Eine Landkarte der Seele
Einführung in die Psychologische Astrologie, von Clare Martin
Wassermann
  • Fixe Luft
  • Traditioneller Herrscher: Saturn
  • Kollektiver Herrscher: Uranus
  • Exil:  Sonne

Ich finde es schwierig, mir fixe Luft bildlich vorzustellen – es sei denn symbolisch, als fixe Ideen oder Ideale, oder vielleicht als strukturierten Intellekt oder starres Denken. Fest steht, daß uns das Zeichen Wassermann einmal mehr an die generelle Dualität der Luftzeichen erinnert und uns mit radikalen Gegensätzen konfrontiert, wie sie in den ganz unterschiedlichen Motiven der beiden Planetenherrscher dieses Zeichens, Saturn und Uranus, zum Ausdruck kommen.

Saturn und Uranus sind in fast jeder Hinsicht gegensätzlich. Saturn steht für Tradition, Struktur, Hierarchie, Autorität und den Status quo. Uranus steht für die Kraft, die den Status quo und die alten Strukturen umstürzen will, die Saturn zu bewahren versucht. Uranus ist ein Erneuerer, der Träger neuer Ideale zum Wohl der Allgemeinheit. Uranische Ideale sind insofern utopisch, als es dabei um Offenheit und Ehrlichkeit, um Demokratie und Gleichheit sowie um die Möglichkeit geht, daß die Menschheit sich zu einer Ebene aufschwingt, auf der wir unsere Unterschiede respektieren und zum Nutzen aller zusammenarbeiten können.

Wassermann ist ein überaus zivilisiertes, weit entwickeltes, humanitär orientiertes und reifes Luftzeichen. Es hat mit sozialen Strukturen, Organisationen und politischen Systemen zu tun, deren Ziel es ist, dem gesellschaftlichen Fortschritt zu dienen und die Lebensumstände der einfachen Leute zu verbessern; es setzt sich für humanitäre und soziale Belange ein. Der Herrscher Saturn beschreibt die gesellschaftlichen Strukturen, und der Herrscher Uranus verleiht dem Zeichen mit seiner Vorausschau, seinen Idealen und seinem Gespür für die künftigen Möglichkeiten der Menschheit eine zusätzliche Aufladung. Können Sie verstehen, daß beide Planeten trotz ihrer grundlegenden Unterschiede mit diesem Zeichen in Verbindung gebracht werden? Die Integration der Sonne, die sich in Wassermann im Exil befindet, ist ein wichtiger Hinweis darauf, wie eine ganz ausgereifte Ausdrucksform dieses Zeichens aussehen kann: die Sonne, der Planet der Individualität, zeigt uns, daß individuelle Werte und persönlicher Selbstausdruck das ideale Gegengewicht zu den kollektiven Belangen dieses Zeichens darstellen.

Teilnehmerin:  Ich habe die Sonne in Wassermann.

Clare:  Haben Sie das Gefühl, Zugang zu einem bestimmten Wissen, einer Vorahnung oder Vision zu haben, die der Menschheit nützen könnte?

Teilnehmerin:  Also, mit Sicherheit habe ich eine unkonventionelle Weltanschauung. Ich glaube, ich denke ganz anders als andere Menschen.

Clare:  Ja, Wassermänner neigen dazu, die Dinge auf den Kopf zu stellen, sich den Dingen unter einem ganz ungewöhnlichen Blickwinkel zu nähern und „quer“ zu denken. Können Sie aus Ihrer persönlichen Erfahrung sagen, daß Sie sowohl Ihren Zeichenherrscher Saturn spüren, der es Ihnen wichtig erscheinen läßt, den Respekt der Gruppe oder Gemeinschaft zu erringen, als auch dieses gewisse Extra, das sie von den anderen unterscheidet, das die Gruppe provozieren, die alten Strukturen zerschlagen und sie durch etwas besseres ersetzen will?

Teilnehmerin:  Wie Sie bloß darauf kommen – genau so fühle ich mich!

Clare:  Ich glaube, für Menschen mit der Sonne in Wassermann ist es wichtig, mit diesem Paradoxon zurechtzukommen, denn in diesem Zeichen steckt ein innerer Widerspruch. So kümmert sich zum Beispiel Saturn durchaus darum, was andere denken, wogegen Uranus sich überhaupt nicht darum schert. Daher auch der bekannte Wassermann-Ausspruch: „Ich liebe die Menschheit, bloß die Leute kann ich nicht ausstehen.“ Trotz der inneren Gegensätze ist das Fixe am Wassermann ein Hinweis auf seine unbedingte Loyalität und seine hohen Freundschaftsideale. An der echten Klarheit, der freien Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit und der offenen Freundlichkeit dieses Zeichens ist nichts Betuliches oder Schwammiges. Diejenigen unter uns mit Wassermann-Freunden können sich glücklich schätzen.

Da Menschen mit der Sonne in Wassermann immer anders waren und immer anders sein werden als die Norm, fühlen sich Wassermann-Menschen oft ausgesprochen befreit, wenn sie dahin gelangen, daß sie sich nicht mehr darum kümmern, was andere denken. Im jugendlichen Alter kann das nämlich ausgesprochen unangenehm sein, und viele Wassermänner verwenden einige Anstrengung darauf, „mit den Wölfen zu heulen“, indem sie sich so anziehen und verhalten wie alle anderen, um ihr Gefühl des Getrenntseins zu verbergen. Der Saturneinfluß der ersten Lebenshälfte erzeugt das Gefühl, nicht mithalten zu können, und die Angst davor, bloßgestellt zu werden oder sich lächerlich zu machen. Wird Uranus als Zeichenherrscher dann allmählich stärker, fühlen sich die Menschen mit vielen Planeten in Wassermann immer wohler so wie sie sind und finden sogar Gefallen daran, von der Norm abzuweichen.

Teilnehmerin:  Das hilft mir sehr, denn als Wassermann habe ich mich immer sehr anders gefühlt, und erst ab meiner Saturnwiederkehr habe ich aufgehört, mir darüber den Kopf zu zerbrechen; statt dessen fing ich an, es zu genießen.

Clare:  Ja, offenbar hatten Sie bei Ihrer ersten Saturnwiederkehr bereits die nötige Erfahrung und Selbsterkenntnis erworben, um sich das Anderssein zu erlauben.

Teilnehmerin:  Ja, es war eine schöne Bestätigung. Vorher hatte ich immer das Gefühl, als wäre ich mir selbst gegenüber nicht ganz aufrichtig, und das ist ziemlich schwierig für einen Wassermann.

Andere Teilnehmerin:  Wie steht es mit dem Schatten des Wassermanns? Was passiert da?

Clare:  Gehen wir davon aus, daß Wasser das Gegenteil von Luft ist, so können wir die Schattenseite von Wassermann als ein Unterbewerten gewöhnlicher menschlicher Gefühle und Emotionen beschreiben. Wassermänner zeigen oft eine ideologische Starrheit oder Totalität, die so selbstherrlich, kompromißlos und brutal sein kann, daß sie sich rücksichtslos über gewöhnliche menschliche Belange hinwegsetzt. Mit ihrem inneren Überlegenheitsgefühl können Wassermänner sehr kritisch gegenüber gewöhnlichen Sterblichen sein, die vielleicht zu langsam, zu verdorben oder zu dumm sind, um ihre Brillanz, Wahrhaftigkeit und Klarheit gebührend zu schätzen.

Teilnehmerin:  Und während die anderen allmählich aufholen, ist der Wassermann schon unterwegs zu seiner nächsten Vision.

Planeten in Wassermann

Teilnehmerin:  Ich weiß nicht, ob das etwas zu bedeuten hat, aber mein Mond ist in Löwe und meine Sonne gegenüber in Wassermann.

Clare:  Also müssen wir uns speziell bei Ihrem Horoskop besonders mit der Wassermann-Löwe-Polarität und der wichtigen Integration dieser Polarität beschäftigen. Sie wurden während eines Vollmondes geboren, zu einer Zeit, da Sonne und Mond so weit wie nur irgend möglich voneinander entfernt waren. Das bedeutet, daß Sie diesen polaren Gegensatz in sich tragen und daher über ein Höchstmaß an Objektivität in bezug auf diese beiden Prinzipien in Ihrem Horoskop verfügen. Die Aufgabe besteht nun darin, herauszufinden, was sie als von einander getrennte Prinzipien bedeuten, und sie dann zu integrieren – denn wenn wir nicht von den Gegensätzen zerrissen werden wollen, müssen wir sie integrieren. Wir werden uns im nächsten Kurs sehr viel eingehender mit diesen Dingen befassen.

Teilnehmerin:  Ich habe den Mond in Wassermann, und das ist doch bestimmt schon an sich ein Widerspruch. Der Mond hat mit Gefühlen und Bedürfnissen zu tun und ist wäßrig, doch bei Wassermann geht es um Losgelöstheit und Ideen.

Clare:  Der Mond beschreibt einfach nur, was Sie brauchen, um sich sicher, genährt und geborgen zu fühlen. Der Mond in Wassermann braucht Platz und Abstand, Aufrichtigkeit, Loyalität, Wahrhaftigkeit und Gleichheit in Freundschaften. Was Sie brauchen, sind Ideen und Ideale. Eine lunare Verbindung gehen wir mit Menschen ein, zu denen wir eine geistige Verwandtschaft spüren. Dieses Bedürfnis ist ebenso stark wie irgend etwas Wäßriges. Menschen mit Mond in Wassermann haben oft das Gefühl, in eine Familie hinein geboren zu sein, mit der sie nichts verbindet: „Wer sind diese Menschen?“ Er kann auch ein Hinweis darauf sein, daß Ihre Mutter nicht der normalen Mutterrolle entspricht, sondern irgendwie außergewöhnlich ist – vielleicht eine Frau, die ihrer Zeit voraus ist, oder eine Frau, die sich jetzt, da Sie kein Kleinkind mehr sind, weit wohler damit fühlt, Ihnen gleichgestellt und mit Ihnen befreundet zu sein.

Sally hat Sonne, Venus und Merkur in Wassermann. Merkur in Wassermann zeigt, daß sie wahrscheinlich intelligent, rational, auf Abstand und Fairneß bedacht ist. Ihre Denkhaltung ist logisch, strukturiert und wissenschaftlich, und sie erwartet von anderen, daß sie intellektuell auf gleicher Höhe mit ihr stehen und ihre Ideale teilen. Venus in Wassermann zeigt, daß sie Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität schätzt und sich Freunden gegenüber immer sehr loyal verhalten wird. Die Sonne zeigt, daß sie sich sehr stark mit ihren Werten und Ideen identifiziert. Dies ist eine sehr prinzipientreue, vielleicht sogar etwas selbstherrliche, unnachgiebige Kombination. Die Integration des Gegenzeichens Löwe mit seinem Herrscher, der Sonne, kann ihr helfen, die Bedeutung einzigartiger individueller Werte bei der Verwirklichung kollektiver Ideale schätzen zu lernen.

David hat dagegen Saturn in Wassermann. Diese Stellung ist viel vorsichtiger und zeigt, daß er sehr empfindlich darauf reagiert, von anderen beurteilt oder für dumm gehalten zu werden. Er neigt dazu, sich in allen Fragen nach Autoritätsfiguren zu richten und allgemeine Normen und Erwartungen zu erfüllen, um nicht bloßgestellt oder ausgeschlossen zu werden. Letzten Endes wird er sein eigenes Wissen und Können entwickeln und auf seinem Gebiet selbst eine Autorität werden. Sein Geist ist diszipliniert und strukturiert, und diese Kombination findet sich oft in den Horoskopen von Wissenschaftlern und Strategen.

Teilnehmerin:  Ich habe Chiron in Wassermann.

Clare:  Wieviele hier haben diese Stellung? Aha, drei oder vier. Das ist eigentlich eine Erweiterung dessen, worüber wir bisher gesprochen haben. Chiron ist der Außenseiter und Einzelgänger, der nirgendwo dazugehört und deshalb oft zum Sündenbock gemacht wird. Chiron in Wassermann, dem Zeichen der Gruppe, zeigt oft einen Menschen, der schon viele Versuche unternommen hat, um von den anderen akzeptiert zu werden, und der es schon oft schmerzlich erlebt hat, derjenige zu sein, der nicht dazu paßt, der von der Gruppe abgelehnt und ausgeschlossen wird. Dies kann zu einer verletzten Ablehnung aller Gruppensituationen führen, der Betreffende rationalisiert dann dahingehend, daß er „von Anfang an nicht dabeisein wollte“, was eigentlich ein Schutz dagegen ist, wieder abgelehnt zu werden. Die Wunde des Chiron in Wassermann besteht darin, von der Gruppe getrennt zu sein oder von ihr abgelehnt zu werden. Letztendlich sollten wir uns aber nicht ganz isolieren, sondern uns so annehmen, wie wir sind, ohne daß wir dazu die Erlaubnis oder auch nur das Verständnis anderer bräuchten. Beispielsweise geschieht es uns Astrologen häufig, daß wir von „normalen“ Menschen kritisiert und verurteilt werden, weil wir eine besondere Denkweise haben, die von der Allgemeinheit abweicht. Befinden wir uns jedoch in einer Gruppe anderer einzelgängerischer Astrologen, so können wir gemeinsam Außenseiter sein, was sehr tröstlich ist. Sobald wir uns einmal so angenommen haben, wie wir sind, brauchen wir nicht mehr um die Anerkennung anderer zu kämpfen.

Teilnehmerin:  Aber am Ende wird es doch bestimmt darauf hinauslaufen, daß alle etwas weiterkommen und zu mehr Wissen und Klarheit gelangen.

Clare:  Ich denke, wir würden alle gern glauben, daß das stimmt. Zweifellos gab es seit der Entdeckung von Uranus einen exponentiellen Zuwachs an wissenschaftlichen Neuerungen und Erfindungen, was ja durchaus auf einen kollektiven Fortschritt hindeutet und auf eine neue intellektuelle Fähigkeit der Allgemeinheit hindeutet, unsere Probleme zu erkennen und zu lösen. Allerdings scheint mir, daß dabei noch offen bleibt, ob wir unsere Fähigkeiten auch weise und mitfühlend einsetzen können.

Wir wollen uns jetzt ins Wasser begeben. Dazu müssen wir aus den klaren, weit entfernten, abgehobenen Sphären des Wassermanns in die dunklen Tiefen des Wassers hinabtauchen, wo wir es mit einer sehr viel geheimnisvolleren und archaischeren Welt zu tun haben.

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Das Buch"Mapping the Psyche"

Erstveröffentlichung 2005 durch CPA Press, BCM Box 1815, London WC1N 3XX, Großbritannien, www.cpalondon.com.
Copyright ©2005 by Clare Martin.
Mehr Informationen über das Buch.
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