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"Ein
Lob auf Merkur, den Listigen"
Kolumne von Barbara Hutzl-Ronge
Seit 26. April ist Merkur rückläufig und wir fragen uns natürlich
alle, was er uns diesmal wieder beschert. Astrologiekundige haben
hierzu meist eine Liste von Befürchtungen parat: Wird mein Computer
schlapp machen, weil Kommunikationsmittel unter rückläufigem Merkur
schlechter funktionieren? Kommt es nun zu einer langen Folge von
Missverständnissen, die es einem im Beruf oder in Beziehungen schwer
machen? Sind jetzt alle Abmachungen für die Katz', weil sich unter
rückläufigem Merkur eh niemand an Vereinbartes hält?
Klar, der rückläufige Merkur stellt jetzt unser aller Denk- und
Kommunikationsgewohnheiten auf die Probe, und einige von uns bekommen
das bis zum 21. Mai eindrücklich zu spüren. Zum Fürchten ist er
deshalb aber lange noch nicht, wie folgende Geschichte zeigt, in
der Merkur, der ja nach dem römischen Götterboten benannt ist, die
ihm anvertrauten Botschaften recht trickreich übermittelte:
Als Merkur im September vergangenen Jahres rückläufig wurde, verabredete
sich meine Freundin Anna auf einem Fest mit Freunden für eine Wanderung
am Wochenende. Als Joe, ihr schwuler Freund, sie danach mit dem
Auto heimbrachte, fragte sie auch ihn, ob er Lust hätte mitzukommen.
Leider hatte Joe für das Wochenende schon andere Pläne. Schade.
Da meldete sich plötzlich Joes Freund Simon aus dem Fond des Wagens
und meinte, er hätte Zeit und Lust auf eine Wanderung, ob er denn
mitkommen dürfe. Erstaunt drehte Anna sich um, überlegte kurz, dachte
"eigentlich ist er nett, der Simon" und sagte, "aber klar, komm
doch mit!" Schnell besprachen sie noch, welchen Zug sie nehmen sollten.
Simon plädierte für den früheren und Anna, eine passionierte Langschäferin,
protestierte, stimmte dann aber zu.
Am Samstag morgen war Anna schon ein bisschen sauer auf sich selbst.
Warum hatte sie sich bloss von jemand Wildfremden überreden lassen
so früh loszuziehen? Auch ihre Freunde, die schimpfend am Bahnsteig
eintrafen, fanden die Abfahrtsstunde eine Zumutung. Zu allem Überdruss
war Simon weit und breit nicht zu sehen und so fuhren sie ohne ihn
los. Als die drei dann einen Anschlusszug nur erwischten, weil sie
so früh unterwegs waren, da verflog jedoch ihr Groll auf ihn und
sie waren ihm dankbar für seinen Beitrag zum Gelingen der Wanderung.
Trotzdem fand Anna es seltsam, dass Simon nachher nie anrief, um
sein Fernbleiben zu erklären. Allerdings war sie auch nur schwer
zu erreichen, weil ihr Anrufbeantworter das Zeitliche gesegnet hatte.
Als sie Tage später Joe traf, wunderte der sich, dass Anna noch
nichts von Simon gehört hatte, denn er hatte ihm schon lange ihre
Mailadresse gegeben. "Aber ich krieg' doch meine Mailbox seit einiger
Zeit nicht auf", stöhnte Anna.
Endlich erwischte Simon Anna telefonisch zu Hause. Zerknirscht
gab er zu, dass er an besagtem Abend wohl ziemlich hinüber gewesen
sei. Er wusste am nächsten Morgen zwar noch, dass ihn sein Freund
Joe nach Hause gebracht hatte, aber nicht mehr, was er mit ihr abgemacht
hatte. Seit Tagen versuchte er dies nun via Mails zu erfahren. Sein
schlechtes Gewissen troff ihm aus allen Poren und so bat er Anna
mit ihm - quasi als Wiedergutmachung - essen zu gehen. Auch Anna
war es peinlich, dass sie auf seine Mails nicht antworten konnte.
Für wie zickig mag Simon sie wohl gehalten haben! Und so nahm sie
ganz erleichtert seine Einladung an. Die beiden verbrachten einen
angeregten Abend, plauderten über Gott und die Welt, hatten es witzig
und interessant miteinander, und irgendwann erzählte Simon von seiner
früheren Freundin. Anna war irritiert. Erst bei der dritten Erwähnung
seiner Exfreundin getraute sie sich nachzufragen, ob er denn nicht
schwul sei. Nein, sicher nicht, lachte Simon. Und obwohl Simon Anna
ihre Vermutung nicht krumm nahm, war die entspannte Atmosphäre von
einem Moment zum anderen beim Teufel.
Zu Hause ging's in Anna drunter und drüber: Sie war viel lockerer
gewesen, als sie es sonst bei Verabredungen sein konnte, alle ihre
Hemmungen und Abwehrreaktionen, die ihre Dates immer beeinflussten,
waren Simon gegenüber einfach nicht da gewesen, weil sie so felsenfest
überzeugt gewesen war, dass er schwul sei. Sie war ganz einfach
Anna gewesen und langsam dämmerte ihr, dass Simon womöglich an ihr
interessiert sein könnte. Daran zu denken, dass Simon nicht schwul
war, das brachte ihr Herz zum Klopfen.
Es hat dann noch ganz viel Mut und etliche Mails gebraucht, die
auch ankamen, denn Merkur war wieder direktläufig geworden, bis
beide sich ihre Gefühle füreinander gestehen konnten. Der Rest ist
nicht mehr jugendfrei. Anna und Simon sind heute ein Paar. Die Geschichte,
wie sie sich kennen gelernt haben, erzählen sie gern und mir haben
sie erlaubt, sie hier im Netz weiterzuerzählen.
Für mich ist das nicht nur eine süsse Lovestory, sondern auch eine
wunderbare Geschichte darüber, wie tief Merkur in seine Trickkiste
greifen musste, um ihrer Liebe auf die Sprünge zu helfen. Erst verleitet
er Simon, mehr zu trinken als üblich, denn nur mit benebeltem Verstand
traut sich der schüchterne Simon überhaupt Anna anzusprechen. Und
dann lässt er Simon noch vergessen, worüber er und Anna geredet
haben! Als nächstes sabotiert Merkur gewitzt die Kommunikationseinrichtungen,
sorgt für schlechtes Gewissen und versöhnliche Stimmung auf beiden
Seiten. Und so kommt es, dass Simon und Anna sich richtig altmodisch
gegenüber sitzen, und plötzlich bemerken, wie gut sie miteinander
reden können und sich mehr als nur sympathisch finden. Merkurs göttliches
Meisterstück ist jedoch Annas missverständliche Annahme, Simon sei
schwul, mit der er Annas gewohnte Abwehrstartegien locker ausser
Kraft setzt.
Das Universum hat nicht vor, uns den letzten Nerv zu rauben,
indem es Merkur scheinbar rückwärts laufen lässt, sondern es bringt
alles ans Licht, was schon da ist, was wir aber übersehen haben
oder uns weigern, es wahrzunehmen.
Augen auf, es gibt so vieles zu entdecken!
© Barbara
Hutzl-Ronge / Astrodienst AG 04/2003 |