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Spieglein, Spieglein an der Wand ...
Nur wenige Symbole haben in der Kunst und Literatur so häufig Verwendung gefunden wie der Spiegel,
auch abseits des Märchens ein "sprechendes" Bildsymbol. [...]
Jeder kennt die Worte, mit denen sich im Märchen die böse Königin
an den Spiegel wendet: "Spieglein,
Spieglein an der Wand..." Und der Spiegel antwortet! Nicht nur dies:
Obwohl gelb vor Neid, also ganz in ihrer Subjektivität gefangen, zweifelt
die Königin nicht einen Augenblick daran, dass der Spiegel ihr die Wahrheit
sagt. Der Spiegel ist Objekt und "objektiv". Ein Beispiel: Reinhold Messner
Unser erstes Beispiel hat zugegeben einen ausgeprägt "didaktischen" Charakter.
Es macht auf schlagende Weise klar, dass die Spiegelung des Horoskops nicht
etwa sekundäre Themen ins Spiel bringt, die allenfalls in einer verfeinerten
Deutung ihren Platz haben, sondern den Kern der astrologischen Aussage betrifft.

Das Horoskop Reinhold Messners gehört zu jenen, die mancher
Astrologe dem Kollegen als Rätselaufgabe an die Hand gibt, voller Gewissheit,
dass dieser alles nur Denkbare im Geburtsbild wiederfinden wird, kaum aber
auf den Gedanken verfallen würde, er habe es mit einer so "extremen" Persönlichkeit
zu tun. Wo bleibt der Wagemut Messners, wo der schier unglaubliche Wille,
der Hand in Hand ging mit einer über lange Jahre erworbenen Zähigkeit?
Und wenn das Horoskop schon nichts von den legendären Bergtouren Messners
preiszugeben scheint, so hätte man zumindest doch eine Besetzung des
Horoskops oberhalb des Horizontes erwartet. Schließlich ging Messner
ja nicht mit geschlossenen Augen durch die zahlreichen Länder und Berglandschaften,
die er besuchte. Selbstverständlich haben wir es auch in diesem Horoskop
mit dem "ganzen" Messner zu tun. Der oft vermerkte Selbstbezug,
von weniger Wohlmeinenden als Egomanie gebrandmarkt, liegt mit der nahezu
ausschließlichen Besetzung der ersten beiden Quadranten auf der Hand.
Aber der Mond als Geburtsherrscher am IC in der Jungfrau, gefolgt von vier
weiteren Planeten im 4. Haus – eine solche Anlage widerstrebt der Vorstellung
eines Nativen, der sich, bei aller Verbundenheit mit der Tiroler Heimat,
doch immer wieder von den ungeheuren Bergwelten des Himalaya herausfordern
ließ. Auch der Einwand, es sei Messner doch immer auch, wenn nicht
gar an erster Stelle um das "innere Erlebnis" gegangen, kann nicht
wirklich stechen und das offenkundige Defizit beseitigen, das der Astrologe
hier einräumen muss. Es bleibt – um es vorsichtig zu sagen –
ein unbefriedigender Befund.
Werfen wir nun aber einen Blick auf das gespiegelte Horoskop.
Bei genauerem Hinsehen wird der Betrachter rasch die eigentümliche
Entsprechung zu unserem Ausgangsbild erkennen.

Wir haben es mit der gleichen Planetenabfolge zu tun – nur: diese
Reihenfolge hat sich in exakter Weise umgekehrt, außerdem finden sich
alle Planeten in anderen Tierkreiszeichen wieder. Was der Betrachter dieses
Bildes sieht, ist die Spiegelung des Horoskops von Reinhold Messner. Diese
Umkehrung ist dadurch bewirkt, dass wir jeden Planeten an die Stelle seines
Spiegelpunktes gesetzt haben.
Spiegelung - technisch gesehen
Stellen wir zunächst klar, was unter Spiegelung "technisch" gesehen
zu verstehen ist. Wir spiegeln im Tierkreis in der Regel über die Achse
0° Krebs/0° Steinbock. Genauer wäre es zu sagen, dass wir über
den jeweils ersten Grad dieser Zeichen spiegeln, denn einen "nullten" Grad
gibt es natürlich nicht. Also spiegelt sich der Krebs in den Zwillingen – und
dieser im Krebs, weiter stehen Stier und Löwe im Spiegelungsverhältnis,
dann Jungfrau und Widder, Waage und Fische, schließlich Schütze
und Steinbock. Es spiegeln sich also die kardinalen Zeichen in den veränderlichen,
während die fixen sich untereinander spiegeln. Das Spiegelverhältnis
lässt sich jeweils exakt auf Grad und Minuten bestimmen.

Bei Reinhold Messner steht die Sonne auf 24° 54’. Ihr Spiegelpunkt
fällt also in den Widder, und dort auf 30° minus 24° 54’,
also auf 05° 06’. Der Mond spiegelt sich auf dem dreizehnten Grad
im Widder, und zwar exakt auf 12° 22’. So findet sich für
jeden Planeten der entsprechende Spiegel. In der gleichen Weise kann ich
mit Aszendent und MC verfahren, selbst mit den Zwischenhäuserspitzen. [...]
Doch zurück zum gespiegelten Horoskop Messners: Schlagartig hat die
Umkehrung des Horoskops das offengelegt, was wir im Ausgangshoroskop vermisst
haben. Das 10. Haus ist nun das dominante, der Neumond steht jetzt im Widder.
Unvermittelt sind die ungestüme Energie, aber auch die Zähigkeit
und der unbändige Leistungsdrang des Alpinisten sichtbar geworden. Der
Mond steht im Kardinalzeichen im 10. Haus: der persönliche Mut und die
Eigeninitiative richten sich auf überpersönliche Ziele. Vor allem
aber: Mars steht in Konjunktion mit dem MC, es ergibt sich damit das Bild
des Gipfelstürmers. Auch dass diese Spitze in die Fische gestellt ist,
hat seine genaue Entsprechung. Messner galten seine "Gipfelerfahrungen"("peak
experiences") als nahezu mystische Transzendenzerfahrungen.
Natürlich werden wir nicht das Spiegelhoroskop als das "bessere" präsentieren.
Der Leser wird mit gutem Recht annehmen, dass Bild und Spiegelbild wohl nicht
allzu häufig eine derart frappierende Differenz aufweisen. [...]
Das Spiegelbild ist schon deswegen nicht isoliert vom "Originalbild" zu
betrachten, weil es eben nur diesem seine Existenz verdankt. Andererseits
aber ist das Spiegelbild alles andere als ein gedankliches Konstrukt oder
gar, schlimmer noch, eine Art astrologische Taschenspielerei. Wir werden
uns die Frage stellen müssen, wie das Verhältnis von Radix und
Spiegelbild grundsätzlich zu werten ist. [...]
Spiegelpunkte - Schattenpunkte
Spiegelung vs. Polarität In Unkenntnis der Spiegelachse im Tierkreis könnte man spontan annehmen,
dass doch die Gegenzeichen als Spiegelzeichen zu verstehen seien. Der erste
Grad des Widders wäre demzufolge im letzten Grad der Waage gespiegelt.
Doch analog zum geometrischen Bild vollzieht sich die Spiegelung im Tierkreis
und im individuellen Horoskop über eine Spiegelachse. Polarität
und Spiegelung dürfen nicht verwechselt werden.
Planeten und Zeichen, die sich gegenüberstehen, also eine Opposition
bilden, mögen sich "feindlich" gesinnt sein, doch ist das
stete Gegenüber mental oder auch emotional dem Bewusstsein präsent – und
oft genug auch Ziel des eigenen Strebens. [...] Das opponierende Zeichen
verkörpert den bewusst wahrgenommenen Gesichtskreis, den Horizont, wenn
man so will: das Du. Diese Wahrnehmung ist eine bewusste Erfahrung des Ichs,
es schließt die Unterscheidung von "Ich" und "Nicht-Ich" ein.
Anders bei den Tierkreiszeichen, die auf- oder vielleicht gar besser: ineinander
gespiegelt werden: Hier ist die Beziehung verdeckter, unbewusster. Der Gegenschatten
wird oft als fremd empfunden, als der Eigenperson nicht wesensgemäß erfahren.
Der mit dem Werk C.G. Jungs Vertraute wird spätestens an dieser Stelle
aufmerken. Auch Jung sprach vom Schatten als immer präsentem, vielfach
jedoch geleugnetem Teil der Persönlichkeit. Die Abwehr des Schattens
erzeugt Fehlhaltungen und verhängnisvolle Kompensationen und Projektionen.
Seine gelungene Integration – und dies bedeutet vor allem Bewusstwerdung – ist
Teil der Jungschen Individuation.
Ohne Frage kommen sich damit der astrologische Schattenbegriff und derjenige
C.G. Jungs nahe. Eine Reihe unserer Beispiele wird dies belegen können.
Man wird dort wiederholt den typischen Mustern der Verdrängung und Kompensation
begegnen.
Es gilt hier aber, einen Vorbehalt zu machen. Der Schatten im Tierkreis
ist wirksam – oder genauer: kann wirksam werden – vor allem in
der "lunaren" Dimension des Wunsches, der emotionalen Bedürfnisse.
Zu den wenigen Astrologen, die die Spiegelpunkte nicht nur angewendet haben,
sondern auch deren Essenz nachgegangen sind, gehörte einer der Altmeister
der deutschen Vorkriegsastrologie, Friedrich Glahn. Bereits Glahn sprach
von den Wirkungen der Spiegelpunkte auf der Ebene des Unbewussten, wo sie
Gedanken und Wünsche weckten. Ihm zufolge sind es erst die Spiegelungen,
die den Einblick in die inneren seelischen Welten eröffnen. Der Schluss,
den er zieht, ist bemerkenswert konsequent: "Und so kommen wir zu der überraschenden
Entdeckung, dass die Planeten selbst die Ereignisse verursachen oder anzeigen
und die Spiegelpunkte die inneren Gründe, die zum Handeln geführt
haben." Allzu rasch kann aus einem solchen Wunsch ein rational nicht
zu erfassender Sog werden, nicht selten zum Nachteil des Nativen, so auch
im folgenden Beispiel.
Geldverlust
Dem Nativen wurden, als er etwa ein Mittzwanziger war, annähernd
200.000 DM von den Eltern als frühzeitiger Erbschaftsanteil ausgezahlt.
Wenig später vertraute er das komplette Kapital einem Anlageberater
an, der in seinen Augen als solide gelten konnte. Das Geld sollte in US-amerikanische Ölgeschäfte
investiert werden, weit überdurchschnittliche Rendite wurden zugesichert.
Der Native versäumte es, hinsichtlich der Seriosität der Anlageberater
die nötigen Erkundigungen einzuziehen. Nach Ablauf von zirka zwei Jahren
waren, allen Zusicherungen zuwider, noch keinerlei Rendite zurückgeflossen.
Inzwischen hatte sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, da nunmehr ein
Betrug auf breiter Front zur Gewissheit geworden war. Dem Horoskopeigner
war mit dem Verfahren nicht geholfen, die gesamte Summe war verlorengegangen.

Das Elternhaus ist im 4. Haus des
Horoskops zu finden. Dessen Herrscher, Saturn, steht im 2. Haus – das
Geld sollte dem Nativen eine sichere Kapitaldecke für dessen beruflichen
Start ermöglichen (vorgesehen war eine Ausbildung im heilmedizinischen
Bereich). Saturns Spiegelpunkt befindet sich im (indirekten) Oppositions-Spiegelpunkt
zu Uranus. Zwar stehen die beiden Planeten im Trigon, der Spiegelpunkt deutet
indes an, dass hier das Erbe einem Risiko ausgesetzt war.
Uranus und Neptun befinden sich auf einem kritischen Grad, der eine auf
dem letzten, der andere auf dem ersten Grad eines Zeichens, während
der rückläufige Merkur auf dem Wege zu einem solchen Grad ist.
Wir verstehen diese Grade keineswegs als unheilvolle, gemeint ist zunächst
nur, dass Planeten in einer solchen Position gewissermaßen "unter
Entscheidungsdruck" stehen, dies in dem Sinne, dass häufig in dem
angezeigten Bereich eine Zäsur bevorsteht oder aber sich gerade ereignet
hat.
Uranus kommt aus dem 5. Haus und die starke Spannung, der er sich ausgesetzt
sieht, lässt die Versuchung zum Risiko erkennen. Es muss sich nicht
notwendig dabei um ein Spiel des "Alles oder nichts" handeln, doch
mit Blick auf den genannten kritischen Grad ist der Drang, eine Situation "auf
die Kippe zu stellen" dem Horoskop eingeschrieben. Auch das inhaltliche
Bezugsfeld ist angedeutet, denn mit Uranus im Krebs in Haus zehn ist die
Elternachse mit diesem "Wer wagt, gewinnt"-Thema verbunden.
Pluto, Herrscher des 2. Hauses steht in Konjunktion mit Jupiter im Löwen,
nach traditioneller Lesart die Kapitalakkumulation. Aber Saturns Quadrat
zeigt dem Grenzen auf, und nicht minder wichtig: die Konjunktion finden wir
im Oppositions-Spiegelpunkt zu Neptun. Ein Planet im T-Quadrat – hier
Neptun auf dem ersten Grad Skorpion – wird bei entsprechenden Transiten
oder sonstigen Auslösungen gravierender Art oft unvermittelt zum "Ort
der Entscheidung", nicht selten auch zum "point of no return".
Mit der Auslösung dieses Komplexes stand der Horoskopeigner nicht nur
mittellos da, zudem drohte auch ein schweres Zerwürfnis mit dem Elternhaus.
Der Native traute sich über lange Zeit nicht, den erlittenen Verlust
einzugestehen. Der berufliche Werdegang hatte sich der neuen Lage anzupassen,
eine kürzere, mit Not noch finanzierbare Ausbildung musste nun genügen.
Die Anlageberater hatten vorgegeben, die Investitionen nur "positiven", ökologischen
Zwecken zukommen zu lassen. Es erwies sich jedoch, dass sie mit einer sich
esoterisch gebenden Sekte liiert waren, die sich nicht scheute, von "spirituellem
Geld" zu reden, wenn es darum ging, die Kunden dazu zu bewegen, ihnen
ihr Kapital zu überlassen. Auch der Native zeigte sich in dieser Phase
seines Lebens ansprechbar, zumal einige seiner Bekannten und Freunde "mitzogen".
Möglicherweise stand hinter der Verführbarkeit durch das vermeintlich
Esoterische die Tatsache, dass der Spiegelpunkt des Deszendenten auf die
Spitze des 12. Hauses fällt.
Spiegelungen geben Einblick in die verborgenen Motive, die zum Handeln führen.
Oft bilden diese eine komplexe Mischung aus Hoffnungen und Befürchtungen,
und fast immer schaffen sie eine Erwartungshaltung. Wie groß ist der
Anteil der Handlungen, die wir primär oder gar ausschließlich
aus dem bewussten rationalen Urteil ableiten? Sigmund Freuds berühmtes
Wort "Wo 'Es’ war soll 'Ich’ werden" meint
eben dies: dass die Ich-Werdung dann gelingt, wenn sie das "irrationale" Geflecht
dieser Handlungsmotive transparent macht.
Entnommen aus:
Klaus Wessel:
Spiegelpunkte im Horoskop. Die Integration des Schattens
Chiron Verlag, Tübingen, 2004.
[gekürzte und angepasste Fassung]
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www.astronova.com
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