Zwei glorreiche Halunken

Die Chiron-Pluto-Konjunktion, von Liz Greene

 

"Apollon", Januar 2001

 

Wenn Liz Greenes Schriften essbar wären, schmeckte dieser Artikel - vor dem Hintergrund einer gärenden Schützequalität - nach Eingemachtem: nach scharfem Sauerkraut oder kantigem Borscht mit Sauerrahm - denn das ist der Geschmack der Chiron-Pluto Konjunktion. Ein Geschmack, an den man sich gewöhnen muss vielleicht, abstoßend für manche, aber schwere, gehaltvolle Seelennahrung für diejenigen, die reinhauen und länger bleiben wollen.

 

Die unverbesserlichen Planetenzyklenbeobachter unter uns hatten das Rampenlicht für den größten Teil des Jahres 2000 voll auf die Jupiter-Saturn Konjunktion gerichtet - mit ihr verbinden wir nicht nur den wackeligen Börsenmarkt, sondern auch das allgegenwärtige Gefühl, dass eine alte Ära zu Ende geht und eine neue beginnt. Es ist schon eine ziemlich aufregende Zeit. Viel von unserer Jahrtausendwende-Hysterie, die sich in Prophezeiungen des Weltendes und wilden Panikkäufen von Dosensuppen und Klopapier zugespitzt hat, wurde nicht nur durch die Sonnenfinsternis im August 1999, sondern auch durch die allmähliche Annäherung an diese große zyklische Konjunktion geschürt, die Ende Mai 2000 exakt wurde. In der mittelalterlichen Astrologie bedeutete die Zusammenkunft von Jupiter und Saturn den Tod des alten Königs und die Geburt eines neuen; heute beobachten wir in vielen Bereichen den allmählichen Untergang alter Wertesysteme und überkommener Strukturen, vor allem in den Sphären von Politik und Wirtschaft.

 

Und doch gibt es eine andere, extrem wichtige Planetenkonjunktion in dieser Zeit, die von den meisten Astrologen ignoriert wird: eine Konjunktion, die vielleicht auf subtilere Art mit weltlichen Ereignissen zu tun hat, die aber genau so wichtig für unseren mentalen und spirituellen "Geistes-Zustand" ist - auf individueller und kollektiver Ebene. Es ist die zyklische Konjunktion von Pluto und Chiron in Schütze. Chiron ist im Januar 1999 in Schütze getreten. Im Juli, August und September ging er noch einmal zurück in Skorpion, im Oktober dann endgültig in den Schützen. Chiron war nur einmal genau konjunkt Pluto - in den letzten Dezembertagen des Jahres 1999. Und obwohl die beiden Planeten danach keine exakte Konjunktion mehr erreicht haben, sind sie noch das ganze Jahr 2000 in Orbis geblieben, und trennten sich erst wieder im Februar 2001. Ihr Zusammentreffen hat zwei volle Jahre gedauert.

 

Wir Astrologen tendieren dazu, nach globalen oder gesellschaftlichen Ereignissen zu suchen, um wichtige Planetenkonstellationen zu verstehen. Doch das ist sicher nicht der einzige Weg, und vielleicht auch nicht der beste, um den tieferen Sinn dieser Aspekte zu begreifen. Sicher verhelfen uns Ereignisse zu Einsichten; aber Ereignisse sind schwer zu definieren. Wann zum Beispiel endet eine Ehe? Wenn sich das Paar scheiden lässt oder wenn die Beziehung auf der Gefühlebene abgestorben ist? Diese beiden "Ereignisse", ein konkretes und ein emotionales, können im Abstand von Jahren auftreten. Oder betrachten wir fünf verschiedene Autounfälle mit Todesfolge. Wir könnten behaupten, sie alle seien das gleiche "Ereignis". Aber der erste Unfall geschah durch Alkohol am Steuer, der zweite wegen überhöhter Geschwindigkeit, der dritte, weil der Wagen aufgrund einer Reifenpanne die Kontrolle verlor, der vierte durch Fremdverschulden, und der fünfte, weil der Fahrer einen Herzinfarkt hinter dem Steuer erlitt. Diese scheinbar identischen Ereignisse haben grundverschiedene Ursachen und Bedeutungen. Oder wir könnten sagen, "Bei der Saturn-Uranus Konjunktion in Stier und Zwilling im 20. Jahrhundert brach der Zweite Weltkrieg aus." Aber Kriege hat es schon immer gegeben, mit oder ohne Saturn-Uranus Konjunktion. Wichtig ist das Wesen des Krieges, seine "Motive" und sein "Zweck", seine Folgen für die Menschen, und schließlich auch der archetypische Hintergrund, der diesen bestimmten Konflikt eingeleitet hat.

 

Planetenkonstellationen beschreiben keine Ereignisse. Ereignisse beschreiben Planetenkonstellationen. Und diese Konstellationen wiederum spiegeln archetypische Muster wider, die sich als Ereignisse manifestieren - oder eben nicht. Es kommt darauf an, was diejenigen tun, die für das Muster resonant sind. Transite wie Jupiter-Saturn oder Chiron-Pluto reflektieren etwas "Inneres", etwas, das in der kollektiven Psyche aktiviert wird, sich entfaltet und kritische Phasen und Wendepunkte erreicht. Diese Transite sind in uns. In der ersten Hälfte von 2000 haben wir alle ein klein wenig davon mitgekommen, wie es sich anfühlt, eine Jupiter-Saturn Konjunktion in Stier im Radix zu haben. Und während des ganzen Jahres 2000 bis Februar 2001 haben wir erfahren, wie sich eine Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze anfühlt. Wir alle sind dafür verantwortlich, mit diesen Planetenbewegungen so kreativ wie möglich umzugehen. Wie wir selbst diese Transite empfinden, was wir mit ihnen erleben, und wie wir selbst - bewusst oder unbewusst - diese Transite inszenieren und ausdrücken, ist genau so wichtig, wie das, was in der Außenwelt "passiert". Wir sind weder Opfer noch "Bauern" der Planetenbewegungen; wir - und zwar jede und jeder von uns - nehmen kreativ und maßgeblich Teil am Lauf der Dinge, an der Zukunft.

 

Obwohl ich leicht gute Ratschläge geben kann, habe ich sie selbst natürlich auch nicht befolgt und, sobald ich diesen wichtigen Aspekt gesehen habe, versucht, Ereignisse zu finden, die den Geschmack dieser Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze widerspiegeln würden. Das ist im Großen und Ganzen eine unergiebige Übung, denn wir sehen das, was wir sehen wollen. Doch Chirons eigentümliche Beziehung zum Leiden des "Außenseiters" schien sich deutlich in einem Ereignis zu zeigen, von dem ich Ende April 1999 bei einer Reise nach London hörte: die "Soho pub bomb", eine Grausamkeit, die sich gegen die Londoner Homosexuellen-Gemeinschaft richtete, bei der viele Menschen getötet und noch mehr verletzt wurden. Es war das dritte in einer Reihe von Bombenattentaten, die innerhalb von zwei Wochen gegen die "Minderheiten" der Stadt gerichtet waren. Das erste zielte auf Schwarze, das zweite auf eine Gemeinde von Bangladeshis. Alle Anschläge wurden von einem Psychopathen geplant und durchgeführt, der fest entschlossen war, die Minderheiten dieser Großstadt zu terrorisieren. Heutzutage sind Bombenanschläge zwar an der Tagesordnung, doch diese Angriffe hatten einen anderen "Geschmack" als die meisten. Sie waren nicht politischer Natur, aber sie enthüllten eine der beängstigendsten und gefährlichsten menschlichen Neigungen: die fanatische Intoleranz und Zerstörungswut, die auftauchen, wenn wir den verachteten und gefürchteten "Außenseiter" in uns selbst auf "die Anderen" projizieren, und diese als Bedrohung unseres eigenen Überlebens betrachten.

 

Als die Konjunktion im Dezember 1999 exakt war, war ich gespannt, was die Zeitungen in den nächsten Tagen berichten würden. Und siehe da: auf George Harrison, den "ruhigen Beatle", wurde am 30. Dezember 1999 mit einem Messer eingestochen. Ich fragte mich, was dieses Ereignis wohl in bezug auf die kollektive Psyche zu bedeuten hatte. Harrison ist immer der zurückhaltendste Beatle gewesen. Er lebte ein sehr privates, zurückgezogenes Leben, wie es sich für eine Fische-Sonne mit Skorpion-Aszendent und Skorpion-Mond gehört. Bedeutete dieses seltsame Ereignis überhaupt etwas, außer für George Harrison selbst? Es sah ganz so aus, als ob jemand einen Sündenbock gesucht hätte: Während George sich friedlich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte, drang plötzlich das Grauen von außen ein. Der progressive Aszendent in Harrisons Horoskop hatte 9° 14' Schütze erreicht, zwei Grad von der Transit-Konjunktion (Chiron bei 11° 13', Pluto bei 11° 20') entfernt. Außerdem bildete der progressive Saturn eine gradgenaue Opposition zu diesem progressiven Aszendenten. Das legt nahe, dass George unbeabsichtigt als eine Art Blitzableiter für die Energien des Chiron-Pluto Zeitgeistes fungieren und wahrscheinlich die Bedeutung der Konjunktion in seinem näheren Umfeld zu spüren bekommen würde. Am 31. Dezember, dem Tag nach dem Mordanschlag, brachte die Sunday Times folgende Schlagzeile - und wieder wehte eine Brise des unverwechselbaren Geruchs von Chiron-Pluto vorbei:

 

"MESSERSTECHER HÄLT BEATLES FÜR HEXEN"

 

George Harrison, 25. Februar 1943, 00.05 Ortszeit, Liverpool[1]

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George Harrison, Sekundärprogression zur Zeit des Anschlags

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Angriff auf George Harrison, 30. Dezember 1999, Henley-on-Thames

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Die Komponenten der Konjunktion

 

Pluto symbolisiert den instinktiven Überlebensmechanismus des Kollektivs und der gesamten Natur. Er ist unpersönlich und skrupellos, wie die Natur. Eine ausgestorbene Gattung oder ein totes Tier fallen nicht ins Gewicht, wenn die Evolution des organischen Lebens groß reinemacht. In Momenten, in denen wir von der körperlichen oder psychischen Auslöschung bedroht sind, merken wir, dass wir Pluto im Horoskop haben. Was überleben will, muss das Lebensbedrohende und überflüssig Gewordene zerstören oder transformieren, innen und außen. Dieser Reinigungsprozess von überkommenen und nutzlosen Überlebensmechanismen und die Bildung von neuen Überlebensstrategien spiegelt sich in Plutos Lauf durch den Tierkreis wider, der 246 Jahre dauert. Unsere Pluto-Generation - die Altersgruppe, die mit Pluto in einem bestimmten Zeichen geboren ist - hat ihre eigene Art sich gegen das zu wehren, was wir als Bedrohung unseres Überlebens wahrnehmen. Die Bewegung Plutos durch die astrologischen Zeichen beschreibt die unterschiedlichen Arten, wie das Kollektiv bekämpft, was sein Überleben bedroht. Keiner von uns wird je einen vollen Pluto-Zyklus erleben; wir sind Teil eines größeren Ganzen, in das unsere individuellen Leben und Tode eingebettet sind. Deshalb müssen wir es einfach so hinnehmen.

 

Mit Pluto in Schütze sind wir gezwungen, uns dem zu stellen, was unser körperliches und psychisches Überleben bedroht - im Bereich der Moral, sowie auf den Schauplätzen religiöser Glaubensvorstellungen, spiritueller Ziele, Gesetze, unserer Vorstellungen von richtig und falsch, und unserer Definitionen des "höchsten Gutes". Bisher haben wir die ganze Tonleiter vom Lächerlichen zum Erhabenen durchgespielt: von der Monica Lewinsky Komödie und dem Amtsenthebungsverfahren gegen den US Präsidenten bis hin zur Frage, ob wir uns in das Blutvergießen im Kosovo oder Sierra Leone einmischen sollten, und ob die Todesstrafe überhaupt eine Lösung für das Problem menschlicher Zerstörungswut darstellt. Der Vatikan hat uns klipp und klar mitgeteilt, dass die Beratung durch Astrologen oder Psychotherapeuten eine ebenso schlimme Sünde sei wie Empfängnisverhütung. Wir sehen uns einem Sperrfeuer moralischer Fragen gegenüber, die nicht mehr so einfach zu beantworten sind, wie es einmal ausgesehen hat. Hinter diesen moralischen Fragen stehen tiefere, spirituelle Fragen: An welchen Gott glauben wir, als Kollektiv und als Individuen? Glauben wir überhaupt noch an irgend etwas? Langsam, aber unaufhaltsam enthüllt uns Pluto unsere religiöse Blindheit, unsere Naivität, unseren kindischen Glauben in die "Güte" der Autoritäten und die moralische Richtigkeit der Gesetzes- und Glaubenssysteme, die wir geschaffen haben. Er enthüllt unsere verzweifelte Treue zu politischen und spirituellen Gurus, die uns schnelle Lösungen und rezeptfreie Medizin gegen die Beschwerden der Menschheit versprechen. Pluto in Schütze bringt auch das Thema des Fremden auf. Er zwingt uns, zu erkennen, dass Überleben für manche darin besteht, Grenzen zu überschreiten - physische, intellektuelle, emotionale, geistige - um ein neues Leben zu finden, während andere meinen, nur überleben zu können, indem sie ihre Grenzen dicht machen.

 

Chiron steht mit seiner unregelmäßigen Bahn zwischen Saturn und Uranus am Übergang zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven. Wir leiden als Individuen, nicht nur aufgrund persönlicher Konflikte, sondern auch, weil wir Teil der Gattung Mensch sind. Und unser menschliches Kollektiv ist zwangsläufig zwischen Tier und Gott hin- und hergerissen. Wir machen schreckliche Fehler durch unsere impulsive und instinktive Triebhaftigkeit und genau so durch unsere intellektuelle Arroganz. Und doch müssen wir verstehen, warum wir leiden, und wir werden immer und ewig nach Mitteln suchen, mit denen wir unsere Wunden heilen können. Chiron beschreibt den mitfühlenden Impuls, Weisheit zu suchen und weiterzugeben, um uns selbst und andere zu heilen - nicht aus einer neptunischen Vision der Einheit heraus, sondern weil wir alle irgendwo fühlen, dass wir unheilbar verwundet sind durch Geschehnisse, über die wir keinerlei Kontrolle haben. Unser Drang, die Wunden der Welt zu heilen, ist immer - früher oder später - zum Scheitern verurteilt, denn die Menschen sind wie sie sind, und das Leben ist und bleibt ungerecht. Es wird immer Dinge geben, die wir nicht reparieren oder wiedergutmachen können, und doch versuchen wir es immer wieder.

 

Der Mythos von Chiron beschreibt einen weisen Lehrer und Heiler, der im Kreuzfeuer einer Schlacht zwischen dem sonnenhaften Helden Herakles und den wilden, ungezähmten Kentauren verwundet wird. Chiron ist gut und weise, und trotzdem wird er verletzt und leidet - vielleicht gerade weil er gut und weise ist. Er versteht beide Seiten, und möchte sich deswegen nicht einmischen. Der archetypische Kampf zwischen Licht und Finsternis, durch den wir uns über Jahrtausende allmählich zivilisieren, bringt notwendigerweise Opfer mit sich, und erinnert uns daran, dass unsere Hoffnungen nur innerhalb unserer sterblichen menschlichen Grenzen erfüllt werden können.

 

Der fünfzigjährige Zyklus von Chiron durch die Zeichen beschreibt die wechselnden Sphären, in denen wir unsere größten Verletzungen, Enttäuschungen und Verbitterung erleben, die durch die zerstörerischen Impulse in uns selbst und im Kollektiv zustande kommen und gegen die wir nichts tun können. Es sind auch die Bereiche wo wir uns unschuldig zum Sündenbock gemacht fühlen. Unsere Chiron-Generation beschreibt die Bereiche, in denen wir uns unheilbar verwundet fühlen - für immer zum Fremden und "Außenseiter" gemacht - und in denen wir am wahrscheinlichsten Enttäuschung und Verbitterung erleben. Das ist auch der Schauplatz, auf dem wir - wenn wir unbewusst bleiben - unsere tiefsten Verletzungen nach außen projizieren. Doch mit unserer Chiron-Generation teilen wir auch diejenigen Sphären, in denen unsere Zweifel und Fragen, die aus dem Leiden entstanden sind, dazu beitragen können, unsere Glaubenssätze und Überzeugungen zu vertiefen und reifer werden zu lassen. Es sind Bereiche, in denen wir unsere mitfühlenden Herzen all denjenigen öffnen können, die daran leiden, sterblich zu sein. Während Chiron durch den Schützen geht, müssen wir als Kollektiv erfahren, wie es ist, enttäuscht zu werden und den Glauben zu verlieren, denn wir werden mit unseren moralischen Irrtümern und Scheinheiligkeiten konfrontiert, mit unserer spirituellen Leichtgläubigkeit, unseren Fehleinschätzungen und Vorurteilen, und unserer unrealistischen Hoffnung, dass das Leben gerecht ist und die guten Jungs auf den weißen Pferden immer gewinnen.

 

Was Chiron angeht, so scheint Heilung damit zu tun zu haben, jeglichen Anspruch auf Unsterblichkeit und göttliche Macht aufzugeben. Als er verwundet ist, zieht sich der mythische Chiron leidend in seine Höhle zurück und bittet darum, sterben zu dürfen. Es wird ihm gewährt. Und so steigt er von der unsterblichen zu sterblichen Form herab und wird von seinem Leiden befreit. Der Mythos legt nahe, dass es bei Chirons Heilung nicht darum geht, etwas zu "reparieren", sondern darum, sich von der unrealistischen Vorstellung zu verabschieden, dass wir göttergleich sind und alles unter Kontrolle haben. Unsere Sterblichkeit anzuerkennen bedeutet auch, unsere menschlichen Grenzen und unsere Verletzlichkeit zu akzeptieren. Wir alle haben nicht nur die heldenhaften, solaren Hoffnungen in uns, sondern auch die wilde Zerstörungswut der Kentauren. Und in Chirons Reich kann uns keine noch so große Selbstreinigung von unserem Mensch-Sein säubern oder die Wunden unserer enttäuschten Ideale heilen. Nur wenn wir die Unvollkommenheit und Ungerechtigkeit in uns selbst und im Leben annehmen, dürfen wir Frieden schließen mit den Dingen, die wir nicht ändern oder wiedergutmachen können. Es ist gut möglich, dass der Transit Chirons durch den Schützen einen tiefgreifenden Impuls zu reifen darstellt, sowohl in bezug auf unser Gottesbild als auch auf unsere Definitionen von Gut und Böse.

 

Chiron-Pluto auf persönlicher Ebene

 

Während der Konjunktion ist es schwierig, schon genau zu sehen, wie sie sich auf globaler Ebene manifestiert. Als ich angefangen habe, an diesem Artikel zu arbeiten, hatte ich keine Ahnung, welche historischen Parallelen ich für frühere Chiron-Pluto Konjunktionen finden würde. Und ich hatte auch keine Faktensammlung, mit der ich irgend eine vorgefasste Hypothese "beweisen" konnte. Was ich jedoch habe, ist meine Erfahrung mit vielen Klienten, die unter der letzten Chiron-Pluto Konjunktion 1941 oder der langen Opposition in den 60er Jahren geboren wurden. Sie scheinen in ihrem Leben einen ganz besonderen Sinn für Entfremdung und das Dasein des Sündenbocks mit sich zu tragen; oft sind sie sich ihrer Wut auf das Leben bewusst, und haben ein Gefühl, kollektiven Kräften ausgeliefert zu sein, mit denen sie nicht umgehen können. Tiefes Misstrauen und Verbitterung sind charakteristisch für die Konjunktion sowie die Opposition; diese Gefühle können jedoch oft nicht an bestimmten Kindheitserfahrungen festgemacht werden. Die Verbitterung kann auch unbewusst sein, wie ein ungeheilter Abszess, und schmerzhafte Situationen anziehen, die von "außen" zu kommen scheinen. Chiron und Pluto gehen ein Bündnis ein, das - wenn es unbewusst bleibt - glaubt, Angriff sei beste Verteidigung gegen Lebensbedrohungen. Sie halten das Leben für ein gefährliches Pflaster, wo die Schwachen, die "Anderen", die nicht dazu gehören, verletzt und zu Opfern gemacht werden, und wo nur die Starken überleben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Heilung für viele, die mit diesen Aspekten geboren sind, damit anzufangen scheint, die Verbitterung wahrzunehmen und zu akzeptieren, dass das Misstrauen seine Gültigkeit und Berechtigung hat, in Anbetracht unserer erbärmlichen Menschheitsgeschichte. Das mag verlangen, eine Maske der Spiritualität abzulegen, die erhebliche unterschwellige Qualen verdeckt. Es kann auch notwendig sein, der eigenen Grausamkeit und Mittäterschaft ins Auge zu blicken, die oft unbewusst ausgeübt wird. Diese geheime Wunde zu öffnen, kann dem Menschen helfen, durch echte Erfahrung zu entdecken, dass Individuen sowie Kollektive durch guten Willen und Mitgefühl motiviert werden können, trotz der Ungerechtigkeit des Lebens. Diese Art von Realismus kann Menschen helfen, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen.

 

Wer Planeten in den ersten zwei Dekaden der beweglichen Zeichen hat, hat die Chiron-Pluto Konjunktion sehr stark erlebt. Wenn diese Konjunktion Spannungsaspekte zu persönlichen Planeten bildet, wird die Person aufgerüttelt und herausgefordert, den Bereich in Frage zu stellen, den der Radix-Planet repräsentiert - durch schmerzhafte Erinnerungen, Neuauflagen vergangener Leiden und die Anerkennung der dunkleren Sphären menschlicher Natur. Möglicherweise erlebt sie äußere Ereignisse wie Verluste und Trennungen oder Krankheiten. Doch sind innere Ereignisse wie Depression wahrscheinlicher, das Gefühl, versagt zu haben und das Gefühl, dass sich die Vergangenheit wiederholt und man in etwas gefangen ist, das man nicht ändern kann. Die Begegnung mit dem Unvermeidlichen kann den Menschen anfänglich beängstigen, und ihm das Gefühl geben, machtlos, unfähig und schikaniert zu sein. Da die Konjunktion in Schütze ist, machen die Folgen solcher Erfahrungen einen tiefgreifenden Eindruck auf die Weltsicht und die spirituellen Überzeugungen dieses Menschen, auf seine Definitionen des "richtigen" Verhaltens und sein Vertrauen in die Zukunft. Ich glaube, dass das Potential, das diese Transit-Konjunktion für Radix-Planeten birgt, darin besteht, sie reifer, tiefer, aufmerksamer und weiser werden zu lassen. Sie bringt eine Akzeptanz der Grenzen des Lebens mit sich, die die Möglichkeit größerer Freude und Mitgefühls zulassen, weil die eigenen Erwartungen nicht mehr unerreichbar hoch sind. Durch die eigenen schmerzhaften Erfahrungen erlebt man sich als Teil der gesamten Gattung Mensch. Dieser Transit spiegelt das Ende der Kindheit wider und stellt unseren angeborenen Narzismus in Frage. Wir erleben vielleicht Kummer, Gram und Trauer um das, was unwiederbringlich verloren ist: auf persönlicher Ebene und in den Bereichen von Hoffnung, Gottvertrauen und religiösem Glauben, unserer spirituellen Ziele und unseres Vertrauens in gesetzliche und religiöse Institutionen und Wissensgebäude. Pluto in Schütze beschleunigt eine ernsthafte Neubewertung in diesen Bereichen. Aber die Anwesenheit von Chiron lehrt uns, dass manche Dinge einfach nicht repariert werden können, und dass unsere Entschlossenheit, zu überleben, uns blind machen kann dafür, wie wir uns selbst und andere verletzen.

 

Die Besonderheiten des Chiron-Pluto Zyklus

 

In diesem Zyklus der Konjunktionen gibt es gewisse Eigenartigkeiten, die in den Zyklen anderer Planetenpaare nicht vorkommen. Die Konjunktionen von Chiron und Pluto finden etwa alle 60 Jahre statt. Aber aufgrund ihrer elliptischen Umlaufbahnen, scheinen die Konjunktionen immer nur in vier Zeichen des Tierkreises vorzukommen: in Schütze, Zwilling, Löwe und Fische. Die Schütze-Konjunktion am Jahrtausendende ist ein Widerhall der vorigen Konjunktion im Schützen von 1752-53; die Löwe-Konjunktion von 1941-42 wiederholte die Löwe-Konjunktion von 1697; die Konjunktion in Zwilling von 1881-85 wiederholte die frühere von 1642-43; und die 1818-21 Konjunktion in Fische wiederholte die 1579-82 Konjunktion. Was dieses Muster im Hinblick auf die Evolution des Kollektivs zu bedeuten hat, ist mir ein Rätsel; aber es ist ein sehr bemerkenswertes Muster, so als ob wir die Herausforderung, das Leid und die potentielle Heilung der Chiron-Pluto Konjunktion nur durch ganz bestimmte Erfahrungsbereiche erleben sollten. Wir können nicht davon ausgehen, dass unter jeder Konjunktion eindeutige, aus den Planetenbedeutungen ableitbare Ereignisse eintreten. Wir müssen sogar zugeben, dass im Gegensatz zur landläufigen Erwartung, nichts wirklich Großartiges "passierte" am Beginn des neuen Jahrtausends, außer einer irrationalen Ausgelassenheit am Nasdaq, einigen sehr aufregenden Parties und einem Gefühl der Enttäuschung, dass die Welt nun doch nicht untergegangen ist. Und dennoch sehen wir uns mit bestimmten moralischen und spirituellen Herausforderungen konfrontiert, die sowohl Individuen als auch Kollektive sehr stark betreffen.

 

Der Zyklus der Konjunktion im 20. Jahrhundert

 

Ein Blick in die Geschichte kann uns jedoch manchmal Hinweise, wenn nicht sogar Antworten geben. Daher möchte ich die vorige Konjunktion von Chiron und Pluto untersuchen. Chiron ging im Oktober 1940 in den Löwen. Im Juli 1941 bildete er bei 4° Löwe eine genaue Konjunktion mit Pluto. Obwohl sie nur einmal exakt konjunkt waren, blieben die beiden Planeten während der ganzen zweiten Hälfte des Jahres 1940 in einer weiten Konjunktion, anfänglich in verschiedenen Zeichen, und kamen danach im Sommer 1942 wieder in Orbis. Während der engsten Phase dieser Konjunktion bombardierten die Japaner Pearl Harbour und Hitler marschierte in Russland ein, was in dem Debakel von Stalingrad endete und mehrere Millionen Deutsche und Russen das Leben kostete. Die Chiron-Pluto Konjunktion lag genau auf Hitlers MC bei 4° Löwe, und bildete eine weite Konjunktion mit seinem Saturn im 10. Haus. Vielleicht spiegelt sich darin die Aktivierung des Löwe-Archetypen imperialer Größe, Dominanz und königlichen Gottesgnadentums als Überlebensstrategie wider. Doch sind da auch die dunklen Wurzeln, die sich von längst vergessenem Groll nähren, und die weit in die Vergangenheit der teutonisch-slawischen Konflikte zurückreichen. Der Mythos einer überlegenen Rasse, die dazu bestimmt ist, die Welt zu regieren, gehört vielleicht auch zu diesem Löwe-Archetypen, und wurde von vielen Menschen und vielen Nationen während dieser Konjunktion freudig aufgenommen - das sollte nicht vergessen werden. Das war der universelle Zeitgeist, und nicht nur das Werk eines verrückten Österreichers mit einem komischen Schnurrbart. Den Klang marschierender Stulpenstiefel konnte man in Amerika und Großbritannien ebenso hören wie in Berlin. Sir Oswald Moseley und George Lincoln Rockwell waren keine deutschen Exporte, sie waren hausgemacht. Transit-Konjunktionen äußerer Planeten spiegeln wider, was in der Kollektivpsyche passiert, und damit auch, was in jedem von uns passiert. Bis wir das verstehen, werden wir auch weiterhin die Antworten auf das Böse in einzelnen Individuen suchen, die, obwohl wir sie für grundböse halten, nie eine solche psychologische Macht über so viele Mensche ausüben könnten, wenn sie nicht Sprachrohr einer Zeitqualität wären, für die wir alle tief drinnen empfänglich sind.

 

Wenn Chiron und Pluto zusammentreffen, wird ein uralter Überlebensmechanismus aktiviert, manchmal auf brutale Weise, der in Erinnerungen der Verletzungen unserer Vorfahren wurzelt. Außerdem wird - wahrscheinlich fast als wichtigstes - das Thema des Sündenbocks angestoßen, das besonders mit Chiron assoziiert ist. Dieses wurde unter der exakten Konjunktion 1941 ausgelebt, als die Nazis die ersten Vernichtungslager errichteten und mit der systematischen Ermordung der "Außenseiter" - Juden, Zigeuner, Slawen und Homosexuellen - in Polen und Russland begannen. Hitler ist unter dieser Chiron-Pluto Konjunktion auch in Jugoslawien einmarschiert, am 6. April 1941. Und neueren Berichten zufolge wurde er von Papst Pius XII darin ermutigt und unterstützt. Das wirft ein trauriges und zugleich grausames Bild auf das Oberhaupt einer großen religiösen Institution. Und diese Fakten kamen erst - schrecklich passend - bei der jetzigen Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze ans Licht. In dieser Atmosphäre kam im August 1941 Slobodan Milosevic zur Welt, mit Mond konjunkt Pluto konjunkt Chiron im 4. Haus. Als Chiron später in diesem Zyklus (1992-93) in den Löwen ging und sich dem absteigenden Quadrat mit Pluto in Skorpion näherte, begann Milosevic mit seiner Politik der "ethnischen Säuberung" in Bosnien. Die Themen der Chiron-Pluto Konjunktion von 1941 haben über die 60 Jahre zwischen jener Konjunktion und der nächsten nachgehallt und uns gezeigt, wozu wir fähig sind, wenn unsere Wunden zur Überlebensfrage werden, die sich von einer jahrhundertealten Vergangenheit nährt. Doch sie zeigen auch das Potential einer Bewusstseinsveränderung, die Vergebung und Loslassen der Vergangenheit zulässt.

 

Das erste Quadrat des 1941er Zyklus fand mit Chiron in Skorpion und Pluto in Löwe statt. Das Quadrat war nur einmal exakt, im November 1947, bei 14°. Bei der Opposition war Chiron in Fische und Pluto in Jungfrau. Diese Opposition hielt sehr lange an. Chiron ging im April 1960 in Fische, und die zwei Planeten bildeten acht genaue Oppositionen zwischen Juli 1961, bei 6°, und November 1965, bei 18°. In den späteren Phasen war Uranus noch mit von der Partie, und auch Saturn war bei den letzten zwei Oppositionen dabei, als er durch Fische ging. Viele Menschen sind mit diesen doppelten Oppositionen geboren. Das ist eine Generation mit einer besonders machtvollen Signatur. Die Oppositionen traten zur Zeit der sozialen Unruhen während der 60er Jahre auf, bei der Ermordung Kennedys, den Studentenaufständen und "Flower Power", und beim Ausbruchs des Vietnam-Krieges. Für die Unruhen der 60er Jahre wird normalerweise die Pluto-Uranus Konjunktion verantwortlich gemacht. Jedoch sind die Anteile von Bitterkeit und Desillusionierung, die schon von Anfang an dabei waren, charakteristisch für die Beteiligung Chirons. Das war eine Zeit, in der die Sündenböcke, die "Außenseiter" gegen das rebellierten, was sie als lebensbedrohliche Machtstrukturen empfanden, und zwar in Politik, Gesellschaft und religiösen Institutionen. Viele, die unter dieser Opposition geboren wurden, fühlen sich als Opfer oder tragen eine riesige Verbitterung über die Ungerechtigkeit des Lebens mit sich herum und kämpfen gegen Unterdrückung, manchmal mit Gewalt, auf einer tiefen, instinktiven Überlebensebene. Und sie machen sich wenig vor über die guten Absichten der anderen. Viele von ihnen fühlen sich getrieben, die Welt zu verändern, die Wunden zu reinigen und die Verbitterung zu heilen. Und vielleicht hat es gar nichts zu bedeuten, dass Prinzessin Diana unter der ersten genauen Opposition von Chiron in Fische und Pluto in Jungfrau, im Juli 1961 geboren ist?

 

Das letzte Quadrat des Chiron-Pluto Zyklus von 1941 fand zwischen Chiron in Löwe und Pluto in Skorpion statt. Das erste exakte Quadrat war bei 22/23° im November/Dezember 1992, und es war zum zweiten und letzten Mal auf 23° im Juli 1993 exakt. Zeitgleich zerbrach die Ehe von Prinz Charles und Prinzessin Diana. Das war jedoch nur eines der sichtbaren Zeichen einer allgemeinen Stimmung von Schmerz und Desillusionierung in bezug auf die Themen Treue und Loyalität, sexuelle Freizügigkeit und die Verbreitung von AIDS. Mit Chiron wieder in dem Zeichen, das mit dem Gottesgnadentum der Könige assoziiert wird, war die Enttäuschung mit all diesen löwenhaften Sinnbildern in der Außenwelt vielleicht unvermeidlich. Und vielleicht wurde das Stück stellvertretend für alle auf der kleinen Bühne der britischen königlichen Familie aufgeführt.

 

Die Chiron-Pluto Konjunktion im späten 19. Jahrhundert

 

Es lohnt sich, kurz die Chiron-Pluto Konjunktion am Ende des 19. Jahrhunderts zu erwähnen, obwohl sie schon lange her ist und wir weniger Persönliches mit ihr verbinden als mit der 1941er Konjunktion. Und dennoch hallen auch hier die Themen kollektiven Leidens und eines mächtigen Überlebenstriebs wider, die durch einen Sündenbock freigesetzt wurden - diesmal gerechtfertigt durch "wissenschaftliche Erkenntnisse". Diese Konjunktion fand Anfang der 1880er Jahre, am Beginn von Zwilling statt - direkt gegenüber unserer aktuellen Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze. Während dieser Zeit war die Kolonialisierung durch europäische Mächte (vor allem in Afrika) auf ihrem Höhepunkt. Es passt erschreckend gut, dass wir unter der Konjunktion in Schütze den unvermeidlichen Rückprall erleben, wenn der Sündenbock den Spieß umkehrt, wie in Zimbabwe, zum Beispiel. Wild wucherte auch die Verbreitung des Konzepts der "minderwertigen" Rassen während der Zwilling-Konjunktion; das Gedrängel um die Rohstoffe Afrikas wurde auf dieser Grundlage gerechtfertigt. Die Universität Wien veröffentlichte pseudo-wissenschaftliche Doktrinen, die sich in der Folge in ganz Europa verbreiteten und behaupteten, dass einige Rassen von Natur aus minderwertig seien. Dazu zählten sie nicht nur die Juden, sondern auch die Schweizer, denn sie nahmen an, dass Menschen, die das Hochdeutsche nicht "korrekt" aussprechen könnten, einen erblich bedingten Mangel aufwiesen, der auf rassische Minderwertigkeit hinweise. Diese heimtückische Doktrin hat sich schließlich auch in die Nazi-Propaganda eingeschlichen, und viele glauben immer noch daran.

 

Auf der anderen Seite wurden zu dieser Zeit viele medizinische Entdeckungen gemacht: Koch fand den Tuberkulose Bazillus, Pasteur entwickelte die vorbeugende Impfung gegen Milzbrand und impfte dann erfolgreich gegen Tollwut.

 

Die koloniale Ausbreitung und die damit verbundene Annahme, dass der weiße Mann den "heidnischen", minderwertigen Rassen die Aufklärung bringen müsse sowie die Doktrinen der rassischen Überlegenheit enthalten den zerstörerischen Ausdruck von Chiron-Pluto in Zwilling. Diese Überlebensstrategie setzt wissenschaftliche Erkenntnisse als Waffen gegen den "Außenseiter" ein. Die wissenschaftlichen Entdeckungen dieser Zeit enthalten das Heilungspotential der Konjunktion: Krankheit, selbst eine "Außenseiterin", kann nur bekämpft werden, wenn sie angenommen und verstanden wird.

 

Die Jahrtausend-Konjunktion

 

Mit Chiron-Pluto in Schütze wurde nun die Xenophobie als archetypisches Thema aktiviert (Angst vor dem Fremden, sowohl vor Menschen als auch vor Einflüssen von "außen"). Unser mitfühlender Impuls, den ausgestoßenen Fremden willkommen zu heißen, steht im Gegensatz zu unserer Angst vor der potentiellen Zerstörung durch diejenigen, die unsere Werte und unsere Gesellschaftsstrukturen nicht respektieren. Dem enormen Einwandererstrom steht eine wachsende fremdenfeindliche Stimmung gegenüber. Schütze ist duales Zeichen und daher oft widersprüchlich in seiner Moral. Es ist sowohl der Ursprung des "Tu, was ich sage, aber nicht, was ich mache" Ethos, als auch das Zeichen, das am schnellsten Scheinheiligkeit bei anderen entdeckt und anprangert. Deshalb war die Monica Lewinsky Episode so urkomisch - letztendlich sogar für die Amerikaner selbst. Um zu illustrieren, wie sonderbar diese schützenhafte Zwiespältigkeit sein kann, möchte ich einen Mann zitieren, der Sonne konjunkt Jupiter in Schütze hatte: Heinrich Himmler. Er sagte, "Wir müssen aufrichtig, anständig, loyal und kameradschaftlich mit denen unseres eigenen Blutes umgehen, mit niemandem sonst. Was mit einem Russen oder Tschechen passiert, interessiert mich nicht im Geringsten." Die dornige Streitfrage um die Einwanderung heizt sich in der kollektiven Psyche bis zum Siedepunkt auf und hat ganz klar mit der Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze zu tun. Reale Ängste werden bei ansonsten vernünftigen Individuen geschürt - durch uralte Erinnerungen an Invasion und Zerstörung, an die Transformation der Kultur und Gesellschaft durch den "Außenseiter". Wir sind schmerzlich gespalten, sowohl außerhalb als auch innerhalb unserer selbst. Diese alte Angst kommt auf, ungeachtet der demographischen Zahlen, die sogar einen Bevölkerungsrückgang in allen europäischen Ländern, mitsamt dem katholischen Italien beweisen. Trotz alledem stößt der Versuch, den Mangel mit Einwanderern auszugleichen, auf Widerstand. Politische Korrektheit gehört auch zu dieser seltsamen Konstellation und stellt den Versuch dar, einen unvoreingenommenen Standpunkt einzunehmen. Doch häufig ist sie halbherzig und unwirksam, oft unglaublich scheinheilig und bewirkt das genaue Gegenteil. Menschen verletzen andere Menschen im Moment auf schlimme Weise. Wir sind verwirrt und erstaunt, wenn wir feststellen, dass wir zu blindem Hass und Vorurteil fähig sind, und gleichermaßen verwirrt und erstaunt, wenn wir entdecken, dass unser Mitgefühl und unsere Großzügigkeit eiskalt und skrupellos ausgebeutet werden. Politiker wie Jörg Haider (der am 26. Januar 1950 geboren ist und Chiron bei 18° Schütze in engem Trigon zu Pluto bei 27° Löwe hat) benutzen emotionale Mittel, um an die Macht zu kommen. Sie spielen mit unseren uralten, atavistischen Ängsten. Viele prangern diese Methoden an. Aber wir würden nicht so stark auf sie reagieren - für oder wider - wenn nicht irgendwo tief in uns ein altes Grauen angesprochen würde. Jenseits der wirtschaftlichen und sozialen Themen liegen wesentlich tiefere Fragen: Was sollen wir tun? Was ist richtig? Wie tief glauben wir an unsere eigenen religiösen Grundsätze? Leichtgläubigkeit und Zynismus wetteifern in uns, entziehen uns die Klarheit im Denken und Handeln und untergraben unser Vertrauen in unsere eigene Anständigkeit.

 

Unter Chiron-Pluto können wir unsere dunklen kollektiven Geheimnisse nicht länger geheim halten; sie brechen auf wie Geschwüre, so dass die ganze Welt sie sehen kann. Skandale in der Politik zwingen uns, unsere Werte zu überdenken. Filme wie Erin Brockovich führen uns vor, wie die Macht oder Ohnmacht des Einzelnen der zerstörerischen Unverantwortlichkeit großer Firmen und Institutionen den Kampf ansagen kann. Doch sie zeigen auch, dass wir trotz aller Erfolge nicht heilen können, was unwiederbringlich zerstört worden ist. Und wo, inmitten unseres Steinewerfens, ist unsere eigene dunkle Seite? Wiedergutmachungsgelder lassen die Toten nicht auferstehen, noch rotten sie die Grausamkeiten der Vergangenheit aus oder greifen die Wurzeln des Dilemmas an. Das müssen wir noch lernen inmitten unseres gerade erst erwachten Eifers, unser Elend vor Gericht zu tragen und es gegen Bares einzutauschen.

 

Kommunikation - jetzt global und unmittelbar - kann nicht nur als Mittel gebraucht werden, um die Wahrheit aufzudecken und altes Leiden zu erleichtern, sondern auch um uralten Groll neu entflammen zu lassen: die Verwandlung des Sündenbocks in den, der andere zum Sündenbock macht. Wir wissen, dass, aus psychologischer Sicht, diejenigen, die Verbrechen gegen "Außenseiter" begehen, sich selbst als schmerzlich, unabänderlich, unheilbar "außenstehend" erleben. Sollen wir das Internet unter polizeiliche Aufsicht stellen, um "Hass-Gruppen" auszurotten, oder bleiben wir unserem Glauben treu, dass Meinungsfreiheit ein Grundrecht einer demokratischen Gesellschaft ist? Sollen wir eine Nation an den Pranger stellen, die ein extrem rechtes Staatsoberhaupt demokratisch gewählt hat, während wir ähnlich abstoßende Exzesse der extremen Linken entschuldigen? Der Bericht über die geheimen Absprachen von Papst Pius XII. und Hitler kommt, passend zu Chiron-Pluto, genau zu der Zeit, als der gegenwärtige Papst sich genehmt, seine Version einer Entschuldigung für die früheren Fehler der Kirche zu präsentieren. Es sollte nicht überraschen, dass viele Menschen die Ernsthaftigkeit solcher Entschuldigungen anzweifeln, ebenso wie die moralische Integrität der Institution, die sie ausgesprochen hat. Und wieder sind wir auf schmerzhaftes Infragestellen und die Enttäuschung zurückgeworfen, die diese Chiron-Pluto Konjunktion in Schütze begleiten. Doch endlich scheint uns unser Schmerz dazu zu bringen, zu hinterfragen, anstatt einfach nur blind zu vernichten.

 

Für uns als Individuen ist wichtig zu wissen, wie diese Umstände in jedem von uns wirken. Wir alle haben unsere Probleme mit dem Fremden, und wir können uns mit dem Fremden oder dem Einheimischen identifizieren, mit dem Sündenbock und dem, der zum Sündenbock macht. Wir sollten versuchen, diesen Kampf nicht nach außen zu projizieren, sondern uns mit seinen Auswirkungen im Inneren auseinandersetzen. Andernfalls endet es nur damit, dass wir extremistische Aufrufe gegen Einwanderung unterschreiben oder Petitionen gegen Rechtsextremisten, ohne irgend etwas darüber gelernt zu haben, wohin Extreme führen können. Chiron-Pluto bringt alte Verletzungen an die Oberfläche, die uns innerlich auf sehr gefühlsgeladene Weise spalten, denn wir erinnern uns - in allen Knochen - an die jahrhundertealten Wunden, die kein Verband mehr verstecken kann.

 

Wie schon erwähnt, ist Milosevic unter der letzten Löwe-Konjunktion geboren. Er agierte ihre verheerendste Dimension aus, indem er anderen gegenüber die Grausamkeiten und Verbrechen beging, die er und sein Volk selbst erfahren hatten. Doch viele Menschen, die unter dieser Konjunktion geboren sind, erkennen das zerstörerische Potential nur zu gut, das die Pflege und Aufrechterhaltung vergangenen Grolls mit sich bringt, und sie verschreiben sich dem Weg der Heilung und der Vermittlung ihrer Erkenntnisse. Das ist das positive Gesicht von Chiron-Pluto. Doch der aufgeklärte Heiler leidet oft selbst oder wird durch Kräfte jenseits seiner Kontrolle zum Opfer gemacht. Auch die Guten werden zu Opfern eines jeden Krieges, sei es ein innerer oder äußerer. Chiron-Pluto gibt uns die Möglichkeit, das Böse in uns auch als kollektives Problem zu sehen, das Gift unserer alten Wunden zu erkennen, und eine neue Perspektive zu entdecken, die uns gestattet, Frieden mit dem fehlerhaften Wesen unseres menschlichen Erbes zu machen. Vergebung und Demut sind absolut erforderlich für diese Konjunktion, und wir brauchen sie jetzt dringend. Ohne diese Eigenschaften, wenigstens in einem geringen Maß, spalten wir und bemerken, dass wir die Grausamkeiten selbst begehen - im Großen oder im Kleinen und ohne Bewusstsein oder moralische Reflexion. Vielleicht spüren wir Verbitterung über die Ungerechtigkeit und Bestechlichkeit der Gesetzgeber, unserer Politiker und unserer religiösen Einrichtungen. Vielleicht sind wir wütend und frustriert über die unergiebige Verfolgung serbischer Kriegsverbrecher oder die endlosen Gerichtsverhandlungen von allerhand Strolchen, die frei herumlaufen, weil die Gerissenheit ihrer Anwälte stärker war als die himmelschreiende Wahrheit. Vielleicht geben wir manchmal die Hoffnung auf für Palästina, Kosovo, Nord-Irland, Ruanda, Tschetschenien, Zimbabwe oder Sierra Leone. Es ist wahrscheinlich, dass wir in all diesen Dingen enttäuscht werden, denn sogar unsere größten Bemühungen bringen uns höchstens Kompromisse, aber keine Lösungen. Die Toten werden nicht wieder auferstehen. Und dennoch müssen wir einen Weg finden, damit zu leben und unseren Glauben in das zu erhalten, was wir als höchstes Gut definieren.

 

Sogar Astrologen wollen sich nicht unbedingt mit diesen Themen beschäftigen. Sie tauchen unaufgefordert auf, im Persönlichen und im Kollektiven, wenn Pluto und Chiron Aspekte zueinander bilden. Sie zwingen sich uns auf. In "New Age" Kreisen spricht man nicht gerne von solchen Themen, denn sie werden als "negativ" und "unspirituell" betrachtet. Wir denken heutzutage mehr nach als 1941 und wahrscheinlich auch mehr als 1883, als wir unseren Dünkel der rassischen Überlegenheit annahmen. Und doch: Wir haben gegenwärtig wahrscheinlich etwas mehr Bewusstsein als wir während früherer Pluto-Chiron Konjunktionen hatten. Der Wanderer, der Sündenbock, der verwundete Heiler, die heilende Wunde; das sind Chiron-Themen. Überleben, Kampf bis zum Tod, das Ende dessen, was seinen Zweck erfüllt hat, die Reinigung von der Vergangenheit, das verzweifelte Verlangen nach einer neuen Weltsicht: das sind Pluto-Themen. Es ist keine heitere Konjunktion, und doch könnte sie uns von so vielem befreien, in unserem persönlichen Leben und im Kollektiv. Im Mythos von Chiron geht es um das endgültige Annehmen des Todes, denn er kann seinen Schmerz, den er als Unsterblicher empfindet, nicht mehr länger ertragen. Vielleicht müssen wir uns unter dieser Konjunktion von unseren kindischen Träumen von Unsterblichkeit verabschieden, davon, dass sich ein göttlicher, besorgter Staat um uns kümmert. Vielleicht müssen wir uns von dem Glauben verabschieden, dass - in unserem Privatleben wie in der Außenwelt - das Gute immer offensichtlich erkennbar ist und belohnt wird, während das Böse bestraft wird. Heilung durch Chiron-Pluto geht einher mit einer geheimnisvollen Mischung aus hartem Realismus und tiefem Mitgefühl: es ist wichtig, die Welt so zu akzeptieren wie sie ist und dabei Verbitterung, passive Resignation und Opferhaltung zu vermeiden. Das ist, glaube ich, die tiefste Bedeutung der Chiron-Pluto Konjunktion.

 

lotos George Harrison starb am Donnerstag, den 29. November 2001 in Los Angeles um 13.30 Ortszeit



[1] Es gibt zugegebenermaßen einige Unklarheit bezüglich der Geburtszeit. Laut Taegers Internationalem Horoskope Lexikon ist Harrison am 25. Februar 1943 um 00.05 Ortszeit (23.05 GMT am 24. Februar) in Liverpool geboren. Taeger klassifiziert diese Daten als Gruppe 2P, was soviel heißt wie "ziemlich zuverlässig", da es sich um eine autobiographische Aussage handelt. Diese Daten habe ich oben benutzt. Doch laut Frank C. Clifford in "British Entertainers: The Astrological Profiles" (Flare Publications, London, 1997) sagte Harrison in einem Interview mit Tashi Grady in Billboard, dass ein Astrologe seine Geburtszeit auf 23.52 Ortszeit (22.52 GMT) korrigiert habe. Er hätte dann den Aszendenten auf 0° Skorpion. Der progressive Aszendent wäre dann bei 7° Schütze, aber die Pluto-Chiron Konjunktion wäre immer noch in Opposition zu seinem progressiven Saturn.

übersetzt von: Karin Hoffmann
© Liz Greene, Apollon / Astrodienst

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