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Liz Greene und
Nick Campion kennen sich seit vielen Jahren und führten das Gespräch in einem
freundschaftlichen Rahmen. Daher haben wir uns entschlossen, die vertrautere
Du-Form auch in der Übersetzung beizubehalten. Den englischen Originaltext
können Sie in der amerikanischen Astrologie-Zeitschrift "The Mountain
Astrologer" (Feb/Mar 2002) nachlesen, die noch unter www.mountainastrologer.com zu
erwerben ist.
Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4
Nick Campion: Eines der vorrangigen Themen Deiner langjährigen Tätigkeit ist die
dynamische Vorstellung von der Astrologie als Prozess oder Reise. Als gelesen
habe, was Du über Saturn-Pluto geschrieben hast, ist mir aufgefallen, dass Du
auch hier das Konzept der Prozesshaftigkeit und das Durchleben von Wachstum und
Verfall betonst, das der linearen Zeit eigen ist. Das bestätigt sich ja immer
wieder in Natur, Gesellschaft und der menschlichen Psyche. Du sagst dort, dass
dies "esoterische Konzepte" seien.[17]
Bei anderer Gelegenheit, als ein Seminarteilnehmer Dich einmal in eine
Diskussion über Reinkarnation im Hinblick auf Saturn und Pluto verwickeln
wollte, hast Du erwidert: "Ich weiß wirklich nichts über die metaphysische
Seite all dessen."[18]
Nun frage ich Dich: Hast Du persönlich eine Metaphysik, die Deine Astrologie
beeinflusst oder eine große metaphysische Erklärung der Astrologie? Oder
interessiert es Dich einfach nicht?
Liz Greene: Es interessiert mich auf persönlicher Ebene, weil ich wissen möchte, was
zum Teufel wir hier tun. Daher ist mir die Frage sehr wichtig. Aber ich glaube
nicht, dass die Astrologie selbst etwas Metaphysisches hat. Sie hat kein
eigenes Glaubenssystem. Die Menschen bauen Glaubensgebäude um sie herum. In
gewisser Hinsicht kann man das gar nicht vermeiden, denn jeder Mensch hat seine
vorgefassten Meinungen und Vorstellungen. Es ist also unmöglich zu sagen:
"Ich gehe nicht mit meinem Glaubenssystem an die Astrologie heran."
Alles, was ich bisher gesagt habe, spiegelt mein Glaubenssystem wider. Ich kann
nicht garantieren, dass die Muster, die ich im Leben wahrnehme, auch
tatsächlich existieren. Aber ich bin ziemlich sicher, dass irgendwelche
Strukturen dieser Art da sind, denn sie wurden von genug Menschen über
Jahrtausende wahrgenommen. Was jedoch Reinkarnation, Evolution und die Frage,
wo der Geist nach dem Tod hingeht, betrifft - Haben wir Seelen? Kommen wir in
den Himmel oder die Hölle? Sollen wir als Christen oder Heiden leben? - von all
dem habe ich keine Ahnung. Ich denke nicht, dass die Antworten auf diese Fragen
für die Astrologie relevant sind. Astrologie ist lediglich eine Ansammlung von
Symbolen, die Strukturen beschreiben. Wir können diesen Mustern natürlich eine
spirituelle, religiöse oder metaphysische Ordnung überstülpen, kein Problem.
Aber es ist eine persönliche Zuordnung, und nichts, was der Astrologie eigen
ist.
Nick Campion: Würdest Du sagen, dass die Astrologie selbst ein Glaubenssystem ist?
Liz Greene: Nein, überhaupt nicht, nicht mehr als irgendein Symbol ein Glaubenssystem
ist. Ich weiß nicht, was Symbole sind, außer dass sie organisch wachsen, als
Gefäße für eine Vielzahl sich widersprechender und komplexer Muster, die
irgendwie miteinander zusammenhängen. Wir schaffen sie nicht, und mit
Sicherheit glauben wir auch nicht an sie. Sie sind einfach da. Wir nehmen sie
wahr, bemerken sie und stellen Verbindungen zwischen ihnen her. An Astrologie
zu "glauben" macht für mich keinen Sinn. Es ist Unsinn zu sagen,
"Ich glaube daran," denn Glaube ist etwas, das man tut, wenn man mit
einer Sache keine unmittelbare Erfahrung hat. Um festzustellen, ob die Astrologie
relevant ist oder Bedeutung vermittelt, benötigt man eine Menge Erfahrung und
aktive Arbeit. Es ist so ähnlich als ob man fragen würde: "Glaubst Du an
Dein Auto?" Nein, ich fahre es einfach. Ich habe keine Ahnung, wie es
funktioniert, aber es fährt. Das reicht mir. Leute, die sagen, dass sie an die
Astrologie glauben, benutzen entweder das falsche Wort oder sie wissen nicht,
wovon sie reden. Man kann an Gott glauben oder an die Reinkarnation, weil wir
keine direkte Erfahrung dieser Dinge haben. Es gibt Menschen, die sagen, dass
sie um die Existenz Gottes wissen, und dass es keine Glaubenssache sei. Gut,
ich kann dem nicht widersprechen. Vielleicht wissen sie es. Manche sagen, sie
wissen, dass es Reinkarnation gibt, weil sie sich daran erinnern, wie sie im
16. Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Nun, ich habe nicht
das Recht zu sagen, dass sie Idioten sind oder sich das nur einbilden - oder
dass sie sich eine zutiefst relevante Symbolik zusammenphantasieren. Ich weiß
es einfach nicht. Und weil ich es nicht weiß, halte ich es nicht für
angemessen, es in eine Horoskopdeutung mit einem Klienten einzubringen.
Nick Campion: Wo Du gerade von Klienten sprichst: hast eine ungefähre Vorstellung davon
bekommen, was sie von der Astrologie erwarten? Manchmal werden Leute
kritisiert, die zu Astrologen gehen, weil sie nach dem Sinn suchen - als ob das
etwas Schlimmes sei - oder weil sie auf der Suche nach Sicherheit sind.
Liz Greene: Es gibt mindestens so viele Gründe zum Astrologen zu gehen wie Menschen,
die das tun. Ich denke, Skepsis und Glaube sind zwei Seiten einer Medaille. Die
Skepsis, die einen sagen lässt, "Menschen, die zu Astrologen gehen, sind
nur unsicher," ist das Ergebnis einer irreführenden Verallgemeinerung. Man
muss jedes Individuum für sich betrachten. Seit wie vielen Jahren arbeite ich
nun mit Klienten? Wenn ich mit neunzehn angefangen habe, sind es 36 Jahre. Ich
kann nicht behaupten, dass all die Menschen, die ich während dieser Zeit
getroffen habe, das Gleiche suchen, oder etwas Bestimmtes wollen. Man kann sie
in grobe Gruppen einteilen. Manche Leute kommen aus rein pragmatischen Gründen.
Sie gehen davon aus, dass ihnen der Astrologe nützen kann und eine
Horoskopbesprechung ihnen hilft, eine praktische Entscheidung zu treffen. Sie
kümmern sich nicht darum, warum es funktioniert. Andere kommen, um
psychologische Einsichten zu gewinnen. Manche kommen, weil sie in ihrer
Beziehung in der Klemme sitzen. Manche kommen, weil es ihnen wirklich schlecht
geht und sie in einer tiefen Depression stecken, oder sie sind am Rande des
Zusammenbruchs, und hoffen, dass sie irgend eine Erkenntnis gewinnen können.
Manche suchen einen Sinn. Manche wollen etwas über ihre spirituelle Entwicklung
wissen. Was auch immer! Daher glaube ich nicht, dass sie sich in bestimmte
Kategorien einteilen lassen. Und die meisten von ihnen "glauben"
nicht daran. Sie interessieren sich nur dafür, ob die Astrologie ihnen helfen
kann. Und das ist nicht dasselbe.
Nick Campion: Haben Deine Klienten einen nennenswerten gemeinsamen wirtschaftlichen
oder gesellschaftlichen Hintergrund? Ich denke da etwa an Anschuldigungen, dass
Menschen, die zu Astrologen gehen, am Rande der Gesellschaft leben.
Liz Greene: Nein, da gibt es kein Muster. Als ich angefangen habe, Horoskope zu
interpretieren, war mein Wirkungskreis begrenzt, aufgrund der Szene, in der ich
mich in den 60er Jahren bewegt habe. Da gab es sicher einen "Typ" von
Klienten. Meine Klienten kamen hauptsächlich aus der New Age Hippie-Welt und
aus dem Musik- und Theatergeschäft. Schon immer haben sich Menschen aus allen
Gesellschaftsschichten für die Astrologie interessiert, und es gibt nicht einen
einzelnen Typ Mensch, den ich in den letzten 20 Jahren beraten habe. Egal,
welche Arten von Klienten kamen und welchen Grund sie für die Beratung hatten,
sie wollten letztendlich ihr Horoskop kennen lernen.
Nick Campion: Stellen Frauen nicht den Großteil der Interessierten dar? Wo ich auch
hingehe, dominiert das weibliche Geschlecht in der Astrologie.
Liz Greene: Das war früher der Fall, aber ich bekomme zunehmend auch männliche
Klienten. Interessanterweise ist die Anzahl der Männer deutlich gestiegen seit
ich in die Schweiz gezogen bin. Das ist mir auch bei meinen Seminaren in Zürich
aufgefallen, an denen wesentlich mehr Männer teilnehmen als an meinen Londoner
Seminaren.
Nick Campion: Das überrascht mich, denn in Großbritannien und den USA bin ich eine
überwältigende Mehrheit von Frauen in der Astrologie gewöhnt.
Liz Greene: Ich denke, das ist kulturell bedingt. Ich würde nicht sagen, dass mehr
Männer als Frauen unter meinen Schweizer Studenten sind, aber in manchen
Seminaren sind es sicher vierzig bis fünfzig Prozent. Es kommt auf das Thema
an. Wenn ich ein Seminar über Mond oder Venus halte, kommen mehr Frauen. Aber
im Allgemeinen wird die Astrologie in der Schweiz anders wahrgenommen. Da
kommen sogar Leute aus der Schweizer Regierung, die an meinen Seminaren
teilnehmen, oder Biologen und Mathematiker - Männer, die kein Problem damit
haben, in einem Astrologieseminar gesehen zu werden.
Nick Campion: Gilt das speziell für Dich, weil Du als Jungianerin bekannt bist, und
Jung ein Mann und Schweizer war?
Liz Greene: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, das liegt an der Kultur. Da stimmt
etwas nicht mit der Art, wie die britische Gesellschaft an die Astrologie
herangeht. Die Briten leiden an Hyper-Rationalität, und sie haben große Angst
vor dem Irrationalen. Deswegen prügeln sie auf Freud, auf Jung, auf die
Psychoanalyse, und auf die Astrologie ein. Es ist ein Problem dieser Gesellschaft.
Das ändert sich langsam, aber ich glaube, dass es sich in anderen europäischen
Ländern schneller ändert.
Nick Campion: Ich nehme an, Du meinst das Wort "irrational" positiv.
Liz Greene: Ja,
"irrational" heißt nicht "verrückt".
Nick Campion: Aber sehr oft
heißt es verrückt.
Liz Greene: Ja, in
Großbritannien!
Nick Campion: Du hast eben gesagt, dass Glaube und Skepsis zwei Seiten einer Medaille
seien. Das hat mich an ein Gespräch mit Alexander Ruperti auf einer Konferenz
der britischen "Astrological Association" um 1985 erinnert. Er war
ein Anhänger Alice Baileys, außerordentlich philosophisch und von der
Theosophie beeinflusst. Er äußerte sich sehr kritisch über Jung'sche und
psychologische Astrologen. Er meinte, "Sie wissen gar nicht, womit sie es zu
tun haben; sie psychologisieren alles." Da habe ich erkannt, dass die
theosophischen Astrologen, die die Entwicklung der modernen psychologischen
Astrologie im frühen 20. Jahrhundert angestoßen haben, eine spirituelle
Metaphysik hatten, die integraler Bestandteil ihrer Astrologie war; und diese
hatte Ruperti akzeptiert. Aber der psychologische Ansatz der Astrologie kann
wirklich zutiefst skeptisch sein, denn er würde behaupten, dass der Glaube
(theosophischer Astrologen) an Erzengel und aufgestiegene Meister, nicht mehr
sei als eine psychologische Projektion.
Liz Greene: Das könnte sein. Aber die Dinge psychologisch zu betrachten, heißt nicht,
dass übersinnliche Erfahrungen unbedingt die Sublimation von etwas Krankhaftem
sein müssen. Metaphysischer Glaube kann vollkommen angemessen auf einer eigenen
Ebene existieren. Die Astrologie psychologisch zu betrachten, bedeutet
lediglich, dass übersinnliche Erfahrungen, welcher Art sie auch sein mögen,
immer von einem Menschen berichtet werden. Was immer da berichtet wird - die
Psychologie kann sich kein Urteil über die Wahrheit oder Unwahrheit dessen
erlauben. Aber die Menschen übertragen ihre psychologischen Prozesse auf das,
was sie wahrnehmen. Wenn also ein gläubiger Katholik eine mystische Erfahrung
hat, sagt er vielleicht: "Ich habe die Jungfrau Maria gesehen",
während ein australischer Ureinwohner sagen wird: "Ich bin eins mit der
Erde gewesen", und ein Hindu erfährt Erleuchtung durch Krishna. Die
Menschen erschaffen ihre eigene Brille, durch die sie diese Erfahrungen
betrachten. Die Psychologie kann nur sagen: "Nun gut, es ist etwas sehr
Außergewöhnliches geschehen, aber wir wissen nicht, ob es wirklich Engel sind
oder nicht." Ich persönlich habe nicht das Recht zu sagen, ob es Engel
gibt oder nicht. Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Aber ich interessiere mich
für die Person, die zu mir kommt und mir erzählt, sie habe Engel gesehen, denn
es bringt sofort das Individuum und seine Psyche ins Spiel. Und es ist sicher
nicht schlecht, zu wissen, was für eine Art Mensch man ist, bevor man annimmt,
dass alles, was der Engel einem gesagt hat, die Wahrheit ist. Auf diese Weise
hat man wenigstens noch ein wenig Luft zum Atmen und kann die Dinge
einigermaßen steuern.
Nick Campion: In "Neptun" schreibst Du, dass "die Psychologie selbst
natürlich auch nur eine weitere, subtilere Art einer religiösen Kosmologie sein
könnte, wie die Anti-Therapie-Lobby behauptet. Die Kluft zwischen dem
wissenschaftlichen Gebäude der Psychoanalyse und den gechannelten esoterischen
Lehren von Alice Bailey ist nicht so groß wie man sich vielleicht vorstellen
könnte."[19] Abgesehen
davon, dass das ziemlich skeptisch klingt - mir gefällt die Vorstellung von der
Psychologie als einer religiösen Kosmologie.
Liz Greene: Ich denke, das trifft insofern auf psychologische Schulen zu, als sie
dazu tendieren, ihre Lehren zu dogmatischen Weltanschauungen zu machen. Jede
psychologische Schule - mit ihrer Sprache, ihren Hierarchien, Gedankengebäuden,
Vorstellungen davon, was in uns liegt und wohin wir gehen - erstarrt genauso
wie jede religiöse oder spirituelle Gruppe erstarrt. Die Terminologie hält uns
gefangen. Wenn man ein ausgebildeter Freudianer ist, kann es passieren, dass
man den Ödipus-Komplex als Tatsache darstellt, wenn man nicht auf der Hut ist.
Das Konzept wird zur Schablone, durch die man das Verhalten anderer Menschen
definiert. Aber es ist nicht "wirklicher" als die Planeten in der
Astrologie. Wenn man Jungianer ist (und ich habe Jungianer erlebt, die das
getan haben), redet man vielleicht über Jung'sche Modelle als ob sie wirklich
existierten. Während meiner Ausbildung haben sie das die ganze Zeit getan. Da
konnte jemand sagen: "Oh, ich hatte eine Anima-Erfahrung", nur weil
er verliebt war und eine heimliche Affäre hatte. Das Ereignis wurde damit definiert,
als ob die Anima etwas Wirkliches sei, als sei sie ein fester Punkt auf einem
objektiven Kompass. Aber das ist sie nicht. Es ist also die Terminologie der
Psychologie, die sie zum religiösen System macht, genau so wie die religiöse
Terminologie die Religion zum System macht. Menschen machen den Fehler, die
Sprache zu benutzen als ob sie selbst die Realität sei, während sie doch
eigentlich nur die Sprache ist. Die Sache, die sie beschreibt bleibt dieselbe,
egal welche Sprache man dazu benutzt. Sie wird nicht mehr oder weniger
wirklich, je nachdem mit welchen Worten man sie beschreibt.
Nick Campion: Denkst Du, dass Jung selbst die Anima als etwas Reales und Konkretes
verstanden hat?
Liz Greene: Das weiß ich nicht. Ich nehme es nicht an. Jung war knifflig. Aber ich
glaube, dass er sie aus demselben Grund als ein System vorgestellt hat, aus dem
auch andere Psychologen ihre Systeme vorstellen. Bitte verstehe mich nicht
falsch: Ich meine nicht, dass Sprache an sich schlecht ist, und dass die
Sprachen der Psychologie oder der Astrologie nicht benutzt werden sollten. Ich
glaube das ganz und gar nicht. Aber wenn man sie zu wörtlich nimmt, erstarren
sie.
Nick Campion: In den vergangenen fünfzehn Jahren hat es in der Astrologie eine Bewegung
zurück zu einer wörtlicher verstandenen Astrologie gegeben. Die ganze so
genannte traditionelle Renaissance der Astrologie kann einerseits Wissen
zugänglich machen, aber auch all denjenigen Astrologen einen sicheren Hafen
bieten, die Gewissheiten suchen.
Liz Greene: Nun, das Gleiche ist mit der Religion passiert. Wir haben alle Angst.
Immer wenn wir Chaos riechen oder spüren, dass etwas zusammenbricht und sich in
einer Geschwindigkeit verändert, die wir nicht mehr kontrollieren können, setzt
auf kollektiver Ebene Panik ein. Dann gibt es natürlich starke Bewegungen, die
nach Strukturen suchen, die uns halten. Das betrifft die Astrologie genau so
wie andere Lebensbereiche. Und das ist auch nicht unbedingt schlecht, denn
Angst ist Angst, und Sicherheit ist in solchen Zeiten etwas sehr Verlockendes.
Aber es ist dennoch empfehlenswert, die Dinge mit einer gewissen ironischen
Distanz zu betrachten - auch wenn man einen buchstabengetreueren Ansatz braucht
- und zu verstehen, warum zu dieser Zeit so ein starkes Bedürfnis danach besteht.
Nick Campion: Vielleicht ist ganz gut, sich den Sinn für Ironie zu bewahren. In
"The Outer Planets and Their Cycles" benutzt Du den Begriff
"Enantiodromia" im Zusammenhang mit der Geschichte Israels.[20]
Du meinst damit eine Art kosmischer Ironie, mit der die Ereignisse einen Lauf
nehmen, der nicht beabsichtigt war. Verbindest Du das mit dem Konzept des
Schattens?
Liz Greene: Enantiodromia erscheint, wenn eine Haltung sich ins Extrem steigert. Es
besteht dann die Tendenz, die Dinge genau in ihr Gegenteil umzukehren, und sich
genau so zu verhalten, wie das, wovor man davonläuft. Das hat nicht nur mit dem
Schatten zu tun. Es passiert Folgendes: Wenn man sich sehr bemüht, all das
auszusperren, wovor man Angst hat, oder wenn man sich nicht stark genug fühlt,
um mit den Dingen umzugehen, dann zieht man sich ganz auf eine Seite zurück. Je
weiter man in diese Richtung geht, desto extremer wird man, und desto mehr
verliert man den Platz in der Mitte, wo sich die Gegensätze eigentlich
vereinigen sollten. Es ist schon seltsam, wie das funktioniert. Man nimmt dann
das Gesicht des Gegners an und beginnt sich genau gleich wie dieser zu
verhalten, während man ihm die ganze Zeit genau das vorwirft, was man selbst
tut. Man macht genau dasselbe wie er. Die Themen und Vorstellungen polarisieren
sich zwischen zwei Lagern oder zwei Menschen oder zwei Gruppen oder zwei
Kollektiven, die jedoch heimlich sehr viel gemeinsam haben. Doch keiner von
beiden kann es aushalten, in der Mitte zu bleiben und mit der Gemeinsamkeit zu
leben.
Nick Campion: Im Hinblick auf das, was Du gerade über die Notwendigkeit gesagt hast,
einen Schritt von den eigenen Vorstellungen zurück zu treten und die eigenen
Annahmen in Frage zu stellen, fällt mir etwas ein, das mir sehr am "Center
for Psychological Astrology" gefällt: es gibt dort keinen festen Lehrplan.
Der Lehrplan ist in ständiger Evolution begriffen, ein bisschen wie Trotzkis
oder Maos permanente Revolution! Wenn Du jemanden entdeckst, der etwas
Interessantes zu bieten hat, lässt Du ihn ein Seminar halten. Wie steht es um
das "Centre for Psychological Astrology" im Moment?
Liz Greene: Es läuft gut. Wie Du sagst, es ist in ständiger Metamorphose, aber ohne
dabei einer auferlegten Struktur zu folgen.
Nick Campion: Dem, was Du vorher gesagt hast, entnehme ich, dass die Schweizer Seminare
besonders beliebt sind.
Liz Greene: Ich genieße die Seminare in Zürich, einfach weil es ganz andere Leute
sind. Ich lerne andere Dinge von den Menschen dort. Aber die Schule hatte schon
immer eine Art organisches, merkuriales Wesen. Sie hat eine Zwillings-Sonne und
die merkurische Tendenz, innerhalb einer sehr lockeren Struktur immer in
Bewegung zu sein.[21] Ich hatte
nie einen großen Plan für sie oder eine feste Vorstellung, wie sie sein sollte.
Sie scheint zu dem geworden zu sein, was sie ist, durch eine Vielzahl von
Menschen mit kreativen Ideen, durch das, was die Studenten wollen und durch
Astrologen, die aufgetaucht sind, die sich sehr gut als Lehrer eigneten. Das
Einzige, was mir immer wichtig war, war zum Einen, dass die Schule klein
bleiben sollte - was sie immer getan hat - ohne den Ehrgeiz, riesig und
bürokratisch schwerfällig zu werden, denn darin liegt nicht nur Wahnsinn,
sondern auch Kraftlosigkeit. Und das Zweite ist, dass nicht nach einem einzigen
Ansatz unterrichtet wird, außer dem, dass die menschliche Psyche im Mittelpunkt
der Astrologie steht und nicht die Planeten, die etwas mit den Menschen tun.
Nick Campion: Du sagtest, die Schule hat die Sonne in Zwilling. Ich habe gar nicht
gewusst, dass es einen genauen Gründungszeitpunkt gab. Ich wusste nur von der
Umwandlung des "Centre for Transpersonal Psychology" ins "Centre
for Transpersonal Astrology".
Liz Greene: Das "Centre for Transpersonal Psychology" war die Organisation
von Ian Gordon-Brown und Barbara Somers. Als wir den Astrologieseminaren zuerst
einen losen Oberbegriff gegeben haben, nannten wir sie "Centre for
Transpersonal Astrology", weil dahinter die Idee stand, psychologische und
astrologische Lehren miteinander zu verknüpfen. Doch dann hat das Wort
"transpersonal" angefangen, mich zu stören, weil es implizierte, dass
die Seminare nur spirituell sein konnten. 1983 nannten wir es dann
"psychological". Das Horoskop bezieht sich auf den Moment als wir den
offiziellen Namen des Unternehmens registrieren ließen. Es ist eigentlich kein
Unternehmen, aber wir haben den Namen registrieren lassen. Das Horoskop scheint
auf Transite und Progressionen zu reagieren. Es ist ein Kind der Saturn-Pluto
Konjunktion in Waage von 1983.
Nick Campion: Impliziert das Wort "transpersonal" Deiner Meinung nach
wirklich "spirituell"?
Liz Greene: Nicht in meiner eigenen Vorstellung, aber in den Köpfen vieler anderer
Leute. Trans- bedeutet einfach "jenseits", aber es wird oft auch als
"höher" verstanden. Das Wort selbst stört mich nicht, aber wie es
wahrgenommen wird, gefällt mir nicht. Mir war etwas Neutraleres lieber.
Nick Campion: Wenn ich an Dich als Lehrende denke, frage ich mich, welche Astrologen
Dich beeinflusst haben. Anfangs hast Du wohl von Isabel Hickey gelernt?
Liz Greene: Nur sehr kurz. Ich habe eigentlich nicht wirklich bei ihr gelernt. Ich
glaube, ich habe an zwei ihrer Seminare teilgenommen. Ich kann sie also nicht
gerade als Quelle meiner astrologischen Kenntnisse betrachten.
Nick Campion: Kannst Du ein paar andere Namen nennen? Hast Du Alan Leo oder Dane
Rudhyar gelesen?
Liz Greene: Ich habe alle gelesen. Ich habe immer alles gelesen, was ich in die
Finger bekam. Also, ja, ich habe Leo gelesen und Charles Carter und Dane
Rudhyar. Ich lese immer noch so viel ich kann. Ich fand sie alle sehr wertvoll.
Aber die wirkliche Inspiration lag immer außerhalb der Astrologie. Meine
Hauptquellen der Inspiration kamen entweder aus der Psychologie - Jung und
Freud - oder von anderen symbolischen Systemen wie Alchimie und Tarot, oder von
der Literatur, Poesie, Theater, der Oper oder Shakespeare.
Nick Campion: Und Joseph Campbell?
Liz Greene: Ja, zu einem gewissen Grad auch Joseph Campbell. Auch die
Schriftstellerin Mary Renault hat mich beeinflusst. Sie hat viel mit Mythen
gearbeitet und diese in ihre Romane eingeflochten. W.B. Yeats hat enormen
Einfluss auf mich gehabt, obwohl ich nicht so genau erklären kann, warum.
Thomas Mann hat mich beeinflusst. Die Arthus-Sagen haben mich beeinflusst, und
Plato, die Neuplatoniker und Marsilio Ficino. Ich kann nicht sagen, dass ich
"meine Astrologie von Soundso gelernt" habe. Ich habe viel von
Rudhyar und Leo gelernt. Ich bin wie eine Elster. Ich finde jeden nützlich, der
etwas Lohnendes zu sagen hat. Ich hoffe, dass ich fair bin und sie genug
würdige, wenn ich Bücher schreibe. Ich zitiere jedenfalls immer meine Quellen.
Aber meine wirkliche Inspiration ist schon immer aus der Literatur und der
Psychologie gekommen, weniger aus astrologischen Kreisen.
Nick Campion: Was liest Du
gerade?
Liz Greene: Ich lese eine Biographie des französischen Dichters Arthur Rimbaud. Er
ist einer meiner Lieblingsdichter, und vor ein paar Wochen ist eine neue
Biographie herausgekommen.
Nick Campion: Er explodierte mit einem kurzen, plutonischen Knall als betrunkener,
lüsterner, wilder, lästerlicher jugendlicher Dichter in Paris, und verschwand
dann nach Afrika.
Liz Greene: Ja. Aber seine Gedichte sind mir wichtig, nicht, wie er sich verhalten
hat. Mich interessiert seine Poesie und die Bilder, die er benutzt. Sein Umgang
mit Symbolen ist faszinierend und durchdringend.
Nick Campion: Das weite Feld der Künste wird von Astrologen oft ignoriert - besonders
die bildenden Künste. Diese Werke wurden von Menschen geschaffen, die von
derselben Denkweise beeinflusst wurden, wie die Astrologen.
Liz Greene: Meine Lieblingsmaler, Moreau und Redon, waren durchdrungen von
Astrologie, Mythologie und hermetischem Gedankengut, und ihre Bilder sind
wunderbar. Wie Du sagst, die Astrologen nutzen die Querverbindungen zu den
Künsten nicht genug, nicht einmal, wenn sie ein und dieselben Dinge
beschreiben.
Nick Campion: Die Astrologie drückt Symbole notwendigerweise mit Worten aus, die
bildenden Künste müssen das nicht. Sie können einfach bei Bildern bleiben.
Liz Greene: Viele Klienten haben aber keinen Zugang zu den Worten. Viele können mit
intellektuellen Erklärungen eines Planeten nichts anfangen. Wenn ich ihnen ein
Bild zeige oder eine Geschichte erzähle oder einige Zeilen aus einem Roman oder
Gedicht vorlese, kann es sein, dass der Funke überspringt. Dagegen kommt alles
Dozieren der Welt nicht an. Die Künste sind also von großem Wert, nicht nur für ein besseres Verständnis unserer
Selbst, sondern auch für die Arbeit mit Klienten.
Nick Campion: Das erinnert mich an den alten Zen-Trick, bei dem der Meister den Schüler
zwingt, nicht alles mit dem Intellekt erfassen zu wollen, damit er merkt, dass
Worte allein nicht alles ausdrücken können. Schreibst Du gerade etwas?
Liz Greene: Ich habe drei Projekte, jeweils in unterschiedlichen Stadien. Es gibt ja
immer neue CPA Bände, und im Moment arbeite ich an einem Band über Mars, der
Seminare von mir, Lynn Bell, Darby Costello und Melanie Reinhart enthält. Er
heißt das Mars-Quartett.[22]
Außerdem habe ich ein weiteres Buch mit Juliet Sharman über die Ursprünge der
Tarot-Symbolik in Vorbereitung. Und dann gibt es noch ein Projekt mit meinem
Bruder Richard Leigh, das sich auch mit Deinem Thema - Astrologie der
Jahrtausende - beschäftigt. Dafür werde ich mich stark auf Dein Buch, "The
Great Year", stützen, das ich als sehr wertvoll empfunden habe.[23]
Nick Campion: Du musst inzwischen um die 15 Bücher veröffentlicht haben.
Liz Greene: Vielleicht auch 20, denn die CPA Bände erhöhen die Zahl automatisch, ohne
dass ich viel davon merke.
Nick Campion: Ich freue mich schon auf Dein nächstes Buch! Liz, vielen Dank für das
Interview.
Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4
Nick Campion
ist der ehemalige Vorsitzende der "Astrological Association of Great
Britain". Er beschäftigt sich seit den frühen 70er Jahren mit Astrologie und
unterrichtet seit 1980 - am "Camden Institute" in London, an der
"Faculty of Astrological Studies" und seit neuestem auch am
"Kepler College" in Seattle. Er hat kürzlich am "Study of
Religions Department" des Bath Spa University College in England graduiert.
Nick Campion hat 1992 den Marc Edmund Jones Preis erhalten, 1994 den Prix
Georges Antares und 1999 den Spica Award for Professional Excellence. Er hat
unter anderem "Mundane Astrology" und "The Book of World
Horoscopes" veröffentlicht. Mehr Informationen über diese Bücher finden
Sie auf seiner Website www.nickcampion.com
[17]
Liz Greene, Saturn, München, Hugendubel, 1999.
[18]
Liz Greene, The Outer Planets and their Cycles, Reno, NV: CRCS,
1983, S. 50.
[19] Liz Greene, Neptun und die Sehnsucht nach
Erlösung. Neuauflage Chiron Verlag, Tübingen, Herbst 2002.
[20]
Liz Greene, The Outer Planets and their Cycles, Reno, NV: CRCS,
1983, p. 51., Kosmos und Seele, S.
277.
[22] Das Buch ist schon erschienen und kann in
englischer Sprache unter www.midheavenbooks.com
als Band 18 der CPA Press erworben werden.
[23]
Nicolas Campion, The Great Year: Astrology, Millenarianism, and
History in the Western Tradition, London: Penguin Arkana, 1994.
Übersetzt von
Karin Hoffmann
© 2002
Astrodienst AG - alle Rechte vorbehalten
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