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Der cineastische Tierkreis -
Neue Bilder für alte Archetypen

Die Bildermaschine Kino bietet eine ungeheure Fülle an vielfältigen Erscheinungsformen für archetypische Gestalten, Motive, Qualitäten, die in der Astrologie von Planeten, Konstellationen und dem Tierkreis repräsentiert werden.

An dieser Stelle bietet Vesna Ivkovic einmal im Monat Einblick in die cineastischen Ausdrucksformen und Entsprechungen des jeweils aktuellen Tierkreiszeichens.

Widder im Kino: schnell, laut und adrenalinreich

KriegerDas Zeichen Widder markiert den Beginn eines Zyklus im Tierkreis. Es steht für das Neue – für das Hervorbrechen von Frühlingsknospen ebenso wie für die Eroberung neuen (Lebens-)Raums, für den Anfang eines neuen Abenteuers wie für den aggressiven Kampf um die Durchsetzung eigener Ziele.

Starker Eigenwille, Krieger-Kraft, Direktheit, Grobheit sind Schlagworte, die den Widder-Archetyp beschreiben. Widder entspricht dem Wilden, Rohen, noch nicht Kultivierten und den Instinkten der Selbstbehauptung. Angriffslust, Risikobereitschaft, und Mut gehören zu seinen Eigenschaften, der unbändige Wille, in jedem Wettkampf der Erste zu sein treibt ihn an, Schnelligkeit, Durchsetzungskraft und kämpferischer Pioniergeist zeichnen ihn aus...

Damit dürfte schon klar sein: kein Western, kein Heldenepos oder Abenteuerfilm, kaum ein Krimi und natürlich – die Genre-Bezeichnung sagt es – kein Action-Film kommt ohne eine große Portion der kämpferischen Qualitäten des Mars-Zeichens aus. Seit die Bilder laufen lernten gehören Widder-Entsprechungen zu den wichtigsten und beliebtesten Motiven, Narrativen und Figuren des Kinos.

Widder-Kino ist sehr körperbetont und das kann auch der Zuschauer im Kinosessel spüren: erhöhte Adrenalin-Produktion ist erwünscht. Vom Kampf als thematischem Inhalt abgesehen, tritt die Widder-Qualität heute insbesondere im modernen Action-Kino meist mit rasant geschnittenen, kinetisch aggressiven Bildern und lautem, treibenden Soundtrack aus Rockmusik oder aggressivem HipHop und Crossover in Erscheinung. Der Körper und seine Kraft – gern verstärkt durch Körper-Extensionen wie Waffen oder schnelle Fahrzeuge – sind zentrales Agens und Ziel des Widder-betonten Films, und die physikalischen Gesetze, die auf den Körper wirken, werden besonders im Action-Kino häufig lustvoll anarchisch attackiert und nicht selten besiegt.

Imaginierte, bewegte und heroische Krieger…

Charaktere, die dem reinen Widder-Archetyp entsprechen treten nicht oft als Hauptfiguren auf, eher sind sie wütende Widersacher oder tumbe Schläger, die der Held (seltener die Heldin) unschädlich machen muss. Da Gewalttätigkeit, Kampflust und Aggressivität in unserer Gesellschaft negativ besetzte Verhaltensweisen sind, werden sie auch im Kino meist in den Dienst eines höheren Ziels gestellt oder zumindest notdürftig moralisch legitimiert, um dem Helden keine Abneigung einzubringen.

Fight ClubSehr außergewöhnlich war (nicht nur) in dieser Hinsicht der Aufsehen erregende Kultfilm „Fight Club“ (Fincher, 1999), der von einer Abspaltung der Widder-Energie handelte und die daraus resultierende Projektion von Widder-Verhalten ganz folgerichtig als Persönlichkeitsspaltung inszenierte.

Eine Auseinandersetzung mit eigener Gewalt und Krieger-Kraft wurde auf ganz andere Weise auch in „Last Samurai“ (Zwick, 2003) von einem Soldaten geführt, der eine persönliche Sinnkrise erlebt, oder im kontroversen Kriegsfilm-Klassiker „Patton“ (Schaffner, 1970). Die extreme stilistische Ästhetisierung und unverhüllte Zelebrierung von Kampf und Gewalt brachte dem kunstvoll comic-artigen Heldenepos „300“ (Snyder, 2006), das die Schlacht der Spartaner bei den Thermopylen neu erzählte, sowohl begeisterte wie empörte Kritiken ein.

…und alte Haudegen

Doch der dem Widder-Archetyp eigenen Lust am Kämpfen wird in beliebten Filmgenres Rechnung getragen: Kampfsport- und Kampfkunstfilme inszenieren den Kampf oft nahezu vollständig als Selbstzweck. Das moderne Action-Kino, das in den 80er Jahren voll erblühte, bietet immer wieder neue – oder auch nur neu aufgelegte – Adrenalinspritzen, die inzwischen nicht selten von altgedienten Helden verabreicht werden, denn die Pioniere des Genres sind auch heute noch aktiv:

Sylvester Stallone, der mit den „Rocky“- und „Rambo“-Filmen Meilensteinen des Widder-Kinos ein Gesicht gab, kämpft sich nach den verrauchten Explosionen in „The Expandables“ im neuen Film von Actionkino-Altmeister Walter Hill „Shootout – Keine Gnade“ (der Originaltitel „Bullet to the Head“ betont gleich zwei Widder-Entsprechungen: das Eindringen und den Kopf…) durch die Reihen feindlicher Schergen. Seit den 70er Jahren dreht Regisseur Walter Hill Genre-Klassiker, deren Titel bereits auf Widder-Motive verweisen: „Ein stahlharter Mann“, „Driver“, „Warriors“, „Straßen in Flammen“, „Last Man Standing“ etc.

Bruce WillisBruce Willis, ebenfalls dabei in „The Expandables“, ist aktuell in „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ („A Good Day to Die Hard“) zum fünften Mal nicht totzukriegen und übernimmt in „G.I. Joe: Retaliation“ das Kommando über eine ums Überleben und die Rettung der Welt kämpfende Spezialeinheit, während er demnächst in „Red 2“ wieder als pensionierter Agent noch voll in Action ist.

Selbst Arnold Schwarzenegger, der einst als „Conan der Barbar“ und dann als „Terminator“ die Leinwände erzittern ließ, nimmt nach mehrjähriger Kino-Pause und kleineren Auftritten in „The Expandables“ wieder die Kanonen in die Hand und stellt sich in „The Last Stand“ dem ultimativen Kampf.

Männliches Muskelspiel

Jason Statham, einem weiteren Action-Star, der zum etwas jüngeren Personal der „Expandables“-Filme gehört, kann man derzeit in „Parker“ beim Absolvieren eines rasanten Survival-Parcours zusehen. Bekannt geworden ist Statham seit 2002 mit den „Transporter“-Filmen, die von rasanten Autojagden, männlichem Muskelspiel und beeindruckend choreografierten Kampfszenen leben. Viele andere seiner Filme tragen so sprechende Titel wie „Death Race“, „War“ oder „Blitz“

Die (scheinbare) Schlichtheit, Geradlinigkeit und geringe Komplexität solcher Actionorgien wie beispielsweise auch der auf Spielzeugfiguren basierenden „G.I. Joe“-Filme oder der „Fast & Furious“-Reihe (Ende Mai läuft der sechste Teil an) sind natürlich ebenfalls Widder-Eigenschaften. Neben furiosen Kämpfen und explosiven Materialschlachten gibt es meist noch so typische Widder-Elemente wie schnelle Autos, Rennen und Verfolgungsjagden, riskante Extremsport-Stunts, Militäreinsätze von besonders schlagkräftigen, beweglichen Eliteeinheiten, die nach eigenem Ermessen handeln u.ä. (in „G.I. Joe“ gibt es auch eine Waffenfabrik mit dem Namen „MARS“)…

Fast & FuriousDer „Fast & Furious“-Star Vin Diesel, in dessen Filmografie sich Titel wie „Extreme Rage“ und gefährliche Söldner-Figuren wie in „Babylon A.D.“ finden, spielte mehrfach Widder-betonte Figuren: 2002 war er der Adrenalinjunkie, Extremsportler und zwangsrekrutierte Agent „xXx – Triple X“, dessen Leinwand-Comeback derzeit in Planung ist. Im unterschätzten Science-Fiction-Film „Pitch Black“ (Twohy, 2000) startete er seine Karriere als raubtierhaft gezeichneter Mörder Riddick vom Planeten Furia (!) – ein ungewöhnlicher und doch archetypisch eindeutiger Widder-Helden, der dieses Jahr mit „Riddick: Dead Man Stalking“ ins Kino zurückkehrt.

Die typischen Helden und leider noch immer seltenen Heldinnen des Action-Genres sind aber auch einzelgängerische Ex-Militärs wie z.B. „Jack Reacher“, knallharte Polizisten wie aktuell in „The Crime“ oder auch mal kampferprobte Agentinnen wie letztes Jahr in Soderberghs „Haywire“.

Frauenpower – Heldinnen im „Jungs-Kino“

Es dürfte schon deutlich geworden sein: Widder-Kino ist eher das, was man gerne „Jungs-Kino“ nennt – dabei sitzen immer auch viele Frauen im Publikum. Doch während Aggressivität und Freude am Kämpfen in unserer Kultur an sich bereits verdächtige Eigenschaften geworden sind, waren sie bei Frauen lange Zeit kaum vorstellbar und fanden daher auch wenig Eingang in die kollektive Bilderwelt, schon gar nicht als Merkmale positiver Heldinnen.

Sigourney WeaverDennoch gibt es auch Widder-Heldinnen bzw. Widder-betonte Filme mit weiblichen Hauptfiguren, bezeichnenderweise allerdings eher im Science-Fiction- oder Fantasy-Setting. Da wären z.B. Sigourney Weaver als kämpferische Wissenschaftlerin (später sogar Klon) in der „Alien“-Reihe, Angelina Jolie als „Lara Croft“ und in „Wanted“ oder Milla Jovovich als nicht ganz menschliche Mutantin in den Sci-Fi-Action-Reißern „Ultraviolet“ und „Resident Evil“ und noch allerlei andere Figuren in Comic-Verfilmungen, mittelalterlichen, übernatürlichen oder futuristischen Welten. Doch bereits um 1990 gelangte die Kampfsportlerin Cynthia Rothrock in billig produzierten B-movies des schlichteren Action-Kinos wie „Rapid Fire“, „China O’Brien“, „Angel of Fury“ oder „Lady Dragon“ mit genretypischen, weitgehend realistischen wenn auch stereotypen Krimiplots und ihrer beachtlichen Schlagkraft zu einiger Berühmtheit und wurde zum wichtigen Vorbild für manche Kampfkunst übende junge Frau. Auch im dänischen Film „Fighter“ (Arthy, 2007), der vom schwierigen Kampf einer jungen, türkischen Kung Fu-Schülerin um ihre Selbstbestimmung erzählt, findet sich ein Poster von Cynthia Rothrock in Kämpferpose…

Heldinnen im Widder-Kino dringen in Männerdomänen ein, besonders schön und mit viel Power wird davon auch in „Girl Fight“ (Kusama, 2009) oder „G.I. Jane“ (R. Scott, 1997) erzählt, in denen kämpferische und starke Frauen sich im Boxkampf bzw. beim Militär durchzusetzen wissen.

Die Widder-typische Lust am Kämpfen und Freude am Gewinnen ist nicht geschlechtsspezifisch, ein bisschen Widder steckt schließlich in uns allen…


Vesna Ivkovic

Vesna IvkovicVesna Ivkovic studierte Literatur- und Sprachwissenschaften, Soziologie, Philosophie, Geschichte und beschäftigte sich intensiv mit Psychologie, Mythologie sowie verschiedenen Glaubens- und Weisheitssystemen. Parallel dazu erforschte sie die Erkenntniswege des Körpers mittels der Kampfkunst des Kung Fu, Tanz, Yoga, Qi Gong und verschiedenen anderen Methoden der Körperarbeit und Bewegungskunst. 1993 entdeckte sie die Astrologie als Erkenntnisinstrument und absolvierte 2004 am Astrologie-Zentrum Berlin bei Markus Jehle und Petra Niehaus die Meisterklasse.
Mehr über die Autorin des Cinemaskopes finden Sie auf ihrer eigenen Website www.astrosemiotics.de

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