Ruf
London an!
Kolumne von Barbara Hutzl-Ronge
Seitdem ich diese Kolumne schreibe, kann niemand in meinem Freundeskreis
mehr etwas erzählen, ohne dass wer anderer ruft: "Pass auf, was
Du ihr erzählst, sonst schreibt sie über Dich in der Kolumne!" Aber
sobald ich frage, ob ich die Geschichte veröffentlichen darf, erhalte
ich jedes Mal die Erlaubnis dazu. So auch kürzlich. "Verrückter
geht's nimmer", dachte ich mir als ich zuhörte und witterte eine
Uranusgeschichte:
Ernst und Lotte führten 41 Jahre lang eine Bäckerei in einem 1000-Seelen-Dorf.
Sie stand vorne an der Theke und Ernst buk hinten in der Backstube
liebevoll Brot und Brötchen. Seine ganze Leidenschaft galt der Patisserie.
Bis allerdings jeder Pfirsichschnitz akkurat dort lag, wo er hingehörte,
bis die Verzierungen auf Torten und Kleinbäckerei so kunstvoll waren,
wie Ernst sie haben wollte, vergingen Stunden. Wirtschaftlich einfach
war das nie gewesen. Als dann im nahen Supermarkt noch eine Frischbackstube
aufging, mussten Ernst und Lotte die Bäckerei schliessen. Im Supermarkt
lag der Pfirsichschnitz zwar nicht in der Mitte vom Plunderteigstück,
aber den Kundinnen kam's darauf offenbar nicht an.
Ernst war im Alter von 61 Jahren arbeitslos geworden. Er konnte
sich nicht vorstellen, in einer anderen als der eigenen Backstube
zu arbeiten. Überhaupt fand er die Idee, irgendwo anders hinzugehen
grauenhaft. Nein, ins Nachbardorf wollte er nicht und in eine Stadt
schon gar nicht!
Seine Frau schnitt Stellenangebote aus und legte sie ihm auf den
Couchtisch, denn Ernst sass auf dem Sofa - und tat nichts. Monatelang
nichts. Eines Tages brachte ihm sein Neffe zum Jux eine Telefonnummer
aus London mit, die er im Internet gefunden hatte. Dort suchte jemand
einen Konditor. Auch diese Nummer legte Lotte ihm auf den Tisch.
Keine Reaktion.
Tage später sagte Ernst plötzlich abends: "Ruf London an!" Er konnte
nämlich kein Englisch, Lotte hingegen spricht es fliessend. Sie
sagte: "Du, ich kann doch nicht am Abend jemand in London bloss
zum Spass stören!" Doch Ernst wollte definitiv wissen, wen denn
die in London bräuchten. Sie rief an und kurz danach merkte sie,
dass ihr Londoner Gegenüber mit deutschem Akzent sprach. Der Geschäftsführer
der Continental Bakery war ein Süddeutscher. Sie übergab ihrem Mann
den Hörer. Nach fünf Minuten hatten sich die beiden geeinigt, dass
Ernst am Montag fliegen und am Dienstag in einem Ort am Stadtrand
von London zu arbeiten beginnen sollte. Lotte traute ihren Ohren
nicht. Es war Freitag!
Nachdem Ernst abgeflogen war, hörte sie zwei Wochen lang nichts
von ihm. Lotte machte sich keine Sorgen und sagte damals seelenruhig
zu mir: "Weißt Du, er muss sicher viel arbeiten. Er wird sich schon
melden, wenn er Zeit dafür hat. Ich kenn' ihn doch, ihm geht es
gut, das spür' ich."
Gestern sah ich Lotte wieder. Inzwischen waren Monate vergangen
und ich fragte nicht ohne Neugier: "Wie geht's denn Deinem Mann?"
Sie strahlte übers ganze Gesicht: "Blendend", sagte sie "einfach
blendend!" Alles, was Ernst bäckt, kommt bei den Briten sagenhaft
gut an. Sie lieben seine Nussgipfel und Hefeschnecken, Zuger Kirschtorte
ist unter der High Society ein Renner. Die Continental Bakery liegt
nämlich in einem Nobelvorort. Jetzt loben Prinzessinnen die Dekoration
auf seinen Cremeschnitten und gelegentlich kommt es vor, dass eine
Schwarzwäldertorte für die Queen persönlich über den Ladentisch
geht.
"Unglaublich", dachte ich und freute mich über die wahrhaftige
Krönung von Ernsts beruflicher Laufbahn. "Und wo wohnt er?" fragte
ich.
Ernst
lebt in einer WG zusammen mit vier anderen Saisoniers, die allesamt
seine Enkel sein könnten. Die Girls und Boys haben ihm auch einen
Spitznamen verpasst: Silverman. Wegen seines weissen Haars. In seinem
verrückt neuen Leben hat sich Ernst jedoch einen geregelten Tagesablauf
eingerichtet: von 6 bis 15 Uhr arbeitet er in der Backstube, dann
legt er sich daheim für ein Nickerchen hin. Schliesslich steht ihm,
Silverman, in seinem Alter ein Nachmittagsschläfchen zu. Danach
geht er einkaufen und fährt dann eine Stunde lang mit dem Rad durch
die Gegend. Ja und abends, da kocht er sich etwas, ausser die Girls
laden ihn zum Essen ein. Dafür übernimmt er dann den Abwasch, damit
die Mädels früher in die Disco gehen können.
Am Wochenende fährt Ernst nach London, spaziert durch die Stadt
oder besucht Museen. Zum Abschluss geht er immer ins selbe Pub.
Aber dort setzte er sich nie an die Theke, damit ihn bloss niemand
in ein Gespräch zieht, denn mit seinem Englisch hapert es noch gewaltig.
"Ach weißt", sagte kürzlich Lotte am Telefon zu ihm "wahrscheinlich
würde sich niemand von denen im Pub getrauen, ins Ausland arbeiten
zu gehen. Die werden Dich bewundern, auch wenn Dein Englisch nicht
toll ist." Nun hat sich Ernst erstmals an die Theke gesetzt. Der
Abend war ein voller Erfolg, Silverman war der Star und alle haben
ihn aufgefordert wiederzukommen.
Einziger Wermutstropfen im Leben des couragierten Bäckers: Manchmal
muss er Kuchen mit hellrosa oder grellblauem Zuckerguss überziehen,
denn die Briten lieben buntglänzende Glasuren.
Wer astrologisch für diese Verwandlung verantwortlich ist, wollen
Sie wissen? Uranus, wer sonst! Aber Saturn und Pluto haben auch
noch kräftig mitgemischt.
Was mich so fasziniert an der Geschichte, ist die totale Verwandlung.
Für verrückte und plötzliche Änderungen ist Uranus ja berühmt, aber
was uns meistens dabei entgeht, ist der Prozess davor. Es ist wie
bei einem Schmetterling: Die Raupe spinnt sich ein, und dann passiert
von aussen betrachtet lange gar nichts. Doch im Inneren ist die
Erstarrung der Puppe ein gewaltiger Vorgang, denn wenn der Schmetterling
plötzlich ausschlüpft, dann hat sich jede Zelle der Raupe in eine
andere verwandelt.
Genau so ging es Ernst. Monatelang hockte er untätig auf dem Sofa,
er rasierte sich nicht mehr und hatte nüchtern betrachtet eine Depression.
Keiner der vernünftigen Vorschläge, die ihm Lotte unterbreitete,
kam bei ihm auch nur an. In der völligen Erstarrung jedoch hat sich
in ihm etwas zusammengebraut, das ihn mutiger hat werden lassen,
als er es je zuvor in seinem Leben gewesen war. "Ruf London an!"
Manchmal braucht es Mut zur Krise, den Mut, unter einem Uranustransit
nicht in hektische Aktivität zu verfallen, sondern so lange auszuharren,
bis das Eigene so stark wird, dass es nicht hilfesuchend nach der
erstbesten Möglichkeit greift, sondern bereit ist, die grosse Veränderung
zu wagen. Aber die kann sich dann sehen lassen.
© Barbara
Hutzl-Ronge / Astrodienst AG 04/2003 |