weil uns die körperlichen Eigenschaften der Planeten eine ganze Menge über ihre astrologische Bedeutung verraten.

Wir ersehen aus dieser Darstellung, daß die Umlaufzeiten der Planeten mit ihrer Entfernung von der Sonne zusammenhängen. Der sonnennächste Planet ist Merkur; er bewegt sich mit einer Umlaufzeit von nur 88 Tagen sehr schnell. Meistens kann Merkur nicht beobachtet werden, da er sich entweder vor oder hinter der Sonne aufhält. Wenn überhaupt, sehen wir ihn nur während des kurzen Zeitraums, in dem er, mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite, außen um die Sonne herumflitzt. Die Astronomie der Planeten kann uns sogar etwas über ihre astrologische Persönlichkeit verraten. Venus mit ihrer Umlaufzeit von 225 Tagen ist seit jeher als Morgenstern bekannt, wenn sie zusammen mit der Sonne im Osten aufgeht, und als Abendstern, wenn sie zusammen mit der Sonne im Westen untergeht – auf diese Weise repräsentiert sie die beiden Gesichter dieser großen Göttin. Merkur und Venus sind als „innere“ Planeten bekannt, denn ihre Umlaufbahnen liegen innerhalb derjenigen der Erde. Deshalb scheinen sie die Sonne auf ihrer jährlichen Reise durch das Geburtshoroskop zu begleiten und ihr entweder voraus- oder hinterherzueilen, wobei sich Merkur nie weiter als 27º und Venus nie weiter als 48º von der Sonne entfernt.

Die Umlaufbahn der Erde befindet sich außerhalb der Venusbahn, und bekanntlich beträgt ihre scheinbare Umlaufzeit um die Sonne 365,25 Tage oder ein Jahr. Der Mond als Begleiter der Erde braucht etwa 28 bis 29 Tage für einen Umlauf um seinen Planeten. Wie aus der obigen Darstellung hervorgeht, ereignet sich jeden Monat (oder „Mondat“) ein Neumond, wenn sich der Mond zwischen der Erde und der Sonne befindet, sowie ein Vollmond, wenn sich die Erde zwischen Mond und Sonne befindet.

Mars ist mit seiner außerhalb des Erdumlaufs gelegenen Bahn der erste „äußere“ Planet und braucht für den Umlauf um die Sonne 687 Tage oder etwa zwei Jahre. Wegen seiner rötlichen Farbe wurde er von jeher mit Blutvergießen, Wut und Krieg in Verbindung gebracht und als Kriegsgott bezeichnet; seine beiden Monde heißen Phobos („Angst“) und Daimon („Schrecken“). Aufgrund seiner stark elliptischen Umlaufbahn scheint seine Größe und Macht während der Annäherung an die Erde zuzunehmen, wobei die größte Annäherung dann erreicht ist, wenn sich die Erde zwischen Sonne und Mars befindet. Dann scheint er sich wieder zurückzuziehen, bis er auf der sonnenabgewandten Seite seine größte Entfernung von der Erde erreicht hat. Den Griechen war er als der Gott Ares bekannt, und die Römer benannten den Monat März nach ihm, in dem die Sonne sich im Zeichen Widder (Aries) aufhält.

Außerhalb der Umlaufbahn des Mars liegt der Asteroidengürtel, ein breites Band aus Felsbrocken, das manche für die zerstückelten Überreste eines explodierten Planeten halten. Der Asteroidengürtel ist eine astrologisch bedeutsame Grenze, denn er bezeichnet die Trennlinie zwischen den fünf „persönlichen“ Planeten – Sonne, Mond, Merkur, Venus und Mars – und den beiden gesellschaftsbezogenen Planeten, Jupiter und Saturn. Die persönlichen Planeten beschreiben unsere individuellen Eigenschaften, wogegen die gesellschaftsbezogenen Planeten die Beziehungen jedes einzelnen von uns zu dem allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld darstellen, in das wir hinein geboren wurden.

Jupiter hat eine Umlaufzeit von 11,86 Jahren und ist mit etwa zehnfacher Erdgröße der größte Planet des Sonnensystems. Sein riesiges Magnetfeld strahlt mehr Energie in den Weltraum ab als er von der Sonne empfängt. Seine vielen Monde, andauernden Stürme, der große rote Fleck und die zehnstündige Drehung um die eigene Achse zeigen, daß alles an Jupiter aktiv, turbulent, stürmisch und überlebensgroß ist.

Saturn, der zweitgrößte Planet, braucht für einen Sonnenumlauf 29,46 Jahre, und seine eisigen, klaren Ringsysteme machen ihn zu einem der schönsten Objekte des Sonnensystems. Als der am weitesten entfernte und langsamste mit bloßem Auge sichtbare Planet bleibt Saturn im Hinblick auf unsere Wahrnehmung der äußerste Planet des Sonnensystems; diese Tatsache und die Vollkommenheit seiner Ringsysteme hat dazu geführt, daß Saturn mit Grenzen und Zeitlichkeit sowie mit der Begrenztheit unseres Daseins in Verbindung gebracht wird. In psychologischer Hinsicht hat Saturn mit der Entwicklung starker Ego-Grenzen zu tun, die uns Sicherheit geben und uns zugleich begrenzen und beschränken.

Der „eingefangene Asteroid“ oder „Planetoid“ Chiron wurde 1977 entdeckt und bleibt ein Fremdkörper innerhalb des Sonnensystems. Er stammt ursprünglich aus dem Kuiper-Gürtel außerhalb der Umlaufbahn von Pluto, und niemand weiß, wie lange dieser Besucher in unserem Sonnensystem bleiben wird. Für einen Durchlauf auf seiner extrem elliptischen Umlaufbahn benötigt er 49 bis 51 Jahre. Chirons astrologische Funktion stellt sich als Verbindung zwischen den äußeren und den „antiken“ Planeten dar, denn in seiner äußersten Entfernung von der Sonne erreicht er fast die Umlaufbahn des Uranus, während er sich andererseits noch innerhalb der Saturnbahn bewegt. Obwohl Chiron keineswegs von allen astrologischen Denkrichtungen akzeptiert wird, will ich ihn doch von Anfang an mit einbeziehen, da er offenbar für uns und unseren historischen Zeitabschnitt als psychologisches Prinzip von besonderer Bedeutung ist.

Die drei äußeren Planeten Uranus, Neptun und Pluto gehören zu einer gänzlich anderen Ordnungsreihe. Ihre Entdeckung wurde erst durch die Entwicklung wissenschaftlicher Instrumente wie etwa des Teleskops ermöglicht, offenbar eine Widerspiegelung der entsprechenden Erweiterung menschlicher Wahrnehmung und menschlichen Bewußtseins. Die Entdeckung von Uranus 1781 verdoppelte über Nacht die Größe des Sonnensystems und rüttelte an der alten Weltordnung – eine zutiefst erschütternde, unerwartete und aufregende Entwicklung, die uns zugleich etwas über ihre astrologische Deutung mitteilt. Die Entdeckung Neptuns 1846 und diejenige von Pluto 1930 haben unser gegenwärtiges Zeitalter mit seinem ungeheuren Potential zu kollektiver Entwicklung und kollektiver Zerstörung eingeläutet.

Teilnehmerin: Da gibt es wohl eine Menge zu lernen?

Clare: Ja. Das Studium der Astrologie ist ganz ähnlich wie der Beginn einer Lehrausbildung. Astrologie ist ein angewandtes Handwerk, das mit dem Kopf allein nicht beherrscht werden kann. Jeder von uns muß seine ganz eigene Beziehung zur Astrologie finden, und unsere Hingabe und harte Arbeit werden dann belohnt, wenn wir den eigenen Zugang zur lebendigen astrologischen Tradition finden – dann nämlich, wenn unser Gegenstand und jedes Horoskop, das wir untersuchen, für uns lebendig werden. Die Ausbildung bereitet uns auf jenen magischen Augenblick vor, an dem wir uns zum ersten Mal im Zwiegespräch mit dem lebendigen Kosmos wiederfinden.

nach oben


Das Buch"Mapping the Psyche"

Erstveröffentlichung 2005 durch CPA Press, BCM Box 1815, London WC1N 3XX, Großbritannien, www.cpalondon.com.
Copyright ©2005 by Clare Martin.
Mehr Informationen über das Buch.
Werbung
Loading