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"Apollon", Dezember 1999
Als Senator Edward Kennedy sich 1969 nach Chappaquiddick
mit dem Scheitern seiner Hoffnung auf das Präsidentenamt konfrontiert
sah, stellte er sich die Frage, ob ein Fluch auf seiner Familie
laste. Schon seit Jahrzehnten stellen sich sehr viele Menschen die
gleiche Frage, ob nun eher privat oder öffentlich. Die Geschichte
dieses außergewöhnlichen Clans läßt uns zu Recht fragen, ob irgend
ein Unglücksdämon hinter den Mitgliedern her ist. Der kürzliche
Tod von John F. Kennedy jr. hat solche Spekulationen und Fragen
wieder aufleben lassen, warum die männlichen Kennedys wie Holzenten
in einer Kirmesbude abgeknallt werden, ganz abgesehen von den drogenbedingten
Krankenhausaufenthalten, aufregenden
Scheidungen und anderen menschlichen Tragödien, die, obwohl sie
mehr privater Natur und weniger dramatisch scheinen, für die Beteiligten
nicht minder tragisch sind. Nicht eine einzige Generation dieser
mächtigen Familie ist unbeschadet davongekommen. Natürlich haben
Astrologen die Horoskope der Kennedys aus jeder nur denkbaren Perspektive
untersucht. Jeder, der sich damit befaßt, kann in den individuellen
Geburtshoroskopen Faktoren erkennen, die - zumindest teilweise -
auf die Tragödie in dem Leben desjenigen hinweisen. Und doch gibt
es hier eine Folge von Tragödien, die auf eine merkwürdige Art in
ihrer Kontinuität schlüssig erscheinen. Können wir diese astrologisch
miteinander in Verbindung bringen? Machen sie psychologisch irgend
einen Sinn? Erkennen wir das, was die Griechen als Familienfluch
bezeichneten? Betrachten wir das Produkt einer tödlichen, wenn auch
zutiefst menschlichen Mixtur von Zutaten - eine dysfunktionale Familie,
besessen von Ehrgeiz, und ständig auf höchster Ebene in Macht und
Korruption verwickelt, was sich früher oder später immer als gefährlich
erweist und möglicherweise einen gewaltsamen Tod nach sich zieht?
Handelt es sich hier um Zufälle? Oder, wie Ian Fleming vermutlich
gesagt hätte, "Feindeinwirkungen"? Und wenn dem so wäre: Wer ist
der Feind und wo ist er?
Das Wort "curse" (engl. Fluch) weckt Bilder von Hexen, schwarzer
Magie, Geschichten von Dennis Wheatley und zweitrangigen Filmen
über reanimierte ägyptische Mumien. Dieses Wort benutzen wir in
der heutigen Zeit verständlicherweise nur ungern, und wenn man den
Fluch der Kennedys erwähnt, provoziert man beklommenes Gelächter.
Aber die Mythologie der Antike, die unsere westliche Kultur untermauert
und die westliche Psychologie durchdringt, nahm das Konzept vom
Familienfluch sehr ernst und assoziierte es nicht mit Hexen oder
bösartigen okkulten Ritualen. Die Herkunft des englischen Wortes
"curse" ist unklar. Mein etymologisches Wörterbuch legt nahe, daß
es von dem aus dem Anglo-Sächsischen stammenden Wort "wrath" (Zorn,
Wut) abgeleitet ist. Dieses Wort tauchte erstmals im 11. Jahrhundert
in der Öffentlichkeit auf: "Goddes curs", der Zorn Gottes. Ein Fluch
kann in diesem Sinne als Antwort einer zornigen Gottheit auf eine
menschliche Missetat angesehen werden. Ihre Wurzeln liegen zwar
in der Vergangenheit, bestimmen aber die Zukunft. Egal, welche Schwierigkeiten
wir mit unseren Familien erleben, wir denken selten daran "verflucht
zu sein". Manche Familien zeigen ausgeprägt deutliche Wiederholungsmuster
auf, die Glück und gute Gaben, aber auch Unglück und Krankhaftes
beinhalten. Es gibt aber auch Familien, die offenbar mehr als ihren
eigenen, gerechten Anteil an Tragischem erleben, wenn auch vielleicht
nicht in so dramatischer Ausprägung wie die Kennedys. Viele Familien
sind durch mehrere Generationen hindurch von gescheiterten Ehen,
Alkoholismus und Drogenabhängigkeit, Selbstmord, finanziellem Ruin
und körperlichen Erkrankungen betroffen. Manchmal sind diese Muster
in ihrer Hartnäckigkeit und Präzision zutiefst beunruhigend. Lynn
Bell zeigt in ihrem hervorragenden Buch Planetary Threads die Art
und Weise, wie bestimmte Einstellungen und Erfahrungen, die in die
Familienpsyche eingebettet sind, unbewußt das Verhalten über mehrere
Generationen hinweg prägt und manchmal nur dann auftaucht, wenn
das jeweilige Individuum genau das Alter erreicht, in dem auch seine
oder ihre Vorgänger diese uralte Geschichte wiederholten. Familientherapeuten
nennen dies das "Jahrestags-Syndrom". Astrologen, die mit der zyklischen
Natur von Transiten und Progressionen vertraut sind, können dieses
Syndrom genau aufzeigen, seine Bedeutung ist jedoch vermutlich schwerer
zu definieren.
Eine wichtige Frage für den Astrologen ist, ob wiederkehrende Familientragödien
bereits im Geburtshoroskop erkennbar sind und ob man ihnen entgegenwirken
kann, bevor sie sich wiederholen. Wenn wir nämlich die Möglichkeit
eines destruktiven psychologischen Erbes wirklich ernst nehmen,
müssen wir auch dessen Bedeutung in einer astrologischen Voraussage
mit einbeziehen. In der Mythologie fordert ein Familienfluch irgendeine
Form von Sühne, ohne deren Erfüllung die folgenden Generationen
weiterhin den Zorn der Götter zu spüren bekommt. In diesem Zusammenhang
ist die Zukunft eines Menschen nicht abhängig von seinen bewußten
Entscheidungen, auch nicht von seinem Geburtshoroskop, sie ist vielmehr
abhängig von irgend etwas aus der Vergangenheit,
das sich unter der Oberfläche des Lebens verbirgt und zukünftige
Entscheidungen und deren Folgen bestimmt. Mit anderen Worten, ein
Familienfluch zwingt uns dazu, die Planetenplazierungen in unserem
Geburtshoroskop auf eine bestimmte Art und Weise zu leben, die nicht
ganz unserer eigenen entspricht. Unser spezielles Muster von Planeten,
Zeichen und Aspekten, so einzigartig und reich an individuellem
Potential es auch sein mag, wird zum unbewußten Gefäß für einen
größeren, älteren und oftmals feindseligen kollektiven daimon. Man
sagt, daß John F. Kennedy ausgiebig vorgewarnt war, bevor er 1963
nach Dallas fuhr, unter anderem auch durch verschiedene Astrologen,
denen die damaligen Transite der Konfigurationen in seinem Geburtshoroskop
ausgesprochen problematisch erschienen. Er entschied sich allerdings,
diese Warnungen zu ignorieren. Auch John F. Kennedy Jr. wurde vor
seinem fatalen Flug im Juli 1999 gewarnt. Aufgrund der schlechten
Wetterbedingungen, seiner Unerfahrenheit und wegen seines verletzten
Beins wurde ihm nahegelegt, nicht zu fliegen. Auch er entschied
sich, die Warnung zu ignorieren. Ist "entscheiden" vielleicht das
falsche Wort in diesem Zusammenhang? Ich werde an späterer Stelle
kurz auf die Horoskope von John F. Kennedy, Joseph P. Kennedy Sr.,
Robert Kennedy und John F. Kennedy jr. eingehen. Zunächst möchte
ich jedoch genauer beschreiben, was die alten Griechen mit Familienfluch
gemeint haben, und welche Relevanz das psychologisch für uns hat
und welche Bedeutung der Familienfluch als Muster von Schicksalhaftigkeit
innerhalb einer Familie hat.
Der Familienfluch in der griechischen Mythologie
In der griechischen Mythologie wird der Familienfluch als Bestrafung
einer zornigen Gottheit angesehen, die auf die Nachkommen eines
Individuums verhängt wird, das diesen Gott beleidigt hat. Der Fluch
oder die Bestrafung steht in engem Zusammenhang mit dem Orakel des
Apollon, und in den meisten Familienflüchen in der Mythologie bittet
das eine oder andere Familienmitglied das Orakel um eine Enthüllung
der Zukunft. Obwohl der Fluch ein Vermächtnis aus der Vergangenheit
ist, ist er auch Schicksal und enthält Prophezeiungen über die Zukunft.
Er hat die Macht, jede potentielle individuelle Entwicklung aufzuheben,
so daß das Individuum lediglich ein reines Vehikel für die Entfaltung
des Fluchs ist. Der Fluch kann nur aufgehoben werden, wenn die Worte
des Orakels verstanden werden, das auferlegte Schicksal akzeptiert
und Sühne nach dem Willen des Gottes geleistet wird. Zwangsläufig
verstehen oder akzeptieren die Mitspieler der griechischen Tragödie
das Orakel nicht und nehmen auch die geforderte Sühne nicht auf
sich. Entweder ignorieren sie den Fluch oder sie glauben, daß sie
davon verschont bleiben. Daher erfahren sie ein Schicksal, das sowohl
gewählt als auch aufgezwungen ist - es beruht auf ererbten Konsequenzen,
die mit gegenwärtigen Entscheidungen vermischt sind, um eine vorherbestimmte
Zukunft zu schaffen.
Beispielsweise beginnt der in der Mythologie über das Haus von Theben
verhängte Fluch damit, daß König Laois Apollon und Artemis, die
göttlichen Beschützer der Kinder, verärgert, indem er einen edlen
jungen Mann, den Sohn seines Freundes, entführt und vergewaltigt.
Das Orakel des verärgerten Gottes warnt Laios davor, daß er, wenn
er selbst einen Sohn haben würde, von diesem getötet werde. Die
zornige Gottheit verhängt einerseits eine Strafe, bietet aber gleichzeitig
durch die Bestrafung eine Möglichkeit zur Sühne an. Da jeder Mensch
auf die eine oder andere Art dem Tod begegnen muß und unter Berücksichtigung
von Laios Tat, könnte man diese Sühne als gerecht ansehen. Laois
akzeptiert dies jedoch nicht. Er interpretiert das Orakel eher als
Warnung denn als eine Möglichkeit zur Sühne und versucht, der Strafe
zu entgehen, indem er keinen Geschlechtsverkehr mit seiner Frau
hat. Aber seine Scham macht ihn verschlossen, und er weigert sich,
ihr den Grund für seine plötzliche Aversion gegen das eheliche Bett
preiszugeben. Weil Jokaste den wahren Grund für die Verweigerung
nicht kennt, ist ihr weiblicher Stolz verletzt und sie verführt
ihn, als er betrunken ist. Sie wird schwanger und als das Kind geboren
wird, versucht Laios erneut, das Orakel zu täuschen, indem er das
Neugeborene an einem Berghang aussetzt, damit es stirbt. Dadurch
wird der Zorn der Götter noch mehr angestachelt und die ganze Stadt
Theben gerät nun in Form der monströsen Sphinx unter ihren Fluch.
Das Kind ist natürlich Ödipus, was "geschwollener Fuß" bedeutet,
weil se in
Vater, ausgehend davon, daß Ödipus durch das Ausgesetztwerden stirbt,
seinen Fuß am Boden festgenagelt hat. Aber Ödipus wird von einem
freundlichen Schäfer befreit und überlebt. Er verbringt seine Jugend
in dem Glauben, daß er der Sohn des Königs und der Königin von Korinth
sei. Dann sucht er, ebenso wie sein Vater, das Orakel des Apollo
auf, das ihm mitteilt, daß er der Mörder seines Vaters und der Ehemann
seiner Mutter werden wird. Die Möglichkeit zur Sühne wird nicht
länger angeboten. Weil Laois den Zorn der Götter vergrößerte, indem
er seine Missetaten vermehrt hat, verwandelte sich der Fluch in
eine unwiderrufliche Zukunft. Ödipus versucht, ebenso wie sein Vater,
sich über das Orakel hinwegzusetzen, er flüchtet aus Korinth und
läuft seinem Schicksal geradewegs in die Arme - einem Schicksal,
das sowohl unwiderruflich wie auch selbst inszeniert ist. Hier zeigt
sich eine merkwürdige Mischung von Hybris (dem überhebliches Bemühen,
die Götter zu täuschen), angeborenen Charakterzügen (er tötet Laois
in einen unkontrollierten Wutausbruch mitten auf der Straße, weil
der ihm unbekannte ältere Mann ihm den Weg versperrte und ihn auf
beleidigende Weise ansprach), Heldentum (er stellt sich mutig der
Sphinx und bricht den über Theben verhängten Fluch, wodurch der
zum König wird und unwissentlich seine Mutter als Belohnung erhält)
und dem natürlichen Wunsch, ein normales menschliches Wesen zu bleiben.
Und doch lindert Ödipus' furchtbare Strafe den Fluch keineswegs,
denn letztlich, nachdem er durch eigenes Zutun erblindet und als
Ausgestoßener stirbt, geht der Fluch auf seine Kinder über. Erst
als alle Mitglieder des Hauses Theben tot sind, hört der Fluch auf.
Dieses mythologische Familienerbe ist in seiner gnadenlosen Brutalität
erschütternd. Und doch können wir sehen, daß individuelle Entscheidungen
und individuelles Bewußtsein genauso sehr zum Ergebnis beitragen
wie die Wege der Götter und die Prädeterminanten der Vergangenheit.
Es gibt bestimmte Merkmale, die in jedem Mythos
über einen Familienfluch zu finden sind. In gewisser Weise bilden
sie die Kriterien für die Definition eines Familienfluchs. Diese
Merkmale können uns helfen zu verstehen, worum es hier, psychologisch
betrachtet, geht.
- Das Individuum, das den Fluch zum ersten
Mal aktiviert, ist unweigerlich königlich, stammt von einem Gott
ab und ist von einem Gott gesegnet oder begnadet. Er oder sie
ist niemals ein gewöhnlicher Sterblicher, sondern er oder sie
hat immer eine besondere Gunst von der Gottheit empfangen. Der
Zorn der Gottheit richtet sich daher nicht nur gegen normale menschliche
Regelverstöße, sondern gegen den Mißbrauch eines von den Göttern
verliehenen Talents oder Vorteils. Mit anderen Worten, ein Fluch
ist nicht von Anfang an ein Fluch, sondern er beginnt als etwas
Positives und Kreatives, das durch Arroganz, Habgier oder Grausamkeit
mißbraucht wird. Weil das Geschenk eines Gottes ein Symbol der
göttlichen Natur eines jeden Menschen ist, ist der Fluch eigentlich
eine Umkehrung dieses göttlichen Potentials und ein Mißbrauch
dessen, was Eigentum der menschlichen Seele ist.
- Das Individuum leidet an Hybris - dem fehlenden
Respekt für die sterblichen Grenzen und die Bedingungen und Erfordernisse
eines von den Göttern auferlegten Lebens. Hybris ist in Wirklichkeit
eine besondere und tödliche Form von Arroganz. Obwohl sie auch
Anteile von Mut und Heldentum enthält, so ist sie doch ein Verstoß
gegen jenes tiefere religiöse Gefühl, das bescheiden die Geschenke
und Wohltaten des Lebens anerkennt.
- Der Fluch steht gewöhnlich in Zusammenhang
mit dem Mißbrauch von Kindern. Wir müssen dies symbolisch als
einen Mißbrauch von kreativen Potentialen betrachten, selbst wenn
ein Mißbrauch vielleicht auch im wörtlichen Sinne zutrifft. Jeder
Soziologe und Sozialarbeiter weiß, daß Kindesmißbrauch in Familien
langfristige Auswirkungen über viele Generationen hat. In der
Mythologie vergewaltigt Laios einen Jugendlichen und verschlimmert
den Fluch noch, indem er seinen eigenen Sohn dem Tod überantwortet.
Im Mythos über den Fluch des Hauses von Atreus zerstückelt Tantalus
den Körper seines Sohnes und serviert ihn den Göttern als Mahlzeit,
um sie auf die Probe zu stellen. Seine Söhne Atreus und Thyestes
wiederum zerstören ihre eigenen Kinder aufgrund eines gegenseitigen
Racheaktes; und Agamemnon, der Sohn von Atreus, tötet seine Tochter,
um den Sieg im Trojanischen Krieg zu erringen. Jede Generation
dieser gepeinigten Familie ist in irgendeine Form von herzloser
Verletzung oder Zerstörung eines Kindes oder eines jungen Menschen
verwickelt.
- Die Familienmitglieder, die mit dem Fluch
belegt sind, verschlimmern ihn durch ihre eigene Hybris. Jede
Generation hat die Möglichkeit, die Strafe zu akzeptieren und
damit den Fluch zu sühnen. Aber jede Generation scheitert, weil
das Individuum seinen Neid, Zorn oder den Wunsch nach persönlicher
Vergeltung nicht aufgeben kann. Aus diesem Grund wird der Fluch
immer mächtiger. Was wirklich vererbt wird, sind ganz bestimmte
Einstellungsmuster, die das Individuum nicht transformieren oder
aufgeben will, was zu einem blinden Suhlen in instinktbedingten
Reaktionen mündet und mit der Weigerung einhergeht, notwendige
Opfer zu bringen oder innere Begrenzungen zu errichten - selbst
wenn die Götter gewarnt haben. Es ist eigentlich nichts anderes
als das Ego vor das Selbst zu stellen, wenn es wirklich darauf
ankommt.
- Immer warnt das Orakel den Täter oder den
Erben des Fluchs vor den Folgen, aber die Bedingungen des Orakels
werden bewußt mißverstanden, oder münden in dem entschlossenen
Versuch, die Prophezeiung zu umgehen. Paradoxerweise führt der
Versuch, das Orakel zu täuschen, dazu, daß sich das Orakel erfüllt.
Wenn ich hier psychologisch vererbte Muster
aus einer mythologischen Perspektive heraus betrachte, will ich
die sich ständig wiederholenden Sorgen, von denen Familien so oft
geplagt werden, wirklich keiner übernatürlichen Instanz zuschreiben.
Ich denke eher auf eine symbolische Art und Weise. Die obigen Themen
legen nahe, daß der Familienfluch ein psychologisch vorbestimmtes
Set von Verhaltensmustern ist, die Bewußtheit und innere Auseinandersetzung
erfordern, wenn irgendeine Form von Transformation oder Sühne geschehen
soll. Wir erben nicht nur die genetischen Muster unserer Vorfahren,
sondern auch gewisse, tief verwurzelte emotionale und geistige Sichtweisen.
Vielleicht erben wir auch bestimmte Komplexe - innere Bilder oder
archetypische Muster, die, für sich genommen, nicht bösartig sind,
sondern spezielle Gaben und Talente beinhalten. Es ist nicht schwierig,
diese ererbten Familienperspektiven und archetypischen Muster im
Horoskop aufzuspüren. Wir können ihre Grundzüge in den Eltern-Signifikatoren
in einem Geburtshoroskop und auch in der Wiederholung von Zeichen,
Planetenaspekten und Häuserstellungen erkennen, die in jeder Familie
sehr häufig vorkommen. Diese Muster an sich weisen noch nicht auf
einen "Fluch" hin, aber alles in einem Geburtshoroskop kann sich
wie ein Fluch auswirken, wenn destruktiv mit bestimmten Anlagen
umgegangen wurde oder sie viele Generationen lang unterdrückt wurden.
Es ist nicht ganz klar, wie wir diese Anlagen erben. Überzeugte
Genetiker sind der Auffassung, daß der menschliche Charakter, ebenso
wie der menschliche Körper eine Sache der DNA ist. Wenn also in
unserer Familie Alkoholismus oder Depression vorkommen, besteht
die große Wahrscheinlichkeit, daß auch wir Alkoholiker werden oder
an Depressionen leiden. Im anderen Extrem postuliert die archetypische
Psychologie das Familien-Unterbewußtsein und die Einheit der kollektiven
Psyche, von der jedes Individuum ein Teil ist. Vielleicht liegt
die Wahrheit in einer Kombination aus beiden Sichtweisen. Aber wie
immer auch Vererbung funktioniert, ob sie nun körperlich oder psychisch
bedingt ist oder durch beide Faktoren, so scheint doch etwas an
die folgenden Generationen weitergegeben zu werden, was als Reaktion
auf den wiederholten Mißbrauch gewisser Naturgesetze zu Tage tritt.
Dieses "etwas" hat offenbar eine ureigene Moral, ob wir diese Moral
nun Gott, der Seele, dem Selbst, den Instinkten, der Natur oder
dem Leben selbst zuordnen.
Der Fluch der Kennedys
Eine kurze Zusammenfassung der Kennedy-Tragödien hilft uns zu erkennen,
wie
die Kriterien des griechischen Familienfluchs auf das Leiden dieser
Familie zutreffen. Der Patriarch dieser Familie, Joseph P. Kennedy,
erlangte zwischen den zwanziger und dreißiger Jahren enorme Macht
und großen Reichtum, der größtenteils durch Schwarzhandel und andere
fragwürdige Methoden erzielt wurde. Glenn Richter bezeichnet in
einem Artikel, den er nach dem Tod von John F. Kennedy Jr. schrieb,
den "Fluch" der Kennedys einfach als die Arroganz, die jede Kennedy-Generation
gleichermaßen an den Tag legte. Seine Einschätzung von Joe Kennedy
ist vernichtend: "Alles was er brauchte, war ein wenig Hilfe von
seinem guten Freund FDR (A.d.Ü: gemeint ist der damalige amerikanische
Präsident F.D. Roosevelt) und starke Nerven - und die hatte Papa
Joe im Überfluß. Wie sonst hätte er mit Gaunern und gleichzeitig
erhobenen Hauptes in der High Society verkehren können? Wie sonst
hätte er anders so herzlos mit Filmsternchen herumturteln können,
während seine Frau Zuhause blieb und noch mehr Kennedys austrug?
Joseph Kennedy war wirklich nicht das, was man einen sympathischen
Mann nennen würde." Hier sehen wir das begnadete Individuum der
griechischen Mythologie, das von den Göttern mit einer berauschenden
Mixtur von Unverfrorenheit, Entschlossenheit, Charme und politischer
Brillanz begünstigt war. "Papa" Joe war jedoch im besten griechischen
Sinne von Hybris heimgesucht. Seine älteste Tochter Rosemary, geboren
1918, war ein fröhliches und liebes Kind. Aber sie war leicht retardiert
und daher eine Quelle großen sozialen Mißbehagens für ihren Vater.
Er schien unfähig gewesen zu sein, sie so zu akzeptieren, wie sie
war und dankbar für seine vielen Glücksgaben zu sein. Als Folge
davon ordnete er 1941 bei seiner Tochter eine Lobotomie an; sie
war damals 23 Jahre alt. Die Operation ging völlig schief. Das vorher
zufriedene und freundliche Mädchen war nun ernstlich retardiert,
und wurde von seinem beschämten Vater für den Rest seines Lebens
in einem Heim untergebracht. Die Götter der griechischen Mythologie
scheinen sich nicht mit Verstößen wie Schwarzhandel und Ehebruch
zu beschäftigen; schließlich frönten sie selbst solchem Zeitvertreib.
Wenn es sich hier aber um die Personen in einer griechischen Tragödie
handelte, dann würden wir mit aller Deutlichkeit zu hören bekommen,
daß Joe Kennedy, indem er seine Tochter zerstörte, etwas in Bewegung
gesetzt hätte, was für die folgenden Generationen furchtbare Folgen
haben würde. Ähnlich destruktiv war sein zwanghafter Ehrgeiz, mit
dem er einen seiner Söhne zum Präsidenten machen wollte. Dies ist
auf einer subtileren Ebene auch eine Form von Kindesmißbrauch, denn
seine Kinder hatten keinerlei Möglichkeit, sie selbst zu werden.
Zwanghafter Ehrgeiz, der bereits ins Maßlose ausgeufert war, bevor
Joe Kennedy geboren wurde, sorgte dafür, daß die einzigartigen und
individuellen Talente vom Familien-daimon verschlungen wurden. Ich
behaupte nicht, zu wissen ob der Kosmos wirklich eine so strenge
Moral vertritt wie diejenige, an die die Griechen glaubten. Im Zusammenhang
mit unserer etwas einfacheren und personalisierten jüdisch-christlichen
Moral mag die griechische Konzeption des Universums erschreckend
unpersönlich wirken. Wenn wir allerdings die Liste der Themen anschauen,
die ich oben beschrieben habe, zeigt sich ganz deutlich, daß Joe
Kennedy die Kriterien Nr. 1, 2 und 3 erfüllt.
Bedeutet das nun wirklich, daß seine "Sünde" in den folgenden Generationen
"bestraft" werden würde? Das will ich weder unterstellen noch glaube
ich, daß das Leben so simpel ist. Die Welt ist voll von scheußlichen
Leuten, die ein langes und destruktives Leben führen und selbstzufrieden
in ihren Betten sterben, während viele gute, anständige Menschen
schreckliche Erfahrungen machen müssen, die weder sie selbst noch
ihre Vorfahren verdienen. Überdies sind nicht alle Tragödien Teil
eines sich wiederholenden Musters unserer Ahnen. Wenn sie es allerdings
sind, sollten wir das auch zur Kenntnis nehmen. Lassen Sie mich
Kriterium Nr. 4 ins Bewußtsein rufen und kurz die Entfaltung der
Kette von Tragödien darlegen, von der die Kennedy-Familie heimgesucht
wurde. Diese kurze Liste läßt Themen wie Scheidung, Ehebruch, Alkoholismus
und andere Familienprobleme außer acht, die so alltäglich sind,
daß sie den Begriff "Tragödie" nicht verdienen, außer vielleicht
für die Beteiligten selbst.
- Joseph P. Kennedy Jr., Joe's ältester Sohn,
die große Hoffnung seines Vaters für die amerikanische Präsidentschaft,
wird 1944 durch einen Flugzeugabsturz mit 29 Jahren getötet.
- Kathleen Kennedy, Joe's zweite Tochter,
stirbt 1948 durch ein Flugzeugunglück mit 28 Jahren.
- John F. Kennedy, 35. Präsident der USA
wird im November 1963 in Dallas mit 46 Jahren erschossen.
- John F.Kennedy's Sohn, Patrick Bouvier
Kennedy, der 1963 als Frühgeburt zur Welt kam, stirbt drei Monate
vor der Ermordung seines Vaters.
- Robert F. (Bobby) Kennedy, Joe's dritter
Sohn, wird im Juni 1968 mit 42 Jahren ermordet.
- Edward M. (Ted) Kennedy, Joes' jüngster
Sohn, raste im Juli 1969 nach einer Party mit einem Auto über
ein Brückengeländer in Chappaquiddick Island. Seine Begleiterin,
Mary Jo Kopechne, wird tot aus dem versunkenen Fahrzeug geborgen.
Seine politische Kariere hat die Spekulationen über dieses Geschehen
nicht überlebt.
- Bobby Kennedy's Sohn Joseph ist 1973 in
einen Autounfall verwickelt, wodurch seine Beifahrerin so schwer
verletzt wird, daß sie lebenslänglich gelähmt bleibt.
- Ted Kennedy's Sohn Edward Jr. wird 1973
das rechte Bein wegen Krebs amputiert.
- Bobby Kennedys Sohn David stirbt 1984 an
einer Überdosis Drogen.
- Ted Kennedy's Sohn Patrick wird 1986 wegen
Kokainabhängigkeit behandelt.
- Ted Kennedy's Neffe, William Kennedy Smith,
wird 1991 wegen Vergewaltigung angeklagt und freigesprochen.
- Bobby Kennedy's Sohn Michael kommt im Dezember
1997, im Alter von 39 Jahren bei einem Skiunfall ums Leben.
- John F. Kennedy's einziger überlebender
Sohn, JFK Jr. stirbt mit 38 Jahren bei einem Flugzeugunglück im
Juli 1999 (genau 30 Jahre nach Chappaquiddick).
Selbst wenn man berücksichtigt, daß die Kennedys eine sehr große
Familie sind und darum die statistische Wahrscheinlichkeit für eine
so lange Liste von Tragödien größer ist, scheint doch bei den Männern
in dieser Familie eine unverhältnismäßig hohe Quote an Katastrophen
und frühzeitigen Toden vorzuliegen. Könnten alle diese Menschen
mit Kriterium Nr. 4 - mit Hybris gestraft sein, einer Weigerung
die angeborenen destruktiven oder arroganten Einstellungen zu ändern,
die Teil ihres psychologischen Erbes sind? Auf einige, wenn nicht
sogar alle Betroffenen, trifft dies sicher zu. Sogar JFK Jr., der
das politische Rampenlicht scheute und ein beliebter, relativ harmloser
Mensch gewesen zu sein scheint, bestand darauf, mit einem gebrochenen
Fuß und unter Wetterbedingungen zu fliegen, die selbst einen erfahrenen
Piloten entmutigt hätten. Es ist nicht notwendig, sich ausführlicher
mit der Welt zu beschäftigen, in der sich John F. Kennedy und Bobby
Kennedy bewegten; man muß keinen Familienfluch
postulieren, um zu erkennen, daß Mitglieder der Mafia dazu neigen,
Menschen zu erschießen, wenn man sie verärgert. Und genauso gut
ist es möglich, daß Mitglieder der Amerikanischen Armee, des FBI
und des CIA genau das tun. Ehrgeiz, Macht und großer Reichtum können
ihren eigenen Fluch erschaffen. Wir müssen uns nicht irgendeinen
dunklen daimon der Ahnen vorstellen, um begreifen zu können, warum
ein Mitglied dieser Familie von Kokain- oder Alkoholabhängigkeit
geplagt wird. Für sich betrachtet, ist jede dieser Tragödien auf
ihre ganz eigene Weise menschlich erklärbar. Zusammengenommen zeigen
sie allerdings ein viel beunruhigenderes Bild.
Die Horoskope
Wenn ich ein Horoskop auf Spuren nach dem zu untersuchen hätte,
was ich unter einem Familienfluch verstehe, würde ich zunächst die
Anwesenheit von Planeten in den Häusern in Erwägung ziehen, die
mit dem Erbe aus der Vergangenheit zu tun haben. Solange wir keine
Einsicht in die Komplexe bekommen, die zu der größeren Matrix gehören,
aus der wir hervorgegangen sind, unterliegen wir der Gefahr, unter
unbewußten Zwängen und Verhaltensmustern zu leiden, die unser eigenes
Wesen nur teilweise widerspiegeln. Familienkomplexe unterstreichen
all die Gefühle, die die seelische Atmosphäre unserer Kindheit gefärbt
haben. Sie bilden auch als Muster einen entscheidenden Teil unseres
Ahnenerbes. Meine analytische Arbeit hat mich gelehrt, daß nichts
so mächtig ist wie ein Familiengeheimnis, das viele Generationen
lang als Geheimnis gehütet wurde. Es bindet Energie und "Wut" genau
in dem Maße, in dem es bewußter Wahrnehmung und offenem Ausdruck
entzogen wird. Familiengeister müssen nicht die Form eines verstorbenen
Onkels annehmen, der durch ein Medium spricht. Aber sie sind sehr
real und äußerst mächtig, und sie können uns erbarmungslos verfolgen,
so wie die Furien Orest quälten. Astrologisch betrachtet können
Planeten im vierten, achten und zwölften Haus für ererbte Energien,
Muster und Qualitäten stehen, die jedoch individuelles Bewußtsein
erfordern, damit sie sich auf die beste Weise entfalten können.
Bleiben sie unbewußt, können sie eher destruktive Dimensionen entfalten,
und das Individuum zu zwanghaftem Verhalten nötigen. Das kann zu
Erfahrungen führen, die man als "schicksalsbedingt" erlebt. Die
Elternsignifikatoren - Planeten im zehnten oder vierten Haus oder
Planeten im dritten oder neunten Haus in Konjunktion zu MC oder
IC - können auch für das Verständnis des Familienerbes wichtig sein.
Beträchtliche Bedeutung hat die Stellung von Pluto im Horoskop,
wobei besonders darauf zu achten ist, ob er an einer Achse oder
im vierten, achten oder zwölften Haus oder in einem Spannungsaspekt
zu Sonne und Mond steht. Dieser Planet scheint nämlich das "Naturgesetz"
zu reflektieren, vor dem die Griechen soviel Respekt und ehrfürchtige
Scheu hatten - eine Art instinktiver natürlicher Gerechtigkeit,
die dem Überleben und der Evolution der Spezies, der Gemeinschaft,
dient und der kreative daimon der Familie ist. Wenn ein Familienfluch
eine Verletzung des Naturgesetzes durch frühere Generationen umfaßt,
können wir einen stark gestellten Pluto im Horoskop erwarten, der
das Individuum auffordert, sich mit einem Vergangenheitserbe, das
Wiedergutmachung fordert, zu konfrontieren und auszusöhnen. Bis
diese Herausforderung bewältigt wird, kann das eigene Potential
des Individuums teils oder sogar vollständig von Problemen unterdrückt
werden, die lange vor seiner Geburt begannen.
Joseph P.
Kennedy Sr.
6 September 1888, 7.06 am EST
Boston, Massachusetts
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Unter Berücksichtigung dieser
Faktoren würde ich das volle zwölfte Haus und auch die Stellung
von Chiron im Krebs am MC als signifikant ansehen. Dieses Geburtshoroskop
kann natürlich aus vielen unterschiedlichen Perspektiven betrachtet
werden. Ich befasse mich hier nicht so sehr mit einer Charakteranalyse,
sondern mehr mit den Hinweisen darauf, daß Joe Kennedy selbst Träger
von ungelösten vererbten psychologischen Problemen war. Die folgenden
Interpretationen sind daher sehr kurz und auf diesen einen Punkt
ausgerichtet. Für mich beschreibt jeder Planet im 12. Haus einen
Impuls, einen Antrieb oder daimon in der Psyche der Vorfahren, der
nicht ganz gelebt wurde, wodurch dieser Planet eine Art Medium für
das wird, was aus der Vergangenheit unvollendet geblieben ist. Wie
ein Mensch diesen Planeten zum Ausdruck bringt, ist daher abhängig
davon, wie frühere Generationen mit ihm umgegangen sind oder auch
nicht. "Unvollendet geblieben" heißt nicht unbedingt destruktiv;
ein Gemälde könnte von dem, der es gemalt hat, auch als unvollendet
angesehen werden, selbst wenn es in den Augen eines Betrachters
vollendet ist. Außerdem kann man natürlich auch argumentieren, daß
kein kreatives Unterfangen wirklich jemals Vollendung im Sinne der
Ausschöpfung seines ultimativen Potentials erfährt. Die Muster des
Familien-daimons entfalten sich viel langsamer als ein individuelles
Leben. Alles hängt davon ab, wie das Individuum mit dieser unvollendeten
Sache umgeht.
Joe's Neumond im zwölften Haus und der Sonne im Quadrat zu Pluto
im neunten Haus legt ein Erbe nahe, das komplexe religiöse Themen
beinhaltet und auch einen überwältigenden Trieb nach individuellem
Ausdruck und hoher Leistung, was aufgrund seines Familienhintergrundes
irgendwie nicht ausreichend gelebt werden konnte. Wir müssen wahrscheinlich
bis zu Joe's irisch-katholischen Vorfahren zurückgehen und zu den
Jahren der Großen Hungersnot, um etwas von dem zu begreifen, was
er zu tragen hatte. Obwohl es einfach wäre, Joe Kennedy als den
Initiator der Familienschwierigkeiten zu betrachten, scheint es
doch so zu sein, daß er selbst der Erbe von Familienkomplexen war,
die ihn zwanghaft nach persönlicher Macht und Leistungsfähigkeit
streben ließen. Es ist, als wenn die Stimmen schon lange verstorbener
Vorfahren, hungernd und verfolgt, ihn vorwärts trieben und forderten,
daß er und nur er alleine der Retter der Familienvergangenheit zu
sein habe. Chiron in Krebs am MC läßt eine Wunde vermuten, die mit
seiner gesellschaftlichen Stellung zu tun hat, eine Wunde die er
von der mütterlichen Linie erbte und die mit dem sozialen Status
seiner Familie zu tun hat. Chiron in dieser Position legt nahe,
daß er unter dem starken Gefühl litt, daß er und seine Familie in
der Welt, in der er sich bewegte, als inakzeptabel und minderwertig
angesehen wurde. Die Kompensation für diese Art von Wunde ist oft
zwanghafter Ehrgeiz - obwohl das wirkliche Motiv nicht materieller
Wohlstand ist, sondern ein Versuch, ein viel tieferes emotionales
Leiden zu lindern. Wir können auch seinen Umgang mit seiner Tochter
im Licht dieser Chiron-Stellung betrachten, weil sie für ihn der
lebendige Beweis für die Minderwertigkeit seiner Familie gewesen
sein muß. Daß Joe Kennedy dazu bestimmt war, Vater des ersten irisch-katholischen
Präsidenten einer Nation zu sein, die ihre Präsidenten zweifellos
lieber anglo-sächsischer und protestantischer Abstammung sieht,
wirft Licht darauf, wie verzweifelt wichtig das Thema Religion gewesen
sein muß. Was sein Geburtshoroskop jedoch nicht zeigt, ist, wie
Joe Kennedy die Talente und Kräfte, die er zur Verfügung hatte,
auswählte und sie zeigt auch nicht, mit welchen Moralvorstellungen
er versuchte, die Ambitionen zu erfüllen, die von etwas viel Älterem
und Größerem als seinen eigenen persönlichen Jungfrau-Träumen gespeist
wurden. Hier stehen eher Bestimmtheit als Schicksal, und eher Arroganz
als Wertschätzung der enormen Talente und Lebenskraft zu seiner
Verfügung. Angesichts dieses Geburtshoroskops scheint der Familienfluch
der Kennedys nicht erst mit "Papa" Joe begonnen zu haben, sondern
mit dem kollektiven Kampf der Iren gegen die Engländer, der Katholiken
gegen die Protestanten und der Tragödie der Großen Hungersnot anderthalb
Jahrhunderte bevor dieser Mann überhaupt geboren war.
John F.
Kennedy
29. May 1917, 03.00 pm EST
Boston, Massachusetts
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In John F. Kennedys Geburtshoroskop liegt die
Betonung eher auf dem achten als auf dem zwölften Haus. Hier handelt
es sich für mich ebenso um ein Haus der "Familiengeister". Aber
die Geister besetzen nicht heimlich und leise die Planeten im achten
Haus, ihr Spuk passiert oft überstürzt und drückt sich durch heftige
Zwänge und dramatische Ereignisse aus. Auch hier zeigt sich das
unglückliche Familienerbe der mütterlichen Linie mit Saturn in Krebs
am MC in Konjunktion zu Neptun in Löwe. Das spiegelt Joe's Chiron
in Krebs im 10. Haus wieder und zeigt ein enormes Unbehagen in Bezug
auf die gesellschaftliche Position und die soziale Akzeptanz, wie
auch ein mächtiges messianisches Bedürfnis, der Erlöser der Familie
und des Landes zu sein. Wir wundern uns vielleicht darüber, wie
ein offenbar so zuversichtlicher und beliebter Mann sich jemals
als minderwertig und als von minderwertiger Abstammung empfinden
konnte. Aber was wissen wir wirklich über ihn? Und was wußte er
wirklich über sich selbst? Man sagt, daß er sexuell getrieben gewesen
sei, daß er nicht der Versuchung widerstehen konnte, mit einigen
der dunkelsten kriminellen Elemente der amerikanischen Gesellschaft
zu flirten, daß er skrupellos und manipulativ wie sein Vater sein
konnte und daß er, ob er wollte oder nicht, vom Augenblick des Todes
seines Bruder an getrieben war, die Präsidentschaft und damit die
Erfüllung des Familientraumes anzustreben. Ich interpretiere Planeten
im achten Haus nicht als Indikatoren für einen "gewaltsamen Tod".
Ich habe einfach zu viele Klienten gehabt, die mit einem vollen
achten Haus ein hohes Alter erreicht haben, um die Subtilität von
Pluto's Welt auf einer so wörtlichen Eben zu interpretieren. Aber
Planeten im achten Haus zeigen mächtige unbewußte Kräfte persönlicher
oder unpersönlicher Art, die gewöhnlich mit Familiengeheimnissen
aus der Vergangenheit zu tun haben, die in Form von Zwang und Krisen
ans Tageslicht kommen und den Verzicht auf Kontrolle und die Akzeptanz
der unsichtbaren Dimensionen des Lebens erforderlich machen. Das
achte Haus kann große Macht, Stärke und Einsicht vermitteln, wenn
die bewußte Einstellung eine bescheidene ist. Aber wenn es zuviel
Arroganz gibt und eine Weigerung, nach innen zu schauen, können
sich die Planeten im achten Haus manchmal wie rächende Furien aufführen
- oder sie wirken wie "unsichtbare Feinde". Ebensowenig wie sein
Vater war John Kennedy bereit, irgendeinen Verzicht zu leisten oder
sich gar mit der Art von Introspektion zu beschäftigen, die das
achte Haus erfordert. Wie Atreus und Thyestes blieb er treu in den
Fußstapfen seiner Familie. Wir müssen gar nicht unbedingt im Sinn
eines Familienfluchs denken, um zu sehen, daß JFK's politische Aktivitäten
ihm mächtige und starke Freunde bescheren würden. Wenn wir allerdings
verstehen wollen, warum er zu solchen Aktivitäten getrieben wurde,
müssen wir vielleicht doch in diesem Sinn denken. Die Sonne in Konjuktion
mit Venus in Zwillinge, Aszendent in Waage und Mond in Jungfrau
deuten eine flexible, kultivierte und unkomplizierte Natur an. Dieses
Geburtshoroskop läßt mich an einen Wolf im Schafspelz denken; allerdings
ist der Wolf nicht der Mann selbst. Viel eher ist der Wolf das Familienerbe.
Robert
Kennedy
20. November 1925, 02.48 pm EST
Brookline, Massachusetts
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Bobby Kennedy's Horoskop präsentiert uns Pluto in einer Machtposition,
nämlich genau am IC in Krebs. Hier sind es nicht so sehr die Geister
der Vorfahren sondern eher eine große, archetypische väterliche
Verfügung - ein dunkles plutonisches Erbe der väterlichen Linie.
Das zehnte Haus ist stark besetzt, allerdings mit einem günstigen
Stellium von Mond-Venus-Jupiter. Bobby konnte vermutlich viel mehr
als sein Vater und sein Bruder Geld, Macht und Status genießen.
Aber Jupiter und Venus stehen in Opposition zu Pluto, und zeigen
damit einen heftigen inneren Kampf zwischen seiner persönlichen
Natur und seinem Erbe an, wodurch er sich zu einem fanatischen Apostel
gegen das Böse in der Welt entwickelte. Man fragt sich, ob die dunklen
Mächte, die er in der Gesellschaft bekämpfte, und die ihn letztlich
zerstörten, nicht eigentlich die dunklen Kräfte in ihm selbst waren.
In gewisser Weise glaube ich, daß Boby Kennedy seinen Vater zutiefst
haßte und fürchtete, aber er projizierte diese plutonische Gestalt
auf die kriminellen Elemente, die seiner Meinung nach an den Wurzeln
der amerikanischen Gesellschaft nagten. Uranus und Chiron stehen
im zwölften Haus, obwohl Chiron nahe am Aszendenten steht; tiefe
Familienwunden und messianische Familienideale trieben ihn von innen
her an. Wichtiger ist noch, daß die Sonne sich in der Nähe der Spitze
des achten Hauses befindet und damit eine Geschichte erzählt, die
der seines Bruders sehr ähnelt. Seine Individualität und seine eigenen
Ziele wurden ständig durch unbewußte Zwänge der Vergangenheit behindert.
Einsicht und Bescheidenheit sind erforderlich, wenn die Sonne im
8. Haus wirklich ihr Licht entfalten soll. Aber eine Kennedy-Erziehung
unterstützt in der Regel Mut und Bescheidenheit nicht. Als Skorpion
könnte Bobby auch von einem persönlichen Vergeltungsdrang getrieben
gewesen sein, und diese Sehnsucht nach Vergeltung, das auch vielen
Figuren in der griechischen Mythologie eigen ist, eignet sich nicht
dazu, Frieden mit einer zornigen Gottheit zu schließen oder die
Härte eines Familienfluchs zu lindern. Aber hauptsächlich ist es
Pluto, der das Eindringen der Familienvergangenheit in die Gegenwart
andeutet. Wenn der Vater in diesem Horoskop nicht als eine Figur
von so großer zwanghafter Macht erschiene, hätte vieles ganz anders
aussehen können. Vielleicht hätte sich Bobby und auch seine Familie
immer noch für die Politik entschieden. Er hätte aber vielleicht
den äußeren Feind nicht so sehr bekämpfen müssen, wenn er die Natur
seines inneren Feindes besser hätte verstehen können.
John F.
Kennedy Jr.
25. November 1960, 12.22 EST, Washington, D.C.
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Zum Schluß werden wir kurz das Geburtshoroskop von John F. Kennedy
Jr. betrachten. Er war nicht von den Spielen um die dunkleren Sphären
der Macht heimgesucht; es scheint, daß er wirklich nicht in die
Fußstapfen seines Vaters treten wollte, sondern damit zufrieden
war, das angenehme Jupiter-Leben eines Playboys und Dilettanten
zu leben. Das 10. Haus ist unbesetzt; offenbar fühlte er sich nicht
dazu berufen, die Welt zu verändern oder seine Spuren in ihr zu
hinterlassen. Wir könnten daher durchaus erwarten, daß er ein so
tragisches Ende wie das seines Vaters und Onkels hätte vermeiden
können, weil er die gierigen Forderungen des Familien-daimons aufgegeben
hatte. Und doch hatte er einen tragischen Tod. Was in aller Welt
brachte diesen Mann dazu, sein Leben und das drei anderer Menschen
auf so blinde und dumme Art und Weise aufs Spiel zu setzen? Wir
werden niemals wissen, was in seinem Kopf vor sich ging oder, genauer
ausgedrückt, was sich auf der unbewußten Ebene abspielte, als er
diese Entscheidung traf. Uranus und Pluto stehen im 12. Haus, Pluto
in der Nähe des Aszendenten und in Konjunktion zum nördlichen Mondknoten.
Auch hier erscheinen wieder die Familiengeister und färben seine
Wahrnehmung der äußeren Welt mit den Zwängen der Vergangenheit.
Pluto steht auch im Quadrat zur Sonne im dritten Haus, aber in Konjunktion
zur Spitze des vierten Hauses. Es scheint, als wenn selbst dieser
liebenswerte und vitale puer aeternus aufgefordert war, sich mit
seinem plutonischen Erbe herumzuschlagen, wenn er sein individuelles
Potential leben wollte. Glenn Richter stellt in seinem Artikel fest,
daß JFK's fataler Fehler seine Arroganz war. Das ist sicher zweifellos
teilweise richtig; auch zu ihm paßt Kriterium Nr. 4. Aber es gibt
noch weitere Faktoren in diesem Geburtshoroskop (besonders Venus
in Konjunktion mit Saturn, Mars in Opposition zu Saturn und eine
exakte Konjunktion von Mond und Chiron), die großen inneren Schmerz,
Einsamkeit und Kampf beschreiben - was ihm wahrscheinlich nicht
bewußt war, aber um so destruktiver wirkte, weil dies so gründlich
verleugnet wurde.
In dem Jahr vor seinem Tod transistierte Pluto über die Geburtssonne
von JKF Jr. vor und zurück und zum Zeitpunkt seines Todes stand
er im Quadrat zum Geburts-Pluto und sehr nahe am IC. Irgend etwas
Unumgängliches trieb ihn von innen heraus an. Auch das progressive
Horoskop ist aussagekräftig; der progressive IC stand in exakter
Konjunktion zum progressiven Jupiter und legt nahe, daß der Geist
des puer sich nach einem Ausweg aus dem Konflikt zwischen seiner
eigenen Persönlichkeit und den unerbittlichen Forderungen seines
Erbes sehnte. Noch eigenartiger ist, daß diese progessive MC-IC-Achse
auf 14º 28' in Krebs-Steinbock stand - exakt auf dem Geburts-Pluto
seines Onkels Robert am IC - so, als ob es eine merkwürdige Identifikation
zwischen dem lebenden Neffen und seinem toten Onkel gäbe. Diejenigen,
die an simple tragische Unfälle glauben, werden zweifellos Ärger
bei der Vermutung empfinden, daß es im Zusammenhang mit diesem traurigen
Tod etwas Freiwilliges, etwas "Gewähltes" gab. Ich behaupte nicht,
wenn es tatsächlich eine Wahl war, daß es sich dabei um eine bewußte
Wahl gehandelt hat. Aber die Genauigkeit solcher astrologischer
Beziehungen lassen mich doch fragen, ob hier der Familien-daimon
- von dem eine Dimension in den Familienhoroskopen durch die Krebs-Steinbock-Achse
zum Ausdruck gebracht wird - wieder am Werk war. Diese Wiederholung
von Planeten, die bei so vielen Horoskopen der Familie innerhalb
von wenigen Graden in die gleichen Zeichen fallen, legen keinen
Familienfluch nahe. Sie stehen eher für ein Familienerbe, das potentiell
kreativ ist und das nicht nur politische Klugheit, Hartnäckigkeit
und Führungsqualitäten umfaßt, sondern auch das tiefe emotionale
Genährtsein, das enge Familienbande gewährleisten. Es sollte allerdings
auch gesagt werden, daß die Gaben der Krebs-Steinbock-Achse in allen
Generationen der Kennedy-Famile zutiefst mißbraucht wurden. Globaler
Ehrgeiz, der das persönliche Glück einzelner Familienmitglieder
als untergeordnet betrachtete, und eine tyrannische Cliquenwirtschaft,
die es nicht erlaubt, sich emotional, intellektuell, beruflich oder
spirituell über den Familienkreis hinaus zu bewegen, kann man als
Mißbrauch von gottgegebenen Talenten interpretieren. Die Krebs-Steinbock-Achse
verkörpert in ihrer besten Ausprägung jene Werte, die den liebenden
Schutz der Familie als Grundlage für die Strukturen einer rechtmäßigen
und stabilen Gesellschaft bewahren. Wenn ich mir vorstelle, eine
Griechin der Antike zu sein, dächte ich vermutlich an die Göttin
Hera, die Beschützerin der Familie und sozialer Bindungen, die unvorstellbar
wütend war, weil ihre Geschenke so großzügig gewährt und so unverantwortlich
genutzt wurden.
Schlußfolgerungen
Der Familienfluch ist letztlich eine Umkehrung eines Familiensegens.
Das ist das Ergebnis sehr gründlichen Nachdenkens darüber, wie die
alten Griechen ihn dargestellt haben. Ich bin davon überzeugt, daß
sie viel mehr über diese Entfaltung von Mustern über viele Generationen
hinweg wußten als viele orthodoxe Schulen der Psychologie heute.
Die Psychoanalyse und die analytische Psychologie haben natürlich
schon immer die Realität des Unbewußten und die fortwährende Macht
von Familiengeheimnissen anerkannt. Die Familientherapie bestätigt
die generationsbedingte Wiederholung von kritischen Lebensereignissen
zu bestimmten Zeiten und in einem bestimmten Alter. Der analytische
Familientherapeut weiß auch, daß der "identifizierte Patient", wie
Orestes, eher der Empfänger und das Sprachrohr als der Täter in
einem Konflikt ist, der viel älter ist als das betroffene Individuum
selbst. Von einer verkürzten Perspektive aus betrachtet, mag der
Familienfluch als Verhängnis erscheinen, das dem Einzelnen auferlegt
wurde. Und doch können wir unseren eigenen kleinen Familienfluch,
welche subtile oder starke Form er auch annehmen mag, auf eine andere
Weise betrachten: nicht als eine Zukunft, in der wir dazu verurteilt
sind, die Tragödien der Vergangenheit wieder zu erleben, sondern
als eine Möglichkeit, etwas einzulösen, was einmal das Geschenk
der Götter war, und das im Verlauf der Zeit durch Arroganz, Dummheit,
Bosheit oder starke Verdrängung deformiert wurde. Wenn Vergangenheitsmuster
uns dazu bringen, unsere Zukunft zwanghaft zu gestalten, werden
wir nichts dadurch auflösen, daß wir entweder passiv die Katastrophe
erwarten oder hoffen, davon ausgenommen zu werden. Jedes Individuum
mit einem starken Pluto oder einer Betonung der Wasserhäuser ist
ein potentieller Träger enormer Macht und Einsicht, die auf einem
tiefen Verständnis der Vergangenheit und der inneren Welt basiert.
Aber das gibt es keineswegs umsonst, und man muß den Mut finden,
die herzzerreißende Trennung von der Matrix der Familienpsyche in
voller Bewußtheit durchzuführen, um ein Individuum werden zu können
- einsam, einzigartig und eingestimmt auf die Bedürfnisse der eigenen
Seele. Der Luxus der blinden Identifikation mit der Familie oder
irgendeinem anderen Kollektiv ist keine kluge Option für jemanden
mit solchen Plazierungen in einem Geburtshoroskop. Wenn das Geburtshoroskop
die Beteiligung von Familiengeistern zum Vorschein bringt, gibt
es weder Platz für Naivität noch für Arroganz. Man muß dann so genau
und so tief wie möglich die Vergangenheit reflektieren, denn man
ist, im allertiefsten Sinne, ein Medium für die ungelebten Geschenke
der Familienpsyche und ein Gefäß für all die Energien, die verleugnet
oder mißbraucht wurden und sich nun danach sehnen, in neuer kreativer
Weise zum Ausdruck gebracht zu werden.
übersetzt von:
Christine Ruf /
Brigitte Talke
© Liz Greene, Apollon / Astrodienst
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