DER STANDARD, Wien, 19. Jänner 2001



erscheinungen

Die Kollegin Schmidt aus der Buchhaltung will jetzt nicht telefonieren. Als sie dann doch den Hörer abnimmt,

ist es nicht lustig: "Tut mir leid gnä' Frau, aber da kann ich Ihnen heute nicht nachschauen. Wir stellen gerade das Jahr um. Vielleicht am späten Nachmittag . . ." Die gnä' Frau am anderen Ende der Leitung hat natürlich keine Ahnung, was in diesem Büro los ist. Von wegen "Jahr umstellen" . . .

Alles hat mit einem Mail begonnen. Sekretärin Novak hatte ein bisschen im Internet gesurft und war auf eine interessante Seite gestoßen. Gratishoroskope. Das könnte die Kollegin aus der Buchhaltung interessieren. Mail an Buchhaltung. Die Buchhaltung stellt sich binnen kürzester Zeit als bis dato geheime Hochburg von Hobbyastrologen heraus. Das Astroprogramm verbreitet sich fieberhaft und blockiert schon nach Minuten die ganze Abteilung. Eine Sternen-Epidemie, gegen die sich das I-love-you-Virus wie ein harmloser Schnupfen ausnimmt.

Kollegin Schmidt gibt die Daten für ein Partnerschaftshoroskop ein und muss ein Schlachtfeld von Plutoquadraten hinnehmen. Jetzt zeigt sich, was sie seit Jahren befürchtet: kosmische Spannungen mit Franz. Bei der Gelegenheit probiert sie es gleich mal mit den Daten vom Kollegen Bauer (Weihnachtsfeier . . .). Na ja. Die Halbtagskraft kommt mit einer neuen aufregenden Information bei der Tür herein: Reisehoroskope! Die Kraftlinien für jeden Punkt der Erde! Kollegin Schmidt gibt probeweise "Europa" ein. Eine Karte mit buntem Schnittmuster erscheint. Der Doppelklick auf "Wien" ergibt: "Merkur / DC-Linie: Ein Ort, an dem Sie sich wunderbar entfalten können und an dem die Kommunikation mit Ihrer Umwelt funktioniert."

Und zwar so gut, dass die Anruferin, die ausgerechnet jetzt eine Auskunft von Frau Schmidt will, sofort versteht, dass sie jetzt wirklich stört. Clarissa Stadler []


© DER STANDARD, Wien, 19. Jänner 2001