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Verletzungen und der Wille zum Leben

von Liz Greene

  "Apollon", August 1999

Der Wille zum Leben ist ein großes Geheimnis. Jeder Arzt, der Erfahrung mit lebensbedrohlichen Erkrankungen hat, weiß, daß der Lebenswille sowohl das körperliche wie auch das seelische Wohlbefinden beeinflussen kann, und daß das Überleben oft mehr von der Einstellung des Kranken beeinflußt wird als von der ärztlichen Fürsorge. Der Wille zu leben ist aber auch nicht unbedingt das, was wir zu empfinden behaupten. Wir mögen herausschreien, daß wir uns nach Leben sehnen; aber irgendwo tief in uns wollen wir nach Hause zurückkehren, und diese Sehnsucht nach Auflösung kann weitaus größer sein als jede bewußte Absichtserklärung, gesund werden zu wollen. Manche Menschen reagieren kreativ auf Konflikte, Schmerz und Enttäuschung, wodurch sich ihre Perspektiven und sogar ihre Lebensumstände verändern können. Andere Menschen werden bitter und hoffnungslos und leben in einer grauen Welt des Zwielichts oder sie verlieren ihren Lebenswillen ganz. Es gibt nicht nur geplante Selbstmorde unter jenen Menschen, die innerlich aufgegeben haben, sondern auch die selbstkonstruierten "zufälligen" Tode, die, wenn auch unbewußt, von einer mächtigen Sehnsucht gespeist werden, allem Leiden und Unglück ein Ende zu machen. Selbstdestruktives Verhalten zeigt sich nicht immer in Form von Tablettenmißbrauch oder geöffneten Pulsadern. Es gibt keine einfache Erklärung dafür, warum manche Menschen trotz Unglück und Handicaps an den Herausforderungen des Lebens wachsen, während andere der Zukunft den Rücken kehren, obwohl sie vom Glück begünstigt sind. Darüber hinaus führt der Verlust des Willens zum Leben nicht immer zur Selbstzerstörung. Dieser kann sich auch als Bedürfnis äußernn, andere zu zerstören, so als ob auf einer tiefen und unzugänglichen Ebene die Projektion von Hoffnungslosigkeit und ungerechter Behandlung auf einen anderen Menschen, dem leidenden Menschen die Illusion verschaffe, daß er stark sei und das Leben unter Kontrolle habe. Dieser Mensch, der insgeheim den Willen zum Leben verloren hat, kann im Extremfall versuchen, anderen die Freude zu entziehen - und vielleicht sogar das Leben, indem er einen Sündenbock findet, den er mit all der Verzweiflung belädt, die tief in ihm selbst sitzt.
Dieses Geheimnis kann, wie viele andere Geheimnisse auch, seinen Ursprung im individuellen Charakter des Einzelnen haben. Das Geburtshoroskop kann uns viele Einsichten in die Muster geben, die diese Charakterstruktur untermauern. Bei allen Polaritäten im Leben müssen wir Astrologen uns die Polarität der Planeten anschauen; und die Polarität von Hoffnung vs. Verzweiflung, vom Willen zu Leben vs. Hoffnungslosigkeit, kann zumindest teilweise durch die Polarität von Sonne und Chiron erhellt werden.
Ich glaube nicht, daß wir einen dieser beiden Planeten wirklich verstehen können, ohne die Bedeutung des anderen mit in Betracht zu ziehen. Obwohl sie nicht in jedem Geburtshoroskop durch Aspekte miteinander verbunden sind, sind sie doch in jedem Geburtshoroskop vorhanden und schaffen eine Dynamik innerhalb der Persönlichkeit. Ein direkter Aspekt verschärft diese Dynamik und wird oft zum Mittelpunkt der Reise des Individuums, aber die Dynamik besteht unabhängig davon in jedem von uns. Alle Planeten bis und einschließlich Saturn dienen der Entwicklung des individuellen Ego, was sich am deutlichsten bei der Sonne zeigt. Wir könnten sogar behaupten, daß die persönlichen Planeten der Sonne als dem Zentrum der Individualität "dienen". Aber Chiron liegt an der Grenze zwischen Saturn und den äußeren Planeten und vermittelt daher kollektive Themen, die sich auf das Individuum auswirken und es verletzen. Chiron's kollektive Auswirkungen bezeichnen etwas kollektiv "Unheilbares", weil die Wunde im Kollektiv und seinen Vorfahren liegt. Die Sonne zeigt den Lebenssinn und die Zielvorstellungen des Individuums, die sehr eng mit dem Willen zum Leben und dem Wunsch, man selbst zu werden, verbunden sind. Beide Planeten brauchen einander, aber wenn sich das Gleichgewicht zu sehr in eine Richtung verlagert, kann es zu bestimmten seelischen Schwierigkeiten kommen.
Nachfolgend finden Sie eine Liste von "Schlüsselwörtern", die dabei helfen können, die Beziehung zwischen Sonne und Chiron zu verstehen. Dazu möchte ich sie zunächst ausführlicher erklären und anschließend aufzeigen, was geschehen kann, wenn die Sonne gegen Chiron arbeitet und was geschehen kann, wenn sie zusammenarbeiten. Im Anschluß an diese kurze Darstellung der beiden Planeten werde ich anhand eines Horoskopbeispiels die geheimnisvolle Dynamik zwischen Sonne und Chiron illustrieren.

Schlüsselthemen:

Sonne
Persönliches Schicksal
Lebenssinn
Hoffnung für die Zukunft Selbstvertrauen
Großzügigkeit
Eigenständige Identität
Unabhängigkeit vom Kollektiv und der Familie
Schaffenskraft
Die Fähigkeit zu spielen
Das Göttliche Kind
Chiron
Kollektive Schwächen
Desillusionierung
Gescheiterte Ideale
Unvermeidliche Verletzungen
Verbitterung und Zynismus
Körperliches und seelisches Leid
Akzeptanz sterblicher Grenzen
Bedürfnis nach Verständnis
Mitgefühl
Die Sonne gegen Chiron
Depression
Verlust von Vertrauen
Das Gefühl andauernder Verletzt- heit
Zynismus
Erwartung zu scheitern
Gefühl ungerechter Behandlung oder der Sündenbock zu sein
Der Wunsch, andere ungerecht zu behandeln oder zum Sündenbock zu machen
Projektion eigener Minderwertigkeit auf andere
Verlust des Lebenswillens
Die Sonne mit Chiron
Weisheit
Geduld angesichts dessen, was unabänderlich ist
Zähigkeit und Mut
Verständnis tieferer Muster
Melancholie, die zu Gedanken- und Gefühlstiefe führt
Entschlossenheit, einen Beitrag zum Wohlbefinden anderer zu leisten
Mitgefühl
Das Gefühl von Besonderheit, gemäßigt durch die Akzeptanz menschlicher Grenzen Aktivierung des Lebenswillens

Die Bedeutung der Sonne

Ich werde nicht allzu viel Zeit damit verbringen, die Bedeutung der Sonne zu beschreiben, weil ich das bereits an anderer Stelle getan habe. Kurz gesagt, repräsentiert die Sonne das Wesen des lebendigen Individuums - die Gottheit (oder, wenn man einen weniger spirituellen Begriff vorzieht, die Lebenskraft), die sich für eine bestimmte Lebensspanne in menschlicher Form inkarniert und sich in einer spezifischen Natur und durch spezifische Ziele zum Ausdruck bringt. Durch die Sonne erfahren wir uns als einzigartige Wesen, die etwas in sich tragen, womit wir einen Beitrag zum Leben leisten. Um eine Bemerkung von Charles Harvey zu umschreiben, die er einmal bei einem Vortrag machte, verhilft uns die Sonne dazu, daß wir uns mit dem Makrokosmos verbunden fühlen und uns als Teil von etwas Ewigem erleben. Diese innere Erfahrung beschert uns kein "Glück" im alltäglichen Sinn, sondern die tiefe Gelassenheit und Hoffnung, die aus dem Gefühl entstehen, ein nützliches und bedeutsames Leben zu leben. Wir könnten dies die Erfahrung unseres "individuellen Schicksals" nennen, weil die Sonne dasjenige in uns reflektiert, das weiß, daß wir hier sind, um eine bestimmte Absicht zu leben. In der griechischen Mythologie war Apollon die Gottheit, die die Dunkelheit des Familienfluchs auflöste und das Individuum von der Last der "Sünden" der Vorfahren befreite. Das Gefühl individueller Bedeutung kann uns tatsächlich vom Gefühl, in der Familienvergangenheit gefangen zu sein, befreien. Die Sonne gibt uns auch ein Gefühl einer individuellen Zukunft, ein Vertrauen in unser Ziel und eine innere Überzeugung, daß wir "irgendwohin gehen". Die Sonne ermöglicht uns, daß wir uns freikämpfen von Gefühlen der Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit und sie bestätigt uns unseren einmaligen Wert, selbst wenn unsere Lebensumstände schmerzhaft sind.
Umgekehrt gibt uns die Erfahrung unseres individuellen Schicksals, unserer Hoffnung und unserer Bedeutsamkeit Vertrauen in uns selbst und den Glauben daran, daß das Leben prinzipiell gut ist, was eine mächtige Heilkraft auf körperlicher und psychischer Ebene bedeutet. Wenn die Ausdruckskraft der Sonne aus irgendeinem Grund blockiert oder unterentwickelt ist, zum Beispiel durch Kindheitswunden oder innere Konflikte, die sich im Geburtshoroskop zeigen, kann es schwieriger sein, sich mit dem Gefühl zu verbinden, daß man das Recht hat, man selbst und lebendig zu sein. Die Schwierigkeiten des Lebens können sich dann verstärken, weil es kein inneres Gefühl von Einzigartigkeit und Hoffnung gibt, worauf man sich beziehen kann. Die Macht, etwas hervorzubringen ist abhängig von der Sonne im Geburtshoroskop. Denn wenn wir irgend etwas schaffen, übergeben wir uns etwas "anderem" in uns selbst, von dem wir glauben, daß es fruchtbar sein wird. Zur Kreativität bedarf es Vertrauen, ebenso wie Spielen Vertrauen erfordert, bei dem wir uns dem Fluß einer phantasievollen Kraft überlassen, die uns froh sein läßt. Das älteste Symbol dieser kreativen und spielerischen Sonnenkraft ist das Bild des göttlichen Kindes, das etwas ewig Jugendliches und Unzerstörbares in uns personifiziert.

Die Bedeutung von Chiron

In der griechisch-römischen Kunst wird Chiron fast immer mit einem Kind auf dem Rücken dargestellt. Aber trotz dieses Zeichens von Hoffnung ist die Figur des Königs der Kentauren eine tragische. Es ist durchaus sinnvoll, den Mythos zu wiederholen, der oftmals verzerrt oder verfälscht dargestellt wird, weil er so schmerzhaft ist.
Im Mythos wird Chiron nicht zum Heiler, weil er verwundet war. Dies ist nur eine optimistische Interpretation, die den Schmerzen des Lebens einen besonderen Sinn geben will, wobei es darum geht, aufgrund des eigenen Schmerzes das Mitgefühl und die Weisheit zu entwickeln, andere heilen zu können. Diese Interpretation des Mythos bietet eine Möglichkeit, mit den eigenen Verletzungen umgehen zu lernen. Aber Chiron's Schmerz dient in der Geschichte nicht einem so noblen Zweck. Er ist bereits ein Lehrer und ein Heiler, bevor er verwundet wird. Man könnte vermuten, daß er bereits verwundet ist, weil er an Einsamkeit leidet; obwohl er ein Kentaure ist, und einem Stamm von Kreaturen angehört, der die angeborenen Instinktkräfte symbolisiert. Er selbst ist aber zivilisiert und hat sich von seinem Stamm getrennt. In diesem Zusammenhang steht Chiron für das weise Tier, für die ursprüngliche Kraft, die sich aus freiem Willen entschieden hat, eher der menschlichen Evolution und dem menschlichen Bewußtsein zu dienen als blind von den instinkthaften Zwängen des Tierreichs abhängig zu bleiben. Wie das "hilfreiche Tier" im Märchen, kehrt Chiron seiner wilden Instinktnatur den Rücken, um der Evolution zu dienen, die er für den richtigen Weg nach vorn für die Gesamtheit des Lebens hält.
Aber Chiron ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Er ist gefangen zwischen Herakles, dem Sonnen-Held, der die Stärke des menschlichen Ego personifiziert und den wilden, ungezähmten Kentauren, die Chiron hinter sich gelassen hat. Während der Kampf tobt, bezieht Chiron keine Position; er sympathisiert mit beiden Seiten. Er wird versehentlich von einem vergifteten Pfeil getroffen, der einem anderen Kentauren gilt, vielleicht wegen seiner vermittelnden Rolle, die ihn seiner angeborenen Aggression beraubt. Die Wunde verheilt nicht, egal, welche Heilmethoden er auch anwendet. Letztlich zieht er sich voller Qual in seine Höhle zurück und bittet um den Tod. Zeus und Prometheus haben Mitleid mit ihm und schenken ihm die Gunst der Sterblichkeit, die es ihm ermöglicht, in Frieden zu sterben, so wie jeder andere Sterbliche auch, obwohl er einst ein Gott war.
Diese schreckliche Geschichte beinhaltet eine Ungerechtigkeit des Lebens, die für jedes Individuum sehr schwer zu akzeptieren ist; vielleicht noch schwieriger für den idealistischen Einzelnen, der sich mit Studien wie beispielsweise Astrologie beschäftigt. Wir möchten gerne glauben, daß das Leben gerecht ist, und daß das Gute belohnt und das Schlechte bestraft wird, zumindest in irgendeiner anderen Inkarnation, wenn schon nicht in diesem Leben. Hier ist ein guter Mensch, der ohne eigenes Verschulden leidet. Er ist ein Opfer der zwangsläufigen Schlacht zwischen Evolution und Stillstand, zwischen Bewußtheit und blindem Instinkt. Chiron ist ein Bild für das, was ungerechterweise in uns verletzt wurde - verletzt durch das Leben und die unausweichlichen Folgen, die Versagen und Mängel der kollektiven Psyche offenbaren, die in ihrem Bemühen um Fortschritt zwangsläufig schwerfällig ist. Weil menschliche Wesen sowohl Sonnenheld als auch wildes Tier in sich vereinen, und weil unsere Bemühungen um Zivilisation im Lauf der Geschichte so oft fürchterliche Folgen hatten, tragen wir ein Vermächtnis von ungerecht zugefügtem Schmerz in uns, der sich durch die Generationen zieht: Körperliches und seelisches Leid, dessen Ursache nicht in individuellem oder elterlichem Versagen begründet ist, sondern in unserem genetischen Erbe angelegt sind. Aber auch kollektive Katastrophen wie der Holocaust und der gegenwärtige Alptraum in Kosovo, gehören zum Bereich von Chiron. In diesen Sphären werden unsere individuellen Anstrengungen, beflügelt von der Sonne und verfeinert und fokussiert durch die inneren Planeten und von Saturn mit Form und Stärke ausgestattet, durch starke Kräfte im Leben, in der Geschichte, in der Gesellschaft und der kollektiven Psyche, die wir nicht kontrollieren können und für die wir als Individuen nicht die Schuld tragen, beschädigt und vereitelt.
Solche Zusammenstöße mit den unumgänglichen Mängeln des Kollektivs können uns bitter und zynisch werden lassen. Wir sind versucht, andere zu bestrafen, weil wir uns zum Krüppel geschlagen fühlen, verwundet und unheilbar. Vielleicht bestrafen wir uns aber auch selbst. Wenn es uns aber gelingt, über diese düstere Verbitterung hinauszuwachsen und wenn wir in unserer Suche nach Anworten hartnäckig genug sind, haben wir die Chance, tatsächlich eine Antwort zu finden - selbst wenn sie darin besteht, daß es keine Antwort gibt und wir die Grenzen unserer sterblichen Existenz einfach akzeptieren müssen. Akzeptanz ist eine von Chirons Gaben, die sich deutlich von Selbstmitleid und Resignation unterscheidet. Chiron's Gnade zu sterben könnte man als ein Symbol für die Akzeptanz unserer Sterblichkeit begreifen. Diese Transformation kann unsere Sichtweise vom Leben radikal verändern, selbst wenn sie das Unheilbare nicht heilen kann oder die Vergangenheit nicht ändern kann. Dadurch lernen wir Mitgefühl zu empfinden, wenn auch in begrenzter Form. Chiron's Mitgefühl ist das eines gelähmten Menschen für einen anderen Gelähmten. Wir können tiefes Mitgefühl für jene empfinden, die so verletzt sind wie wir selbst. Aber ohne die Wärme und das Licht der Sonne könnte es sein, daß wir nicht den Großmut finden, uns von denjenigen zu lösen, deren Schmerz unser eigenes Leid widerspiegelt und nicht erkennen, daß das Leben uns alle auf die eine oder andere Weise verletzt.

Chiron als Sündenbock: der Verletzte wird der Verletzende

Es gibt viele Stationen in dem Prozeß, den Chiron repräsentiert, angefangen von seinen Verletzungen bis hin zu seiner Transformation - zurück zur Sterblichkeit und der Erlösung vom Leiden. Dieser Weg ist gepflastert mit Zorn und Wut, dem Wunsch, andere zu verletzen, bitterer Resignation, Selbstmitleid und dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Am Ende entsteht dann das Verlangen, die universellen Muster zu verstehen, die sich hinter dem eigenen Schmerz verbergen. Auf diesem Weg können wir in jeder dieser Phasen steckenbleiben und einige von Chiron's weniger schönen Seiten ausagieren, wenn es uns nicht gelingt, zu begreifen, was uns dort gerade zustößt. Chiron ist schließlich in seiner animalischen Körperhälfte verwundet, und Tiere sind nicht gerade bekannt dafür, eine philosophische Einstellung zu vertreten, wenn sie verletzt werden. Sie beißen eher zurück, wenn sie noch die Kraft dazu haben.
Da es für die gegenwärtige Situation in unserer Welt so bedeutend ist, habe ich mich entschieden, die Beziehung zwischen Sonne und Chiron im Geburtshoroskop von Slobodan Milosevic kurz darzustellen. Er hat, während ich diesen Aufsatz schreibe, die dubiose Ehre, all das zu verkörpern, was wir an der menschlichen Natur so abscheulich finden. Vor nicht allzu langer Zeit wurde Adolf Hitler diese Ehre zuteil; zweifellos wird es auch in Zukunft ähnliche Menschen wie ihn geben. Die Frage, ob Milosevic wirklich ein Bösewicht ist, wie manch einer behauptet, kann ich nicht beantworten, noch ob er ein Mensch ist, der dermaßen stark verletzt wurde, daß sich diese äußerst destruktive Kraft in ihm entwickeln konnte. Diese Frage ist Thema zahlloser Debatten in den helfenden Berufen, und birgt das unlösbare Rätsel, ob der Wunsch nach Zerstörung angeboren ist oder ob Kindheitsverletzungen solche entsetzlichen Extreme hervorbringen. Wie bei all diesen Rätseln liegt die Antwort vermutlich in einer Kombination von beidem. Wenn ich mir dieses Horoskop im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Situation in Jugoslawien ansehe, kommt es mir so vor, als könnten wir viel darüber lernen, was geschieht, wenn mit den Wunden Chirons nicht auf einer inneren Ebene umgegangen wird. Milosevic stellt keinen offenkundigen Verlust des Lebenswillens zur Schau, ganz im Gegenteil: er gibt sich als harter Überlebenskünstler, der alles daransetzt, seine Machtposition um jeden Preis zu halten. Es sind die anderen, die durch ihn den Lebenswillen verloren haben und auch zu Tode gekommen sind. Und doch sieht es in seinem Inneren ganz anders aus.

Slobodan Milosevic
20. August 1941, 22.00 MET
Pozarevac, Yugoslavia
Slobodan MilosevicQuelle: Hans Heinrich Taeger, Internationales Horoskop-Lexikon, Band 4, Verlag Hermann Bauer,

Horoskop grosse Ansicht

Milosevic -Chart


In diesem Horoskop gibt es keine Aspekte zwischen Chiron und Sonne. Durch die Konjunktionen von Mond und Pluto in Löwe ist Chiron jedoch sehr mächtig; alle diese Planeten stehen im vierten Haus, im Quadrat zum Aszendenten Stier. Die Sonne steht im fünften Haus, also im eigenen Zeichen Löwe und ist daher der Dispositor von Chiron. Die dynamische Beziehung zwischen Sonne und Chiron entsteht also nicht durch einen direkten Aspekt, sondern durch die Polarisierung der Sonne im fünften Haus in Löwe mit dem Akzent auf Selbstausdruck und Selbstmythologisierung und dem überschatteten verletzten Mond im vierten Haus, seinem Erbe von Tod und Zerstörung in der eigenen Familie und auch mit dem Erbe alter Erinnerungen von Groll in der kollektiven Psyche, in die Milosevic hineingeboren wurde. Viele Serben hegen wegen der Besetzung ihres Landes durch die ottomannischen Türken im 13. Jahrhundert einen jahrhundertealten Groll auf die muslimische Welt. Die muslimische albanische Gesellschaft wird ausschließlich als ein Fortbestand dieser alten Greueltaten wahrgenommen. Menschen mit Mond im vierten Haus fühlen solche Dinge sehr persönlich, so als hätten sie diese archaischen Erinnerungen mit der Muttermilch aufgenommen.
Die Unterdrückung von Tito's kommunistischem Regime mit seiner Zurückweisung der Löwe-Individualität, spielt hier auch eine Rolle. Milocevic selbst ist natürlich auch Kommunist, und das einzige Ventil für einen zweifachen Löwen mit einer solchen politischen Laufbahn, ist Macht. Obwohl Macht die Schaffenskraft der Sonne zu befriedigen vermag, kann sie die Verletzung des Mondes im Löwen nicht heilen, der sich danach sehnt, etwas Besonderes zu sein und geliebt zu werden. Dieser Mensch ohne Wasser im Geburtshoroskop und mit der harten inneren Disziplin einer Saturn-Uranus Konjunktion im Quadrat zur Sonne und zum Merkur, wird vermutlich die Quelle seines Leidens weder erkennen noch anerkennen, weil alle Gefühle, besonders die des abhängigen Opfers, zu beängstigend sind. Man überlebt nicht, wenn man Gefühle hat. Man überlebt nur, wenn man kämpft; die Sonne steht im Trigon zum erhöhten Mars in Widder im zwölften Haus, was ein Kanal für den Traum vom kollektiven Heroismus der Vorfahren ist. Die Macht von Pluto-Chiron, die den Mond verletzt, wird außen wahrgenommen, in einem ungeschützten Volk, das als mächtiger Feind erfahren wird. Wie immer, wenn jemand Teile seiner selbst nach außen projiziert, lebt auch Milosevic in einem Spiegelsaal.
Wenn wir die Motive eines Individuums wie Milosevic analysieren, können wir viel über uns selbst lernen. Es ist natürlich leicht, im Nachhinein zu sagen: "Ist ja klar, daß er sich so verhalten hat, weil sein XY in irgendeinem Aspekt zu einem anderen XY steht." Das ist ein Spiel, das alle Astrologen spielen, besonders wenn wir uns dadurch überlegen fühlen können. Die Konjunktion in Milosevic's viertem Haus spricht nicht für ein vorprogrammiertes Verhalten, sondern zeugt von einer tiefen alten Wunde, die durch seine eigene Familie vermittelt und dargestellt wird. Beide Eltern von Milosevic begingen Selbstmord, eine Tatsache, die zweifellos den düsteren Charakter dieser Konjunktion verschärft. Dieser Mann wurde sehr früh im Leben mit Tod und völliger Verlassenheit konfrontiert. Überleben kann daher niemals als selbstverständlich angesehen werden. Chiron-Pluto kennzeichnet, ebenso wie die Saturn-Uranus-Konjunktion, eine ganze Generation. Beide tauchten während des zweiten Weltkriegs auf und reflektieren dessen Chaos und Horror.
Die Kinder mit diesen Konjunktionen wissen sehr genau, daß das Leben nicht sicher ist, und daß Unschuld und Güte keine Garantie für ein Überleben sind. Das trifft sogar dann zu, wenn jemand in einer relativ sicheren Umgebung aufgewachsen ist, außerhalb der Kriegsarena. Weit über die saturnische Hülle der Individualität hinaus sorgt die kollektive Psyche dafür, daß wir alle auf einer bestimmten Ebene die hellen oder dunklen Strömungen der Zeit, in die wir hinein geboren sind, verkörpern und an ihr beteiligt sind. Es besteht keinerlei Zweifel daran, daß Milosevic ein zutiefst verletzter Mensch ist. Es steht jedoch auch außer Zweifel, daß er immer die Freiheit hatte zu entscheiden, wie er mit dieser Verletzung umgehen wollte; wir alle wissen, wofür er sich entschieden hat. Das Ausmaß des Grauens seiner inneren Wunde steht in proportionalem Verhältnis zu dem Schmerz, den er hunderttausenden unschuldigen Menschen angetan hat. Chiron, dessen schmerzhafte Wunde ihm durch Pluto's brutalen Überlebenskampf geschlagen wurde, spricht hier für die tiefe Überzeugung, daß das Überleben des Individuums nur dann sicher ist, wenn diejenigen, die als Zerstörer erlebt werden, sterben. Es ist zu hoffen, daß die Leser dieses Aufsatzes nicht dazu neigen, Milosevics' Weg einzuschlagen. Es fällt leicht, ihn zu verurteilen und sogar zu hassen; und doch sind wir ihm vielleicht ähnlicher als wir glauben - in kleinen Dingen, die wir für unwichtig erachten. Hier erleben wir den schmerzhaften Kampf in uns, wenn wir unsere eigenen Wunden ehrlich anschauen und auch aushalten, anstatt jemand anderen ausfindig zu machen, an dessen Leid wir uns heimlich ergötzen und dem wir uns überlegen fühlen können.

Kampf und Synthese

Der Psychoanalytiker Michael Balint schrieb, daß im Kern jeder körperlichen und seelischen Erkrankung eine fundamentale Wunde liegt - ein innerer Kampf oder Konflikt, der unüberwindbar scheint und nicht nur Bitterkeit und Zorn hervorruft, sondern auch den Verlust des Lebenswillens. Hierbei handelt es sich zwar nicht um eine Aussage über irgend eine individuelle Schuld; sie legt aber nahe, daß, wenn der Konflikt bewußt gemacht werden kann, eine gute Chance besteht, den Verlauf vieler körperlicher und seelischer Erkrankungen positiv zu beeinflussen oder sie zumindest in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.
Wenn Chiron gegen die Sonne agiert, kann das zu Depressionen, Vertrauensverlust und einem Gefühl dauerhafter Verletzung oder Schädigung führen. Man wird zynisch - wie Goethe's Mephistopheles sagt, "Ich bin der Geist der Verneinung". Man erwartet zu scheitern, und aus dieser Erwartungshaltung heraus wird vermutlich auch genau das geschehen. Das Gefühl, Opfer oder Sündenbock zu sein, kann sehr ausgeprägt sein; oder man projiziert seine Verletzung auf andere und macht sie zum Opfer oder Sündenbock. Wenn wir diese innere Verletztheit und Bitterkeit in uns nicht anerkennen, könnten wir überheblich werden und uns in unserem spirituellen Wachstum sonnen wollen. Dann fühlen wir uns denen überlegen, die anscheinend weniger spirituell entwickelt sind als wir selbst. Wir könnten auch intolerant werden oder sogar grausam denjenigen gegenüber, die uns versehentlich daran erinnern, daß wir uns verletzend verhalten. Und so bleibt die immer weiter eiternde Wunde im Dunkeln.
Und doch vermittelt uns das griechisch-römische Bild von Chiron, der das göttliche Kind auf seinem Rücken trägt, daß diese zwei entgegengesetzten Symbole zusammenwirken können. Im Mythos ist Chiron der Lehrer des Kindes - derjenige, dem die Erziehung und die Fürsorge des Prinzen anvertraut wurde, der einmal König werden soll. Dies ist ein lebendiges und hoffnungsvolles Bild von der Rolle, die unsere unheilbaren Verletzungen bei der Entwicklung des Menschen, der wir werden sollen, spielt. Wir können zu einer Art Weisheit und Gelassenheit finden, die aus der geduldigen Akzeptanz des Unabänderlichen erwächst. Auch Zähigkeit und Mut können wir entwickeln, und jene Sentimentalität aufgeben, die so viele Idealisten ausgesprochen ineffektiv bei der Realisierung ihrer Träume sein läßt. Wir können auch eine Ahnung von den größeren, tieferen Mustern erfahren - der langsamen, schmerzhaften Evolution des Kollektivs, zu dem wir gehören und mit dem wir Verantwortlichkeit zu teilen haben. Kollektive Katastrophen und Fehler sind nicht die Fehler "der anderen", sie gehören zu uns allen. Wir können Milosevic schmähen und das sogar zu Recht. Und doch zeigen wir selbst jedesmal dann ein Stück von ihm, wenn wir über rassische, religiöse oder soziale Minderheiten verächtlich herziehen, oder wenn wir auf verdeckte Weise versuchen, den Menschen das Leben schwer zu machen, die uns an unsere eigenen Schwächen erinnern. Ich habe einige sehr überzeugende, politisch korrekte Menschen erlebt, die sich hinter den verschlossenen Türen ihres eigenen Heims ihren Partnern und Kindern gegenüber in kleine Adolfs und Slobos verwandelten. Und es wäre klug, sich daran zu erinnern, daß Kollektive sich ihre Führer selbst auswählen. Und wenn die kleinen Anteile des verletzten Sündenbocks in jedem von uns sich zusammentun, neigen wir dazu, ein Individuum an die Macht zu lassen, das den Willen des Verletzten und des Verletzenden in uns allen ausführen wird. Bevor wir den Ursprung von allem Bösen Personen wie Milosevic zuschreiben, täten wir gut daran, einen Blick in den Spiegel zu werfen.
Die Melancholie, die Chiron erzeugen kann, kann uns auch, wenn sie vom Licht der Sonne erwärmt wird, zu größerer Gedanken- und Gefühlstiefe führen und uns die Entschlossenheit geben, einen Beitrag zum Wohlbefinden anderer zu leisten. Wir können dann eine andere Art von Mitgefühl finden - nicht nur für diejenigen, die auf die gleiche Weise verletzt wurden wie wir selbst, sondern auch für Menschen, deren Erfahrungen nicht unbedingt mit den unseren übereinstimmen. Denn auch sie verdienen Mitgefühl, einfach weil wir alle Menschen sind. Wenn jemand ein Auge verloren hat, ist es leicht, Sympathien für jene zu entwickeln, die halb blind sind wie wir selbst, und jene zu hassen, die das Glück haben, sich ihres Augenlichts zu erfreuen. Wenn die Sonne mit Chiron zusammenarbeitet, kann sie soviel geistigen Großmut entwickeln, um zu erkennen, daß alle menschlichen Wesen leiden, einfach weil sie alleine und sterblich sind, und daß eine bestimmte Art von Wunde nicht mehr Mitgefühl verdient als eine andere. Diejenigen, die am lautesten ihr Mitgefühl für die Kosovo-Albanier bekunden, können gleichzeitig diejenigen sein, die wenig Mitgefühl für ihre schwarzen, schwulen oder jüdischen oder pakistanischen Nachbarn empfinden oder diejenigen, die ihren Hund treten, einfach nur um ihren Streß loszuwerden. Die Sonne, im Zusammenwirken mit Chiron, überwindet diese Scheinheiligkeit und führt uns zum tief verborgenen inneren Sein des menschlichen Herzens. Das Wichtigste ist jedoch, daß die Sonne mit Chiron den Lebenswillen aktivieren kann - nicht nur auf blinde oder egoistische Weise, sondern indem sich das Gefühl des individuellen Lebenssinns verbindet mit der Empathie für den langsamen und schmerzhaften Kampf hin zum Licht, das in jedem lebendigen Organismus existiert.

Sonne und Chiron in direktem Aspekt

Diejenigen, die die Sonne im direkten Aspekt zu Chiron haben, wissen vielleicht auf einer tieferen Ebene, wie die Ungerechtigkeit des Lebens die Seele verletzen kann; und wenn sie in der Lage sind, die Herausforderung dieser Planetenkombination anzunehmen, können sie auch ihre große Kraft und Energie der Aufgabe widmen, daß die Welt ein besserer Ort werden kann als zum Zeitpunkt ihrer Geburt. Es gibt viele Beispiele von "berühmten" Leuten mit Sonne-Chiron-Aspekten, die diesen Zusammenhang illustrieren; jedes Kompendium von Geburtshoroskopen, wie z.B. Taeger's Internationales Horoskope Lexikon ist es wert, auf diesen Punkt hin sorgfältig studiert zu werden. Anstatt mich mit berühmten Menschen zu befassen, möchte ich gerne zwei Menschen kurz erwähnen, die ich persönlich kenne. Beide sind mit einer Konjunktion von Sonne und Chiron geboren und sind ein Beispiel für den ausgeprägten Schmerz, an dem Sonne mit Chiron leiden kann. Eines der Bespiele verdeutlicht auch die Art von kreativer Lösung, die möglich ist.
Das erste Beispiel ist eine Frau, die eine Konjunktion von Sonne und Chiron in Steinbock im neunten Haus hat. Sie erlebte Chiron's Verletzung zunächst im religiösen Bereich (wie man es bei dieser Plazierung des neunten Hauses erwarten kann) dadurch, daß sie in eine orthodoxe jüdische Familie hineingeboren wurde, von der viele Mitglieder im Holocaust gestorben waren. Sie empfand tiefe Verbitterung und Mißtrauen den Menschen und dem Leben gegenüber. Diese Gefühle beruhten nur teilweise auf eigenen Erfahrungen, es ging mehr um die ererbte Wahrnehmung, ein Sündenbock in einer feindseligen Welt zu sein. Diese Wunde umfaßte auch eine weitverbreitete jüdisch-orthodoxe Einstellung über die Minderwertigkeit von Frauen, die sich in gewissen Tabus äußerte, was den Körper betrifft. Eine Fusion von Erfahrungen, die die Ungerechtigkeit des Lebens markierten, hatten in dieser Frau einen tiefen Zynismus erzeugt, und die offenbar starre Überzeugung, nichts wert zu sein. Auf Grund dessen bestrafte sie sich mit zwanghaftem Essen und einer Reihe von destruktiven Beziehungen. Eine Identifikation mit dem Sündenbock, die Unterdrückung eines scharfen inneren Verfolgers und das Gefühl, einen fehlerhaften, minderwertigen Körper zu haben, waren die wesentlichen Themen, die sie über mehrere Jahre lang in einer Psychotherapie bearbeitete, und worüber sie mir gelegentlich Rückmeldungen gab, wenn sie ein aktuelles Horoskop mit mir besprechen wollte. Es brauchte viel Zeit, bis sie ihren Weg aus Chirons Verletzungen heraus fand und sie die Selbstachtung und Selbstliebe der Sonne erleben konnte. Und doch kann die Erfahrung von ungerechter Behandlung manchmal das Gefühl vermitteln, etwas Besonderes zu sein. Es ist die stumme Geheimsprache einer nicht anerkannten, unbewußten Sonne, die, wenn sie auf ehrlichere Weise zum Ausdruck gebracht wird, nicht nur die eigenen Wunde heilen kann, sondern auch ein tiefes Erkennen der Blindheit und des Schmerzes eines Kollektivs, das ein anderes angreift, um seine eigenen Verletzungen zu lindern. Diese Frau ist einen langen Weg gegangen und ihre innere Zähigkeit und ihr Mut, ihr Mangel an Sentimentalität dem Leben gegenüber, haben sich nicht nur als ihre größten Ressourcen herausgestellt, sondern auch als ihre größten Stärken, mit denen sie andere Menschen unterstützt, die an Eßstörungen leiden, die denjenigen, unter denen sie selbst einmal gelitten hat, sehr ähnlich sind.
Das zweite Beispiel ist ein erfolgloser Schriftsteller. Dieser Mann hat sein ganzes Leben lang davon geträumt, Erzählungen zu veröffentlichen, sich aber ständig selbst "ein Bein gestellt", indem er Arbeiten produzierte, die nicht veröffentlicht werden konnten. Er hat eine Konjunktion von Sonne und Chiron in Löwe im fünften Haus. Sein Schreibstil ist gut und es gibt keine erkennbare Blockierung, sein Talent auch zum Ausdruck zu bringen. Was immer er jedoch produziert, ist entweder zu lang, zu kurz, zu dicht, oder aber zu unverständlich. Oder die Themen, über die er schreiben will, sind politisch irgendwie nicht einwandfrei und zu offensiv für irgendeine spezifische Gruppe, die der Verleger zu fürchten hat. Hinter seiner Erfolglosigkeit verbirgt sich Selbst-Sabotage, und hinter der Selbst-Sabotage schlummert die tiefe Überzeugung, daß er nichts wert ist, daß er dumm ist und sich nicht klar ausdrücken kann und daß, wenn er jemals eine Arbeit veröffentlichen könne, sie kritisiert und lächerlich gemacht und als wertlos abgetan würde. Bis jetzt war er noch nicht in der Lage, sich die Einsichten, die ein Geburtshoroskop vermitteln kann, zunutze zu machen und er hat die wirkliche Natur seiner Wunde noch nicht genau erkannt. Das göttliche Kind in ihm wurde sehr früh durch eine soziale Umgebung verletzt, die seine lebendige Vorstellungskraft als bedrohlich empfand und seine intensive Beschäftigung mit sich selbst und seine Art, sich zum Ausdruck zu bringen, als egoistisch beurteilte. Dafür können seine Eltern, soweit ich das einschätzen kann, nicht in besonderem Maße schuldig gesprochen werden; alle Eltern machen auf die eine oder andere Art Fehler, und seine Eltern waren nicht schlechter und vermutlich sogar besser als die meisten anderen Eltern. Aber das Bildungssystem, in dem er aufwuchs, sorgte dafür, daß das göttliche Kind in einen gesellschaftlich anerkannten Automaten verwandelt wurde. Viele Menschen erleben solche Frustrationen und sind einem ähnlichen Druck ausgesetzt. Menschen mit Sonne-Chiron in Löwe sind allerdings vermutlich sehr anfällig und leichter verletzbar durch die Angst vor Originalität, die man so oft in kollektiven Bildungseinrichtungen findet, die unwissentlich genau den kreativen Geist zerstören, den sie angeblich fördern wollen. Das Leben kann sehr ungerecht sein, wie Chiron sehr gut weiß.
Aspekte zwischen Sonne und Chiron bieten uns keine Lösung, die auf einem goldenen Teller serviert wird. Viele Menschen finden keinen Weg durch ihre Probleme. Und obwohl sie eine große Herausforderung bereithalten, können diese Aspekte uns ein Gespür dafür vermitteln, wie man Verletzungen bewußt machen kann und wie man dieses Bewußtmachen an andere weiter geben kann. Zweifellos halfen Jung seine harten Aspekte zwischen Sonne und Chiron (Sonne in Löwe im Quadrat zu Chiron in Widder) dabei, eine Psychologie des Kollektivs zu formulieren. Vielleicht verhalfen sie auch Dane Rudyar (Sonne in Widder in Opposition zu Chiron in Waage) dazu, die Astrologie von der reinen Prognostik wegzubringen und stärker menschlich auszurichten und sie zu einem Werkzeug für Einsicht und Erleuchtung zu machen. Zweifellos litten diese beiden Männer, und beide zeigten auch gelegentlich die weniger attraktiven Seiten des verwundeten Kentauren; ich wäre mit keinem von beiden gerne verheiratet gewesen. Aber sie verwandelten ihre Wunden in kreative Macht, und teilten die Gabe des mythischen Kentauren zu lehren und zu heilen. Wie haben sie das geschafft? Wie vermeiden wir es, ein Mini-Milosevic zu werden und wählen statt dessen einen Weg, der den Willen zu leben fördert?

Der Kentaur Chiron lehrt dem jungen Achilles
Der Kentaur Chiron lehrt dem jungen Achilles. Wandgemälde der Basilika Herculaneum Larousse

Wie gelangen wir dorthin?

Das Haus und das Zeichen, in dem Chiron steht, erzählen uns viel darüber, wo und wie das Leben uns verletzt hat. Hier werden wir irgendwann entdecken, daß die Schuld dafür in der Lücke zwischen Ideal und Realität und in der unvermeidlichen Fehlerhaftigkeit der menschlichen Natur liegt, egal wie sehr wir uns auch bemühen, einen speziellen Schuldigen zu finden. Vielleicht müssen wir über das Leben schimpfen, aber wenn wir nicht in zerstörerischer Verbitterung versinken wollen, die uns letztlich behindert und krank macht, müssen wir über diese Phase von Chiron's Zorn hinaus gelangen. Wir müssen uns der Suche nach Verständnis stellen, das uns über die Identifikation mit dem Sündenbock und dem Opfer hinaus bringt. Wir müssen auch die damit verbundene Neigung, selbst den Sündenbock zu spielen, überwinden. Dieses Verständnis kann erfordern, daß wir uns von früheren spirituellen und moralischen Überzeugungen lösen und eine breitere Grundlage finden, von der aus wir das Leben betrachten. Wir müssen vielleicht die Vorstellung aufgeben, daß die guten Menschen immer auf weißen Pferden sitzen und die Bösen grundsätzlich auf schwarzen. Wahrscheinlich müssen wir die Tatsache akzeptieren lernen, daß wirklich gute und bescheidene Menschen auf sehr ungerechte Art und Weise leiden, und diese unangenehmen, scheußlichen Typen sehr gut zurechtkommen, mitunter sogar reich, selbstzufrieden und gemütlich in ihren Betten sterben. Chiron und Walt Disney sind wirklich kein gutes Gespann.
Wie finden wir dieses Verständnis? Wie lernen wir, aufrichtig zu vergeben und zu akzeptieren, ohne diese überhebliche Scheinheiligkeit, die andere Wange hinzuhalten, hinter der sich tiefer unbewußter Zorn und Wut verbirgt? Um diese Aufgabe bewältigen zu können, braucht Chiron die Sonne. Die Sonne hat die Kraft die Besonderheit und Liebenswürdigkeit des Einzelnen zu bestätigen. Das alleine kann schon dem Gift des Selbstmitleids entgegenwirken. Das Haus und das Zeichen, in dem die Sonne bei unserer Geburt steht, zeigt an, was wir werden müssen, wenn wir wirklich lebendig sein wollen. Wenn die Sonne im fünften Haus in Widder steht, und wir damit beschäftigt sind, uns selbst aufzuopfern und unser Leben anderen zu widmen, dann stimmt irgend etwas nicht, und eine tiefe Illoyalität sich selbst gegenüber kann dann eher Chiron's Verbitterung wecken als sein Verständnis. Wenn die Sonne im ersten Haus in Schütze steht und wir ständig beschwören, daß wir von niemandem zur Kenntnis genommen werden wollen, dann stimmt irgendwo etwas nicht. Wenn die Sonne im zehnten Haus in Stier steht und wir behaupten, daß wir nicht an materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Anerkennung interessiert sind, dann stimmt etwas nicht. Wenn die Sonne im zwölften Haus in Krebs steht und wir nicht aufhören zu behaupten, daß wir nicht an eine mystische oder unsichtbare Dimension des Lebens, spirituell oder psychologisch, glauben, dann stimmt auch irgend etwas nicht. Ich glaube, wir müssen uns fragen: Scheint die Sonne in meinem Leben? Bin ich Ich selbst? Oder bringt mich die Angst vor Einsamkeit oder das Gefühl, nicht dazu zu gehören soweit, zu behaupten, etwas zu sein, was ich nicht bin?
Ebenso müssen wir uns mit Chiron konfrontieren und uns selbst fragen: Was ist die Art meiner Wunde? Wie hat das Leben mich verletzt, und wen spreche ich insgeheim schuldig dafür? Auf welche Weise kompensiere, verleugne, projiziere oder suhle ich mich möglicherweise in dieser Wunde? Kann ich Mitgefühl oder bloß Zorn und Selbstmitleid für mich empfinden? Wo fühle ich mich als Sündenbock und wo versuche ich, andere zu heilen oder zu zerstören, um mich selbst davon zu überzeugen, daß ich nicht verwundet bin? Wo sabotiere oder zerstöre ich mich selbst aufgrund von Verbitterung? Damit Sonne und Chiron zusammenarbeiten können, müssen wir uns beider Seiten bewußt sein. Es gibt eine tiefe und mysteriöse Verbindung zwischen diesen Planeten, die, wenn sie eher für als gegen uns arbeitet, die Lebenskraft zu mobilisieren scheint, und zwar nicht nur für unseren eigenen Selbstausdruck, sondern auch für das Kollektiv, von dem wir ein Teil sind. Chiron's Entfremdung und Beschädigung schützen die Sonne davor, arrogant und unsensibel zu werden; die Freude und Wärme der Sonne schützt Chiron vor Verzweiflung. Wie bei allen Faktoren unseres Geburtshoroskops hängt das Ausmaß dessen, wie diese Dimensionen unserer eigenen Seele ihr Bestes zu geben vermögen, davon ab, wie sehr wir uns ihrer Realität innerlich bewußt sind. Allerdings bedeutet das keine Heilung auf Lebenszeit. Das Leben wird uns weiterhin von Zeit zu Zeit auf die eine oder andere Weise verletzen. Chirons Wunden haben uns zwangsläufig unserer Unschuld beraubt, selbst wenn wir Frieden mit ihnen geschlossen haben. Der Wille zum Leben wird nicht durch die Überzeugung mobilisiert, daß das Leben immer auf Rosen gebettet ist und wir nichts weiter als Liebe brauchen, oder daß irgendein Vater-Mutter-Gott uns schon belohnen wird, wenn wir nur gut sind. Der Wille zu leben ist aus härterem Material und benötigt Realismus genauso wie Vertrauen und Weitblick, wenn wir mit dem Gefühl sterben wollen, daß wir unser Bestes aus dem Geschenk des vergänglichen Lebens gemacht haben.

 

Übersetzt von Christine Ruf / Brigitte Talke

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