Nachruf auf Charles Harvey

Würdigung für Charles, von Liz Greene

Charles Harvey war siebendundzwanzig Jahre lang mein Freund und acht Jahre lang mein Co-Direktor am Centre for Psychological Astrology. Das Gefühl des schrecklichen Verlusts, das ich empfinde, wird nur besänftigt durch das Gefühl von Dankbarkeit und Ehre, einen so außergewöhnlichen Mann gekannt und die Möglichkeit gehabt zu haben, mit ihm sehr eng in dem Bereich zusammenzuarbeiten, in dem er sich selbst übertraf: auf dem Gebiet der Weiterbildung. Ob er nun verschiedene astrologische Gruppen dazu ermutigte, miteinander zu kommunizieren, oder auf kluge Weise Brücken baute, so daß die Menschen die Bedeutsamkeit der Astrologie erkennen konnten, oder sich astrologischen Konferenzen widmete, oder Artikel für Zeitschriften wie Apollon schrieb, oder Astrologiestudenten Seminare und Supervision anbot: seine Fähigkeit zu inspirieren und das Denken und die Visionen anderer Menschen zu erweitern, war außergewöhnlich groß. Informationen weiterzugeben ist einfach und erfordert nur wenig Beteiligung des Herzens. Auf eine Weise zu lehren, die die Seele zum Erwachen bringt, ist ein seltenes Talent, das sich zumeist bei Dichtern, Dramatikern und Philosophen findet. Clever zu sein ist auch einfach, vielleicht sogar etwas zu einfach für Astrologen. Clever und dazu noch liebenswürdig zu sein, ist schon etwas außergewöhnlicher. Ein wirklicher Lehrer zu sein, intelligent und inspiriert, und auch zutiefst großzügig und aufrichtig an anderen Menschen interessiert, ist jedoch einzigartig.

Wenn Charles lehrte, konnte man nicht zuhören, ohne sich zutiefst mit dem höheren Kosmos, seiner Schönheit und Ordnung verbunden zu fühlen, die Charles wahrnahm und so hervorragend vermittelte. Darin lag einer seiner besten Beiträge zum CPA, es war ein perfekter Kontrapunkt zum eher individuell ausgerichteten Ansatz der psychologischen Astrologie. Seine Fähigkeit, dieses Gefühl von Verbundenheit zu vermitteln, machte ihn zu einen wahren Priester, auf eine viel tiefere und authentischere Weise als viele andere, die unter diesem Namen in etablierten religiösen Institutionen arbeiten. Wie ein guter Pontifex baute er Brücken, über die andere gehen konnten, um einen Blick auf jene ewigen Wahrheiten werfen zu können, von denen wir schon immer gewußt haben, die wir aber in unserem blinden Abtauchen in die materielle Existenz irgendwie vergessen haben. Denjenigen, die sich nur auf die eher technischen Aspekte seiner Arbeit über Harmonische Horoskope und Halbsummen konzentrieren, entgeht die größere kosmische Einheit, die er stets verstanden hat und die all seine Standpunkte untermauerte. Seine Freundlichkeit und seine Anständigkeit zeigte sich nicht nur in einer tief empfundenen Rücksichtnahme für andere Menschen, sondern auch in seinem sehr hohen Moralkodex, der ihn dazu veranlaßte, sich jederzeit wie ein Gentleman zu verhalten, fair und höflich. In all den Jahren, in denen ich ihn kannte, habe ich niemals erlebt, daß er einen anderen Astrologen herabgesetzt hätte, um sich selbst wichtiger zu machen oder daß er einen Studenten verunglimpft hätte, um selbst als klüger dazustehen. Er hatte die ungewöhnliche Gabe, wirklich zuhören zu können und die noch ungewöhnlichere Gabe, sich auf das Beste in jedem Menschen, mit dem er arbeitete oder den er lehrte, zu konzentrieren. Er konnte das jeweils Beste in anderen zum Vorschein zu bringen. Charles war kein stereotyper Heiliger, und es ist nicht nötig, ihn zu idealisieren. Aber er ist beispielhaft für uns alle, nicht nur als Astrologe, sondern e r ist auch ein Beispiel für das Beste, was aus einem Menschen werden kann. Er benutzte keine unglücklichen Kindheitserfahrungen, um unfreundliches Verhalten zu legitimieren, und er befriedigte keine unerfüllten persönlichen Bedürfnisse unter dem Vorwand, anderen zu helfen. Er war nichts mehr und nichts weniger als der wunderbare Mann, der er zu sein schien; und alle, die mit ihm gearbeitet haben und seine Wärme, seine Unterstützung und seinen unerschöpflichen Humor erlebt haben, erkennen nun mit Schmerz, wie viel all dies bedeutet in einer Welt, der es traurigerweise an diesen fundamentalen Werten mangelt.

Wenn wir jemanden verlieren, den wir lieben, passiert es leicht und es ist auch natürlich, daß wir wütend werden und das Gefühl haben, daß dieses Leben einfach abgeschnitten wurde und unvollendet blieb. Neben meinem persönlichen Kummer und meiner Trauer war dies auch eine meiner ersten Reaktionen. Der Verstand sucht sofort nach „Gründen“, wenn er mit dem Tod konfrontiert wird, der so ungerecht und unvernünftig scheint. Mit 59 Jahren war Charles noch in seinen besten Jahren. Seine Erscheinung, seine Energie und seine Überschwenglichkeit ließen ihn zudem noch wesentlich jünger wirken. Wir hatten allen Grund, uns noch auf viele Jahre seiner wunderbaren Gesellschaft und auf seine gut durchdachten und provokativen Beiträge zur Astrologie zu freuen. Von einer gewöhnlichen menschlichen Perspektive aus betrachtet, war Charles‘ Leben tatsächlich unvollendet. Er hätte noch viele fruchtbare Jahre haben sollen, in denen er sein beträchtliches schriftstellerisches Talent hätte weiterentwickeln können. Er hätte noch mehr Freiheit von materiellen Belastungen haben sollen. Auch einen sanfteren Tod hätte er haben sollen, wie er sich für eine so sanfte und zuvorkommende Persönlichkeit ziemt. Von einer tieferen Perspektive aus betrachtet, war es ein wirklich vollendetes Leben, strahlend und sinnvoll und von tiefer Bedeutung, glänzend wie eine feine Skulptur, die aus rauhem Stein gemeißelt wurde.

Charles war immer bereit, sein eigenes Geburtshoroskop zur Verfügung zu stellen, um wichtige astrologische  Punkte zu verdeutlichen. Dies geschah nie aus Eitelkeit oder zu seiner Rechtfertigung, sondern immer, um astrologisches Wissen so objektiv wie möglich weiterzugeben. Es wäre nicht angemessen, an dieser Stelle sein Horoskop zu diskutieren, obwohl zweifellos eine Reihe von Astrologen genau das tun werden, um seinen Tod zu begreifen. Es ist allerdings angemessen zu erwähnen, daß eine der großen Planetenpaarungen, die zum Zeitpunkt von Charles‘ Geburt einen neuen Zyklus begann, bei seinem Tod wieder in einen neuen Zyklus eintrat: die Konjunktion von Jupiter und Saturn im gleichen Zeichen wie in seinem Geburtshoroskop. Das ist ein Hinweis darauf, daß sich auf einer tieferen kollektiven Ebene etwas vollendet hat, und sein Leben und sein Werk sind in einen Zusammenhang mit diesem Zyklus gestellt. Es ist auch ein Hinweis, daß die Arbeit, die er für die astrologische Gemeinschaft getan hat, nun zur Blüte gelangen kann und neue Formen innerhalb des Rahmens dieses neuen Planetenzyklus annehmen kann.

Ich kann die Wirkungsweise dieser außergewöhnlichen Paarung nur so betrachten, wie Charles selbst es getan hätte: als die Reflektion einer tieferen kosmischen Ordnung und Intelligenz. Ich selbst und viele andere, die Charles sehr liebten und respektierten, werden ihn nicht nur schrecklich vermissen, sondern auch eine Zeitlang zornig sein, um seiner selbst und auch um unserer selbst willen. Aber ich teile auch seine platonische Weltsicht, und glaube nicht nur an die Unsterblichkeit der Seele, sondern auch an einen fortwährenden und unzerstörbaren Beitrag eines Lebens, das sich der Verbesserung des Lebens an sich widmet. Alles, was Charles in der Welt der Astrologie tat, reflektiert seine tiefe Liebe und Hingabe an die Astrologie selbst und spiegelt ebenso seine Liebe zu allem Guten, Wahren und Schönen und zur tieferen Einheit des Kosmos, deren Symbol für ihn die Astrologie war. Eine solche Hingabe wird ihre Spuren auch in  uns hinterlassen, und in der Astrologie kommender Generationen, die erst seine wahren Nutznießer sein werden.

Ich schließe mit den Worten des Dichters Rainer Maria Rilke:  

RÜHMEN, das ist’s! Ein zum Rühmen Bestellter,
Ging er hervor wie das Erz aus des Steins
Schweigen. Sein Herz, o vergänglicher Kelter
eines den Menschen unendlichen Weins.

Nie versagte ihm die Stimme am Staube,
wenn ihn das göttliche Beispiel ergreift.
Alles wird Weinberg, alles wird Traube,
in seinem fühlenden Süden gereift.

Nicht in den Grüften der Könige Moder
straft ihn die Rühmung Lügen, oder
daß von den Göttern ein Schatten fällt.

Er ist einer der bleibenden Boten,
der noch weit in die Türen der Toten
Schalen mit rühmlichen Früchten hält.

Liz Greene, Zürich, März 2000

Charles Harvey


Nachruf in 'The Times', London,  vom 3.3.2000

CHARLES HARVEY

Charles Harvey und das Bemühen, die Glaubwürdigkeit der Astrologie wieder herzustellen und sie von der Assoziation mit Wahrsagerei zu befreien, sind ein und dasselbe. In diesem Zusammenhang half er 1968 bei der Gründung von „Correlation“, dem weltweit einzigen Journal für wissenschaftliche Forschung in der Astrologie. 1979 setzte Charles Harvey sich für eine astrologische Forschungskonferenz ein, die sogar den Psychologen Hans Eysenck anzog, und ein großes Ereignis wurde.

Während er der Astrologie eine neue akademische Glaubwürdigkeit verschaffen und sie von ihrem Mystizismus befreien wollte, schrieb er auch populärwissenschaftliche Bücher und arbeitete eine Zeitlang als der geheimnisvolle „Prophet Old Moore“.

Er erreichte nicht die Serienstar-Berühmtheit mancher Zeitungs- und Fernsehkollegen, sondern war mehr als 27 Jahre lang ein beratendes Mitglied der Astrological Association of Great Britain. Von 1973 – 1994 war er deren Präsident und blieb auch später noch ihr Förderer. Er war maßgeblich beteiligt an der Publikation des Astrological Journals.

In allem was er tat – Organisationen leiten, Kurse durchführen und Bücher schreiben –  setzte er hohe Wertmaßstäbe. Aber meistens spielte er seine Rolle als Vermittler hinter den Kulissen. Er ermutigte Studenten, unterstützte Kollegen und brachte Spezialisten verschiedener Disziplinen zusammen, sowohl innerhalb  astrologischer Kreise als auch in Fachkreisen, die der Astrologie skeptisch gegenüberstanden.

Er war überzeugt davon, daß die Rückkehr der Astrologie in die akademische Wissenschaft nur eine Frage der Zeit sei, und sein Ziel war, die Lücke zwischen Mystizismus und Wissenschaft zu überbrücken.

Der Vater von Charles Edward William Harvey war Gelehrter und ein bekannter Mediävist, der versuchte, das Leben des 14. Jahrhunderts wieder zu erschaffen. Er war jedoch weniger begabt, Kinder zu erziehen, und obwohl der junge Charles Wettbewerbe in Englisch und Dichtung gewann und ein Stipendium für das Gymnasium erhielt, riß er mit 15 Jahren nach Irland aus und ging mit 20 Jahren nach Spanien.

Charles Harvey schrieb „Our Gang“ („Unsere Bande“), eine Erzählung über seine Kindheit (auf die bereits ein Verleger wartete). Aber die Tasche, in der sich das Manuskript und ein Astrologiebuch, das er bereits gelesen hatte, befanden, wurde in Barcelona gestohlen. Seine Erzählung wollte er nicht noch einmal schreiben, aber er dachte, daß er zumindest das Astrologiebuch ersetzen könne. Das Herumstöbern in der Astrologieabteilung einer Buchhandlung veränderte sein Leben. Fortan widmete er sich mit Hingabe den Einsichten der Astrologie, die nach seinem Gefühl der Menschheit helfen konnten.

Er sah sich selbst in Übereinstimmung mit englischen Platonikern und zitierte gerne Platons Satz, daß die „Sterne das sich bewegende Bild des ewigen Lebens“ sind. Für ihn war Astrologie in erster Linie eine philosophische Kunst, die das Band zwischen der Menschheit und dem Göttlichen wiederherstellen sollte.

Seine Verbindung mit der Astrological Association und mit John Addey (der sein Mentor wurde) begann 1963. Drei Jahre später erhielt er das Diplom der Faculty of Astrological Studies, dem wichtigsten privaten College für Astrologie. Später wurde er Vizepräsident dieses Colleges.

Er setze sich für eine gute Ausbildung professioneller Astrologen ein (einschließlich derer, die heutzutage in der Öffentlichkeit als Kolumnisten bekannt sind), und führte die Entwicklung des Urania Trust an, einer edukativen Wohlfahrtsorganisation, die bis zum vergangenen Jahr das Astrological Study Centre in London betrieb. Er war, gemeinsam mit Liz Greene, Co-Director des Centre for Psychological Astrology. Sein letzter großer Beitrag war die Erschaffung des Sophia Trusts, der sich der Aufgabe widmete, die Astrologie an den wichtigsten britischen Universitäten zu etablieren.

Als praktizierender Astrologe war er besonders bekannt für seine Arbeit in mundaner („politischer“) Astrologie und als Finanzberater, der Geschäftsleute in Großbritannien und Amerika beraten hat.

Seine Veröffentlichungen umfassen:

Mundane Astrology (1984 mit Nicholas Campion und Michael Baigent). Dieses Buch erforscht die Rolle der Astrologie bei der Analyse und Möglichkeiten der Vorhersehbarkeit in Politik, Ökonomie und dem Weltgeschehen.

Working with Astrology (1990 mit Michael Harding), ein Buch über zeitgenössische technische Methoden.

Mit seiner Frau Suzi schrieb er zwei bekannte Einführungen in die Astrologie: „Sun Sign, Moon Sign (1994) und „Principles of Astrology“ (1999).

Harvey hinterläßt seine Frau, eine Tochter und zwei Söhne.

Charles Edward William Hardey wurde am 22. Juni 1940 um 9.16 (8.16 GMT) in Fetcham, England geboren. Er starb am 22. Februar 2000, um 2.40 nachts in Bath, England mit 59 Jahren an Lymphdrüsenkrebs. 

Charles Harvey in der Astrodatabank

[Horoskopzeichnung]

(Übersetzung beider Texte: Christine Ruf und Brigitte Talke)

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