Indische Astrologie - kritisch hinterfragt

Von Dieter Koch

Indische Astrologie

Seit Mitte der 1990er-Jahre hat die sogenannte „vedische Astrologie“ insbesondere in Amerika einen bemerkenswerten Boom erfahren. Hierbei wurden nicht nur der siderische Tierkreis, sondern auch andere Techniken der indischen Astrologie und sogar zugrundeliegende spirituelle Vorstellungen der vedischen Kultur in den Westen exportiert. Mit ihrer Bezeichnung als „vedisch“, also einer Bezugnahme auf die heiligen Schriften des Hinduismus, die Veden, wird suggeriert, daß diese Astrologie einen spirituellen Hintergrund habe und letztlich auf göttliche Offenbarung zurückgehe. In der Folge wird diese Astrologie tendenziell auch im typisch indischen Meister-Schüler-Verhältnis gelehrt, und entsprechend selbstbewußt und mit einem Anspruch der Überlegenheit treten „vedische“ Astrologen gegenüber westlichen Astrologen auf. In den folgenden Kapiteln möchte ich diese Ansprüche kritisch hinterfragen.

Damit sind leider schwere Konflikte mit indischen Astrologen vorprogrammiert. Auf die Vorstellung, daß ihre Astrologie in der heutigen Form vor über 5000 Jahren von heiligen Weisen offenbart wurde, können sie nicht verzichten; ebensowenig auf die Vorstellung, daß diese Astrologie heilig, vollkommen und ewig sei. Würden diese Vorstellungen sich als Illusion erweisen, bräche für sie ihr ganzes Weltbild zusammen. Auf kritische Einwände, die sie nicht kontern können, reagieren sie daher nicht selten mit Aggression[1] oder damit, daß sie westlichen Gelehrten von vornherein jegliche Qualifikation absprechen.[2] Ihre westlichen Anhänger übernehmen leider oftmals diese Gefühle und Reaktionsweisen.

Mein vorliegender Text wird z. B. von manchen als ein aggressiver Akt ausgelegt, und zwar nicht nur gegen die indische Astrologie, sondern sogar gegen die vedische Religion. Man hat mich sogar des Atheismus bezichtigt. Diese Auslegung beruht aber auf einer verzerrten Wahrnehmung des Sachverhaltes. Mein tatsächliches Ziel besteht darin, die Ansprüche, mit denen „vedische“ Astrologen im Westen auftreten, kritisch zu prüfen. Daß ich damit Auffassungen indischer Traditionalisten in Frage stelle, ist leider unvermeidlich, aber nicht mein Ziel. Im übrigen kommt die vedische Religion, wie sie uns in den vedischen Schriften überliefert ist, vollkommen ohne Horoskopie aus. Es ist also nicht so, daß ich mit der Hinterfragung astrologischer Lehren die vedische Religion selbst angreife. Dies umso weniger, als ich selbst Anhänger einer vedischen Lehre bin, nämlich der Bhagavadgītā, bzw. der Vedānta-Lehre Kṛṣṇas.

Indisches Horoskop PortraitDie Diskussion mit indischen Astrologen und ihren Anhängern wird erschwert durch den Umstand, daß bei einer traditionellen Unterweisung im Meister-Schüler-Verhältnis eine sachliche Diskussion der Fakten gar nicht vorgesehen ist. Ein Studium nach indischer Tradition geht auch nicht derart vonstatten, daß man die autoritativen Quellen unvoreingenommen studiert, diskutiert und zu ergründen versucht, sondern so, daß man vom Guru eine Ideologie vermittelt bekommt und lernt, wie sich diese anhand der autoritativen Quellen, die als göttliche Offenbarung betrachtet werden, „beweisen“ läßt. Den heiligen Texten wird dabei oftmals erhebliche Gewalt angetan, ihr Sinn auch durchaus einmal ins genaue Gegenteil verkehrt. Entdeckt ein Schüler, daß die Meinung des Gurus im Widerspruch zu den Veden steht, kann dies nur am noch ungenügenden Verständnis des Schülers liegen. Verschiedene Lehrtraditionen, die sich auf dieselben autoritativen Quellen berufen, diskutieren nicht miteinander, sondern kochen eine jede ihr eigenes Süppchen. Sie leben in der unerschütterlichen Gewißheit, im Besitz des wahren spirituellen Weges zu sein. Stoßen sie irgendwo doch aufeinander, gehen sie oft aggressiv, argwöhnisch, herablassend oder spöttisch miteinander um. Gleichzeitig kann man feststellen, daß manche indische Gurus in Paralleluniversen leben, in denen auch die selbstverständlichsten philologischen, historischen und astronomischen Tatsachen keine Geltung haben. Debatten mit ihnen oder ihren Anhängern sind oftmals derart irrational, daß Außenstehende sich keine Vorstellung davon machen können. Die „Blüten“ der Problematik lassen sich in den zahlreichen indischen Foren in englischer Sprache studieren, die sich den Themen der indischen Astrologie und Astronomie, des Kalenders, der Archäologie usw. widmen.[3]

Es ist im Rahmen dieses Buches nicht möglich, mit allen Irrtümern indischer Traditionalisten und ihrer westlichen Anhänger aufzuräumen. Ich beschränke mich auf einige wesentliche Punkte. Allerdings sehe ich mich gezwungen, zahlreiche und ausführliche Fußnoten hinzuzufügen und die Argumente indischer Astrologen im Detail zu diskutieren.

„Vedische“ Astrologie und die Veden

Die Inder selbst nennen ihre Astrologie nicht „vedisch“, sondern bezeichnen sie einfach als jyotiṣam, also „(Wissenschaft) von den Lichtern“. Zumindest war dies bis vor wenigen Jahren so. Der Ausdruck „vedische Astrologie“ ist erst bei dem erwähnten Boom indischer Astrologie im Westen in den letzten Jahrzehnten aufgetaucht.[4] Böse Zungen behaupten, der Begriff sei nur erfunden worden, weil sich vedische – d.h. spirituelle – Astrologie besser verkaufe.[5] Seine große Bekanntheit im Westen verdankt er insbesondere amerikanischen Astrologen, allen voran David Frawley. Der Ausdruck erfreut sich allerdings auch bei indischen Astrologen zunehmender Beliebtheit.

Der Ausdruck „vedisch“ wird gern gebraucht, um auszudrücken, daß es sich um eine heilige Lehre handelt, die von den Sehern (Rishis) der Vorzeit vor über 5000 Jahren geoffenbart und in unveränderter Form von Generation zu Generation bis heute weitergegeben wurde. Wenn z. B. das astrologische Lehrbuch Bṛhat-parāśara-horā-śāstra von sich selbst behauptet, eine Offenbarung des vedischen Sehers Parāśara zu sein, so nimmt man dies für bare Münze.[6] In Wirklichkeit ist der älteste Teil dieses Werks erst vor etwa 1400 Jahren entstanden. Und anders, als seine heutige große Popularität vermuten läßt, war es vor den 1980er-Jahren unter indischen Astrologen weitgehend unbekannt.[7] Ein wichtiges Indiz gegen das hohe Alter dieses Werks ist die Tatsache, daß antike Autoren und Kommentatoren es nicht kommentiert und noch nicht einmal gekannt haben[8]; ein anderes die Tatsache, daß die alten vedischen Schriften selbst eine „Astrologie“ von ganz anderer Art praktizierten. Zwar mag die indische Astrologie insofern „vedisch“ sein, als sie Teil der heutigen vedischen Tradition ist. Doch ist sie viel jünger als die Veden, das Kernkorpus der heiligen Schriften des Hinduismus (śrutiḥ), und in wichtigen Teilen auch nicht indischen, sondern griechischen Ursprungs.

Die Veden selbst interessieren sich vor allem für die Position des Mondes in den 27 bzw. 28 Mondhäusern, für Mondphasen und Eklipsen sowie für die Äquinoktien und die Solstizien. Planeten finden dagegen kaum Beachtung[9], Tierkreiszeichen sind völlig unbekannt[10]. Die Beobachtung des Himmels war nur für den vedischen Opferkult von Bedeutung. Das Vedāṅgajyotiṣa, das älteste astronomisch-kalendarische Lehrwerk, sagt dies sogar ausdrücklich.[11] Es interessiert sich nur für die Zyklen von Sonne und Mond. Hingegen Planeten und Tierkreiszeichen spielen in ihm keine Rolle.[12] Von einer Geburtshoroskopie, wie wir sie heute kennen, ist in den Veden nie die Rede.

Ganz ähnlich ist die Situation im großen Mahābhārata-Epos, das von einem apokalyptischen Krieg in der indischen Vorgeschichte handelt und zum weiteren Kreis der heiligen Schriften Indiens gehört (smṛtiḥ). In diesem Epos finden sich zahlreiche kalendarische und astronomische Angaben, etwa in welchen Mondhäusern der Mond und – seltener – die Planeten sich bei bestimmten Ereignissen befanden, in welchem Mondmonat ein Ereignis stattfand, an welchem Tag des Monats und bei welcher Mondphase oder ob es eine Finsternis gab. Hingegen von Tierkreiszeichen, Aszendenten oder anderen Elementen der heutigen „vedischen Astrologie“ ist auch hier nie die Rede.[13]

MahabharataAufschlußreich sind auch die Angaben betreffend das „Geburtshoroskop“ Kṛṣṇas, die sich im Harivaṃśa, einem „Appendix“ des Mahābhārata-Epos, sowie in einigen Purāṇa-Texten finden. Die Tradition deutet die Texte so, daß Kṛṣṇa im Monat Śrāvaṇa, in der Regenzeit, um Mitternacht, in der achten Nacht nach Vollmond, also bei abnehmendem Halbmond mit dem Mond im Mondhaus Rohiṇī (im siderischen Stier) geboren wurde.[14] Für Tierkreiszeichen und die genauen Positionen der Planeten interessieren sich die Texte nicht. Der Aszendent Kṛṣṇas wird nur beiläufig klar, weil der abnehmende Halbmond um Mitternacht in der Nähe des Aufgangs stehen mußte. Doch ist nicht davon auszugehen, daß der Aszendent als solcher von Interesse war, denn er wird nicht explizit erwähnt.[15] Kṛṣṇas Geburtshoroskop beweist noch nicht einmal, daß individuelle Geburtshoroskope erstellt wurden. Seine Geburt wird eher als ein für die Weltgeschichte bedeutsames Ereignis behandelt.

Auch das andere große indische Epos, das Rāmāyaṇa, kennt in seiner Urform keine Astrologie von der Art, wie wir sie heute kennen. Zwar macht es an zwei Stellen astrologische Angaben zur Geburt Rāmas: Der Mond und der Jupiter sollen am Aszendenten im Krebs und insgesamt fünf Planeten in ihrer Erhöhung, oder je nach Lesart auch im Domizil, gestanden haben. Jedoch gehört diese Textpartie nicht zum ursprünglichen Bestand des Epos. Sie erscheint nur in Versionen der nördlichen Rezension, und die kritische Ausgabe des Epos zitiert sie nur im kritischen Apparat.[16] Somit können diese Textpartien keinesfalls als Referenz für eine originär vedische Astrologie gelten. Sie stehen vielmehr in der hellenistischen Tradition der Astrologie.

In die hellenistische Epoche sind auch Stellen in den Purāṇas zu datieren, die Tierkreiszeichen erwähnen. Zumeist wird an diesen Stellen gesagt, daß die Solstitien sich am Anfang von Steinbock und Krebs befinden und die Äquinoktien am Anfang von Widder und Waage. Wenn man davon ausgeht, daß die altindische Astrologie einen siderischen Tierkreis benutzt hat, so sind diese Aussagen infolge der Präzession des Frühlingspunktes astronomisch datierbar, und zwar zwischen 200 und 600 n. Chr., je nachdem, wo man den Anfangspunkt des siderischen Widders annimmt (d. h. je nach zugrundegelegtem Ayanāṃśa).[17] Will man sie früher datieren, so muß man entweder annehmen, daß gegenwärtig verwendete Definitionen des siderischen Tierkreises (also Ayanāṃśas) völlig falsch sind oder aber daß den Texten der tropische Tierkreis zugrundeliegt, bei dem der Frühlingspunkt ja für alle Epochen am Anfang des Widders liegt. Doch da all diese Texte den Widder mit dem Mondhaus Aśvinī beginnen lassen, das siderisch definiert ist, können sie auch bei Zugrundelegung eines tropischen Tierkreises nicht viel früher datiert werden.

Dasselbe gilt natürlich auch für andere astronomische und astrologische Texte, die die Tierkreiszeichen erwähnen und die Äquinoktien und Solstitien an den Anfängen der kardinalen Zeichen annehmen, unter ihnen die Texte Varāhamihiras, Āryabhaṭas, der Sūryasiddhānta, das Yavanajātaka und die Gargasaṃhitā.[18] All diese Texte stammen aus den ersten Jahrhunderten n. Chr., entgegen den Behauptungen „vedischer“ Astrologen, die sie um ihrer Ideologie willen um Jahrhunderte oder gar Jahrtausende früher datieren wollen.[19]

Ein weiterer Punkt, der Beachtung verdient: Die heutige „vedische“ Astrologie und Kalenderrechnung denken rein siderisch, d.h. sie ignorieren die Jahreszeiten, Äquinoktien und Solstitien. Hingegen die vedischen Texte messen dem tropischen, an den Jahreszeiten festgemachten Jahr und seinen Hauptpunkten große Bedeutung zu.[20] Śatapathabrāhmaṇa 6.7.1.18 sagt, daß das Jahr an den Jahreszeiten fixiert ist.[21] Laut Aitareyabrāhmaṇa 18.18 befindet sich das Sommersolstiz in der Mitte des Jahres. Der Text beschreibt, auf welchem Wege das Datum durch Beobachtung der Sonne möglichst genau zu bestimmen ist.[22] Aus Kauṣītakibrāhmaṇa 19.3 erfahren wir, daß sich das Wintersolstiz idealerweise am Neumond des Monats Māgha ereignete. An beiden Solstitien werden den Göttern Opfer dargebracht.[23] Der älteste astronomische Text Indiens, Vedāṅgajyotiṣa 5ff., wiederum lehrt, daß der Neumond am Anfang des Mondhauses Dhaniṣṭhā idealerweise am Anfang des Monats Māgha und am Wintersolstiz steht.

Die heutige vedische Tradition ignoriert all diese Aussagen – mit grotesken Folgen. Anstelle des korrekten Winter- und Sommersolstizes, das sich um den 21. Dezember ereignet, feiert sie den „Nordwärtsgang“ der Sonne (uttarāyanam) heute Mitte Januar beim Eintritt der Sonne in den siderischen Steinbock (makarasaṃkrāntiḥ). Der Monat Māgha fällt in den Januar und Februar und hat mit der Sonnenwende nichts mehr zu tun. In der Folge werden heute alle durch den Kalender vorgegebenen Feste, Rituale und Opfer vom Standpunkt der alten vedischen Kultur an falschen Daten gefeiert. Dies ist eigentlich eine Katastrophe, denn die Gebete, Rituale und Opfer können natürlich nur dann als korrekt durchgeführt und wirksam gelten, wenn sie am korrekten Datum durchgeführt werden. Manche indische Gelehrte, etwa Avtar Krishen Kaul und Darshaney Lokesh, sind sich dieses Problems bewußt und kämpfen für eine tropische Reform des vedischen Kalenders.[24]

Interessant hierbei auch: Die heutige indische Astrologie läßt den Tierkreis mit dem Widder und dem Mondhaus Aśvinī beginnen. Doch in den Mondhäuserlisten der vedischen Texte steht immer Kṛttikā an erster Stelle, das den Plejaden im siderischen Stier zugeordnet ist. Auch wird kein anderes Mondhaus in den Veden derart häufig erwähnt wie Kṛttikā, während Aśvinī nur sehr selten erscheint. Der Grund für die prominente Stellung von Kṛttikā in den Veden liegt darin, daß in alter Zeit, etwa ab 2500 v. Chr. der Frühlingspunkt sich in diesem Mondhaus befand.[25] Als in astronomischen und astrologischen Texten der Spätantike das Mondhaus Aśvinī (und der Widder) an die erste Stelle trat, war der Grund dafür wieder der, daß der Frühlingspunkt sich mittlerweile bis dorthin weiter fortbewegt hatte. Die Äquinoktien und Solstitien wurden, wie gesagt, an den Anfängen von Widder, Krebs, Waage und Steinbock festgemacht.[26] Übrigens hat der Frühlingspunkt seither das Mondhaus Revatī durchquert und befindet sich aktuell in Uttarabhādrā. Die indische Astrologie arbeitet also mit einem Tierkreis, der vor über 1500 Jahren an den damaligen Äquinoktien fixiert und dann eingefroren wurde.

Insgesamt dürfte damit klargeworden sein: Auch wenn wir über die in vedischer Zeit praktizierte „Astrologie“ nicht viel wissen, muß sie sich von der sogenannten „vedischen“ Astrologie, wie sie heute praktiziert wird, massiv unterschieden haben.

Zum spirituellen Anspruch der „vedischen“ Astrologie

Auch zum spirituellen Anspruch der „vedischen“ Astrologie ist eine Anmerkung zu machen. Vom Standpunkt des Vedānta, also der spirituellen Befreiung (mokṣaḥ), ist Astrologie bedeutungslos. Kṛṣṇa sagt in der Bhagavadgītā nie, daß man die Astrologie benötige, um zur spirituellen Befreiung zu gelangen. Der Weg zur Befreiung besteht nach seiner Lehre allein im Handeln ohne Abzwecken auf eine Frucht des Handelns, wobei das Handeln als reines Opfer an Gott begriffen wird. Die indische Astrologie, wie man sie heute kennt, dient hauptsächlich zur Klärung von weltlichen Fragen, zur Erlangung von irdischem Glück. Demselben Zweck dienen auch die vedischen Rituale, wie die Bhagavadgītā selbst sagt. (BhG 2.42ff.) Man kann Astrologie zwar vielleicht wie jede beliebige andere Tätigkeit in einer spirituellen Grundeinstellung betreiben. Aber wer Befreiung sucht, muß nach den Lehren der Bhagavadgītā und der Upanischaden über astrologische Fragestellungen hinausgehen.

KrishnaVon Sterndeuterei ist in der vedischen Literatur nur selten die Rede, und ihr Ruf scheint eher zweifelhaft gewesen zu sein. Nach dem „Gesetzbuch des Manu“ sind „Leute, die ihren Lebensunterhalt mit den Sternen verdienen“ als unrein zu betrachten und dürfen an vedischen Ritualen nicht teilnehmen.[27] Ähnliche Aussagen macht Bhīṣma, der große Held und Weise des Mahābhārata-Epos.[28] Indische Astrologen, für die diese Texte religiöse Autorität haben, sind allerdings nicht der Meinung, daß diese Aussagen sich auf sie beziehen. Von ihnen hört man die Erklärung, die Aussagen seien nicht generell gegen die Astrologie gerichtet, sondern verbieten nur, daß ein Astrologe Geld für seine Dienste verlangt. Dabei wird in der Regel angenommen, Geld anzunehmen sei dann in Ordnung, wenn der Kunde auf eigenen Wunsch etwas geben will (dakṣinā). Andere meinen, diese Aussagen beziehen sich nicht auf Astrologen, die Geld annehmen, sondern auf Scharlatane, die keine angemessene astrologische Ausbildung haben.[29] Die Texte selbst geben aber keine näheren Erklärungen dieser Art, und man könnte sie durchaus auch so interpretieren, daß sie die Astrologie insgesamt verwerfen. Manche indische Gelehrte vertreten tatsächlich diese Meinung.[30] Allerdings wissen wir nicht genau, auf was für eine Art von Astrologie diese Texte sich beziehen, zumal die „vedische“ Astrologie, wie wir sie heute kennen, zur Zeit der Abfassung dieser Texte gar nicht existiert hat.

Wie immer dem auch sein mag, immerhin lehnt die vedische Literatur nicht grundsätzlich jede Art von Astrologie ab. So rät Kṛṣṇa selbst, den Beginn des Krieges auf den Neumond im Mondhaus Jyeṣṭhā zu legen, weil dieses vom Götterkönig Indra regiert wird.[31] Und am Ende des fünften und Anfang des sechsten Buches berichtet das Epos von schlimmen himmlischen Omen, die sich kurz vor der großen Schlacht ereignen, etwa von Finsternissen, Planetenballungen, Meteoriten und anderem. Allerdings wird hierbei nicht einem Individuum seine Zukunft geweissagt. Vielmehr werden, ähnlich wie im alten Mesopotamien, aufgrund der gegenwärtigen himmlischen Konfiguration Schlußfolgerungen für das Schicksal des Landes gezogen. Auch beruhen diese Deutungen nicht nur auf der Beobachtung von Himmelskörpern, sondern auch anderer Naturphänomene wie Wolkenbildungen, Verhalten von Tieren, Fließverhalten von Flüssen usw. Weiter gibt es im Epos Partien, in denen für ein jedes Mondhaus Angaben darüber gemacht, welche Art von Gaben man geben sollte, wenn der Mond sich in ihm befindet, und welches Ziel man damit erreicht.[32] Oder es wird angegeben, in welchem Mondhaus man Totenriten durchführen sollte, um welche Ziele zu erlangen.[33] Doch all dies entspricht nicht der Geburtshoroskopie „vedischer“ Astrologen. Kein Held des großen Epos geht jemals zu einem Astrologen, um sich beraten zu lassen oder sich astrologische Prognosen geben zu lassen, ganz egal wie schwerwiegend seine Probleme auch sein mögen.

Der Tierkreis kam aus dem Westen

Die Frage, ob Tierkreiszeichen in der vedischen Literatur vorkommen oder nicht, spielt für hartgesottene „vedische“ Astrologen eine ganz zentrale Rolle. Die Vorstellung, daß Tierkreiszeichen und andere Elemente der Astrologie aus der hellenistischen Welt nach Indien importiert wurden, scheint ihnen gänzlich inakzeptabel, und sie versuchen um jeden Preis zu beweisen, daß umgekehrt die hellenistische Astrologie aus Indien stammt und ursprünglich von den Heiligen Weisen begründet wurde, die die Veden gestiftet haben.

Es kann aber wirklich kein Zweifel daran bestehen, in welcher Richtung die Beeinflussung stattfand. Die Entwicklung des Tierkreises in Mesopotamien und Griechenland ist durch Quellen gut abgesichert. Wir finden in Mesopotamien ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. Darstellungen von zodiakalen Sternbildern und Anspielungen auf sie in sumerischen Texten. Das augenfälligste Beispiel gibt der sumerische Mythos von Gilgamesch und dem Himmelsstier. Bildliche Darstellungen zeigen den Stier oft mit sieben Punkten über dem Nacken, die für die Plejaden stehen. In anderen Darstellungen erscheinen die Plejaden im Nacken des Stieres in Form einer Kornähre.[34] Im astronomischen Keilschrifttext Epinnu (mul.apin) werden unter 17 zodiakalen Sternbildern auch die meisten der heute gebräuchlichen Tierkreis-Sternbilder genannt.[35] Griechische Astronomen übernahmen zumindest einige dieser Sternbilder bereits vor 500 v. Chr. Davon zeugen attische Vasen, die Herakles im Kampf mit dem kretischen Stier zeigen, der gleich seinen mesopotamischen Vorbildern Getreideähren im Nacken hat, die für die Plejaden stehen;[36] oder Darstellungen von Herakles’ Kampf mit der Hydra und dem Krebs[37] sowie dem nemeischen Löwen[38]. Nach Plinius dem Älteren, Naturae Historiae II.6, wurden die Tierkreis-Sternbilder von Kleostratos von Tenedos um 500 v. Chr. eingeführt. Euktemon erwähnt in seinem Parapegma zumindest die Sternbilder Skorpion und Krebs.[39] Kallippos, der im 4. Jh. lebte, erwähnt in seinem Parapegma sämtliche Tierkreisbilder.

Neben den Tierkreis-Sternbildern taucht im 5. Jh. v. Chr. in keilschriftlichen Zeugnissen auch der mathematische Tierkreis zu 12 je 30° großen Tierkreiszeichen auf.[40] Dieser fand Verwendung in den mathematischen Theorien der Planetenbahnen und in der Ephemeridenrechnung, die ab dieser Zeit erarbeitet wurden. Er diente auch gleich von Anfang an den Astrologen, die täglich mit Ephemeriden zu arbeiten hatten.[41] Wann genau der Tierkreis von 12 gleich großen, imaginären Zeichen zu den Griechen gelangte, ist unsicher. Vielleicht verwendete ihn bereits Euktemon im 5. Jh. v. Chr. [42] Der griechisch schreibende babylonische Astrologe Berossos, der im 4. und 3. Jh. v. Chr. lebte, wird wie seine babylonischen Kollegen mit Sicherheit den mathematischen Tierkreis verwendet haben. Spätestens um 300 v. Chr. ist dieser in griechischen Quellen ausdrücklich erwähnt.[43]

In Indien nun ist eine derartige geschichtliche Entwicklung des Tierkreises nicht zu erkennen. Zwar teilten die Inder in vedischer Zeit das Jahr in 12 Monate ein und definierten diese mit Hilfe von Himmelsbeobachtungen. Doch die Tierkreiszeichen oder zodiakalen Sternbilder sind in vedischen Texten nicht zu finden. Erst in nachchristlicher Zeit läßt sich in Indien der mathematische Tierkreis zu 12 gleich großen Tierkreiszeichen belegen. Zodiakale Sternbilder hingegen sind auch zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. Es ist offensichtlich, daß die Tierkreiszeichen sich in Indien nicht entwickelt haben, sondern nur übernommen und auf das bestehende System von 12 Monaten und 27 Mondhäusern daraufprojiziert wurden.

Es erweist sich, daß in den ersten Jahrhunderten n. Chr. Himmelskunkdler aus dem hellenistischen Westen ihr Wissen nach Indien brachten und damit eine Entwicklung anstießen, welche die indischen Wissenschaften vom Himmel zu einer neuen Blüte führte. Nicht daß die Inder all ihr überliefertes Wissen über Bord geworfen oder die griechische Himmelskunde unverändert übernommen hätten, vielmehr fand eine Verschmelzung originär altindischen Wissens mit ägyptisch-griechischen Lehren statt. Ein Beispiel, das uns hier besonders interessiert: Der 27-teilige altindische Mondhäuserkreis wurde mit dem griechischen zwölfteiligen Tierkreis verschmolzen, und zwar derart, daß man den Anfang des Widders mit dem Anfang des Mondhauses Aśvinī zusammenfallen ließ. Zusammen mit dem Tierkreis wurden auch dessen Feineinteilungen, die astrologischen Häuser, das Würdensystem und andere Dinge übernommen, die eine wichtige Rolle in der heutigen indischen Astrologie spielen.

Vertreter der indischen Astrologie hören solche Feststellungen zwar mit allergrößtem Widerwillen, weil sie die Astrologie gern als originären Teil ihrer vedischen Offenbarungsreligion sehen wollen. Doch wird es von alten indischen Autoritäten ausdrücklich bestätigt. Das älteste astrologische Lehrwerk in Sanskrit, das den Tierkreis kennt, ist das Yavanajātaka („Nativität nach den Griechen“) von Sphujidhvaja, der irgendwann in den ersten Jahrhunderten n. Chr. lebte. Es handelt sich dabei um ein in Versen gedichtetes Lehrbuch der Astrologie, das nach seinen eigenen Angaben auf eine griechische Quelle zurückgeht.[44] In Wirklichkeit ist der Text allerdings eher ein Amalgamat von indischen und griechischen Elementen. Auch die Autoren Varāhamihira (6. Jh. n. Chr.) und Kalyāṇavarman (800 n. Chr.) nehmen verehrungsvoll Bezug auf griechische Astrologen.[45] Die Behauptung mancher indischer Gelehrter, das Wort yavana bezeichne nicht Griechen, sondern einen indischen Volksstamm vedischer Tradition, ist gänzlich aus der Luft gegriffen. Zwar bezieht sich der Begriff yavana nicht immer auf Griechen, doch ist seine Anwendung auf Menschen griechischer Sprache gut belegt.[46] Vor allem aber findet sich bei bei den genannten indischen Autoren auch eine Menge griechischer astrologischer Terminologie, darunter die griechischen Namen der Tierkreiszeichen sowie allerlei andere astrologische Fachbegriffe[47].

Präzession und Tierkreis in Indien

Fragment grieschiescher TierkreisWie schon angedeutet, nehmen spätantike Texte, die zum ersten Mal die Tierkreiszeichen erwähnen, die Solstitien und Äquinoktien bei den Anfängen der Tierkreiszeichen Widder, Krebs, Waage und Steinbock an. Da eine solche Definition des Tierkreises grundsätzlich nur bei einem tropischen Tierkreis Bestand hat, da aber anderseits die „vedische“ Astrologie mit einem siderischen Tierkreis arbeitet, stellt sich die Frage, wie das Problem des Tierkreises und der Präzession in Indien „gelöst“ wurde.

Die indische Tierkreis-Astrologie war zunächst nun weder rein siderisch noch rein tropisch. Vielmehr finden wir in den Quellen dieselbe widersprüchliche Haltung wie bei Vettius Valens, daß sie also siderisch und tropisch gleichzeitig dachten bzw. Sterne und Jahreszeiten miteinander in Verbindung brachten. Der älteste Text der griechisch inspirierten Astrologie, das soeben erwähnte Yavanajātakam von Sphujidhvaja, macht einerseits im letzten Kapitel die Jahreshauptpunkte an den Anfängen der Tierkreiszeichen Widder, Krebs, Waage und Steinbock fest[48] und läßt die Sonne alle Zeichen innerhalb von 365,2303 Tagen durchqueren – eine Jahreslänge, die näher beim tropischen Jahr (365.2422) als beim siderischen Jahr (365.2564) liegt und sehr wahrscheinlich durch Beobachtung von Solstitien und Äquinoktien gewonnen wurde.[49] Im ersten Kapitel anderseits werden die Tierkreiszeichen an den Mondhäusern fixiert und somit siderisch interpretiert.[50] Wie ist dieser Widerspruch zu lösen? Gehören die beiden Textpartien, das erste und das letzte Kapitel gar nicht ursprünglich zusammen? Oder könnte es sein, daß Sphujidhvaja auch die Mondhäuser tropisch definiert? Oder kombiniert der Text eine siderische Weltanschauung, ohne sich darüber im klaren zu sein, mit einer tropischen Ephemeridenrechnung? Höchstwahrscheinlich trifft die letztere Antwort zu. Sphujidhvaja erwähnt die Präzession mit keinem Wort, und die Vermutung liegt auf der Hand, daß er sich dieses Phänomens gar nicht bewußt ist. Auch anderen älteren Werken aus der griechisch inspirierten Epoche, den sogenannten Siddhāntas, fehlt das Bewußtsein der Präzession und der mit ihr zusammenhängenden Problematik. So trägt auch der Sūryasiddhānta, das bedeutendste Werk altindischer Astronomie, den tropisch-siderischen Widerspruch in sich, indem es den Tierkreis sowohl an den Jahreshauptpunkten festmacht[51] als auch an den Mondhäusern[52]. Anders aber als das Yavanajātakam verwendet der Sūryasiddhānta nicht eine tropische, sondern eine siderische Ephemeridenrechnung. Eine kurze Passage über die Präzession wirkt wie später eingefügt.[53] Sie findet ansonsten keine Verwendung in dem Werk. Man könnte sagen, der Sūryasiddhānta intendiert eine tropische Betrachtungsweise, aber arbeitet in der Praxis siderisch.

Erst ums Jahr 500 herum beginnen indische Himmelskundler die Präzession zu bemerken. Varāhamihira stellt fest, daß das Sommersolstiz sich nach alten Quellen im Mondhaus Āśleṣā (auf 23°20’ Krebs) befand, während es sich gemäß Beobachtungen in Varāhamihiras Zeit am Anfang des Krebses befand.[54] Diese Formulierung hört sich nun allerdings bereits so an, als hätte Varāhamihira sich für eine siderische Definition des Tierkreises entschieden. Auch finden wir hier den ersten zaghaften Versuch, den Tierkreis von den Jahreshauptpunkten loszukoppeln, denn Varāhamihira sagt ausdrücklich, daß das Sommersolstiz nicht präzise am Anfang des Krebses, sondern schon kurz davor beginnt.[55] Gründe dafür, weshalb er sich für den siderischen Tierkreis entscheidet, gibt er allerdings nicht an. Das Problem wird, ähnlich wie in der hellenistischen Astrologie, gar nicht diskutiert. Weshalb? War er ratlos, wie es zu lösen war?[56]

Auch Āryabhaṭa I., der um 500 n. Chr. lebte, dürfte die Präzession bemerkt haben, scheint sich jedoch nicht entscheiden zu können, ob er den Tierkreis nun tropisch oder siderisch betrachten soll. In der Praxis macht er ihn aber siderisch fest. Im 4. Kapitel seines berühmten Lehrwerks Āryabhaṭīyam bezeichnet er zunächst die Zeichen Widder bis Jungfrau als „nördlich“ und die anderen als „südlich“ – eine Aussage, die nur beim tropischen Tierkreis zutrifft. Weiter sagt er, daß neben Sonne, Mond, Planeten und Mondknoten auch die Fixsterne (tārāḥ) sich entlang der Ekliptik bewegen. Solch eine Bewegung gibt es nur, wenn man den tropischen Tierkreis als feststehendes Bezugssystem nimmt.[57] Doch die von Āryabhaṭa gelehrten Berechnungsmethoden zur Bestimmung der Positionen von Sonne, Mond, Planeten usw. sind siderisch, und er sagt nicht, daß man zu diesen Positionen die Präzession (also einen Ayanāṃśa) hinzurechnen müsse. In der Praxis ist er also Sideriker. Eine ordentliche Diskussion des Problems findet auch bei ihm nicht statt, und der Grund dafür dürfte darin liegen, daß die Zeit dafür noch nicht reif war, weil man weder den genauen Wert der Präzession kannte noch wußte, was man damit anfangen sollte. Die Lösung des schwierigen Problems war damals auch noch nicht allzu dringlich, denn die beiden Tierkreise deckten sich ja noch einigermaßen.

Indian ObservatoriumAuch Texte aus späteren Epochen, in denen die indische Astronomie weiter fortgeschritten und die Geschwindigkeit der Präzession ungefähr bekannt ist, ziehen den tropischen Tierkreis nicht in Erwägung. Der herausragende indische Astronom und Astrologe Mañjula, der im frühen 10. Jahrhundert lebte und in seiner Schrift Laghumānasam neuartige astronomische Berechnungsmethoden beschreibt, bleibt beim siderischen Tierkreis, und dasselbe gilt natürlich für all diejenigen, die in der Folge mit seinen Methoden arbeiteten.[58] Selbst heute, nach der Einführung moderner astronomischer Methoden aus dem Westen, bleibt die indische Astrologie dem siderischen Tierkreis verpflichtet.

Allerdings war die Frage um den siderischen und den tropischen Tierkreis in Indien gar nie so dringlich wie in Europa. Astronomisch gesehen hat der siderische Widderpunkt zwar überhaupt nichts Besonderes an sich. Es gibt nichts in dieser Himmelsgegend, das ihn gegenüber allen anderen Punkten der Ekliptik auszeichnete, noch nicht einmal einen auffällig hellen Stern. Die altindische Astronomie glaubte jedoch, daß dieser Himmelspunkt in der Geschichte des Kosmos eine herausragende Rolle spielt. Am Ende eines jeden großen Zeitalters nämlich, so glaubte man, kämen an diesem Punkt alle Planeten zu einer exakten Konjunktion zusammen. Die letzte solche große Konjunktion nahmen sie am Anfang des Kaliyuga an, am 17./ 18. Februar 3102 v. Chr. Am selben Datum und am siderischen Widderpunkt nimmt nach einer alten Lehre auch der Präzessionszyklus seinen Anfang. Nach Angaben des Sūryasiddhānta schwingt der Frühlingspunkt in einem Zyklus von 7200 Jahren um den siderischen Widderpunkt herum, wobei er zu diesem eine Maximaldistanz von 27° erreicht (sogenannte Trepidationstheorie). Der Frühlingspunkt pendelt dieser Lehre zufolge also zwischen 27° Widder und 3° Fische im siderischen Tierkreis hin und her.[59] Im Kaliyuga-Jahr 3102 v. Chr. hätte er sich demnach gemeinsam mit sämtlichen Himmelskörpern am siderischen Widderpunkt befunden. Danach wäre er in den Widder eingetreten, 3600 Jahre später, also im Jahre 499 n. Chr., wieder zum Nullpunkt zurückgekehrt und in die Fische eingetreten.[60]

Nach den Erkenntnissen der modernen Astronomie sind diese Vorstellungen nun zwar falsch. Es gab keine solche Großkonjunktion am 17./18. Februar 3102 v. Chr., und dieses Datum hat keinerlei historische Bedeutung.[61] Auch bewegt sich der Frühlingspunkt nicht vor und zurück um einen bestimmten Punkt auf der Ekliptik, sondern mit ungefähr gleichmäßiger Geschwindigkeit durch den ganzen Tierkreis. Dennoch können wir aus dieser Theorie erahnen, weshalb für die Inder ein siderischer Tierkreis sinnvoll erschien. Die Bewegung des Frühlingspunktes betrachteten sie nur als einen Zyklus von untergeordneter Bedeutung im großen Zeitalter. Die Idee eines siderischen Tierkreises war für indische Himmelskundler einleuchtender als ein tropischer Tierkreis.

Aus dem Gesagten folgt: Der siderische Nullpunkt ergibt nur Sinn aufgrund altindischer astronomischer Theorien, die nach den Erkenntnissen der modernen Astronomie falsch sind:

       aufgrund der sogenannten Trepidationstheorie, der zufolge der Frühlingspunkt mit einer Amplitude von 27° um den siderischen Nullpunkt schwingt, und

       aufgrund der Lehre, daß am Ende bzw. Anfang eines jeden großen Zeitalters alle Planeten und der Frühlingspunkt sich exakt am siderischen Nullpunkt zu einer großen Konjunktion zusammenfinden.

Nachdem die moderne Astronomie gezeigt hat, daß diese beiden traditionellen Lehren nicht korrekt sind, ist die Gültigkeit des siderischen Tierkreises in Frage gestellt. Er hat keine sinnvolle Definition mehr.

Ayanāṃśa – oder wo genau fängt der siderische Tierkreis an?

Die größte Schwäche der sogenannten „vedischen“ Astrologie besteht darin, daß sie nicht sagen kann, wo exakt der siderische Tierkreis anfängt. Diese Frage ist von zentraler Bedeutung, denn ohne ihre korrekte Beantwortung kann es keine korrekte Positionsbestimmung der Planeten nach Tierkreiszeichen, deren Feinunterteilungen und Mondhäuser geben. Und ohne diese wiederum sind korrekte astrologische Aussagen, insbesondere astrologische Prognosen, unmöglich. Auf welch tönerne Füße die „vedische“ Astrologie sich hier stellt, zeigt wieder ein Blick auf die Geschichte.

Der siderische Tierkreis kann durch seine Differenz zum tropischen definiert werden, also durch die Winkeldistanz zwischen dem Frühlingspunkt und dem siderischen Widderpunkt. Diese Distanz wird der Ayanāṃśa („Wegteil“) genannt. Die meisten indischen Astrologen arbeiten heute mit dem sogenannten Lahiri-Ayanāṃśa, der 1956 anläßlich der indischen Kalenderreform als Standard eingeführt wurde, auf Empfehlung des aus Kalkutta stammenden Astronomen und Astrologen Nirmala Chandra Lahiri, der Mitglied des Reformkomitees war. Dieser Standard ist nicht nur für die Astrologie verbindlich, sondern auch für in Indien publizierte astronomische Ephemeriden und Almanachs sowie für Kalenderfragen. Letzteres deshalb, weil die Monate des indischen Kalenders an die Ingresse der Sonne in die siderischen Tierkreiszeichen gekoppelt sind. Vor der Reform gab es in Indien mehr als 30 verschiedene lokale Kalender, welche die Daten wichtiger religiöser Feiertage oftmals verschiedenen berechneten. Der neue Standard sollte garantieren, daß diese Feiertage in allen Regionen Indiens am selben Tag gefeiert werden.[62]

Der Lahiri-Ayanāṃśa ist so definiert, daß der Anfangspunkt des siderischen Widders und des Mondhauses Aśvinī genau dem Fixstern Citrā (= Spica, α Virginis) gegenüber liegt, wobei Citrā selbst exakt in die Mitte des gleichnamigen Mondhauses Citrā zu liegen kommt. Dieser Ayanaṃśa hatte im Jahre 285 n. Chr., den Wert 0, so daß in diesem Jahr der siderische und der tropische Tierkreis sich miteinander deckten.[63]

Woher stammt dieser am Fixstern Spica festgemachte siderische Tierkreis? In altindischen Quellen ist er leider nicht mit Sicherheit nachweisbar. Das Hauptwerk der altindischen Astronomie, der Sūryasiddhānta, der, wie gesagt, bis heute eine wichtige Rolle bei der Kalenderrechnung und auch bei sehr konservativen indischen Astrologen spielt, macht leider widersprüchliche Angaben über den Anfangspunkt des Tierkreises. Zwar nimmt dieses Werk den Stern Spica ebenfalls auf 0° Waage an[64], aber seine Positionsangaben für andere Sterne stehen in eklatantem Widerspruch dazu. Und anderswo scheint es den Ausgangspunkt aller Planetenzyklen und den Nullpunkt des Tierkreises eher beim Stern Revatī (ζ Piscium) anzunehmen.[65] Der so definierte Tierkreis würde vom Lahiri-Tierkreis um beinahe 4° abweichen. Mit anderen Worten: Die siderischen Positionen der Planeten für ein Geburtshoroskop haben eine Unsicherheit von mehreren Grad. Die Einführung des Lahiri-Standards hat denn auch erbitterte Streitereien nach sich gezogen. Noch heute polemisieren Anhänger der verschiedenen Ayanāṃśas heftig gegeneinander. Und nicht zu Unrecht, denn für die astrologische Arbeit sind Unsicherheiten in der Größenordnung von bis zu 4° natürlich intolerabel.

Woher also stammt der Lahiri-Tierkreis? Es scheint, daß Lahiri sich von dem Astronomiehistoriker S.B. Dikshit inspirieren ließ, der gegen Ende des 19. Jh. ein wichtiges Buch über die Geschichte der indischen Astronomie schrieb. Dikshit kam zu dem Schluß, daß angesichts der herausragenden Bedeutung, welche die Jahreshauptpunkte in der vedischen Religion hatten, die indischen Kalender reformiert werden sollten und daß sie sich nicht mehr auf den siderischen, sondern auf den tropischen Tierkreis abstützen sollten. Wenn sich dies aber angesichts der starren Konservativität vedischer Kultur nicht durchsetzen ließe, sollte man doch wenigstens den Ayanāṃśa so wählen, daß der siderische Nullpunkt in Opposition zu Spica stehe, da man auf diese Weise in Übereinstimmung mit dem Tierkreis des im 16. Jh. lebenden Astronomen Ganeśa Daivajña käme.[66] Weiter zurück läßt sich der Lahiri-Ayanāṃśa bzw. der durch ihn definierte Tierkreis in indischen Quellen anscheinend nicht zurückverfolgen. Interessant ist aber, daß alle erhaltenen babylonischen und hellenistischen Horoskope diesem Ayanāṃśa folgen, also einem Tierkreis, der Spica auf 0° Waage hat.[67] Dies kann eine bloße Koinzidenz sein, denn es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß es in Indien eine ununterbrochene Tradition gab, die mit diesem Tierkreis arbeitete. Dennoch ist es denkbar, daß der Lahiri-Tierkreis von den Griechen nach Indien gebracht wurde und daß er dort eine Zeitlang bekannt war.

Die Geschichte lehrt allerdings auch, daß beide erwähnten siderischen Tierkreise letztlich völlig willkürlich gewählt sind. Wie schon gesagt, haben alle astrologischen und astronomischen Werke der Spätantike angenommen, daß sich die Anfänge der kardinalen Tierkreiszeichen bei den Jahreshauptpunkten befinden. Da nun diese Werke keineswegs alle im selben Jahre geschrieben wurden, folgt im Grunde genommen, daß sie auch den Anfangspunkt des Tierkreises an verschiedenen Punkten annehmen. Wie schon gesagt, lehrt bereits der älteste Werk altindischer Horoskopie, das Yavanajātakam, daß der Tierkreis an den Jahreshauptpunkten und gleichzeitig an den Mondhäusern fixiert sei. Dieses Werk stammt vermutlich aus dem 2. Jh. n. Chr.[68] Sein Tierkreis müßte sich daher vom Lahiri-Tierkreis um bis zu 2° unterscheiden, vom Tierkreis des Sūryasiddhānta sogar um 4° bis 5°. Und was den Sūryasiddhānta betrifft, so kann, wie schon gesagt, kein Zweifel daran bestehen, daß sein siderischer Widderpunkt um 500 n. Chr. auf den damaligen Frühlingspunkt festgelegt wurde.[69] Wenn nun aber der siderische Widderpunkt durch die Position des Frühlingspunktes in einer früheren Epoche definiert ist, wird deutlich, wie willkürlich seine Definition ist. Wie kann man dann auf ihm eine glaubwürdige Astrologie gründen?

Es dürfte auch klar geworden sein, daß die Vorstellung mancher Romantiker, die indische Astrologie sei in der Form, wie sie heute gelehrt wird, eine auf jahrtausendealter Erfahrung beruhende Wissenschaft, an der Realität völlig vorbeigeht. Wir haben gesehen, daß die indische Astrologie sich seit der vedischen Zeit immer wieder weiterentwickelt und noch im 20. Jahrhundert eine bedeutsame Veränderung erfahren hat: Mit der Kalenderreform von 1956 wurde der Lahiri-Ayanāṃśa zum astrologischen Standard.

Bedeutung des Tierkreises in der indischen Astrologie

ZodiacZum Schluß noch einige Gedankengänge vom Gesichtspunkt eines westlichen Astrologen!

Es gibt also starke Argumente gegen die hie und da zu hörende Behauptung, der siderische Tierkreis hätte sich in Indien in jahrtausendelanger Praxis bewährt: Der siderische Tierkreis ist in Indien noch nicht einmal seit 2000 Jahren in Gebrauch. Sein genauer Anfangspunkt, der umstritten ist, wurde nicht aufgrund von astrologischer Erfahrung gewählt, sondern aufgrund der Position des Frühlingspunktes irgendwann in der Spätantike. Noch nicht erwähnt habe ich dabei das Problem, daß die Ephemeridenrechnung je nach Epoche und lokaler Tradition massive Fehler enthielt und daß die korrekte Berechnung des Aszendenten für ein Geburtshoroskop alles andere als trivial war. Wie hätte sich unter solchen Umständen ein bestimmter siderischer Tierkreis bewähren können? Gegenüber dem tropischen Tierkreis konnte er sich schon deswegen nicht bewähren, weil die tropisch-siderische Frage in Indien gar nie diskutiert wurde.

Die aktuelle Diskussion darüber, ob der indische siderische oder der westliche tropische Tierkreis zu verwenden sei, wird auch dadurch verkompliziert, daß der siderische Tierkreis in der indischen Astrologie auf ganz andere Weise verwendet wird als der tropische in der westlichen Astrologie. Die Tierkreiszeichen spielen in der indischen Astrologie eine viel geringere Rolle als in der westlichen. Auch tauschen sich Inder nicht wie Europäer und Amerikaner darüber aus, in welchem Sonnenzeichen sie geboren wurden, sondern eher über das Tierkreiszeichen, in dem sich der Mond bei ihrer Geburt befand. Logischerweise sollte bei der Frage, welcher der beiden Tierkreise richtig sei, die jeweilige Verwendungsweise nicht außer acht gelassen werden. Die westliche Sonnenastrologie, die auf dem tropischen Tierkreis beruht, wird durch die östliche siderische Mondastrologie keineswegs in Frage gestellt.

Lehrreich scheint mir hier Rafael Gil Brands Untersuchung in seinem „Plädoyer für den siderischen Zodiak“[70], in dem er u.a. anhand von Geburtshoroskopen berühmter Persönlichkeiten abwägt, ob der siderische oder der tropische Tierkreis besser paßt. Gil Brand entscheidet sich für den siderischen Tierkreis, und seine Argumentation scheint auch irgendwie schlüssig. Doch fällt auf, daß er sein Augenmerk gar nicht auf der Deutung der Tierkreiszeichen hat, sondern auf den astrologischen Würden. Wenn ich dagegen auf die Sonnenzeichen schaue, würde ich bei jedem einzelnen von Gil Brands Beispielen dem tropischen Tierkreis den Vorzug geben. Bei Muhammad Ali kann der siderische Krebsaszendent m. E. niemals so gut überzeugen wie der tropische Löweaszendent („I am the greatest!“). Beim Vater der Psychoanalyse würde ich den tropischen Skorpionaszendenten und die Stiersonne dem siderischen Waageaszendenten und der Widdersonne ohne zu zögern vorziehen. Bei Hitler paßt die tropische Stiersonne (territoriales Denken, Nationalismus) mindestens so gut wie eine siderische Widdersonne. Bei Bill Gates und seinem Microsoft-Ungeheuer wird man ebenfalls viel eher auf tropische Skorpionsonne als auf siderische Waage tippen.[71]

Gil Brand versucht also nicht, die Vorzüge des siderischen Tierkreises auf dem direkten Wege über die Zeichendeutung aufzuzeigen, sondern indem er zeigt, wie die Wahl des Tierkreises sich wegen sekundärer Folgen beim Deutungsvorgang bewährt. Nicht die Zeichen interessieren, sondern die Aszendenten- und Häuserherrscher sowie die Würden der verschiedenen Deutungsfaktoren. Doch darf man wohl einwenden, daß dieses Vorgehen sehr indirekt ist. Gil Brand hat damit auch gleich alles auf einmal „bewiesen“: den siderischen Tierkreis, das System der Herrscher und Würden, und darüber hinaus auch noch das indische Häusersystem[72]. Direkte Zeichendeutung hielte ich für ein besseres, weil unmittelbar einleuchtendes Kriterium für die Richtigkeit eines Tierkreises. Funktioniert die Zeichendeutung etwa nur für den tropischen, nicht für den siderischen Tierkreis?

Die Deutung von Tierkreiszeichen wird in manchen modernen indischen Lehrbüchern wegen ihres geringen Stellenwerts noch nicht einmal behandelt. Wo sie aber behandelt wird, werden wir feststellen, daß sie von der uns bekannten Deutung teilweise massiv abweicht. Ein kleines Ratespiel soll uns die Problematik verdeutlichen: Ich zitiere die Beschreibung eines Zeichens aus einem modernen indischen Lehrbuch, und die Leser mögen zu raten versuchen, um welches Zeichen es sich handelt. Ich wähle das Buch Fundamentals of Astrology von Ramakrishna Bhat (20. Jh.), einem sehr angesehenen indischen Astrologen und Gelehrten. Die Beschreibung lautet:

Er wird intelligent und tugendhaft sein, wird über seine Verwandten Herrschaft ausüben, wird stolz sein, mit Feuer und Wind Schwierigkeiten haben, geschwätzig sein, einen starken Körper haben, ein paar Kinder haben, Verbindungen mit vielen Frauen haben, Astrologe sein, pünktlich sein, fröhlich sein, ein niedriges Einkommen haben, gebildet sein, heimliche Söhne haben, viele Sprachen kennen, immer in Begleitung sein und von einem König Reichtum erhalten.

Kein Witz: Dies ist Bhats vollständige Beschreibung für den Aszendenten im siderischen Zeichen Krebs![73] Die Deutung der Sonne im Krebs lautet wie folgt:

Er wird arm sein, scharfsinnig sein, anderer Leute Arbeit tun, müde sein und ständig auf mühselige Reisen gehen.[74]

Man beachte zum einen die Kürze und Unordnung im Text. Sie ist wohl symptomatisch für den geringen Stellenwert, welcher der Zeichendeutung in Indien zugemessen wird. Auffällig ist aber auch, wie sehr sie vom abendländischen Verständnis des tropischen Krebses abweicht. Die Frage, ob nun der siderische oder der tropische Krebs zu beachten ist, wird sich hier nicht stellen, weil mit dem Krebs ganz unterschiedliche Vorstellungen verknüpft werden.

Nicht daß die westliche Astrologie schon immer soviel Wert auf die psychologische Deutung der Zeichen gelegt hätte. Dies ist im wesentlichen erst eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Aber in der gegenwärtigen Kontroverse um den richtigen Tierkreis fällt auf, daß nur die westliche Astrologie sich für eine Charakterdeutung der Zeichen interessiert, und sie scheint damit gut zu fahren.

Man findet in Indien allerdings auch Zeichendeutungen anderer Art, die den unseren näher liegen. So z.B. bei B. V. Raman, dem wohl wichtigsten indischen Astrologen des 20. Jh. Hier kann man z.B. den Krebs einigermaßen erkennen an Aussagen wie:

... sie liebäugeln mit der Feigheit. An ihren Kindern und ihrer Familie hängen sie sehr.[75]

Dies mag dem Einfluß alter indischer Texte oder auch moderner abendländischer Astrologie zu verdanken sein. Aber selbst bei Raman gibt es krasse Abweichungen von den Deutungen, die wir kennen. So schreibt er über (siderische) Skorpione:

Ihre Natur befähigt sie, in der ganzen Welt Freundschaften zu schließen ... In den schönen Künsten sind sie bewandert, sie lieben das Tanzen und besitzen zweifellos eine philosophische und philanthropische Veranlagung.

Hört sich dies nicht eher nach Schütze an? Angesichts der Tatsache nun, daß der siderische Skorpion sich heute weitgehend in der Gegend des tropischen Schützen befindet, wird sich ein westlicher Astrologe wenig darüber wundern. Für ihn liegt der Schluß nahe, daß Raman sich letztlich der „Wirkkraft“ der tropischen Tierkreiszeichen nicht entziehen konnte und daß die Qualitäten des tropischen Tierkreises selbst in der siderischen Astrologie hindurchschimmern, sobald diese sich um Zeichendeutung bemüht. Oder kann es dadurch erklärt werden, daß Raman mit der westlichen tropischen Astrologie vertraut war und von ihr beeinflußt wurde? Auf jeden Fall manifestiert sich das Phänomen bei einer ganzen Reihe von Zeichen. Dem Schützen schreibt Raman teilweise Steinbockqualitäten zu:

Sie sind pünktlich und vertreten orthodoxe Ansichten. ... Sie sind zu unempfindlich und können sich ausschließlich nur für geschäftliche Dinge begeistern.

Und der Steinbock erhält neben Steinbock- auch Wassermann-Eigenschaften:

... sie sind mitfühlend, großzügig, menschenfreundlich und hegen für Literatur, Wissenschaft und Erziehung großes Interesse.

Bei etlichen Zeichen finden wir also in Ramans Beschreibung neben den bekannten Eigenschaften auch solche des Folgezeichens. Dasselbe Phänomen finden wir auch bei westlichen Vertretern der vedischen Astrologie, z.B. in einer Reihe von Artikeln von Kenneth Johnson in The Mountain Astrologer.[76]

Es scheint, als hätten die siderischen Zeichen ihre Bedeutung gewandelt, und zwar entsprechend den tropischen Zeichen, die sich in derselben Himmelsgegend befinden. In dieser Hinsicht scheint das „Erfahrungswissen“ der indischen Astrologie also eher den tropischen als den siderischen Tierkreis zu stützen. Dasselbe Phänomen läßt sich auch bei anderen indischen Autoren aufzeigen, übrigens bereits bei dem spätantiken Autoren Satyācārya: Zwillinge erhalten hier Krebseigenschaften („wankelmütig“, „geringer Verstand“, „ängstlich“, „nicht sehr tätig“), Krebse Löweeigenschaften („hochmütig und aufgeblasen“, „bedeutende Arbeiten im Ausland“, „wird Macht über andere haben“), Löwen Jungfraueigenschaften („streng, befähigt, arbeitsam“).[77] Haben die tropischen Zeichen also bereits in der Spätantike unmerklich begonnen, die Bedeutung der siderischen Zeichen, über die sie sich zu schieben begannen, zu modifizieren?[78]

Nach alledem ist jedenfalls klar: Wenn neuzeitliche Astrologen Zeichendeutung abendländischer Art mit dem siderischen Tierkreis machen, so ist dies keine alte Tradition, sondern eine ziemlich neue Erfindung, und auch weniger eine indische als eine europäisch-amerikanische.

Astrologen sind ein praktisches Volk. Viele von ihnen scheuen sich ausgesprochen vor theoretischen Fragen oder betrachten „Theorie“ generell als etwas Lebensfernes. Selbst offensichtlich unsinnige Vorstellungen lassen sie nicht leicht los, sondern reagieren mit Aussagen wie: „Aber die Praxis zeigt, daß es funktioniert...“ Manche arbeiten z.B. mit sogenannten „hypothetischen“ Planeten und verdrängen beharrlich die Tatsache, daß diese Planeten schlicht und einfach nicht existieren. Auch „vedische“ Astrologen weigern sich auf ganz irrationale Weise, die oben dargestellten Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Sie beharren blind auf dem ehrwürdigen Alter der astrologischen Tradition, auf ihrer persönlichen praktischen Erfahrung und derjenigen ihrer Gurus.

Ist solche „praktische Erfahrung“ ernst zu nehmen? Ich würde dringend davon abraten. „Vedische Astrologen halten sich selbst (oder ihre Tradition) gegenüber westlichen Astrologen in puncto astrologischer Prognose für weit überlegen. Aber einem ernsthaften Test halten solche Ansprüche nicht stand. Bei Prognosen für indische oder amerikanische Präsidentschaftswahlen versagen „vedische“ Astrologen genau so oft wie westliche.[79] Auch was die Frage nach dem richtigen Tierkreis in der Geburtshoroskopie betrifft, so ist jedem zu mißtrauen, der aufgrund seiner Erfahrungen lautstark und eindeutig Stellung bezieht. Solange kein statistischer Nachweis gelingt, daß Astrologie überhaupt funktioniert, sollten Astrologen über ihre Erfahrungen mit gebührender Vorsicht und Bescheidenheit sprechen. Wichtig scheint mir auch, daß man miteinander diskutiert, und nicht etwa an abweichenden Ansichten grundsätzlich desinteressiert ist und einfach nur das erleuchtete Wissen der eigenen Schule zu lehren trachtet. Leider neigen gerade Astrologen und Astrologieschulen – und nicht nur die vedischen – zu derart sektenartigem Verhalten.

 

© Dieter Koch, 2011-2013

 



[1] Wegen des vorliegenden Artikels wurde ich von aufgebrachten „vedischen“ Astrologen als Feind der Veden, als Atheist, als Dämon, als Rassist, als Lügner, als Betrüger (fraud), als Schurke (miscreant) und anderes beschimpft.

[2] So wurde mir z.B. gesagt: „The texts of the Vedas have been written in such a way that the non-initiated should not be able to interpret it” – womit dann das Gespräch natürlich beendet war.

[3] http://groups.yahoo.com/group/akandabaratam/; http://groups.yahoo.com/group/hinducalendar/; http://groups.yahoo.com/group/vedic_research_institute/; http://groups.yahoo.com/group/scienceofastrology/; http://in.groups.yahoo.com/group/asthikasamaj/; http://tech.groups.yahoo.com/group/indiaarchaeology/.

[4] Es ist unklar, wer den Begriff eingeführt hat. Verschiedene Autoren erheben Anspruch auf diese zweifelhafte „Ehre“. Zu ihnen gehören:

– Shyamasundara Dasa (angeblich irgendwann in den 1970er-Jahren, s. http://shyamasundaradasa.com/jyotish/resources/articles/bphs.html; http://groups.yahoo.com/group/akandabaratam/message/54587 und http://groups.yahoo.com/group/HinduCalendar/message/8189)

– Chakrapani Ullal (angeblich am 19.1.1979, s. http://www.acvaonline.org/newsletters/chakrapani_ullal_interview_p1.html; http://groups.yahoo.com/group/HinduCalendar/message/8174).

[5] A. K. Kaul schreibt hierzu:

„I do not remember any of my elders like my grandfather or father or even our purohit ji (= Priester der Familie; D. K.) etc. having ever called predictive astrology as Vedic astrology.  Similarly, till about early eighties of the previous century nobody, including the late Dr. B V Raman, called predictive astrology as Vedic astrology!

It was all of a sudden that everything started being called as Vedic!

Unfortunately or fortunately, I was present at one of the lectures of "Vamadeva" (= David Frawley; D. K.) at Bharatiya Vidya Bhavan, New Delhi, where I was trying to sell my Shri Krishen Universal Ephemeris & Panchang to the students. "Vamadeva"  had said that the term Vedic astrology would gain it more recognition in foreign countries and that is why Hindu astrology a.k.a. sidereal astrology should be called Vedic astrology! Everybody greeted his statement with a sort of standing ovation!“

(http://groups.yahoo.com/group/akandabaratam/message/64312 ; vgl. auch:

http://groups.yahoo.com/group/akandabaratam/message/54587)

[6] Siehe die Antwort des „vedischen“ Astrologen Dharmapad Das (Dean Dominic de Lucia) auf eine ältere Version meiner vorliegenden Abhandlung. (http://www.harekrsna. com/sun/editorials/05-12/editorials8614.htm)

[7] Es gibt durchaus auch „vedische“ Astrologen, die sich dieses Sachverhalts bewußt sind. Siehe Shyamasundara Dasa, „On the Authenticity of the Brhat Parasara Hora Sastra“ (http://shyamasundaradasa.com/jyotish/resources/articles/bphs.html); Ernst Wilhelm, „Brihat Parasara Hora Sastra“ (http://www.vedic-astrology.net/articles/brihat-para shara-hora-shastra.asp). David Pingree diskutiert Parashara in seinem Buch Jyotihshastra, S. 86ff.

[8] Ich verweise hier auf die Ausführungen von Shyamasundara (siehe vorausgehende Fußnote).

[9] In Kāṭhaka-brāhmaṇa-saṃkalana 4 (graheṣṭibrāhmaṇam) ist von Opfergaben an die sieben Planeten plus Rāhu und Ketu die Rede. Doch ist dieser Text offensichtlich spätvedisch. Grundsätzlich spielen Planetengötter in der vedischen Religion keine Rolle.

[10] Traditionalisten widersprechen dieser Feststellung. Waradpande nennt in New Light on the Date of the Ṛgveda, S.13-24, u. a. folgende Stellen, die angeblich Tierkreiszeichen erwähnen: Löwe (siṃhaḥ) in RV 5.83.3 und 9.89.3, Jungfrau  (kanyā) in RV 6. 49.7, Zwillinge (mithunau) in RV 3.39.3 und Stier (vṛshabhaḥ) in RV 6.47.5 und 8.93.1. Keine dieser Stellen ist aber überzeugend. Die letzte und vordergründig bemerkenswerteste lautet wie folgt:

ud ghed abhi śrutāmaghaṃ vṛṣabhaṃ naryāpasam | astāram eṣi sūrya

„Hinauf, o Sonnengott, steigst du, zu <Indra>, dem Stier, der für seine Gaben berühmt ist, dessen Taten heldenhaft sind, zum Schützen.“

Dieser Vers soll sich angeblich auf das Tierkreiszeichen Stier beziehen. Tatsächlich ist das hier verwendete Wort vṛṣabhaḥ ein gängiger Name dieses Tierkreiszeichens. Die Nennung des „Schützen“ (astā) ignoriert man allerdings. Warum? Weil der gängige Name des Tierkreiszeichens Schütze dhanuḥ, „Bogen“, lautet? Es ist nun aber völlig abwegig, daß hier das Sternbild oder Tierkreiszeichen Stier gemeint sein soll, denn „Stier“ ist in den vedischen Schriften eine häufige Bezeichnung für große Helden, z.B. für Arjuna oder andere große Helden des Mahābhārata-Epos, insbesondere aber auch für den vedischen Sturm- und Regengott Indra, an den dieser Hymnus gerichtet ist. Mit anderen Worten: „Stier“ ist hier nicht ein Sternbild, sondern ein beliebter Titel des Helden Indra. Wenn man diesen Vers auf das Sternbild oder Tierkreiszeichen Stier bezieht, ignoriert man den gängigen Sinn der Stiermetapher im Kontext des altindischen Kriegertums. Auch die anderen erwähnten Stellen aus dem Ṛgveda lassen sich nicht auf Tierkreiszeichen beziehen.

Auch alle anderen von Waradpande genannten Stellen überzeugen nicht. In einem Hymnus an den Regengott Parjanya lesen wir:

rathīva kaśayāśvāṁ abhikṣipann āvir dūtān kṛṇute varṣyāṁ aha

dūrāt siṃhasya stanathā ud īrate yat parjanyaḥ kṛṇute varṣyaṃ nabhaḥ (RV 5.83.3)

„Wie der Wagenfahrer mit der Peitsche die Rosse losjagt, so läßt er die Regenboten erscheinen.

Von Ferne erheben sich die Donnerlaute des Löwen, wenn Parjanya das Regengewölk macht.“ 

Den Löwen als Sternbild zu begreifen ist hier völlig abwegig. Es wird bloß der donnernde Regengott mit einem brüllenden Löwen verglichen. Im übrigen ist „Löwe“ wie „Stier“ ein beliebter Titel für Helden und wird auch für andere Götter gebraucht. So auch in folgendem Vers aus einem Hymnus an Soma:

siṃhaṃ nasanta madhvo ayāsaṃ harim aruṇaṃ divo asya patim

śūro yutsu prathamaḥ pṛcchate gā asya cakṣasā pari pāty ukṣā (RV 9.89.3)

„Die süßen (Kühe) nahen sich dem Löwen, dem flinken, dem gelblichen, rötlichen Herrn dieses Himmels.

Der vorderste Held in den Kämpfen schaut nach den Kühen, mit seinem Auge hütet sie der Bulle.“

Mit „Löwe“ wird hier Soma angesprochen, und zwar als Mondgott, nicht als Konstellation Löwe. Außerdem wird er „vorderster Held“ und „Bulle“ genannt. Die Milchkühe dürften die Plejaden oder andere Sterne sein.

Vertreter der „vedischen Astrologie“ berufen sich auch auf Ṛgveda 1.164.11 und 48. Die dort erwähnte Zwölfteilung des Jahres soll angeblich beweisen, daß der Tierkreis bekannt war. (vgl. auch 1.155.6) Der Text lautet:

dvādaśāraṃ nahi taj jarāya vavarti cakraṃ pari dyām ṛtasya

ā putrā agne mithunāso atra sapta śatāni viṃśatiś ca tasthuḥ (RV 1.164.11)

„Dieses zwölfspeichige Rad der göttlichen Ordnung dreht sich um den Himmel, ohne je zu ermüden. / Darauf, o Agni, stehen paarweise siebenhundert und zwanzig Söhne.“

dvādaśa pradhayaś cakram ekaṃ trīṇi nabhyāni ka u tac ciketa

tasmin sākaṃ triśatā na śaṅkavo 'rpitāḥ ṣaṣṭir na calācalāsaḥ

„Zwölf Kreissegmente, ein Rad, drei Naben: Wer versteht dies?

In diesem (Rad) sind dreihundert und sechzig sozusagen "Stäbe" befestigt, sozusagen sowohl beweglich und unbeweglich.“ (48)

Doch hieraus zu schließen, daß die zwölf Tierkreiszeichen bekannt waren oder die Ekliptik in 360° unterteilt wurde, ist nicht zulässig. Man muß hierin vielmehr eine Anspielung auf die zwölf Monate sehen, da nur von diesen in den Veden tatsächlich explizit die Rede ist, von den Tierkreiszeichen hingegen nie. Dabei stehen die „720“ für 360 Tage und ebenso viele Nächte in einem Idealjahr von 360 Tagen. Solch ein „Idealjahr“ liegt auch noch den heutigen indischen Mondkalendern zugrunde. Sie bestehen aus zwölf Monaten zu je 30 Tithis, wobei eine Tithi grob einem Tag entspricht. Die Details der damaligen Kalenderrechnung sind nicht genau bekannt. Da sich aber laut dem zitierten Text das Jahr „um den Himmel dreht“, können wir vermuten, daß eine ähnliche Methode verwendet wurde, wie sie im Keilschrifttext Epinnu (mul.apin) beschrieben ist. Dort wird ein Idealjahr von 360 Tagen (also von 12 Monaten zu je 30 Tagen) gelehrt, und verschiedene Daten dieses Idealjahrs werden den heliakischen Aufgängen bestimmter Sterne und Konstellationen zugeordnet. Diese Korrelation von heliakischen Sternaufgängen und Kalenderdaten diente der richtigen Kalenderschaltung, also der rechtzeitigen Einfügung von Schaltmonaten im Mondkalender. In vedischer Zeit könnten anstelle der babylonischen Sternbilder die Positionen der Vollmonde in den Mondhäusern verwendet worden sein. Interessant ist, daß Epinnu nicht nur 12, sondern 17 ekliptikale Konstellationen erwähnt. Unter diesen sind zwar auch einige der heute gängigen Tierkreiszeichen, doch manche fehlen oder tragen andere Namen, wie etwa der Widder, der als „Lohnarbeiter“ bezeichnet wurde, oder die Jungfrau, die man als die „Ackerfurche“ kannte. Epinnu demonstriert eindrücklich, daß aus einem zwölfspeichigen Rad nicht zwingend ein zwölfteiliger Tierkreis folgt.

C. P. S. Menon sieht auch in der Götterklasse der 12 Ādityas einen Hinweis auf die 12 Tierkreiszeichen. (Menon/Filon, Early Astronomy and Cosmology, S. 55) Denn Śatapathabrāhmaṇa 6.1.2. 8-10 lehrt, daß Prajāpati nach der Zeugung des Sonnengottes Āditya die 12 Ādityas zeugte und „sie an den Himmel versetzte“ (ādityam <sṛṣṭam> ādityās <anvasṛjyanta> tān divy <upādadhāt>), und in 11.6.3.8 wird gesagt, daß die 12 Ādityas die 12 Monate seien (dvādaśa māsāḥ saṃvatsarasyaita ādityāḥ). Aber diese Aussagen führen nicht weiter als das soeben erwähnte Himmelsrad mit den 12 Speichen. Es ist tatsächlich nirgends ausdrücklich von den 12 Sternbildern (Tierkreiszeichen) die Rede, sondern nur von 12 Monaten, die an astronomische Beobachtungen (Referenzsterne, Mondhäuser) gebunden waren.

Weiter wurde ich auf folgende Aussage hingewiesen, die sich angeblich im  Baudhāyanaśrautasūtra befindet und beweisen soll, daß Tierkreiszeichen vedischen Autoren bereits bekannt waren:

mīnameṣayormeṣavṛṣayorvā vasantaḥ

„In den Fischen und dem Widder oder im Widder und dem Stier ist (die Jahreszeit) vasanta (Frühling)“.

Diese Aussage, auf die manche ältere Autoren hinweisen (z. B. Hemādri, Mādhava, Kamalākarabhaṭṭa), ist jedoch in heutigen gedruckten Ausgaben des Werkes nicht zu finden. (Shivaraj Acharya Kaundinnyayan in: Vedaṅgajyotiṣa (Chowkhamba Sanskrit Series), S. 76) Es handelt sich offenbar um keine echte Referenz.

Einen indirekten Hinweis auf Tierkreiszeichen in den Veden sehen „vedische“ Astrologen in Maitryupaniṣad 6.14, wo navāṃśa erwähnt wird. Unter navāṃśa versteht man die Unterteilung der Tierkreiszeichen in neun Teile. Der Text lautet wie folgt:

dvādaśātmakaṃ vatsarametasyāgneyamardhamardhaṃ vāruṇam. maghādyaṃ śraviṣthārdham āgneyaṃ krameṇotkrameṇa sārpādyaṃ śraviṣṭhārdhāntaṃ saumyam. tatraikaikamātmano navāṃśakaṃ sacārakavidham. (MaiUp 6.14)

„Das Jahr besteht aus zwölf (Monaten). Die eine Hälfte von ihm gehört dem (Gott) Agni, die andere Hälfte dem Varuṇa. Die (Hälfte) des Agni (beginnt) am Anfang des (Mondhauses) Maghā und (endet) in der Hälfte des (Mondhauses) Śraviṣṭhā, wobei sich (die Sonne südwärts) entfernt. Die Hälfte Somas/Varuṇas beginnt beim (Mondhaus) Sarpa/Āśleśā und endet in der Hälfte von Śraviṣṭhā, wobei (sie) sich (nordwärts) nähert. Dabei hat ein jeder (Monat) von ihm neun Teile entsprechend dem Fortschritt (der Mondhäuser).“

Den letzten Satz übersetzt J. A. B. van Buitenen wie folgt:

„In this (reckoning) every single (month) of the (year) itself amounts to nine quarters after the fashion of (reckoning) by the progression of lunar mansions.“

Und Max Müller wie folgt:

„And then there (are the months) one by one, belonging to the year, each consisting of nine-fourths of asterisms (two asterisms and a quarter being the twelfth part of the passage of the sun through the twenty-seven Nakshatras), each determined by the sun moving together with the asterisms.“

Der Text lehrt, daß das Jahr aus zwei Teilen und zwölf Monaten besteht. Die zwei Teile werden durch die beiden Sonnenwenden definiert. Im einen Teil wandert die Sonne nach Norden, im anderen nach Süden. Von Tierkreiszeichen ist nicht die Rede. Der Autor hätte genauso gut sagen können, daß die eine Jahreshälfte vom Anfang des Löwen bis zum Ende des Steinbocks dauert, die andere dagegen vom Anfang des Wassermanns bis zum Ende des Krebses. Statt dessen wählt er aber die umständlichere Definition der Jahreshälften via die Mondhäuser. Was nun den navāṃśa betrifft, so wird deutlich, daß hier nicht Tierkreiszeichen in neun Teile unterteilt werden, sondern die zwölf solaren Monate, denen je neun Viertel von Mondhäusern zugeordnet werden.

[11] So heißt es in der Einleitung des Werks:

vedā hi yajñārthamabhipravṛttāḥ / kālānupūrvyā vihitāśca yajñāḥ

tasmādidaṃ kālavidhānaśāstraṃ / yo jyotiṣaṃ veda sa veda yajñān (Y-VJ 3)

„Die Veden wurden um der Opfer willen offenbart, und die Opfer sind entsprechend den Zeiten angeordnet.

Daher, wer diese Lehre von der Anordnung der Zeiten, nämlich die Astronomie (jyotiṣa), kennt, der kennt die Opfer.“

[12] Es gibt im Vedāṅgajyotiṣa einen einzigen Vers, der den Lauf des Jupiter durch die Tierkreiszeichen (rāśiḥ) ab dem Zeichen Fische erwähnt. Dieser Vers ist aber nur in einer der beiden Versionen des Textes (der yājuṣa-Rezension) erhalten, und er ist in den Manuskripten unnumeriert. (Y-VJ, nach Vers 4) Im übrigen ist er dem Kommentator Somākara unbekannt, war also zu dessen Zeit anscheinend noch gar nicht vorhanden. Weiter ist festzustellen, daß der Text seine ganze Theorie auf den Mondhäusern aufbaut, und nicht auf den Tierkreiszeichen. Und während er eine Aufzählung sämtlicher Mondhäuser sowie eine Aufzählung der sie regierenden Gottheiten gibt, läßt er die Tierkreiszeichen und ihre Herrscher und Erhöhungen gänzlich unerwähnt. A. Weber und T. S. Kuppanna Sastry, die beide eine kritische Ausgabe des Textes publiziert haben, vermuten daher vernünftigerweise, daß dieser Vers unecht, d. h. eine spätere Einfügung ist. (Weber, Über den Vedakalender genannt Jyotisham, S. 10f. und S. 21f.; Sarma (ed.), Vedāṅga Jyotiṣa of Lagadha, S. 50)

Eine meiner Kontrahentinnen, Jayasree Saranathan, hat den Vers als echt verteidigt, indem sie ihn mit dem 60-Jahreszyklus des Jupiters in Verbindung brachte, der in diesem Werk angeblich nicht fehlen durfte. Doch ist dieses Argument nicht zwingend. Ist es plausibel, daß dieses Thema in nur einem einzigen Vers abgehandelt wurde? Zudem sehe ich in dem Vers gar keinen Hinweis auf den 60-Jahreszyklus, der auch sonst in dem Werk keine Erwähnung findet. Auch liefert Frau Saranathan keine Übersetzung des Verses, die ihre Deutung stützen würde.

Saranathan beruft sich auch noch auf einen weiteren Vers, in dem das Wort rāśiḥ  erscheint (R-VJ 4; Y-VJ 13, S. 51), doch Übersetzung und Kommentare von Weber (S. 47ff.) und Kuppanna Sastry (S. 51f.) machen deutlich, daß rāśiḥ hier nicht „Tierkreiszeichen“ bedeutet, sondern seiner Grundbedeutung entsprechend „Anzahl, Menge“. Frau Saranathan war nicht in der Lage, eine sinnvolle Übersetzung des Verses zu geben, welche die Bedeutung „Tierkreiszeichen“ unterstützt hätte. Ich hatte sie in der Diskussion zweimal dazu aufgefordert.

(http://jayasreesaranathan.blogspot.ch/2013/05/is-vedic-astrology-derived-from-greek_11.html)

[13] Die extrem seltenen Verse im Mahābhārata-Epos, in denen „vedische“ Astrologen Anspielungen auf die „Tierkreiszeichen“ (rāśiḥ) sehen, stehen in krassem Mißverhältnis zur Allgegenwart der Mondhäuser (nakṣatram). Zudem bezweifle ich, daß mit rāśiḥ hier überhaupt Tierkreiszeichen gemeint sind. Das Wort begegnet uns im Mahābhārata in der Regel in der Bedeutung „Haufen, Menge, Ansammlung“. Wo der Begriff in astronomischem oder astrologischem Kontext auftaucht, dürfte rāśiḥ einfach nur eine Häufung oder Ballung von Gestirnen bezeichnen. Betrachten wir einige Stellen, die ich mit Indern diskutiert habe:

1) Von einem Tierkreiszeichen (rāśi) soll in folgendem Vers die Rede sein:

yadā candraś ca sūryaś ca tathā tiṣyabṛhaspatī

ekarāśau sameṣyanti prapatsyati tadā kṛtam (MBh 3.188.87)

„Wenn der Mond und die Sonne sowie (das Mondhaus) Tiṣya (=Puṣya) und der Jupiter

in einem rāśi zusammenkommen, dann wird das Kṛta-Zeitalter eintreten.“

Ist das Wort rāśi hier mit „Tierkreiszeichen“ zu übersetzen? Angesichts der Tatsache, daß das Epos von Tierkreiszeichen ansonsten nichts weiß, trotz seiner zahlreichen Angaben betreffend Positionen des Mondes und der Planeten, ist davon schon grundsätzlich abzuraten. Nun muß man wissen, daß das Wort in seiner Grundbedeutung einfach nur „Haufen, Menge, Anzahl“ bedeutet und in diesem Sinne im Mahābhārata-Epos auch des öfteren anzutreffen ist. Und tatsächlich ergibt sich im vorliegenden besserer Sinn, wenn wir rāśi mit „Ballung“ oder „Ansammlung“ übersetzen. Man beachte: Die Übersetzung „Tierkreiszeichen“ wäre unlogisch, weil dann das Mondhaus Puṣya sich in das Tierkreiszeichen Krebs bewegen müßte, was es natürlich nicht tut, weil es immer schon dort ist. In Wirklichkeit kommen Mond, Sonne, Jupiter und der Stern Puṣya „in einer Ballung“ zusammen. In Punkt 2) weiter unten werden wir noch einen anderen Fall kennenlernen, in dem das Wort rāśi nicht ein Tierkreiszeichen, sondern eine Ballung von Sternen bzw. eine astronomische Konstellation meint.

Den Grund dafür, daß ein Tierkreiszeichen als rāśi, d.h. als „Haufen, Anzahl“, bezeichnet wird, können wir aus Varāhamihira, Bṛhajjātaka 1.4, erahnen:

meṣāśviprathamā navarkṣacaraṇāścakrasthitā rāśayo

„Die im Tierkreis befindlichen rāśis beginnen mit Widder und (dem Mondhaus) Aśvinī und bestehen aus je neun Mondhausvierteln.“

Ein Tierkreiszeichen besteht also aus einer „Ansammlung“ (rāśi) von neun Mondhausvierteln. Eine andere mögliche Erklärung ist die, daß rāśi eine ursprünglich eine „Ansammlung“ von Sternen, also eine „Konstellation“, bedeutete.

2) Letzteres dürfte in folgendem Vers der Fall sein:

vakrānuvakraṃ kṛtvā ca śravaṇe pāvakaprabhaḥ

brahmarāśiṃ samāvṛtya lohitāṅgo vyavasthitaḥ  (MBh 6.3.17)

„Nachdem er, glühend wie Feuer, seine erste und zweite Station im (Mondhaus) gemacht hat, und nachdem er zur Konstellation von Brahmā (brahmarāśi) zurückgekehrt ist (oder: sie umkreist/bewohnt hat), stand der rotgliedrige (Planet) still.“

Die Verbform samāvṛtya ist doppeldeutig. Sie kann entweder von der Worzel sam-ā-vṛt („zurückkehren“) oder von der Wurzel sam-ā-vṛ („umhüllen, füllen, bewohnen“) abgeleitet werden.

Ein Kommentar im Apparat der kritischen Textausgabe gibt für das Wort brahmarāśi die folgende Erklärung: brahmadaivatarohiṇīnakṣatrasya vṛṣarāśitvāt, wonach der Planet sich angeblich im Stier befindet und derr Stier deshalb brahmarāśi genannt wird, „weil das Mondhaus Rohiṇī, dessen Regent der Gott Brahmā ist, zum Tierkreiszeichen Stier gehört“. Astronomisch überzeugt diese Lösung allerdings nicht. Wenn ein Planet in Śravaṇa rückläufig wird, braucht er Monate, wenn nicht Jahre, um bis zum Stier zu gelangen. Und kein Planet, der im Stier rückläufig wird, gelangt bis zum Mondhaus Śravaṇa im Steinbock, bevor er wieder direktläufig wird. Eine mehrmonatige oder gar mehrjährige Beobachtungsperiode ist für die Omen unmittelbar vor der Schlacht auch nicht anzunehmen. Und im übrigen gibt es in anderen Texten keine Belege dafür, daß brahmarāśiḥ als Bezeichnung für das Tierkreiszeichen Stier verwendet wurde.

Könnte brahmarāśi also für das Tierkreiszeichen der Mondhäuser Śravaṇa/Abhijit, also für den Steinbock, stehen? Auch dies ist nicht wahrscheinlich. Kein antiker Autor oder Kommentator hat meines Wissens jemals an diese Möglichkeit gedacht.

Der Kommentator Nīlakaṇṭha meint, daß das Wort rāśi hier für nakṣatra, also „Mondhaus“, steht. Er sagt:

tatraiva ... lohitāṅgo’ṃgārako vakrānuvakraṃ kṛtvā ... brahmaṇā bṛhaspatinākrāntaṃ rāśiṃ nakṣatraṃ śravaṇaṃ samāvṛtya ... tiṣṭhati

„Nachdem der Rotgliedrige, d. h. Mars, seine erste und zweite Station gemacht hat und zurückgekehrt ist zum Zeichen, d.h. Mondhaus, Śravaṇa, das von Brahmā, d.h. Jupiter, betreten wurde, steht er (dort in Śravaṇa).“

Nach Ansicht Nīlakaṇṭhas bedeutet brahmarāśiḥ also „das Mondhaus, in das Brahmā = Jupiter eingetreten ist“, und er ist der Meinung, daß Mars in Konjunktion mit dem Jupiter im Mondhaus Śravaṇa (= brahmarāśiḥ) stand. Auch Ganguli folgt offensichtlich dieser Auffassung, denn er übersetzt den Vers wie folgt:

The red-bodied (Mars) possessed of the effulgence of fire, wheeling circuitously, stayeth in a line with the constellation Sravana over-ridden by Vrihaspati.

Wenn wir weiter in den Apparat der kritischen Ausgabe sehen, dann finden wir dort folgende Textvarianten vermerkt:

brahmarāśiṃ samāvṛtya

brāhmaṃ nakṣatramāśritya

brahmanakṣatramāśritya

Der Herausgeber hält zwar brahmarāśiṃ für korrekt. Doch die Varianten zeigen, daß es seit alter Zeit eine Tradition gab, die brahmanakṣatra, d. h. „Mondhaus des Brahmā“, las. Wir sollten daher mit Nīlakaṇṭha annehmen, daß rāśi hier für nakṣatra, also nicht für „Tierkreiszeichen“, sondern für „Mondhaus“ steht.

Nach Ansicht von T. S. Kuppanna Sastry steht brahmarāśi für das 28. Mondhaus Abhijit. (Collected Papers, S. 320-323) Diese Auffassung ergibt denn auch perfekten Sinn für unseren Vers im Mahābhārata. Der Planet macht seine erste Station im Mondhaus Śravaṇa, wird rückläufig, macht seine zweite Station, wobei er immer noch in Śravaṇa steht, aber in demjenigen Teil dieses Mondhauses, das mit Abhijit überlappt, und wird dann wieder direktläufig.

Der Begriff ist allerdings insofern doppeldeutig, als er sowohl die hoch am Nordhimmel stehende Konstellation Abhijit (Lyra) als auch das eigentliche Mondhaus Abhijit, also den Abhijit zugeordneten Abschnitt auf der Ekliptik, bezeichnen kann. Auch ekliptikferne Sterne wurden zur Markierung der ekliptikalen Mondhäuser verwendet. Ein Planet befand sich z. B. im Mondhaus Abhijit, wenn er zeitgleich mit Abhijit den Meridian überquerte.

Es gibt noch weitere Hinweise: In der Parāśarasaṃhitā, einem nur fragmentarisch erhaltenen astronomischen Text aus vorhellenistischer Zeit, steht folgendes über einen Kometen namens Calaketu:

paitāmahaścalaketuḥ ... uditaḥ paścimenāṅguliparvamātrāṃ śikhāṃ dakṣinābhinatāṃ kṛtvā ... nabhasastribhāgamanucaran yathāyathā cottareṇa vrajati tathātathā śūlāgrākārāṃ śikhāṃ darśayan brahmanakṣatramupasṛtya manāg dhruvaṃ brahmarāśiṃ saptarṣīn spṛśan nabhaso’rdhamātraṃ dakṣinamanukramyāstaṃ vrajati.

„Im Westen aufgegangen, läßt der paitāmaha-Komet Calaketu seinen Schweif, der so lang ist wie (die Breite) eines Fingerknöchels, sich nach Süden neigen und überquert ... ein Drittel des Himmels. Und während er gen Norden wandert, zeigt er immer mehr seinen Schweif, der einer Speerspitze gleicht, nähert sich brahmanakṣatra, berührt in kurzer Zeit dhruva (einen Stern beim Himmelsnordpol), brahmarāśi und saptarṣis (= Ursa maior), wandert über den halben Himmel nach Süden und geht dort unter.“

Der Komet erscheint am westlichen Abendhimmel und besucht innert kurzer Zeit mehrere Sternbilder in der Nähe des Himmelsnordpols, unter anderem auch brahmarāśi. Brahmarāśi kann daher unmöglich für ein Tierkreiszeichen stehen, schon gar nicht für den Steinbock, der seit vielen Jahrtausenden südlich des Himmelsäquators liegt.

Waren wir allerdings vorhin zu dem Schluß gekommen, daß brahmarāśi dasselbe sei wie brāhmanakṣatra, nämlich das Mondhaus Abhijit, so werden die beiden hier separat aufgezählt. Seltsamerweise steht brahmarāśi auch zwischen dhruva und saptarṣis, wo gar kein Platz für ein weiteres Sternbild ist. Hat der Komet also bei dhruva eine Station gemacht, ist zu Abhijit zurückgekehrt und dann erst weitergezogen zu zu den saptarṣis? Diese Vermutung wird durch die Parallelstelle bei Varāhamihira, Bṛhatsamhitā 11.33-34, indirekt gestützt. Dort heißt es nämlich, daß Calaketu durch saptarṣis, dhruva und Abhijit lief (sapamunīn saṃspṛśya dhruvam abhijitam eva ca). Die Reihenfolge ist anders als bei Parāśara, vermutlich bedingt durch den Zwang des Versmaßes, während Parāśara Prosa schrieb. Immerhin scheint es, daß nach Varāhamihiras Ansicht brāhmanakṣatra und brahmarāśi dasselbe waren, denn er nennt sie nicht separat. Warum aber tut Parāśara dies? Denkbar ist, daß brāhmanakṣatra genau genommen den Stern Vega bezeichnete, brahmarāśi hingegen die ganze Konstellation Lyra.

Auch Vṛddhagarga, ein anderer vorhellenistischer Astronom, der nur fragmentarisch überliefert ist, beschreibt die Bewegungen des Kometen Calaketu, ersetzt jedoch brahmarāśi durch brahmahṛdaya. Seine Beschreibung lautet wie folgt:

sudīrghāṃ śūlasadṛśīṃ śikhāṃ kṛtvā sudāruṇām

dhūpayedatha nakṣatraṃ brāhmaṃ paitā(ma)haṃ śikhī

dhūpayedatha nakṣatramekaṃ dve trīṇi vā punaḥ

„Und nachdem er seinen schrecklichen Schweif ganz lang und speergleich gemacht,

begast der Paitāmaha-Komet brahmanakṣatra

und begast ein, zwei, drei weitere nakṣatras.“

sa brahmahṛdayaṃ spṛṣṭvā dhruvaṃ saptaṛṣibhiḥ saha //

diśaṃ vaiśravaṇākrāntāmevaṃ viparivartate

„Er berührt brahmahṛdaya sowie dhruva und saptarṣi

und wendet sich so der nördlichen (von Kubera bewohnten) Himmelsrichtung zu.“

sa cārdhameva nabhasaḥ parikramya pradakṣiṇam //

saptarṣibhiḥ pratihatastato’stamupagacchati

„Und nachdem er den halben Himmel nach Süden (oder: nach rechts) umwandert hat,

niedergeworfen von den Saptarshis, geht er unter.“

(Sanskrittext nach Ballālasena, Adbhutasāgara, bei www.wilbourhall.com; Übersetzung von D. K.)

Der Stern brahmahṛdaya ist aus dem Sūryasiddhānta bekannt. Es handelt sich um Capella (α Aurigae). Allerdings ist dieser Stern weit abseits der anderen Sternbilder, durch die Calaketu zieht. Der Komet hätte zuerst Vega (brahmanakṣatra) besucht, wäre dann zu Capella (brahmahṛdaya) gewandert, dann nach Norden zu Thuban (? dhruva) und Ursa maior (saptarṣi), und dann „über den halben Himmel“ (d. h. über beinahe den ganzen sichtbaren Himmel) nach Süden. Diese spektakuläre Bahn ist weit weniger wahrscheinlich als die von Parāśara beschriebene. Anscheinend war Garga ebenfalls verwirrt durch die separate Erwähnung von brahmanakṣatra und brahmarāśi, und hat den letzteren daher spekulativ mit brahmahṛdaya identifiziert. Klar ist aber, daß auch Garga hierbei nicht an ein Tierkreiszeichen denkt, sondern an einen Stern oder ein Sternbild.

Kommen wir nun nochmals auf den Vers MBh 6.3.17 zurück, wo ein „rotgliedriger“ (lohitāṅgaḥ) Himmelskörper zwei Stationen macht und brahmarāśi umkreist bzw. dort Station macht. Nun ist es zwar gewöhnlich Mars, der als „rotgliedriger“ bezeichnet wird. Doch Mars war fünf Verse früher im Mondhaus Maghā lokalisiert worden. Es stellt sich die Frage, ob unser Vers MBh 6.3.17 nicht auf den Kometen Calaketu bezug nehmen könnte. Auch Kometen haben bisweilen einen rötlichen Staubschweif, und Kometen werden im Epos auch an anderen Orten erwähnt. Zudem berichtet Parāśara, daß Calaketu eine katastrophale Wirkung hat, daß er die ganze Welt zerstört (kṛtsnamabhihinasti lokam) und die Gegend madhyadeśa restlos vernichtet (madhyadeśe bhūyiṣṭhaṃ janapadamanavaśeṣaṃ kurute). Dies scheint auf den Mahābhārata-Krieg sehr gut zu passen.

Eine andere Stelle im Atharvavedapariśiṣṭa assoziiert Kometen, die ein Gemetzel von Menschen (puruṣakṣayaḥ) anzeigen, ebenfalls mit brahmarāśiḥ.

saṃtānakanibhā ye tu dṛśyante sūkṣmaraśmayaḥ/

ekatārā dvitārā vā atha vā pañcatārakaḥ || (AVP 52,6.5)

brahmarāśes tu te putrā grahāḥ saṃtānasaṃsthitāḥ/

saṃcaranti nabhaḥ sarvam utpanne puruṣakṣaye || (AVP 52,7.1)

„Jene (Kometen), die wie die Blüte des Kalpa-Baumes mit feinen Strahlen erscheinen

– sei es einfach, zweifach oder fünffach –,

die sind die Söhne von brahmarāśiḥ, Planeten in der Gestalt der Blüten des Kalpa-Baumes.

Sie laufen über den ganzen Himmel, wenn ein Gemetzel von Menschen sich ereignet.“

Der Vers MBh 6.3.17 könnte sich also auf eine Erscheinung des Kometen Caleketu beziehen. Dies ist natürlich nur eine Möglichkeit. Die Übersetzung des Verses, die ich oben gegeben habe, paßt auch gut auf einen Planeten. Brahmarāśi könnte durchaus auch denjenigen Abschnitt auf der Ekliptik meinen, der als das Mondhaus Abhijit bekannt ist, und der „rotgliedrige“ könnte ein Planet sein. Wenn man aber annimmt, daß es der Mars sei, gerät man in Konflikt mit Vers 6.3.12, wonach der Mars in Maghā im Löwen stand. Wie immer dem aber sein mag, es dürfte klar geworden sein, daß der Begriff rāśi sich hier keinesfalls auf ein Tierkreiszeichen bezieht. Sowohl Vṛddhagarga als auch Parāśara, Varāhamihira, Nīlakaṇṭha und die Varianten im kritischen Apparat zu MBh 6.3.17 deuten darauf hin, daß von einem Mondhaus bzw. einer Mondhaus-Konstellation die Rede sein muß. Am wahrscheinlichsten handelt es sich um das Mondhaus Abhijit bzw. die Konstellation Lyra.

3) Wenn in der Mahābhārata-Übersetzung von M. Ganguli hie und da der Tierkreis erwähnt wird, ist dies leider irreführend. In Wirklichkeit wird der Tierkreis im Originaltext nirgends erwähnt. Eine dieser Stellen lautet wie folgt:

apy evaṃ no brāhmaṇāḥ santi vṛddhā bahuśrutāḥ śīlavantaḥ kulīnāḥ

sāṃvatsarā jyotiṣi cāpi yuktā nakṣatrayogeṣu ca niścayajnāḥ (MBh 5.47.92)

uccāvacaṃ daivayuktaṃ rahasyaṃ divyāḥ praśnā mṛgacakrā muhūrtāḥ

kṣayaṃ mahāntaṃ kurusṛnjayānāṃ nivedayante pāṇḍavānāṃ jayaṃ ca (93)

„Wir haben auch alte Brahmanen, die viele heilige Schriften kennen, die von (rechter) Lebensart und Familie sind,

die das Kalenderjahr (kennen) und den (himmlischen) Lichtern anhängen und die Entscheidungen kennen zu (den Zeiten der) Konjunktionen (des Mondes) mit den Mondhäusern.

Das Geheimnis oben (am Himmel) und unten (auf der Erde), das mit dem Schicksal verbunden ist, die Fragen betreffend den Himmel, die Räder der Tiere (mṛgacakrāḥ), die Stunden (muhūrtāḥ),

(sie alle) zeigen die große Zerstörung der Kurus und Sṛnjayas an und den Sieg der Pāṇḍavas.“

Ganguli übersetzt mṛgacakrāḥ mit „acquainted with the signs of the zodiac“. Ich habe den Begriff sorgfältig recherchiert und bin zu dem  Schluß gekommen, daß die Deutung des Wortes mṛgacakra als „Tierkreis“, so verführerisch sie auch sein mag, ganz unwahrscheinlich ist. Erstens steht das Wort im Plural. Es müßte sich also um „Tierkreise“ in der Mehrzahl handeln, was nicht einleuchtet. Zweitens gibt es Texte, in denen das Wort die wahrsagerische Deutung von Tierverhalten bezeichnet. Drittens läßt sich nachweisen, daß im Mahābhārata-Epos nur dieses letztere gemeint sein kann. Viertens sind auch in Diskussionen mit indischen Gelehrten keine Texte aufgetaucht, in denen das Wort im Sinne von „Tierkreis“ erscheint. Und fünftens glänzen ja die Tierkreiszeichen im Epos generell durch Abwesenheit, während von Mondhäusern unzählige Male die Rede ist.

Der Begriff mṛgacakra erscheint in Varāhamihiras Bṛhatsaṃhitā 30.4:

apasavye saṃgrāmaḥ savye senāsamāgamaḥ śānte

mṛgacakre pavane vā sandhyāyāṃ miśrage vṛṣṭiḥ//

„Wenn in der Dämmerung das Rad der Tiere (mṛgacakra) oder der Wind nach links [geht], [so bedeutet dies] Schlacht; wenn nach rechts und friedlich, [bedeutet dies] Vereinigung der Armeen; wenn sie sich nach beiden Seiten gehen, [bedeutet dies] Regen.“

Der Begriff mṛgacakra erscheint auch im Inhaltsverzeichnis desselben Werks (Bṛhatsaṃhitā 2.23) als Teil eines langen Kompositums, und zwar wie folgt:

-antaracakra-mṛgacakra-śvacakra-vātacakra-

„Rad der Himmelsrichtungen, Rad der Tiere, Rad der Hunde, Rad der Winde“.

Das Wort mṛgacakra taucht auch in buddhistischen Pali-Schriften in der Form migacakka auf, in Milindapañhā (V. Trenckner (1889), S. 178), und zwar wie bei Varāhamihira gemeinsam mit dem „Rad der Hunde“ und dem „Rad der Himmelsrichtungen“ (sācakkaṁ migacakkaṁ antaracakkaṁ). Wir können somit davon ausgehen, daß auch in buddhistischen Texten dieses Wort nichts mit dem Tierkreis, sondern mit der Deutung von Tierverhalten zu tun hat.

Kommen wir nun zurück auf unsere Stelle im Mahābhārata-Epos! Wenn Varāhamihiras Deutung von mṛgacakra auch für das Mahābhārata gilt, so ist der Vers wie folgt zu deuten: Es ist die Rede von (1) Omen oben am Himmel (uccaṃ daivam), und (2) Omen unten auf der Erde (-avacam). Weiter ist die Rede (1) von Fragen betreffend den Himmel (divyāḥ praśnāḥ), von (2) Tierbewegungen auf der Erde (mṛgacakrāḥ) und (3) „Stunden“ (muhūrtāḥ). All diese Dinge sagen die kriegerische Vernichtung der Kauravas und den Sieg der Pāṇḍavas voraus.

Nun gibt es im Mahābhārata mindestens zwei Passagen, an denen diese Interpretation sich verifizieren läßt, nämlich die Berichte über die Omen, die sich unmittelbar vor dem Krieg ereignen und ebenfalls den Untergang der Kauravas und den Sieg der Pāṇḍavas ankündigen (MBh 5.141(143); 6.2; 6.3. Die Übersetzung von Ganguli findet sich hier: http://www.sacred-texts.com/hin/m06/m06002.htm ; http://www.sacred-texts.com/hin/ m06/m06003.htm ; http://www.sacred-texts.com/hin/m05/m05143.htm). In diesen Partien wird (1) berichtet, wo sich die Planeten in den Mondhäusern (nicht Tierkreiszeichen) befinden und daß sich Finsternisse ereignen. Außerdem wird (2) das Verhalten von Tieren beschrieben und gedeutet. Beide Arten von Phänomenen, also sowohl himmlische als auch irdische, werden dabei ziemlich bunt durcheinandergemischt.

Betrachten wir dazu die folgenden erhellenden Verse:

prahṛṣṭaṃ vāhanaṃ kṛṣṇa pāṇḍavānāṃ pracakṣate

pradakṣiṇā mṛgāś caiva tat teṣāṃ jayalakṣaṇam (MBh 5.141(143).15)

apasavyā mṛgāḥ sarve dhārtarāṣṭrasya keśava

vācaś cāpy aśarīriṇyas tatparābhavalakṣaṇam (16)

„Sie prophezeien, o Kṛṣṇa, eine erfolgreiche Anstrengung für die Pāṇḍavas,

und die Tiere (mṛgāḥ) machen eine Umschreitung nach rechts (um sie herum). Dies ist ein Zeichen des Sieges für sie.

Alle Tiere machen eine Umschreitung nach links um Duryodhana,

und (es gibt) körperlose Stimmen. Dies ist ein Zeichen der Niederlage.“

Hierzu ist zu erklären, daß eine „Rechtsumschreitung“ ein Zeichen des Respekts ist. Man umschreitet eine Person oder einen Gegenstand des Respekts derart, daß dieselbe oder derselbe sich zur rechten Seite des Umschreitenden befindet. Eine Umschreitung in entgegengesetzter Richtung drückt in der Folge Respektlosigkeit aus.

Dies also sind die „Räder der Tiere“, die den Sieg der Pāṇḍavas und die Niederlage der Kauravas anzeigen. Ich würde dies wie folgt deuten: Tiere fürchten sich vor Truppen und versuchen ihnen in einer kreisenden Bewegung auszuweichen. Diese Ausweichbewegungen können nach rechts oder nach links gehen, und dies wird als Omen gedeutet.

4) Eine weitere Stelle, wo in Gangulis Übersetzung von „twelve signs of the zodiac“ die Rede ist, findet sich am Anfang des Epos (MBh 1.3.60-70) (http://www.sacred-texts. com/hin/m01/m01004.htm). Dort treten die Aśvins als Schöpfer des Jahres auf, das als Rad mit 12 Speichen und als ein Idealkreis von 12 x 30 Tagen, also 12 Monaten, begriffen wird. Auch von 720 Speichen ist die Rede, womit auf die Anzahl Tage und Nächte in einem 360-tägigen Jahr angespielt wird. Daß ausgerechnet die Aśvins als Schöpfer des Jahres auftreten, mag damit zusammenhängen, daß in der spätantiken Astrologie der Tierkreis mit dem Mondhaus Aśvinī beginnt. Interessant ist aber, daß hier kein einziges Tierkreiszeichen erwähnt wird. Es gibt keinen Beweis dafür, daß diese dem Text tatsächlich schon bekannt sind. Es ist nur von den zwölf Monaten die Rede. Der Text lautet wie folgt, wobei ich jeweils neben meiner Übersetzung auch diejenige Gangulis hinzufüge. (http://www.sacred-texts.com/hin/m01/m01004.htm.) Die massiven Abweichungen erklären sich teils dadurch, daß Gangulis Übersetzung sehr interpretativ ist, teils dadurch, daß er andere Textvarianten wählt, teils auch durch alternative Übersetzungsmöglichkeiten:

ṣaṣṭiśca gāvastriśatāśca dhenava / ekaṃ vatsaṃ suvate taṃ duhanti

„360 Kühe gebären / ein Kalb und geben ihm Milch.“

(G.: Three hundred and sixty cows represented by three hundred and sixty days produce one calf between them which is the year.)

(Anm.: Das Wort vatsa heißt sowohl „Kalb“ als auch „Jahr“. Es liegt also ein Wortspiel vor.)

nānāgoṣṭhā vihitā ekadohanās / tāvaśvinau duhato gharmamukthyam (MBh 1.3.63)

„Viele verschiedene Kuhställe sind bereitgestellt, um einem (Kalb)Milch zu gben. / Jene Aśvins melken die warme Milchlibation.“

(G.: That calf is the creator and destroyer of all. Seekers of truth following different routes, draw the milk of true knowledge with its help. Ye Aswins, ye are the creators of that calf!)

ekāṃ nābhiṃ sapta śatā arāḥ śritāh / pradhiṣvanyā viṃśatirarpitā arāḥ

„An einer Nabe sind 700 Speichen festgemacht, / 20 weitere Speichen sind am Radkranz fixiert.“

(G: The year is but the nave of a wheel to which is attached seven hundred and twenty spokes representing as many days and nights.)

(Anm.: Der Kommentator Nīlakaṇṭha interpretiert die 720 Speichen als je 360 Tage plus 360 Nächte.)

anemi cakraṃ parivartate ’jaram / māyāśvinau samanakti carṣaṇī (64)

„Ohne Felge rotiert das Rad, ohne Alter, / Māyā schmückt die Aśvins, the beiden Männer.“

(G: The circumference of this wheel represented by twelve months is without end. This wheel is full of delusions and knows no deterioration. It affects all creatures whether to this or of the other worlds. Ye Aswins, this wheel of time is set in motion by you!)

ekaṃ cakraṃ vartate dvādaśāram / (pradhi?)ṣaṇṇābhimekākṣamamṛtasya dhāraṇam

Ein Rad dreht sich mit zwölf Speichen, sechs Naben, einem Auge, als Träger der Unsterblichkeit,“

(G: The wheel of Time as represented by the year has a nave represented by the six seasons. The number of spokes attached to that nave is twelve as represented by the twelve signs of the Zodiac. This wheel of Time manifests the fruits of the acts of all things.)

(Anm.: Gangulis Übersetzung ist hier eher eine freie Paraphrase als eine Übersetzung. Er übernimmt die Deutung mit den 12 Tierkreiszeichen vom Kommentator Nīlakaṇṭha. Im Text selbst sind sie nicht erwähnt.)

yasmin devā adhi viśve viṣaktās / tāvaśvinau muñcato mā viṣīdatam (65)

(das Rad,) an dem die Viśvedevāḥ festgemacht sind, / diese Aśvins lassen es laufen. Ihr beiden (Aśvins), laßt euch nicht erschöpfen!

(G: The presiding deities of Time abide in that wheel. Subject as I am to its distressful influence, ye Aswins, liberate me from that wheel of Time.)

[14] Für die Auffassung, daß Kṛṣṇas Geburtsmond in Rohiṇī stehe, gibt es nur einen expliziten Beleg, in Harivaṃśa 48(2.4).13. Allerdings ist dieser Vers in der kritischen Ausgabe nicht enthalten und höchst wahrscheinlich nicht authentisch. Eine weitere Stelle, die angeblich einen Geburtsmond in Rohiṇī anzeigt, findet sich in Bhāgavatapurāṇa 10.3.1, doch ist die Deutung dieser Stelle unsicher. Die Angaben der Texte zu Kṛṣṇas Geburtskonfiguration sind widersprüchlich, oder jedenfalls nicht einfach zu deuten. Einigen Texten zufolge wurde Kṛṣṇa mit dem Mond im Mondhaus Abhijit geboren. (s. Koch,  Kṛṣṇas Geburtshoroskop, in Vorbereitung).

[15] Ein Kṛṣṇahoroskop mit Angaben betreffend Aszendent und allen Planeten in den Tierkreiszeichen findet sich erst im Khamāṇikyam, einem viel späteren Text aus dem 15. Jh. n.Chr. (s. Koch, Krischnas Geburtshoroskop, S. ???ff.)

[16] Rāmāyaṇa, Kapitel 1.17 und 2.13. The Bālakāṇḍa. The First Book of the Vālmīki-Rāmāyaṇa, critically edited by the late Prof. G.H. Bhatt, Oriental Institute Vadodara (India), 2001; The Āyodhyākāṇḍa. The Second Book of the Vālmīki-Rāmāyaṇa, critically edited by Dr. P. L. Vaidya, Oriental Institute Baroda (India), 1962.

[17] Im Viṣṇupurāṇa ist z. B. folgendes zu lesen:

ayanasyottarasyādau makaraṃ yāti bhāskaraḥ /

tataḥ kumbhaṃ ca mīnaṃ ca rāśe rāśyantaraṃ dvija // ViP_2,8.28 //

„Am Anfang (seines) Nordwärtsganges betritt der Sonnengott den Steinbock,

dann den Wassermann und die Fische, vom einen Tierkreiszeichen zum anderen.“

triṣveteṣvatha bhukteṣu tato vaiṣuvatīṃ gatim /

prayāti savitā kurvannahorātraṃ tataḥ samam // ViP_2,8.29 //

„Nachdem er sich dieser drei erfreut hat, geht der Sonnengott

den Weg des Äquinoktiums, wobei er Tag und Nacht gleich macht.“

tato rātriḥ kṣayaṃ yāti vardhate 'nudinaṃ dinam // ViP_2,8.30 //

„Dann beginnt die Nacht abzunehmen, der Tag wächst täglich.“

tataś ca mithunasyānte parāṃ kāṣṭhāmupāgataḥ /

rāśiṃ karkaṭakaṃ prāpya kurute dakṣiṇāyanam // ViP_2,8.31 //

„Und dann, am Ende der Zwillinge gelangt (der Sonnengott) zur höchsten Kulmination.

Nachdem er das Zeichen Krebs erreicht hat, macht er den Südwärtsgang.“

...

śaradvasantayormadhye viṣuvaṃ tu vibhāvyate /

tulāmeṣagate bhānau samarātridinaṃ tu tat // ViP_2,8.67 //

„In der Mitte der Jahreszeiten śarad und vasanta wird das Äquinoktium angenommen,

wenn der Sonnengott in die Waage oder den Widder eingetreten ist. Dies ist die Gleichheit von Tag und Nacht.“

karkaṭāvasthite bhānau dakṣiṇāyanamucyate /

uttarāyaṇamapyuktaṃ makarasthe divākare // ViP_2,8.68 //

„Wenn der Sonnengott am (Anfang des Zeichens) Krebs steht, nennt man dies den Südwärtsgang (das Sommersolstiz);

und wenn er am (Anfang des Zeichens) Steinbock steht, heißt dies der Nordwärtsgang (das Wintersolstiz).“

[18] Sphujidhvaja, Yavanajātakam 79.30; Varāhamihira, Bṛhatsaṃhitā 3.2; Āryabhaṭa, Āryabhaṭīyam 4.1; Sūryasiddhānta 14.7-10; s. auch Dikshit, Bharatiya Jyotish Sastra, S. 139.

Die Gargasaṃhitā ist in einer Ausgabe und Übersetzung von D. M. Sudhindra Kumar in Umlauf, wobei der Sanskrittext leider nicht in korrekter Orthographie vorliegt. Ich lese den betreffenden Vers 1.7 wie folgt:

meṣataulyau tu viṣuvau kulīrau dakṣiṇāyane

makaraṃ cottaraṃ jñeyaṃ sarvā saṃkrāntirīdṛśī

„Widder und Stier aber sind die Äquinoktien, Krebs und <Steinbock> sind die Solstitien.

Der Steinbock, muß man wissen, ist das Wintersolstiz. Solcherart ist ein jeder Ingress <in diese Zeichen>.“

Auch dieser Text ist also in die ersten Jahrhunderte n. Chr. zu datieren, obwohl sein Autor angeblich Vṛddhagarga sein soll.

[19] Varāhamihira hat im 6. Jh. n. Chr. gelebt, nicht im 2. Jh. v. Chr., Āryabhaṭa um 500 n. Chr., nicht im 3. oder 2. Jahrtausend v. Chr. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesen falschen Datierungen findet sich in: T. S. Kuppanna Sastry, Collected Papers on Jyotisha, S. 255ff.

[20] vgl. die Ausführungen von Dikshit, History of Indian Astronomy, part I, S. 140f.

[21] ṛtubhir hi saṃvatsaraḥ śaknoti sthātum (ŚB 6.7.1.18), „nur durch die Jahreszeiten vermag das Jahr zu stehen“.

[22] Erklärung des Textes bei Sengupta, Ancient Indian Chronology, S. 155ff.

[23] Sengupta, ebenda, S. 163ff.

[24] Siehe Kauls Hindu Calendar Forum, http://groups.yahoo.com/group/hinducalendar/. Darshaney Lokesh und T. V. Sivaraman sind Herausgeber eines tropischen indischen Kalenders, des Sri Mohan Krity Aarsh Tithi Patrak (SMKATP), in Hindi sowie einer Kurzversion in Tamil und Englisch unter dem Titel Reformed Sanathan Calendar. In diesem Kalender fällt z. B. das uttarāyanam auf die Wintersonnenwende. (http://www. reformedsanathancalendar.in/index.html)

[25] Dikshit, Bharatiya Jyotish Sastra, S. 129; Sengupta in: Burgess, The Sûrya Siddhânta, S. xxxv ff.; Kuppanna Sastry in: Sarma, K. V. (ed.), Vedāṅga Jyotiṣa of Lagadha, S. 12. Im wesentlichen lassen sich folgende Belegstellen dafür anführen: Das Mondhaus Kṛttikā wird als der „Mund der Mondhäuser“ (mukhaṃ nakṣatrāṇām, Taittirīyabrāhmaṇa 1.1.2.1) bezeichnet, wobei „Mund“ „Anfang“ bedeutet (vgl. Śatapathabrāhmaṇa 6.2.2. 18). Von den Kṛttikā-Sternen, den Plejaden, wird gesagt, daß sie „vom Osten nicht abweichen“ (prācyai diśo na cyavante, Śatapathabrāhmaṇa 2.1.2.3; prācīṃ diśaṃ na parijahati, Baudhāyanaśrautasūtra 25.3.5). In Taittirīyabrāhmaṇa 1.5.2.7f. wird zwischen nördlichen und südlichen Mondhäusern unterschieden, deren erstere den Göttern, letztere dagegen dem Tod zugeordnet werden. Den Göttern zugeordnet sind die Mondhäuser Kṛttikā bis Viśākhā, dem Tod die anderen. Daraus ist zu schließen, daß das Frühlingsäquinoktium am Anfang von Kṛttikā lag. Diese Tradition wurde lange über ihre astronomische Gültigkeit hinaus bewahrt. Noch in Viṣṇupurāṇa 2.8.76ff. wird ausdrücklich gesagt, daß das Äquinoktium in Kṛttikā liegt.

[26] Beim Sūryasiddhānta bestätigt sich diese Erklärung weiter durch folgenden Sachverhalt: Die Ephemeridenrechnung des Sūryasiddhānta in seiner ältesten bezeugten Form (nach Varāhamihiras Pañcasiddhāntikā) ist am genauesten für die Epoche 500 n. Chr. und wird mit zunehmender Entfernung von ihr immer schlechter. Die Parameter der Ephemeridenrechnung und die ihnen zugrundeliegenden astronomischen Beobachtungen müssen also aus dieser Epoche stammen. Nun läßt der Sūryasiddhānta den Tierkreis gerade beim Stern Revatī (ζ Piscium) beginnen, wo sich um 500 n. Chr. der Frühlingspunkt befand. Fast dieselben Konstanten wie der Sūryasiddhānta verwendet auch Āryabhaṭa. Sphujidhvaja verwendet eine tropische Ephemeridenrechnung.

[27]... hastigo'śvoṣṭradamako nakṣatrair yaśca jīvati / pakṣiṇāṃ poṣako yaś ca yuddhācāryas tathaiva ca / ... etān vigarhitācārān apāṅkteyān dvijādhamān / dvijātipravaro vidvān ubhayatra vivarjayet (Manusmṛti 3.162-167):

... wer mit Elefanten, Ochsen, Pferden oder Kamelen arbeitet, wer von den Gestirnen (nakṣatram) lebt, / wer Vögel züchtet, wer den Gebrauch von Waffen lehrt / ..., all diese niedrigsten Geweihten, die ein tadelnswertes Leben führen und die zu heiligen Mahlzeiten nicht zuzulassen sind, / wird der wissende Brahmane sowohl <beim Götteropfer> als auch <beim Ahnenopfer> meiden.

[28] śvabhir yaś ca parikrāmed yaḥ śunā daṣṭa eva ca / parivittiś ca yaś ca syād duścarmā gurutalpagaḥ / kuśīlavo devalako nakṣatrair yaś ca jīvati (MBh 13.90.10) etān iha vijānīyād apāṅkteyān dvijādhamān (11ab):

„Wer mit (Jagd)hunden umherzieht, wer von einem Hund gebissen wurde, / wer unverheiratet ist und einen verheirateten jüngeren Bruder hat, wer einen Hautausschlag hat oder mit der Frau seines Gurus schläft, / wer Bote ist oder Götterbilder für Geld verehrt oder von den Gestirnen (nakṣatram) lebt, / all diese schlechtesten der Geweihten, so soll man wissen, sind unwürdig, an heiligen Mahlzeiten (bzw. an Riten für Götter und Ahnen) teilzunehmen.“

āhvāyakā devalakā nakṣatragrāmayājakāḥ / ete brāhmaṇacaṇḍālā mahāpathikapañcamāḥ (MBh 12. 77(76).8):

„Gerichtsboten, <Leute, die gegen Geld> Götterbildern oder der Schar der Gestirne (nakṣatram) Opfer darbringen, / und fünftens Reisende – diese sind die Verworfensten unter den Brahmanen.“

na brāhmaṇān parivaden nakṣatrāṇi na nirdiśet / tithiṃ pakṣasya na brūyāt tathāsyāyur na riṣyate (MBh 13.107(104). 62):

„Man soll nicht über Brahmanen <schlecht> reden, man soll nicht die Gestirne (nakṣatram) anzeigen (deuten?), / man soll nicht den Mondtag (tithiḥ) der Monatshälfte angeben, so wird einem das Leben nicht verkürzt.“

[29] Ich wurde hier etwa auf den Astrologen Varāhamihira, Bṛhatsaṃhitā 2.34, verwiesen:

aviditvaiva yaḥ śāstraṃ daivajñatvaṃ prapadyate / sa paṅktidūṣakaḥ pāpo jñeyo nakṣatrasūcakaḥ

„Wer, ohne die Wissenschaft (der Astrologie) zu kennen, die <Stellung> eines Schicksalskenners annimmt, der ist als ein schlechter Sterndeuter zu betrachten, der das gemeinsame Mal verunreinigt.“

Aber Varāhamihira lebte erst im 6. Jh. n. Chr. Zudem ist er als Astrologe in dieser Frage natürlich voreingenommen.

[30] Etwa A. K. Kaul vom Forum Hindu Calendar.

[31] saptamāc cāpi divasād amāvāsyā bhaviṣyati / samgrāmaṃ yojayet tatra tām hy āhuḥ śakradevatām (MBh 5.140(142).18):

„Nach dem siebten Tag wird Neumond sein. / Dann soll man dort die Schlacht anschirren, denn jener <Neumond> hat, wie man sagt, Indra als Gottheit.“

[32] MBh 13.63(64).5ff.

[33] MBh 13.89.2ff.

[34] Abbildungen findet man etwa in Hans Ulrich Steymans (Hrsg.), Gilgamesch. Ikonographie eines Helden, S. 425; W. Papke, Die Sterne von Babylon, S. 49; C. E. Watanabe, Animal Symbolism in Mesopotamia, S. 101; Abbildungen 25 und 26.

[35] Hunger/Pingree, MUL.APIN (i iv 31-39), S. 67-69.

[36] Louvre F 475; https://es.m.wikipedia.org/wiki/Archivo:Mastos_Cretan_bull_Louvre _F475.jpg . Vgl. auch Eratosthenes, Epitome 14. Dieses Motiv lebt auch in den mithraischen Tauroktonien fort. Aus der Nackenwunde des Stieres fließen Getreideähren.

[37]  http://www.perseus.tufts.edu/hopper/image?img=Perseus:image:1992.06.0485 . Die Episode beschreibt Apollodor, Bibliothek II.v.2; ebenso Eratosthenes (Epitome 11) mit Verweis auf den Dichter Panyasis, der um 500 v. Chr. lebte. Der astronomische Hintergrund der Episode wird aus der Tatsache ersichtlich, daß das Sternbild des Krebses sich unmittelbar oberhalb des Kopfes des Sternbildes Hydra befindet. Auch Eratosthenes bestätigt den astronomischen Hintergrund des Mythos.

[38] Das Sternbild des Löwen ist laut Eratosthenes mit dem nemeischen Löwen zu identifizieren. (Epitome 12). Der Kampf dauert nach Angaben des Mythographen Apollodoros 30 Tage, und der Löwe wohnt in einer Höhle mit zwei Ausgängen. 30 Tage sind in etwa der Zeitraum, den ekliptiknahe helle Sterne vom heliakischen Untergang im Westen bis zum heliakischen Aufgang im Osten benötigen. In dieser Zeit wandern sie, mythisch gesprochen, unsichtbar durch eine Höhle im Erdinneren von Westen nach Osten.

[39] Die Mehrheit der Experten nimmt an, daß bereits Euktemon im 5. Jh. v. Chr. in seinem Parapegma das Jahr in zwölf Monate unterteilte, die er nach den zwölf Tierkreiszeichen benannte. (Pritchett/van der Waerden, „Thucydidean Time-Reckoning and Euctemon’s Seasonal Calendar“, in: Bulletin de Correspondence Hellenique 85 (1961), S. 17-52). Dies wird durch das Parapegma des Geminus nahegelegt, auf dessen Zeugnis sich die Rekonstruktion von Euktemons Parapegma stützt; ferner auch dadurch, daß der Keilschrift-Text Epinnu (mul.apin) ein ganz ähnliches Parapegma enthält, das ebenfalls in 12 Monate gegliedert war, allerdings die Monate noch nicht nach den Tierkreiszeichen benannte. Doch manche Experten (D. Lehoux, R. Hannah) vermuten, daß Euktemon keine zodiakalen Monate verwendet hat, daß vielmehr Geminus Euktemons Daten in sein zodiakales Schema eingepaßt hat. Sicher ist aber, daß Euktemon zwei Tage vor der Frühlingstagundnachtgleiche den morgendlichen Untergang der ersten Sterne des Skorpions erwähnt. (Lehoux, Astronomy, Weather, and Calendars in the Ancient World, S. 237) Und nach Angaben von Johannes Lydus hat Euktemon am 15. Tag vor den Kalenden des Februars den morgendlichen Untergang des Krebses notiert. (Lehoux, S. 390) Euktemon scheint somit die Sternbilder des Tierkreises zumindest gekannt zu haben.

[40] Francesca Rochberg, The Heavenly Writing, S. 130.

[41] ebenda.

[42] siehe oben Fußnote 39.

[43] Gleich große Tierkreiszeichen finden sich im Parapegma des Geminos, das eine Zusammenfassung der Parapegmata älterer Autoren wie Euktemon, Eudoxos, Kallippos und Dositheos ist. Geminos selbst lebte im 1. Jh. v. Chr. Da in seiner Zusammenstellung aber keine Autoren des 2. Jh. erscheinen, insbesondere nicht Hipparchos, vermutet man, daß er es von einem älteren Autor („Pseudo-Geminus“) übernommen hat, der im 3. oder 2. Jh. v. Chr. schrieb.

Weiter zu erwähnen ist hier das aus Ägypten stammende griechische Parapegma von Payprus Hibeh 27, das etwa um 300 v. Chr. verfaßt wurde, sowie aus dem 2. Jh. v. Chr. die beiden steinernen Parapegma-Fragmente von Milet ausgegraben und das Papyrus-Fragment Rylands 589. All diese Quellen kennen den Tierkreis von 12 gleich großen Zeichen. (Originalquellen und Deutung finden sich in: D. Lehoux, Astronomy, Weather, and Calendars in the Ancient World.)

Ein interessantes Phänomen, das hier nicht verschwiegen werden darf, ist der indische Parapegmatist Kallaneus, der in einem der beiden Fragmente aus Milet neben Euktemon, Eudoxos, Philippos und anderen zitiert wird und in Indien Kalyāṇa oder Kallāṇa (= „der Schöne“) geheißen haben mag. Die indische Überlieferung weiß allerdings nichts von einem Autor dieses Namens. Da er ein Parapegma griechischen Stils geschrieben hat und vergleichbare Werke aus Indien nicht bekannt sind, müssen wir wohl annehmen, daß er ein hellenisierter Inder war. In hellenistischer Zeit schrieben auch ägyptische und babylonische Gelehrte griechische Werke. (Lehoux, a. a. O., S. 223-226) Meine indischen Opponenten haben versucht, Kalyāṇa als Übermittler astronomischen Wissens aus Indien nach Griechenland hochzustilisieren. Dies ist jedoch ausgeschlossen. Kalyāṇa lebte zur Zeit Alexanders, somit 100 Jahre nach Euktemon und Meton.

[44] Sphujidhvaja, Yavanajātaka 79. Das letzte Kapitel, das die astronomischen Berechnungen   zum Inhalt hat, wird wie folgt eingeleitet (79.1): (nach D. Pingrees Edition):

sarvasya <horā>vidhisaṅgrahasya / cakṣuḥ paraṃ yadvibudhā vadanti

samāsatastadyavanopadeśād / vakṣye pradṛṣṭaṃ caritaṃ grahāṇām

„Ich werde nun zusammengefaßt erklären nach der Lehre der Griechen den sichtbaren Lauf der Planeten, den die Weisen als das höchste Auge des gesamten Bestandes der Regeln der Horoskopie bezeichnen.“

Das Kapitel endet mit folgender Aussage (nach B. Mak, „The Date and Nature of Sphujidhvaja’s Yavanajātaka Reconsidered in the Light of Some Newly Discovered Materials“, in: History of Science in South Asia, 1 (2013), 11f.):

iti svabhāṣāracanātiguptād / viṣṇugraharkṣāṃśumato’vatārāt

maharṣimukhyairanudṛṣṭatattvād / dhorārtharatnākaravāksamudrāt (60)

sūryaprasādāgatatattvadṛṣṭir / lokānubhāvāya vacobhirādyaiḥ

idaṃ babhāṣe niravadyavākyo / horārthaśāstraṃ yavaneśvaraḥ prāk (61)

sphujidhvajo nāma babhūva rāja / ya indravajrābhir idaṃ cakāra

nārāyaṇārkendumayādidṛṣṭaṃ  kṛtsnaṃ caturbhir matimāṃ sahasraiḥ (62)

„Dies <ist die Lehre gemäß> dem Ozean der Belehrung (eig. Rede), die dem Juwel der Horoskopie entspringt, die wegen ihrer Sprache überaus geheimnisvoll ist, die von Viṣṇu, den Planeten, den Mondhäusern und der Sonne selbst herabgekommen ist, und deren Wahrheit von den vordersten der großen Weisen gesehen wurde.

Diese Wissenschaft von den Dingen der Horoskopie hat ursprünglich der Griechenherr (Yavaneśvara) verkündet, dessen Worte untadelig sind und der die Wahrheit schaute, die aus der Gnade des Sonnengottes kam, zur Belehrung der Welt mit hervorragenden Worten.

Es war ein König namens Sphujidhvaja, der voller Weisheit diese gesamte <Lehre>, die von Viṣṇu, vom Sonnengott, Mondgott und <dem Dämon> Maya gesehen wurde, in 4000 indravajra-Versen verfaßt hat.“

Auf welchen griechischen Autor oder welchen Text Sphujidhvaja sich hier beruft, ist unbekannt. S. hierzu David Pingree, The Yavanajātaka of Sphujidhvaja I, S. 3; Jyotiḥśāstra, S. 81; Bill Mak, „The Date and Nature of Sphujidhvaja’s Yavanajātaka Reconsidered in the Light of Some Newly Discovered Materials“, in: History of Science in South Asia, 1 (2013), 1-20.

[45] Varāhamihira nimmt in seiner Schrift Bṛhajjātaka öfters ausdrücklich Bezug auf die Yavanas. (BJ 7.1; 8.9; 11.1; 12.1; 21.3; 27.1, 19, 21) Und in Bṛhatsaṃhitā 2.32 sagt er :

mlecchā hi yavanās teṣu samyak śāstram idaṃ sthitam

ṛṣivat te 'pi pūjyante kiṃ punar daivavid dvijaḥ

„Die Yavanas sind Fremde. Bei ihnen ist diese Wissenschaft vollständig vorhanden.

Wie die heiligen Weisen (ṛṣi) werden sie verehrt. Wie erst ein Brahmane, der das Schicksal kennt!“

Kalyāṇavarman schreibt (Sārāvalī 1.2-4):

vistarakṛtāni munibhiḥ parigṛhya (var. parihṛtya) purātanāni śāstrāṇi

horātantraṃ racitaṃ varāhamihireṇa saṃkṣepāt (2)

rāśidaśavargabhūpatiyogāyurdāyato daśādīnām

viṣayavibhāgaṃ spaṣṭaṃ kartuṃ na tu śakyate yatastena (3)

ata eva vistarebhyo yavananarendrādiracitaśāstrebhyaḥ

sakalamasāraṃ tyaktvā tebhyaḥ sāraṃ samuddhriyate (4)

„Varāhamihira faßte die von den Weisen ausführlich dargelegten alten Lehren zusammen und verfaßte das Horoskopie-Lehrwerk  als Zusammenfassung.

Weil er aber den Gegenstandsbereich der Daśas usw. nach Tierkreiszeichen, Daśavarga, Rājayoga und Lebensdauer nicht ausführlich darstellen konnte,

deshalb soll (hier) von den ausführlichen Lehren, die der Griechenkönig (yavananarendraḥ) und andere verfaßt haben, unter Weglassung des Unwesentlichen alles Wesentliche dargestellt werden.“

Kalyāṇavarman nimmt auch im Text öfters Bezug auf Lehren des „Königs der Griechen“ (yavanarājā, yavanādhipatiḥ, yavanādhirājā, yavanendraḥ, yavanendrāḥ (!), yavanapatiḥ; 4.38; 10.32; 14.2; 20.21; 34.13; 35.3, 54, 94; 46.20 (Plural); 51.16). Weitere Bezugnahmen auf Lehren der Yavanas oder Yavana-Lehrer (yavanācāryāḥ) oder „alten Yavanas“ (yavanavṛddhāḥ) finden sich in Sārāvalī 3.39; 5.16; 9.8; 10.11, 42; 15.1; 21.1; 24.24; 34.68; 41.10; 47.45; 52.1; 54.11.

[46] Etwa in den Aśoka-Edikten, wo sogar griechische Königsnamen erwähnt werden:

Amtiyoko nama Yona-raja

„Der Griechenkönig namens Antiochos“

param ca tena Atiyokena cature 4 rajani Turamaye nama Amtikini nama Maka nama Alikasudaro nama

„Und außer diesem Antiochos vier Könige namens Ptolemaios, Antigonos, Magas und Alexander“.  (http://en.wikipedia.org/wiki/Edicts_of_Ashoka)

Das Wort yavana leitet sich vom Namen der Ionier ab, eines griechischen Volksstammes, der in Kleinasien lebte.

Meine Kontrahenten weigern sich stur, diese Quelle zur Kenntnis zu nehmen. Sie berufen sich etwa auf Mahābhārata 1.80(85).26, wo gesagt wird, daß die Yavanas Ab­kömmlinge von Turvasu seien, eines mythischen Königs der indischen Vorzeit, und sehen darin den Beweis, daß die Yavanas ein indischer Stamm sein müssen. Doch in anderen Versen des Mahābhārata werden die Yavanas u. a. gemeinsam mit Rom, Antiochia, den Saken, den Pahlavas genannt. Da diese Völker erst in hellenistischer Zeit militärisch relevante Mächte waren, ist klar, daß die betreffenden Verse aus hellenistischer Zeit stammen. Damit ist aber auch offensichtlich, daß die Yavanas die Griechen sein müssen. Einige Beispiel-Verse:

antākhīṃ caiva romāṃ ca yavanānāṃ puraṃ tathā

„... Antiochia und Rom und die Stadt der Yavanas.“ (MBh 2.28.49a)

araṇaṃ caiva romaṃ ca yavanānāṃ purāṇi ca

„... die ferne (Stadt) Rom und die Städte Yavanas.“ (MBh 2.29.11d (var.))

pahlavān daradān sarvān kirātān yavanāñ śakān
hārahūṇāṃś ca cīnāṃś ca tukhārān saindhavāṃs tathā (MBh 3.48.20f.)

„... die Pahlavas, alle Daradas, die Kiratas, Yavanas, Saken,
die Hunnen und Chinesen und Tocharier und Saindhavas.“

asṛjat pahlavān pucchāc chakṛtaḥ śabarāñ śakān
mūtrataś cāsṛjac cāpi yavanān krodhamūrcchitā (MBh 1.165.35)

„Sie (die Kuh Kāmadhenu) brachte die Pahlavas aus ihrem Schwanz hervor, aus ihrem Dung die Śabaras and Saken,
und aus ihrem Urin brachte sie die Yavanas hervor, zorngeschwollen.“

[47] In Varāhamihira, Bṛhajjātakam 1.8 finden sich: kriyaḥ (von griech. krios) für den Widder, tāvuriḥ (gr. tauros) für Stier, jitumaḥ (gr. didymoi) für Zwillinge, kulīraḥ (oder karkaṭaḥ, urverwandt mit gr. karkinos) für Krebs, leyaḥ (gr. leôn) für Löwe, pāthonaḥ (gr. parthenos) für Jungfrau, jūkaḥ (gr. zygon) für Waage, kaurpiḥ (gr. skorpios) für Skorpion, taukṣikaḥ (gr. toxotês) für Schütze, ākokeraḥ (gr. aigokerôs) für Steinbock, hṛdrogaḥ (gr. hydrochoos) für Wassermann, ittham (gr. ichthyes) für Fische.

In den folgenden Versen aus dem Yavanajātaka erscheinen eine ganze Reihe griechischer Fachbegriffe, die aus griechischen Quellen sehr gut bekannt sind. Da diese Begriffe nach Angaben des Textes selbst der Sprache der Yavanas entstammen, ist auch klar, daß mit den Yavanas hier nur griechischsprachige Leute gemeint sein können.

horeti yatprāgbhavanaṃ vilagnaṃ / tataścaturthaṃ hipakākhyamāhuḥ

rasātalaṃ tadvijalaṃ ca vindyād / gṛhāśrayaṃ vṛddhipadaṃ tadeva (YJ 1.48)

Horā (= ὧρα) heißt das erste Zeichen, das im Aszendent steht. Von ihm ausgehend das vierte bezeichnen sie als hipaka (= hypogeion/ὑπόγειον). Auch als wasserlose Unterwelt kann man es betrachten, als Ort von Haus und Familie und als Bereich des Wachstums.“

lagnādgṛhaṃ saptamamastagaṃ tu / jāmitrasaṃjñaṃ yavanābhidhānam

vilagnabhāvāttu nabhastalasthaṃ / me<ṣūra>ṇākhyaṃ daśamaṃ vadanti (49)

„Das siebte Haus vom Aszendent aus aber, das untergeht, heißt auf Griechisch jāmitra (= diametros/διάμετρος). Vom aufgehenden Haus aus das zehnte, das am Himmel steht, nennen sie meṣūraṇa (= mesouranema/μεσουράνημα).“

etaccaturlagnamudāharanti / horāvido lagnacatuṣṭayaṃ ca

sthānaṃ tu candrasya catuṣṭayākhyaṃ / meṇyaivsaṃjñaṃ yavaneṣu vindyāt (50)

„Diese nennen die Kenner der Horoskopie 'vier Achsenpunkte' und 'Achsenpunkte-Quadrat'. Die als 'Quadrat' bezeichnete Position des Mondes findet man bei den Yavanas unter der Bezeichnung meṇyaiva (= meniaios/μηνιαῖος). ...“

caturvilagnaṃ pravadanti kendraṃ / tataḥ paraṃ pāṇapharaṃ tu yogam

āpoklimākhyaṃ tu tṛtīyamāhur / lagnāśrayaiṣā trividhaiva saṃjñā (53)

„Den vierfachen Schnittpunkt nennen sie kendra (= kentron/κέντρον). Von da aus das nächste Quadrat (yoga) pāṇaphara (= epanaphora/ἐπαναφορά), und das dritte nennen sie apoklima (= ἀπόκλιμα). Dies ist die dreifache Bezeichnung, die sich auf den Aszendent stützt.“

ṣaṭṣaḍguṇā rāśitṛtīyabhāgā / drekāṇasaṃjñā yavanākhyayā ye

nānāvidhacchādanacitrarūpās / tān sarvaliṅgādiguṇairvidhāsye (3.1)

„Sechsunddreißig sind die Drittel der Tierkreiszeichen, die auf Griechisch drekāṇa (dekanoi/δεκανοί) heißen. Sie haben verschiedene Hüllen und vielfältige Formen. Ich will sie mit allen Eigenarten wie Geschlecht usw. darstellen.“

candrātkuṭumbopagate grahe tu / yogāgrahāste sunaphāṃ vadanti

candrapramukte ’naphareti yogaṃ / tathobhayordaurudhuraṃ vadanti. (10.1)

„Wenn ein Planet dem Mond nach dem Hause folgt, dann nennen sie dies sunaphā (= synaphe/συναφή), weil er auf die Exaktheit der Konjunktion zuläuft. Wenn er (dagegen) vom Mond verlassen wird, bezeichnen sie die Konjunktion als anapharā (= anaphora/ ἀναφορά). Und in beiden Fällen nennen sie (die Konjunktion) daurudhura (= doryphoria/δορυφορία).“

candre tu yogā yadi na syurete / catuṣṭayaṃ ca grahavarjitaṃ syāt

kemadrumetyantyaphalasya yogaḥ / sarvagrahāvekṣaṇaviprayuktaḥ (2)

„Wenn der Mond hingegen keine dieser Konjunktionen hat, und wenn auch die Quadrate ohne Planeten sind, dann ist dies die Konjunktion von geringster Wirkung namens kemadruma (= kenodromia/κενοδρομία, wörtlich „leerer Lauf“), die von Aspekten mit allen Planeten losgelöst ist.“

Diese griechischen Begriffe in Sanskrittexten haben bei indischen Astrologen besonders erbitterten Widerstand hervorgerufen, als würde dabei die Ehre der gesamten vedischen Kultur auf dem Spiel stehen. Manche von ihnen erklären gegen jede Vernunft, diese Begriffe seien nicht Griechisch, sondern Sanskrit, und die Griechen hätten sie von den Indern in ihre Sprache übernommen. Doch wenn man die beiden Sprachen kennt, sieht man sofort die Unsinnigkeit dieser Behauptung. Die Sanskritkenntnisse dieser Leute sind denn auch, wie ich mehrfach feststellen mußte, äußerst prekär, Griechischkenntnisse haben sie natürlich erst recht nicht.

Man beachte zudem, daß krios seit alter Zeit (Homer, Odyssee 9.447; 461) das gängige griechische Wort für das männliche Schaf, den Widder, war, während im Sanskrit das Wort kriyaḥ für den astrologischen Widder erst bei Varāhamihira, also über 1000 Jahre später, auftaucht und als Bezeichnung für den biologischen Widder gar nicht vorkommt. Gleiches gilt auch für alle anderen von Varāhamihira genannten Tierkreiszeichennamen, mit der einzigen Ausnahme von kulīraḥ. Das Wort hṛdrogaḥ erscheint zwar auch im Ṛgveda, bedeutet dort aber nicht „Wassermann“, sondern „Herzkrankheit“ (hṛd + rogaḥ).

[48] Sphujidhvaja, Yavanajātakam 79.30.

[49] Pingree meint sogar, daß das Yavanajātaka ein tropisches Jahr von 365.2424 Tagen lehrte, doch ist an der Korrektheit seiner Übersetzung zu zweifeln. Zu verwerfen ist auch die Lösung von K. S. Shukla, der Pingree scharf angreift, aber ebenfalls eine philologisch nicht vertretbare Jahreslänge von 365.2848 in den Text hineinliest. (Siehe Shukla, K. S., „The Yuga of the Yavanajātaka“, in Indian Journal of History of Science 24(4), 1989, S. 211-223). Die entscheidenden Verse lauten wie folgt:

ṣaṭpañcakāgre dviśate sahasraṃ / teṣāṃ yuge binduyutāni ṣaṭca (79.6cd)

(Korrktur nach K. S. Shukla: teṣām yuge viddhyayutāni ṣaṭca)

Pingree übersetzt: „There are 60265 (days) in a yuga (of 165 years; D. K.)“. Aus dieser Übersetzung würde eine Jahreslänge von 365.2424 Tagen folgen, was nahe beim tropischen Jahr liegt. Doch ist hier einzuwenden, daß

1. teṣām sich im Kontext klar auf tithiḥ bezieht nicht auf „Tage“;

2. ṣaṭpañcakam nicht dezimal als 65 zu lesen ist, sondern als „sechs Fünfen“, also als „30“; (vgl. Vers 12, wo Pingree selbst den Ausdruck ṣaṭpañcakam ekahīnam als „6 x 5 - 1“ = 29 interpretiert.)

3. der folgende Vers 7, der parallel konstruiert ist, im letzten Viertel nicht -yutāni, sondern ayutāni hat, so daß auch hier dieses Wort zu vermuten ist.

Die korrekte Übersetzung des letzten Teils des Verses dürfte daher, wie von Shukla vorgeschlagen, lauten: „Wisse, daß es von solchen (Tithis) 61230 in einem Zeitalter (von 165 Jahren) gibt.“ Eine direkte Aussage über die Jahreslänge ist daraus nicht abzuleiten.

Hingegen beabsichtigt der darauffolgende Vers 7 eine Aussage über die Anzahl Tage in einem Zeitalter von 165 Jahren. Die entscheidenden Worte lauten:

teṣām (dinarātrāṇāṃ; D.K.) śate dve triśadekakāgre / ṣaṭ khāyutānyarkayugaṃ vadanti (79.7cd) (var. trikṛdaṣṭakāgre; ṣaṭcāyutany-)

(mein Vorschlag: tēṣāṃ śate dve trikaṣaṣṭikāgre / ṣaṭyutānyarkayugaṃ vadanti)

Der Text ist leider korrupt. Shukla wählt die Variante trikṛdaṣṭaka-, interpretiert sie als „32 x 8 = 72“ und kommt auf 60272 Tage pro Zeitalter. Doch ist seine Deutung von trikṛd- als „32 = 9“ spekulativ. In Wirklichkeit ist der Text wohl zu trikaṣaṣṭikāgre  zu korrigieren, womit sich 60263 Tage pro Zeitalter ergeben und einer Jahreslänge von 365.2303 Tagen. Ich sehe keine andere Lösung, die sprachlich funktioniert, mit dem Versmaß im Einklang ist und eine plausible Jahreslänge ergibt. Das Versmaß verträgt übrigens auch keine „70“ (saptati-) ohne größere Änderungen im überlieferten Wortlaut.

Meine Lösung bestätigt sich anscheined in Vers 11:

triṃśaddināḥ sāvanamāsa ārkas / tryagrairviśiṣṭā daśabhirmuhūrtaiḥ

kalācatuṣkeṇa ca pañcaṣaṭkais / tryagryāṃśakaiśca dviguṇaiścaturbhiḥ (79.11)

„Ein bürgerlicher Monat hat 30 Tage, ein solarer Monat hat zusätzlich 13 muhūrtas, 4 kalās and 33 (Terzen) and 8 (Quarten).“

Daraus ergibt sich ein Monat von 30.435862 Tagen und, multipliziert mit 12, eine Jahreslänge von 365.2303. (Pingree übersetzt die Terzen und Quarten anders, doch wirkt sich dies auf die Jahreslänge nur minim aus.)

Eine weitere Bestätigung liefert Vers 34, der ausdrücklich die Länge des Jahres nennt:

sapañcaṣaṣṭiṃ triśataṃ dinānāṃ / dyūnaṃ dvibhinnaṃ tu dināṃśakānām

tryūnaṃ śatārdhaṃ dinakṛtsamā syāt / yayā bhavargaṃ savitā bhunakti

Pingree übersetzt: „A year of the Sun consists of 365 days and 14;47 sixtieths (aṃśas) of a day, in which the Sun traverses the signs.“ Daraus ergibt sich wiederum eine tropische Jahreslänge von 365.2464 Tagen. Fragwürdig ist aber dyūnam, „sorgenvoll, jammernd“, das Pingree offenbar im Sinne von ekonam, also „um eins vermindert“ deutet. Besser ist es, dvyūnam zu lesen, das „um zwei vermindert“ bedeutet. (Ich danke Martin Gansten für diesen Vorschlag.) Die dann sich ergebende Jahreslänge von 365.2297 (= 365;13,47) ist um nur 52 Sekunden kürzer als die zuvor erhaltene Länge von 365.2303.

[50] Sphujidhvaja, Yavanajātakam 1.29.

[51] Sūryasiddhānta 14.7-10.

[52] Sūryasiddhānta 1.27ff.; 8.1ff. Der Beginn des Tierkreises wird beim Stern Revatī angenommen, und auf diesen Nullpunkt bezieht sich auch die Ephemeridenrechnung.

[53] Sūryasiddhānta 3.9-12. Siehe auch Kommentar von Burgess.

[54] Bṛhatsaṃhitā 3.1-5. Meine Übersetzung weicht von anderen teilweise erheblich ab:

āśleṣārdhād dakṣiṇam uttaram ayanaṃ raver dhaniṣṭhādyam

nūnaṃ kadācid āsīd yenoktaṃ pūrvaśāstreṣu (BS 3.1)

„Es steht fest, daß es eine Zeit gab, zu welcher der südwärtsgerichtete Weg des Sonnengottes in der Mitte des (Mondhauses) Āśleshā (bzw. am Ende des siderischen Krebses) begann und der nordwärtsgerichtete am Anfang des (Mondhauses) Dhaniṣṭhā (bzw. am Ende des siderischen Steinbocks). Denn so berichten alte wissenschaftliche Texte.“

sāmpratam ayanaṃ savituḥ karkaṭakādyaṃ mṛgāditaś cānyat

uktābhāvo vikṛtiḥ pratyakṣaparīkṣaṇair vyaktiḥ (2)

„Gegenwärtig hingegen beginnt der (südwärtsgerichtete) Weg des Sonnengottes am Anfang des Krebses und der andere (nordwärtsgerichtete) am Anfang des Steinbocks. Das Nichtsein des (in alter Zeit) Gesagten (deutet auf) eine Veränderung. Evidenz wird durch direkte Beobachtungen gewonnen.“

(Vers 3 erklärt die Benutzung des Gnomons zur Feststellung der Solstizien.)

aprāpya makaram arko vinivṛtto hanti sāparāṃ yāmyām

karkaṭakam asamprāpto vinivṛttaś cottarām aindrīm (4)

„Noch bevor der Sonnengott den Steinbock erreicht, kehrt er um und beendet den abwärts- und südwärtsgerichteten (Weg) Yamas. Und noch bevor er den Krebs erreicht, kehrt er um und (beendet) den aufwärts- und nordwärtsgerichteten (Weg) Indras.“

(Anmerkung: Yama ist der Gott des Todes, Indra der König der Götter. Gängige Übersetzungen des Verses wie: “Wenn die Sonne vor Erreichen des Steinbocks umkehrt, schlägt sie den Westen und Süden mit Vernichtung usw.” ergeben astronomisch keinen Sinn, weil die Bedingung für alle Jahre seit etwa 500 n. Chr. gültig ist.)

uttaram ayanam atītya vyāvṛttaḥ kṣemasasyavṛddhikaraḥ

prakṛtisthaś cāpy evaṃ vikṛtagatir bhayakṛd uṣṇāṃśuḥ (5)

„Nachdem der Sonnengott den nordwärtsgerichteten Weg durchlaufen hat als Bringer von Wohlfahrt und Getreidewachstum, kehrt er um, geht seiner Natur gemäß den entgegengesetzten Weg und bringt mit seinen heißen Strahlen Gefahr und Furcht.“  

Die astrologische Deutung der beiden Hälften des tropischen Jahres kann in Zusammenhang mit der alten vedischen Lehre verstanden werden, der gemäß ein Mensch, der vor der Sommersonnenwende stirbt, den „Pfad der Götter“ betritt und den Kreislauf der Wiedergeburt überwinden kann, während jemand, der nach der Sommersonnenwende stirbt, auf dem „Pfad der Ahnen“ bzw. des Totengottes Yama in diese Welt zurückkehrt und von neuem geboren wird. (vgl. Bhagavadgītā 8.23ff., Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 6.2. 14ff., Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.2.7f. )

[55] Bṛhatsaṃhitā 3.4, zumindest nach meinem Verständnis des Verses, siehe letzte Fußnote. Hier würde ich also Knappich widersprechen, der behauptet, Varāhamihira hätte den tropischen Tierkreis verwendet (Knappich, Geschichte der Astrologie, S. 126). Auch Robert Hand meint, daß Varāhamihira ein tropischer Astrologe sei. Er verweist auf Bṛhajjātakam 1.19, wo Varāhamihira für die Tierkreiszeichen Aufsteigungszeiten gibt, die nur im tropischen Tierkreis stimmen. (Hand, „On the Invariance of the Tropical Zodiac“.) Es ist jedoch zu bedenken, daß zur Zeit Varāhamihiras der siderische Tierkreis mit dem tropischen praktisch übereinstimmte, so daß diese Aufsteigungszeiten zu seiner Zeit auch für den siderischen Tierkreis galten. Außerdem berechnen auch spätere Werke der indischen Astrologie den Aszendenten aufgrund der tropischen Sonne und der tropischen Aufsteigungszeiten der Tierkreiszeichen und rechnen den tropischen Aszendenten dann auf den siderischen Tierkreis um. (z.B. Mañjula, Laghumānasam)

[56] Varāhamihira erwähnt in Pañcasiddhāntikā 3,20-22 zwar bereits das sogenannte Trepidationsmodell der Präzession, gibt jedoch keine Geschwindigkeit der Präzession an und rechnet nicht mit ihr.

[57] Āryabhaṭa, Āryabhaṭīyam 4.1ff., zumindest nach meinem Verständnis des Textes. Er lautet wie folgt:

meṣādeḥ kanyāntaṃ samaṃ udagapamaṇḍalārdham apayātam

taulyādeḥ mīnāntaṃ śeṣārdhaṃ dakṣiṇena eva (A 4.1)

 „Der Abschnitt, der mit dem Widder beginnt und mit der Jungfrau endet, ist diejenige Hälfte des Tierkreises, die nördliche Deklination hat. Die übrige Hälfte, die mit der Waage beginnt und mit den Fischen endet, hat südliche (Deklination).“

tārāgrahendupātā bhramanty ajasram apamaṇḍale ’rkaś ca

arkāt ca maṇḍalārdhe bhramati hi tasmin kṣitichāyā (2)

„Die Sterne (!), die Planeten, der Mond, die Knoten und die Sonne wandern unablässig auf der Ekliptik. Und wegen der Sonne (existieren) die beiden Hälften des (Ekliptik-) Kreises, denn auf ihm wandert der (bei Mondfinsternissen beobachtbare) Erdschatten.“

[58] Anderer Meinung ist Avtar Krishen Kaul, ein bekannter Kritiker der indischen Astrologie und des siderisch definierten traditionellen indischen Kalenders. Er glaubt, daß Mañjula mit dem tropischen Tierkreis arbeitete (http://www.indiadivine.org/audarya /vedic-astrology-jyotisha/634475-jyotishis-vs-shri-avtar-krishen-kaul-2-a.html, 18. Okt. 2009). Mir scheint aber, daß dem nicht so ist. Mañjula berechnet zunächst die siderischen Positionen von Sonne und Planeten (Laghumānasa, 2.1’-5’). Den Wert der Präzession (Ayanāṃśa) gibt er an, ohne ihn hinzuzurechnen. Zusätzlich zu den siderischen Planeten berechnet er zwar noch die tropische Sonne, aber nur deshalb, weil er sie später (Vers 24) als Hilfsmittel zur korrekten Berechnung des Aszendenten benötigt. Die resultierende tropische Position des Aszendenten muß er durch Subtraktion des Ayanaṃśa in den siderischen Tierkreis umgerechnet haben. Allerdings ist nicht ganz sicher, daß er dies tatsächlich getan hat, weil er diesen letzten Rechenschritt nicht ausdrücklich erwähnt. Vielleicht also hat er den Aszendenten tropisch berechnet. Daraus folgt natürlich, daß auch andere Astrologen, die dasselbe Verfahren verwenden, nicht Tropiker, sondern Sideriker sind. Der ebenfalls im 10. Jh. lebende Kālidāsa verwendet in seiner Schrift Uttarakālāmṛtam 1.4 dieselbe Methode der Aszendentenberechnung wie Mañjula, wobei er den Aszendenten mit Hilfe der tropischen Sonne, der Aufsteigungszeiten der tropischen Tierkreiszeichen und der Präzession berechnet.

[59] Sūryasiddhānta 3.9-12. Der ursprüngliche Sūryasiddhānta kannte höchstwahrscheinlich keine Präzession (s. Burgess, The Sûrya Siddhânta, S. 114ff.). Die Stelle wurde mit Sicherheit erst Jahrhunderte nach Varāhamihira in den Text eingefügt. Ein interessantes Detail: Burgess weist darauf hin, daß gemäß Vers 3.9ab nicht der Frühlingspunkt um den siderischen Nullpunkt pendelt, sondern daß umgekehrt der siderische Tierkreis sich relativ zum Frühlingspunkt bewegt. Die Formulierung befremdet, weil sie so tut, als wäre der Frühlingspunkt, somit der tropische Tierkreis, das absolute Bezugssystem. In späteren Texten, etwa in Bhāskaras Siddhāntaśiromaṇi 6.17, ist es umgekehrt der Frühlingspunkt, der sich relativ zu den Fixsternen bewegt.

[60] Zur Geschichte der Trepidation und Präzession in Indien siehe: Pingree, „Precession and Trepidation in Indian Astronomy before A.D. 1200“.

[61] Das Kaliyugadatum 17./18. Feb. 3102 v. Chr. ist indirekt zum ersten Mal beim spätantiken Astronomen Āryabhaṭa belegt, der den Beginn des Kaliyuga 3600 Jahre vor seinem 23. Lebensjahr annahm, das mit dem Jahre 499 n. Chr. korreliert wird. (Āryabhaṭīyam 3.10) Kein einziger älterer Text spricht davon. Traditionalisten weisen gern auf die Inschrift des Königs Pulakeśin II von Aihole in Karṇāṭaka hin, die diese Datierung angeblich stützt. Doch stammt diese Inschrift aus dem Jahre 634 und ist somit noch jünger als Āryabhaṭa. Es ist daher äußerst unwahrscheinlich, daß die Datierung des Kaliyuga auf den 18. Februar 3102 v. Chr. auf einer echten Überlieferung beruht. Alles deutet darauf hin, daß sie erst von spätantiken Astronomen konstruiert wurde, als Nulldatum für die Planetentheorie und Ephemeridenrechnung, wie sie u.a. im Sūryasiddhānta dargelegt wird. Berechnet man aufgrund dieser Planetentheorie, ausgehend vom 18. Februar 3102 v. Chr. die Positionen der Planeten, so erhält man recht gute Resultate für die Epoche um 500 n. Chr. und einige Jahrhunderte davor und danach, jedoch zunehmend ungenaue, je weiter man sich von dieser Epoche entfernt. Für den 18. Februar 3102 v. Chr. erhält man logischerweise eine präzise Konjunktion der Planeten auf 0° im siderischen Widder, doch von der Realität ist dies leider weit entfernt.

[62] s. Calendar Reform Committee Report.

[63] Im Jahr 285 n. Chr. erreichte Spica den Frühlingspunkt nach ekliptikaler Länge. Seine siderische Position nach dem Lahiri-Ayanāṃśa war allerdings 0°0016“ Waage, im Jahr 2000 hingegegen 29°59‘03“ Jungfrau. Der Stern steht also gegenwärtig beinahe eine Bogenminute vor dem Nullpunkt der siderischen Waage. Exakt auf 0° Waage war nach Lahiri er im Jahr 667. Die Positionsveränderung des Sterns ist einesteils auf seine Eigenbewegung zurückzuführen. Fixsterne sind nicht wirklich fix, sondern verändern sehr langsam ihre Position. Zum anderen verändert auch die Ekliptik infolge der sogenannten planetaren Präzession (nicht identisch mit der lunisolaren Präzession, die für die Verschiebung des Frühlingspunktes verantwortlich ist) langsam ihre Lage, und in der Folge auch das ekliptikale Koordinatensystem. Im Jahre 1967 hat Lahiri in seinem Buch Panchanga darpan (in Bengali) eine korrigierte Version des Ayanāṃśa publiziert, bei dem Spica für die gegenwärtige Epoche exakt auf 0° Waage zu liegen kommt. Der offizielle Standard aber, der auch in gängiger Software verwendet wird, weicht davon nach wie vor um etwa eine Bogenminute ab.

[64] Sūryasiddhānta 8.2ff. Allerdings sind die Sternpositionen des Sūryasiddhānta nicht in rechtwinkliger ekliptikaler Länge gemessen, sondern in polarer Länge, d. h. entlang von Meridianen auf die Ekliptik projiziert. Hierbei ergäbe sich ein Ayanāṃśa, der vom Lahiri-Ayanāṃśa um etwa 51’ abweicht. Der Wert 0° wurde um 347 n. Chr. erreicht.

[65] Sūryasiddhānta 8.2ff. wird die Position von Revatī mit 29°50 Fische (polare Länge) angegeben, und laut 1.27 nehmen die Planetenzyklen ihren Anfang am Ende des Mondhauses Revatī. Eine Übereinstimmung dieses siderischen Tierkreises mit dem tropischen war im Jahre 556 n. Chr. gegeben. Die Abweichung vom Lahiri-Ayanāṃśa beträgt 3°45’.

Eine weitere Möglichkeit, den antiken Nullpunkt des Tierkreises zu bestimmen, liefert der Astronom Āryabhaṭa, der sagt, daß sein 23. Lebensjahr dem 3600. Jahr nach Beginn des Kaliyuga 3102 v. Chr. entspricht. Āryabhaṭa war also im Jahre 499 n. Chr. 23 Jahre alt. Und da er den Frühlingspunkt bei siderisch 0° Widder annimmt, können wir annehmen, daß dies im Jahr 499 n. Chr. der Fall war. Die mittlere siderische Länge der Sonne hätte in diesem Jahr bei Frühlingsbeginn also 0° betragen. Der resultierende Ayanāṃśa liegt nahe beim Revatī-Ayanāṃśa. Im Detail ergeben sich allerdings auch hier Probleme. Die mittlere Sonne war nämlich bei Frühlingsanfang im Jahre 499 n. Chr. nicht exakt beim Frühlingspunkt. Dies war erst im Jahre 517 n. Chr. der Fall. Vermutlich ist daher eher 517 als Nulljahr des Ayanāṃśas anzunehmen.

[66] Dikshit, History of Indian Astronomy, Part II, S. ?????. Einen ähnlichen Standpunkt hat das Calendar Reform Committee übernommen, als es den Lahiri-Ayanāṃśa empfahl: „This recommendation is to be regarded only as a measure of compromise, so that we avoid a violent break with the established custom.  But it does not make our present seasons in the various months as they were in the days of Varahamihira or Kalidasa. It is hoped that at not a distant date, further reforms for locating the lunar and solar festivals in the seasons in which they were originally observed will be adopted.“ (Calendar Reform Committee Report, S. 5)

[67] Kollerstrom, „The Star Zodiac of Antiquity“.

[68] Der Nullpunkt seiner Ephemeridenrechnung ist nach neuesten Forschungen wohl das Jahr 22 n. Chr. (nach Yavanajātaka 79.14, s. Bill Mak, „The Date and Nature of Sphujidhvaja’s Yavanajātaka Reconsidered in the Light of Some Newly Discovered Materials“, in: History of Science in South Asia, 1 (2013), S. 9-11). Allerdings beruht die Jahreszählung auf der Śaka-Ära 78 n. Chr. Es ist anzunehmen, daß der erste Ephemeridenzyklus zu 165-Jahren zur Zeit der Abfassung des Werkes noch nicht zu Ende war, daß es also vor dem Jahre 187 n. Chr. geschrieben wurde. Pingree hatte den Nullpunkt im Jahre 144 n. Chr. angenommen, jedoch aufgrund einer zweifelhaften Textkorrektur (Pingree, The Yavanajātaka of Sphujidhvaja, Bd. I, S. 3ff.; Bd. II, S. 415).

[69] Allerdings wird der Autor des Sūryasiddhānta namens Maya, schon im Yavanajātaka erwähnt (79.62, nach der neuen Edition von Bill Mak). Es scheint somit auch noch eine ältere Version des Sūryasiddhānta gegeben zu haben, dessen siderischer Nullpunkt dann ebenfalls um 5° oder noch mehr vom Nullpunkt des späteren Sūryasiddhānta abgewichen hätte.

[70] Gil Brand, „Zurück zu den Sternen – Ein Plädoyer für den siderischen Zodiak“, http://www.astrologie-zentrum.net/publikationen/text_5.htm. (18. 9. 2011); auch in: Meridian 1/2004.

[71] In der Neuen Zürcher Zeitung vom 27.2.2004, S. 59, ist unter dem Titel „Microsoft will mehr Sicherheit, weniger Spam“ zu lesen: „Anstatt mit Gleichgesinnten, die ähnliche Lösungsansätze entwickelt haben, gemeinsame Sache zu machen, hat Microsoft still und heimlich und in Konkurrenz zu ähnlichen Verfahren ... etwas eigenes entwickelt und auch gleich patentiert.“ Das ist Skorpion, nicht Waage.

[72] Ein äquales System, bei dem das 1. Haus das ganze Zeichen umfaßt, das am Aszendenten steht, und jedes weitere Haus wiederum ein ganzes Zeichen umfaßt. (Ganzhäusersystem)

[73] Bhat, Fundamentals of Astrology, S. 82: “He will be intelligent, virtuous, will command his relatives, be proud, troubled by fire and wind, talkative, of strong body, with a few children, will have connections with many women, be an astrologer, prompt, happy, of low income, learned, having secret sons, knower of many languages, always in company and receiving wealth from a king.”

[74] Bhat, ebenda, S. 89: “He will be poor, sharp, doing other’s work and be tired and constantly going on tiresome journeys.”

[75] Raman, Hindu-Astrologie, S. 76-82.

[76] Johnson, K., „A Vedic Perspective on Virgo and Pisces“, in: TMA 8/2004, S. 116; derselbe, „The Ascetic and the Sensualist: Vedic Aries and Libra“, in: TMA 6/2005, S. 121; derselbe, „The Mystic Warrior: A Vedic Perspective on Scorpio“, in: TMA 10/ 2006, S. 129.

[77] zitiert in: Varaha Mihira, Lehrbuch der altindischen Astrologie, Waakirchen (Urania), 1979, S. 130f.

[78] Vgl. hiermit die Beschreibungen im ältesten Werk der indischen Astrologie, in Sphujidhvajas Yavanajātakam, Kap. 12. Hier sind derartige Zeichenvermischungen noch nicht zu finden.

[79] So schreibt A. K. Kaul zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004: Even the Vedic astrologers could not say in one voice as to who the winner would be! In November 2004 issue (just on the eve of election!) Gayatri Devi Vasudev has predicted that Kerry would win whereas in Express Star Teller (of November 2004)  K N Rao has said that Bush will win---both have used Vedic astrology with the birth of time also being identical, and the dasha bhuktis and transits also being taken into account by both the stalwarts! Naturally, if these astrologers cannot differentiate between the horoscope of the most powerful man of the globe and an also ran----I do not see any reasons as to how they can be more successful in case of a common man like me, their Jaimini and Parashari notwithstanding!” Und zu den indischen Wahlen 2004, bei denen die Regierungspartei BJP abgewählt wurde: Regarding the fact whether astrological predictions are correct or incorrect, we have seen the fate of Bhratiya Janta Party, who had preponed their elections by several months because of astrological advice.” (http://groups.yahoo.com/group/Hindi-Forum/message/1618; 3. Nov. 2004)

Astro-Databank
Astro-Databank
Astro Wiki
AstroWiki
Aktuelle Planetenstände
10-Jul-2014, 23:48 Weltzeit
Sonne18Krebs38'11"
Mond27Schütze46'26"
Merkur28Zwillinge4'36"
Venus20Zwillinge51'52"
Mars22Waage36'44"
Jupiter28Krebs47'41"
Saturn16Skorpion43'21"r
Uranus16Widder27'30"
Neptun7Fische20'38"r
Pluto12Steinbock7'29"r
Mondkn.(w)24Waage31'29"r
Chiron17Fische34'11"r
Erklärungen der Symbole
Horoskop des Moments
Werbung
Loading