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Astrologische Geburtszeitkorrektur

von Richard Vetter


Die Rektifizierung einer Geburtszeitangabe scheint vordergründig angebracht - schließlich braucht der Astrologe eine exakte und verlässliche Uhrzeit als Grundlage zutreffender Interpretationen.

Doch gibt keine der diversen Korrekturmethoden die erhoffte Sicherheit bzw. Gewähr; jede beruht auf sehr wackligen (hypothetischen) Voraussetzungen. Und die unterschiedlichen Techniken kommen regelmäßig zu unterschiedlichen Ergebnissen - von denen dann mehr oder weniger willkürlich das "passendste" ausgesucht wird. Ich misstraue grundsätzlich jeder Korrektur - außer wenn sie nur wenige Minuten beträgt und vom Horoskopeigner selbst (nach jahrelanger Beobachtung) durchgeführt wurde.

Ein Unding ist, wenn die Geburtszeit gar um Stunden verschoben wird (wie teilweise üblich). Zur Rechtfertigung werden dann abenteuerliche Theorien konstruiert, warum die offizielle Zeit falsch, wieso sie falsch notiert bzw. falsch übermittelt worden sei. (Auch Eltern und Verwandtschaft basteln mit dem Abstand der Jahre um die Vorgänge und Abläufe der Geburt einen immer bunteren Mythos.)

Im Zweifelsfalle gebe ich stets der amtlichen Zeit den Vorzug - das gebietet nicht nur meine Steinbockbetonung, sondern auch und gerade die wissenschaftliche Seriosität. Das Personal von Klinik und Standesamt ist am glaubwürdigsten/ authentischsten - ihre Notiz war in der Regel dem Geburtsgeschehen am nächsten, ihre Aktenführung bzw. Registratur ist neutral und unvoreingenommen, diese Institutionen hegen keinerlei subjektiven oder unterschwellig mythenbildenden Interessen.

Das ausführliche Berechnen der verschiedenen Geburtszeitvarianten nährt natürlich unser Selbstverständnis als moderne mathematici (á la Kepler);die langen, komplizierten Zahlenreihen sind beeindruckend. Die Prozedur sieht solide, fundiert aus, verleiht einen wissenschaftlichen Anstrich, bestärkt des Astrologen u.a. von Statistikflops so arg gebeuteltes Selbstgefühl - zumal dabei mit "empirischen" Daten, konkreten Fakten der Persönlichkeit und Biografie operiert wird. Die jonglierenden Rechenkünste wollen uns vorgaukeln, dass unser Wissensgebäude eben nicht auf unbeweisbarem Grund errichtet sei, auf vagen Theorien und Spekulationen, sondern dass die Astrologie nachweisbar stimme...

Dass solche Argumentation zirkulär ist (das zu Beweisende nicht sich selbst beweisen kann), wird bei näherer Betrachtung schnell deutlich. Dass andererseits ein in sich geschlossenes Weltbild (Paradigma) wie die Astrologie prinzipiell weder bewiesen noch widerlegt werden kann, dass statistische Untersuchungen zwangsläufig fehlschlagen müssen, habe ich in "Astrologie und Wissenschaft" darzulegen versucht, auch die Frage aufgeworfen, warum man derlei Legitimationsbemühungen nötig hat, ob nicht - angesichts der ökologischen Katastrophe - die Naturwissenschaften ihrerseits unter einem Rechtfertigungsdruck stehen.

In der Astrologie lassen sich Symbol und Ereignis jedenfalls nicht einfach gleichsetzen, funktioniert es nicht nach dem Schema "a = b" wie in den Gleichungen der Schulmathematik, gibt es keine lineare und kausale Verknüpfung von Wirkendem und Erwirkten wie in der klassischen Physik!

Als Archetypen sind die astrologischen Urprinzipien vielschichtig und mehrdeutig. Unser Wissensgebiet ist überhaupt unerschöpflich - von daher wäre ein gutes Stück Bescheidenheit angebracht. Mehr als anderswo gilt hier, dass auch ein Lehrender nie auslernt. Man weiß nie hundertprozentig, was die Konstellationen genau bedeuten, wie ihre Manifestation im Konkreten aussieht; auszuschließen ist jedenfalls nichts.

Für Geburtszeitkorrekturen wird zweifelsohne ein erheblicher Aufwand erbracht. Doch wäre es nicht sinnvoller, die investierte Energie in eine gründliche Deutung zu stecken? "Wahrheit" erschließt sich uns nur intuitiv, über die intensive Auseinandersetzung mit einem Horoskop oder Menschen. Eigtl. bietet schon die Tageskonstellation (ohne Vorliegen einer Geburtszeit) reichlich Material zur Beschäftigung. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Astrologe, welcher sich erst lange und abstrakt mit der "richtigen Uhrzeit" befasst, die Begegnung mit dem lebendigen Klienten scheut, bzw. dass es mit seiner Phantasie hapert, seine Deutungskunst mittlerweile erstarrt, stereotyp ("tot") ist.

Noch ein schlimmerer Verdacht beschleicht mich: dass die "Korrekturspezialisten" nicht richtig mit den Schicksals-Implikationen ihrer Arbeit umgehen können. Ihr Unbewusstes kann nicht akzeptieren, dass so manches "von oben" einfach gesetzt ist, und zwar unverrückbar. Sie wollen steuern, manipulieren, in einer psychischen Inflation (Ego-Aufblähung) auf eigene Faust Schöpfer spielen, den antiken Nornen gleich die Schicksalsfäden und Lebensströme durch ihre Hände rinnen lassen - in selbstherrlicher Anmaßung und ihr Wissen um die höheren Dinge missbrauchend.

Gegenüber den in die Astrologie hineinspielenden existenziellen Themen (wie Leben und Tod, Karma und Dharma) ist m.E. respektvolle Vorsicht geboten. Statt an einer angegebenen Geburtszeit herumzurühren, sollte man mit dem Vorhandenen arbeiten, das jeweilige Horoskop - in der nunmal vorliegenden Form - zu sich sprechen lassen.

(geschrieben 1997)

Die Website Richard Vetter:
http://astrologix.de/astroInfo/

 

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