Prognose und Psychologische Dynamik

von Liz Greene

Ein psychologischer Ansatz für Transite und Progressionen

Dieser Artikel ist ein Ausschnitt eines Seminars, das am 8. Juni 1996 am Regents College, London im Rahmen des Seminarprogramms des Centre for Psychological Astrology stattfand.

Das Wesen von Vorhersagen

Wir haben es im Folgenden mit einem anspruchsvollen Thema zu tun: Wie interpretiert man Transite und Progressionen aus psychologischer Sicht? Ich möchte mit der Aussage beginnen, dass ich nicht im Geringsten den Wert und die lange Tradition der vorhersagenden Astrologie infrage stelle - allerdings dürfte Ihnen allen die innerliche Dimension unseres Themas klar sein. Beides schließt sich auch nicht aus. Psychologisch heißt nicht nur "innen". Zu viele von uns haben die Erfahrung von genauen, konkreten Vorhersagen gemacht, als dass man behaupten könnte, dass die Planeten in keinem Zusammenhang zur äußeren wie zur inneren Welt stehen oder dass in keiner Situation Prophezeiungen möglich wären.

Vor vielen Jahren hielt ich ein Seminar, welches dann umgeschrieben wurde zum Buch Jenseits von Saturn. Ich war dabei auf das Horoskop der Sowjetunion eingegangen und hatte eine Vorhersage über die Zukunft des Landes gemacht. Es war ein Schuss ins Blaue, weil ich zu dieser Zeit nicht viel über die Feinheiten der Mundanastrologie wusste. Meine ziemlich naive Vorhersage gründete auf der Tatsache, dass sieben Jahre später Pluto im Transit auf die Sonne der Sowjetunion kommen würde. Ich hatte beobachtet, dass es bei jedem wichtigen Plutotransit zur Skorpionsonne zu Änderungen in der Führung des Sowjetreiches gekommen war. In mundanen Begriffen ist das eine Selbstverständlichkeit - die Sonne steht dort, neben anderem, für die Regierung eines Landes.

Der Grund, warum ich den Zusammenbruch und nicht nur ein normales politisches Machtgerangel erwartete, lag darin, dass Pluto wesentlich stärkere Auswirkungen als die anderen äußeren Planeten hat. Er macht reinen Tisch und lässt nichts von der ursprünglichen Form oder Struktur übrig. Es gab noch weitere Transite - zum Beispiel die Konjunktion von Uranus, Neptun und Saturn im ersten Steinbockdekanat kurz vor der Venus der Sowjetunion im 4. Haus -, die nahe legten, dass der bevorstehende Zusammenbruch etwas von der Aufkündigung einer ehelichen Gemeinschaft hatte. Es handelte sich um eine Desintegretion von innen heraus, nicht von außen; all die Satellitenländer baten um die Scheidung. So las ich es zu der Zeit, und nichts wies 1982 auf die bevorstehenden Ereignisse hin. Ein neuer Führer war natürlich eine Möglichkeit, ein vollständiger Zusammenbruch aber undenkbar. In den folgenden sieben Jahren dachte ich nicht weiter darüber nach. Und dann kam alles wie vorhergesagt. Also: Ab und zu treffen Astrologen genaue Prognosen. Ich bin sicher, auch Sie haben diese Erfahrung gemacht.

Wie dem auch sei - sich nur auf die prognostische Seite der Astrologie zu konzentrieren ist wie ein Arzt, der sich nur mit einem körperlichen Symptom beschäftigt, ohne den Menschen in seiner Gesamtheit und die Beziehung zwischen Körper und Psyche in Betracht zu ziehen. Über die Jahre bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass vieles von dem, was uns in Begriffen von Transiten und Progressionen als schicksalhaft erscheint, in keiner Weise schicksalhaft ist. Es sind unsere unbewussten Komplexe, die hier am Werk sind. Als Individuen ebenso wie als Kollektiv tragen wir, ohne es zu wollen, zu Situationen bei oder erschaffen sie sogar, bei denen Themen aus unserem Inneren zum Ausdruck kommen. Wir haben dann womöglich versucht, diesen Themen zuvor aus dem Weg zu gehen oder sie sind einfach reif und kairos, der richtige Moment, ist jetzt gekommen.

Es wäre töricht anzunehmen, alle Situationen des Lebens wären von uns erschaffen, viele sind es nämlich nicht. Man kann nicht sagen, dass sechs Millionen Juden besondere Transite oder Progressionen hatten, die bedeuteten, dass sie in Konzentrationslager deportiert wurden. Das wäre abwegig. Töricht wäre auch, das bei derartigen Akten der Brutalität auf der Massenebene wirksame unbewusste Einverständnis zu ignorieren. Es gibt kollektive Strömungen und Ausbrüche, aber auch "natürliche" Katastrophen wie Erdbeben und Fluten, die die individuellen Entscheidungsmöglichkeiten, die Komplexe und den Willen überlagern. Vielleicht existieren auch noch tiefere spirituelle Faktoren, wozu ich aber nicht Stellung nehmen kann.

Viele Anhänger der Astrologie glauben an Karma. Es ist nicht so, dass ich ungläubig wäre. Ich habe aber das Gefühl, dass es komplizierter ist als die Ansicht, dass man im letzten Leben nett oder nervig war und deshalb in diesem Leben belohnt oder bestraft wird. Moral ist relativ und ungemein subjektiv. Ich bezweifle den Nutzen solch vereinfachender Herangehensweisen an den spirituellen Bereich. Es könnte allerdings ohne weiteres etwas geben, das sich durch die einzelnen Inkarnationen hindurchzieht und über sie hinausreicht - wobei aus den Entscheidungen jeder Lebenszeit ein "Stoff" resultieren könnte, der wie ein Magnet auf die Art von Erfahrungen wirkt, die wir anziehen. Dies könnte ein Faktor sein, der über die bewussten Aktivitäten des Lebens hinausgeht. Sie werden sich erinnern, dass wir im ersten Teil des Buches über diesen Gegenstand sprachen.

Es könnte Faktoren in unserem familiären Erbe geben, über die wir keine Kontrolle haben. Wie unfair das auch zu sein scheint, wir haben das Erbe übernommen und sehen uns mit den familiären Konflikten und Komplexen konfrontiert, die sich über viele Generationen hinweg gebildet haben und die häufig wie eine Art von Schicksal wirken. Wenn solche Konflikte über lange Zeit ungelöst waren, sind wir möglicherweise nicht flexibel genug, bestimmte Ereignisse herbeizuführen oder zu vermeiden. Wer wenig psychologisches Erbmaterial mit sich herumträgt, hat zweifellos mehr Entscheidungsfreiheit.

Neben dem individuellen Bewusstsein gibt es noch viele andere Faktoren, die darüber bestimmen, wie Transite und Progressionen zum Ausdruck kommen. Nichtsdestotrotz: Vieles von dem, was wir für vorhersagbar halten, könnte nicht vorherzusagen sein - wenn das individuelle Bewusstsein über die Ebenen, auf denen wir Realität erfahren, hinausgeht. Dann haben wir womöglich die Freiheit, künftige Geschehnisse zu ändern oder zu transformieren oder kreativer mit all dem umzugehen, was gemäß den Auswirkungen der unbewussten Komplexe unsere eigene Schöpfung ist. Und was die Dinge betrifft, über die wir keine Kontrolle haben: Diese werden wir schon schnell genug kennen und akzeptieren lernen. Es geht darum, das Unausweichliche auf eine spirituellere Weise hinzunehmen.

Es ist eines meiner Ziele zu zeigen, dass wir vielleicht mehr Freiheit haben als wir denken, und zwar auf Ebenen, denen wir uns anfangs möglicherweise nicht bewusst sind. Wenn wir lernen, die Bewegung der Planeten mit mehr Einsicht zu akzeptieren und weniger im Sinne einer einfachen Gleichung wie "Uranus läuft über …, und damit wird … passieren", verstehen wir vielleicht die Botschaft Pico della Mirandolas, der die menschlichen Wesen als Gottes Mitschöpfer bezeichnete.

An den einfachen Regeln zu kleben tut uns als Astrologen nicht gut. Dies kann im Gegenteil destruktiv sein, weil es so etwas wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen gibt. Weil unsere Wahrnehmungen unweigerlich von unseren individuellen Komplexen gestört sind, neigen wir dazu, Transite und Progressionen nicht gemäß dem, was sie bedeuten können, zu interpretieren, sondern gemäß dem, was sie nach Ansicht unserer Komplexe uns zufügen werden. Selbst der orthodoxeste "traditionelle" Astrologe ist nicht wirklich objektiv, wenn es um Vorhersagen geht. Wir wissen auch nicht genau, was ein Geschehnis überhaupt ist, weil so viel davon abhängt, wie und wann die Person Ereignisse registriert. Unsere Annahmen über die Zukunft sind genauso stark von unserer Psyche gefärbt wie unsere Annahmen über die Gegenwart.

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Die psychologische Herangehensweise an Transite und Progressionen ist anspruchsvoller als die enge Auslegung, weil sie das einbezieht, was durch die Konfigurationen im individuellen Geburtshoroskop angezeigt ist. Sie setzt voraus, dass wir lernen, mit den traditionellen Vorhersagetechniken auf verschiedenen Ebenen zu arbeiten. Sie bedeutet nicht, dass es nutzlos wäre zu ergründen, wie sich der Lauf eines Planeten auf der materiellen Ebene äußern könnte. Es wäre töricht, diese Dimension des Lebens zu ignorieren, genauso wie es töricht wäre, die Psyche zu ignorieren. Wenn wir die progressive Sonne im Quadrat zu Neptun im 2. Haus haben und auf Neptun gerade der Transitsaturn steht, sollten wir uns davor hüten, mit jemand ein Geschäft zu eröffnen, dessen Hintergrund und finanzielle Vertrauenswürdigkeit wir nicht einschätzen können. Die konkrete Anwendung der astrologischen Prinzipien kann von großem Wert sein. Bei der traditionellen engen Auslegung ohne psychologisches Verständnis ist meiner Ansicht nach zu befürchten, dass wir unser eigenes Schicksal besiegeln: Wir manifestieren unsere Vorhersagen und erzeugen auf diese Art beträchtliches Leid, was doch in keiner Weise Not tut.

Die verschiedenen Ebenen des Ausdrucks

Ich möchte jetzt die verschiedenen Ebenen, auf denen sich Transite und Progressionen manifestieren können, näher untersuchen. Viele von Ihnen werden hierzu schon auf anderen Seminaren von mir etwas gehört haben. Ich gehe das Risiko, Sie zu langweilen, aber deshalb ein, weil es meiner Ansicht nach wesentlich für das Verständnis der planetarischen Kontakte ist.

1. Sinnhaftigkeit oder Teleologie

Es gibt drei Hauptebenen, auf denen sich Transite und Progressionen abspielen. Manche von Ihnen meinen vielleicht, noch mehr. Ich finde aber, dass diese Einteilung einen guten Überblick bietet. Die erste Ebene ist für den spirituell orientierten Astrologen die wichtigste: die tiefere Bedeutung eines bestimmten Transits oder eines progressiven Aspektes. Ich beziehe das auf die Teleologie - die Zielgerichtetheit bezüglich der Evolution der Persönlichkeit, der Seele oder beidem. Diejenigen von uns, die religiös oder spirituell orientiert sind, setzen voraus, dass der Kosmos eine Art von Zweck beinhaltet und dass in den Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, ein Sinn liegt. Den Geschehnissen wohnt dieser Auffassung nach ein verborgener Plan inne, ein lehrendes Moment, und wenn wir uns gemäß dem, was uns zustößt, weiterentwickeln, werden wir dem umfassenderen spirituellen und evolutionären Plan gerecht.

Man kann darüber diskutieren, ob ein solcher kosmischer Plan existiert oder nicht. Wenn wir persönlich uns dieses tieferen Musters auch sicher sein mögen - was mit anderen Worten heißen würde, dass Gott (oder auch die Götter) existiert -, beweisen können wir es doch nicht. Wir können aber auf ein von Zufällen und isolierten Geschehnissen geprägtes Universum eine höchst persönliche Wahrnehmung von Bedeutung projizieren. Viele Menschen erleben das Leben in der Tat als sinnhaft und bedeutungsvoll; und diese Überzeugung, ob sie denn nun eine Projektion ist oder nicht, kann sehr hilfreich wirken. Von ihr geht eine psychologische und spirituelle Kreativität aus, auch wenn sie im wissenschaftlichen Sinn nicht "wahr" ist.

Wenn wir Transite und Progressionen von dieser Warte aus betrachten, fragen wir uns: Was soll ich von Saturn lernen, der jetzt auf meiner Sonne steht? Was bedeutet dieses progressive Venusquadrat zu meinem Radixpluto? Was kann ich entdecken, wenn Uranus im Transit in Opposition zu meinem Mond steht? Was ist das positive Potenzial des progressiven Mars im Sextil zu Chiron? Dieser Ansatz stellt eine extrem wichtige Dimension eines jeden Transits und einer jeden Progression dar. Wenngleich ich für ihn die Bezeichnung spirituell gebraucht habe, ist er doch auch psychologisch wie die Erforschung der elterlichen Komplexe, weil wir die Bewegung der Planeten in Begriffen der psychischen Evolution betrachten. Man könnte dies als transpersonale oder archetypische Psychologie bezeichnen, weniger als Psychologie im engen Sinn; aber um Psychologie geht es allemal. Ohne diese Perspektive sehen wir die Astrologie und uns selbst mechanistisch.

Manche Astrologen sind nahezu vollständig auf diese Ebene fixiert und bewerten andere Ebenen als negativ oder materialistisch. Sie schauen auf den Transit Plutos über den Radixchiron oder das progressive Venusquadrat zu Saturn und beschränken sich hauptsächlich darauf, welche Evolutionsthemen jetzt im Angebot sind. Nehmen wir einmal an, der Transitsaturn läuft auf die Opposition zur Sonne im 5. Haus zu. Wenn wir diesen Transit vom teleologischen Standpunkt aus beleuchten, können wir über das dann im Brennpunkt stehende Gefühl sprechen, wer man als Individuum eigentlich ist. Aus diesem Transit resultiert vielleicht ein stärkeres Gefühl der eigenen Identität, ein deutlicheres Gefühl eines Zwecks und die Erkenntnis der eigenen kreativen Talente. Die Herausforderungen der materiellen Welt mögen die eine oder andere Verletzung bringen, in der Konsequenz aber können sie zu einer tieferen Bindung an eine persönliche Berufung führen. Jeglicher Vorfall, wie schwierig er auch sein mag, hat dann die "Bedeutung" einer gesteigerten Bewusstheit.

Der teleologische Ansatz für sich allein ist häufig ausreichend, wenn es sich um angenehme Transite und Progressionen handelt, wie zum Beispiel den Transitjupiter im Trigon zum Mond oder die progressive Sonne im Sextil zu Uranus. Wenn wir harmonische Planetenkonstellationen untersuchen, neigen wir dazu, Positives und einen kosmischen Sinn in ihnen zu sehen. Diese Interpretationen passen dann auch dazu, wie wir uns zu dieser Zeit fühlen. Die Bedeutung und die emotionalen Reaktionen zur Zeit des Transits oder der Progression stimmen miteinander überein. Aber auch weniger angenehme planetarische Kontakte kann man in Begriffen von Potenzial interpretieren. In Zeiten von Unruhe, Anspannung und Schmerz ist dieser Ansatz mitunter sehr heilsam.

Wenn ein wahrer planetarischer Alptraum aufzieht, müssen wir uns die Frage stellen, welches Wachstumspotenzial sich hinter all der Spannung verbergen könnte. Es ist sehr wichtig, dass wir das vor Augen haben und in der Lage sind, es weiterzugeben. Wie tiefgreifend und positiv die zugrunde liegende Bedeutung auch sein mag, wir müssen uns im Klaren sein: Der Mensch, der diese Transite und Progressionen gerade erlebt, ist vielleicht nicht im Stande, seine evolutionären Chancen zu erkennen. Für viele Menschen und besonders solche, die gewohnt sind, die Welt rein materialistisch oder konkret zu sehen, erschließt sich die tiefere Bedeutung und das Potenzial eines schwierigen Transits oder einer problematischen Progression oft erst lange im Nachhinein. Während der betreffenden Zeit selbst sind sie sich möglicherweise nur ihres Konfliktes und Schmerzes bewusst und nicht in der Lage zuzuhören.

2. Das emotionale Moment

Transite und Progressionen haben des Weiteren eine emotionale Ausdrucksebene. Auch diese ist psychologisch, allerdings hat sie mehr zu tun mit den individuellen Reaktionen, sowohl in gefühlsmäßiger Hinsicht als auch bezüglich der unbewussten Komplexe, die dann aktiviert sind. Meist spielen dabei Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen eine Rolle. Unsere emotionalen Reaktionen zur Zeit eines Transits oder einer Progression sind sehr vielschichtig, und viel hängt davon ab, wie gut sich der Mensch selbst kennt, wie stark sein Ego ist, wie er die damit zusammenhängenden Gefühle zum Ausdruck bringen kann und was er über die elterlichen Komplexe weiß.

Die Erfahrungen der Vergangenheit sind unweigerlich berührt, wenn sich ein wichtiger Transit oder eine bedeutsame Progression einstellt, umso mehr, wenn es in der Vergangenheit schon eine ähnliche planetarische Berührung gegeben hat. Wir müssen in Betracht ziehen, welche Arten von Erinnerungen und Assoziationen mit ähnlichen planetarischen Kontakten in der Vergangenheit verbunden sind. Dabei können die Erfahrungen, wie positiv und konstruktiv sie im Nachhinein auch zu bewerten sind, mit einem Prozess einhergehen, der mit Leid und Schmerz zusammenhängt. All diese Faktoren haben ihren Ursprung auf der emotionalen Ebene, weshalb die emotionale Reaktion auf einen Transit etwas ganz anderes ist als sein teleologisches Moment.

Es mag manchmal den Anschein haben, dass absolut kein Zusammenhang besteht zwischen der Bedeutung eines Transits oder einer Progression und der Art und Weise, wie man sich zu dieser Zeit fühlt und verhält. Das kann sehr verwirrend für den Astrologen sein - vom Klienten einmal ganz zu schweigen. Ich habe wundervolle Transite von Jupiter beobachtet, die in keiner Weise als wunderbar erlebt wurden. Wir neigen dazu, uns zurückzulehnen und hoffnungsvoll auf Jupiter zu warten: "Oh, herrlich, etwas Tolles wird passieren, wenn Jupiter meine Sonne erreicht!" Von der teleologischen Warte aus passiert vielleicht tatsächlich etwas Wunderbares; was sich im wirklichen Leben aber abspielt, ist emotional womöglich ein wahrer Albtraum.

Für einen sehr erdbetonten Mann mit vielen Planeten im Stier, einem starken Saturn und dem ausgeprägten Bedürfnis nach Struktur und Stabilität, der 23 Jahre lang glücklich verheiratet ist, drei Kinder, zwei Autos, einen sicheren Arbeitsplatz und eine Hypothek auf dem schönen Haus hat, könnte die progressive Venus auf dem Radixjupiter im 5. Haus alles andere als emotional und materiell wunderbar sein. Wir Astrologen wissen, dass die Öffnung des Herzens, die von einer solchen Konstellation angezeigt wird, in der Konsequenz genau das ist, was dieser Mensch braucht. Was aber soll er seiner Frau sagen? Und kann er sich die Kosten für die Scheidung überhaupt leisten?

Viel hängt davon ab, wie man sein Leben lebt und ob man in Kontakt mit all den verschiedenen Faktoren im Horoskop ist. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand sich wirklich in Kontakt mit allem in sich selbst befindet, sodass es letztlich auf den Grad der Unbewusstheit ankommt. Wenn jemand um der Sicherheit oder sozialen Stellung willen früh geheiratet und das Potenzial seines Jupiters im 5. Haus erbarmungslos unterdrückt hat, könnte ein derartiger progressiver Aspekt viel Leid und Konflikte freisetzen. Diese Person wird dann möglicherweise dem Ehepartner untreu und muss sich mit den Konsequenzen auseinander setzen. Manchmal ist es die Ehefrau, die den rebellischen Jupiter auslebt. Vielleicht haben Sie auch schon diese Art von Stellvertretertum im Horoskop eines Klienten oder in Ihrem eigenen gesehen. Wenn der Uranus im Transit über die Radixvenus läuft, sitzt man da und wartet auf den Märchenprinzen - und der Partner macht sich davon. Warum zögern wir uns einzugestehen, dass die machtvolle unbewusste Psyche die Art und Weise prägt, wie ein Transit oder eine Progression sich auswirkt?

Manchmal kommt es unter einem glückverheißenden Transit zu einer ausgeprägten Depression. Mir ist das bei den so genannten Wohltätern häufig aufgefallen. Jupiter läuft über die Radixsonne, oder die progressive Sonne steht auf der Venus - und der Astrologe meint, dass eine Zeit von Erfüllung und Glück gekommen ist. Stattdessen aber fällt der oder die Betreffende in ein großes schwarzes Loch. Durch eine glückliche Erfahrung werden womöglich Konflikte aktiviert, die tiefverwurzelte Schuldgefühle gegenüber den Eltern anzeigen. Es könnte auch so sein, dass Jupiter uns das ungelebte Potenzial aufzeigt, was Gefühle des Scheiterns und des Misserfolgs hervorruft. Wenn wir festgefahren in einer starren Struktur sind und alle Brücken für zukünftige Entwicklungen abgebrochen haben, sehen wir uns vielleicht mit der Frage konfrontiert: Warum lebe ich eigentlich? Jupiter kann auch mit einer tiefen Depression einhergehen, weil vielleicht in einem blendenden Moment von schmerzhafter Wahrheit die Kluft zwischen unserem Potenzial und unserer augenblicklichen Situation deutlich wird. Wir schämen uns möglicherweise, unser Leben verschwendet zu haben.

So kann sich die emotionale Reaktion auf einen Transit oder eine Progression gänzlich von seiner eigentlichen Bedeutung unterscheiden. Wir müssen mit dem Klienten auch dann kommunizieren können, wenn er sich in einem Zustand emotionaler Qual befindet, der wenig mit dem zu tun hat, was unserer Meinung nach teleologisch der tiefere Sinn des planetarischen Kontaktes ist. Wir können so besessen davon sein, die Bedeutung eines Transits oder einer Progression darzulegen, dass uns entgeht, dass die betreffende Person ganz anders denkt. Sie könnte vor dem, was gerade geschieht, erschrecken, auch dann, wenn es auf der teleologischen Ebene zur Transformation führt. Wir wissen vielleicht, dass das Endergebnis positiv sein wird, der Klient weiß das nicht. Und wenn wir nicht eine Verbindung zur aktuellen emotionalen Situation des Klienten herstellen und keinen psychologischen Ansatz finden, durch den er mit der tieferen Bedeutung umzugehen lernt, hören sich all unsere erleuchteten Interpretationen an wie Geschwafel.

Eine Ebene ohne die andere ist unvollständig. Es ist außerordentlich wichtig zu verstehen, wie sich Menschen unter schwierigen Transiten fühlen. Viele Transite sind sehr schmerzhaft - es ist dumm und kurzsichtig, das zu ignorieren oder eine Person anzuhalten, optimistisch zu sein. Wenn uns jemand mit der progressiven Venus im Quadrat zum Radixchiron gegenübersitzt und sagt: "Ich bin unglücklich", können wir schlecht antworten: "Blödsinn, du solltest dich gut und positiv fühlen, weil dies eine Zeit der Heilung ist". Wir können natürlich über Heilung sprechen, wir müssen uns aber der Gefühle von Isolation, Minderwertigkeit und ungerechter Behandlung, die man zu dieser Zeit wahrscheinlich erlebt, bewusst sein. Dann können wir intelligente Bemerkungen darüber einfließen lassen, warum er oder sie sich so fühlt. Vielleicht müssen wir auch über die Vergangenheit reden, speziell über die Zeiten, als Chiron durch wichtige Transite oder Progressionen aktiviert war. Es ist generell so, dass die Emotionen, die tiefe innerliche Veränderungen begleiten, häufig außerordentlich unangenehm sind.

Ich werde recht viel Zeit darauf verwenden, auf diese emotionale Ebene der Transite und Progressionen einzugehen. In gewisser Weise ist sie hinsichtlich der Manifestation die komplexeste, weil sie mit dem Mysterium des individuellen Bewusstseins zusammenhängt. Die emotionale Realität ist der Leim, der die Ebene der Bedeutung mit der des Ausdrucks verbindet, und sie ist der Bereich, in dem wir uns mehr oder weniger frei entscheiden können. Wenn es so weit gekommen ist, dass sich ein psychisches Problem verfestigt hat und nun konkret zum Ausdruck kommt, können wir allerdings nur noch für die Zukunft planen. Wir können nicht das, was in die Realität der Gegenwart eingewebt ist, ungeschehen machen. Das ist die Ebene, auf der C. G. Jung und James Hillman von der Seele sprechen. Sie stellt den Vermittler zwischen Geist und Materie dar.

Wer gerade den Transit von Saturn zur Radixsonne erlebt, könnte sich sehr deprimiert und unsicher fühlen, obwohl er doch von der teleologischen Warte aus eine glänzende Gelegenheit für ein größeres Bewusstsein seiner persönlichen Identität hat. Er könnte das Gefühl haben, gescheitert zu sein und seine bisherigen Errungenschaften wertlos finden. Themen in Verbindung mit den Eltern könnten an der Tagesordnung sein, besonders solche, die mit dem Vater- oder Mutterkomplex zusammenhängen. Die Herausforderungen dieses Transits werden möglicherweise nicht als Herausforderungen, sondern als Niederlagen gesehen. Es kann sein, dass man sich mit grundsätzlichen Fragen zur persönlichen Basis befassen und viele Einstellungen und Annahmen überprüfen muss, bevor sich eine konstruktivere Sicht der Welt ergibt. Die Beziehung zum Männlichen - sowohl in sich selbst als auch zu den Männern in der Außenwelt - könnte vollkommen neu definiert werden müssen. Vieles unter Saturns Transitopposition zur Sonne findet man nicht besonders angenehm; und wenn man sich schlecht fühlt, möchte man, dass der Astrologe sich dessen bewusst ist und dabei hilft, den Grund zu verstehen. Spirituell orientierte Astrologen brauchen vielleicht etwas psychotherapeutische Erfahrung, um auf dieser Ebene zu arbeiten.

3. Materialisation

Die dritte Ebene von Transiten und Progressionen ist die der Materialisation. Es ist dies die Sphäre, von der früher viele, wenn nicht alle astrologischen Ansätze ausgingen. Bei dieser Ebene handelt es sich in erster Linie darum, was in der materiellen Welt unter einem bestimmten Transit oder einer Progression geschehen wird. Vielleicht scheint dieser Ansatz einfach, er ist aber außerordentlich komplex. Es gibt viele Themen, innerer wie äußerer Art, die dabei hineinspielen, ob und wie sich ein planetarischer Kontakt konkret materialisiert. Einen wichtigen Faktor dabei stellen die individuellen Komplexe dar, die dann zur Materialisation neigen, wenn sie sehr stark besetzt und vom Egobewusstsein abgespalten sind. Wenn es denn so etwas wie Karma gibt, könnte es wie das familiäre Erbe auch eine Rolle spielen, genetisch wie psychisch. Und wir dürfen nicht den Einfluss der Umgebung verkennen, besonders der herrschenden sozialen Normen und Weltanschauungen, weil das Individuum zu einem mehr oder weniger großen Ausmaß durch das Kollektiv bestimmt wird.

Jeder Mensch könnte in der Tat sein eigenes Schicksal haben - etwas, das die Seele oder das Selbst in einer bestimmten Existenz erreichen möchte. In der griechischen Philosophie ging man von zwei Arten von schicksalhaften Mächten aus, den Erinnyen und den Daimones. Erstere sind in etwa mit dem Erbe der Ahnen gleichzusetzen, letztere mit dem Ziel und Zweck der Seele. Vielleicht gibt es selbst so etwas wie ein kollektives Schicksal, womöglich weisen auch Nationen und Völker in der menschlichen Evolution ein bestimmtes Schicksal und Erbe auf. Als Individuen haben wir an Bewegungen teil, die größer sind als wir selbst, aufgrund der Tatsache, dass wir Teil einer größeren Menschheit sind, die ihrerseits auf die planetarischen Zyklen eingestellt ist. Insofern sind wir in das Auf und Ab dieser umfassenderen Menschheit eingebettet und müssen uns mit dem psychologischen Ballast auseinander setzen, den wir in ethnischer, religiöser, sozialer und nationaler Hinsicht geerbt haben.

Es sind dies philosophische Fragen, zu denen Sie alle Ihre persönliche Ansicht und Überzeugung haben. Ich erwähne sie nur deshalb, weil sie bei der Materialisation von Transiten und Progressionen eine Rolle spielen. Von all den Bereichen, die ich berührt habe, ist der der unbewussten Komplexe der Einzige, auf dem wir als Individuum deutlich in Erscheinung treten. Unsere Fähigkeit, diese zu erkennen, aufzunehmen, zu verarbeiten und zu transformieren, können im Endergebnis das Kollektiv, von dem wir ein Teil sind, beeinflussen, vielleicht sogar unser Karma. Hinter der Vorhersage eines jeden Geschehnisses steht ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen. Im Endeffekt sind wir auf uns gestellt, wenn wir erkennen wollen, was geschehen wird - welche Art von Geschehnis uns wahrscheinlich ereilen wird und aus welchem Grund.

Es gibt einen weiteren wichtigen Punkt bei der Materialisation von Transiten und Progressionen und der Vorhersage von Vorfällen. Bei der Erörterung des Augenblicks, der unserer Meinung nach ein Ereignis bringen wird, haben wir es mit der bedeutungsschwangeren Frage zu tun, was ein Geschehnis konstituiert. Ein außerordentlich mysteriöses Gebiet! Ich will Ihnen ein Beispiel dafür geben, wie kompliziert es sein kann.

Kürzlich hatte ich eine Sitzung mit einer Klientin, die ich zuvor nur einmal gesehen hatte, was bereits einige Jahre zurücklag. Dazwischen hatte ich nichts von ihr gehört. Ich stellte fest, dass der Transitpluto sich in ihrem Horoskop Chiron auf 5° Schütze im 4. Haus näherte. Das konnte man mit dem Tod ihres Vaters in Verbindung bringen. Meine Klientin teilte mir mit, dass sein Tod ihr nichts bedeutet hatte. Er war augenscheinlich ein Nicht-Ereignis gewesen. Sie war der Ansicht, kaum etwas für ihren Vater empfunden zu haben; sein Tod berührte sie nicht besonders, auch weil er niemals für sie da gewesen war und sie nichts mit ihm hatte anfangen können. So schilderte sie es. Wir hatten die Beziehung zu ihrem Vater während unserer ersten Sitzung angesprochen, und ihre Wahrnehmung hatte sich bei dem neuen Treffen nicht geändert. Ich neige nicht zu der Auffassung, die Stellung von Chiron als einen Bereich zu sehen, in dem der Mensch nichts empfindet. Meine Klientin aber beharrte darauf, dass dem so wäre, womit unsere Diskussion über den Vater endete.

Der Grund ihres zweiten Besuches war, dass sie sich große Sorgen über ihren erkrankten Schwager machte. Bei ihm waren kleine bösartige Wucherungen festgestellt worden. Sie waren zwar in einer Operation von den Ärzten entfernt worden, es wuchsen aber neue nach, und meine Klientin fürchtete, dass der Schwager sterben würde. Was sie nicht verstehen konnte, war Folgendes: Obwohl sie dem Schwager nicht besonders nahe stand, erfüllt sie die Idee, dass er sterben könnte, mit Panik. Die Vorstellung des Todes bei niemand anderem einschließlich ihres Ehemanns (sie hatte nach unserem ersten Treffen geheiratet) rief solche drastischen Gefühle hervor.

Aus irgendeinem Grund war die Rolle, die der Schwager in ihrem Leben spielte, sehr viel größer als gedacht. Sie sah ihn nur selten. Ihre Beziehung war freundschaftlich; der Schwester, die ihn geheiratet hatte, stand meine Klientin nicht besonders nahe. Sie hatte auch niemals erotische Fantasien für ihn gehabt. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, warum sie so große Angst hatte, dass dieser Mann aus ihrem Leben verschwinden könnte. Sie nannte ihren Zustand eine "irrationale Besessenheit", was tatsächlich zutraf. Wir sollten vielleicht noch erwähnen, dass neben dem Transit von Pluto über Chiron auch noch Neptun über ihre Radixsonne hin und her lief.

Allmählich wurde deutlich, dass das eigentliche Ereignis, welches ihrer Angst unterlag, der Tod des Vaters war. Das mag sich eigenartig anhören, weil sie ihn bereits verloren hatte - auf der innerlichen Ebene aber war er für sie noch nicht gestorben. Es hatte keinen Kummer gegeben, keine emotionale Abspaltung und kein Gefühl des Verlustes, als sein Tod stattfand. Und doch überzeugte mich Chiron im 4. Haus in Verbindung mit einem Sonne-Jupiter-Trigon davon, dass höchst ambivalente Gefühle zum Vater gegeben waren, extrem positive wie schmerzhafte zugleich, die vollkommen unterdrückt worden waren. Diese Dame neigte dazu, so gut wie alle Gefühle zu unterdrücken. Sie war äußerst intelligent, ließ aber eine kuriose Leere erkennen - als ob niemand zu Hause wäre.

Der wirkliche Tod schien, vier oder fünf Jahre nach dem tatsächlichen Ableben des Vaters, mit der Annäherung von Pluto an den Radixchiron zusammenzufallen. Der Schwager der Klientin hat für sie die Rolle des Vaters übernommen. Sein Saturn auf 22° Krebs steht genau gegenüber ihrer Sonne auf 22° Steinbock. Dem Augenschein nach fühlte er sich verantwortlich für sie, wenngleich er sie nur selten sah. Sie wiederum reagierte auf seine saturnischen Eigenschaften, wie es eine Tochter tun könnte. Sie hatte das Gefühl, dass er im Hintergrund für sie da war und sie sich auf ihn verlassen konnte. Sie fühlte sich sicher mit ihm und wusste, dass sie immer zu ihm gehen konnte, wenn sie ein finanzielles oder emotionales Problem hätte. Sie hat niemals von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, aber er wäre eben da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hätte. Sie hatte ihm unbewusst wie ein Kind Gefühle zugeschrieben, die mit ihrem wahren Vater zusammenhingen. Mit diesem verband sie eine schmerzhafte und komplizierte Beziehung, was sie sich nicht eingestanden hatte.

Wenn wir nun vorhersagen sollten, was mit diesem Plutotransit über Chiron im 4. Haus einhergehen wird, könnten wir äußern: "Sie zieht um oder wandert aus. Vielleicht lässt sie sich auch scheiden." Mit etwas mehr Mut würden wir womöglich sagen: "Es handelt sich um den Tod eines Elternteils, der sehr schmerzhafte und Verwirrung stiftende Gefühle aufsteigen lassen wird." Der Tod des Vaters passt ohne Frage zu diesem Zeitraum, umso mehr, weil auch Neptun im Transit über die Radixsonne läuft. Wie kann aber der Vater sterben, wenn er bereits tot ist?

Für meine Klientin findet der Tod des Vaters jetzt statt. Das ist ihre Realität - auch wenn es nicht meine oder die von Ihnen ist. Dieser Tod mit den ihn begleitenden schmerzhaften Gefühlen hängt nicht zusammen mit einem Vater in Fleisch und Blut, der in einen Sarg gelegt wird. Zum ersten Mal sieht sich meine Klientin Angst, Panik und Kummer gegenüber, die sie ignoriert hatte, als ihr Vater von der Bühne abgetreten war. Sie hat diese Gefühle auf einen Mann gerichtet, der nicht wirklich die Person ist, für die sie diese Gefühle empfand. Ihr Schwager ist ein Ersatz, ein Anknüpfungspunkt für ihren unbewussten Vaterkomplex. Ob der Schwager sterben wird, ist vom Transit nicht angezeigt. In gewisser Weise ist das auch nicht wichtig. Es ist die Möglichkeit seines Todes, die eine so machtvolle Reaktion hervorgerufen hat. Wir können sagen, dass sein möglicher Tod zusammenfällt mit dem Reifwerden eines Vaterkomplexes, der nun bereit ist, ins Bewusstsein zu treten.

Diese Art von Verlagerung von Geschehnissen zwischen innerer und äußerer Ebene hat einen Einfluss auf unsere Auffassung von Realität. Ein Geschehnis, das vermeintlich in Verbindung mit einem bestimmten Transit oder einer Progression zu sehen ist, könnte etwas anderes sein, als wir denken. Die Zeit, wenn sich konkrete Vorfälle ereignen, muss nicht der Zeit entsprechen, in der das Innere sie erlebt. Die emotionale Reaktion auf und die Anteilnahme an den Vorkommnissen des Lebens sind das, was die Vorfälle real werden lässt. Wir erinnern uns dessen, was einen Einfluss auf uns hat, und der Einfluss muss nicht der Zeit des äußerlichen Geschehens entsprechen. Die kurze Fallstudie, die ich ihnen dargelegt habe, ist nicht ungewöhnlich. Die Zeit, in der sich Ereignisse manifestieren, entspricht nicht immer dem physischen Geschehnis. Das ist der Grund, warum sich materielle Vorkommnisse ergeben können, ohne dass ein relevanter Transit oder Progressionsaspekt gegeben ist, auch wenn wir meinen, dass irgendetwas Wichtiges am Horoskop abzulesen sein muss.

Als weiteres Beispiel wollen wir das Ende einer Beziehung betrachten. Wann kommt es dazu? Wenn die Partner physisch ihrer Wege gehen? Ganz offensichtlich ist das häufig nicht der entscheidende Zeitpunkt, selbst dann nicht, wenn die Verbindung durch den Tod gelöst wird. Für viele Menschen besteht die Beziehung über die physische Trennung hinaus. Auch lange Zeit danach kann ein Partner noch Wut oder Kummer empfinden und unfähig sein, den Verlust zu überwinden, selbst wenn die Scheidung schon viele Jahre zurückliegt. Ähnlich ist es, wenn ein Kind stirbt und der Vater oder die Mutter nicht darüber hinwegkommt: Vielleicht wird dann das Kinderzimmer wie ein Museumsraum im ursprünglichen Zustand belassen, als ob die Rückkehr des Kindes jeden Augenblick bevorstehen könnte. Das kann auch auf Ehepaare zutreffen, die sich scheiden lassen: Das Bild des ehemaligen Partners behält seinen Ehrenplatz, und der neue Freund oder die neue Freundin darf sich nicht in seinen Sessel setzen.

Häufig sind sich Menschen dieser Gefühle überhaupt nicht bewusst und - manchmal Jahre später - schockiert über die eigene heftige Reaktion, wenn der Ex-Mann oder die Ex-Frau erneut heiratet. Alles bricht dann zusammen, als ob der untreue Partner in einer verborgenen Kammer der Seele über Jahre hinweg auf Eis gelegen hätte. Auch wenn die Trennung auf der konkreten Ebene bereits Jahre zurückliegt: Bei der neuen Bindung fühlt der verlassene Partner mit einem Mal Kummer und Schmerz aufsteigen, als ob man gerade erst auseinander gegangen wäre. Und in der Tat ist es in diesem Augenblick geschehen. Was mag wohl passieren, wenn die progressive Venus auf Pluto kommt, der Saturn im Transit auf die Venus oder Uranus im Transit gegenüber vom Mond im 7. Haus steht?

Wenn Beziehungen enden, enden sie vielleicht nur für einen der beiden Partner. Andere Verbindungen wiederum sind schon längst beendet, bevor es zu einer Trennung kommt. Und andere Paare bleiben möglicherweise zusammen, wenngleich das Leben aus der Beziehung schon seit zwei oder zehn oder gar 30 Jahre geschwunden ist. Das kann ebenfalls durch wichtige Transite oder Progressionen angezeigt sein, auch hier gilt, dass es kein physisches Ereignis geben muss. Transite und Progressionen können das Ende von etwas beschreiben, es ist aber denkbar, dass kein Ende wahrzunehmen ist, dass es kein konkretes Geschehnis gibt. Ein Transit- oder Progressionsaspekt kann auch ein Ende markieren, das alle anderen schon längst wahrgenommen haben: "Da ist doch gar nichts mehr." Anfang und Ende sind höchst individuell. Jeder Mensch hat seine spezielle Zeit, um Ereignisse hervorzubringen. Manche Ereignisse bedeuten einer Person nichts und einer anderen sehr viel. Der Tod selbst bedeutet jedem etwas ganz anderes. Der eine zittert davor und leugnet ihn bis zuletzt, der andere schließt lange vor der Zeit Frieden mit ihm und betrachtet ihn als rituellen Übergang.

Die Wahrnehmung eines Ereignisses - die zeitliche Auslösung, die Bedeutung und unsere Interpretation - wird beschrieben durch die Transite oder Progressionen, die zu der fraglichen Zeit stattfinden. Insofern sind die realen Geschehnisse, die von den Konstellationen angezeigt werden, diejenigen, die sich in der Psyche ereignen. Ein äußerlicher Vorfall an sich muss dem Menschen noch nichts bedeuten. Erlebt man gerade einen machtvollen Transit oder eine starke Progression, kann ein Geschehnis dagegen von außerordentlicher Wichtigkeit sein und das Leben vollständig umkrempeln; der gleiche Vorfall zu einer Zeit ohne markante Aspektbegleitung wird vollkommen anders und in keiner Weise als wichtig empfunden. Der Vorfall an sich ist nicht so entscheidend wie die objektive Einheit der beiden Ebenen. Das, was wir im Inneren erleben, verleiht dem Vorfall seine Bedeutung, gemäß dem begleitenden Transit- oder Progressionsaspekt.

Ich weiß, dass dies ein schwieriges Thema ist, weil wir Realität für gewöhnlich so deuten, dass die Geschehnisse "da draußen" objektiv sind. Die physische Manifestation mag objektiv sein (wenngleich auch das zu hinterfragen wäre); die Art und Weise, wie wir wahrnehmen, ist es nicht. Es ist sehr beunruhigend zu erforschen, wie unsere Wahrnehmungen das färben, was "da draußen" ist. Und unsere Wahrnehmungen sind das, was das Horoskop beschreibt, einschließlich den Transiten und Progressionen über Radixplaneten. Wenn Saturn im Transit auf unserem Mond steht, neigen wir zu Wahrnehmungen und Reaktionen, die aller Wahrscheinlichkeit nach realistischer - und negativer - sind als beim Transit von Neptun. Wenn Uranus auf unserem Merkur steht, sehen wir eine andere Wahrheit als wenn Chiron im Transit über Merkur läuft. Befindet sich der Transitjupiter auf der Venus, nehmen wir Menschen anders wahr als mit dem Transitpluto auf der Venus. Haben sich die Menschen verändert oder wir? Und falls es die Leute sind: Haben unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen einen Einfluss darauf, welche Menschen wir anziehen und welche Einstellung sie uns vermitteln?

Kommt es im Transit unter dem Uranustrigon zur Venus zu einer Trennung, löst das vollkommen andere Gefühle aus als unter der Transitopposition von Pluto zur Venus. In den Augen anderer mögen sich beide Ereignisse gleich ausnehmen. Peter Meier verlässt seine Frau und brennt mit der 18-jährigen Sekretärin durch. Hat nun Peters Frau zur gleichen Zeit Uranus im Trigon zur Venus, wird sie sich wahrscheinlich erlöst und befreit fühlen. Bei Pluto in Opposition zur Venus ist das Bitterste an der ganzen Sache das Gefühl, betrogen worden zu sein. Wenn sich die progressive Venus in Opposition zu Neptun befindet, dürfte man sich als Opfer fühlen. Bei einem Transitquadrat von Saturn zur Venus könnte das materielle Überleben im Vordergrund stehen sowie ein nagendes Minderwertigkeitsgefühl angesichts einer beschämenden Zurückweisung.

Wir dürfen niemals die Wichtigkeit der subjektiven Dimension bei den Geschehnissen unterschätzen. Welche Gefühle ein Vorfall auslöst, wie er aufgefasst und wahrgenommen und wann er wirklich als Realität registriert wird, hängt ganz von der herrschenden astrologischen "Wetterlage" und vom Geburtshoroskop ab, weil das betreffende Individuum das Geschehnis auf individuelle Weise erlebt. Das macht die Frage, wie ein Geschehnis zu definieren ist, noch komplizierter. Die Spannbreite hierfür ist enorm, gleiches gilt für die zeitliche Auslösung. Und jeglicher planetarische Kontakt kann ein physisches Geschehen anzeigen, muss es aber nicht.

Es wird noch verwickelter, wenn wir uns mit den äußeren Planeten beschäftigen. Diese bleiben mit der direkt- und rückläufigen Bewegung und den stationären Phasen bis zu zwei oder drei Jahre an Stellen, von wo aus sie das Horoskop aspektieren, bei Pluto kann es noch länger dauern. Der Transit eines äußeren Planeten kann mit einer ganzen Reihe vermeintlich unzusammenhängender Ereignisse einhergehen, die allesamt durch die getönte Linse seiner Prägung wahrgenommen werden. Deshalb scheinen die Vorfälle dieser Zeit dann eine ähnliche Bedeutung aufzuweisen und mit ähnlichen Gefühlen behaftet zu sein.

Wenn die gleichen Ereignisse zu einer anderen Zeit geschehen, würden sie auf eine andere Weise erlebt werden. Sie hätten den Anschein des Zufälligen. Wir würden dann nicht sagen: "Zwischen dem Tod meines Vater vor zwei Jahren, dem Kampf, den ich letztes Jahr mit meinem Arbeitgeber führen musste, und der Liebesaffäre, die diesen Monat begann, besteht eine Verbindung - das hängt alles mit dem gleichen Thema zusammen." Es ist der Transit oder die Progression, die dieses Gefühl des Zusammenhangs ausmacht, nicht die Geschehnisse an sich. Wir neigen dazu, uns an Phasen des Lebens zu erinnern, nicht an einzelne Vorfälle in ihrer Abfolge. Dieses Bewusstsein für Perioden - eine Zeitspanne, die von bestimmten Arten von Ereignissen geprägt war - ist zutiefst subjektiv und mit den sie begleitenden Transiten und Progressionen verbunden.

Wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir einen Vorfall zu analysieren versuchen. Je genauer wir ihn betrachten, desto subjektiver wird er. Haben Sie schon einmal einen Sterbefall astrologisch untersucht? Ich meine damit nicht nur die Aspekte im Horoskop des oder der Verstorbenen, sondern aller, die dieser Person nahe standen. Wir mögen der Ansicht sein, dass der Tod ein besonders schreckliches Ereignis darstellt, das sich zu einem bestimmten Augenblick abspielt, für den wir ein Horoskop berechnen können. Kein Astrologe aber hat bislang eine typische Todeskonstellation herausfinden können, in jedem Horoskop sieht sie anders aus. Und die Aspekte, die sich dabei womöglich über Jahre hinweg aufbauen, sind genauso wichtig wie die, die zu dieser Zeit exakt sind.

Um einen Sinn in der Materialisation von Transiten und Progressionen zu erkennen, müssen wir uns der drei verschiedenen Ausdrucksebenen bewusst sein, einschließlich der emotionalen und der teleologischen. Die beiden letzteren haben einen direkten Einfluss auf die aktuellen Geschehnisse. Es gilt aber, sich nicht nur die drei Ebenen als solche vor Augen zu halten, sondern auch ihre Komplexität. Nur wenn wir die Ereignisse im größeren Rahmen sehen, werden wir unserer Verantwortung gerecht, wenn wir äußern: "Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass dieses oder jenes geschehen wird." Ohne ein solches Bild werfen wir mit verbundenen Augen Pfeile. Vielleicht treffen wir ins Schwarze, vielleicht verletzen wir aber auch jemanden schwer.

Entnommen aus:
Liz Greene:
"Prognose und Psychologische Dynamik"
Chiron Verlag Tübingen, 1999.

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www.astronova.de

 

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Uranus16Widder27'41"
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Pluto12Steinbock6'57"r
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