Kostbarer Fang
Kolumne von Barbara Hutzl-Ronge
Ja, das wird schon wieder eine Kolumne über den rückläufigen Fischemars.
Nicht nur oben am Himmel ist er nachts ein auffälliges Gestirn, sondern
bei uns unten zeigt er ebenso deutlich seine Wirkung. Auch tagsüber.
Lang praktizierte Verhaltensmuster funktionieren plötzlich nicht
mehr und stossen auf Widerstand. Wer die Augen offen hält, sieht
im Freundeskreis Beispiele zuhauf. Sie stechen einem geradezu ins
Auge. Bei anderen sieht man’s immer gleich, wo sie ansetzen müssten,
gell? Gelegentlich lässt sich jedoch eigene Erkenntnis definitiv
nicht mehr vermeiden, da sich einem die Frage "Sollte ich das nicht
vielleicht doch anders machen?" unaufhörlich ins Gemüt schleicht.
Auch wenn ich nicht täglich bewusst daran denke sinnvoll im Trüben
zu fischen - so wie ich das meinen Leserinnen hier empfohlen habe -,
plötzlich rupft es im Netz und frau hat etwas gefangen:
Die Akteurinnen meines letzten Dramas waren meine Nachbarin (die
Geschädigte), ich (die Täterin) und meine Balkonblumen, die nichts
taten, ausser mir in jenen vergangenen Wochen manchmal des Abends
mit ersterbender Stimme zuzuflüstern: "Giess uns! Bitte!" Bei dem
Sommer reichte es ja schon, sie einen Tag lang zu vergessen, und
der Dürretod rückte beängstigend nahe. Kanne für Kanne goss ich auf
die pufftrockene Erde, die das Wasser so schnell gar nicht aufnehmen
konnte, und platsch, platsch klatschte ein grosser Schwall Wasser
auf das Auto meiner Nachbarn. Zugegeben, es war nicht nur ein Schwall. "Ups",
dachte ich, "aber was soll’s, schliesslich giesse ich mein Auto unter
dem Küchenbalkon ja auch regelmässig. Zum Glück sind die Dinger wasserfest."
Es verging keine Minute und meine Glocke schrillte. Vor der Tür
stand meine Nachbarin und beklagte sich wortreich, dass dies nun
schon zum wiederholten Male vorgekommen sei. Scheinheilig fragte
ich, ob die Fenster ihres Autos denn offen gewesen seien und machte
ein entsetztes Gesicht dazu. Nein das nicht, aber ihr Mann habe das
Auto heute frisch geputzt, und auf dem silbernen Lack sehe man halt
sofort die Wasserflecken und auch die Spiegel glänzten jetzt nicht
mehr. Sie schlug mir vor, täglich und dafür weniger zu giessen und
ich sollte doch vorher zu ihnen hinunter kommen, dann würden sie
ihr Auto schnell wegstellen. Das sei völlig unpraktikabel, entgegnete
ich, wenn ich spät heimkäme, könne ich sie ja nicht noch aus dem
Bett läuten, bloss weil ich meine Blumen giessen wollte. (Und morgens
hab ich’s eilig.) Ob ihr Mann einen bestimmten Autoputztag hätte,
fragte ich. Nein, er mache das alle zwei, drei Tage. Ich versicherte
ihr, dass ich mir zukünftig mehr Mühe geben würde, dass ich mich
aber ausserstande sähe, das Getröpfel ganz zu vermeiden. Himmel sei
Dank, befreite mich ein Telefonanruf von dem nicht enden wollenden
Gespräch.
Mein schlechtes Gewissen, das mich beim Giessen ja doch ein wenig
gedrückt hatte, war verflogen. Meine Güte, die beiden kommen aus
einem Land, in dem die Autos den ganzen Sommer sonnenstaubig herumstehen,
weil das Wasser nicht einmal zum Duschen reicht, und hier waschen
sie es jeden dritten Tag! Das Auto, die heilige Kuh. Ich war nicht
gerade auf hundert, aber doch auf achtzig. Und meine innere Zicke
giftete: "Auf so einen Blödsinn lasse ich mich nicht ein." Farbenreich
schilderte ich die Situation am nächsten Tag meiner Freundin. Doch
die Pointe kam nicht an, sie sagte bloss trocken: "Warum bist Du
denn so ein Ekel und respektierst nicht die Gefühle anderer?" Wenn
ich nicht wüsste, dass sie mich sonst noch nie für ein Ekel gehalten
hat, dann wäre diese Frage fatal gewesen. Die Zicke in mir kam sich
plötzlich ein wenig doof vor. Schliesslich würde mir ja kein Stein
aus der Krone fallen, wenn ich zukünftig etwas zurückhaltender beim
Giessen wäre, dachte ich mir und gelobte Besserung. Das Schicksal
ist mir gnädig, seit damals regnet es immer wieder und ich habe Zeit,
mich mit meinen guten Vorsätzen langsam anzufreunden.
"Wie bitte?" mögen sich die geneigten LeserInnen nun fragen, "solcherlei
Banalitäten, die nicht der Rede wert sind, sollen das Ergebnis des
Sinnvoll-im-Trüben-Fischens sein?" Klar. Manchmal findet eine ganz
triviale Dinge in ihrem Netz. Und die wirklich wichtigen, die persönlichen
Erkenntnisse? Zum Glück gibt es die auch, aber Sie werden doch nicht
wirklich glauben, dass ich die an der Stelle einfach so ausplaudere?
Das Ausplaudern von Erkenntnissen hat es nämlich so in sich. Nicht
nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im kleinen Kreis. Kennen
Sie das? Gerade ist Ihnen ein Licht aufgegangen und prompt müssen
Sie es Ihrer besten Freundin erzählen? Und dabei sperren Sie den
Schnabel auch noch gross auf und verkünden, das würden Sie in Zukunft
aber anders machen? Was passiert? Das, was Sie soeben erkannt haben,
fühlt sich nicht mehr gleich an. Es kommt ein neues Gefühl dazu.
Sie sind nicht mehr frei, das zu tun, was Sie erkannt haben, Sie
müssen es tun, denn Sie haben es ja reihum schon ausgeplaudert. Schon
ist ein Druck da, wo vorher Freiheit war.
Nehmen Sie sich doch die Zeit, um Ihre Erkenntnisse, die Ihnen beim
im-Trüben-Fischen ins Netz gehen, zuerst einmal für sich allein zu
begutachten. Was haben Sie da entdeckt, das Sie in Zukunft anders
machen könnten? Bitte, seien Sie dabei zu sich genauso nett, wie
sie es zu anderen wären. Verkneifen Sie sich den Vorwurf "Wie konnte
ich nur so blöd, unsensibel - oder was sonst auch immer - sein und
mich so verhalten!" Lassen Sie die Selbstbeschimpfungstiraden, die
bringen Sie keinen Schritt weiter.
Gönnen Sie sich ein Staunen über sich selbst. "Hm, jetzt habe ich
all die Jahre das so gemacht, mich in solchen Situationen immer so
verhalten und nun bemerke ich, es ginge auch anders." Gehen Sie einfach
einmal davon aus, dass Sie schon einen Grund hatten, warum Sie so
gehandelt haben und dass anders zu handeln Ihnen schlicht unmöglich
war. Nun hat sich etwas in Ihnen verändert und plötzlich wird möglich,
was vorher undenkbar war.
Der wichtigste Schritt, damit es Ihnen gelingen kann, sich nun anders
zu verhalten, ist, liebevoll zu akzeptieren, dass das alte Verhalten
wohl auch seinen Sinn hatte. Welcher Teil Ihrer Seele hat dieses
Verhaltensmuster gebraucht? Warum braucht er es jetzt nicht mehr?
Gibt es womöglich etwas, mit dem Sie nun dieses seelische Bedürfnis
stillen, sodass es Ihnen jetzt möglich ist, dieses Muster aufzugeben?
Der Fischemars ist ein wunderbarer Begleiter für solche subtilen
Prozesse und solange er noch rückläufig ist - also bis am 26. September - schwemmt
er uns Fundstücke ins Netz. Sie zu sortieren, dafür haben wir dann
wieder etliche Wochen Zeit. Und wer weiss, vielleicht entdecken Sie
ja in einem unansehnlichen Klumpen zuletzt ein Goldstück? Solche
kostbaren Fänge sind durchaus zu erwarten. Weiterhin viel Glück beim
Fischen!
© Barbara
Hutzl-Ronge / Astrodienst AG 08/2003 |