Auszug aus der dritten, erweiterten Auflage des Buches von Dieter Koch: "Kritik der astrologischen Vernunft", das im Winter 2013/2014 in gedruckter Form erscheinen wird. Mehr über den Autor
zuletzt überarbeitet am 7. Feb. 2013
Seit Mitte der 1990er-Jahre hat die sogenannte "vedische Astrologie" insbesondere in Amerika einen bemerkenswerten Boom erfahren. Hierbei wurden nicht nur der siderische Tierkreis, sondern auch andere Techniken der indischen Astrologie und sogar zugrundeliegende spirituelle Vorstellungen der vedischen Kultur in den Westen exportiert. Mit ihrer Bezeichnung als "vedisch", also einer Bezugnahme auf die heiligen Schriften des Hinduismus, die Veden, wird suggeriert, daß diese Astrologie einen spirituellen Hintergrund habe und letztlich auf göttliche Offenbarung zurückgehe. In der Folge wird diese Astrologie tendenziell auch im typisch indischen Meister-Schüler-Verhältnis gelehrt, und entsprechend selbstbewußt und mit einem Anspruch der Überlegenheit treten "vedische" Astrologen gegenüber westlichen Astrologen auf.
Wer die indische Astrologie kritisch hinterfragen will, betritt ein ideologisches Minenfeld. Indische Gelehrte empfinden das Herangehen westlicher Wissenschaft an ihre heiligen Texte oftmals als einen Angriff auf ihre spirituelle Tradition und ihren Nationalstolz. Statt mit guten Argumenten reagieren sie nicht selten mit Aggression oder damit, daß sie dem Gegner jegliche Qualifikation absprechen. So wurde mir von einem indischen Gelehrten z.B. gesagt: "The texts of the Vedas have been written in such a way that the non-initiated should not be able to interpret it" – womit dann das Gespräch beendet war. Dabei hatte ich nur eine vernünftige Diskussion über problematische Textstellen gewünscht, bei denen ich der Meinung war, daß mein Gegenüber sie falsch interpretierte. Westliche Anhänger östlicher Lehren übernehmen leider diese Gefühle und Reaktionsweisen.
Erschwerend wirkt sich der Umstand aus, daß bei einer traditionellen Unterweisung im Meister-Schüler-Verhältnis eine sachliche Diskussion der Fakten gar nicht vorgesehen ist. Ein Studium nach indischer Tradition geht auch nicht derart vonstatten, daß man die autoritativen Quellen unvoreingenommen studiert, diskutiert und zu ergründen versucht, sondern so, daß man vom Guru eine Ideologie vermittelt bekommt und lernt, wie sich diese anhand der autoritativen Quellen, die als göttliche Offenbarung betrachtet werden, "beweisen" läßt. Den heiligen Texten wird dabei oftmals erhebliche Gewalt angetan, ihr Sinn auch durchaus einmal ins genaue Gegenteil verkehrt. 1 Entdeckt ein Schüler, daß die Meinung des Gurus im Widerspruch zu den Veden steht, kann dies nur am noch ungenügenden Verständnis des Schülers liegen.
Verschiedene Lehrtraditionen, die sich auf
dieselben autoritativen Quellen berufen, diskutieren nicht
miteinander, sondern kochen eine jede ihr eigenes Süppchen. Sie
leben in der unerschütterlichen Gewißheit, im Besitz des
wahren spirituellen Weges zu sein. Stoßen sie irgendwo doch
aufeinander, gehen sie oft aggressiv, argwöhnisch, herablassend oder
spöttisch miteinander um. Gleichzeitig kann man feststellen,
daß manche indische Gurus in Paralleluniversen leben, in denen auch
die selbstverständlichsten philologischen, historischen und
astronomischen Tatsachen keine Geltung haben. All dies mutet um
so befremdlicher an, als es hier doch eigentlich stets um die
Erkenntnis der Wahrheit und des Göttlichen geht. Die Blüten dieser
Problematik lassen sich in den zahlreichen indischen Foren in
englischer Sprache studieren, die sich den Themen der indischen
Astrologie und Astronomie, des Kalenders, der Archäologie usw.
widmen. 2
Es ist daher schwierig, mit Vertretern indischer Traditionen in
ein konstruktives Gespräch zu kommen.
Es ist im Rahmen dieses Textes nicht möglich, mit allen Irrtümern indischer Traditionalisten und ihrer westlichen Anhänger aufzuräumen. Ich beschränke mich auf einige wesentliche Punkte.
Die Inder selbst nennen ihre Astrologie nicht "vedisch", sondern bezeichnen sie einfach als jyotiṣam, also "(Wissenschaft) von den Lichtern". Zumindest war dies bis vor wenigen Jahren so. Der Ausdruck "vedische Astrologie" ist erst bei dem erwähnten Boom indischer Astrologie im Westen in den letzten Jahrzehnten aufgetaucht. 3 Böse Zungen behaupten, der Begriff sei nur erfunden worden, weil sich vedische – d.h. spirituelle – Astrologie besser verkaufe. 4 Seine große Bekanntheit im Westen verdankt er insbesondere amerikanischen Astrologen, allen voran David Frawley. Der Ausdruck erfreut sich allerdings auch bei indischen Astrologen zunehmender Beliebtheit.
Der Ausdruck „vedisch“ wird gern gebraucht, um auszudrücken, daß es sich um eine heilige Lehre handelt, die von den Sehern (Rishis) der Vorzeit vor über 5000 Jahren geoffenbart und in unveränderter Form von Generation zu Generation bis heute weitergegeben wurde. Als Beweis dafür dient etwa das astrologische Lehrbuch Bṛhat-parāśara-horā-śāstra, das selbst von sich behauptet, eine Offenbarung des vedischen Sehers Parāśara zu sein.4a In Wirklichkeit ist der älteste Teil dieses Werks erst vor etwa 1400 Jahren entstanden. Und anders, als seine heutige große Popularität vermuten läßt, war es vor den 1980er-Jahren unter indischen Astrologen weitgehend unbekannt.4b Ein wichtiges Indiz gegen das hohe Alter dieses Werks ist die Tatsache, daß antike Autoren und Kommentatoren es nicht kommentiert und noch nicht einmal gekannt haben;4c ein anderes die Tatsache, daß die alten vedischen Schriften selbst eine „Astrologie“ von ganz anderer Art praktizierten. Zwar mag die indische Astrologie insofern „vedisch“ sein, als sie Teil der heutigen vedischen Tradition ist. Doch ist sie viel jünger als die Veden, das Kernkorpus der heiligen Schriften des Hinduismus, und in wichtigen Teilen auch nicht indischen, sondern griechischen Ursprungs.
Die Veden selbst (śrutiḥ), interessieren sich vor allem für die Position des Mondes in den 27 bzw. 28 Mondhäusern, für die Mondphasen und für die Äquinoktien und die Solstizien. Planeten finden dagegen kaum Beachtung, Tierkreiszeichen sind völlig unbekannt.5 Die Beobachtung des Himmels war in erster Linie von Bedeutung für den vedischen Opferkult. Von einer Geburtshoroskopie, wie wir sie heute kennen, ist nie die Rede.
Ganz ähnlich ist die Situation im großen Mahābhārata-Epos, das von einem apokalyptischen Krieg in der indischen Vorgeschichte handelt und zum weiteren Kreis der heiligen Schriften Indiens gehört (smṛtiḥ). In diesem Epos finden sich zahlreiche kalendarische und astronomische Angaben, etwa in welchen Mondhäusern der Mond und – seltener – die Planeten sich bei bestimmten Ereignissen befanden, in welchem Mondmonat ein Ereignis stattfand, an welchem Tag des Monats und bei welcher Mondphase oder ob es eine Finsternis gab. Hingegen von Tierkreiszeichen, Aszendenten oder anderen Elementen der heutigen "vedischen Astrologie" ist auch hier nie die Rede. 6 Im Vedāṅgajyotiṣa, dem ältesten astronomisch-kalendarischen Lehrwerk erscheinen die Tierkreiszeichen ebenfalls nicht. 7
Aufschlußreich sind auch die Angaben betreffend das
"Geburtshoroskop" Kṛṣṇas, die sich im
Harivaṃśa, einem "Appendix" des
Mahābhārata-Epos, sowie in einigen
Purāṇa-Texten finden. Die Tradition deutet
die Texte so, daß Kṛṣṇa im Monat Śrāvaṇa,
in der Regenzeit, um Mitternacht, in der achten Nacht nach Vollmond, also
bei abnehmendem Halbmond mit dem Mond im Mondhaus Rohiṇī
(im siderischen Stier) geboren wurde. 8
Für Tierkreiszeichen und die genauen Positionen der Planeten
interessieren sich die Texte nicht. Der Aszendent Kṛṣṇas
wird nur beiläufig klar, weil der abnehmende Halbmond um
Mitternacht in der Nähe des Aufgangs stehen mußte. Doch ist
nicht davon auszugehen, daß der Aszendent als solcher von
Interesse war, denn er wird nicht explizit erwähnt, und die
Tierkreiszeichen sind für die Texte offenbar nicht von Interesse. 9
Immerhin wird deutlich, daß eine Art von Geburtshoroskopie
bekannt war. Die Texte sagen auch, daß bei Kṛṣṇas Geburt alle
Gestirne günstig standen.
Auch das Rāmāyaṇa-Epos kennt grundsätzlich keine Tierkreiszeichen. Zwar macht es in Kapitel 1.17 astrologische Angaben zur Geburt Rāmas: Der Mond und der Jupiter sollen am Aszendenten im Krebs und insgesamt fünf Planeten in ihrer Erhöhung, oder je nach Lesart auch im Domizil, gestanden haben. Jedoch gehört diese Textpartie nicht zum ursprünglichen Bestand des Epos. Sie erscheint nur in Versionen der nördlichen Rezension, und die kritische Ausgabe des Epos zitiert sie nur im kritischen Apparat. Somit kann diese Textpartie keinesfalls als Referenz für eine originär vedische Astrologie gelten. Sie steht auch ganz offensichtlich in der hellenistischen Tradition der Astrologie.
Ein weiterer Punkt, der Beachtung verdient: Die heutige "vedische" Astrologie und Kalenderrechnung denken rein siderisch, d.h. sie ignorieren die Jahreszeiten, Äquinoktien und Solstitien. Hingegen die vedischen Texte messen dem tropischen, an den Jahreszeiten festgemachten Jahr und seinen Hauptpunkten große Bedeutung zu. 10 Śatapathabrāhmaṇa 6.7.1.18 sagt, daß das Jahr an den Jahreszeiten fixiert ist. 11 Laut Aitareyabrāhmaṇa 18.18 befindet sich das Sommersolstiz in der Mitte des Jahres. Der Text beschreibt, auf welchem Wege das Datum durch Beobachtung der Sonne möglichst genau zu bestimmen ist. 12 Aus Kauṣītakibrāhmaṇa 19.3 erfahren wir, daß sich das Wintersolstiz idealerweise am Neumond des Monats Māgha ereignete. An beiden Solstitien werden den Göttern Opfer dargebracht. 13 Der älteste astronomische Text Indiens, Vedāṅgajyotiṣa 5ff., wiederum lehrt, daß der Neumond am Anfang des Mondhauses Dhaniṣṭhā idealerweise am Anfang des Monats Māgha und am Wintersolstiz steht.
Die heutige vedische Tradition ignoriert all diese Aussagen der vedischen Schriften – mit grotesken Folgen. Anstelle des korrekten Winter- und Sommersolstizes, das sich um den 21. Dezember ereignet, feiert sie den "Nordwärtsgang" der Sonne (uttarāyanam) heute Mitte Januar beim Eintritt der Sonne in den siderischen Steinbock (makarasaṃkrāntiḥ). Der Monat Māgha fällt in den Januar und Februar und hat mit der Sonnenwende nichts mehr zu tun. In der Folge werden heute alle durch den Kalender vorgegebenen Feste, Rituale und Opfer vom Standpunkt der alten vedischen Kultur an falschen Daten gefeiert. Dies ist eigentlich eine Katastrophe, denn die Gebete, Rituale und Opfer können natürlich nur dann als korrekt durchgeführt und wirksam gelten, wenn sie am korrekten Datum durchgeführt werden. Manche indische Gelehrte, etwa Avtar Krishen Kaul, sind sich dieses Problems bewußt und kämpfen für eine tropische Reform des vedischen Kalenders.13a Am starren indischen Traditionalismus beißen sie sich aber die Zähne aus.
Interessant hierbei auch: Die heutige indische Astrologie läßt den Tierkreis mit dem Widder und dem Mondhaus Aśvinī beginnen. Doch in den Mondhäuserlisten der vedischen Texte steht immer Kṛttikā an erster Stelle, das den Plejaden im siderischen Stier zugeordnet ist. Auch wird kein anderes Mondhaus in den Veden derart häufig erwähnt wie Kṛttikā, während Aśvinī nur sehr selten erscheint. Der Grund für die prominente Stellung von Kṛttikā in den Veden liegt darin, daß in alter Zeit, etwa ab 2500 v. Chr. der Frühlingspunkt sich in diesem Mondhaus befand. 14 Als in astronomischen und astrologischen Texten der Spätantike das Mondhaus Aśvinī (und der Widder) an die erste Stelle trat, war der Grund dafür wieder der, daß der Frühlingspunkt sich mittlerweile bis dorthin weiter fortbewegt hatte. Die Äquinoktien und Solstitien wurden an den Anfängen von Widder, Krebs, Waage und Steinbock festgemacht. 15 Übrigens hat der Frühlingspunkt seither das Mondhaus Revatī durchquert und befindet sich aktuell in Uttarabhādrā. Die indische Astrologie arbeitet also mit einem Tierkreis, der vor über 1500 Jahren an den damaligen Äquinoktien fixiert und dann eingefroren wurde.
Insgesamt dürfte damit klargeworden sein: Auch wenn wir über die in vedischer Zeit praktizierte "Astrologie" nicht viel wissen, muß sie sich von der sogenannten "vedischen" Astrologie, wie sie heute praktiziert wird, massiv unterschieden haben.
Auch zum spirituellen Anspruch der "vedischen" Astrologie ist eine Anmerkung zu machen. Vom Standpunkt des Vedānta, also der spirituellen Befreiung (mokṣaḥ), ist Astrologie bedeutungslos. Kṛṣṇa sagt in der Bhagavadgītā nie, daß man die Astrologie benötige, um zur spirituellen Befreiung zu gelangen. Der Weg zur Befreiung besteht nach seiner Lehre allein im Handeln ohne Abzwecken auf eine Frucht des Handelns, wobei das Handeln als reines Opfer an Gott begriffen wird. Die indische Astrologie, wie man sie heute kennt, dient hauptsächlich zur Klärung von weltlichen Fragen, zur Erlangung von irdischem Glück. Demselben Zweck dienen auch die vedischen Rituale, wie die Bhagavadgītā selbst sagt. (BhG 2.42ff.) Man kann Astrologie zwar vielleicht wie jede beliebige andere Tätigkeit in einer spirituellen Grundeinstellung tun. Aber wer Befreiung sucht, muß nach den Lehren der Bhagavadgītā und der Upanischaden über astrologische Fragestellungen hinausgehen.
Im übrigen gelten in manchen
vedischen Texten "Astrologen" als unreine Personen. Nach dem
"Gesetzbuch des Manu" dürfen Leute, die ihren Lebensunterhalt
mit der Astrologie verdienen, an vedischen Ritualen nicht
teilnehmen. 16
Dasselbe lehrt Bhīṣma, der große Held und
Weise des Mahābhārata-Epos. Er zählt
Astrologen zu den "Verworfensten der Brahmanen". Nicht nur
hält er es für schändlich, "mit den Sternen den Lebensunterhalt
zu verdienen", sondern auch überhaupt astrologische Termine zu
nennen oder "Sternopfer" darzubringen. 17
Das heißt aber nicht, daß grundsätzlich jede Art von Astrologie abgelehnt wird. So rät Kṛṣṇa selbst, den Beginn des Krieges auf den Neumond im Mondhaus Jyeṣṭhā zu legen, weil dieses vom Götterkönig Indra regiert wird. 18 Und am Ende des fünften und Anfang des sechsten Buche berichtet das Epos von schlimmen himmlischen Omen, die sich kurz vor der großen Schlacht ereigneten, etwa von Finsternissen, Planetenballungen, Meteoriten und anderem. Allerdings wird hierbei nicht einem Individuum seine Zukunft geweissagt. Vielmehr werden, ähnlich wie im alten Mesopotamien, aufgrund der gegenwärtigen himmlischen Konfiguration Schlußfolgerungen für das Schicksal des Landes gezogen. Auch beruhen diese Deutungen nicht nur auf der Beobachtung von Himmelskörpern, sondern auch anderer Naturphänomene wie Wolkenbildungen, Verhalten von Tieren, Fließverhalten von Flüssen usw. Weiter gibt es im Epos Partien, in denen für ein jedes Mondhaus Angaben darüber gemacht, welche Art von Gaben man geben sollte, wenn der Mond sich in ihm befindet, und welches Ziel man damit erreicht. 19 Oder es wird angegeben, in welchem Mondhaus man Totenriten durchführen sollte, um welche Ziele zu erlangen. 20 Doch all dies entspricht nicht dem, was moderne "vedische" Astrologen tun. Kein Held des großen Epos geht jemals zu einem Astrologen, um sich beraten zu lassen oder sich astrologische Prognosen geben zu lassen, ganz egal wie schwerwiegend seine Probleme auch sein mögen.
Ab etwa dem 2. Jh. n. Chr. brachten Astrologen und Astronomen aus dem griechischen Ägypten ihr Wissen nach Indien und stießen damit eine Entwicklung an, welche die indischen Wissenschaften vom Himmel zu einer neuen Blüte führte. Nicht daß die Inder all ihr überliefertes Wissen über Bord geworfen oder die griechische Himmelskunde unverändert übernommen hätten, vielmehr fand eine Verschmelzung originär altindischen Wissens mit ägyptisch-griechischen Lehren statt. Ein Beispiel dafür, das uns hier besonders interessiert: Der 27teilige altindische Mondhäuserkreis wurde mit dem griechischen zwölfteiligen Tierkreis verschmolzen, und zwar derart, daß man den Anfang des Widders mit dem Anfang des Mondhauses Aśvinī zusammenfallen ließ. Zusammen mit dem Tierkreis wurden auch dessen Feineinteilungen, die astrologischen Häuser, das Würdensystem und andere Dinge übernommen, die eine wichtige Rolle in der heutigen indischen Astrologie spielen. Vertreter der indischen Astrologie hören solche Feststellungen zwar nicht gern, weil sie die Astrologie gern als originären Teil ihrer vedischen Offenbarungsreligion sehen wollen. Doch wird es von alten indischen Autoritäten ausdrücklich bestätigt, etwa von dem im 6. Jh. n.Chr. lebenden Astrologen Varāhamihira. 21 Das älteste astrologische Werk in Sanskrit, das den Tierkreis kennt, ist das Yavanajātaka ("Geburtshoroskop gemäß den Griechen") von Sphujidhvaja, ein in Versen gedichtetes Lehrbuch der Astrologie, das nach seinen eigenen Angaben auf einen ins Sanskrit übersetzten, ursprünglich griechischen Text zurückgeht. David Pingree vermutet, daß dieser Text im 2. Jh. v. Chr. in Alexandria verfaßt wurde und um 150 n. Chr. nach Indien gelangte. 22
Wie schon angedeutet, nehmen
spätantike Texte, die zum ersten Mal die Tierkreiszeichen erwähnen,
die Solstitien und Äquinoktien bei den Anfängen der
Tierkreiszeichen Widder, Krebs, Waage und Steinbock an. Da eine
solche Definition des Tierkreises grundsätzlich nur bei einem
tropischen Tierkreis Bestand hat, da aber anderseits die "vedische"
Astrologie mit einem siderischen Tierkreis arbeitet, stellt sich die
Frage, wie das Problem des Tierkreises und der Präzession in Indien
"gelöst" wurde.
Die indische Tierkreis-Astrologie war zunächst nun weder rein siderisch noch rein tropisch. Vielmehr finden wir in den Quellen dieselbe widersprüchliche Haltung wie bei Vettius Valens, daß sie also siderisch und tropisch gleichzeitig dachten bzw. Sterne und Jahreszeiten miteinander in Verbindung brachten. Der älteste Text der griechisch inspirierten Astrologie, das soeben erwähnte Yavanajātakam von Sphujidhvaja, macht einerseits im letzten Kapitel die Jahreshauptpunkte an den Anfängen der Tierkreiszeichen Widder, Krebs, Waage und Steinbock fest 23 und läßt die Sonne alle Zeichen innerhalb von 365,2303 Tagen durchqueren - eine Jahreslänge, die näher beim tropischen Jahr (365.2422) als beim siderischen Jahr (365.2564) liegt und sehr wahrscheinlich durch Beobachtung von Solstitien und Äquinoktion gewonnen wurde.24 Im ersten Kapitel anderseits werden die Tierkreiszeichen an den Mondhäusern fixiert und somit siderisch interpretiert.26
Wie ist dieser Widerspruch zu lösen? Gehören die beiden Textpartien, das erste und das letzte Kapitel gar nicht ursprünglich zusammen? Oder könnte es sein, daß Sphujidhvaja auch die Mondhäuser tropisch definiert? Oder kombiniert der Text eine siderische Weltanschauung, ohne sich darüber im klaren zu sein, mit einer tropischen Ephemeridenrechnung? Höchstwahrscheinlich trifft die letztere Antwort zu. Sphujidhvaja erwähnt die Präzession mit keinem Wort, und die Vermutung liegt auf der Hand, daß er sich dieses Phänomens gar nicht bewußt ist. Auch anderen älteren Werken aus der griechisch inspirierten Epoche, den sogenannten Siddhāntas, fehlt das Bewußtsein der Präzession und der mit ihr zusammenhängenden Problematik. So trägt auch der Sūryasiddhānta, das bedeutendste Werk altindischer Astronomie, den tropisch-siderischen Widerspruch in sich, indem es den Tierkreis sowohl an den Jahreshauptpunkten festmacht 27 als auch an den Mondhäusern 28 . Anders aber als das Yavanajātakam verwendet der Sūryasiddhānta nicht eine tropische, sondern eine siderische Ephemeridenrechnung. Eine kurze Passage über die Präzession wirkt wie später eingefügt. 29 Sie findet ansonsten keine Verwendung in dem Werk. Man könnte sagen, der Sūryasiddhānta intendiert eine tropische Betrachtungsweise, aber arbeitet in der Praxis siderisch.
Erst ums Jahr 500 herum beginnen indische Himmelskundler die Präzession zu bemerken. Varāhamihira stellt fest, daß das Sommersolstiz sich nach alten Quellen im Mondhaus Āśleṣā (auf 23°20' Krebs) befand, während es sich gemäß Beobachtungen in Varāhamihiras Zeit am Anfang des Krebses befand. 30 Diese Formulierung hört sich nun allerdings bereits so an, als hätte Varāhamihira sich für eine siderische Definition des Tierkreises entschieden. Auch finden wir hier den ersten zaghaften Versuch, den Tierkreis von den Jahreshauptpunkten loszukoppeln, denn Varāhamihira sagt ausdrücklich, daß das Sommersolstiz nicht präzise am Anfang des Krebses, sondern schon kurz davor beginnt. 31 Gründe dafür, weshalb er sich für den siderischen Tierkreis entscheidet, gibt er allerdings nicht an. Das Problem wird, ähnlich wie in der hellenistischen Astrologie, gar nicht diskutiert. Weshalb? War er ratlos, wie es zu lösen war? 32
Auch Āryabhaṭa I., der um 500 n. Chr. lebte, dürfte die Präzession bemerkt haben, scheint sich jedoch nicht entscheiden zu können, ob er den Tierkreis nun als einen tropischen oder einen siderischen betrachten soll. In der Praxis macht er ihn aber siderisch fest. Im 4. Kapitel seines berühmten Lehrwerks Āryabhaṭīyam bezeichnet er zunächst die Zeichen Widder bis Jungfrau als "nördlich" und die anderen als "südlich" – eine Aussage, die nur beim tropischen Tierkreis zutrifft. Weiter sagt er, daß neben Sonne, Mond, Planeten und Mondknoten auch die Fixsterne (tārāḥ) sich entlang der Ekliptik bewegen. Solch eine Bewegung gibt es nur, wenn man den tropischen Tierkreis als feststehendes Bezugssystem nimmt. 33 Doch die von Āryabhaṭa gelehrten Berechnungsmethoden zur Bestimmung der Positionen von Sonne, Mond, Planeten usw. sind siderisch, und er sagt nicht, daß man zu diesen Positionen die Präzession (also einen Ayanāṃśa) hinzurechnen müsse. In der Praxis ist er also Sideriker. Eine ordentliche Diskussion des Problems findet auch bei ihm nicht statt, und der Grund dafür dürfte darin liegen, daß die Zeit dafür noch nicht reif war, weil man weder den genauen Wert der Präzession kannte noch wußte, was man damit anfangen sollte. Die Lösung des schwierigen Problems war damals auch noch nicht allzu dringlich, denn die beiden Tierkreise deckten sich ja noch einigermaßen.
Auch Texte aus späteren Epochen, in
denen die indische Astronomie weiter fortgeschritten und die
Geschwindigkeit der Präzession ungefähr bekannt ist, ziehen den
tropischen Tierkreis nicht in Erwägung. Der herausragende indische
Astronom und Astrologe Mañjula, der im frühen
10. Jahrhundert lebte und in seiner Schrift Laghumānasam
neuartige astronomische Berechnungsmethoden beschreibt, bleibt
beim siderischen Tierkreis, und dasselbe gilt natürlich für all
diejenigen, die in der Folge mit seinen Methoden arbeiteten. 34
Selbst heute, nach der Einführung moderner astronomischer
Methoden aus dem Westen, bleibt die indische Astrologie dem
siderischen Tierkreis verpflichtet.
Allerdings war die Frage um den siderischen und den tropischen Tierkreis in Indien gar nie so dringlich wie in Europa. Astronomisch gesehen hat der siderische Widderpunkt zwar überhaupt nichts Besonderes an sich. Es gibt nichts in dieser Himmelsgegend, das ihn gegenüber allen anderen Punkten der Ekliptik auszeichnete, noch nicht einmal einen auffällig hellen Stern. Die indische Astronomie glaubte jedoch, daß dieser Himmelspunkt in der Geschichte des Kosmos eine herausragende Rolle spielt. Am Ende eines jeden großen Zeitalters nämlich, so glaubte man, kämen an diesem Punkt alle Planeten zu einer exakten Konjunktion zusammen. Die letzte solche große Konjunktion nahmen sie am Anfang des Kaliyuga an, am 17./18. Februar 3102 v. Chr. Nun nimmt auch das indische Modell der Präzession, die sogenannte Trepidationstheorie, an, daß die Präzession sich in einem Zyklus vollzieht, der bei demselben Datum begann. Nach dem Sūryasiddhānta z.B. schwingt der Frühlingspunkt in einem Zyklus von 7200 Jahren um den siderischen Widderpunkt herum, wobei er zu diesem eine Maximaldistanz von 27° erreicht. Der Frühlingspunkt pendelt dieser Lehre zufolge also zwischen 27° Widder und 3° Fische im siderischen Tierkreis hin und her. 35 Im Kaliyuga-Jahr 3102 v. Chr. hätte er sich demnach gemeinsam mit sämtlichen Himmelskörpern am siderischen Widderpunkt befunden. Danach wäre er in den Widder eingetreten, 3600 Jahre später, also im Jahre 499 n. Chr., wieder zum Nullpunkt zurückgekehrt und in die Fische eingetreten. 36
Nach den Erkenntnissen der modernen Astronomie sind diese Vorstellungen nun zwar falsch. Es gab keine solche Großkonjunktion am 17./18. 3102 v. Chr., und dieses Datum hat keinerlei historische Bedeutung. 37 Auch bewegt sich der Frühlingspunkt nicht vor und zurück um einen bestimmten Punkt auf der Ekliptik, sondern mit ungefähr gleichmäßiger Geschwindigkeit durch den ganzen Tierkreis. Dennoch können wir aus dieser Theorie erahnen, weshalb für die Inder ein siderischer Tierkreis sinnvoll erschien. Die Bewegung des Frühlingspunktes betrachteten sie nur als einen Zyklus von untergeordneter Bedeutung im großen Zeitalter. Die Idee eines siderischen Tierkreises war für indische Himmelskundler einleuchtender als ein tropischer Tierkreis.
Aus dem Gesagten folgt: Der siderische Nullpunkt ergibt nur Sinn aufgrund altindischer astronomischer Theorien, die nach den Erkenntnissen der modernen Astronomie falsch sind:
aufgrund der sogenannten Trepidationstheorie, der zufolge der Frühlingspunkt mit einer Amplitude von 27° um den siderischen Nullpunkt schwingt, und
aufgrund der Lehre, daß am Ende bzw. Anfang eines jeden großen Zeitalters alle Planeten und der Frühlingspunkt sich exakt am siderischen Nullpunkt zu einer großen Konjunktion zusammenfinden.
Nachdem die moderne Astronomie gezeigt hat, daß diese beiden traditionellen Lehren nicht korrekt sind, ist die Gültigkeit des siderischen Tierkreises in Frage gestellt. Er hat keine sinnvolle Definition mehr.
Die größte Schwäche der sogenannten "vedischen" Astrologie besteht darin, daß sie nicht genau sagen kann, wo exakt der siderische Tierkreis anfängt. Diese Frage ist von zentraler Bedeutung, denn ohne ihre korrekte Beantwortung kann es keine korrekte Positionsbestimmung der Planeten nach Tierkreiszeichen, deren Feinunterteilungen und Mondhäusern geben. Und ohne diese wiederum sind korrekte astrologische Aussagen, insbesondere astrologische Prognosen, unmöglich. Auf welch tönerne Füße die "vedische" Astrologie sich hier stellt, zeigt wieder ein Blick auf die Geschichte.
Der siderische Tierkreis kann durch seine Differenz zum tropischen definiert werden, also durch die Winkeldistanz zwischen dem Frühlingspunkt und dem siderischen Widderpunkt. Diese Distanz wird der Ayanāṃśa ("Wegteil") genannt. Die meisten indischen Astrologen arbeiten heute mit dem sogenannten Lahiri-Ayanāṃśa, der 1956 anläßlich der indischen Kalenderreform als Standard eingeführt wurde, auf Empfehlung des aus Kalkutta stammenden Astronomen und Astrologen Nirmala Chandra Lahiri, der Mitglied des Reformkomitees war. Dieser Standard ist nicht nur für die Astrologie verbindlich, sondern auch für in Indien publizierte astronomische Ephemeriden und Almanachs sowie für Kalenderfragen. Letzteres deshalb, weil die Monate des indischen Kalenders an die Ingresse der Sonne in die siderischen Tierkreiszeichen gekoppelt sind. Vor der Reform gab es in Indien mehr als 30 verschiedene lokale Kalender, welche die Daten wichtiger religiöser Feiertage oftmals verschiedenen berechneten. Der neue Standard garantiert, daß diese Feiertage in allen Regionen Indiens am selben Tag gefeiert werden. 38
Der Lahiri-Ayanāṃśa ist so definiert, daß der Anfangspunkt des siderischen Widders und des Mondhauses Aśvinī genau dem Fixstern Citrā (= Spica, α Virginis) gegenüber liegt, wobei Citrā selbst exakt in die Mitte des gleichnamigen Mondhauses Citrā zu liegen kommt. Dieser Ayanaṃśa hatte im Jahre 285 n. Chr., den Wert 0, so daß in diesem Jahr der siderische und der tropische Tierkreis sich miteinander deckten.
Woher stammt dieser am Fixstern Spica festgemachte siderische Tierkreis? In altindischen Quellen ist er leider nicht nachweisbar. Das Hauptwerk der altindischen Astronomie, der Sūryasiddhānta, der, wie gesagt, bis heute eine wichtige Rolle bei der Kalenderberechnung und auch bei orthodoxen indischen Astrologen spielt, nimmt den Anfang des Tierkreises beim Stern Revatī (ζ Piscium) an. Eine Übereinstimmung dieses siderischen Tierkreises mit dem tropischen war im Jahre 564 n. Chr. gegeben. Auch Mañjula, der bereits erwähnte große Himmelskundler des 10. Jh., arbeitete mit diesem Tierkreis. Die Einführung des Lahiri-Standards hat deshalb erbitterte Streitereien nach sich gezogen. Noch heute polemisieren Anhänger der beiden Ayanāṃśas aufs heftigste gegeneinander. Und nicht zu Unrecht, denn die Differenz der beiden Tierkreise beträgt etwa 3°. Für die astrologische Arbeit sind Unsicherheiten solchen Ausmaßes natürlich intolerabel.
Woher also stammt der Lahiri-Tierkreis? Es scheint, daß Lahiri sich von dem Astronomiehistoriker S.B. Dikshita inspirieren ließ, der gegen Ende des 19. Jh. ein wichtiges Buch über die Geschichte der indischen Astronomie schrieb. Dikshita kam zu dem Schluß, daß angesichts der herausragenden Bedeutung, welche die Jahreshauptpunkte in der vedischen Religion hatten, die indischen Kalender reformiert werden sollten und daß sie sich nicht mehr auf den siderischen, sondern auf den tropischen Tierkreis abstützen sollten. Wenn sich dies aber angesichts der starren Konservativität vedischer Kultur nicht durchsetzen ließe, sollte man doch wenigstens den Ayanāṃśa so wählen, daß der siderische Nullpunkt in Opposition zu Spica stehe, da man auf diese Weise in Übereinstimmung mit dem Tierkreis des im 16. Jh. lebenden Astronomen Ganeśa Daivajña käme. 39
Weiter zurück läßt sich der Lahiri-Ayanāṃśa bzw. der durch ihn definierte Tierkreis in indischen Quellen anscheinend nicht zurückverfolgen. Interessant ist aber, daß alle erhaltenen babylonischen und hellenistischen Horoskope diesem Ayanaṃśa folgen, also einem Tierkreis, der Spica auf 0° Waage hat. 40 Dies kann eine bloße Koinzidenz sein, denn es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß es in Indien eine ununterbrochene Tradition gab, die mit diesem Tierkreis arbeitete. Dennoch ist es denkbar, daß der Lahiri-Tierkreis von den Griechen nach Indien gebracht wurde und daß er dort eine Zeitlang bekannt war.
Die Geschichte lehrt allerdings auch, daß beide erwähnten siderischen Tierkreise letztlich völlig willkürlich gewählt sind. Wie schon gesagt, haben alle astrologischen und astronomischen Werke der Spätantike angenommen, daß sich die Anfänge der kardinalen Tierkreiszeichen bei den Jahreshauptpunkten befinden. Da nun diese Werke keineswegs alle im selben Jahre geschrieben wurden, folgt im Grunde genommen, daß sie auch den Anfangspunkt des Tierkreises an verschiedenen Punkten annehmen. Wie schon gesagt, lehrt bereits der älteste astrologische Text, das Yavanajātakam, daß der Tierkreis an den Jahreshauptpunkten und gleichzeitig an den Mondhäusern fixiert sei. Gemäß David Pingree ist dieser Text etwa ums Jahr 150 n. Chr. entstanden.40a Sein Tierkreis müßte sich daher vom Lahiri-Tierkreis um fast 2° unterscheiden, vom Tierkreis des Sūryasiddhānta sogar um fast 5°. Und was den Sūryasiddhānta betrifft, so kann, wie schon gesagt, kein Zweifel daran bestehen, daß sein siderischer Widderpunkt um 500 n. Chr. auf den damaligen Frühlingspunkt festgelegt wurde. Wenn nun aber der siderische Widderpunkt durch die Position des Frühlingspunktes in einer früheren Epoche definiert ist, wird deutlich, wie willkürlich seine Definition ist. Wie kann man dann auf ihm eine glaubwürdige Astrologie gründen?
Es dürfte auch klar geworden sein, daß die Vorstellung mancher Romantiker, die indische Astrologie sei in der Form, wie sie heute gelehrt wird, eine auf jahrtausendealter Erfahrung beruhende Wissenschaft, an der Realität völlig vorbeigeht. Wir haben gesehen, daß die indische Astrologie sich seit der vedischen Zeit immer wieder weiterentwickelt und noch im 20. Jahrhundert eine bedeutsame Veränderung erfahren hat: Hätte die Kalenderreform 1956 nicht den Lahiri-Ayanāṃśa als Standard eingeführt, so würden heute die meisten Astrologen mit dem Ayanāṃśa des Sūryasiddhānta arbeiten, also mit einem Tierkreis, der seinen Nullpunkt drei Grad früher hat.
Es gibt also starke Argumente gegen
die hie und da zu hörende Behauptung, der siderische Tierkreis hätte
sich in Indien in jahrtausendelanger Praxis bewährt: Der siderische
Tierkreis ist in Indien noch nicht einmal seit 2000 Jahren in
Gebrauch. Sein genauer Anfangspunkt, der umstritten ist, wurde nicht
aufgrund von astrologischer Erfahrung gewählt, sondern aufgrund der
Position des Frühlingspunktes irgendwann in der Spätantike. Noch
nicht erwähnt habe ich dabei das Problem, daß die
Ephemeridenrechnung je nach Epoche und lokaler Tradition massive
Fehler enthielt und daß die korrekte Berechnung des Aszendenten für
ein Geburtshoroskop alles andere als trivial war. Wie hätte
sich unter solchen Umständen ein bestimmter siderischer
Tierkreis bewähren können? Gegenüber dem tropischen Tierkreis
konnte er sich schon deswegen nicht bewähren, weil die
tropisch-siderische Frage in Indien gar nie diskutiert wurde.
Die aktuelle Diskussion darüber, ob der indische siderische oder der westliche tropische Tierkreis zu verwenden sei, wird auch dadurch verkompliziert, daß der siderische Tierkreis in der indischen Astrologie auf ganz andere Weise verwendet wird als der tropische in der westlichen Astrologie. Die Tierkreiszeichen spielen in der indischen Astrologie eine viel geringere Rolle als in der westlichen. Auch tauschen sich Inder nicht wie Europäer und Amerikaner darüber aus, in welchem Sonnenzeichen sie geboren wurden, sondern eher über das Tierkreiszeichen, in dem sich der Mond bei ihrer Geburt befand. Logischerweise sollte bei der Frage, welcher der beiden Tierkreise richtig sei, die jeweilige Verwendungsweise nicht außer acht gelassen werden. Die westliche Sonnenastrologie, die auf dem tropischen Tierkreis beruht, wird durch die östliche siderische Mondastrologie keineswegs in Frage gestellt.
Lehrreich scheint mir hier Rafael Gil Brands Untersuchung in seinem "Plädoyer für den siderischen Zodiak" 41 , in dem er u.a. anhand von Geburtshoroskopen berühmter Persönlichkeiten abwägt, ob der siderische oder der tropische Tierkreis besser paßt. Gil Brand entscheidet sich für den siderischen Tierkreis, und seine Argumentation scheint auch irgendwie schlüssig. Doch fällt auf, daß er sein Augenmerk gar nicht auf der Deutung der Tierkreiszeichen hat, sondern auf den astrologischen Würden. Wenn ich dagegen auf die Sonnenzeichen schaue, würde ich bei jedem einzelnen von Gil Brands Beispielen dem tropischen Tierkreis den Vorzug geben. Bei Muhammad Ali kann der siderische Krebsaszendent m. E. niemals so gut überzeugen wie der tropische Löweaszendent ("I am the greatest!"). Beim Vater der Psychoanalyse würde ich den tropischen Skorpionaszendenten und die Stiersonne dem siderischen Waageaszendenten und der Widdersonne ohne zu zögern vorziehen. Bei Hitler paßt die tropische Stiersonne (territoriales Denken, Nationalismus) mindestens so gut wie eine siderische Widdersonne. Bei Bill Gates und seinem Microsoft-Ungeheuer wird man ebenfalls viel eher auf tropische Skorpionsonne als auf siderische Waage tippen. 42
Gil Brand versucht also nicht, die Vorzüge des siderischen Tierkreises auf dem direkten Wege über die Zeichendeutung aufzuzeigen, sondern indem er zeigt, wie die Wahl des Tierkreises sich wegen sekundärer Folgen beim Deutungsvorgang bewährt. Nicht die Zeichen interessieren, sondern die Aszendenten- und Häuserherrscher sowie die Würden der verschiedenen Deutungsfaktoren. Doch darf man wohl einwenden, daß dieses Vorgehen sehr indirekt ist. Gil Brand hat damit auch gleich alles auf einmal "bewiesen": den siderischen Tierkreis, das System der Herrscher und Würden, und darüber hinaus auch noch das indische Häusersystem 43 . Direkte Zeichendeutung hielte ich für ein besseres, weil unmittelbar einleuchtendes Kriterium für die Richtigkeit eines Tierkreises. Funktioniert die Zeichendeutung etwa nur für den tropischen, nicht für den siderischen Tierkreis?
Die Deutung von Tierkreiszeichen wird in manchen modernen indischen Lehrbüchern wegen ihres geringen Stellenwerts noch nicht einmal behandelt. Wo sie aber behandelt wird, werden wir feststellen, daß sie von der uns bekannten Deutung teilweise massiv abweicht. Ein kleines Ratespiel soll uns die Problematik verdeutlichen: Ich zitiere die Beschreibung eines Zeichens aus einem modernen indischen Lehrbuch, und die Leser mögen zu raten versuchen, um welches Zeichen es sich handelt. Ich wähle das Buch Fundamentals of Astrology von Ramakrishna Bhat (20. Jh.), einem sehr angesehenen indischen Astrologen und Gelehrten. Die Beschreibung lautet:
Er wird intelligent und tugendhaft sein, wird über seine Verwandten Herrschaft ausüben, wird stolz sein, mit Feuer und Wind Schwierigkeiten haben, geschwätzig sein, einen starken Körper haben, ein paar Kinder haben, Verbindungen mit vielen Frauen haben, Astrologe sein, pünktlich sein, fröhlich sein, ein niedriges Einkommen haben, gebildet sein, heimliche Söhne haben, viele Sprachen kennen, immer in Begleitung sein und von einem König Reichtum erhalten.
Kein Witz: Dies ist Bhats vollständige Beschreibung für den Aszendenten im siderischen Zeichen Krebs! 44 Die Deutung der Sonne im Krebs lautet wie folgt:
Er wird arm sein, scharfsinnig sein, anderer Leute Arbeit tun, müde sein und ständig auf mühselige Reisen gehen. 45
Man beachte zum einen die Kürze und Unordnung im Text. Sie ist wohl symptomatisch für den geringen Stellenwert, welcher der Zeichendeutung in Indien zugemessen wird. Auffällig ist aber auch, wie sehr sie vom abendländischen Verständnis des tropischen Krebses abweicht. Die Frage, ob nun der siderische oder der tropische Krebs zu beachten ist, wird sich hier nicht stellen, weil mit dem Krebs ganz unterschiedliche Vorstellungen verknüpft werden.
Nicht daß die westliche Astrologie schon immer soviel Wert auf die psychologische Deutung der Zeichen gelegt hätte. Dies ist im wesentlichen erst eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Aber in der gegenwärtigen Kontroverse um den richtigen Tierkreis fällt auf, daß nur die westliche Astrologie sich für eine Charakterdeutung der Zeichen interessiert, und sie scheint damit gut zu fahren.
Man findet in Indien allerdings auch Zeichendeutungen anderer Art, die den unseren näher liegen. So z.B. bei B. V. Raman, dem wohl wichtigsten indischen Astrologen des 20. Jh. Hier kann man z.B. den Krebs einigermaßen erkennen an Aussagen wie:
... sie liebäugeln mit der Feigheit. An ihren Kindern und ihrer Familie hängen sie sehr. 46
Dies mag dem Einfluß alter indischer Texte oder auch moderner abendländischer Astrologie zu verdanken sein. Aber selbst bei Raman gibt es krasse Abweichungen von den Deutungen, die wir kennen. So schreibt er über (siderische) Skorpione:
Ihre Natur befähigt sie, in der ganzen Welt Freundschaften zu schließen ... In den schönen Künsten sind sie bewandert, sie lieben das Tanzen und besitzen zweifellos eine philosophische und philanthropische Veranlagung.
Hört sich dies nicht eher nach Schütze an? Angesichts der Tatsache nun, daß der siderische Skorpion sich heute weitgehend in der Gegend des tropischen Schützen befindet, wird sich ein westlicher Astrologe wenig darüber wundern. Für ihn liegt der Schluß nahe, daß Raman sich letztlich der "Wirkkraft" der tropischen Tierkreiszeichen nicht entziehen konnte und daß die Qualitäten des tropischen Tierkreises selbst in der siderischen Astrologie hindurchschimmern, sobald diese sich um Zeichendeutung bemüht. Oder kann es dadurch erklärt werden, daß Raman mit der westlichen tropischen Astrologie vertraut war und von ihr beeinflußt wurde? Auf jeden Fall manifestiert sich das Phänomen bei einer ganzen Reihe von Zeichen. Dem Schützen schreibt Raman teilweise Steinbockqualitäten zu:
Sie sind pünktlich und vertreten orthodoxe Ansichten. ... Sie sind zu unempfindlich und können sich ausschließlich nur für geschäftliche Dinge begeistern.
Und der Steinbock erhält neben Steinbock- auch Wassermann-Eigenschaften:
... sie sind mitfühlend, großzügig, menschenfreundlich und hegen für Literatur, Wissenschaft und Erziehung großes Interesse.
Bei etlichen Zeichen finden wir also in Ramans Beschreibung neben den bekannten Eigenschaften auch solche des Folgezeichens. Dasselbe Phänomen finden wir auch bei westlichen Vertretern der vedischen Astrologie, z.B. in einer Reihe von Artikeln von Kenneth Johnson in The Mountain Astrologer. 47
Es scheint, als hätten die siderischen Zeichen ihre Bedeutung gewandelt, und zwar entsprechend den tropischen Zeichen, die sich in derselben Himmelsgegend befinden. In dieser Hinsicht scheint das "Erfahrungswissen" der indischen Astrologie also eher den tropischen als den siderischen Tierkreis zu stützen. Dasselbe Phänomen läßt sich auch bei anderen indischen Autoren aufzeigen, übrigens bereits bei dem spätantiken Autoren Satyācārya: Zwillinge erhalten hier Krebseigenschaften ("wankelmütig", "geringer Verstand", "ängstlich", "nicht sehr tätig"), Krebse Löweeigenschaften ("hochmütig und aufgeblasen", "bedeutende Arbeiten im Ausland", "wird Macht über andere haben"), Löwen Jungfraueigenschaften ("streng, befähigt, arbeitsam"). 48 Haben die tropischen Zeichen also bereits in der Spätantike begonnen, die Bedeutung der siderischen Zeichen, über die sie sich zu schieben begannen, heimlich zu modifizieren? 49
Nach alledem ist jedenfalls klar: Wenn neuzeitliche Astrologen Zeichendeutung abendländischer Art mit dem siderischen Tierkreis machen, so ist dies keine alte Tradition, sondern eine ziemlich neue Erfindung, und auch weniger eine indische als eine europäisch-amerikanische.
Astrologen sind ein praktisches Volk. Viele von ihnen scheuen sich ausgesprochen vor theoretischen Fragen oder betrachten "Theorie" generell als etwas Lebensfernes. Selbst offensichtlich unsinnige Vorstellungen lassen sie nicht leicht los, sondern reagieren mit Aussagen wie: "Aber die Praxis zeigt, daß es funktioniert..." Manche arbeiten z.B. mit sogenannten "hypothetischen" Planeten und verdrängen beharrlich die Tatsache, daß diese Planeten schlicht und einfach nicht existieren. Auch "vedische" Astrologen weigern sich auf ganz irrationale Weise, die oben dargestellten Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Sie beharren blind auf dem ehrwürdigen Alter der astrologischen Tradition, auf ihrer persönlichen praktischen Erfahrung und derjenigen ihrer Gurus.
Ist solche "praktische Erfahrung" ernst zu nehmen? Ich würde dringend davon abraten. "Vedische" Astrologen halten sich selbst (oder ihre Tradition) gegenüber westlichen Astrologen in puncto astrologischer Prognose für weit überlegen. Aber einem ernsthaften Test halten solche Ansprüche nicht stand. Bei Prognosen für indische oder amerikanische Präsidentschaftswahlen versagen "vedische" Astrologen genau so oft wie westliche. 52 Auch was die Frage nach dem richtigen Tierkreis in der Geburtshoroskopie betrifft, so ist jedem zu mißtrauen, der aufgrund seiner "Erfahrungen" lautstark und eindeutig Stellung bezieht. Solange kein statistischer Nachweis gelingt, daß Astrologie überhaupt funktioniert, sollten Astrologen über ihre "Erfahrungen" mit gebührender Vorsicht und Bescheidenheit sprechen. Wichtig scheint mir auch, daß man miteinander diskutiert, und nicht etwa an abweichenden Ansichten grundsätzlich desinteressiert ist und einfach nur das erleuchtete Wissen der eigenen Schule zu lehren trachtet. Leider neigen gerade Astrologen und Astrologieschulen – und nicht nur die "vedischen" – zu derart sektenartigem Verhalten.
© Dieter Koch, 2011
1 Ein schönes Beispiel hierfür ist die Deutung der Aussage von ChUp 6.8.7: tat satyam sa ātmā tat tvam asi, "dies ist das Wahre, dies ist das Selbst, dieses bist du". Die Dvaitavedānta-Tradition von Madhva, der die Zweiheit von Individuum und Gott lehrt, liest denselben Text wie folgt: tat satyam sa ātmā-atat tvam asi, "dies ist das Wahre, dies ist das (göttliche) Selbst, dieses bist du nicht". Derart gewalttätiger Umgang mit den heiligen Texten ist keineswegs selten. Der Advaita-Vedānta Śaṅkaras geht zwar subtiler vor, verdreht die Texte aber genauso. Die Lehre Kṛṣṇas, die im wesentlichen selbstloses Tun und Gottesverehrung zum Inhalt hat, wird hier als Folge der radikalen "Nichtzweiheit" aller Dinge zu einer Lehre von der Unwirklichkeit aller individuellen Existenz, in der selbstloses Tun und Gottesverehrung letztlich gar keinen Sinn haben kann. Ähnliche Erscheinungen finden sich in der astrologischen Tradition, wie ich im folgenden zeigen werde.
2
http://groups.yahoo.com/group/akandabaratam/
http://groups.yahoo.com/group/hinducalendar/
http://groups.yahoo.com/group/vedic_research_institute/
http://groups.yahoo.com/group/scienceofastrology/
http://in.groups.yahoo.com/group/asthikasamaj/
http://tech.groups.yahoo.com/group/indiaarchaeology/
3 Es ist unklar, wer den Begriff eingeführt hat. Verschiedene Autoren erheben Anspruch auf diese zweifelhafte "Ehre". Zu ihnen gehören:
Shyamasundara Dasa (angeblich irgendwann in den 1970er-Jahren, s.
http://shyamasundaradasa.com/jyotish/resources/articles/bphs.html
http://groups.yahoo.com/group/HinduCalendar/message/8175 und
http://groups.yahoo.com/group/HinduCalendar/message/8189)
Chakrapani
Ullal (angeblich am 19.1.1979, s.
http://www.acvaonline.org/newsletters/chakrapani_ullal_interview_p1.html;
ttp://groups.yahoo.com/group/HinduCalendar/message/8174).
4 http://groups.yahoo.com/group/HinduCalendar/message/8175 und http://groups.yahoo.com/group/HinduCalendar/message/8177.
4a Siehe die Antwort des „vedischen“ Astrologen Dharmapad Das (Dean Dominic de Lucia) auf eine ältere Version meiner vorliegenden Abhandlung. (http://www.harekrsna. com/sun/editorials/05-12/editorials8614.htm)
4b Es gibt durchaus auch „vedische“ Astrologen, die sich dieses Sachverhalts bewußt sind. Siehe Shyamasundara Dasa, „On the Authenticity of the Brhat Parasara Hora Sastra“ (http://shyamasundaradasa.com/jyotish/resources/articles/bphs.html); Ernst Wilhelm, „Brihat Parasara Hora Sastra“ (http://www.vedic-astrology.net/articles/brihat-para shara-hora-shastra.asp). David Pingree diskutiert Parashara in seinem Buch Jyotihshastra, S. 86ff.
4c Ich verweise hier auf die Ausführungen von Shyamasundara (siehe vorausgehende Fußnote).
5 Traditionalisten widersprechen dieser Feststellung. Waradpande nennt in New Light on the Date of the Ṛgveda, S.13-24, u. a. folgende Stellen, die angeblich Tierkreiszeichen erwähnen: Löwe (siṃhaḥ) in RV 5.83.3 und 9.89.3, Jungfrau (kanyā) in RV 6. 49.7, Zwillinge (mithunau) in RV 3.39.3 und Stier (vṛshabhaḥ) in RV 6.47.5 und 8.93.1. Keine dieser Stellen ist aber überzeugend. Die letzte und vordergründig bemerkenswerteste lautet wie folgt:
ud ghed abhi śrutāmaghaṃ vṛṣabhaṃ naryāpasam | astāram eṣi sūrya
"Hinauf, o Sonnengott, steigst du, zu <Indra>, dem Stier, der für seine Gaben berühmt ist, dessen Taten heldenhaft sind, zum Schützen."
Dieser Vers soll sich angeblich auf das Tierkreiszeichen Stier beziehen. Tatsächlich ist das hier verwendete Wort vṛṣabhaḥ ein gängiger Name dieses Tierkreiszeichens. Die Nennung des "Schützen" (astā) ignoriert man allerdings. Warum? Weil der gängige Name des Tierkreiszeichens Schütze dhanuḥ, "Bogen", lautet? Es ist nun aber völlig abwegig, daß hier das Sternbild oder Tierkreiszeichen Stier gemeint sein soll, denn "Stier" ist in den vedischen Schriften eine häufige Bezeichnung für große Helden, z.B. für Arjuna oder andere große Helden des Mahābhārata-Epos, insbesondere aber auch für den vedischen Sturm- und Regengott Indra, an den dieser Hymnus gerichtet ist. Mit anderen Worten: "Stier" ist hier nicht ein Sternbild, sondern ein beliebter Titel des Helden Indra. Wenn man diesen Vers auf das Sternbild oder Tierkreiszeichen Stier bezieht, ignoriert man den gängigen Sinn der Stiermetapher im Kontext des altindischen Kriegertums. Auch die anderen erwähnten Stellen aus dem Ṛgveda lassen sich nicht auf Tierkreiszeichen beziehen.
Auch alle anderen von Waradpande genannten Stellen überzeugen nicht. In einem Hymnus an den Regengott Parjanya lesen wir:
rathīva kaśayāśvāṁ abhikṣipann āvir dūtān kṛṇute varṣyāṁ aha
dūrāt siṃhasya stanathā ud īrate yat parjanyaḥ kṛṇute varṣyaṃ nabhaḥ (RV 5.83.3)
"Wie der Wagenfahrer mit der Peitsche die Rosse losjagt, so läßt er die Regenboten erscheinen.
Von Ferne erheben sich die Donnerlaute des Löwen, wenn Parjanya das Regengewölk macht."
Den Löwen als Sternbild zu begreifen ist hier völlig abwegig. Es wird bloß der donnernde Regengott mit einem brüllenden Löwen verglichen. Im übrigen ist "Löwe" wie "Stier" ein beliebter Titel für Helden und wird auch für andere Götter gebraucht. So auch in folgendem Vers aus einem Hymnus an Soma:
siṃhaṃ nasanta madhvo ayāsaṃ harim aruṇaṃ divo asya patim
śūro yutsu prathamaḥ pṛcchate gā asya cakṣasā pari pāty ukṣā (RV 9.89.3)
"Die süßen (Kühe) nahen sich dem Löwen, dem flinken, dem gelblichen, rötlichen Herrn dieses Himmels.
Der vorderste Held in den Kämpfen schaut nach den Kühen, mit seinem Auge hütet sie der Bulle."
Mit "Löwe" wird hier Soma angesprochen, und zwar als Mondgott, nicht als Konstellation Löwe. Außerdem wird er "vorderster Held" und "Bulle" genannt. Die Milchkühe dürften die Plejaden oder andere Sterne sein.
Vertreter der "vedischen Astrologie" berufen sich auch auf Ṛgveda 1.164.11 und 48. Die dort erwähnte Zwölfteilung des Jahres soll angeblich beweisen, daß der Tierkreis bekannt war. Der Text lautet:
dvādaśāraṃ nahi taj jarāya vavarti cakraṃ pari dyām ṛtasya
ā putrā agne mithunāso atra sapta śatāni viṃśatiś ca tasthuḥ
"Dieses zwölfspeichige Rad der göttlichen Ordnung dreht sich um den Himmel, ohne je zu ermüden. / Darauf, o Agni, stehen paarweise siebenhundert und zwanzig Söhne."
Doch hieraus zu schließen, daß die zwölf Tierkreiszeichen bekannt waren, ist nicht zulässig. Man muß hierin vielmehr eine Anspielung auf die zwölf Monate sehen, da nur von diesen in den Veden tatsächlich explizit die Rede ist, von den Tierkreiszeichen hingegen nie. Dabei stehen die "720" für 360 Tage und ebenso viele Nächte in einem Idealjahr von 360 Tagen. Solch ein "Idealjahr" liegt auch noch den heutigen indischen Mondkalendern zugrunde. Sie bestehen aus zwölf Monaten zu je 30 Tithis, wobei eine Tithi grob einem Tag entspricht. Die Details der damaligen Kalenderrechnung sind nicht genau bekannt. Da sich aber laut dem zitierten Text das Jahr "um den Himmel dreht", können wir vermuten, daß eine ähnliche Methode verwendet wurde, wie sie im Keilschrifttext Epinnu (mul.apin) beschrieben ist. Dort wird ein Idealjahr von 360 Tagen (also von 12 Monaten zu je 30 Tagen) gelehrt, und verschiedene Daten dieses Idealjahrs werden den heliakischen Aufgängen bestimmter Sterne und Konstellationen zugeordnet. Diese Korrelation von heliakischen Sternaufgängen und Kalenderdaten diente der richtigen Kalenderschaltung, also der rechtzeitigen Einfügung von Schaltmonaten im Mondkalender. In vedischer Zeit könnten anstelle der babylonischen Sternbilder die Positionen der Vollmonde in den Mondhäusern verwendet worden sein. Interessant ist, daß Epinnu nicht nur 12, sondern 17 ekliptikale Konstellationen erwähnt. Unter diesen sind zwar auch einige der heute gängigen Tierkreiszeichen, doch manche fehlen oder tragen andere Namen, wie etwa der Widder, der als "Lohnarbeiter" bezeichnet wurde, oder die Jungfrau, die man als "Ackerfurche" kannte. Epinnu demonstriert eindrücklich, daß aus einem zwölfspeichigen Rad nicht zwingend ein zwölfteiliger Tierkreis folgt.
C. P. S. Menon sieht auch in der Götterklasse der 12 Ādityas einen Hinweis auf die 12 Tierkreiszeichen. (Menon/Filon, Early Astronomy and Cosmology, S. 55) Denn Śatapathabrāhmaṇa 6.1.2. 8-10 lehrt, daß Prajāpati nach der Zeugung des Sonnengottes Āditya die 12 Ādityas zeugte und „sie an den Himmel versetzte“ (ādityam (sṛṣṭam) ādityās (anvasṛjyanta) tān divy (upādadhāt)), und in 11.6.3.8 wird gesagt, daß die 12 Ādit-yas die 12 Monate seien (dvādaśa māsāḥ saṃvatsarasyaita ādityāḥ). Aber diese Aussagen führen nicht weiter als das soeben erwähnte Himmelsrad mit den 12 Speichen. Es ist tatsächlich nirgends ausdrücklich von den 12 Sternbildern (Tierkreiszeichen) die Rede, sondern nur von 12 Monaten, die an astronomische Beobachtungen (Referenzsterne, Mondhäuser) gebunden waren.
6 Die extrem seltenen Ausnahmen, in denen "vedische" Astrologen Anspielungen auf die "Tierkreiszeichen" (rāśiḥ) sehen, stehen in krassem Mißverhältnis zur Allgegenwart der Mondhäuser (nakṣatram). Zudem bezweifle ich, daß mit rāśiḥ hier überhaupt Tierkreiszeichen gemeint sind. Das Wort begegnet uns im Mahābhārata in der Regel in der Bedeutung "Haufen, Menge, Ansammlung". In MBh 3.188.87 und 6.3.17, wo der Begriff in astronomischem Kontext auftaucht, dürfte rāśiḥ daher eine beliebige Häufung von Sternen, also eine beliebige Art von Konstellation bezeichnen. An der letzteren Stelle dürfte mit brahmarāśiḥ das Mondhaus Abhijit gemeint sein.
Ganz am Anfang des Epos (MBh 1.3.60-70) treten die Aśvins als Schöpfer des Jahres auf, das als Rad mit 12 Speichen und als ein Idealkreis von 12 x 30 Tagen, also 12 Monaten, begriffen wird. In der spätantiken Astrologie beginnt der Tierkreis – d.h. das Widderzeichen – mit dem Mondhaus Aśvinī. Interessant ist aber, daß hier kein einziges Tierkreiszeichen erwähnt wird. Es gibt keinen Beweis dafür, daß diese tatsächlich schon bekannt sind. Es ist nur von den zwölf Monaten die Rede. (Die im Internet zu findende Übersetzung von Ganguli ist hier leider irreführend, die Erwähnung von "twelve signs of the zodiac" ist reine Interpretation und steht nicht so im Originaltext; http://www.sacred-texts.com/hin/m01/m01004.htm.)
7 Es gibt eine einzige Bezugnahme auf ein Tierkreiszeichen (rāśiḥ) im Vedāṅgajyotiṣa. Der betreffende Vers ist aber nur in einer der beiden Versionen des Textes (der yājuṣa-Rezension) erhalten, und er ist unnumeriert. Der Herausgeber der kritischen Ausgabe, T. S. Kuppannasastry, vermutet vernünftigerweise, daß der Vers unecht, d.h. eine spätere Einfügung ist, zumal die Tierkreiszeichen ansonsten in den vedischen Texten nicht erwähnt werden. (Sarma (ed.), Vedāṅga Jyotiṣa of Lagadha, S. 50)
8 Für die Auffassung, daß Kṛṣṇas Geburtsmond in Rohiṇī stehe, gibt es nur einen expliziten Beleg, in Harivaṃśa 48(2.4).13. Allerdings ist dieser Vers in der kritischen Ausgabe nicht enthalten und höchst wahrscheinlich nicht authentisch. Eine weitere Stelle, die angeblich einen Geburtsmond in Rohiṇī anzeigt, findet sich in Bhāgavatapurāṇa 10.3.1, doch ist die Deutung dieser Stelle unsicher. Die Angaben der Texte zu Kṛṣṇas Geburtskonfiguration sind widersprüchlich, oder jedenfalls nicht einfach zu deuten. Einigen Texten zufolge wurde Kṛṣṇa mit dem Mond im Mondhaus Abhijit geboren. (s. Koch, Kṛṣṇas Geburtshoroskop, in Vorbereitung).
9 Ein Kṛṣṇahoroskop mit Angaben betreffend Aszendent und allen Planeten in den Tierkreiszeichen findet sich erst im Khamāṇikyam, einem viel späteren Text aus dem 15. Jh. n.Chr. (s. Koch, Krischnas Geburtshoroskop)
10 vgl. die Ausführungen von Dikshit, History of Indian Astronomy, part I, S. 140f.
11 ṛtubhir hi saṃvatsaraḥ śaknoti sthātum (ŚB 6.7.1.18), "nur durch die Jahreszeiten vermag das Jahr zu stehen".
12 Erklärung des Textes bei Sengupta, Ancient Indian Chronology, S. 155ff.
13 Sengupta, ebenda, S. 163ff.
13a Siehe Kauls Hindu Calendar Forum, http://groups.yahoo.com/group/hinducalendar/.
14 Dikshit, Bharatiya Jyotish Sastra, S. 129; Sengupta in: Burgess, The Sûrya Siddhânta, S. xxxv ff.; Kuppanna Sastry in: Sarma, K. V. (ed.), Vedāṅga Jyotiṣa of Lagadha, S. 12. Im wesentlichen lassen sich folgende Belegstellen dafür anführen: Das Mondhaus Kṛttikā wird als der "Mund der Mondhäuser" (mukhaṃ nakṣatrāṇām, Taittirīyabrāhmaṇa 1.1.2.1) bezeichnet, wobei "Mund" "Anfang" bedeutet (vgl. Śatapathabrāhmaṇa 6.2.2. 18). Von den Kṛttikā-Sternen, den Plejaden, wird gesagt, daß sie "vom Osten nicht abweichen" (prācyai diśo na cyavante, Śatapathabrāhmaṇa 2.1.2.3; prācīṃ diśaṃ na parijahati, Baudhāyanaśrautasūtra 25.3.5). In Taittirīyabrāhmaṇa 1.5.2.7f. wird zwischen nördlichen und südlichen Mondhäusern unterschieden, deren erstere den Göttern, letztere dagegen dem Tod zugeordnet werden. Den Göttern zugeordnet sind die Mondhäuser Kṛttikā bis Viśākhā, dem Tod die anderen. Daraus ist zu schließen, daß das Frühlingsäquinoktium am Anfang von Kṛttikā lag. Diese Tradition wurde lange über ihre astronomische Gültigkeit hinaus bewahrt. Noch in Viṣṇupurāṇa 2.8.76ff. wird ausdrücklich gesagt, daß das Äquinoktium in Kṛttikā liegt.
15 Sphujidhvaja, Yavanajātakam 79.30; Varāhamihira, Bṛhatsaṃhitā 3.2; Āryabhaṭa, Āryabhaṭīyam 4.1; Sūryasiddhānta 14.7-10; s. auch Dikshit, Bharatiya Jyotish Sastra, S. 139. Beim Sūryasiddhānta bestätigt sich diese Erklärung weiter durch folgenden Sachverhalt: Die Ephemeridenrechnung des Sūryasiddhānta ist am genauesten für die Epoche 500 n. Chr. und wird mit zunehmender Entfernung von ihr immer schlechter. Die Parameter der Ephemeridenrechnung und die ihnen zugrundeliegenden astronomischen Beobachtungen müssen also aus dieser Epoche stammen. Nun läßt der Sūryasiddhānta den Tierkreis gerade beim Stern Revatī (ζ Piscium) beginnen, wo sich um 500 n. Chr. der Frühlingspunkt befand. Fast dieselben Konstanten wie der Sūryasiddhānta verwendet auch Āryabhaṭa. Sphujidhvaja verwendet eine tropische Ephemeridenrechnung.
16 ... hastigo'śvoṣṭradamako nakṣatrair yaśca jīvati / pakṣiṇāṃ poṣako yaś ca yuddhācāryas tathaiva ca / ... etān vigarhitācārān apāṅkteyān dvijādhamān / dvijātipravaro vidvān ubhayatra vivarjayet (Manusmṛti 3.162-167):
"... wer mit Elefanten, Ochsen, Pferden oder Kamelen arbeitet, wer von den Gestirnen (nakṣatram) lebt, / wer Vögel züchtet, wer den Gebrauch von Waffen lehrt / ..., all diese niedrigsten Geweihten, die ein tadelnswertes Leben führen und die zu heiligen Mahlzeiten nicht zuzulassen sind, / wird der wissende Brahmane sowohl <beim Götteropfer> als auch <beim Ahnenopfer> meiden.
17 śvabhir yaś ca parikrāmed yaḥ śunā daṣṭa eva ca / parivittiś ca yaś ca syād duścarmā gurutalpagaḥ / kuśīlavo devalako nakṣatrair yaś ca jīvati (MBh 13.90.10) etān iha vijānīyād apāṅkteyān dvijādhamān (11ab):
"Wer mit (Jagd)hunden umherzieht, wer von einem Hund gebissen wurde, / wer unverheiratet ist und einen verheirateten jüngeren Bruder hat, wer einen Hautausschlag hat oder mit der Frau seines Gurus schläft, / wer Bote ist oder Götterbilder für Geld verehrt oder von den Gestirnen (nakṣatram) lebt, / all diese schlechtesten der Geweihten, so soll man wissen, sind unwürdig, an heiligen Mahlzeiten (bzw. an Riten für Götter und Ahnen) teilzunehmen."
āhvāyakā devalakā nakṣatragrāmayājakāḥ / ete brāhmaṇacaṇḍālā mahāpathikapañcamāḥ (MBh 12. 77(76).8):
"Gerichtsboten, <Leute, die gegen Geld> Götterbildern oder der Schar der Gestirne (nakṣatram) Opfer darbringen, / und fünftens Reisende – diese sind die Verworfensten unter den Brahmanen."
na brāhmaṇān parivaden nakṣatrāṇi na nirdiśet / tithiṃ pakṣasya na brūyāt tathāsyāyur na riṣyate (MBh 13.107(104). 62):
"Man soll nicht über Brahmanen <schlecht> reden, man soll nicht die Gestirne (nakṣatram) anzeigen (deuten?), / man soll nicht den Mondtag (tithiḥ) der Monatshälfte angeben, so wird einem das Leben nicht verkürzt."
18 saptamāc cāpi divasād amāvāsyā bhaviṣyati / samgrāmaṃ yojayet tatra tām hy āhuḥ śakradevatām (MBh 5.140(142).18):
"Nach dem siebten Tag wird Neumond sein. / Dann soll man dort die Schlacht anschirren, denn jener <Neumond> hat, wie man sagt, Indra als Gottheit."
19 MBh 13.63(64).5ff.
20 MBh 13.89.2ff.
21 Varāhamihira, Bṛhatsaṃhitā, 2.32:
mlecchā hi yavanās teṣu samyak śāstram idaṃ sthitam
"Die Yavanas sind Fremde. Bei ihnen ist diese Wissenschaft vollständig vorhanden."
Die Yavanas sind die Ionier, ein griechischer Volksstamm, der in Kleinasien lebte. Die indische Astrologie hat die zwölf Tierkreiszeichen nachweislich aus dem Westen übernommen, nicht umgekehrt, wie indische Astrologiegurus gern behaupten. In alten indischen Texten findet man auch noch die griechischen Bezeichnungen für die Tierkreiszeichen verwendet, z.B. in Varāhamihiras Bṛhajjātakam 1.8: kriyaḥ (von griech. krios) für Widder, tāvuriḥ (gr. tauros) für Stier, jitumaḥ (gr. didymoi) für Zwillinge, kulīraḥ (oder karkaṭaḥ, urverwandt mit gr. karkinos) für Krebs, leyaḥ (gr. leôn) für Löwe, pāthonaḥ (gr. parthenos) für Jungfrau, jūkaḥ (gr. zygon) für Waage, kaurpiḥ (gr. skorpios) für Skorpion, taukṣikaḥ (gr. toxotês) für Schütze, ākokeraḥ (gr. aigokerôs) für Steinbock, hṛdrogaḥ (gr. hydrochoos) für Wassermann, ittham (gr. ichthyes) für Fische.
22 Pingree, Jyotiḥśāstra, S. 81.
23 Sphujidhvaja, Yavanajātakam 79.30.
24 Pingree meint sogar, daß das Yavanajātaka ein tropisches Jahr von 365.2424 Tagen lehrte, doch ist an der Korrektheit seiner Übersetzung zu zweifeln. Zu verwerfen ist auch die Lösung von K. S. Shukla, der Pingree scharf angreift, aber ebenfalls eine philo-logisch nicht vertretbare Jahreslänge von 365.2848 in den Text hineinliest. (Siehe Shukla, K. S., „The Yuga of the Yavanajātaka“, in Indian Journal of History of Science 24(4), 1989, S. 211-223). Die entscheidenden Verse lauten wie folgt:
ṣaṭpañcakāgre dviśate sahasraṃ / teṣāṃ yuge binduyutāni ṣaṭca (79.6cd)
(Korrktur nach K. S. Shukla: teṣām yuge viddhyayutāni ṣaṭca)
Pingree übersetzt: „There are 60265 (days) in a yuga (of 165 years; D. K.)“.
Aus dieser Übersetzung würde eine Jahreslänge von 365.2424 Tagen folgen, was
nahe beim tropischen Jahr liegt. Doch ist hier einzuwenden, daß
1. teṣām sich im Kontext klar auf tithiḥ bezieht nicht auf „Tage“;
2. ṣaṭpañcakam nicht dezimal als 65 zu lesen ist, sondern als „sechs Fünfen“,
also als „30“; (vgl. Vers 12, wo Pingree selbst den Ausdruck ṣaṭpañcakam
ekahīnam als „6 x 5 - 1“ = 29 interpretiert.)
3. der folgende Vers 7, der parallel konstruiert ist, im letzten Viertel nicht
-yutāni, sondern ayutāni hat, so daß auch hier dieses Wort zu vermuten
ist.
Die korrekte Übersetzung des letzten Teils des Verses dürfte daher, wie von
Shukla vor-geschlagen, lauten: „Wisse, daß es von solchen (Tithis) 61230 in
einem Zeitalter (von 165 Jahren) gibt.“ Eine direkte Aussage über die
Jahreslänge ist daraus nicht abzuleiten.
Hingegen beabsichtigt der darauffolgende Vers 7 eine Aussage über die Anzahl Tage in einem Zeitalter von 165 Jahren. Die entscheidenden Worte lauten:
teṣām (dinarātrāṇāṃ; D.K.) śate dve triśadekakāgre / ṣaṭ khāyutānyarkayugaṃ
vadanti (79.7cd) (var. trikṛdaṣṭakāgre; ṣaṭcāyutany-)
(mein Vorschlag: tēṣāṃ śate dve trikaṣaṣṭikāgre / ṣaṭcāyutānyarkayugaṃ
vadanti)
Der Text ist leider korrupt. Shukla wählt die Variante trikṛdaṣṭaka-, interpretiert sie als „3^2 x 8 = 72“ und kommt auf 60272 Tage pro Zeitalter. Doch ist seine Deutung von trikṛd- als „3^2 = 9“ spekulativ. In Wirklichkeit ist der Text wohl zu trikaṣaṣṭikāgre zu korrigieren, womit sich 60263 Tage pro Zeitalter ergeben und einer Jahreslänge von 365.2303 Tagen. Ich sehe keine andere Lösung, die sprachlich funktioniert, mit dem Versmaß im Einklang ist und eine plausible Jahreslänge ergibt. Das Versmaß verträgt übrigens auch keine „70“ (saptati-) ohne größere Änderungen im überlieferten Wortlaut.
Meine Lösung bestätigt sich anscheined in Vers 11:
triṃśaddināḥ sāvanamāsa ārkas / tryagrairviśiṣṭā daśabhirmuhūrtaiḥ
kalācatuṣkeṇa ca pañcaṣaṭkais / tryagryāṃśakaiśca dviguṇaiścaturbhiḥ (79.11)
„Ein bürgerlicher Monat hat 30 Tage, ein solarer Monat hat zusätzlich 13 muhūrtas, 4 kalās and 33 (Terzen) and 8 (Quarten).“
Daraus ergibt sich ein Monat von 30.435862 Tagen und, multipliziert mit 12, eine Jahreslänge von 365.2303. (Pingree übersetzt die Terzen und Quarten anders, doch wirkt sich dies auf die Jahreslänge nur minim aus.)
Eine weitere Bestätigung liefert Vers 34, der ausdrücklich die Länge des Jahres nennt:
sapañcaṣaṣṭiṃ triśataṃ dinānāṃ / dyūnaṃ dvibhinnaṃ tu dināṃśakānām
tryūnaṃ śatārdhaṃ dinakṛtsamā syāt / yayā bhavargaṃ savitā bhunakti
Pingree übersetzt: „A year of the Sun consists of 365 days and 14;47 sixtieths (aṃśas) of a day, in which the Sun traverses the signs.“ Daraus ergibt sich wiederum eine tropische Jahreslänge von 365.2464 Tagen. Fragwürdig ist aber dyūnam, „sorgenvoll, jammernd“, das Pingree offenbar im Sinne von ekonam, also „um eins vermindert“ deutet. Besser ist es, dvyūnam zu lesen, das „um zwei vermindert“ bedeutet. (Ich danke Martin Gansten für diesen Vorschlag.) Die dann sich ergebende Jahreslänge von 365.2297 (= 365;13,47) ist um nur 52 Sekunden kürzer als die zuvor erhaltene Länge von 365.2303.
26 Sphujidhvaja, Yavanajātakam 1.29.
27 Sūryasiddhānta 14.7-10.
28 Sūryasiddhānta 1.27ff.; 8.1ff. Der Beginn des Tierkreises wird beim Stern Revatī angenommen, und auf diesen Nullpunkt bezieht sich auch die Ephemeridenrechnung.
29 Sūryasiddhānta 3.9-12. Siehe auch Kommentar von Burgess.
30 Bṛhatsaṃhitā 3.1-5. Meine Übersetzung weicht von anderen teilweise erheblich ab:
āśleṣārdhād dakṣiṇam uttaram ayanaṃ raver dhaniṣṭhādyam
nūnaṃ kadācid āsīd yenoktaṃ pūrvaśāstreṣu (BS 3.1)
"Es steht fest, daß es eine Zeit gab, zu welcher der südwärtsgerichtete Weg des Sonnengottes in der Mitte des (Mondhauses) Āśleshā (bzw. am Ende des siderischen Krebses) begann und der nordwärtsgerichtete am Anfang des (Mondhauses) Dhaniṣṭhā (bzw. am Ende des siderischen Steinbocks). Denn so berichten alte wissenschaftliche Texte."
sāmpratam ayanaṃ savituḥ karkaṭakādyaṃ mṛgāditaś cānyat (2)
uktābhāvo vikṛtiḥ pratyakṣaparīkṣaṇair vyaktiḥ (2)
"Gegenwärtig hingegen beginnt der (südwärtsgerichtete) Weg des Sonnengottes am Anfang des Krebses und der andere (nordwärtsgerichtete) am Anfang des Steinbocks. Das Nichtsein des (in alter Zeit) Gesagten (deutet auf) eine Veränderung. Evidenz wird durch direkte Beobachtungen gewonnen."
(Vers 3 erklärt die Benutzung des Gnomons zur Feststellung der Solstizien.)
aprāpya makaram arko vinivṛtto hanti sāparāṃ yāmyām
karkaṭakam asamprāpto vinivṛttaś cottarām aindrīm (4)
"Noch bevor der Sonnengott den Steinbock erreicht, kehrt er um und beendet den abwärts- und südwärtsgerichteten (Weg) Yamas. Und noch bevor er den Krebs erreicht, kehrt er um und (beendet) den aufwärts- und nordwärtsgerichteten (Weg) Indras."
(Anmerkung: Yama ist der Gott des Todes, Indra der König der Götter. Gängige Übersetzungen des Verses wie: "Wenn die Sonne vor Erreichen des Steinbocks umkehrt, schlägt sie den Westen und Süden mit Vernichtung usw." ergeben astronomisch keinen Sinn, weil die Bedingung für alle Jahre seit etwa 500 n. Chr. gültig ist.)
uttaram ayanam atītya vyāvṛttaḥ kṣemasasyavṛddhikaraḥ
prakṛtisthaś cāpy evaṃ vikṛtagatir bhayakṛd uṣṇāṃśuḥ (5)
"Nachdem der Sonnengott den nordwärtsgerichteten Weg durchlaufen hat als Bringer von Wohlfahrt und Getreidewachstum, kehrt er um, geht seiner Natur gemäß den entgegengesetzten Weg und bringt mit seinen heißen Strahlen Gefahr und Furcht."
Die astrologische Deutung der beiden Hälften des tropischen Jahres kann in Zusammenhang mit der alten vedischen Lehre verstanden werden, der gemäß ein Mensch, der vor der Sommersonnenwende stirbt, den "Pfad der Götter" betritt und den Kreislauf der Wiedergeburt überwinden kann, während jemand, der nach der Sommersonnenwende stirbt, auf dem "Pfad der Ahnen" in diese Welt zurückkehrt und von neuem geboren wird. (vgl. Bhagavadgītā 8.23ff., Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 6.2.14ff., Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.2.7f.)
31 Bṛhatsaṃhitā 3.4, zumindest nach meinem Verständnis des Verses, siehe letzte Fußnote. Hier würde ich also Knappich widersprechen, der behauptet, Varāhamihira hätte den tropischen Tierkreis verwendet (Knappich, Geschichte der Astrologie, S. 126). Auch Robert Hand meint, daß Varāhamihira ein tropischer Astrologe sei. Er verweist auf Bṛhajjātakam 1.19, wo Varāhamihira für die Tierkreiszeichen Aufsteigungszeiten gibt, die nur im tropischen Tierkreis stimmen. (Hand, "On the Invariance of the Tropical Zodiac".) Es ist jedoch zu bedenken, daß zur Zeit Varāhamihiras der siderische Tierkreis mit dem tropischen praktisch übereinstimmte, so daß diese Aufsteigungszeiten zu seiner Zeit auch für den siderischen Tierkreis galten. Außerdem berechnen auch spätere Werke der indischen Astrologie den Aszendenten aufgrund der tropischen Sonne und der tropischen Aufsteigungszeiten der Tierkreiszeichen und rechnen den tropischen Aszendenten dann auf den siderischen Tierkreis um. (z.B. Mañjula, Laghumānasam)
32 Varāhamihira erwähnt in Pañcasiddhāntikā 3,20-22 zwar bereits das sogenannte Trepidationsmodell der Präzession, gibt jedoch keine Geschwindigkeit der Präzession an und rechnet nicht mit ihr.
33 Āryabhaṭa, Āryabhaṭīyam 4.1ff., zumindest nach meinem Verständnis des Textes. Er lautet wie folgt:
meṣādeḥ kanyāntaṃ samaṃ udagapamaṇḍalārdham apayātam
taulyādeḥ mīnāntaṃ śeṣārdhaṃ dakṣiṇena eva (A 4.1)
"Der Abschnitt, der mit dem Widder beginnt und mit der Jungfrau endet, ist diejenige Hälfte des Tierkreises, die nördliche Deklination hat. Die übrige Hälfte, die mit der Waage beginnt und mit den Fischen endet, hat südliche (Deklination)."
tārāgrahendupātā bhramanty ajasram apamaṇḍale 'rkaś ca
arkāt ca maṇḍalārdhe bhramati hi tasmin kṣitichāyā (2)
"Die Sterne (!), die Planeten, der Mond, die Knoten und die Sonne wandern unablässig auf der Ekliptik. Und wegen der Sonne (existieren) die beiden Hälften des (Ekliptik-) Kreises, denn auf ihm wandert der (bei Mondfinsternissen beobachtbare) Erdschatten."
34 Anderer Meinung ist der Inder Avtar Krishen Kaul, ein bekannter Kritiker der siderischen Astrologie und des siderisch definierten traditionellen indischen Kalenders. Er glaubt, daß Mañjula mit dem tropischen Tierkreis arbeitete (http://www.indiadivine. org/audarya/vedic-astrology-jyotisha/634475-jyotishis-vs-shri-avtar-krishen-kaul-2-a.html, 18. Okt. 2009). Doch scheint mir, daß dem nicht so ist. Mañjula berechnet zunächst die siderischen Positionen von Sonne und Planeten (Laghumānasa, 2.1'-5'). Den Wert der Präzession (Ayanāṃśa) gibt er an, ohne ihn hinzuzurechnen. Zusätzlich zu den siderischen Planeten berechnet er zwar noch die tropische Sonne, aber nur deshalb, weil er sie später (Vers 24) als Hilfsmittel zur korrekten Berechnung des Aszendenten benötigt. Die resultierende tropische Position des Aszendenten muß er durch Subtraktion des Ayanaṃśa in den siderischen Tierkreis umgerechnet haben. Daraus folgt natürlich, daß auch andere Astrologen, die dasselbe Verfahren verwenden, nicht Tropiker, sondern Sideriker sind. Der ebenfalls im 10. Jh. lebende Kālidāsa verwendet in seiner Schrift Uttarakālāmṛtam 1.4 dieselbe Methode der Aszendentenberechnung wie Mañjula, wobei er den siderischen Aszendenten mit Hilfe der tropischen Sonne, der Aufsteigungszeiten der tropischen Tierkreiszeichen und der Präzession berechnet.
35 Sūryasiddhānta 3.9-12. Der ursprüngliche Sūryasiddhānta kannte höchstwahrscheinlich keine Präzession (s. Burgess, The Sûrya Siddhânta, S. 114ff.). Die Stelle wurde mit Sicherheit erst Jahrhunderte nach Varāhamihira in den Text eingefügt. Ein interessantes Detail: Burgess weist darauf hin, daß gemäß Vers 3.9ab nicht der Frühlingspunkt um den siderischen Nullpunkt pendelt, sondern daß umgekehrt der siderische Tierkreis sich relativ zum Frühlingspunkt bewegt. Die Formulierung befremdet, weil sie so tut, als wäre der Frühlingspunkt, somit der tropische Tierkreis, das absolute Bezugssystem. In späteren Texten, etwa in Bhāskaras Siddhāntaśiromaṇi 6.17, ist es umgekehrt der Frühlingspunkt, der sich relativ zu den Fixsternen bewegt.
36 Zur Geschichte der Trepidation und Präzession in Indien siehe: Pingree, "Precession and Trepidation in Indian Astronomy before A.D. 1200".
37 Das Kaliyugadatum 17./18. Feb. 3102 v. Chr. ist indirekt zum ersten Mal beim spätantiken Astronomen Āryabhaṭa belegt, der den Beginn des Kaliyuga 3600 Jahre vor seinem 23. Lebensjahr annahm, das mit dem Jahre 499 n. Chr. korreliert wird. Kein einziger älterer Text spricht davon. (Āryabhaṭīyam 3.10) Traditionalisten weisen gern auf die Inschrift des Königs Pulakeśin II von Aihole in Karṇāṭaka hin, die diese Datierung angeblich stützt. Doch stammt diese Inschrift aus dem Jahre 634 und ist somit noch jünger als Āryabhaṭa. Es ist daher äußerst unwahrscheinlich, daß die Datierung des Kaliyuga auf den 18. Februar 3102 v. Chr. auf einer echten Überlieferung beruht. Alles deutet darauf hin, daß sie erst von spätantiken Astronomen konstruiert wurde, als Nulldatum für die Planetentheorie und Ephemeridenrechnung, wie sie u.a. im Sūryasiddhānta dargelegt wird. Berechnet man aufgrund dieser Planetentheorie, ausgehend vom 18. Februar 3102 v. Chr. die Positionen der Planeten, so erhält man recht gute Resultate für die Epoche um 500 n. Chr. und einige Jahrhunderte davor und danach, jedoch zunehmend ungenaue, je weiter man sich von dieser Epoche entfernt. Für den 18. Februar 3102 v. Chr. erhält man logischerweise eine präzise Konjunktion der Planeten auf 0° im siderischen Widder, doch von der Realität ist dies leider weit entfernt.
38 s. Calendar Reform Committee Report.
39 Dikshit, History of Indian Astronomy, Part II. Einen ähnlichen Standpunkt hat das Calendar Reform Committee übernommen, als es den Lahiri-Ayanāṃśa empfahl: "This recommendation is to be regarded only as a measure of compromise, so that we avoid a violent break with the established custom. But it does not make our present seasons in the various months as they were in the days of Varahamihira or Kalidasa. It is hoped that at not a distant date, further reforms for locating the lunar and solar festivals in the seasons in which they were originally observed will be adopted." (Calendar Reform Committee Report, S. 5)
40 Kollerstrom, "The Star Zodiac of Antiquity".
40a Pingree, The Yavanajātaka of Sphujidhvaja, Bd. I, S. 3ff.; Bd. II, S. 415.
41 Gil Brand, "Zurück zu den Sternen – Ein Plädoyer für den siderischen Zodiak", http://www.astrologie-zentrum.net/publikationen/text_5.htm. (18. 9. 2011); auch in: Meridian 1/2004.
42 In der Neuen Zürcher Zeitung vom 27.2.2004, S. 59, ist unter dem Titel "Microsoft will mehr Sicherheit, weniger Spam" zu lesen: "Anstatt mit Gleichgesinnten, die ähnliche Lösungsansätze entwickelt haben, gemeinsame Sache zu machen, hat Microsoft still und heimlich und in Konkurrenz zu ähnlichen Verfahren ... etwas eigenes entwickelt und auch gleich patentiert." Das ist Skorpion, nicht Waage.
43 Ein äquales System, bei dem das 1. Haus das ganze Zeichen umfaßt, das am Aszendenten steht, und jedes weitere Haus wiederum ein ganzes Zeichen umfaßt. (Ganzhäusersystem)
44 Bhat, Fundamentals of Astrology, S. 82: "He will be intelligent, virtuous, will command his relatives, be proud, troubled by fire and wind, talkative, of strong body, with a few children, will have connections with many women, be an astrologer, prompt, happy, of low income, learned, having secret sons, knower of many languages, always in company and receiving wealth from a king."
45 Bhat, ebenda, S. 89: "He will be poor, sharp, doing other's work and be tired and constantly going on tiresome journeys."
46 Raman, Hindu-Astrologie, S. 76-82.
47 Johnson, K., "A Vedic Perspective on Virgo and Pisces", in: TMA 8/2004, S. 116; derselbe, "The Ascetic and the Sensualist: Vedic Aries and Libra", in: TMA 6/2005, S. 121; derselbe, "The Mystic Warrior: A Vedic Perspective on Scorpio", in: TMA 10/ 2006, S. 129.
48 zitiert in: Varaha Mihira, Lehrbuch der altindischen Astrologie, Waakirchen (Urania), 1979, S. 130f.
49 Vgl. hiermit die Beschreibungen im ältesten Werk der indischen Astrologie, in Sphujidhvajas Yavanajātakam, Kap. 12. Hier sind derartige Zeichenvermischungen noch nicht zu finden.
52 So schreibt A. K. Kaul zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004: "Even the 'Vedic' astrologers could not say in one voice as to who the 'winner' would be! In November 2004 issue (just on the eve of election!) Gayatri Devi Vasudev has predicted that Kerry would win whereas in Express Star Teller (of November 2004) K N Rao has said that Bush will win---both have used 'Vedic astrology' with the birth of time also being identical, and the dasha bhuktis and transits also being taken into account by both the 'stalwarts'! Naturally, if these astrologers cannot differentiate between the horoscope of the 'most powerful man of the globe' and an 'also ran'----I do not see any reasons as to how they can be more successful in case of a common man like me, their Jaimini and Parashari notwithstanding!" Und zu den indischen Wahlen 2004, bei denen die Regierungspartei BJP abgewählt wurde: "Regarding the fact whether astrological predictions are correct or incorrect, we have seen the fate of Bhratiya Janta Party, who had preponed their elections by several months because of astrological advice." (http://groups.yahoo.com/group/Hindi-Forum/message/1618; 3. Nov. 2004)
18-Mai-2013, 10:14 Weltzeit | ||||
![]() | Sonne | 27 | 38'13" | |
![]() | Mond | 0 | 21'31" | |
![]() | Merkur | 5 | 31'25" | |
![]() | Venus | 10 | 48'45" | |
![]() | Mars | 20 | 37'26" | |
![]() | Jupiter | 21 | 13'18" | |
![]() | Saturn | 6 | 44'25"r | |
![]() | Uranus | 11 | 7'48" | |
![]() | Neptun | 5 | 15'59" | |
![]() | Pluto | 11 | 16'49"r | |
![]() | Mondkn.(w) | 16 | 47'17" | |
![]() | Chiron | 13 | 26'44" | |