Kostbarer Fang
Kolumne von Barbara Hutzl-Ronge

Ja, das wird schon wieder eine Kolumne über den rückläufigen Fischemars. Nicht nur oben am Himmel ist er nachts ein auffälliges Gestirn, sondern bei uns unten zeigt er ebenso deutlich seine Wirkung. Auch tagsüber. Lang praktizierte Verhaltensmuster funktionieren plötzlich nicht mehr und stossen auf Widerstand. Wer die Augen offen hält, sieht im Freundeskreis Beispiele zuhauf. Sie stechen einem geradezu ins Auge. Bei anderen sieht man’s immer gleich, wo sie ansetzen müssten, gell? Gelegentlich lässt sich jedoch eigene Erkenntnis definitiv nicht mehr vermeiden, da sich einem die Frage "Sollte ich das nicht vielleicht doch anders machen?" unaufhörlich ins Gemüt schleicht.

Lovewarrior, by Caroline SmithAuch wenn ich nicht täglich bewusst daran denke sinnvoll im Trüben zu fischen - so wie ich das meinen Leserinnen hier empfohlen habe -, plötzlich rupft es im Netz und frau hat etwas gefangen:

Die Akteurinnen meines letzten Dramas waren meine Nachbarin (die Geschädigte), ich (die Täterin) und meine Balkonblumen, die nichts taten, ausser mir in jenen vergangenen Wochen manchmal des Abends mit ersterbender Stimme zuzuflüstern: "Giess uns! Bitte!" Bei dem Sommer reichte es ja schon, sie einen Tag lang zu vergessen, und der Dürretod rückte beängstigend nahe. Kanne für Kanne goss ich auf die pufftrockene Erde, die das Wasser so schnell gar nicht aufnehmen konnte, und platsch, platsch klatschte ein grosser Schwall Wasser auf das Auto meiner Nachbarn. Zugegeben, es war nicht nur ein Schwall. "Ups", dachte ich, "aber was soll’s, schliesslich giesse ich mein Auto unter dem Küchenbalkon ja auch regelmässig. Zum Glück sind die Dinger wasserfest."

Es verging keine Minute und meine Glocke schrillte. Vor der Tür stand meine Nachbarin und beklagte sich wortreich, dass dies nun schon zum wiederholten Male vorgekommen sei. Scheinheilig fragte ich, ob die Fenster ihres Autos denn offen gewesen seien und machte ein entsetztes Gesicht dazu. Nein das nicht, aber ihr Mann habe das Auto heute frisch geputzt, und auf dem silbernen Lack sehe man halt sofort die Wasserflecken und auch die Spiegel glänzten jetzt nicht mehr. Sie schlug mir vor, täglich und dafür weniger zu giessen und ich sollte doch vorher zu ihnen hinunter kommen, dann würden sie ihr Auto schnell wegstellen. Das sei völlig unpraktikabel, entgegnete ich, wenn ich spät heimkäme, könne ich sie ja nicht noch aus dem Bett läuten, bloss weil ich meine Blumen giessen wollte. (Und morgens hab ich’s eilig.) Ob ihr Mann einen bestimmten Autoputztag hätte, fragte ich. Nein, er mache das alle zwei, drei Tage. Ich versicherte ihr, dass ich mir zukünftig mehr Mühe geben würde, dass ich mich aber ausserstande sähe, das Getröpfel ganz zu vermeiden. Himmel sei Dank, befreite mich ein Telefonanruf von dem nicht enden wollenden Gespräch.

Mein schlechtes Gewissen, das mich beim Giessen ja doch ein wenig gedrückt hatte, war verflogen. Meine Güte, die beiden kommen aus einem Land, in dem die Autos den ganzen Sommer sonnenstaubig herumstehen, weil das Wasser nicht einmal zum Duschen reicht, und hier waschen sie es jeden dritten Tag! Das Auto, die heilige Kuh. Ich war nicht gerade auf hundert, aber doch auf achtzig. Und meine innere Zicke giftete: "Auf so einen Blödsinn lasse ich mich nicht ein." Farbenreich schilderte ich die Situation am nächsten Tag meiner Freundin. Doch die Pointe kam nicht an, sie sagte bloss trocken: "Warum bist Du denn so ein Ekel und respektierst nicht die Gefühle anderer?" Wenn ich nicht wüsste, dass sie mich sonst noch nie für ein Ekel gehalten hat, dann wäre diese Frage fatal gewesen. Die Zicke in mir kam sich plötzlich ein wenig doof vor. Schliesslich würde mir ja kein Stein aus der Krone fallen, wenn ich zukünftig etwas zurückhaltender beim Giessen wäre, dachte ich mir und gelobte Besserung. Das Schicksal ist mir gnädig, seit damals regnet es immer wieder und ich habe Zeit, mich mit meinen guten Vorsätzen langsam anzufreunden.

"Wie bitte?" mögen sich die geneigten LeserInnen nun fragen, "solcherlei Banalitäten, die nicht der Rede wert sind, sollen das Ergebnis des Sinnvoll-im-Trüben-Fischens sein?" Klar. Manchmal findet eine ganz triviale Dinge in ihrem Netz. Und die wirklich wichtigen, die persönlichen Erkenntnisse? Zum Glück gibt es die auch, aber Sie werden doch nicht wirklich glauben, dass ich die an der Stelle einfach so ausplaudere?

Das Ausplaudern von Erkenntnissen hat es nämlich so in sich. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im kleinen Kreis. Kennen Sie das? Gerade ist Ihnen ein Licht aufgegangen und prompt müssen Sie es Ihrer besten Freundin erzählen? Und dabei sperren Sie den Schnabel auch noch gross auf und verkünden, das würden Sie in Zukunft aber anders machen? Was passiert? Das, was Sie soeben erkannt haben, fühlt sich nicht mehr gleich an. Es kommt ein neues Gefühl dazu. Sie sind nicht mehr frei, das zu tun, was Sie erkannt haben, Sie müssen es tun, denn Sie haben es ja reihum schon ausgeplaudert. Schon ist ein Druck da, wo vorher Freiheit war.

Nehmen Sie sich doch die Zeit, um Ihre Erkenntnisse, die Ihnen beim im-Trüben-Fischen ins Netz gehen, zuerst einmal für sich allein zu begutachten. Was haben Sie da entdeckt, das Sie in Zukunft anders machen könnten? Bitte, seien Sie dabei zu sich genauso nett, wie sie es zu anderen wären. Verkneifen Sie sich den Vorwurf "Wie konnte ich nur so blöd, unsensibel - oder was sonst auch immer - sein und mich so verhalten!" Lassen Sie die Selbstbeschimpfungstiraden, die bringen Sie keinen Schritt weiter.

Gönnen Sie sich ein Staunen über sich selbst. "Hm, jetzt habe ich all die Jahre das so gemacht, mich in solchen Situationen immer so verhalten und nun bemerke ich, es ginge auch anders." Gehen Sie einfach einmal davon aus, dass Sie schon einen Grund hatten, warum Sie so gehandelt haben und dass anders zu handeln Ihnen schlicht unmöglich war. Nun hat sich etwas in Ihnen verändert und plötzlich wird möglich, was vorher undenkbar war.

Der wichtigste Schritt, damit es Ihnen gelingen kann, sich nun anders zu verhalten, ist, liebevoll zu akzeptieren, dass das alte Verhalten wohl auch seinen Sinn hatte. Welcher Teil Ihrer Seele hat dieses Verhaltensmuster gebraucht? Warum braucht er es jetzt nicht mehr? Gibt es womöglich etwas, mit dem Sie nun dieses seelische Bedürfnis stillen, sodass es Ihnen jetzt möglich ist, dieses Muster aufzugeben?

Der Fischemars ist ein wunderbarer Begleiter für solche subtilen Prozesse und solange er noch rückläufig ist - also bis am 26. September - schwemmt er uns Fundstücke ins Netz. Sie zu sortieren, dafür haben wir dann wieder etliche Wochen Zeit. Und wer weiss, vielleicht entdecken Sie ja in einem unansehnlichen Klumpen zuletzt ein Goldstück? Solche kostbaren Fänge sind durchaus zu erwarten. Weiterhin viel Glück beim Fischen!


© Barbara Hutzl-Ronge / Astrodienst AG 08/2003
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