Mars, Venus
und das emotionale Leben

von Dane Rudhyar


Frühling und Herbst

Dane Rudhyar
(1895-1985)
Die Tierkreiszeichen, die in der traditionellen Astrologie von Mars und Venus regiert werden, stellen einen äußerst wichtigen Hinweis für die Bedeutung und die Richtung der beiden Grundaspekte des emotionalen Lebens im heutigen Menschen dar. Einer dieser Gesichtspunkte bezieht sich auf den Frühling, der andere auf den Herbst. Mars und Venus, sagt man, regieren sowohl den Beginn des Frühlings als auch des Herbstes; das heißt Widder-Stier und Waage-Skorpion. Doch während Mars über das erste und Venus über das zweite Frühlingszeichen regiert, regiert Venus über das erste Herbstzeichen und Mars über das zweite. Diese Umkehrung hat sowohl eine tiefe als auch eine sehr praktische Bedeutung. Sie enthüllt den Unterschied zwischen dem Frühlings- und dem Herbstleben; das eine hat seinen Ursprung in marsischer Impulsivität, das andere ist durch die nach innen gerichtete Kraft von Venus charakterisiert, die «Magnetfelder» erzeugt, innerhalb derer Aktivitäten der einen oder anderen Art integriert sind. Die Resultate dieser Aktivitäten werden durch irgendwelche neuen Kanäle zu irgendeinem zukünftigen Frühling freigelassen.

Die grundsätzlichen Eigenschaften des Frühlings und des Herbstes sind in den beiden Tag-und-Nacht-Gleichen konzentriert, dem ersten Grad Widder und dem ersten Grad Waage. Der erste Widdergrad ist durch ein marsisches Auftauchen aus der «Gebärmutter» des kollektiven Lebens der Menschheit charakterisiert – symbolisch durch das Meer dargestellt, aus dem das Leben auf unserem Planeten auftauchte. Der erste Waagegrad bezeichnet die Festsetzung jener Züge und Qualitäten in der bis dahin getrennten Persönlichkeit, die die archetypische und unsterbliche Natur jedes Menschen ausmachen, seine göttliche Nachfolge. Mit Waage beginnt also die erste Stufe in einem Prozess der Umgestaltung der individuellen Persönlichkeit, an deren Ende diese eine perfekte Entsprechung des Schöpfers wird.

Marsisches Auftauchen und venusische Umgestaltung bilden die beiden Pole der Entfaltung der individuellen Persönlichkeit des Menschen. Das Gefühlsleben des Menschen ist durch diese beiden Richtungen oder Kräfte polarisiert. Er muss sein Selbst als eine auftauchende und getrennte individuelle Person erkennen, die von einem Ego strukturiert ist, dessen «Gravitationszentrum» das Gefühl «Ich bin ich, diese bestimmte und einzigartige Person» ist. [...]

In der Waage erkennt das Individuum seine soziale, kulturelle und spirituelle Verwandtschaft mit anderen Menschen; zuerst mit einer bestimmten Gemeinschaft und Kultur, dann mit der gesamten Menschheit. Im Widder andererseits sucht der Mensch in die weite Welt hinauszugehen, eifrig vor allem darauf erpicht, sich sein Selbst zu beweisen – das heißt darauf, diese Individualität, die er in sich regen fühlt, zu entwerfen und auszudrücken. Doch diese Individualität steht noch auf der ersten Stufe des Auftauchens aus einer Art kollektiven Gebärmutter, die von ihr ungeteilte Ergebenheit fordert – eine Familie, ein Stamm, eine bindende Religion, eine angestammte Kultur. Der Mars-regierte Widder stellt eine Bewegung nach außen in den Raum dar; die Venus-regierte Waage eine Bewegung nach innen auf eine gemeinsame Realität zu. Mars ist der erste Planet außerhalb der Umlaufbahn der Erde, somit ein Brennpunkt für jeden nach außen gerichteten Ausdruck. Venus ist der erste Planet innerhalb der Umlaufbahn der Erde, somit ein Brennpunkt für alle Versuche, ein Zentrum zu erreichen. Mars ist der Zugang zum äußeren Raum, Venus der Zugang zur Sonne. Das emotionale Leben des Menschen schwingt zwischen den Wegen, die durch diese Tore führen.

Keimung setzt einen Samen voraus

Mars und Venus sind die wichtigsten astrologischen Symbole für das emotionale Leben, das heißt also für die Art und Weise, in der die Fortpflanzungsenergien des Lebens und die Wünsche der individuellen Seite wirken, indem sie Ausdruck und Befriedigung suchen. Wir sagten, dass diese Wünsche in zwei grundsätzliche Richtungen agieren: nach außen (Mars, als Herrscher des Widders) und nach innen (Venus, als Herrscher der Waage).

Widder ist das Symbol aller Keimungsprozesse; und dies nicht nur auf den biologischen, sondern auch auf den psychologischen und sogar auf den kosmologischen Ebenen. Und Keimung setzt einen Samen voraus. Sie ist das Hervorbrechen der Substanz des Samens und die Freilassung der darin enthaltenen Energien – Substanz und Energien entfalten sich gemäß eines Planes (oder Muster organischen Wachstums), der dem Samen auf geheimnisvolle Weise innewohnt. [...]

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In unserer Astrologie beginnt der jährliche Zyklus des Tierkreises mit dem Erscheinen neuer Lebensformen, mit dem Keimungsvorgang im Widder. Doch die Keimung, die einen neuen Zyklus beginnt, setzt einen Samen voraus, der vom Höhepunkt des vorausgehenden Zyklus kommt – und ich sollte hinzufügen, nicht immer vom unmittelbar vorangehenden. Venus regiert über alle Samen und Saatprozesse; doch diese Venus ist sicher nicht Venus als Herrscher des «weiblichen» Zeichens Stier (ihr «Nachthaus» nach der mittelalterlichen Terminologie); ein Zeichen, das dem Vorgang, der im Widder begann, Substanz gibt. Es ist die herbstliche Venus, Herrscher des «männlichen» Zeichens Waage – des Zeichens, das, zumindest symbolisch, die Vollendung des Saatvorgangs und die Freilassung (Herbst oder Ernte) des Samens von der Pflanze oder von jedem anderen organischen Ganzen, egal auf welcher Ebene, erlebt.

Man sagt traditionellerweise, dass «hinter dem Willen das Verlangen steht»; d.h. dass der Mensch seinen Willen nur im Zusammenhang mit dem, was er wünscht, erheben kann. Doch man muss noch weiter gehen: Der Mensch kann nur wünschen, was er zu schätzen gelernt hat (ob durch Erziehung oder Selbsterkenntnis). Somit regiert die herbstliche Venus die erste und grundlegende Phase in der Entwicklung des Wertgefühls. Kultur und Ethik in jeder menschlichen Gemeinschaft, der individuelle Charakter in jeder Einzelperson entspringen einem solchen Wertgefühl. Dieses Gefühl entfaltet sich durch die Periode von der Waage zu den Fischen – passiv im primitiven Menschen, aktiv in den Menschen, die wahrlich individualisiert wurden oder, symbolisch gesprochen, die bewusst zu den «Samen» ihrer eigenen zukünftigen Zyklen geworden sind. Auf der Grundlage dieser Venus-Faktoren – Wertgefühl, Samen etc. – wirkt der marsische Keimungsimpuls im Widder. Die herbstliche Venus legt somit den Charakter des Seins fest (ob auf der Ebene biologischer Arten, sozial kollektiver Kultur oder bewusster individueller Vision und Absicht), der Frühlings-Mars das Verlangen und das Vermögen für Selbstausdruck (dieses Selbst kann kollektiv oder individuell sein), das heißt die Verwirklichung von Charakter, Vision, Ideal oder Wert im konkreten Leben.
[...]

Die Deutung von Mars und Venus im Geburtshoroskop

[Bei der Deutung von Venus und Mars des Geborenen sollte der Astrologe auch] die Beziehung zwischen diesen beiden Planeten [betrachten], wie sie im Geburtshoroskop bestehen und wie sie sich durch Progressionen und Transite entwickeln. Die Geburtsstellungen selbst sollten als Phasen eines besonderen Zyklus gesehen werden, der vor der Geburt der Person mit der letzten Konjunktion dieser beiden Planeten begann. Mit anderen Worten: Ein getrenntes Urteil über Venus oder Mars macht nicht viel Sinn in Bezug auf ein wirkliches Verstehen des emotionalen Lebens einer Person. [...]

Venus und Mars sind die beiden Planeten, die unsere Erde unmittelbar umkreisen, und sie symbolisieren in der Tat die intimsten Faktoren im persönlichen Leben – die Unmittelbarkeit und Spontaneität des Seins, egal ob «Sein» auf der generischen und biologischen Ebene oder im Sinne eines individualisierten und psychologischen Selbst verstanden wird. [...]

Wie sehr auch immer materialistische Denker glauben mögen, dass das Erbe und die Umwelt einen Menschen ganz und gar bestimmen, es gibt wenige unter ihnen, die sich weigern zuzugeben, dass es in jedem Menschen ein Element persönlicher Freiheit und reiner Spontaneität des Seins gibt, wie schwach und unwirksam auch immer. Es gibt ein Gebiet, in dem der Mensch fühlt, «ich bin ich», und von dem aus er sich in reinem Selbstausdruck nach außen zu bewegen betrachtet, auf alles zu, was ihm gut, wünschenswert und erfüllend erscheint. Dieses Gebiet intimen Seins ist die Domäne von Venus und Mars. Venus setzt den Charakter und die grundlegende Qualität der intimen und direkten Erkenntnis vom Selbst und vom Wert fest. Mars ist das Verlangen und die Fähigkeit, einen Impuls zu setzen, ohne Rücksicht auf irgendeinen anderen Faktor, es sei denn, dieser Faktor unterstützt oder behindert die individuelle Tat. Was man «das emotionale Leben» nennen sollte, ist ein Ausdruck dieses unmittelbaren Sinns individuellen Seins und des Verlangens und der Anstrengung, es in Taten auszudrücken.

Wirkung auf drei Ebenen

Es sollte klar sein, dass das so definierte emotionale Leben auf drei Ebenen wirkt. Auf der biologischen und generischen Ebene ist das emotionale Leben eine Äußerung des organischen Seins und der Drüsenaktivität; es ruht auf dem harmonischen oder disharmonischen Zustand (Venus) der Organe, Drüsen und Körpersysteme – und dieser Zustand bestimmt die Möglichkeit der Freisetzung (Mars) der Hormone, Flüssigkeiten und auch Gifte innerhalb und außerhalb des Organismus.

Dieselbe Wirkung kann man auf der sozial-kulturellen Ebene, in Bezug auf die Aktivität der kollektiven Gefühle und der kollektiven Denkart finden, insofern die kollektiven Faktoren als gegeben hingenommen werden und stillschweigend und fraglos als ein integraler und intimer Teil seines Selbst angenommen werden – insofern das Selbst mit ihnen identifiziert wird. Zum Beispiel das Gefühl der «Erbsünde» und der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur, die Meinung, dass Menschen, die nicht getauft sind, Heiden seien, sind kollektive Faktoren, an die der typische Puritaner so selbstverständlich glaubt, dass sie den Charakter und die Qualität dieses Sinns «Ich bin ich» (Venus) ebenso färben wie die unmittelbaren spontanen Erwiderungen des Selbst auf das Leben (Mars).

Dann gibt es noch die Ebene der wahrhaft individuellen Seele, auf der der Mensch seine intime Selbstheit in Wertbegriffen (Venus), die er erobert und als die seinen gewählt hat, erkennt und gemäß der er als ein Individuum handelt (Mars).

Venus und Mars können in einem einzelnen Individuum auf allen drei Ebenen wirken. In vielen Fällen wirken sie auf diesen drei Ebenen gleichzeitig und es können Konflikte zwischen den Werten entstehen, die auf jeder Ebene etabliert wurden, da die Persönlichkeit nicht richtig integriert ist – das heißt, die Werte, die auf einer Ebene geltend wurden, bestimmen nicht das gesamte Verhalten der Persönlichkeit, zumindest nicht zu jeder Zeit. Dies zeigt, wie schwierig es ist, ein komplettes und verlässliches psychologisches Bild vom Gefühlseben eines Individuums aus dem Studium eines Geburtshoroskops zu bekommen. Denn selbst unter der Voraussetzung, dass die Bedeutung von Mars und Venus (und den damit verbundenen astrologischen Faktoren) in seiner bestimmten Geburtsanlage (plus Progressionen und Transite) recht verstanden wurde, bleibt die Schwierigkeit, richtig einzuschätzen, auf welche Ebene die Persönlichkeit normalerweise konzentriert ist und auf welcher Ebene Mars und Venus gewöhnlich wirken – und, was noch dazukommt, wie sie unter irgendeiner bestimmten stressvollen Lebenssituation wirken.

Andererseits hat der Astrologe gegenüber dem Psychologen den Vorteil, dass er den Grundcharakter der Mars- und Venus-Funktion auf jeder Ebene und unter allen Umständen wissen kann. Diese Kenntnis gibt dem Astrologen nicht die Fähigkeit, genau vorherzusagen, was die Person zu einer bestimmten Zeit wirklich fühlt und tut – niemand sollte diesen Punkt je vergessen! –, doch gibt sie ihm die Fähigkeit, umfassender zu verstehen, warum und wie die Person in der ihr eigenen Weise fühlt und handelt oder im Begriff ist, es zu tun. Diese Fähigkeit kann wiederum eine Grundlage für ein weises Urteil und für hilfreiche Ratschläge werden; und dies ist alles, was ein Astrologe jedem, der nach Hilfe fragt, versuchen sollte zu vermitteln.

 

Entnommen aus:
Dane Rudhyar:
Die Planeten der Persönlichkeit.
Chiron Verlag, Tübingen, 2005.
(gekürzte und leicht angepasste Textfassung)

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Aktuelle Planetenstände
10-Jul-2014, 19:29 Weltzeit
Sonne18Krebs27'54"
Mond25Schütze7'14"
Merkur27Zwillinge56'13"
Venus20Zwillinge38'55"
Mars22Waage31'51"
Jupiter28Krebs45'18"
Saturn16Skorpion43'31"r
Uranus16Widder27'24"
Neptun7Fische20'48"r
Pluto12Steinbock7'45"r
Mondkn.(w)24Waage33' 8"r
Chiron17Fische34'23"r
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