Venus
von Dana Gerhardt

Meine Venus habe ich schon immer verschämt verschwiegen. Ich habe die Venus im Skorpion. Als ich anfing Astrologie zu lernen, erfuhr ich, dass ich eine intensive, verführerische und schwelende Weiblichkeit haben soll. Diese Energie würde ich denkbar gern für mich in Anspruch nehmen. Ich würde mich sogar mit der Schattenseite der rachsüchtigen Zauberin anfreunden. Doch leider konnte ich nie viel mit den üblichen Deutungen von Venus im Skorpion anfangen. Sie ist mein unbewusster Planet. Vor Jahren hat mich mein Mann wegen einer Frau verlassen, die vermutlich auch eine Skorpion-Venus hatte. Sie war dunkelhaarig, geheimnisvoll und leidenschaftlich sexuell. "Alles, was du nicht bist", meinte mein Mann.

Mein Horoskop erzählt die Geschichte meiner "enteigneten" Venus. Sie steht im 3. Haus der Geschwister: In unserer Familie hat meine Schwester die Venus bekommen. Sie war Papas Liebling. Sie hatte langes, dunkles Haar und Mandelaugen, und sie fuhr mit Leichtigkeit Fahrrad oder Rollschuh oder galoppierte auf einem Pferd davon. Ich war tollpatschig, trug eine Brille und hatte kurzes mausbraunes Haar - da war nichts Verführerisches an mir. Immer wenn ich mich mit Venusischem versuchte, hatte ich das Gefühl, meine Anstrengungen würden auf unsichtbare Weise vereitelt. Das ist Pluto, der aus dem 12. Haus im Quadrat zu meiner Venus steht. Wenn Pluto in einem anderen Haus stünde, wäre ich vielleicht intensiver, leidenschaftlicher und vielleicht auch zwanghaft-besessen, wie das Pluto-Quadrat manchmal beschrieben wird. Doch meistens habe ich den Aspekt als tiefsitzendes Gefühl der Unzulänglichkeit, ja sogar Angst vor Männern erlebt. Meine Venus hat außerdem ein Quadrat zum Mond, ein typischer Indikator für Rivalität unter Frauen. Oft wird damit eine Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter beschrieben, bei der die Mutter subtil die Weiblichkeit ihrer konkurrierenden Tochter untergräbt. Vielleicht war diese andere Dreiecksbeziehung in unserer Familie dafür verantwortlich, dass meine Mutter meine Mädchenhaftigkeit untergrub, indem sie mich zu ihrem Liebling machte, mit einer ambivalenten Botschaft über unser Geschlecht. Sie hat mich oft für meine Intelligenz und Charakterstärke gelobt, aber nie für meine Schönheit.

Ich habe es schon recht früh, vielleicht mit vier oder fünf, aufgegeben, ein Mädchen zu sein. Mit Venus in Konjunktion mit dem gescheiten Merkur, habe ich mich immer für den androgynen Bücherwurm-Stil entschieden. Was auch immer die Leidenschaften meiner Skorpion-Venus sein sollen, ich habe sie konsequent in Dritt-Haus-Aktivitäten umgeleitet, in eine brennende Liebe zur Schönheit der Sprache, eine Leidenschaft fürs Lernen, eine Sehnsucht danach gedankliche Tiefen auszuloten. Während meiner Schwangerschaft war ich sehr beruhigt, als ich erfuhr, dass ich einen Sohn bekommen würde. Bei meiner Hilflosigkeit gegenüber rosa Schleifchen und Spitzen hätte mir vor der Aussicht auf eine Tochter gegraut. Wie würde ich sie anziehen? Wie würde ich sie frisieren? Was um Himmels Willen könnte ich ihr beibringen?

Da ich so mit meinem eigenen Unwohlsein mit Venus beschäftigt war, hat es eine ganze Weile gedauert bevor ich um mich geschaut und bemerkt habe, dass viele andere auch kein so gutes Verhältnis zu ihr haben. Wir haben alle unterschiedliche Geschichten der Enteignung, aber wenn wir die Gesundheit unserer kulturellen Venus an dem messen, was die Leute Astrologen fragen, lässt sich leicht ableiten, dass kaum jemand sie sein eigen nennt. Gleich nach den Sinnfragen ("Wer bin ich wirklich?" und "Was soll ich mit meinem Leben anfangen?") wollen die meisten Menschen wissen, wie sie mehr Venus-Entsprechungen erleben können. Sie wollen mehr Liebe, mehr Geld, mehr Glück. Die wollen attraktiver sein und sich von ihren Lieben geschätzt fühlen. Kulturelle Epedemien niedrigen Selbstwerts, leidenschaftsloser Ehen, und freudloser Arbeit sind weitere Beweise dafür, wie sehr sie uns fehlt, die Venus, und wie sehr wir uns nach ihr sehnen.

SculptureWer also ist Venus wirklich? Sie ist mehr als schiere Weiblichkeit. Sie waltet über viele gute Dinge des Lebens. Natürlich ist sie das strahlende, makellose Mädchen aus der Bierwerbung. Aber sie ist auch die sinnlich träufelnde Schokolade und das lustvolle, unbekümmerte Lachen. Sie ist ein Diamantkollier und ein köstlich fauler Nachmittag. Wenn Sie Ihre innere Venus aufwecken wollen, lassen Sie einfach Ihre Finger über ein Seidenlaken tanzen oder riechen Sie das feine Leder einer Luxuslimousine. Venus ist verrucht, orgasmisch, lebenslustig. Sie ist anmutig und künstlerisch. Sie ist Marilyn Monroe und Jackie Onassis. In ihrer Stier-Ausprägung ist sie die Sinnlichkeit und Fruchtbarkeit der Erde. Sie ist süße Harmonie und gerechter Ausgleich in Ihrer ästhetischen, luftigen Waage-Natur. Wir finden sie in einer eleganten mathematischen Gleichung. Wir hören sie, wenn sie in einem Windspiel singt oder im Morgengesang der Vögel. Lassen Sie einen Eiswürfel Ihren Rücken hinuntergleiten, und sie wird vor Vergnügen quietschen. Sie ist Selbstbeherrschung und Erotik, Hemmungslosigkeit und guter Geschmack. Als Göttin der Liebe und der Fülle ist sie es, die diese Welt so angenehm und lustvoll macht. Also, warum um alles in der Welt sollen wir überhaupt irgendwelche Probleme mit ihr haben?

Die Venus von heute ist hoffnungslos frustriert. Unsere dauerhafteste Venus-Pop-Ikone, Marilyn Monroe, ist für zwei Eigenschaften gleichermaßen bekannt: ihre faszinierend-verlockende Ausstrahlung und ihre Unzufriedenheit. Sie ist nicht die Einzige. Denken Sie an Elizabeth Taylor, Jacqueline Kennedy und Lady Di, andere Venus-Ikonen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jede hatte so viel, und war doch so schmerzlich unzufrieden. Was sie in Form von Geld, Status und Schönheit besaßen, schien ihnen an wahrer Liebe und persönlichem Glück zu fehlen. Ihre Geschichten bestätigen unsere modernen Erwartungen - von zerstörten Hoffnungen und großer Schönheit, die mit persönlichen Tragödien einhergingen. In unseren romantischen Fantasien verherrlichen wir oft das Unglück - den Schmerz der Sehnsucht, das süße Leid des Abschieds. Es stimmt - etwas nicht haben zu können, kann dessen beste Eigenschaften an die Oberfläche schwemmen. Und doch, wie oft werden wir bequem oder kritisch und vernachlässigen unser Glück vollkommen, sobald unsere Sehnsüchte erfüllt sind? Wir mögen uns nach unseren Liebespartnern sehnen und Götter aus ihnen machen, auf dass sie (Ach!) all das ausfüllen mögen, was uns in unserem Leben fehlt. Wenn sie dann mit bleiernen Füßen auf die Erde krachen, jagen wir einer neuen Fantasie nach. Das Armselige an diesem Ansatz ist die allgegenwärtige Leere, die ihn uns entlockt. Wir brauchen jemanden oder etwas, das uns ganz macht, heil macht - wir haben unsere Venus zum Betteln auf die Straße geschickt.

Es verwundert also nicht, dass so viele Menschen zu Astrologen gehen und hoffen, hier das gesuchte Venus-Glück zu finden. Astrologen untersuchen die Venus im Horoskop, wenn sie etwas über die Beziehungen oder Finanzen der Menschen herausfinden wollen. Liebe und Geld verkörpern unsere Vorstellungen von Glück. Aber sind es ihre? Was ist, wenn die Venus-Stellung vielmehr anzeigt, wo wir ihren Interessen dienen sollen, anstatt andersherum? In früheren Zeiten, wenn jemand viel Pech im Leben hatte, war es die Aufgabe des Orakels herauszufinden, welchen Gott oder welche Göttin er erzürnt hat, und was er tun müsse, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Die meisten Astrologiebücher sagen mir, dass ich mit meiner Venus im Skorpion eifersüchtig und lüstern sei. Aber wäre es nicht interessanter, wenn sie verraten würden, was die Venus im Skorpion von mir will? Wenn sie nicht sagen würden, wie ich bin, sondern vielmehr was ich tun muss? Bis das geschieht könnte meine Fähigkeit zur Freude weiter in ihrem Dornröschenschlaf verharren. Kann die Astrologie den magischen Kuss liefern, der meine Venus zum Leben erweckt? Wer ist Venus wirklich? Und was ist ihr wichtig?

Die Griechen kannten sie als Aphrodite. Diese Göttin ist weder eine brillante Strategin wie Athene noch eine gute Jägerin wie Artemis. Sie reist mit Männern, aber nicht als Konkurrentin. Strahlend schön und herrlich elegant ist sie, eine unwiderstehliche Frau, die zahllose Verführungskünste der vollendet beherrscht. Sie weiß, wie sie gefallen kann - und ist entzückt über jede Aufmerksamkeit, die ihr entgegengebracht wird. Der Schmiedegott Hephaistos ist mit ihr verheiratet, aber romantische Beziehungen hat sie mit einer ganzen Schar anderer, einschließlich der Götter Ares, Dionysos und Hermes, sowie mit den Sterblichen Adonis und Anchises. Es gibt sogar inzestuöse Gerüchte über Zeus, den Vater ihrer Erde-Verkörperung. Zu ihren Söhnen gehören der Held Aeneas, Priapus mit seinem riesigen Phallus, und Hermaphroditos mit männlichen und weiblichen Genitalien. Sie ist umgeben von ungenierter Sexualität. Ihr berühmtester Sohn ist natürlich Eros, dieser Cherubim der Begierde mit seinen zerstörerischen Pfeilen. Es gibt verschiedene Geschichten über ihre Geburt, aber in der berühmtesten steigt sie in vollkommener Gestalt aus dem Meeresschaum von Uranus' abgeschnittenen Genitalien empor. Tempel wurden ihr errichtet und Priesterinnen huldigten ihr mit sexuellen Künsten. Häufig wird sie nackt auf einer riesigen Seemuschel (dem Symbol für die Vulva) stehend dargestellt.

Aphrodites Verbindung mit den männlichen sowie den weiblichen Geschlechtsorganen ist so auffallend, dass wir diesen Schlüssel zum Verständnis ihrer Werte nicht vernachlässigen dürfen. Aber wie beziehen wir das in unsere Horoskope mit ein? Und wie vereinbaren wir ihre ungehemmte Sexualität mit unseren feministischen Werten des 21. Jahrhunderts? Wir haben hart dafür gekämpft, dass Frauen nicht mehr nur als Sexualobjekte betrachtet werden. Außerdem dürfen wir auch den dunklen, schmutzbehafteten Schleier nicht vergessen, den zweitausend Jahre Christentum über Aphrodites hemmungslose erotische Freizügigkeit gelegt haben. Die meisten von uns entdecken ihre erotischen Gefühle in der Jugend, alleine und im Geheimen. Sie nicht mit anderen teilen zu können färbt unsere Sexualität für immer mit Scham und einem gewissen Unwohlsein. Die Belehrungen über die Techniken und die Tugendhaftigkeit der Arbeit sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, aber wir erfahren wenig von den Fertigkeiten der Freude und der Wichtigkeit des Vergnügens. Auch das mittelalterliche Erbe der höfischen Liebe bietet uns wenig Trost. Obwohl von diesem Gemütszustand nur ein paar privilegierte Ritter und Troubadure betroffen waren, hat dieser enthaltsame und idealistische Liebesstil unsere modernen Vorstellungen von Romantik zutieftst geprägt - und verzerrt. Lassen wir sexy Aphrodite durch all diese Filter laufen, dann kommt sie am anderen Ende ziemlich strapaziert heraus - was wiederum der Grund dafür sein mag, dass wir, anders als die Griechen, ihr keinen aufrichtigen Tempel gebaut haben. Das ist natürlich eine Art der Vernachlässigung, die eine Göttin in Rage bringt.

Tatsächlich meint der Psychoanalytiker James Hillman, dass Aphrodite ziemlich wütend ist. Die Göttin der Sexualität erwartet von uns, dass wir Sex als heilige und seelenvolle Kraft erkennen. Sie möchte uns mit ihrem göttlichen Funken entzünden, auf dass wir Werkzeuge der Freude und des Vergügens werden. Sie will, dass wir Langeweile und Müdigkeit mit himmlischem Vergnügen vertreiben, dass wir unsere reiche und schöne Welt riechen, schmecken und berühren. Sie will zeigen, wie uns die ekstatische Vereinigung mit der Lebenskraft des heiligen Geschlechtsaktes ganz und heil fühlen lässt. Dann wird unser Leben und alles, was uns begegnet, mit aphrodisischem Lachen, mit Glanz und Eleganz gesegnet sein. Wenn wir jedoch ihr Geschenk nicht würdigen, wenn wir es verweltlichen, ablehnen, uns davonschleichen, und ein schlechtes Gewissen dafür haben, dann haben wir sie und ihre Kraft zutiefst entehrt. Eine Göttin, die verärgert ist, ist eine Göttin, die auf Rache sinnt. Und Venus tut das, sagt Hillman, indem sie uns den "rosaroten Wahnsinn" schickt. Dann sagt Venus, ich werde mit meinem rosaroten Wahnsinn in jede Ecke eurer Welt dringen, die mir bisher den Einlass verwehrt hat. Ich werde eure Autos und euer Essen zu pornographischen Objekten machen, eure Werbung und Ferien, eure Bücher und Filme, eure Schulen und Familien. Ich werde in eure T-Shirts und Unterwäsche schlüpfen, sogar in eure Windeln, in eure coolen Jugendlichen, ihre Slogans und Lieder, und in die alten Damen und Herren in ihren Rentnerkolonien, in die Spaziergänger in Touristenstädten und an Stränden. Ich zeig's euch, indem ich euch all das zeige bis eure Köpfe rosarot schwirren vor romantischen Begierden, vor der Sehnsucht, davon loszukommen - vor lauter Stelldicheins, Nestern, süßen Freuden. Das heißt, die ganze Zivilisation wird verrückt danach sein, in meinen Wildpark, in meinen geheimen Garten zu gelangen. Ich werde eure gesamte Kultur so in Erregung versetzen, dass sogar diejenigen, die versuchen ihre Neurosen zu heilen, mitsamt ihren nüchternen Psychoanalytikern, über nichts Besseres reden können als Begierde, Genuss, Verführungen, Inzest, Belästigungen und den Blick in den Spiegel. [1]

Mit ihren zahlreichen sexuellen Begegnungen zeigt uns Venus unsere Fähigkeit zur Promiskuität, unsere Fähigkeit, uns mit dem ganzen Leben ihr hinzugeben, sie zu genießen, mit ihr zu spielen, und aus ihrer Kreativität zu schöpfen. Wenn die Sonne kreativ ist, will sie sich selbst ausdrücken und anerkannt werden. Venus hingegen erschafft aus reiner Lust daran. Wenn Venus beteiligt ist, ist unsere Kreativität erotisch. Ihre Abwesenheit kann ein Grund sein, weshalb manche kreativen Projekte scheitern, belastet mit zu vielen Zielsetzungen und Erwartungen. Venus erinnert uns daran, dass es eine hohe Kunst ist, sich zu freuen und Spaß zu haben. Und das ist ein großer Schatz des Kosmos. Ohne die Sonne gäbe es kein Leben, aber ohne Aphrodites Begehren, das sich in der Umarmung durch die Schwerkraft und den fruchtbaren, empfangenden Körper der Mutter Erde ausdrückt, gäbe es hier keinen Garten, keine Schöpfung, keine Schönheit. Dass unser irdisches Paradies überhaupt existiert ist recht bemerkenswert. Nichts davon ist notwendig. In gewisser Weise ist das alles Schnickschnack. Aber was für Schnickschnack! Wenn wir uns nicht am alltäglichen Schnickschnack unserer Existenz erfreuen können, haben wir Venus-Aphrodites Anliegen wirklich nicht begriffen.

Dana Gerhardt

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Über Dana Gerhardt

Die Venus im Horoskop fordert also gewisse Dinge ein. Ob sie in Ihrem 4. Haus der Familie steht, oder im 11. Haus der Freunde, in Ihrem 9. Haus der Philosophie - wo immer sie auftaucht: Sie müssen ihr Rechenschaft ablegen. Gestalten Sie diesen Lebensbereich schön? Nehmen Sie sich hier Zeit für sinnliche Erfahrungen? Erlauben Sie sich, sich zu öffnen und hinzugeben? Lachen Sie, würdigen Sie, spielen Sie, so dass Sie alle Menschen in Ihrer Umgebung mit Ihrer Freude anstecken? Das Zeichen, in dem Venus steht, zeigt wie wir ihren Tempel schmücken sollen, wie Sie ihn mit den Dingen füllen, die Sie am meisten trösten, ehren, und erfreuen. Lesen Sie Venus' Aspekte zu anderen Planeten als Geschichten über ihre Eskapaden, wo sie sich geschätzt, vielleicht auch herausgefordert und sogar überwältigt fühlt. Machen Sie aus Ihren Venus-Lernerfahrungen ein Vergnügen, keine lästige Pflicht. Fangen Sie beim ersten Glücksgefühl an, das Sie in Ihrem Venus-Haus und Zeichen finden und bauen darauf auf. Jeder hat an irgendetwas Freude, egal wie öde seine Lebenslandschaft sonst aussehen mag. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ein Professor einmal erzählte. Er stand mit einem von Selbstmordgedanken geplagten Kollegen in der Warteschlange einer Cafeteria, als dieser Mann die deprimierte Beschreibung seines Elends unterbrach, um dem Bediensteten hinter der Theke Anweisungen für eine gebackene Kartoffel zu geben. Sehr sorgsam wählte er diejenige aus, die er wollte, mitsamt allen extra Leckereien für obendrauf. Das war ein Augenblick, egal wie kurz, in dem Venus lebendig war, in dem das Begehren den Tod überwand.

Venus fordert von uns, dass wir unser eigenes Vergnügen mit offenen Armen empfangen. Aber angesichts der kulturellen Unterdrückung der Venus ist das nicht immer einfach. Die berühmte - und armlose - Statue der Venus von Milo im Louvre zeigt unseren Seelenzustand mit ironischer Genauigkeit. Einer Venus ohne Arme ist die Fähigkeit, sinnlich auf die Welt zuzugehen, genommen. Sie ist just der Umarmung beraubt, die sie ausmacht, die sie mit Augen, Verstand und Herz ersehnt. Lehrreicher ist da Boticellis 'La Primavera'. In diesem Gemälde erhebt Venus die Hand in einer Geste der Anerkennung für das, was sie umgibt. Sie ist Venus, die Würdigende, die Ästhetische. Mit der anderen Hand hält sie ihr Gewand, eine Geste der Selbstbeherrschung und Selbstbestimmung. Inspirierend ist auch Boticellis 'Geburt der Venus'. Anders als bei den Liebenden auf Keats' Urne, die sich ewig nach dem unerreichbaren Zukünftigen strecken, steht diese Venus nackt auf ihrer Riesenmuschel, ganz in ihrer Mitte und im Moment, ihren gefälligen, genussvollen Körper umarmend, königlich in ihrer Verzückung.

Diejenigen von uns, denen diese Ausdrucksform nicht vertraut ist, brauchen gute Venusvorbilder. Ich hatte das Glück, drei Freundinnen mit Venus in den Gauquelin-Sektoren [2] ihrer Horoskop zu haben. Eine hat Venus am Aszendenten. Ihr Leben ist ein erstaunliches Echo auf Aphrodites Geschichte: Sie ist mit einem Hephaistos-Mann, einem Handwerker, verheiratet, der sie mit selbstgefertigten Geschmeiden schmückt. Und daneben gibt es einen anderen Mann, mit dem sie eine leidenschaftliche Affäre hat. Jill ist eine unheilbare Verführerin. Wenn sie gerade eine Rivalin übertrumpft hat, macht sie die sehr überzeugende venusische Geste einer stolzen und zufriedenen Katze, die ihre Pfote leckt. Einmal habe ich sie über das Flirten befragt, eine Tätigkeit, die mich schon immer verwirrt hat. Ihr Gefühl sage ihr, dass ihr Geheimnis in ihrem Lachen liege. "Männer", sagte sie, "wissen genau, was ich meine, wenn ich lache." Bei den Griechen war Aphrodite als die Göttin bekannt, die das Lachen liebte. Lachen ist Aphrodites Mittel, um uns zu beruhigen und wohlzufühlen. Und es kann signalisieren, dass wir das eine oder andere vom Vergnügen verstehen.

Meine zweite Freundin hat Venus in Konjunktion mit der Himmelsmitte. Carol genießt ihren beruflichen Erfolg. Sie ist in eine höhere Position mit einem guten Gehalt aufgestiegen, obwohl sie nur einen normalen Schulabschluss hatte und viel jünger war als ihre Kollegen. Im Büro steht sie oft im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und sie ist schön, sie weiß genau wie sie ihre Augen schminken muss, und in einer Welt, die magersüchtige Frauen verherrlicht, zeigt sie ohne Scham ihre üppigen Kurven in hautengen Jeans. Sie kann genau so unzüchtig wie korrekt sein. Bei offiziellen Anlässen (Himmelsmitte) ist sie sehr darauf bedacht, die Etikette zu wahren. Bei ihrer Brautparty habe ich erlebt, wie sie mit bemerkenswertem Geschick und Anmut die Bescheidenheit des gemütlichen Beisammenseins in das wichtigste und eleganteste Ereignis der Welt verwandelt hat - was es für sie auch war. Von Carol habe ich gelernt, wie Aphrodites Selbstvertrauen und ihr Bekenntnis zur Schönheit ansteckend auf uns andere wirken kann und uns an ihrer Freude teilhaben lässt.

Meine dritte Freundin hat Venus am Deszendenten, in ihrem eigenen Haus, ihrem Ehrenplatz. Andrea ist groß und elegant. Sie trägt Perlen mit einer solchen Natürlichkeit, dass sie sogar im Waschsalon passend erscheinen. Sie leidenschaftlich besessen von feiner Bettwäsche. Sie wollte schon früh im Leben Künstlerin werden, gab sich dann aber damit zufrieden einen zu heiraten. Einmal habe Ich sie gefragt, wie sie mit Männern umgehe, die sie nicht interessieren - etwas, das mir immer an Ko-Abhängigkeit grenzende Schuldgefühle verursacht hat. Ich nahm an, dass ihr so etwas oft passierte. Sie dachte einen Moment lang nach und suchte dann instinktiv die Antwort in ihrem 7. Haus. "Ich versetze mich immer in mein Gegenüber hinein und sage es ihm dann auf eine Art, die ich an ihrer Stelle gerne hören würde." "Aber was, wenn sie es nicht begreifen?" fragte ich. "Dann ist es am freundlichsten, es ihnen sanft aber sehr direkt zu sagen." Das war die Stimme der Aphrodite, zuckersüß aber selbstbestimmt.

Ich habe Zeiten miterlebt, in denen diese Frauen über das weibliche Geschick Normalsterblicher weit hinausgegangen sind. Wenn ich aber den Finger auf das legen müsste, was die drei verbindet, ist es das: Ich war unglaublich enttäuscht als ich schließlich ihre Männer traf. Nicht dass es etwas an ihnen auszusetzen gab. Es ist nur, dass die Art wie jede von ihnen immer über ihren Geliebten gesprochen hat, mich nichts weniger als einen Gott hatte erwarten lassen. Obwohl sie mit ihren Partnern schon lange zusammen sind, spricht immer noch jede über ihren Mann mit himmlischen Seufzern und verträumten Augen, auf diese überschwängliche Art, die wir anderen uns für die ersten drei Monate mit unseren Partnern reservieren. Aber ihre Bewunderung ist weder die Fantasie einer frühen Romanze noch die Unterwürfigkeit der Frau. Alle drei sind starke Frauen und sich des Allzumenschlichen ihrer Liebsten sehr wohl bewusst. Und doch sehen sie in ihnen noch immer jemanden, der sie entzückt. Und das ist Aphrodites tiefstes Geheimnis: Sie weiß, wie sie sich immer von Neuem an der Liebe erfreuen kann.

Aus diesem Grund mag uns Aphrodites legendäre Vielmännerei verwundern. Was hat es mit dieser Promiskuität auf sich? Diejenigen, die viele wechselnde Liebhaber haben, legen sich nie auf eine feste Beziehung fest; daher hat jede Liaison den Reiz des Neuen. Die meisten von uns tauschen nach einer gewissen Zeit in der Partnerschaft unsere Venus gegen die forderndere Präsenz des Mondes ein. Wir wollen Sicherheit, wir haben Bedürfnisse, wir haben einen Sinn für das Vergangene. Wir verlieren unsere Spontaneität und suchen eine tiefere Bedeutung hinter jeder Handlung. Wenn der Partner dieses Mondes vergisst, ihm eine Bitte zu erfüllen, ist er davon überzeugt, dass er dem anderen egal ist. Der Mond gleitet in alte Muster zurück und fragt sich, ob dieser Partner ihn je glücklich machen wird. Die selbstbestimmte Venus hingegen nimmt solche Enttäuschungen anders wahr, nicht als Spiegelung ihrer Wertlosigkeit, sondern als Gelegenheit, mehr über den anderen herauszufinden. Vielleicht amüsiert sie sich, fühlt den Kitzel der Intensität, die ihren Liebsten so geistesabwesend macht, so verzückt von seinen Geschäftsunterlagen, die er überall mit sich herumträgt, die Arme voller Notizzettel, denn ihr Liebster, eifrig wie ein Kind, kann sich nichts merken, das er nicht irgendwo aufgeschrieben hat. Vielleicht ist es sogar genau das, was sie an ihm so liebt.

Venus, die Kurtisane, ist entzückt über jede Freude, die ihr gemacht wird. Sie liebt es, alles was sie sieht zu lieben. Es ist schon etwas Reizvolles an dieser Art der Promiskuität. Es ist die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Und es ist die Bereitschaft, unsicher zu sein, nicht zu wissen, wohin das alles führen wird. Diese Art Eros können wir überall mit hin nehmen - in unsere Ehen, unsere Karrieren, sogar in unser Beziehungen zu Kindern und Freunden, in jede Begegnung mit der Welt. Dieser erotische Dialog wird von der buddhistischen Nonne Pema Chodron [3] sehr gut beschrieben, wenn sie vorschlägt, wir sollten mit erwartungsvollem Staunen durch die Welt gehen. Wir könnten uns zum Beispiel fragen, ob beim Spülen der Toilette das Wasser nach oben oder unten wirbeln wird, und wie wunderbar es ist, wenn es nach unten wirbelt. Können Sie sich vorstellen, wie interessant Ihr Abendessen heute schmecken wird, wenn Sie nicht wissen, was Sie von Ihren Nudeln erwarten sollen? Können Sie sich vorstellen, wie spannend die Gegenwart Ihres Kindes ist, wenn Sie nie genau wissen, was aus ihm oder ihr einmal wird? Wenn Sie die Dinge mit neuen Augen und offenem Herzen wahrnehmen, kann alles schön oder faszinierend sein, kann alles Ihre Liebe erwecken.

Nicht alle Venus-Geschichten enden glücklich. Schließlich war sie es, die den Trojanischen Krieg angezettelt hat. Und dann war da noch die Geschichte, als ihr Mann Hephaistos sie der Untreue verdächtigte und sie nackt mit ihrem Liebhaber Ares unter einem Netz einfing - auf dass der ganze Olymp sie begaffen und auslachen konnte. Die Lehre ist klar: Wenn du nach deiner Venusnatur handelst, kann es leicht passieren, dass du enttarnt wirst. Mit Venus benennen Sie Ihre Werte, die Sie verraten und in die Falle locken können. Sie ist die Göttin der Wahlmöglichkeiten. Und allem, was wir wählen, folgen Konsequenzen. Es kann also sein, dass es immer einen Preis gibt, den Sie bezahlen müssen. Sicher können Sie es kühl und distanziert angehen, aber dann laufen Sie Gefahr Ihre Leidenschaft zu verlieren. Venus sagt "Werde heiß". Sie können in Schwierigkeiten geraten. Vielleicht fangen Sie einen Krieg an. Das Leben ist nicht mehr ganz so sicher. Aber dann, ohne Ihre Venus - wäre das wirklich ein Leben?


  1. James Hillman, "Pink Madness," Spring 57, Connecticut: Spring 1995, p. 41.
  2. Michel Gauquelin ist ein französischer Statistiker und Astrologe, der die verstärkte Wirkung von Planeten gezeigt hat, die innerhalb eines Orbis von 10 Grad an einer der Hauptachsen stehen.
  3. Pema Chodron, Awakening Compassion, (Sounds True Audio, 1995)

MOONPRINTS by Dana Gerhardt

Zu Moonprints Die Leser der amerikanischen Astrologiezeitschrift "The Mountain Astrologer" schätzen diese wunderbare Deutung schon seit über 20 Jahren. Moonprints beschäftigt sich tiefgehend mit den Hintergründen Ihres Gefühlslebens. Sie erhalten neue Einblicke in den Mond des Geburtshoroskops - seine Phase, das Zeichen, Aspekte und sein Haus. Entdecken Sie Ihren Lebenssinn, versteckte Talente und Gefahrenzonen durch die Mondknoten. Nutzen Sie den Mond, um sich selbst in den Rhythmen der Zeit zu verankern - durch Transite zum Mond, Ihre progressiven Mondzeichen und -häuser, Daten für zwei progressive Mondzyklen, plus einen Jahreslauf der Neu- und Vollmonde durch Ihr ganzes Horoskop. Sie werden jede Seite dieser Deutung lesen wollen, die sowohl Anfänger als auch fortgeschrittene Astrologielernende anspricht. Die Deutung ist auch in einer deutschen Übersetzung bei Sabine Bends erhätlich.

Zur deutschen Ausgabe von Moonprints

Aus dem Englischen übersetzt von Karin Hoffmann

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