Lebensweganalyse
mit Progressionen

von Ernst Ott


Vom Sinn der Progressionen

Unser Geburtshoroskop ist eigentlich eine Überforderung. Schon in der Minute der Geburt stehen sämtliche Symbole des Radix (Geburtshoroskop) vollständig fest. Sie werden sich im Verlauf des Lebens nie verändern. Das unten abgedruckte Radix von Albert Einstein deutet bereits am Tag der Geburt seine wissenschaftliche Begabung an, etwa in der Merkur-Saturn-Konjunktion, ebenso seine unkonventionelle und revolutionäre Seite (Haus 11) sowie seine künstlerische Sensitivität (Krebs- und Fische-Komponente). Einsteins spezifische Art mit Liebe und Sexualität umzugehen wird etwa durch den Deszendenten oder den Mars an der 8. Häuserspitze symbolisch beschrieben – und all das, bevor Albert überhaupt wusste, was Sexualität oder Wissenschaft ist, bevor er ein einziges Wort sprechen konnte! Wenn wir heute, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, seinen Werdegang verfolgen, finden wir den ganzen Reichtum seines Schaffens, seine Wege, Umwege, Entwicklungsschritte im Radix angelegt. Natürlich waren Einsteins konkrete Erfahrungen und Erfolge nicht vorherbestimmt, denn das Radix beschreibt die Anlage ja nur mit offenen Symbolen, welche eine umfassende Entscheidungsfreiheit gewähren. Trotzdem war das Potenzial schon beim ersten Atemzug vorhanden. Von Anfang an war das Material für seine gesamte Biographie latent angelegt.

Albert Einstein
14. März 1879, Ulm an der Donau, 11.30 Uhr LMT standesamtlich,
Quelle Taeger, IHL

Albert Einstein

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Könnten wir nun mit unserem heutigen Wissen mit Hilfe der Zeitmaschine in die Vergangenheit zurückfliegen und dem jungen Einstein etwa im Abiturienten-Alter sein Radix erklären, so müsste er sich maßlos überfordert fühlen. Vielleicht würde er sagen: „Wie soll ich, der ich gerade ohne Abschlussexamen die Schule verlassen habe, solche Wunderwerke der Forschung je vollbringen? Selbst wenn ich zehn Jahre Zeit investiere, scheint es mit unmöglich, so viel aus mir heraus zu entwickeln!“ Dies wäre ein sehr berechtigter Einwand. Von damals aus gesehen standen ihm noch 60 Jahre zur Verfügung, um sein Lebenswerk zu gestalten und das Beste aus seinen Anlagen zu machen. Das Leben des Menschen ist darauf angelegt, sich in der Zeit zu entwickeln.

Zwar stehen – wie ein Versprechen – alle Potenziale schon bei der Geburt fest, aber der Schöpfungsplan konfrontiert uns nicht schon in der Jugend mit sämtlichen Konsequenzen dieses angelegten Reichtums. Niemand zwingt einen 20 oder 30 Jahre alten Menschen, jede seiner Planetenkräfte, jede Häuserspitze, jede Aspektkombination schon vollständig zu erfassen. Manche Ebenen dieser vielschichtigen Anlagen, manche neuen Entsprechungen dürfen noch in der Latenz bleiben. Sie schlummern vor sich hin, bis sie wachgeküsst werden. Wer die Progressionen studiert weiß jedoch, in welchen Lebensjahren eine solche Erweckung zu erwarten ist.

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Manchmal erkennen wir die neu erwachten Kräfte und Talente nicht sofort; spürbar sind aber stets die mit der entsprechenden Fähigkeit verbundenen Herausforderungen. Da uns das Leben in der Regel nur Aufgaben stellt, die zu lösen wir fähig sind, können wir bei schweren Problemen stets annehmen, dass parallel dazu die notwendigen Problemlösungskräfte wachsen. Von Jahr zu Jahr stellt uns das Leben neue Herausforderungen, bald ist unser Verstand (Merkur) gefragt, bald unsere revolutionäre Unruhe (Uranus), in einem anderen Jahr steht vielleicht unsere Durchsetzungskraft (Mars) und gleichzeitig unsere Gefühlsseite (Mond) im Vordergrund, im Jahr darauf mag es darum gehen, Vertrauen zu lernen (Neptun), während sich parallel dazu schon eine neue Lebensepoche ankündigt, in der wir z.B. einen verantwortungsvolleren Platz im Beruf (MC) einnehmen möchten. Astrologie-Unkundige haben oft den Eindruck der Überforderung, wenn sie sich gerade auf ein Thema eingestellt haben und dann plötzlich spüren, dass für die kommende Zeit wieder ganz andere Kräfte benötigt werden, oder wenn sie spüren, dass sie an zwei Fronten gleichzeitig gefordert sind. Wer mitten im Lebenskampf steht, verliert auch leicht den Überblick und erhält den Eindruck, dass die Lektionen des Lebens ohne Sinn und Zusammenhang aufeinander folgen.

Hier helfen uns die Progressionen, die nichts anderes sind als eine Art Lebenstimer. Sie zeigen, in welcher Lebensphase welche Kräfte zu integrieren sind. Dane Rudhyar meinte, dass die Progressionen eine Art Fahrplan für bewusste Lebensgestaltung darstellen, ein „geordnetes Muster des Wachstums“, wie er sich ausdrückte. Etwas einfacher gesagt: Pro Lebensjahr stehen jeweils nur ausgewählte Teile der Radix-Anlage zur Bearbeitung an, etwa ein oder zwei Planeten, dazu vielleicht noch ein bestimmter Häuserbereich. Aus den Progressionen sind diese genau zu definieren. Das sind dann diejenigen Themen, mit denen wir im entsprechenden Jahr erfolgreich sein können. Diese Teile sind jetzt entwicklungsbereit und stehen mehr als sonst zur Verfügung. Zwar liegt es bei uns, ob wir das erkennen oder wegschauen. Die einzelnen Radix-Anlagen werden im Verlauf des Lebens jedoch mehrmals aktiviert. Wenn das in einem bestimmten Jahr geschieht, sind sie bereit, „wachgeküsst“ zu werden. Daneben stehen uns natürlich alle in den vergangenen Jahren entwickelten Teile des übrigen Radix weiterhin zur Verfügung. Doch das Leben überfordert uns nicht mit der Aufgabe, in jedem Jahr an allen zehn Planeten gleichzeitig zu arbeiten. Wenn die Progressionen beispielsweise im aktuellen Lebensjahr eine Aktivierung Ihres Pluto anzeigen, so geht es jetzt darum, dass Sie sich mehr als bisher Ihrer sexuellen Bedürfnisse bewusst werden, Ihres Wunsches nach Intensität und der Teilnahme am vollen Leben. Was in den letzten Jahren im Vordergrund der Auseinandersetzung stand, tritt etwas zurück, das Gelernte kann nachwirken. Sie können in jenen Bereichen die Früchte Ihrer bisherigen Bemühungen ernten. Diese Themen laufen einfach mit, während Sie Ihr Hauptaugenmerk nun auf die Pluto-Themen richten. Wenn Sie Ihre Progressionen studieren, wissen Sie, was ansteht und können mit der Zeit gehen – mit Ihrer eigenen inneren Zeit. Sie wissen, welche Teile des eigenen Wesens jetzt reif sind, sich zu entfalten und weiter zu entwickeln. Damit verschwenden Sie Ihre Kräfte nicht an Projekte, für welche die Bedingungen noch nicht gegeben sind, sondern investieren in Bereiche, die von der Zeitqualität gefördert werden. Genauso, wie ein guter Pädagoge die Entwicklungsphase seiner Schüler einschätzen kann, werden Sie sich selbst die richtigen Aufgaben stellen, nämlich solche, die vom eigenen Entwicklungsstand her sinnvoll und lösbar sind.

Unterschied zu Geburtshoroskop und Transiten

Das Geburtshoroskop sagt – entgegen einem allgemeinen Missverständnis – nicht etwa aus, wie jemand ist, sondern es macht einen Vorschlag, wie dieser Mensch werden könnte, wenn er sich optimal nach seinen Anlagen, Begabungen und inneren Fähigkeiten richtet. Das Geburtshoroskop zeigt das eigene innere Gesetz an, wonach jemand im Idealfall leben sollte. Weil die Welt uns oft andere Gesetze auferlegt, hilft das Radix, eigene und fremde Lebenskonzepte zu unterscheiden, die fremden kritisch zu würdigen, die eigenen aber zu verwirklichen. Ob jemand dies getan hat und wie erfolgreich er damit ist, bleibt offen. Deshalb stehen die Endergebnisse des Lebens nicht im Horoskop. Dies ist auch die Erklärung, warum Astrologen, die dennoch versuchen, konkrete Eigenschaften eines Menschen zu beschreiben, eine so merkwürdige Mischung aus Stimmigem und Falschem abliefern. Kein Astrologe kann wissen, wo der Klient bisher den Empfehlungen des Horoskops gefolgt ist und wo er sich hat fremdbestimmen lassen.

Ähnlich wie mit der Radix-Deutung ist es auch mit der Zukunftsdeutung. Die Entwicklungsschritte, die zum Beispiel für das kommende Jahr nötig wären, können wir klar ablesen. Offen bleibt jedoch, in welchem Maß diese praktisch umgesetzt werden. Die progressiven Rhythmen definieren die individuelle Bedeutung dieser Lebensphase, sagen aber nicht, mit welchen konkreten Zielen und Taten der Betreffende dieser Bedeutung Ausdruck verleihen wird. Wenn etwa über Progressionen die Uranuskräfte im Radix angesprochen sind, könnten wir dies im Einzelfall beispielsweise so übersetzen: „Es ist ein Jahr der Befreiung; verleihe ihm die Bedeutung von Selbständigkeit und Freiheit!“ Es gibt nun zahlreiche Wege, um dieses Progressionsziel zu erreichen. Vielleicht sagt die betroffene Person: „Ich wollte mich schon immer beruflich selbständig machen, nun wage ich in diesem Jahr den Absprung.“ Die Botschaft der Progressionen wäre aber auch sinnvoll genutzt, wenn jemand, der zur Zeit keine Möglichkeit sieht, sich beruflich selbständig zu machen oder dieses Bedürfnis gar nicht hat, einfach seine Arbeitsabläufe freier und eigenständiger gestaltet, im Privatleben mehr Freiheit und Selbständigkeit lebt, sich die geistige Freiheit nimmt, eine andere Lebensphilosophie zu vertreten als seine Eltern oder das Prinzip „Freiheit und Selbständigkeit“ in die Erziehung seiner Kinder integriert, kurz: die Progressionen rücken Uranus ins Zentrum, legen diese Person jedoch nicht fest, sondern empfehlen ihr: „Was immer du tust, tue es als freier Mensch; unterlege deinem Tun eine Bedeutung von Freiheit und Selbständigkeit!“

Das Vorhersagen von konkreten Ereignissen wie Heirat, Trennung, Krankheit, Gesundheit, Berufserfolg usw. ist nicht nur aus ethischen Gründen abzulehnen. Es ist auch deshalb fragwürdig, weil der Mensch mit seinem freien Willen ja seine Zukunft mitgestaltet. Jeden Tag setzt er mit seinem Tun und Lassen Ursachen für die Zukunft. Das Schicksal der kommenden Jahre ist weitgehend eine Folge der Entscheidungen von heute, und kein Astrologe kann mit Sicherheit wissen, wie der Mensch in seiner Freiheit entscheidet. Nun könnte man einwenden, dass neben diesen selbst gesetzten Ursachen andere Faktoren mit hineinspielen, die wir nur teilweise im Griff haben und die gewöhnlich als Schicksalskräfte bezeichnet werden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die heutige Astrologie auch jene Faktoren nur sehr unzuverlässig im Voraus berechnen kann. Es ist, wie wenn auch „das Schicksal“ seinen freien Willen hätte, obwohl es gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.
Von allen Methoden der Zukunftsdeutung spiegeln die Transite am ehesten unsere Beziehung zu den Ereignissen in der Außenwelt wider. Transite werden ja zum Ereignisdatum vom tatsächlichen Gang der Gestirne abgelesen und geben daher stärker als die Progressionen die Verknüpfung des Menschen mit der „objektiven“ Zeit und dem Allgemeinschicksal wieder. Deshalb wird vermutet, dass Transite wenigstens bildhaft unser „objektives“ Schicksal erfassen und demnach als Grundlage für Ereignisprognosen dienen könnten, was natürlich auch nur in einem statistischen Sinne möglich ist und im individuellen Einzelfall niemals zu hundert Prozent trifft. Progressionen scheinen mir zur konkreten Ereignisprognose noch weniger geeignet, weil sie ausschließlich die persönlichen Rhythmen des Individuums anzeigen, und gerade auf der individuellen Ebene ist die statistische Berechenbarkeit am kleinsten und die Entscheidungsfreiheit am größten.

Vereinfacht gesagt sind die Transite näher am konkreten Alltag, die Progressionen näher am geistigen Idealbild. Das Solarhoroskop, eine weitere wichtige Methode der Zukunftsdeutung, nimmt eine Mittelposition ein, weil es zwar die Transit-Situation am Geburtstag abbildet, dann aber – dies ist der Gedanke der Direktionen – diesen kurzen Moment als Symbol für einen größeren Zeitraum betrachtet, hier für das kommende Lebensjahr. Eine gute Einführung in die Solarhoroskope gibt das Buch von Lianella Livaldi-Laun.

Mehr noch als etwa Transite, Solarhoroskope oder andere astrologische Methoden der Zukunftsdeutung zeigen Progressionen die inneren Bedingungen der biographischen Entwicklung. „Progressionen beziehen sich nicht auf objektive Ereignisse; sie beschäftigen sich nur mit subjektiven Bedingungen.“ Wir benutzen also die Progressionen nicht, um zu erfahren, was die Zukunft mit uns vorhat, sondern um bewusster zu entscheiden, was wir in der Zukunft unternehmen wollen. Genauer gesagt helfen sie uns, die notwendigen inneren Entwicklungsschritte zu erfassen. Wenn wir diese kennen, so können wir mit mehr Zuversicht auch unsere äußeren Ziele definieren.

Zusammenfassung:

Das Geburtshoroskop sagt nicht aus, wie jemand lebt, sondern was der Sinn seines Leben sein könnte.

Die Progressionen sagen nicht aus, was jetzt geschieht oder was zu tun ist, sondern welche Bedeutung wir der aktuellen Lebensphase beimessen sollten.

Generell: Die astrologischen Symbole beeinflussen unser Leben nicht, sondern sie deuten es.

Entnommen aus
Ernst Ott:
Lebensweganalyse.
Lehrbuch der astrologischen Progressionen.

Chiron Verlag, Tübingen, 2001.

Dieses Buch können Sie bestellen unter
www.astronova.de

 

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Aktuelle Planetenstände
12-Jul-2014, 12:05 Weltzeit
Sonne20Krebs4'39"
Mond20Steinbock28'26"
Merkur29Zwillinge21' 9"
Venus22Zwillinge40'46"
Mars23Waage18'12"
Jupiter29Krebs7'44"
Saturn16Skorpion42' 1"r
Uranus16Widder28'16"
Neptun7Fische19'11"r
Pluto12Steinbock5'14"r
Mondkn.(w)24Waage15'55"r
Chiron17Fische32'29"r
Erklärungen der Symbole
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