Rätsel: Wer war es?
Kolumne
von Barbara Hutzl-Ronge
Kürzlich stand ich vor meinem Schrank und fand, dass es höchste
Zeit wäre, mir etwas Neues zum Anziehen zu kaufen. Am liebsten gleich
jetzt. Dummerweise war Samstag. Wer geht schon am Samstag einkaufen,
wenn das Gedränge gross ist und die Nerven aller blank liegen? Ich
beschloss, mich nicht stressen zu lassen und ohne den Druck, unbedingt
etwas finden zu wollen, zog ich los.
Wohin?
Natürlich in meine Lieblingsboutique, wo gleich eine junge Verkäuferin
auf mich zukam, und fragte, ob sie mir helfen könne. Dankend lehnte
ich ab und meinte, ich wollte mich doch zuerst gern allein in aller
Ruhe umschauen. Ich liess meine Finger über die Bügel gleiten, und
da betrat eine Frau den Laden, die mir sofort auffiel. Sie trug
schwarze Jeans, ein eng sitzendes Top und darüber eine knallrote
Lederjacke. Die Haare hatte sie hochgesteckt, sodass ein paar Spitzen
herausstanden und bei jeder Bewegung frech wippten.
Die Frau war wirklich ausnehmend schön und ihr Outfit passte perfekt
zu ihrem Typ. Irgendwie kam sie mir auch bekannt vor, aber mir fiel
nicht ein, wo wir uns schon mal begegnet sein könnten. Nach einer
kurzen Unterredung mit der Verkäuferin eilten die zwei von einem
Kleiderständer zum anderen und bald verschwand die Schöne in der
Kabine.
Ich traute meinen Augen nicht, als sie wieder herauskam. Ein ärmelloses
Kleid in einem warmen Erdton umspielte sanft Busen und Hüften. Der
Stoff glänzte samtig und die Farbe passte wunderbar zu ihrem Teint.
Sie drehte sich vor dem Spiegel, löste die Haarspange, schüttelte
leicht den Kopf und Kaskaden wunderbar schimmernden Haars fielen
ihr über den Rücken. "Meine Güte", dachte ich, "das ist ja wie im
Kino!" Da reichte ihr die Verkäuferin einen breiten Schal. (Sicher
Paschmina, feinste Wolle und sündhaft teuer!) Sie legte sich den
Schal um die Schultern, doch schon bei der nächsten Bewegung rutschte
er tiefer und die nackten Schultern blitzten hervor. Grosse Göttin,
die Frau sah einfach umwerfend aus!
Die Verwandlung war perfekt. So wie sie hereingekommen war, hätte
sich jeder Motorradfahrer die Finger geschleckt, sie als Sozia durch
die Gegend fahren zu dürfen. (Aber wahrscheinlich fuhr sie selber,
sie war tough genug eine schwere Maschine zu fahren!) Nun jedoch
war aus ihr eine Frau geworden, die auf so natürliche Art elegant
und sinnlich zugleich wirkte, dass es einfach zum Niederknien war.
"Wahrscheinlich fallen die Männern grad reihenweise um, wenn sie
sie sehen", dachte ich und stellte mir innerlich lachend die Aufregung
vor, die sie in den Herzen verursachen würde.
Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich wusste,
wer sie war! Haben Sie sie mittlerweile auch erkannt?
P.S.: Mein Portemonnaie ist in der Boutique auch um einiges dünner
geworden, aber das ist im Moment ja kein Wunder.
© Barbara
Hutzl-Ronge / Astrodienst AG 05/2003 |