Anstiftung zur Lebendigkeit
Kolumne von Barbara Hutzl-Ronge
Die aktuelle Venus-Uranus-Konjunktion bringt Bewegung in Beziehungen.
Infolgedessen bekomme ich jetzt vermehrt aufregende Liebesgeschichten
zu hören. Unabhängig davon, weswegen sich meine KlientInnen ursprünglich
bei mir angemeldet haben, im Moment geht’s nur um die Liebe. Zumindest
auf den ersten Blick.
Selbstverständlich schüren das Duo Venus und Uranus, wenn sie einander
in den Fischen umarmen, die Sehnsucht nach dem idealen Liebespartner. "Sei
mutig, trau Dich, wirf doch Deine Ängste und Konventionen hinter
Dich" flüstert Uranus seiner Geliebten lockend ins Ohr. Venus geniesst,
wie sich das Prickeln in ihrem Körper ausbreitet, wie es hochsteigt
bis in ihren Kopf, den sie lachend nach hinten legt. Sie fühlt sich
auf wunderbare Weise lebendig,alles scheint ihr möglich.
Die Palette der Liebesgeschichten reicht nun von aufregenden Neuentdeckungen
bis hin zu Uraltgeschichten, die plötzlich wieder aktuell werden.
Das Liebeskarussell dreht sich munter und die Gefühle vieler fahren
Achterbahn. Das lässt sich so locker niederschreiben, fühlt sich
für die Betroffenen in der Realität aber meist nicht nur aufregend,
sondern auch aufreibend an. Oft sind mehrere Personen in komplizierte
Partnerrochaden verwickelt, und dann entpuppt sich erotische Leidenschaft
schnell als ein Gefühl, das zusätzlich Leiden schafft.
Nicht selten lässt sich aber in den Geschichten, so unterschiedlich
und individuell sie auch sein mögen, ein tiefer liegendes Thema feststellen.
Viele suchen eigentlich eine Antwort auf die Frage: Wie kann ich
mein Leben anders gestalten, damit es sich wieder aufregend und lebendig
anfühlt? Den Partner zu wechseln ist zwar eine effektvolle Möglichkeit,
aber bei genauer Betrachtung der Lebensumstände kristallisieren sich
oft noch andere Bereiche heraus, die nach Erneuerung schreien, weil
sich eine - plötzlich als unaushaltbar empfundene - Routine eingeschlichen
hat. Kreative Lösungen sind gefragt.
Als grösstes Hindernis, solchen Lösungen näher zu kommen, erweisen
sich meistens die eigenen Vorstellungen. Es ist ganz erstaunlich
wie viele "Das-macht-man-doch-nicht-Ideen" und "Das-kann-ja-nie-funktionieren-Überzeugungen" in
den Köpfen nisten. Um ein Beispiel zu geben, was passieren kann,
wenn man sich über fixe Vorstellungen hinwegsetzt, erzähle ich gern
folgende Geschichte:
Eine meiner geschätzten Klientinnen arbeitete in den 60er Jahren
in Algerien.Als sie eines Tages mit ihrem klapprigen 2CV in der
Wüste unterwegs war, kletterte die Temperatur auf ein unerträgliches
Höchstmass. Kein Baum, kein Schatten weit und breit. Endlich erreichte
sie ein Dorf mit einer Kirche. "In der Kirche ist es sicher etwas
kühler", war ihr erster Gedanke, "darin ruhe ich mich auf meinem
Liegebett aus, bis es Abend wird" ihr zweiter. Doch die Kirche war
abgesperrt.
Kurzentschlossen betrat sie den Polizeiposten, der sich neben der
Kirche befand, und fragte nach dem Schlüssel. Wofür sie denn den
Kirchenschlüssel brauche, fragte der Kommandant argwöhnisch. Ihr
sei so heiss, dass sie es bald nicht mehr aushalte und daher wolle
sie sich auf ihrer Klappliege in der Kirche ausruhen, bis es kühler
werde. Das habe er noch eine bessere Idee, erwiderte der Polizeikommandant
lächelnd - und lud sie in den Garten seiner Familie ein. Im Schatten
der Orangebäume durfte sie ihre Liege aufstellen, der Kommandant
pflückte ihr wunderbar reife Orangen und seine Frau verwöhnte sie
mit Pfefferminztee. Bis es Abend wurde, hatten ihre Gastgeber ihr
nicht nur die Geschichte der Kirche, sondern auch allerlei andere
G’schichtln aus dem Dorf erzählt.
"Und was hilft mir ausgerechnet diese Geschichte, wenn ich nun mitten
in einem Liebesdrama stecke?" mögen an dieser Stelle die kritischen
LeserInnen fragen.
Sie ist ein Beispiel dafür, dass, wer - ohne auf gesellschaftliche
Konventionen zu achten - sich für die eigenen Bedürfnisse einsetzt,
nicht nur erhält, was sie oder er zum Leben braucht, sondern dass
dieses Leben dadurch auch lustvoller und "lebendiger" wird. Hätte
sich meine Klientin vorgenommen, unbedingt in den Garten des Kommandanten
eingeladen zu werden, dann wäre ihr das wohl kaum geglückt. Durch
ihre ungewöhnliche Handlungsweise jedoch wurde ihr Bedürfnis nicht
nur wahrgenommen, sondern ihr Gegenüber hat ebenfalls seine gewohnten
Verhaltensmuster überschritten und aussergewöhnlich reagiert.
Die Ehrlichkeit, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und dabei
auch unkonventionelle Lösungen ins Auge zu fassen, kann in Liebesdramen ähnlich
unerwartete Wendungen mit sich bringen. In manchen Fällen jedoch
zeigt sich einfach kein Weg zum erstrebten Liebes-Partner-Ziel. Auch
dann finde ich die oben erzählte Geschichte ein hilfreiches Beispiel.
Wer sich nämlich traut, eingefahrene Verhaltens- und Denkmuster - einerlei
in welchem Lebensbereich - zu ändern, der wird so schnell nicht mehr
aus dem Staunen herauskommen, wie schnell viele Dinge (auch die leidigen,
leidvollen Liebesdramen) in Bewegung kommen.
Denn bei der Abfahrt riet der Polizeikommandant meiner Klientin,
doch im übernächsten Dorf seine Schwester zu besuchen und ihr Grüsse
zu bestellen. Wen sie dann dort getroffen hat, - das ist eine andere
Geschichte.
"Trauen Sie sich jetzt, ein paar Ihrer Routineverhaltensmuster in
Beziehungen über Bord zu werfen", mag ich ihnen stellvertretend für
Uranus ins Ohr flüstern. Denn die Chance, dass Sie sich dann bald
ziemlich lebendig fühlen, ist im Moment besonders gross.
© Barbara
Hutzl-Ronge / Astrodienst AG 01/2004 |