Loop! Astrologie-Zeitung

Mars-Saturn: Der Trotz-Neumond

Ich mag keine sauren Trauben (Äsop).

Bei Mars-Saturn zum aktuellen Neumond rennt man sich leicht den Kopf an Wänden ein, wenn es schlecht kommt. Läuft es besser, wirkt sich aber jeder gezügelte Impuls so gezielt aus, dass er Wichtiges schaffen kann. Denn im Steinbock steht Mars erhöht, günstig für alle Rück-Versicherungen. Die astrologische Großwetterlage zeigt drum nicht bloß den berühmten Mars-Trotz bei Widerstand (Saturn), der wieder verführerisch Angelhaken auswirft, sondern auch ungewöhnliche Chancen. Allerdings nur, wenn wir hineinhorchen in die Erfordernisse des Moments. Denn die Mars-Saturn Konjunktion folgt nach nur fünf Stunden dem Treffen der Lichter Sonne und Mond in der Jungfrau.

Hier geht es immer um unsere Wahrnehmung und davon hängt fast alles ab. Im Zeichen von Vernunft und Vorsicht wird zunächst auch die Notwendigkeit beleuchtet, sich anzupassen. In Opposition zum Neptun ein eigentümliches Gemisch. Mars im Skorpion  liefert das Risiko dazu, sich überall da richtig festzubeißen, wo etwas unnachgiebig ist, mauert oder im Ansatz blockiert. Wie unter Saturns Zeigefinger besonders gern. Allerdings nur heftig, bis man endlich selbst die Eigen-Begrenzung übernimmt. Sprich, das ändert, was zu ändern ist, statt sich über die Widerstands-Orientierung vom kosmischen Impulsgeber mit dem großen Begrenzer in ein stures Abspulen von Eigensinn zu verbohren. Besser "Ich tue mein Mögliches!" als "Ich bin dagegen!". Mars-Saturn macht uns so unsicher, in dem, was wir sind, weil er auch Behinderung der Durchsetzung bedeutet. Dann fangen wir an zu arbeiten, weil es so sehr in uns arbeitet.

All work and no play makes Jack a dull boy 

Wenn Faktoren des eigenen Horoskops durch die Konstellation berührt sind, die der Neumond elektrisiert, fangen wir schnell an, uns zu verrennen. Die übliche Antwort auf Einschränkung ist Trotz. Eine andere wäre seine kleine Schwester, die "Reaktanz". Ein ganzes Gebäude von Widerspruch, bei dem man alles, was nach Verlust der Freiheit riecht, mit gelebtem Protest beantwortet, aktiv oder passiv. Aber Mars-Saturn als Durchsetzungs-Hemmung schützt eben nur da, wo einem die Brechstange gerade wieder zu locker sitzt. Im Widder lebt ja auch das Wollen und wenn man nicht kriegt, was man will (Mars ist da sehr kindlich), kann man vieles tun: Toben, die Welt einer Schweige-Behandlung unterziehen oder auch - wie Äsops Fuchs unter den unerreichbaren Früchten - beschließen: "Ach, ich mag eh keine sauren Trauben!" In Nullkommanichts erscheinen dann die verwickelten Muster, die in längst vergangenen Traumata entstanden (Skorpion) und sich nun wiederholen. Womit auch der springende Punkt dieses Neumondes in voller Schönheit auftaucht: Er warnt, vor lauter Prinzipien-Reiterei und Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen und in der schmerzhaften Arbeit am Leben zu versinken. Statt dem Spiel der Vernunft mit zauberhaftem, sinnlichen "Vernehmen" des eigentlich gar nicht Vernehmbaren mehr Raum zu geben. Jungfrau, wie sie in den sicheren Dünen sitzt und auf die Wunder der Fische gegenüber schaut - die großen Wasser des Unbewussten. Sie allein kann es nutzbar machen. Und sie allein hat solche Angst davor. 

Der Weg der Vernunft ist ja - anders als der des Verstandes im Schützen, bei dem sich alles zu einem Sinn fügt, eher ein sinnlicher als ein geistiger. Er braucht echte Berührung mit dem, was aus den Fluten des Neptunischen auftaucht. Wer jetzt die Blockaden und den Kampf um das Prinzip Freiheit (Widder-Uranus als natürlichen Gegenspieler des Skorpion) zu wichtig nimmt, ist schnell mit der "Ich bin dagegen und zwar gegen alles, was du sagst!"-Brille unterwegs. Aber manchmal entwickelt sich über die Konflikte eben auch nur der Weg in die eigene Wahrnehmung, die im 6. Prinzip wie ein Mediator darüber entscheidet, was wir wie im 7. Prinzip an uns heranlassen werden. Und auch, ob und wie genau sich unsere Lebenskraft aus dem 5. Prinzip entfalten kann. Über unsere ganz spezifischen Abwehr-Strategien und Angewohnheiten können wir zur Zeit gerade deshalb eine Menge lernen.

Jungfrau kümmert sich an der Grenze zum Du in Waage darum, wie viel Selbst das Leben drumherum verkraftet, und deshalb ist sie der Steuermann. Im Radix des Neumondes (links oben für Greenwich) sieht man außerdem, dass Venus aus dem Löwen mit im Boot des Mars-Saturn sitzt. Da haben wir die Liebe zum Kampf, um der Individualität willen, die scheinbar dauernd bedroht wird, weil andere auch Bedrüfnisse haben. Der Abgleich funktioniert meist nur, wenn der Stärkste der Beteiligten, Saturn (persönlich am wenigsten zu steuern), konstruktiv freiwillig als Versicherung gegen tägliche Alarm-Situationen eingesetzt wird, die unser Geist sich um all das herum so zurecht fantasiert. Seine Verlangsamung ist das Zielwasser, mit dem man den hektischen Mars in seinen Gefechts-, Brand- und Verwundungs-Mustern lenken kann. Bevor etwa doch noch die Saturn-Mauer einen außen einfangen muss.

Jetzt besteht die Chance, das Feuer der Angst vor Verlusten selbst einzudämmen, um nicht endlos die alten Sichtweisen bestätigt zu sehen: Nie geht etwas glatt. Wieso passiert mir das schon wieder? Wohin ich auch gehe, ist die Wand! Stimmt genau. Dieses Dasein braucht Wände. Dieses Leben ist so. Dieser Planet hat Grenzen. Setzt du sie nicht für dich, bringt dich etwas dazu. Dann kann es sein, dass sie andere gegen dich einsetzen. Venus, die gesunde Selbst-Sicherung ist ja nicht konkurrent, sondern nur stabilisierend. Ihr End-Pol in Erde, der Saturn, gibt unserem Alltag, rückwärts im Tierkreis, im Steinbock auch den irdischen Halt durch Bestand. Das Leben dauert mit ihm, so lang es dauert. Es gibt keinen Sonderbonus. Um Materie überhaupt erst zu ermöglichen, ist jeder winzige Bestandteil des "faktischen" Daseins, auch der Mensch, nun mal begrenzt. Alles voller Zellen, Hüllen, Eigenheiten, Zäune, Palisaden oder unerfüllter Träume von Ungetrenntheit. Aber wie Buddhas erste "edle Wahrheit" schon sagt: Das Leben ist Leiden. Womit aber nun nicht gemeint war, dass man genau das ständig nur feststellt und dann in einem nihilistischen Grund-Frust versinkt. Es heißt bloß: Erwartungen neigen dazu, öfter nicht erfüllt als erfüllt zu werden.

Eine der offenbar erschütterndsten Erfahrungen in unserer kleinen Welt, die wir immer noch wie Science Fiction behandeln, ist das Defizit, das unsere Köpfe feststellen. Auch wenn außen alles eigentlich in schönster Ordnung ist. Ich habe Angst davor, dass mir morgen der Himmel auf den Kopf fällt. Diese Angst soll weg. Oder besser gleich der Himmel. Ich habe Appetit. Ein leckerer Mozarella-Salat muss her. Ich brauche Liebe. Wieso siehst du das nicht? Wir denken uns in den Mangel. Merkur ist die Zündkerze, Mars stampft mit den Füßen. Ich will aber, sagt er (was genau, zeigt sein Stand im Radix). Nein, sagt Saturn. Würde einer fehlen, wo der andere stark ist, bräche überall Chaos los. Denn es gibt ja mindestens so viele Erwartungen wie Menschen und man schlägt sich schon mit den unerfüllten Träumen gegenseitig oft genug die Köpfe ein (wo Träume miteinander meist konkurrieren).

Mars-Saturn reguliert darum auch genau da die Impulse, sich durchzusetzen, wo sie lebensfeindlich werden können. Er hierarchisiert damit alles, was uns (als Feuer-Angelegenheit) zu schnell buchstäblich in die Höhle des Löwen schickt: Immer an den Hof des Selbst, das sich sehr bedeutsam findet und Streicheleinheiten für einfaches Sein verlangt. Worauf sich im Schützen die Kolonialisierung fremden Lebens in voller Pracht entwickeln kann, aus ursprünglich freudvoller Begeisterung für das Eigene. Daran ist erst mal nichts Falsches, falls die anderen einen gern glänzen lassen und man die "Strokes", die psychologischen Belobigungen für individuelle Eigenheiten, zufällig nachgeworfen bekommt. Man packe sie schnell ein, nehme die Beine in die Hand und freue sich irgendwo daran, bis das nächste Bedürfnis auftaucht. Pünktlich, wie eine Digitaluhr, meist nach ein, zwei Minuten. Das sind die Denk-Gewohnheiten, die im Feuermelder des Tierkreises, der Jungfrau, versuchen, das Mögliche entstehen und das Unmöglich bitte nicht passieren zu lassen. Was beides in der erhofften Perfektion vielleicht in Alices Wunderland, aber nicht auf Erden passiert. Trotzdem denken und befürchten und wünschen wir weiter und weiter.

Whatever can go wrong will go wrong (Murphy's Law)

Passiert das Übliche, nämlich Murphys Gesetz, und alles kommt anders, als Jungfrau an ihrem Negativ-Ende es so positiv geplant hat, holt man sich zur Not lieber eine Portion negative Aufmerksamkeit über eine blutige Nase. Besser der Streichelzoo negativer Gefühle anderer, als gar nicht bemerkt werden und etwa im Ur-Schlick des Übersehen-, Übergangen-, Übervorteilt-Werdens versinken. Wo Mars regiert, wabert ja auch immer die Leere des Neptun dahinter. Es ist schon merkwürdig, wie beherzt wir dann das Programm der Selbst-Rettung neu abspulen. Gerade im Reiche "Es muss!" der Fix-Zeichen, wo Impuls-Herr Mars sich gerade herumtreibt. Ausgerechnet bei der Krönung der Konzepte im Skorpion. Da verlangt er dann lieber sofort die ganze Hand vom Schicksal, sobald es ihm auch nur den kleinen Finger entgegenstreckt. Was wäre wenn? Wenn das Schicksal nun "Ja!" sagte? "Aber natürlich, lieber Mars, liebe Sonne, lieber Jupiter! Dass ich darauf noch nicht selbst gekommen bin! Du bist Herr/Frau Wichtig-Wichtig und ich lass dich mal kurz vor, auch wenn noch 7,2 Milliarden andere etwas völlig anderes wollen als du und viel länger anstehen."

Dann ginge es eben nicht mehr um Durchsetzung eines Mars, sondern um einen Dauer-Zustand des Saturn. Da der auf alles setzt, was einem "zusteht", kommen hier Regeln und Pflichten ins Spiel, sowie zeitliche und räumliche Erfordernisse, die man erst einmal hinter sich bringen muss. Genau die beschreibt nun die Astrologie sehr fein - als eine Art Haushalts-Plan dessen, was "gerade dran ist". Mars-Saturn jetzt sagt: "Du nicht! So nicht! Später!" Wieso? Weil das Leben Leben heißt und nicht etwa: Wunsch-Erfüllungs-Maschine oder Große Glücks-Selbstbedienung oder Denk-Positiv-dann-wird-schon-alles-gut. Obwohl wir in Zeiten leben, in denen wir uns genau das gern einbilden. Seit Saturn in Luft und Pluto in Feuer herrscht ja besonders die Annahme vor, dass alles erreichbar ist. Selbst das ewige Leben. Wäre das tatsächlich so gemeint oder auch nur ansatzweise je passiert, dürfte es längst keine arme Seele auf der großen, weiten Welt mehr geben, die durch den Vorteil eines anderen Nachteile erleidet. Oder nicht zumindest durch ein bisschen positives Denken in der Lage wäre, sich entweder einen der beliebten Soulmates, die einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen, oder einen Ferrari als Ersatz zu verschaffen. Ist das realistisch? Nicht wirklich.

Kann man die Liebe zählen?

Insofern wirkt auch das große, fallende Kreuz der Relativität, das in den Zeichen von den Zwillingen bis zu den Fischen für die Sinngebung im Alltag zuständig zeichnet, in seiner frischen, konstruktiven Form so bedeutsam und  ausschlaggebend. Und absolut destruktiv, falls wir es für die eine und einzige Wirklichkeit halten. Vor allem im unendlichen Kosmos des eigenen Empfindens. Ob nun das Glas halbvoll oder halbleer ist, darüber können wir endlos streiten. Aber es spielt eben keine Rolle, wenn man es austrinkt. Es sei denn, der gedachte Mangel des halben fehlenden Glases würde wie ein Naturgesetz Wut mitbringen. Oder die angebliche Fülle des gedachten halb vollen Glases unabwendbar Begeisterung. In Wahrheit gibt es nur etwas. Oder nichts. Halb und voll sind reine Einbildung. Wie wir die gestalten, können wir wählen. Sonst auf's ganze Leben gesehen, relativ wenig. Die Falle der veränderlichen Phasen im Tierkreis ist aber, dass man "Faktizität" (mitsamt der "Logik" in den Zwillingen, dem "Nutzen" in der Jungfrau, dem "Sinn" im Schützen und der "Absurdität" der Auflösung all der selbstgemachten Weltbilder in den Fischen) nur kurz mit dem Hauch eines anderen Systems anstoßen muss. Und schon fliegen all die lieben Freunde eines gepflegten geraden Gangs der Zeiten mit Pauken und Trompeten aus der Kurve. Leben ist unlogisch.

Leben ist lebensgefährlich. Man kann etwas tun (Jungfrau), aber nicht alles (Fische). Manchmal schafft Ursache sicher Wirkung. Und manchmal nicht. Und was davon lässt sich berechnen? Was antwortet man jemandem, der einen fragt: "Warum liebst du mich nicht?" Zählt man die Summe seiner Missetaten auf? Argumentiert man ihn aus dem eigenen Herzen? Überzeugt man sich selbst am Ende davon, dass die Sehnsucht nach dem Namenlosen aus den Fischen nur ein Logical war, bei dem eine Seele die andere aus "gutem Grund" erkannte? Alles ja, wenn wir zu sehr auf das "Wissen" setzen. Gelerntes und erdachtes. Alles nein, wenn wir einfach sind, wer wir sind. Kann man die Liebe in Zahlen messen? Die Trauer nach einem Tod?   

An dem, was das Wasser-Element als ganz anders wahr und wirklich erkennt (und das Erdelement als "praktisch logisch" umsetzt = die Folgerichtigkeit des Lebendigen), muss letztlich jeder Geist scheitern, der mit seinen Impulsen arbeitet. Weil sie allesamt auch angewöhnten Denk-"Gewohnheiten" und Kraft-Ritualen unterliegen. Wenn wir dann immer wieder panisch versuchen, das, was uns schmerzlich oder als aus tiefstem Herzen froh begegnet, mit unseren komplizierten, letztlich konstruierten Kausalitäts-Stufen zu kontrollieren, kommt meist der wunde Pol der Fische = Hoffnungslosigkeit dabei heraus. Das heißt aber nun überhaupt nicht, dass etwa die Analyse aus den Zwillingen, die Vernunft aus der Jungfrau oder der Verstand aus dem Schützen völlig nutzlos wären. Gerade da nicht, wo sie uns Angst und Panik des Unüberschaubaren aus dem Namenlosen mit all der Verwirrung um das Unerkannte in uns und anderen verkraftbar machen. Und positive Mechanismen stärken. Was ins Gegenteil umschlägt, wenn wir beginnen, unsere Wahrnehmungs-Muster und verplante Notwendigkeiten durchzudrücken und zu heiligen. Oder Systeme über die Wahrheit zu stellen. Mars-Saturn im August-Neumond zeigt auch, wo zuviel Impuls auf noch mehr Widerstand treffen muss, wenn wir nicht mit dem inneren Herzens-Auge sehen. Sondern nur noch mit dem kühlen, rationalen Schacher-Blick, der sich vor den tiefen Wandlungen des Skorpionischen schützt.

Ja, Dasein fühlt sich noch gefährlicher an, wo wir Gefahr nicht etwa durch Berührung der Sinne in Jungfrau erfahren, um darauf zu reagieren. Sondern ständig nur befürchten, wodurch ein Abwehr-Mechanismus die Hauptrolle bekommt. Und ja, Dasein IST gefährlich. Allerdings ungefiltert am gefährlichsten für den eigenen Blick in eine zum Konzept erstarrte Welt. Selbst die kann zerbrechen, wenn wir dem Fluss des Lebendigen Widerstand leisten, statt mitzugehen. Im Klammergriff der eigenen Sicht wird das Fließen häufig am trotzigen Beharren auf den eigenen Blickwinkel scheitern. Leben ist genau dann Leiden, wenn wir werden, was wir denken. Weil sich die "innere Wortmaschine" (ein Begriff auf der Akzeptanz- & Commitment Therapie = ACT) anschaltet und Realität festmacht. Sichtbar daran, dass im Tierkreis erst nach den Gedanken des Merkur das passende Gefühl im Krebs entsteht. Wir fühlen, wie wir denken. Und wir werden, was wir fühlen. Die Folge Zwillinge bis Löwe. Unsere Welt ist ein klarer Spiegel dessen, was wir in ihr ausmachen, daher über sie "wissen" und dann folgerichtig empfinden. Danach beginnt alles mit noch festerer Sicht von vorn. Das bedeutet "Karma", im östlichen Sinn, danach zu denken, empfinden und handeln, woran wir gewöhnt sind. Kein unabwendbares Schicksal, das uns erfasst.

Die Jungfrau, wo sich dieser Neumond abspielt, beschreibt nun mit den Fischen, dem Zuhause des Neptun gegenüber, auch die Anspannung des Magischen. Alles, was nur verzaubert ist, weil wir es nie verstehen werden - gegenüber der reinen Beobachtung. Zu der Jungfrau führen könnte, wenn Zwillinge nicht vorher schon die "nötigen" Kategorien (von Wort zu Begriff zu Schublade der Funktionen) gebildet hätte. Nie sind wir blinder als dann, wenn wir erklären, was passiert. Auf der Jungfrau-Fische-Achse liegen ja auch die Pole von Reinheit und Schmutz, Extreme, wie sie jede Achse in vielen Formen kennt. Einfach weil es handlich und zeitsparend ist, die Welt in Verhältnissen zu sehen. Sie fein säuberlich in Päckchen abzupacken und sich einzubilden, dann täte sie weniger weh. Was für ein großer Irrtum. Definiere Liebe, definiere Hass, definiere Trauer, definiere Freude. Und?

Der weiße und der schwarze Schmerz

Alles im Leben hat nicht etwa zwei, sondern hundert Seiten. Pole sind im Leben nützlich als Ordnungs-Prinzipien, an denen sich Verhältnisse messen und Verständigungen umsetzen lassen. Solange sie brauchbar bleiben, weil sie wirklich ordnen (der saturnische Aneil der Jungfrau), ist alles gut. Zerstörerisch kann die Sache enden, wenn Verhältnisse zum einschränkenden Sieb mutieren, durch das Erfahrung nur noch so gefiltert wird, dass sie alles andere als unmittelbar ist. Aber genau diese "Polung" geschieht uns praktisch täglich. In der ACT wird daher auch zwischen "clean and dirty pain" unterschieden. Dem "sauberen und schmutzigen Leid". Der "saubere Schmerz" entsteht einfach aus den unvermeidbaren Erlebnissen des Lebens. Geboren werden in eine Leere voller harter Formen tut weh. Krank sein tut weh. Menschen zu verlieren, die man liebt, tut weh. Alt und schwach zu werden, tut weh. Das ist das Leben. Eine saubere Sache, jenseits komplizierter Relationen. Dass aus diesem "sauberen Schmerz" der "schmutzige Schmerz" in Köpfen wird, der Leben terrorisieren kann, ist eine Sache der Gewohnheit.

Ein Problem, das aus Vermeidung des Erlebens über Denkmuster passiert, die uns im Alltag nicht mal mehr auffallen. Immer dann, wenn wir mit den komplizierten, konstruierten Antworten auf die Wunden, die unserer Welt inne wohnen, neue, oft viel schlimmere Schmerzen schaffen. Erwartung (im Schützen) wird dann unabwendbar Enttäuschung (in den Fischen). All das immense Alltags-Leid, das in den Crashs der üblichen Bewertungen und Urteile zwischen Jungfrau und Skorpion sofort auftaucht. Das Blasen voller Hoffnungen und Panik explodieren lässt. Worauf die emotionalen Konzepte unsere Brillen tönen und nur noch durchlassen, was ihnen entspricht. So wird jeder Stock in der Dunkelheit eine Schlange. So wird die lebendige Furcht zu Angst. 

Davon sprechen die Weisen dieser Welt. Dann, wenn sie wie Buddha darauf aufmerksam machen, dass alles brennt. Dass gerade die Erfahrung von Schmerz das Leben selbst ausmacht, solange wir noch nicht ins Paradies des Ungetrennten zurückgekehrt sind. Wer immer uns beigebracht hat, wir könnten uns vor dem "sauberen Schmerz" schützen, hat vermutlich nie gelebt, wer glaubt, der "schmutzige Schmerz" sei eine Einbildung, hat nie gedacht. Alles, was müsste, könnte, sollte, wird umso schneller zum Krieg. Der Terror des Konjunktiv und eines durch und durch selbst fabrizierten Perfektions-Zustands, den wir fortan Leben nennen.

Der Versuch, die eine, böse Seite der Erfahrungen, die das Dasein nun mal für uns hat, wie durch Totems zu kontrollieren. Das endet dann oft in Vermeidung und noch größerem Leid. Weil sich Leben eben nicht vermeiden lässt. Auch davon spricht dieser Neumond. Und was ist dann die bessere Nachricht, die doch immer in allem stecken soll, was wir so erleben? Dass, was wir durchaus auch anders sehen könnten? Vielleicht der gute Kern, der irgendwo, vergessen, am Boden des inflationären Überschwappens eines Dogmas vom "Positiven Denken" sitzt. Im schneller-höher-schöner-weiter Leben, das doch nur neue, enttäuschte Erwartung nach sich zieht. Denn: Ja, wir dürfen uns wünschen. Ja, wir werden das Nötige dazu tun. Aber wir haben kein Recht darauf, es auch zu bekommen. Dasein ist weder fair, noch "denkt" es wie ein Mensch, der im tiefen Weh des Menschlichen zwischen Sein und Schein versucht, ein anständiges Leben zu führen. Veränderung heisst, ES (was immer es sein mag) zu tun oder nicht zu tun. Nicht, im Nachhinein zu wissen, ich hätte tun sollen. Realität bedeutet, Möglichkeit und Wirklichkeit auszubalancieren und den Zauber darüber und darunter mit allen Sinnen zu empfinden.

Jungfrau bringt das Geschenk des sinnlichen Simplify your life. Der Warnung, die auf Erfahrung gründet, nicht der überzogenen Drohungen. Hört man ihr zu, sagt sie einfache Sachen: Mach es besser so, wie es besser geht. Dann verliert keiner völlig den Überblick. Wenn ein Sprung in der Tasse ist, fülle sie nicht mit heißem Kaffee und gibt sie dem Baby in die Hand. Ist ein Abgrund unter dir, probiere besser nicht aus, wie tief er wohl ist, wenn du nicht fliegen kannst. Wenn dir ein Zwei-Meter-Mann mit einer Luger in der Hand nachts begegnet, gib ihm dein Geld, statt mit ihm seine Moralvorstellungen zu diskutieren. All das sind die kleinen Dinge, die das Leben einschätzbar sein lassen. Vernunft und Vernehmen eines über-kulturellen Rufs, der Dasein sichert. 

Ein Beispiel für einen, der die Fallstricke der fallenden Zeichen am eigenen Leben erlebte, war Friedrich Hölderlin (Radix rechts via Astro-Databank, Rodden Rating C). Mit seiner 0° Widder-Sonne mit Merkur-Neptun in 3-9, ausgerechnet in Fische-Jungfrau. Wo sich Saturn dazu auf den AC spiegelte und damit einen Mars-Saturn mitbrachte. Bei ihm flutete aber irgendwann ungehindert der Neptun in Jungfrau ein. Die große Verhältnislosigkeit und in 9 auch Sinn-Losigkeit, die alle Funktionen des neptunischen Merkur zusätzlich vewirrte. Sein Ende, chaotisch, im Turm des Ringens um Worte, wo er kleine Dinge über einen kleinen Alltag schrieb, zeigt, wie wichtig der Weg der Jungfrau in der Konfusion der Fische werden kann. Aber auch, dass sich ein Meer nicht in ein Bachbett pressen lässt. Niemals, nie. Was wir erspüren, das werden wir nicht logisch bewältigen. Was uns überflutet, hält kein wissenschaftlicher Beweis auf. Was diesem Dichter in einem viel Qual und die lyrischsten Namen für das Namenlose brachte, in denen man noch heute Neptuns Wahrheit spürt. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!" Einer der Sätze aus dem Hyperion. Vernunft, die den Zauber erkennt, und vor der Überhebung des Verstandes wohnt, der niemals die ganze Welt begreift.

In diesem Neumond spiegelt sich auch der nötige Ausgleich zwischen Realität und Irrealem, Vernunft und Entgrenzung. Wenn wir soviel Schutz wie nötig und so wenig wie möglich zwischen uns und unsere Erfahrungen legen, begreifen wir das Jungfrau-Prinzip anders, das die Fische für die Welt heben kann. Merkur, der den Neptun erlöst, nicht vertreibt. Dann beruhigt sich manchmal sogar das "schmutzige Leid", das wir selbst in unseren Denk-Stempeln erzeugen. Mit tausend und einer Geschichte, die wir wieder und wieder im Kopf über uns und die anderen erzählen. Wie Wort-Mühlen, die nicht aufhören, im Widerstand gegen das Lebendige zu mahlen.

Erinnern wir uns aber daran, dass jeder Moment neu ist, weil wir ihn neu erfahren können, verändert sich manchmal die Welt. Wir sind keine Fabrik-Arbeiter mehr, die Worte, Bilder, Erfahrung reproduzieren, sondern ab und zu einfach wir selbst, die unser Leben anders sehen können. Frisch, neu, ohne alte Brillen. Viel hilft übrigens viel: Dann kommt Skorpion, die der Erd-Jungfrau nächste Wasser-Phase, aus dem versteinerten Konzept (Gefahr und Verlockung überall) und wird ein mutiger Anlass zur Wandlung. Weil unser tiefes Gefühl uns sagt, was zu tun ist. Ohne Moral, nur ethisch. Wenn das Leben uns Zitronen gibt, machen wir vielleicht einmal wirklich Limonade daraus. Nicht, indem wir es künstlich versüßen, sondern beschließen, etwas anders zu versuchen. Wer will schon an Wiederholungen der immer gleichen Sicht ersticken? Die Schmerzen bleiben: Tod ist Tod, Mord Mord und Trauer um Verluste wird nie angenehm sein. Auch wenn wir sie uns noch so lehrreich denken. Aber noch mehr weh tut es, in Zukunft in jeder Liebe den drohenden neuen Tod zu sehen. Einfach, weil wir es oft genug geübt haben. Wir üben dann vielleicht, wie man es auch noch sehen könnte, wie man es auch noch sagen, wie man es auch noch denken kann. Statt uns weiter über die ständige Säure der Erlebnisse und Erfahrung, die Erlebnisse prägt zu beklagen und mit Mars, dem manchmal so brutalen Impuls des Skorpions, Saturns Schutz der klaren, kurzen Form und konstruktiven Abgrenzung wegzufegen.

Nur dann wird am Ende vielleicht wirklich alles so gut, wie es eben in dieser Zeit, in diesem Raum werden kann. Das ist vielleicht nicht viel, nicht perfekt, nicht Hätte-Könnte-Sollte, aber wirklich gut genug. Auch wenn Schütze mit Jupiter danach schon wieder 100 Schritte weiter im Wunsch-Kosmos unterwegs ist, bevor Steinbock ihn noch einmal beschneidet und das, was in der Zeit von all unseren Missionen bleiben soll, zum endgültigen Bestehen (bis zum natürlichen Vergehen) läutert. Wir benötigen ja durchaus diese Schütze-Qualität der Weitsicht, die dann besonders funkelt, wenn ihr skorpionischer Anteil frei von falschem Beharren auf Prinzipien ist. Wenn Waage wieder davor als guter Hirte, nicht als schlechter Propagandist handelt. Wenn Jungfrau das Nötige tut, nicht das Unmögliche ängstlich verhindert. Wenn richtig falsch sein kann und falsch richtig. Von Mal zu Mal neu empfunden und vor allem an den Folgen bewertet, nicht am Wortgehalt. Guter Anfang, gute Mitte, gutes Ende.

Der Zodiak entwickelt sich nach beiden Seiten als Eskalation, wenn der Einstieg inkorrekt, sprich: destruktiv gestaltet wird. Das fängt mit Mars-Widder an, wo er statt eines Bewegungs-Impulses eine feindliche Kraft-Überladung setzt. Gegen, nicht für. Was Venus-Stier danach nur mit demselben unguten Impuls absichern kann. So wird der Anfang wie ein Wander-Pokal in jede weitere Handlung weitergegeben. Saturn-Mars dieses Neumonds ist auch deshalb so brisant, weil er im Skorpion steht und Löwe-Venus im Quadrat dazu anzeigt, wie schwer uns sanfte Veränderungen fallen, wenn wir in jede Wandlung gleich eine nötige Rettung hineindenken. Trotzig werden, mit unserem immer bedrohten Selbst. Wenn Mars-Saturn kein anderes Ich mehr in sich findet als das, was sich nur in verstärktem Widerstand fühlt.

Was bleibt, ist meist ein Haufen verbrannter Erde. Wenn du nicht mit dir Ball spielen lassen willst, spiel Ball mit dir selbst: Mit diesem Neumond kommt vielleicht auch die Zeit, die innere Welt behutsam aus den Angeln der immer gleichen Vorstellung zu heben. Unbedingt zu ändern, was man ändern kann, und das, was im Moment nicht zu ändern ist, eben zu erleben, wie es aufscheint. Die Brille immer mal wieder - und sei es nur für Minuten - abzusetzen. Ohne darunter zur Salzsäule zu erstarren und im üblichen ergrübelten Leid alle Energie vor der Zeit zu verbrennen. Jungfrau ist ja immer abhängig von ihren Jobs. Sie krempelt die Ärmel hoch und fragt: Wo steht das kaputte Klavier? statt einfach ein paar Dissonanzen zu klimpern. Vielleicht ist das Erleben unter diesem Neumond auch darum eine der sensibelsten Aufgaben, die wir uns als Menschen stellen können. Wenn auch eine der lohnendsten. Das Bewusstsein zu überprüfen und die Ethik zu klären, ist nie ein Fehler.

Nicht nur dann, wenn ein Mars-Saturn mit seinen Mauern uns brutal aufweckt. Das können wir selbst viel besser. Jeden Tag neu, strategisch, wie ein Training. Wenn Neptun spielt, Merkur den Ton wahrnimmt und den Zauber in den Alltag übersetzt, tanzt die plutonischen Tiefe manchmal mit Saturns Klarheit und Mars' Feuer einen speziellen Tanz. Dann wird einiges wieder denkbar, woran wir uns sonst die Stirn blutig gerammt haben. Ein anderes Bewusstsein für unsere vielen verschiedenen Möglichkeiten.  

Bilder (bearbeitet): u.a. Milo Winter/Projekt Gutenberg + Giovanni Maria Falconetto, all via Wikimedia Commons

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Original-Artikel von www.astrologie-zeitung.de
Autorin: Susanne Riedel Plenio

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20-Sep-2014, 00:54 Weltzeit
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Uranus15Widder13'13"r
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