Spiegelpunkte im Horoskop

von Klaus Wessel


Spieglein, Spieglein an der Wand ...

Spiegelpunkte im Horoskop
Bestellen unter:
www.astronova.de
Nur wenige Symbole haben in der Kunst und Literatur so häufig Verwendung gefunden wie der Spiegel, auch abseits des Märchens ein "sprechendes" Bildsymbol. [...]
Jeder kennt die Worte, mit denen sich im Märchen die böse Königin an den Spiegel wendet: "Spieglein, Spieglein an der Wand..." Und der Spiegel antwortet! Nicht nur dies: Obwohl gelb vor Neid, also ganz in ihrer Subjektivität gefangen, zweifelt die Königin nicht einen Augenblick daran, dass der Spiegel ihr die Wahrheit sagt. Der Spiegel ist Objekt und "objektiv".

Ein Beispiel: Reinhold Messner

Unser erstes Beispiel hat zugegeben einen ausgeprägt "didaktischen" Charakter. Es macht auf schlagende Weise klar, dass die Spiegelung des Horoskops nicht etwa sekundäre Themen ins Spiel bringt, die allenfalls in einer verfeinerten Deutung ihren Platz haben, sondern den Kern der astrologischen Aussage betrifft.

Das Horoskop Reinhold Messners gehört zu jenen, die mancher Astrologe dem Kollegen als Rätselaufgabe an die Hand gibt, voller Gewissheit, dass dieser alles nur Denkbare im Geburtsbild wiederfinden wird, kaum aber auf den Gedanken verfallen würde, er habe es mit einer so "extremen" Persönlichkeit zu tun. Wo bleibt der Wagemut Messners, wo der schier unglaubliche Wille, der Hand in Hand ging mit einer über lange Jahre erworbenen Zähigkeit? Und wenn das Horoskop schon nichts von den legendären Bergtouren Messners preiszugeben scheint, so hätte man zumindest doch eine Besetzung des Horoskops oberhalb des Horizontes erwartet. Schließlich ging Messner ja nicht mit geschlossenen Augen durch die zahlreichen Länder und Berglandschaften, die er besuchte. Selbstverständlich haben wir es auch in diesem Horoskop mit dem "ganzen" Messner zu tun. Der oft vermerkte Selbstbezug, von weniger Wohlmeinenden als Egomanie gebrandmarkt, liegt mit der nahezu ausschließlichen Besetzung der ersten beiden Quadranten auf der Hand. Aber der Mond als Geburtsherrscher am IC in der Jungfrau, gefolgt von vier weiteren Planeten im 4. Haus – eine solche Anlage widerstrebt der Vorstellung eines Nativen, der sich, bei aller Verbundenheit mit der Tiroler Heimat, doch immer wieder von den ungeheuren Bergwelten des Himalaya herausfordern ließ. Auch der Einwand, es sei Messner doch immer auch, wenn nicht gar an erster Stelle um das "innere Erlebnis" gegangen, kann nicht wirklich stechen und das offenkundige Defizit beseitigen, das der Astrologe hier einräumen muss. Es bleibt – um es vorsichtig zu sagen – ein unbefriedigender Befund.

Werfen wir nun aber einen Blick auf das gespiegelte Horoskop. Bei genauerem Hinsehen wird der Betrachter rasch die eigentümliche Entsprechung zu unserem Ausgangsbild erkennen.

Wir haben es mit der gleichen Planetenabfolge zu tun – nur: diese Reihenfolge hat sich in exakter Weise umgekehrt, außerdem finden sich alle Planeten in anderen Tierkreiszeichen wieder. Was der Betrachter dieses Bildes sieht, ist die Spiegelung des Horoskops von Reinhold Messner. Diese Umkehrung ist dadurch bewirkt, dass wir jeden Planeten an die Stelle seines Spiegelpunktes gesetzt haben.

Spiegelung - technisch gesehen

Stellen wir zunächst klar, was unter Spiegelung "technisch" gesehen zu verstehen ist. Wir spiegeln im Tierkreis in der Regel über die Achse 0° Krebs/0° Steinbock. Genauer wäre es zu sagen, dass wir über den jeweils ersten Grad dieser Zeichen spiegeln, denn einen "nullten" Grad gibt es natürlich nicht. Also spiegelt sich der Krebs in den Zwillingen – und dieser im Krebs, weiter stehen Stier und Löwe im Spiegelungsverhältnis, dann Jungfrau und Widder, Waage und Fische, schließlich Schütze und Steinbock. Es spiegeln sich also die kardinalen Zeichen in den veränderlichen, während die fixen sich untereinander spiegeln. Das Spiegelverhältnis lässt sich jeweils exakt auf Grad und Minuten bestimmen.

Bei Reinhold Messner steht die Sonne auf 24° 54’. Ihr Spiegelpunkt fällt also in den Widder, und dort auf 30° minus 24° 54’, also auf 05° 06’. Der Mond spiegelt sich auf dem dreizehnten Grad im Widder, und zwar exakt auf 12° 22’. So findet sich für jeden Planeten der entsprechende Spiegel. In der gleichen Weise kann ich mit Aszendent und MC verfahren, selbst mit den Zwischenhäuserspitzen. [...]

Doch zurück zum gespiegelten Horoskop Messners: Schlagartig hat die Umkehrung des Horoskops das offengelegt, was wir im Ausgangshoroskop vermisst haben. Das 10. Haus ist nun das dominante, der Neumond steht jetzt im Widder. Unvermittelt sind die ungestüme Energie, aber auch die Zähigkeit und der unbändige Leistungsdrang des Alpinisten sichtbar geworden. Der Mond steht im Kardinalzeichen im 10. Haus: der persönliche Mut und die Eigeninitiative richten sich auf überpersönliche Ziele. Vor allem aber: Mars steht in Konjunktion mit dem MC, es ergibt sich damit das Bild des Gipfelstürmers. Auch dass diese Spitze in die Fische gestellt ist, hat seine genaue Entsprechung. Messner galten seine "Gipfelerfahrungen"("peak experiences") als nahezu mystische Transzendenzerfahrungen.
Natürlich werden wir nicht das Spiegelhoroskop als das "bessere" präsentieren. Der Leser wird mit gutem Recht annehmen, dass Bild und Spiegelbild wohl nicht allzu häufig eine derart frappierende Differenz aufweisen. [...]

Das Spiegelbild ist schon deswegen nicht isoliert vom "Originalbild" zu betrachten, weil es eben nur diesem seine Existenz verdankt. Andererseits aber ist das Spiegelbild alles andere als ein gedankliches Konstrukt oder gar, schlimmer noch, eine Art astrologische Taschenspielerei. Wir werden uns die Frage stellen müssen, wie das Verhältnis von Radix und Spiegelbild grundsätzlich zu werten ist. [...]

Spiegelpunkte - Schattenpunkte

Spiegelung vs. Polarität

In Unkenntnis der Spiegelachse im Tierkreis könnte man spontan annehmen, dass doch die Gegenzeichen als Spiegelzeichen zu verstehen seien. Der erste Grad des Widders wäre demzufolge im letzten Grad der Waage gespiegelt. Doch analog zum geometrischen Bild vollzieht sich die Spiegelung im Tierkreis und im individuellen Horoskop über eine Spiegelachse. Polarität und Spiegelung dürfen nicht verwechselt werden.

Planeten und Zeichen, die sich gegenüberstehen, also eine Opposition bilden, mögen sich "feindlich" gesinnt sein, doch ist das stete Gegenüber mental oder auch emotional dem Bewusstsein präsent – und oft genug auch Ziel des eigenen Strebens. [...] Das opponierende Zeichen verkörpert den bewusst wahrgenommenen Gesichtskreis, den Horizont, wenn man so will: das Du. Diese Wahrnehmung ist eine bewusste Erfahrung des Ichs, es schließt die Unterscheidung von "Ich" und "Nicht-Ich" ein.

Anders bei den Tierkreiszeichen, die auf- oder vielleicht gar besser: ineinander gespiegelt werden: Hier ist die Beziehung verdeckter, unbewusster. Der Gegenschatten wird oft als fremd empfunden, als der Eigenperson nicht wesensgemäß erfahren. Der mit dem Werk C.G. Jungs Vertraute wird spätestens an dieser Stelle aufmerken. Auch Jung sprach vom Schatten als immer präsentem, vielfach jedoch geleugnetem Teil der Persönlichkeit. Die Abwehr des Schattens erzeugt Fehlhaltungen und verhängnisvolle Kompensationen und Projektionen. Seine gelungene Integration – und dies bedeutet vor allem Bewusstwerdung – ist Teil der Jungschen Individuation.

Ohne Frage kommen sich damit der astrologische Schattenbegriff und derjenige C.G. Jungs nahe. Eine Reihe unserer Beispiele wird dies belegen können. Man wird dort wiederholt den typischen Mustern der Verdrängung und Kompensation begegnen.

Es gilt hier aber, einen Vorbehalt zu machen. Der Schatten im Tierkreis ist wirksam – oder genauer: kann wirksam werden – vor allem in der "lunaren" Dimension des Wunsches, der emotionalen Bedürfnisse. Zu den wenigen Astrologen, die die Spiegelpunkte nicht nur angewendet haben, sondern auch deren Essenz nachgegangen sind, gehörte einer der Altmeister der deutschen Vorkriegsastrologie, Friedrich Glahn. Bereits Glahn sprach von den Wirkungen der Spiegelpunkte auf der Ebene des Unbewussten, wo sie Gedanken und Wünsche weckten. Ihm zufolge sind es erst die Spiegelungen, die den Einblick in die inneren seelischen Welten eröffnen. Der Schluss, den er zieht, ist bemerkenswert konsequent: "Und so kommen wir zu der überraschenden Entdeckung, dass die Planeten selbst die Ereignisse verursachen oder anzeigen und die Spiegelpunkte die inneren Gründe, die zum Handeln geführt haben." Allzu rasch kann aus einem solchen Wunsch ein rational nicht zu erfassender Sog werden, nicht selten zum Nachteil des Nativen, so auch im folgenden Beispiel.

Geldverlust

Dem Nativen wurden, als er etwa ein Mittzwanziger war, annähernd 200.000 DM von den Eltern als frühzeitiger Erbschaftsanteil ausgezahlt. Wenig später vertraute er das komplette Kapital einem Anlageberater an, der in seinen Augen als solide gelten konnte. Das Geld sollte in US-amerikanische Ölgeschäfte investiert werden, weit überdurchschnittliche Rendite wurden zugesichert. Der Native versäumte es, hinsichtlich der Seriosität der Anlageberater die nötigen Erkundigungen einzuziehen. Nach Ablauf von zirka zwei Jahren waren, allen Zusicherungen zuwider, noch keinerlei Rendite zurückgeflossen. Inzwischen hatte sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, da nunmehr ein Betrug auf breiter Front zur Gewissheit geworden war. Dem Horoskopeigner war mit dem Verfahren nicht geholfen, die gesamte Summe war verlorengegangen.

Das Elternhaus ist im 4. Haus des Horoskops zu finden. Dessen Herrscher, Saturn, steht im 2. Haus – das Geld sollte dem Nativen eine sichere Kapitaldecke für dessen beruflichen Start ermöglichen (vorgesehen war eine Ausbildung im heilmedizinischen Bereich). Saturns Spiegelpunkt befindet sich im (indirekten) Oppositions-Spiegelpunkt zu Uranus. Zwar stehen die beiden Planeten im Trigon, der Spiegelpunkt deutet indes an, dass hier das Erbe einem Risiko ausgesetzt war.

Uranus und Neptun befinden sich auf einem kritischen Grad, der eine auf dem letzten, der andere auf dem ersten Grad eines Zeichens, während der rückläufige Merkur auf dem Wege zu einem solchen Grad ist. Wir verstehen diese Grade keineswegs als unheilvolle, gemeint ist zunächst nur, dass Planeten in einer solchen Position gewissermaßen "unter Entscheidungsdruck" stehen, dies in dem Sinne, dass häufig in dem angezeigten Bereich eine Zäsur bevorsteht oder aber sich gerade ereignet hat.

Uranus kommt aus dem 5. Haus und die starke Spannung, der er sich ausgesetzt sieht, lässt die Versuchung zum Risiko erkennen. Es muss sich nicht notwendig dabei um ein Spiel des "Alles oder nichts" handeln, doch mit Blick auf den genannten kritischen Grad ist der Drang, eine Situation "auf die Kippe zu stellen" dem Horoskop eingeschrieben. Auch das inhaltliche Bezugsfeld ist angedeutet, denn mit Uranus im Krebs in Haus zehn ist die Elternachse mit diesem "Wer wagt, gewinnt"-Thema verbunden.

Pluto, Herrscher des 2. Hauses steht in Konjunktion mit Jupiter im Löwen, nach traditioneller Lesart die Kapitalakkumulation. Aber Saturns Quadrat zeigt dem Grenzen auf, und nicht minder wichtig: die Konjunktion finden wir im Oppositions-Spiegelpunkt zu Neptun. Ein Planet im T-Quadrat – hier Neptun auf dem ersten Grad Skorpion – wird bei entsprechenden Transiten oder sonstigen Auslösungen gravierender Art oft unvermittelt zum "Ort der Entscheidung", nicht selten auch zum "point of no return". Mit der Auslösung dieses Komplexes stand der Horoskopeigner nicht nur mittellos da, zudem drohte auch ein schweres Zerwürfnis mit dem Elternhaus. Der Native traute sich über lange Zeit nicht, den erlittenen Verlust einzugestehen. Der berufliche Werdegang hatte sich der neuen Lage anzupassen, eine kürzere, mit Not noch finanzierbare Ausbildung musste nun genügen.

Die Anlageberater hatten vorgegeben, die Investitionen nur "positiven", ökologischen Zwecken zukommen zu lassen. Es erwies sich jedoch, dass sie mit einer sich esoterisch gebenden Sekte liiert waren, die sich nicht scheute, von "spirituellem Geld" zu reden, wenn es darum ging, die Kunden dazu zu bewegen, ihnen ihr Kapital zu überlassen. Auch der Native zeigte sich in dieser Phase seines Lebens ansprechbar, zumal einige seiner Bekannten und Freunde "mitzogen". Möglicherweise stand hinter der Verführbarkeit durch das vermeintlich Esoterische die Tatsache, dass der Spiegelpunkt des Deszendenten auf die Spitze des 12. Hauses fällt.

Spiegelungen geben Einblick in die verborgenen Motive, die zum Handeln führen. Oft bilden diese eine komplexe Mischung aus Hoffnungen und Befürchtungen, und fast immer schaffen sie eine Erwartungshaltung. Wie groß ist der Anteil der Handlungen, die wir primär oder gar ausschließlich aus dem bewussten rationalen Urteil ableiten? Sigmund Freuds berühmtes Wort "Wo 'Es’ war soll 'Ich’ werden" meint eben dies: dass die Ich-Werdung dann gelingt, wenn sie das "irrationale" Geflecht dieser Handlungsmotive transparent macht.

 

Entnommen aus:
Klaus Wessel:
Spiegelpunkte im Horoskop. Die Integration des Schattens
Chiron Verlag, Tübingen, 2004.

[gekürzte und angepasste Fassung]

Sie können dieses Buch bestellen unter
www.astronova.de

 

Astro-Databank
Astro-Databank
Astro Wiki
AstroWiki
Aktuelle Planetenstände
24-Jul-2014, 07:58 Weltzeit
Sonne1Löwe21'51"
Mond2Krebs30'59"
Merkur15Krebs18'45"
Venus6Krebs56' 9"
Mars29Waage4'58"
Jupiter1Löwe45'15"
Saturn16Skorpion39'14"
Uranus16Widder30'23"r
Neptun7Fische5'58"r
Pluto11Steinbock48' 8"r
Mondkn.(w)23Waage16'20"r
Chiron17Fische15'18"r
Erklärungen der Symbole
Horoskop des Moments
Werbung
Loading