FRÜHLINGSERWACHEN
Kolumne von Barbara Hutzl-Ronge
Jedes Jahr im Frühling überkommt
mich eine Lust. Ob draussen die Sonne scheint, erste Tulpenspitzen
aus dem Boden drängen oder ob das Aprilwetter mit unerwarteten
Schneeflocken seinem Namen alle Ehre macht, ist dabei gar nicht
so wichtig. Der Vollmond ist’s, der diese Lust weckt. Nein, nicht
irgendein Vollmond. Der, während die Sonne den Widder durchläuft,
muss es sein! Und wenn dann samstags die Glocken läuten, ist es
höchste Zeit. Ich nehme Mehl, Zucker und Mandeln, schmelze Butter,
verschlage Eier, und brösle mit meinen Fingern Hefeklümpchen in
lauwarme Milch: Die österliche Backlust hat mich wieder.
Ich mach‘ mir einen Hefeteig, stell‘ ihn auf
die Heizung. Und allein schon die Tatsache, dass er dort butterglänzend
sein Volumen verdoppelt, bereitet mir Freude. Aber wahrhaft genüsslich
finde ich es erst dann, wenn ich meine Finger in die warme, weiche
Masse grabe und ihr eine Form gebe. Welche Form? Aber das ist doch
klar! Hasen und Lämmer. Und dass ich als backbegeisterte Astrologin
die Lämmer bevorzuge, ist auch keine Frage, denn ich finde es wunderschön,
wenn sich der astrologische Sonnenstand in altem Brauchtumsgebäck
widerspiegelt.
O.k., ich gebe es zu, angefangen habe ich mit
den Lämmern reichlich vorgenormt. Vor Jahren habe ich eine Backform
erworben, die aus zwei Blechhälften in Gestalt eines recht herzigen
Lammes besteht. Ihr Nachteil wurde schnell offenkundig: Nur so wenig
Teig passte in das Förmchen und bis mehrere Lämmer gebacken waren,
vergingen Stunden! Eine Geduldsübung, die für eine Widderfrau wie
mich eine unerträgliche Herausforderung darstellte. Ausserdem mangelte
es all den gleichaussehenden Lämmern an Pepp. Individualität war
definitiv nicht ihre Stärke.
Die Lammbackform verstaubt am Dachboden, denn
ich habe mich schon längst aufs freie Formen - ohne jeglichen Zwang!
- verlegt: Aus mehreren Teigsträngen flechte ich den Körper, der
dann so schön wellig wie ein Lammfell aussieht, und lege ihn aufs
Backblech. Vorne kommt der Kopf mit Schlappohren dran, unten vier
dünne Beinchen und hinten ein Lämmerschwanzerl. Und ab geht’s in
den Ofen.
Was dann nach 30 Minuten herauskommt, ist ein
goldgelb glänzendes Riesenlamm. Obwohl es mir wirklich jedesmal
viel dicker als seine lebenden Artgenossen gerät, sieht es doch
so appetitlich aus, wirkt so lustig, weil der Hefeteig so plüschig
aufgegangen ist, dass es mich an Lämmer auf der Weide erinnert,
die manchmal vor lauter Vergnügen mit allen Vieren gleichzeitig
in die Luft springen. Und wenn ich dann auf mein wohlduftendes Lamm
blicke, dann überkommt mich noch eine Lust: die Lust am Leben zu
sein, mich lebendig zu fühlen und erneut in ein Jahr mit allen Erfahrungen,
die uns die Sonne beim Lauf durch die Tierkreiszeichen schenkt,
hineinspringen zu können. Und dann ist es nicht die Art von Sprung,
die uns Widdern so oft nachgesagt wird - der mit dem Kopf durch
die Wand! -, sondern es ist die pure Lust an der Bewegung und eine
verspielte Neugier auf alles Neue, was da kommen mag.
Es ist Widderzeit! Mit einem grossen Schwung
Lämmerenergie bekommt sie
Leichtigkeit und mit der richtigen Dosis Widderkraft - ja damit
lassen sich auch noch ganz andere Gelüste verwirklichen.
P.S.: Wen ich mit meiner Backlust angesteckt
habe, der findet das genaue Rezept auf meiner
Homepage.
© Barbara Hutzl-Ronge / Astrodienst AG 04/2003 |