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Astrologie kennt keine geschlechtsspezifischen Vorlieben

Erin Sullivan über Geschlecht, Identität und sexuelle Orientierung im Horoskop

Erin Sullivan plädierte schon früh dafür, Vorstellungen, die wir von Geschlechtern haben, aus dem Horoskop herauszuhalten. Sie empfiehlt, dass wir, die wir in der Tradition westlicher Astrologie stehen, unserer kollektiven Psyche mehr Differenzierungsvermögen erlauben und anerkennen, dass es mehr Gestaltungsmöglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen gibt als das Modell "heterosexueller Mann liebt heterosexuelle Frau". Meridian wollte wissen, wie genau sie das meint, und wir haben Erin Sullivan um ein Interview gebeten. Dieses fand zeitgleich statt mit dem Moment, in dem Angela Merkel bei einem lockeren Talk auf dem Podium der Frauenzeitschrift "Brigitte" nicht mehr auf ein Nein der CDU zur Ehe für alle beharrte und somit kurz vor der Bundestagsabstimmung über die Ehe für alle. Die Zeitqualität spülte das Thema offenbar an die Oberfläche. Das Interview führte Holger A. L. Faß.

Meridian: Ich bin ein Mann. Wenn ich zu Dir in die astrologische Beratung komme, berücksichtigst Du das? Oder ist mein Geschlecht für die Beratung irrelevant?

Erin Sullivan: Jeder Klient, egal ob Mann oder Frau und unabhängig von der sexuellen Orientierung und Identifikation, braucht das gleiche Verständnis von mir über sein/ihr inneres Leben, Muster, Gewohnheiten, Beziehungserfahrung und mehr – das Horoskop selbst hat kein Geschlecht. Es zeigt charakteristische Aspekte eines Individuums, die als feminin oder maskulin eingestuft werden können, aber sowohl Männer als auch Frauen haben diese Faktoren.

Zugleich ist die Tatsache, dass mein Klient Mann, Frau, Transgender (1) oder jemand anderes ist, für die Konsultation relevant. Erst dann nimmt das Horoskop das Leben des Individuums an, wird eine echte Karte für ihre einzigartige Persönlichkeit einschließlich aller Aspekte seines Körpers, Geistes und der Seele.

Muss man dafür nach bestimmten Faktoren zur sexuellen Orientierung im Horoskop suchen?

Es gibt so einen Trend, ein Horoskop nach Hinweisen zu durchforsten, die angeblich anzeigen, dass jemand anders als heterosexuell ist. Ich denke, dass das unproduktiv ist. Es gibt so viele Möglichkeiten, homosexuell zu sein, wie es Menschen in der Welt gibt. Alle Männer und Frauen haben eine maskuline/feminine Polarität in ihren Psychen sowie in ihren Genen.

Was bedeutet das für die astrologische Praxis? Können wir alles beim Alten belassen oder müssen wir mit dem Wissen um die Vielfalt sexueller Identitäten neu an Radices herangehen?

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Astrologie, wie ich sie in der westlichen Tradition praktiziere, nicht im Sinne des Geschlechts neu bewertet werden muss. Astrologie ist Jahrtausende alt. Der Geist der Astrologie stammt aus der babylonischen, akkadischen, sumerischen Zeit in Mesopotamien. Die Namensgebung der Planeten und die Beziehung zu den gleichnamigen Göttern war und bleibt genau so, wie es all jene Jahrtausende war!

Wenn wir uns ein zeitgenössisches Horoskop anschauen, schauen wir nicht nur auf das Jetzt, sondern auf einen zeitlosen Inhalt von Symbolen, Mythos, intellektueller Raffinesse und Evolution. Die Frage des Genderismus (2) im Horoskop ist relativ modern. Wir verschieben, ändern und entwickeln die Dinge neu, um ein offenes Denken in diesen Bereichen zu integrieren. Aber noch sind wir am Anfang, wenn es überhaupt etwas zu verschieben gibt.

Wo könnte eine Neubewertung notwendig sein?

Zum Beispiel bei Intersexuellen. Das sind Menschen, die sowohl äußere als auch innere Genitalien, also Hoden und Eierstöcke haben. Der ältere Begriff für diesen Zustand ist Hermaphroditismus. Das könnte ein legitimes Gebiet für ein ernstes Studium sein.

Oder denke an die Kastraten. Es gab eine Zeit, da war es üblich, musisch talentierte Jungs vor der Pubertät zu kastrieren, damit sie ihre engelhafte Singstimme behalten.
Es gibt eine reichhaltige Geschichte alter Mythologien aller Kulturen, die beschreiben, dass Geschlechtlichkeit veränderbar und amorph ist.
In der griechischen Mythologie war Hermaphroditos der Sohn von Hermes und Aphrodite. Als er das Alter von 15 Jahren erreichte, traf er die Nymphe Salmakis, die von dem Verlangen nach dem Jungen überwältigt wurde. Doch sie wurde von ihm abgelehnt. Irgendwann zog Hermaphroditos sich aus und badete in einer Quelle. Salmakis tauchte plötzlich auf und wickelte sich um ihn. Während er versuchte, ihr zu entgehen, bat sie die Götter, für immer mit dem schönen Jüngling vereint zu sein, und die Götter erhörten ihren Wunsch. Infolgedessen wurden ihre Körper in einem verschmolzen und dieser hatte beide Geschlechter.

Zwar hat sich Astrologie seit der mesopotamischen und ursprünglich mythischen Zeit in evolutionärer Weise verwandelt, doch es ist ganz erstaunlich, dass die Interpretationen der Natur ihrer Götter bis heute überlebt haben; mit zeitgenössischen Kleidern, wenn du willst. Die Götter, die der Namensgebung der Planeten zugrunde liegen, sind kein Zufall, sondern eine Synchronizität mit der Zeit und Kultur.

Woran machst du das fest?

In den letzten Jahren höre und lese ich solche Dinge wie: "Wenn Sie Venus im harten Aspekt zu Uranus, Pluto oder Neptun haben, dann sind Sie lesbisch oder schwul oder haben Perversionen und seltsame sexuelle Bedürfnisse et cetera!" Erstens ist Homosexualität keine Perversion. Und auch unter Heterosexuellen gibt es Menschen, die sich moralisch und sexuell gefährlich verdreht haben, wie wir nur zu gut wissen. Das gab es immer und wird es wahrscheinlich immer geben. Das hypothetische Aspektbeispiel, das ich hier verwende, ist nicht geschlechtsspezifisch.

Ein weiteres Beispiel ist die Konjunktion von Uranus und Pluto Mitte der 1960er. Dies ist ein Generationenaspekt, und wenn es einen persönlichen Planeten gibt, der mit dieser Konjunktion eng verknüpft ist, dann sehen wir, wie die Person durch die generationsbedingte Forderung nach radikalen und unorthodoxen gesellschaftlichen Veränderungen sich ihren eigenen Weg erarbeitet. Es wäre absurd zu sagen, dass alle 1965 bis 1967 Geborenen, von denen viele einen persönlichen Planeten im Aspekt dazu haben, moralisch pervertiert und sexuell abweichend sind. Gesellschaftlich gab es durch diese Konjunktion radikale, globale Durchbrüche z. B. im Bereich sexueller Freiheit, Geschlechtsidentität, Frauenrechte, Rassenfragen und so weiter. Eine Person, die diesen Aspekt hat, würde ich darauf hinweisen, dass seine oder ihre Beziehungen Tiefe, Power und Originalität brauchen. Oder sie oder er fühlt sich angezogen von gefährlichen Begegnungen. Ich würde vorschlagen, dies zu explorieren, das zu erforschen, damit zu experimentieren. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun! Wenn der hypothetische Klient mir sagt, dass er schwul ist oder intersexisch geboren wurde oder sonst etwas, dann, und nur dann, wenden wir uns den Fragen aus dieser Perspektive zu. Wenn die Person beispielsweise Rituale beim Sex als sexuelle Erfahrung braucht, dann ist das Sache der Person, nicht der Astrologie. Aber Astrologie kann einer Person, die über ihr Privatleben besorgt ist, helfen, sich bezüglich der eigenen Orientierung und Sexualität besser zu akzeptieren. Tatsächlich haben meine schwulen Klienten keine Probleme mit ihrer Orientierung, aber oft benennen sie Probleme mit der Akzeptanz ihrer Familie, ihrer kulturellen Entfremdung, ihrer eigenen Unwilligkeit, das stereotypische "Gay-Label" (3) zu akzeptieren, und so weiter.

Zurück zur Uranus-Pluto-Konjunktion der 60er-Jahre: Wir befinden uns derzeit an einem kritischen Punkt: Das, was damals gesät wurde, steht jetzt gespannt zueinander; Uranus und Pluto haben ein Quadrats zueinander erreicht. Da kann viel passieren. So öffnen sich bislang verschlossene Türen – und zwar nicht nur die bezüglich der Genderflexibilität, sondern es ist auch eine Zeit, Moral, Ethik, Integrität, Prinzipien und Werte und deren Konsequenzen zu hinterfragen! Aktuell geht es um die Befreiung von Standards, die konventionelle Konstrukte sind – und in der Tat erleben wir eine deutliche Normen-Verwirrung.

Du kennst sehr gut die Astrologieszene in Kanada, USA und Großbritannien. Welche Rolle spielt in diesen Ländern Queer-Astrologie?

Ich fühle mich mit der Verwendung des Begriffs Queer-Astrologie etwas unwohl. Nicht wegen der Queerness, aber weil es die Astrologie auf eine Typologie begrenzt, und Astrologie ist unbegrenzt. Es beschränkt auch die individuelle persönliche Natur als Typus; aber das wird sich verändern und verwandeln, wenn sich Menschen und die Gesellschaft weiterentwickeln – und das wird über eine lange revolutionäre und evolutionäre Zeit auftreten.

Worum es geht, ist die Sicherheit und Freiheit für Nicht-Heterosexuelle. Es gibt viele Kulturen und religiöse Konstrukte, die Verhaltensweisen wie Homosexualität oder irgendeine Sexualität außerhalb dieses speziellen kulturellen Kontextes, oder sogar Dress-Codes, in irgendeiner Form verbieten oder regulieren. Oftmals liegt das Problem dabei in einem männlich dominierten Zeitgeist.

Wieder ist es nicht die Astrologie, die sich ändern muss; es sind Menschen und Ideologien, die sich ändern müssen und können. Ich arbeite mit so vielen Klienten aus allen Nationen und allen kulturellen Gruppen, und ich hatte nie den Eindruck, dass ein Individuum "falsch" sei. Es ist die jeweilige Kultur, die die Eigenart des Individuums unter Strafe stellt. Das ist das Problem, nicht Geschlecht und Sexualität.

Die Astrologie umfasst eine viel größere Welt als die des Geschlechts – sie ist ein universelles kosmisches Bild von einem Moment in der Zeit. Sie kann keine geschlechtsspezifische oder schwule oder bisexuelle Person beschreiben. Wenn jemand queer ist, ja wunderbar. Dann ist das gut. Wir erstellen ganz normal die Radix. Diese Person hat immer noch die gleichen Bedürfnisse, menschlichen Sehnsüchte und Ziele und so weiter wie jeder andere auch.

Ich glaube, solche Labels wie queer sind aus dem sozialen Bedürfnis entstanden, eine starke Aussage für Gleichheit und Akzeptanz zu machen. Das ist es, was man als Queer-Astrologie verstehen kann: Es ist eine Zusicherung, dass LGBTQ-Menschen (4) tatsächlich existieren; sie werden sichtbar. Allerdings hat es keinen Einfluss auf das Horoskop. Es gibt kein "Schwulenhoroskop" oder dergleichen. Das bedeutet nicht, dass ich LGBTQ-Leuten abspräche, sich für ihre Rechte einsetzen.

Wenn wir also versuchen, die Astrologie zu gendern, beschränken wir sie. Vielmehr sollten wir Genderfragen durch die Augen des Horoskops betrachten und wie sich ein Mensch mit seiner Individualität auseinandersetzen kann und einfach ein gesundes, glückliches Leben führen kann!

Das erinnert mich daran, dass Du vor einiger Zeit in 'The Astrological Journal' geschrieben hattest: "Astrologie ist nicht geschlechtsspezifisch." Hast Du das damit gemeint?

Das ist interessant: Das hatte ich schon 2001 geschrieben und jetzt wird es wieder publiziert. Ja: Astrologie ist in sich rein. Sie muss nicht gelabelt oder gebrandet werden. Astrologie hat weder ein Bewusstsein noch eine Absicht. Sie ist unser Zuhause, unsere Planeten-Familie.

In dieser Planeten-Familie gibt es aber mehr männliche als weibliche Familienmitglieder ...

Es stimmt: Es gibt nicht viele feminine Planeten, aber die Einbeziehung der vier Hauptasteroiden trägt zu mehr Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern in Horoskopen bei.

Bleiben wir dabei: Wir haben in der astrologischen Tradition Planeten, die eindeutig als männlich oder weiblich bezeichnet werden: Venus, Mars, Sonne oder Mond. Nehmen wir Sonne und Mond als Elternsymbole. Wenn Astrologie nicht geschlechtsspezifisch ist, wird es schwierig, die Elternsymbole jeweils einem Elternteil zuzuordnen. Was sagst Du Klienten, wenn Du Sonne nicht mehr eindeutig als Vater und Mond nicht mehr eindeutig als Mutter deutest? Wie kann man sonst aus dem Geburtsbild erkennen, welche Bedeutung die Eltern für den Horoskopeigners haben?

Ich denke nicht immer an die Gleichung Sonne ist Vater und Mond ist Mutter. Wenn man Horoskope in ihrer psychologischen Dynamik interpretiert, gibt es viele Monde; so viele, wie es Menschen gibt – mein Mond in Waage zeigt sich nicht genauso wie ein anderer Mond in Waage, was gut ist. Sonne ist Herzenskraft, nicht Vater!

Die Aspekte, die die Planeten zueinander bilden, sind der wichtigste Faktor beim Deuten einer Radix. Das Gespräch zwischen dem Mond und den anderen Planeten oder der Sonne im Aspekt mit anderen Planeten kann tatsächlich eine Rollenumkehr im elterlichen Archetyp anzeigen.

Die kurze Antwort darauf ist: Ich bin keine an Konventionen gebundene Astrologin; meine Praxis und meine Lehre ist archetypisch, pragmatisch, solide und niemals stereotypisch. Dennoch: Nachdem ich das alles gesagt habe, muss ich zugeben, dass ich anfällig bin für die Sichtweise, Sonne als Vater und männlichen Elternteil zu deuten, und bei Mond denke ich an Menses, Geburt, Göttin, Mutter. Es ist kompliziert.

Und es wird noch komplizierter: Inzwischen gibt es Kinder von Regenbogenfamilien, also Kinder, die zum Beispiel mit zwei Müttern aufwachsen. Wie müssen wir mit Horoskopen dieser Kinder umgehen? Schließlich haben die nicht zwei Monde im Horoskop.

Ich hatte noch keinen Klienten, der mit Eltern gleichen Geschlechts aufgewachsen ist. Doch ich sprach mit Teenagern, die gleichgeschlechtliche Eltern haben. Sie scheinen mehr mit ganz konventionellen Themen wie Scheidung, Zwistigkeiten, Trennung von einem Elternteil, Halbgeschwister, Verlassensängste und so weiter beschäftigt zu sein.
Kunden, bei denen sich ein Elternteil während oder nach der Pubertät des Klienten als lesbisch oder schwul geoutet hatten, haben ganz eigene Themen. Es gibt nicht "die eine Geschichte". Das größte Problem in jeder Familiendynamik ist das Geheimnis. Es sind die Geheimnisse, die krank machen.

Es kann ein bisschen ein Schock für einen Jugendlichen sein, dass Mutter oder Vater nicht die üblichen Bedürfnisse hat – das kommt viel häufiger vor, als wir vermuten. Kleine Kinder, wie mein siebenjähriger Nachbarjunge, scheinen sich ziemlich schnell an die Neuerung, die neue sexuelle Orientierung bzw. die neue sexuelle Identität des Elternteils anzupassen, aber es wird ein wichtiger Faktor für die Adoleszenz des Kindes. Kein Kind will seine Eltern verlieren – das ist einer der Urschrecken der Kindheit.

Ehrlichkeit und Verständnis in allen Fällen ist das primäre Thema. Die Eltern sind immer noch die Eltern und müssen das Kind behüten und nicht vor den Kopf stoßen – also geht es darum, mit dem Kind zu reden; altersgerecht natürlich. Und das Kind zu lieben.

Dann gilt es zu bedenken, dass die erste echte sexuelle Erfahrung am häufigsten mit einer Freundin / einem Freund des eigenen Geschlechts geteilt wird. Jungen mit Jungen und Mädchen mit Mädchen. Es ist eigentlich ungewöhnlich, wenn jemand nicht irgendwann eine gleichgeschlechtliche Begegnung hatte.

Ich habe eine Freundin, deren Vater sich zu Hause Frauenkleider anzieht. Er nimmt seinen morgendlichen Kaffee in einem hübschen Negligee mit Damenpantoffeln und einer schönen Perücke ein, und dann zieht er seinen Anzug an und geht ins Büro. Sie hatte und hat kein Problem damit. Das ist übrigens nicht so selten, wie man gemeinhin meint.

Kommen wir zurück zu den Planetendeutungen. Steht der Mars im Horoskop einer Frau nicht für ihren Partner?

Nein. Im Horoskop einer Frau beschreibt Mars ihren angeborenen Antrieb, ihr Verlangen, Leidenschaft, Ehrgeiz, Drang; und die Fähigkeit, ihr Leben zu bewältigen. Wenn sie ihre Mars-Funktion erstickt und auf Männer projiziert, dann wird sie ihren eigenen Zorn introjizieren und passiv aggressiv werden und somit nicht in der Lage sein, Ideen oder Projekte zu vervollständigen oder zu beenden. Und sie würde eine ziemlich schwierige Partnerin – für jeden!

Astrologen sind sich einig, dass man das biologische Geschlecht nicht aus dem Horoskop herauslesen kann.

Das ist absolut wahr. Wir wissen nicht einmal, ob es ein Horoskop eines Menschen ist.

Wie ist es mit dem sozialen Geschlecht, also wie sich ein Mensch fühlt? Kann man das ablesen – und wenn ja: wie?

Ja, auf jeden Fall! Wir können eine Menge gute Arbeit leisten, die jemandem hilft, sich wirklich als einen einzigartigen und wertvollen Menschen zu verstehen. Das bedeutet auch, dass sich die Arbeit der Astrologen ändern wird: Wir müssen mit Klienten sprechen, die LGBTQ sind, und uns mit den entsprechenden Problemen auseinandersetzen, die mit Geschlecht und Identität zu tun haben. Auf dieser Basis können wir als Astrolog/innen den Menschen helfen, ein Gefühl der Identität zu finden, wie sie wirklich sind, nicht, was ihr Geschlecht ist.

Wenn sexuelle Identität ein Problem für einen Klienten ist, dann schauen wir uns genau dieses Problem an. Und zwar mit dem Ziel, dass er oder sie Selbstakzeptanz, soziale Akzeptanz, Familienakzeptanz etc. erreicht.

Wenn ein homosexueller Klient irgendwelche sexuellen Schwierigkeiten hat – okay, die meisten Menschen haben einige sexuelle Probleme –, so reden wir darüber ganz normal, wie diese Probleme oder Bedenken anders betrachtet und wahrgenommen werden können oder wie man neue Wege finden kann, die dem Klienten helfen, erfüllter zu leben! In meinem Buch über rückläufige Planeten gibt es eine wunderbare Fallgeschichte über einen Mann: Tagsüber war er eine brillanter, schwuler Theatermacher; aber in der Nacht verwandelte er sich in sein Gegenteil: ein in Leder gekleideter Skinhead mit antischwulen Tendenzen. Als er an Aids erkrankte, kam er zu mir, um mich in seinen letzten Monaten des Lebens zu sehen, und er wollte sich mit dieser Gespaltenheit seiner Psyche auseinandersetzen. Sein primäres Ziel in seiner persönlichen Arbeit mit mir und einem anderen Therapeuten war es, so viel Selbstachtung und Individualität wie möglich zu erreichen, bevor er starb. Das ist ein wirklich wichtiger Fakt: Solange wir mit uns selbst ehrlich sind, können wir auch gut mit dem sein, wer wir sind!

Ja, es gibt Stigmatisierung, auch heute noch. Das muss angesprochen werden. Nur dann können sich Menschen selbstbewusst und frei fühlen mit dem, wer sie sind, und sie finden in angemessener Weise zu ihrer wahren Natur. Was diese wahre Natur ist, zeigt die Radix! Die Angst vor anderen und dem Anderssein ist etwas, was sich global ändern muss.

Hilft dabei eine spezielle Astrologie? Brauchen wir eine spezielle Astrologie für LGBTQ-Leute?

Nein, das glaube ich nicht. Astrologie ist all-inclusive. In der astrologischen Symbolsprache gibt es keine geschlechtsspezifischen Vorlieben. Die reine Astrologie ist archetypisch, mythisch und in einigen guten Händen auch wissenschaftlich – aber nicht stereotypisch.

Ich denke, Astrologen sollten Beratungen mit offenem Geist angehen: und zwar dem Klienten und auch seinem Geschlecht und seiner Sexualität gegenüber. Und wir müssen aufhören, ein astrologisches Symbol auf ein menschliches Merkmal zu beschränken. Astrologie ist ein viel feineres und tieferes Konstrukt als etwa eine Typologie.

Als Astrolog/innen haben wir das Potenzial, das Phänomen des Lebens als Ganzes zu betrachten. Astrologie ist eine einzigartige, hieroglyphische und symbolbasierte Weltanschauung.

Herzlichen Dank für dieses Interview.

Autorin: Erin Sullivan, geb. 09.11.1947 um 7:21 Uhr in Vancouver (Kanada), ist seit 1972 als beratende Astrologin tätig, Gründungsmitglied der Association for Astrological Networking, Autorin, Dozentin sowie früher Herausgeberin der astrologischen Reihe Arkana bei Penguin Books.

Anmerkungen

  1. Als Transgender bezeichnet man Menschen, deren gefühltes soziales Geschlecht abweicht von ihrem biologischen Geschlecht.
  2. "Gender" ist ein Begriff der soziologischen Geschlechterforschung. Dort wird zwischen dem biologischen Geschlecht (engl.: "sex") und dem sozialen Geschlecht (engl.: "gender") differenziert. Gender bezieht sich somit auf alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird, zum Beispiel Kleidung, und verweist nicht unmittelbar auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale ("sex").
  3. Im Englischen wird das Wort "gay" sowohl für schwule Männer als auch für Homosexuelle beiden Geschlechts verwendet und meint somit oft Lesben und Schwule gleichermaßen. Gay-Labels sind Verhaltenskodizes, die deutlich machen sollen, dass man zur Gemeinschaft der Homosexuellen gehört, wie z. B. bestimmte modische Vorlieben, Zu- oder Abneigung gegenüber bestimmten Sportarten, Berufen, Musikstilen, Freizeitbeschäftigungen und so weiter.
  4. Aus dem englischen Sprachraum abstammende Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer; also Personen, die sich selbst als lesbisch, schwul, bisexuell, transgender oder queer definieren. In Deutschland wird auch manchmal die Abkürzung LSBTTIQ verwendet für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen.

Interview und Übersetzung: Holger A. L. Faß
Alle Artikel von Holger A. L. Faß im digitalen Meridian-Archiv finden Sie über diesen Link: shop.meridian-magazin.de/autoren/fass

Foto: Lisa Law

Original-Artikel von www.meridian-magazin.de
Titelblatt Dieser Artikel ist erschienen in der Meridian-Ausgabe 2017, Nr. 175 mit dem Schwerpunktthema "weiblich - männlich - unwesentlich?"

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