Die Entfaltung der Sonne

von Liz Greene

Sonnenprogressionen

Die Sonne spiegelt einen Prozess der Entfaltung innerhalb des Lebens wider. Bei unserer Geburt ist die Sonne noch nicht strahlend, glänzend und voll erblüht. Sie ist immer im Werden begriffen und ihre Entwicklung findet in Zyklen statt. Für die Weiterentwicklung der Sonne sind immer wieder Anstrengungen notwendig. Die Art dieser Anstrengungen mag unterschiedlich sein, aber es geht immer um das gleiche archetypische Thema. Und das hängt mit dem Zeichen zusammen, in dem die Sonne zum Zeitpunkt der Geburt steht. Unsere eigene solare Geschichte wird immer auch die Planeten umfassen, die im Aspekt zur Sonne stehen, genauso wie das Haus und das Zeichen, in dem sie steht. Unser Leben ist ein stufenweiser Entwicklungsprozess und die Progressionen der Sonne geben uns viele Einsichten über den zeitlichen Verlauf dieses Prozesses.

Im Lauf unseres Lebens erfahren wir sowohl Aspekte von progressiven Planeten zur Geburtssonne als auch Aspekte der progressiven Sonne zu den Geburtsplaneten. Außerdem erleben wir auch Aspekte der progressiven Sonne zur Geburtssonne. Sonne/Sonne-Progressionen sind selten, weil sich die Sonne in einem Jahr gerade um ein Grad vorwärts bewegt, sowohl bei der sekundären Progression als auch bei der Sonnenbogendirektion. Die progressive Sonne zu beobachten ist die einzige Technik, bei der sich die Anhänger dieser beiden verschiedenen Prognosemethoden einig sind. Bei der Sonnenbogendirektion bewegen sich alle Planeten im gleichen Tempo wie die Sonne. Bei der sekundären Progression bewegen sich alle Planeten in ihrem eigenen Tempo, auch die Sonne. Die Aspekte der progressiven Sonne zu den Geburtsplaneten bleiben gleich, egal ob wir die Sonnenbogendirektion oder die sekundäre Progression wählen.

Der progressive Sonnenzyklus

Die progressive Sonne bildet den ersten Aspekt zu ihrer Geburtsplatzierung – ein Halbsextil – im Alter von 30 Jahren. Sie bildet ein Halbquadrat zu ihrer Geburtsplatzierung im Alter von 45 und ihren ersten Hauptaspekt – ein Sextil – im Alter von 60 Jahren. Wenn wir es schaffen, 90 Jahre alt zu werden, bildet sie ein Quadrat zur Geburtssonne. Die progressive Sonne bildet im Verlauf eines Leben nur wenige Aspekte zu ihrer Geburtsstellung, allerdings sind diese sehr wichtig. Diese Aspekte bilden sich bei jedem Menschen im gleichen Alter und scheinen wichtige Wendepunkte im Leben zu beschreiben, an denen das Gefühl für das eigene Selbst in seiner reinsten Form aktiviert wird.

Wenn wir nun bedenken, dass die anderen planetaren Zyklen zur selben Zeit wie die progressiven Sonnenaspekte kritische Phasen erreichen, entsteht ein deutlicheres Bild. Im Alter von 30 haben wir gerade die erste Saturnrückkehr hinter uns, und etwas früher, mit ca. 28, erlebten wir die erste Mondrückkehr. Nach diesen beiden Zyklen berührt die progressive Sonne zum ersten Mal ihre Geburtsstellung. Saturn und Mond stehen mit der Familiengeschichte, der Vergangenheit und deren Verkörperung in Verbindung. Diese beiden Planeten sind die natürlichen Herrscher des 4. und 10. Hauses und haben am meisten mit dem Erbe unserer Vergangenheit und mit dem Prozess zu tun, das innere Potenzial anzunehmen, das zur Welt des Spiels gehört und ihr in der Realität eine Form geben muss.

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Mit 30 erfahren wir den ersten wirklich deutlichen Ausdruck unserer wahren Individualität, so wie sie im Werden begriffen ist. Wir haben einen Saturnzyklus erlebt und hoffentlich unsere Grenzen kennen gelernt. Der formgebende Prozess Saturns hat uns begreiflich gemacht, was wir nicht sein wollen, was wir nicht sein können, wo unsere Grenzen liegen und was wir akzeptieren müssen. Außerdem erlebten wir die progressive Mondrückkehr. Wir erhielten die Möglichkeit, ein Gefühl für unsere Gefühlswelt, unsere instinktiven Bedürfnisse zu bekommen, die in so vielen verschiedenen Bereichen ausgedrückt werden, wie der progressive Mond sich durch die verschiedenen Häuser des Geburtshoroskops bewegt und zu jedem Geburtsplaneten einen Aspekt bildet. Wir haben uns von der Familienmatrix gelöst, zumindest in gewissem Maß. Wenn die Sonne sich aus dem Halbsextil zu ihrer Geburtsplatzierung bewegt, sind wir vielleicht ein wenig wie Parzival, wenn er den Gral entdeckt. Er stellt ihm beim ersten Mal zwar nicht die richtige Frage, aber: Er sieht ihn. Und dann weiß er, dass er für den Rest seines Lebens danach suchen wird. Es ist so, als ob plötzlich ein Zeichen aufscheint, das besagt: «Sie sind auf der M40 Richtung Oxford unterwegs.» Dann verschwindet das Zeichen wieder. Es gibt also ein starkes Gefühl dafür, irgendwo hinzugehen, eine individuelle Aufgabe zu haben. Dies ist die erste Erfahrung der Kontinuität des echten Selbst.

Mit 45 Jahren, beim Halbquadrat, wird diese Kontinuität der Identität auf die Probe gestellt. Es ist sinnvoll, über die planetaren Zyklen, die kurz vor diesem Zeitpunkt auftreten, nachzudenken. Der transitierende Uranus steht in Opposition zum Geburts-Uranus, der transitierende Neptun steht im Quadrat zum Geburts-Neptun und der transitierende Saturn steht in Opposition zum Geburts-Saturn. Abhängig von der Pluto-Generation, in die wir hineingeboren wurden, erleben wir vielleicht auch den transitierenden Pluto im Quadrat zu seiner Stellung im Geburtshoroskop. All diese Zyklen erreichen genau um die Zeit, die wir euphemistisch als «Lebensmitte» bezeichnen, wichtige Wendepunkte. Diese Sonnenprogression zur eigenen Geburtsplatzierung enthüllt die tiefere Bedeutung der Zyklen der transitierenden Planeten um die Lebensmitte, ebenso wie das Halbsextil die wahre Bedeutung des ersten progressiven Mondzyklus und des ersten Saturnzyklus kurz vor Erreichen des 30. Lebensjahres zeigt. Weil die Sonne das Zentrum des Individuums symbolisiert, führen alle planetaren Bewegungen in dieses Zentrum zurück und helfen, Aufgabe und Bedeutung dieses Zentrums zu definieren. Mit 45 ringen wir darum zu definieren, wer wir eigentlich sind. In dieser Zeit erleben wir einen mächtigen inneren Konflikt, der von den Transitzyklen beschrieben wird, die dann kritische Punkte erreicht haben. Dies ist die Zeit, in der das wahre Selbst die Möglichkeit hat, mit sich ins Reine zu kommen. Und natürlich ist das auch die Zeit, in der man in Schwierigkeiten gerät. Man hat das Gefühl, dass die Uhr abläuft, und wenn man dann noch spürt, dass man seiner Bestimmung noch nicht entspricht, gerät man in Panik. Selbst dem unbewusstesten Individuum wird an diesem Punkt die Dringlichkeit des Problems klar. «Wer bin ich?», fragen wir uns. «Warum bin ich hier? Wenn ich das bis jetzt nicht heraus gefunden habe, ist die Chance möglicherweise für immer vertan.» Natürlich werden sich immer wieder Chancen ergeben. Aber je älter wir werden, umso beschränkter sind die Möglichkeiten, sie nutzen zu können.

Im Alter von 60 Jahren erleben wir die progressive Sonne im Sextil zu ihrer Geburtsstellung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir hinreichend Gelegenheit, mit uns selbst Frieden zu schließen. Die zweite Saturnrückkehr erlebten wir etwa ein oder zwei Jahre vor dieser Sonnenprogression. Die erste Saturnrückkehr spiegelt das Erreichen der psychischen Reife eines Erwachsenen wider. Wir können uns nicht mehr im Schoß der Familie verkriechen, weil sich das Ego herauskristallisiert hat und wir selbstständig und abhängig geworden sind. Wir sind gezwungen, auf eigenen Beinen zu stehen und unsere Grenzen und Stärken so anzuerkennen, wie sie sind und nicht wie wir sie gerne hätten. Der Geist der Jugend wird durch das Gefühl, eine klar definierte Persönlichkeit zu sein, ersetzt, und wir wissen, dass wir das Beste aus dem machen müssen, was wir sind.

Die zweite Saturnrückkehr spiegelt auch einen Loslösungsprozess wider. Die Ausrichtung geht nun aber nach innen. Es geht darum, einen Sinn in unserem Leben zu entdecken, während es bei der ersten Rückkehr galt, herauszufinden, was man in der Realität tun könnte. Wir werden also mit dem, was wir sind, und mit dem, was wir erschaffen haben, Frieden schließen müssen. Wieder werden wir mit unseren Grenzen konfrontiert, aber dieses Mal auf einer tieferen, philosophischen Ebene. Und sobald die zweite Saturnrückkehr abgeschlossen ist, realisieren wir, dass die Unausweichlichkeit unseres Todes nicht mehr weit entfernt ist.
Ein Sextil ist ein Aspekt, bei dem man mit etwas Frieden schließt. Es ist ein harmonischer Aspekt, allerdings geht es um Harmonie zwischen zwei recht unterschiedlichen Dingen, daher ist es eine anregende Harmonie, ein kreativer Austausch. Auch ein Trigon ist ein harmonischer Aspekt, aber es beinhaltet Zeichen des gleichen Elements. Diese Zeichen sind einander so ähnlich, dass es eine Art unbewusster Identifikation gibt, ohne Reflexion. Hier wird keine Energie erzeugt. Bei Sextilen gibt es genügend Unterschiedlichkeit, um Bewegung zu erzeugen. Akzeptanz, die neue Potenziale eröffnetDas Sonne/Sonne-Sextil, im Alter von etwa 60 Jahren, spiegelt einen wirklich harmonisierenden, einen kreativen Kompromiss oder eine Übereinstimmung wider. Ein Kompromiss zwischen dem Potenzial, mit dem wir begonnen haben, das durch die Geburtssonne reflektiert wird, und dem zustand, den wir jetzt erreicht haben, der durch die progressive Sonne reflektiert wird. Die Sonne im Sextil zur Sonne spiegelt die Akzeptanz der eigenen Widersprüche, der eigenen Geschichte wider. Dabei handelt es sich aber nicht um eine passive Form der Akzeptanz, sondern um eine anregende Form, die neue Potenziale eröffnen kann, wenn auch nicht auf harte und angespannte Art und Weise. Wir schauen zurück und erkennen den Weg, der hinter uns liegt, sehr deutlich. Wir erkennen den roten Faden, den Weg, dem wir gefolgt sind. Das bedeutet nicht, dass unsere Reise zu Ende ist, sondern eher, dass wir sie mit größerer Gelassenheit fortsetzen.

Wenn wir es schaffen, 90 Jahre alt zu werden, können wir die Sonne im Quadrat zu ihrer Geburtsstellung erleben. Das ist ein mächtiger, ein konfliktreicher Wendepunkt, an dem wir uns unsere noch verbleibende Zeit anschauen, unsere noch nicht genutzten Potenziale, die wir vielleicht nicht mehr werden ausleben können. Dieses progressive Quadrat zeigt uns einerseits das strahlende Licht unserer inneren Göttlichkeit und andererseits die unausweichlichen Grenzen sterblichen Lebens. Wenn wir diese Krise überleben, kann es sein, dass wir der Begrenzung, die der Tod dem dauerhaften Entfaltungsprozess der Sonne bringt, nicht mehr mit Groll begegnen.

Die progressive Sonne im Zeichenwechsel

Dies sind die großen Wendepunkte des progressiven Sonnenzyklus. Dieser grundlegende psychologische Herzschlag untermauert die individuellen Sonnenprogressionen zu den Geburtsplaneten, deren Zeitpunkt von Person zu Person sehr unterschiedlich ist. Die progressive Sonne wird sich im Leben einer Person niemals so weit fortbewegen. Selbst wenn wir hundert Jahre alt werden, wird sich die Sonne nicht weiter als 100° von ihrem Stand zum Zeitpunkt der Geburt wegbewegt haben. Wir werden es nicht erleben, dass die progressive Sonne durch den ganzen Tierkreis wandert. Sie wird es noch nicht einmal zu einem Trigon zu ihrer Geburtsstellung schaffen, es sei denn, wir erreichen ein außerordentlich hohes Alter. Viele von uns können auf ein Quadrat hoffen, aber nur wenige schaffen es bis zum 100. Geburtstag. Es ist eine grundlegende symbolische Tatsache, dass die Sonne im progressiven Horoskop nur einen kleinen Teil des Tierkreises zugeteilt bekommt. Es ist so, als ob das Entwicklungsmuster des Individuums nur ein kleines Stück des Kuchens beanspruchen kann. Aber vielleicht ist das genug für ein Leben. Für einige Menschen kann es vier Zeichen beinhalten. Wenn sie am Ende eines bestimmten Zeichens geboren werden, können sie es vielleicht sogar durch die nächsten drei schaffen. Dies ermöglicht dem Leben eines Individuums mehr Vielfalt, selbst wenn vier Zeichen nur ein Drittel des Tierkreises sind. Progressive Sonne durch die Zeichen Wenn jemand mit der Sonne auf 0° eines Zeichens geboren wurde, wird er die ersten 30 Jahre damit verbringen, die Sonne durch dieses Zeichen zu bewegen. Wird er bei 29° geboren, erfährt er nicht viel von diesem Zeichen – weil die Sonne sich recht schnell zum nächsten bewegt. Die Bewegung der Sonne von Zeichen zu Zeichen ist psychologisch gesehen ein wichtiges Ereignis, auch wenn die Wichtigkeit erst Jahre später offensichtlich wird.

Die Sonne wechselt immer in ein Zeichen, das nicht in Harmonie mit ihrem Geburtszeichen ist. Bei Feuerzeichen trifft dies ganz besonders zu, da die Sonne als nächstes in ein Erdzeichen wandert. Diese Energie ist aber für ein Feuerzeichen nicht unbedingt angenehm. Dem Erdzeichen folgt immer ein Luftzeichen. Da erlebt man meistens ein Gefühl von Erleichterung, so als ob man sich gefunden oder Werte wiederentdeckt hätte, die man irgendwo auf seinem Weg verloren hat. Das hängt damit zusammen, dass Luft und Feuer im Sextil zueinander stehen und ihre Wertvorstellungen harmonieren.

Wenn jemand in einem Wasserzeichen geboren wurde, wird die progressive Sonne zwangsläufig in ein Feuerzeichen wechseln. Das ist nicht ganz so unangenehm wie der Wechsel einer feurigen Sonne in Erde, trotzdem ist es merkwürdig. Diejenigen, die in Luftzeichen geboren wurden, müssen immer damit kämpfen, dass die progressive Sonne in ein Wasserzeichen wandert, und diejenigen, die in einem Erdzeichen geboren wurden, müssen erleben, dass die Sonne in ein Luftzeichen wechselt. Einen Großteil unseres Lebens durchquert die Sonne ein Element, in dem wir uns nicht zu Hause fühlen, selbst wenn in diesem Zeichen Planeten stehen. Das ist eine Tatsache, die jeden Menschen betrifft. Spätestens im Alter von 30 wechselt die Sonne das Zeichen, manchmal sogar sehr viel früher, je nach Gradstellung der Geburtssonne. Wie wir bereits festgestellt haben, findet der Wechsel der Sonne, die bei der Geburt auf 29° steht, im Alter von einem Jahr statt. Das Ganze hört sich jetzt vielleicht etwas simpel an, aber bitte denken Sie wirklich darüber nach. Damit die Sonne ihr eigenes Licht entdecken kann, ist es unerlässlich für sie, einige Zeit an einem Ort zu verbringen, wo sie nicht wirklich strahlen kann. Sie muss sich durch ein Element bewegen, das ihrer eigenen Natur fremd ist. Aber sobald sie ein Zeichen erreicht hat, das im Sextil zu ihrem eigenen steht, hat man wieder das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Das ist natürlich eine Illusion, weil wir in Wirklichkeit nie vom Weg abkommen.

Weil die Sonne mit den wesentlichen Werten und dem eigenen Lebenssinn verbunden ist, liegt die Veränderung, die mit der Sonnenprogression einhergeht, eher in der Art, wie wir unser Selbst ausdrücken als in einer Veränderung des dahinter liegenden Impulses. Unsere Wertvorstellungen kommen an die Oberfläche und festigen sich durch Erfahrungen, die sie herausfordern. Im Leben von Künstlern ist das häufig sehr offensichtlich, wenn deren Werk durch verschiedene Entwicklungsphasen eine neue Richtung einschlägt. Vor einiger Zeit hat einer unserer Studenten seine Doktorarbeit über das Werk von Picasso geschrieben. Er hat sich die verschiedenen Arbeitsphasen des Künstlers angeschaut und sie mit der Bewegung der Sonne und anderen progressiven Planeten, die das Zeichen gewechselt haben, verglichen. Diese Veränderung kann man auch bei Schriftstellern beobachten, deren Ideen oder Stil je nach Zeichen, das die progressive Sonne gerade durchläuft und Aspekten, die sie zu den Geburtsplaneten bildet, eine andere Richtung einschlagen. Manchmal ändert sich die Form und manchmal der Inhalt. Und manchmal wird ein vollkommen anderes kreatives Medium nötig.

Die Werte, die von unserem Geburtszeichen widergespiegelt werden, sind jedoch angeboren und unveränderlich. Sie entwickeln sich und nehmen verschiedene Formen an, aber der archetypische Kern bleibt gleich. Der Zeichenwechsel der progressiven Sonne spiegelt eine tiefe Veränderung wider, aber es handelt sich dabei um eine Veränderung, die eher integrierend und ergänzend ist, als dass sie etwas ersetzt. Wir hören nicht plötzlich auf, das Zeichen zu sein, in dem wir geboren wurden. Wir werden dieses Zeichen und bekommen noch etwas dazu.

Teilnehmer: Das kann ich für mich bestätigen. Ich musste sehr wichtige neue Erfahrungen zulassen, die mich verändert haben. Ich erinnere mich, als meine Sonne von Löwe in Jungfrau ging – ich war 7 ½ Jahre alt und das einzige Kind –, wurde plötzlich meine Schwester geboren. Meine Gefühle waren sehr gemischt, es gab gute und schlechte, aber ich musste mich an die Realität des Teilens gewöhnen. In dieser Zeit habe ich mich wirklich auf die Schule konzentriert. Lernen wurde eine Art Kompensation. Wenn ich schon in der Familie nicht mehr «Erster» sein konnte, dann wenigstens in der Schule. So dachte ich damals.

Liz: Auch Sie beschreiben einen realen Ausdruck eines Zeichenwechsels mit einem konkreten Ereignis, das den Wechsel «verursacht» hat. Und doch ist es auch die Beschreibung eines Entwicklungsprozesses – der einzigartige Solokünstler Löwe muss lernen, nach Art der Jungfrau mit den Realitäten des Alltags umzugehen, und er muss Fähigkeiten entwickeln, die als Kompensation dafür dienen, dass er nicht mehr im Rampenlicht steht. Es gibt häufig ein Ereignis, das den Ausdruck des Zeichens ankündigt, in das die progressive Sonne wechselt. Aber das Ereignis ist Auslöser und Symbol des Themas, das in den nächsten 30 Jahren entfaltet wird, nicht seine Ursache. Jeder Löwe muss sich dieser Herausforderung, sich an das Alltagsleben anzupassen, früher oder später stellen, weil die Sonne eines jeden Löwen in die Jungfrau wechseln wird, es sei denn, er stirbt früh. Wir können diese unausweichlichen Veränderungen als wesentlichen Teil der Reise eines jeden Sonnenzeichens betrachten.

Die progressive Sonne im Aspekt zu Geburtsplaneten

Die Sonne erhellt alles, was auf ihrem Weg liegt. Sie bringt Bewusstheit zu jedem Planeten, den sie aspektiert, und gibt dem Planeten Gelegenheit, Teil der Welt der Sonne, der Welt der Selbst-Bewusstheit und des Selbstausdrucks zu werden und nicht länger auf einer instinktiven, unbewussten Ebene zu operieren. Apollos Diktum «Erkenne dich selbst!» wird dem aspektierten Planeten zum Befehl, und normalerweise sehen wir diesen Planeten auf eine neue Art und Weise. Dies wird häufig dadurch ausgelöst, dass wir den Planeten zuerst durch etwas «außerhalb» von uns selbst erfahren. Aber da eine solare Progression viele Jahre bis zu ihrer Vollendung benötigt, haben wir viel Zeit, das, was erwacht ist, zu verinnerlichen. Progressive Aspekte haben genau wie Geburtsaspekte einen Orbis, und die schrittweise Annäherung der progressiven Sonne an einen Geburtsplaneten dauert bis zu zehn Jahren, besonders dann, wenn eine Geburtskonfiguration von mehreren Planeten ausgelöst wurde. Das geschieht nicht plötzlich. Wenn die progressive Sonne sich aus einem exakten Aspekt zu einem Planeten löst, befindet sie sich normalerweise schon im Orbis eines anderen. Im Lauf unseres Lebens erfahren wir eine Menge Überlappungen und schrittweise Auslösungen. Die progressive Sonne bewegt sich nicht ruckartig von einem Aspekt zum anderen, genauso wenig wie das Licht der Morgendämmerung von einem Augenblick zum nächsten hell erstrahlt.

Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass die Entwicklung eines Gefühls für das eigene Selbst das schrittweise Einbeziehen anderer Komponenten der Persönlichkeit beinhaltet. Die Sonne ist das Zentrum des Sonnensystems und die astrologische Sonne ist das Zentrum des Geburtshoroskops, aber unsere menschliche Seele ist sich dessen zum Zeitpunkt der Geburt nicht bewusst. Schritt für Schritt erlangen wir im Lauf unseres Lebens ein Bewusstsein darüber, dass wir von einer ganzen Familie von Planeten, mit einem großen Licht im Zentrum, beeinflusst werden. Nach und nach werden alle Planeten von der Sonne beleuchtet und die Ordnung und Harmonie des Systems wird uns klarer. Angenommen wir werden 30 Jahre alt, dann wird die Sonne irgendeinen Aspekt, einen Haupt- oder Nebenaspekt, zu jedem anderen Planeten im Geburtshoroskop bilden. Werden wir 60 Jahre alt, wird sie jeden Planeten wieder aspektieren, häufig mit einem Hauptaspekt, wo sie in der ersten Runde nur einen Nebenaspekt bildete.

Licht ins Dunkel bringen

Der Prozess, in dem durch die Bewegung der Sonne Licht auf die einzelnen Planeten fällt, ist vielleicht nicht immer angenehm. Wenn Saturn, Chiron oder Pluto beleuchtet werden, kann es sein, dass sich das zunächst nicht unbedingt gut anfühlt. Selbst wenn das Endergebnis äußerst positiv sein kann, wird sich die Erfahrung von dem, was vorher im Dunklen verborgen war, möglicherweise sehr verwirrend auswirken. Selbst ein «wohltätiger» Planet kann großes Unbehagen auslösen, wenn man ihn aufweckt. Kein progressiver Planet aktiviert eine Geburtsstellung so kraftvoll wie die Sonne, denn wir müssen den Planeten ins Bewusstsein heben – manchmal ist das mit erheblichem Durcheinander verbunden.

Es kann zum Beispiel sein, dass Mars im Geburtshoroskop isoliert steht und ziemlich unbewusst ist. Vielleicht ist er der einzige Planet, der unaspektiert ist. Wir denken von uns selbst, dass wir friedlich und freundlich sind, wir werden nie ärgerlich und sagen niemals «Nein!» Dann jedoch nähert sich die progressive Sonne Mars und er erwacht aus seinem Dornröschenschlaf. Der Wagen des Apollo donnert über ihm entlang und ruft Mars zu: «Jetzt komm schon, du fauler Hund, wach auf und steig endlich ein. Es gibt Arbeit.» Mars wacht aus seiner Bewusstlosigkeit auf und findet sich im Rampenlicht wieder. Wir können also diese Energie in uns nicht länger unterdrücken.
Häufig wird der erwachte Planet zunächst auf jemand anderen projiziert. Er taucht in unserer Umgebung auf. Das ist ein natürlicher und auch notwendiger Prozess. Nichts daran ist pathologisch oder hat mit mangelnder Reife zu tun. Die Erfahrungen, die wir mit der Sonnenprogression machen, sind wesentlich für unsere Entwicklung, auch wenn wir unser Bestes tun, diese inneren Anteile nicht zu beachten. Wir begegnen in der Außenwelt Aggression oder Leidenschaft, wenn die Sonne sich Mars nähert, wir verlieben uns, wenn sie über die Venus läuft, oder wir haben finanzielle Schwierigkeiten und tragen eine große Verantwortung, wenn sie Saturn aspektiert. Der erste Planet, auf den die Sonne nach der Geburt trifft, ist sehr wichtig.

Wenn man sich auf die Konjunktionen bezieht, wären das in vielen Fällen Merkur oder Venus, weil sich beide Planeten immer sehr nah bei der Sonne befinden. Aber der Aspekt muss nicht unbedingt eine Konjunktion sein. Jeder Aspekt spielt eine Rolle, selbst ein Nebenaspekt. Eine Konjunktion ist sicherlich sehr kraftvoll. Aber es ist wichtiger, nach einem applikativen Aspekt zu schauen, der bereits innerhalb des Orbis zwischen Geburtssonne und einem anderen Planeten ist. Wenn es keinen gibt, dann schauen sie sich den ersten Planeten an, den die progressive Sonne aspektiert. Wie alt waren Sie, als dieser Aspekt exakt wurde, und was erlebten Sie in dieser Zeit? Wenn die progressive Sonne so früh im Leben auf andere Planeten trifft, realisieren wir meistens nicht, dass diese Planeten in uns sind. Wir erfahren sie außerhalb von uns, und normalerweise geschieht das in unserer familiären Umgebung.

Applikative und separative Sonnenprogressionen

Sonnenprogressionen sind leicht zu erkennen, da die Sonne sich kaum mehr als 1° pro Jahr weiterbewegt. Bevor Sie sich andere Progressionen und Transite anschauen, konzentrieren Sie sich auf die progressive Sonne, weil die Bildung der individuellen Identität unter ihrer Herrschaft steht. Der progressive Mond zeichnet ein Bild unserer emotionalen Erfahrungen, aber die progressive Sonne, selbst wenn sie in unserer Kindheit nur einen Aspekt bildet, verhilft uns zu einem Gefühl für unser Selbst. Planeten sind wie Datenbanken. Spätere Transite über einen Geburtsplaneten bauen auf früheren Erfahrungen auf, die wir gemacht haben, als dieser Planet zum ersten Mal transitiert wurde. Darum haben die Transite, die wir in unserer frühen Kindheit erfahren, einen so machtvollen Einfluss auf unser Leben. Alles, was diesen Planeten im späteren Leben berührt, ruft Erinnerungen an frühere Ereignisse wieder wach. Dasselbe gilt für die progressiven Aspekte von Geburtsplaneten. Die wichtigsten und kraftvollsten Progressionen zu den Geburtsplaneten sind diejenigen, die sich zum Zeitpunkt der Geburt innerhalb des Orbis befanden. Wenn die progressive Sonne in den ersten zehn Jahre einen applikativen Aspekt zu einem Planeten vollendet, ist das so, als würde eine Form gemacht, in die alle späteren Skulpturen gegossen werden.

Jetzt können wir uns ein anderes Geburtshoroskop von einem Seminarteilnehmer anschauen und die progressive Sonne untersuchen – das Horoskop von Paula. Die Geburtssonne steht auf 8°05' Schütze im 1.Haus in Konjunktion zu Jupiter auf 11°49' in Schütze. Das ist eine applikative Konjunktion. Im Alter von ca. 3 ½ Jahren bewegte sich die Sonne in eine exakte Konjunktion zu Jupiter. Im Alter von 10 Jahren erreichte die progressive Sonne den Mond auf 18°02' in Schütze. Erinnern Sie sich: Die Sonne bewegt sich pro Jahr ca. 1° weiter. Es gibt hier zwei wichtige Punkte in der Kindheit, einen im Alter von 3 ½ und einen im Alter von 10 Jahren, als die Sonne einen exakten Aspekt zu einem Geburtsplaneten bildete.

Paulas Geburtshoroskop

Die progressive Sonne im separativen Aspekt zum Radix-Pluto

Die Geburtssonne steht auch im Quadrat zu Pluto. Aber es ist ein separatives Quadrat. Dieses Quadrat war also bereits zwei Jahre vor der Geburt exakt. Paula, wenn Sie ein paar wirklich faszinierende Dinge erfahren möchten, dann finden Sie doch heraus, was zwei Jahre vor Ihrer Geburt passierte, bevor Ihr Vater überhaupt eine Ahnung von Ihnen hatte. Dieser separative Aspekt wird Ihnen etwas über Ihren Vater und ihr väterliches Erbe verraten. Wissen Sie irgendetwas über das Leben Ihres Vaters zwei Jahre vor Ihrer Geburt?

Paula: Er war ca. 19 oder 20 Jahre alt. Er begab sich ins tiefste Hinterland, um Geld zu verdienen. Er arbeitete sehr hart. In dem Jahr, in dem ich geboren wurde, kam er zurück und begann damit, seine Firma aufzubauen.

Liz: Richtig. Zwei Jahre, bevor sie geboren wurden, war Ihr Vater im «Pluto-Land», er kämpfte um das nackte Überleben. Obwohl Sie selbst diesen Aspekt in Ihrer Kindheit nicht kennen gelernt haben, ist er doch im Hintergrund da, weil ihr Vater als Sonne/Pluto-Persönlichkeit beschrieben wird. Man könnte noch eine ganze Menge interessanter Dinge herausfinden, zum Beispiel, was er in dieser Zeit emotional erlebte.

Paula: Ich habe mich gerade wieder erinnert: Er wurde aus der Familie ausgestoßen.

Liz: Zwei Jahre vor Ihrer Geburt hatte er also, abgesehen von seinem Verschwinden in der Wildnis, noch ein plutonisches Erlebnis. Er wurde enterbt.

Paula: Das war der Grund, warum er aufbrach. Er wurde ausgestoßen und ging fort, um Geld zu verdienen.

Liz: Das ist für Sie deshalb relevant, weil das Erbe im Gedächtnis des Geburtsquadrats von Sonne und Pluto gespeichert ist. Was Ihr Vater vor Ihrer Geburt durchlebte, ist für Sie von Bedeutung, weil es das psychologische Bild widerspiegelt, das er Ihnen zeigte. Und es ist ein Teil des Sonne/Pluto-Quadrats in Ihrem eigenen Wesen. Ihre Überzeugung, dass alles ein Kampf auf Leben und Tod ist, ist mit der Erfahrung Ihres Vater verbunden, der zwei Jahre vor Ihrer Geburt tatsächlich um sein Leben kämpfen musste.

Zurück zu den applikativen Aspekten: Die Konjunktionen zum Geburts-Jupiter und Mond sind die einzigen, die die Sonne nach der Geburt bildete. Als die Sonne dann weiter in Schütze wanderte, bildete sie andere Aspekte. Als Sie ca. 13 Jahre alt waren, stand sie im Trigon zum Geburts-Uranus bei 21° Löwe. 3 Jahre später, mit 16 Jahren, stand sie im Halbsextil zum Geburts-Merkur. Als Sie 20 waren, stand sie im Halbsextil zu Mars. Und als Sie 22 waren, wanderte sie endlich von Schütze in Steinbock. Das ist ein Beispiel für eine Sonne in einem Feuerzeichen, die in ein Erdzeichen wechselt. Zu dieser Zeit mussten Sie die harten Lehren von Steinbock absolvieren – das Erkennen von Grenzen, das Erlernen von Selbstständigkeit und wie man in der Welt überlebt.

Als die progressive Sonne in Steinbock ankam, näherte sie sich dem Geburts-Saturn und erreichte ihn, als Sie fast 28 Jahre alt waren, kurz vor Ihrer ersten Saturnrückkehr. Der transitierende Saturn befand sich kurz hinter der Sonne und erreichte seinen eigenen Geburtsplatz genau in dem Moment, als die progressive Sonne den Geburts-Saturn erreichte. Zwei Dinge passierten gleichzeitig – eine wichtige Sonnenprogression zu Saturn und eine Saturnrückkehr, die zudem in Konjunktion zur progressiven Sonne stand. Das ist eine ganze Menge an Saturn.

 

Entnommen aus
Liz Greene:
Die Botschaft des göttlichen Feuers.
Die Sonne im Horoskop und der kreative Weg zu Individualität und Berufung.

Chiron Verlag, Tübingen, 2004.
(leicht gekürzte und angepasste Fassung)

Dieses Buch können Sie bestellen unter
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