Pluto in Steinbock 2008-2024

Ernst Ott

Neues Leben blüht aus den Ruinen

Dreifache Prozesse

Das magische Wort muss dreimal gesprochen werden; nach dem dritten Mal geschieht "es". Pluto-Prozesse verlaufen sehr oft dreifach. Ein Transit des Pluto aus dem Steinbockzeichen heraus zu einem bestimmten Punkt des Geburtshoroskops kommt wegen der Rückläufigkeit stets mehrfach und dauert viele Monate. Er kann bedeutsame Prozesse begleiten und verläuft - zumindest in der Theorie - in den genannten drei Phasen: Beim ersten direktläufigen Transit werden Mauern zerstört. Eine Weile nach dem Zusammenbruch, beim zweiten Transit, jetzt rückläufig, wächst neues Leben aus den Ruinen. Falls wir in dieser zweiten Phase bereit sind, dieses Neue wahrzunehmen, ist beim dritten, nun wieder direktläufigen Transit eine Art Auferstehung des Begrabenen zu erwarten.

Bestellen unter:
www.astronova.de

Dieser dreiphasige Prozess erklärt sehr gut, was mit dieser Pluto-Konstellation gemeint ist. Anders als bei anderen astrologischen Konstellationen stehen die möglichen Vor- und Nachteile nicht unvermittelt nebeneinander, sondern Gefahr und Chance von Pluto sind verwoben, verwandeln sich ineinander, sind sogar eins, wenn wir bedenken, dass manche Geschehnisse wie der Gott Janus zwei Gesichter haben, eine Schatten- und eine Lichtseite. Ein gutes Schema, um diesem Ablauf Herr zu werden, ist die Reihenfolge der drei Phasen: Erst Zusammenbruch des Alten, dann eine Wartephase mit erstem Aufblühen und zuletzt die Auferstehung von etwas Neuem.

Leider richtet sich das Leben nicht immer nach dem Schema. Es ist anzunehmen, dass auch unter Pluto im Steinbock nicht sämtliche Erfahrungen von sämtlichen sieben Milliarden Erdenbewohnern mit einer positiven Erneuerung enden. Wenn jedoch vieles gut enden wird, dann liegt das teils an der Hilfe der guten Götter, die uns fördernde "Zufälle" zufallen lassen, teils an Menschen, die bereit sind, ihre Wahlfreiheit zu nutzen und mit ihrem freien Willen die jeweils bestmögliche Entsprechung für ihre Konstellationen zu suchen. Man kann es auch einfacher zusammenfassen, indem man sagt: Wir brauchen einerseits Glück, sollten aber auch etwas dafür tun.

In Abweichung vom Schema wäre denkbar, dass in manchen Fällen schon beim ersten Transit Elemente der letzen Phase überwiegen, ein andermal noch beim letzten Transit einzelne Erfahrungen gemacht werden, die wir hier als erste Phase beschreiben. Es ist also weder die Reihenfolge noch der gute Ausgang vorherbestimmt. Aber in allen Fällen wird es ein mehrphasiges Geschehen sein, und in allen Fällen wird Schatten und Licht eng und ursächlich verknüpft sein, werden Ende und Neuanfang so nahe beieinander liegen wie zwei Liebende. Bei der Konkretisierung der einzelnen Phasen werden wir nun ebenfalls feststellen, das jede einzelne ihre Gefahren und auch Chancen enthält.

Erste Phase: Zerstören der Mauern

Pluto im Steinbock symbolisiert zuerst einmal einen Zusammenbruch alter Ordnungen. Im gesellschaftlichen Bereich betrifft das instabile Organisationen, Strukturen und Staaten, im persönlichen Bereich Dogmen, Ängste und verhärtete Gewohnheiten, unter Umständen auch verkrustete Verhältnisse und Beziehungen. Wer aus ihnen bisher Sicherheit bezogen hat, sieht diese Sicherheit möglicherweise einstürzen.

Steinbock hat die Tendenz, Sicherheiten aufzubauen und dafür auch harte Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Das ist vorerst kein Widerspruch zu den "Absichten" Plutos. Pluto ist aber ein notwendiges Korrektiv wenn Sicherheitsstreben lebensfeindlich wird. Dann gilt es, zwischen Sicherheit und Sicherheit zu unterscheiden. Sinnvoll sind Sicherheitskonzepte, die Leben schützen und ermöglichen. Fragwürdig dagegen sind rein angstbedingte Sicherheitsmassnahmen, welche einschränken und Leben verhindern. Mythologisch wäre das die Unterscheidung zwischen dem ernährenden Saturn des goldenen Zeitalters und dem kinderfressenden Saturn.

Übung: Echte und falsche Sicherheit

1. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen Sicherheit gibt, so wie es Ihnen einfällt: Mitmenschen, finanzielle Ressourcen, geistige Einstellungen, Gegenstände, Ort usw.

2. Dann fragen Sie bei jedem Punkt nach dem Preis, den Sie dafür zahlen, um über diese Sicherheit verfügen zu können. Der Preis kann materiell oder ideell sein. Manche Mitmenschen z.B. geben uns Sicherheit, verlangen dafür aber Wohlverhalten usw. Vergleichen Sie immer wieder Kosten und Nutzen.

3. Ziehen Sie zuletzt eine Bilanz: Bei welchen Sicherheiten ist der Preis angemessen und Sie zahlen ihn gerne?

Welche Sicherheiten schränken Sie zunehmend ein und rauben Ihnen die Lebenslust oder verkleinern Ihren Bewegungsradius? Letztere gehören auf den Prüfstand.

Wenn wir bei dieser steinböckischen Kosten-Nutzen-Analyse auf solche unnützen, weil Leben verhindernden Sicherheiten stoßen, können wir entweder mit dem baldigen Blitzschlag rechnen, der die bisher sicheren Mauern zum Einsturz bringt - oder selbst Abbrucharbeit leisten. Viele Menschen zögern und bleiben untätig, weil das Abbrechen mit Arbeit verbunden ist. Damit wählen Sie unbewusst die Variante eins. Sie lassen das Schicksal die Arbeit tun. Wenn dann der Blitz eingeschlagen hat, klagen sie das Schicksal an, weil es sie nicht mit einbezogen und vorher höflich angefragt hat, welche Art von Blitzschlag sie denn gerne hätten. Der Zusammenbruch alter Ordnungen kann also unterschiedlich erlebt werden:

1. Variante: Er wird als schrecklich und negativ empfunden, weil man vorher gar nicht wahrgenommen hat, wie beengend die alte Ordnung war oder weil man diese Einsicht verdrängt hatte. Der Einsturz der Mauern wird dann als schicksalhaft erlebt. In einem solchen Fall kommen gleich nach dem Einsturz die eingemauerten Ängste hervor. Der Betroffene wird das missdeuten und denken: Der Schicksalsschlag - im Bild der in den Turm einschlagende Blitz - hat die Ängste verursacht. Das ist nicht der Fall, denn der Turm wurde ja gebaut, um diese Ängste einzumauern. Man lebte darin zwar eingeengt, aber relativ sicher und nahm die Ängste nicht mehr wahr. Jetzt kommen sie raus, und es sind die alten Ängste. In der nächsten Phase sollte man ihre Geschichte erforschen: Wann und wie entstanden sie? Auf welche Weise habe ich sie ruhiggestellt oder eingemauert? Was waren die Vor- und Nachteile der Verdrängung?

2. Variante: Der Einsturz der alten Ordnung wird als Hoffnung ersehnt. Die Tarotkarte mit dem vom Blitz getroffenen Turm kann ja auch als eine Befreiung von Gefangenen gedeutet werden. Wer im Gefängnis sitzt, sehnt sich nach Freiheit, und wenn der Blitz einschlägt, ist es ihm relativ egal, ob er gemütlich über die Treppe oder durch das Fenster nach außen kommt, Hauptsache er ist in Freiheit. Weltweit gibt es viele zu Unrecht eingesperrte Menschen, die auf den Einsturz alter Ordnungen hoffen. Es gibt auch Lebenssituationen, in denen wir uns - ohne real im Kerker zu liegen - fühlen wie im Gefängnis.
In einigen Fällen könnte unter Pluto im Steinbock eine Befreiung eintreten, indem "zufällig" genau jene Zwänge, die uns behindert hatten, zerstört werden, oder jene Menschen, die unsere Gefängniswärter waren, sich entfernen.
Wem das passiert, der hat einfach Glück gehabt, und kann sich freuen. Es sei denn, er hat das Gefängnis lieb gewonnen. Falls wir den Einsturz des Alten nicht als Hoffnung ersehnen, sondern darüber erschrecken, könnten wir uns auch einmal in einer selbstkritischen Stunde fragen, ob wir vielleicht blind waren. Haben wir eventuell für eine nette Blümchentapete gehalten, was in Wirklichkeit eine Kerkermauer war?
Haben wir vielleicht jemanden für unseren Ernährer und Wohltäter gehalten und merken erst jetzt, dass die Person, die uns täglich den Blechnapf durch die Luke geschoben hat, der Kerkermeister war? Die Antwort auf diese Fragen muss natürlich nicht in jedem Fall ja lauten, es ist jedoch nützlich, sie sich zu stellen. Menschen haben eine eigenartige Fähigkeit sich mit beschränkenden Zuständen zu arrangieren, und ein Naturtalent zur Selbsttäuschung. Außerdem gibt es auch die Angst vor der Freiheit.

3. Variante:
Eine weitere Möglichkeit, auf die erste Phase von Pluto im Steinbock zu reagieren, wäre die Folgende: Der Einsturz der alten überlebten Sicherheit wird ganz freiwillig herbeigeführt. Durch klare Einsicht in deren wahren Charakter, schreiten wir zur Selbstbefreiung. Das Bild mit dem Turm erinnert mich immer an den berühmten Spruch Kants, Aufklärung sei "der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit."[1] Ein Ausgang, das Hinausgehen aus einem Zustand der unfrei macht. Zumindest im Nachhinein kann erkannt werden, dass dieser Zustand selbstverschuldet war. Die äußern Umstände haben ihn zwar herbeigeführt, aber der eigene damals noch beschränkte Geist, sah auch keine andere Möglichkeit als den Kerker zu ertragen. Astrologie ist ein bewährtes Mittel, um nach bislang unentdeckten Notausgängen zu suchen. Sie kann Menschen neue Möglichkeiten zeigen und ihnen mehr Wahlfreiheit ermöglichen. Auch halbfreiwillig schreiten wir manchmal zur Selbstbefreiung, wenn uns in der Therapie oder einem Ritual jemand führt, so dass wir plötzlich die Dramatik des Eingesperrtseins erkennen. Die alten Ängste verlieren dann in diesem geschützten Rahmen für einen Moment ihre Kraft. Plötzlich finden wir - über uns selbst staunend - den Mut, zur Spitzhacke zu greifen und den verfluchten alten Turm einzureißen, den wir eben noch für unzerstörbar gehalten hatten.

Drei Varianten gibt es also: Der Sturz der alten Ordnung geschieht gegen unseren Willen, oder sie wird als Hoffnung ersehnt oder im dritten Fall sogar aktiv herbeigeführt.
Betrachten wir ergänzend noch die härteste Variante: Es gibt Verluste, die wir einfach nicht verstehen können. Nach menschlichem Ermessen hatten wir keine Wahl, etwas "besser" zu machen. Keine Einsicht kann uns trösten. Manche Menschen haben dann Zugang zu einem religiösen Glauben oder sonstigem Urvertrauen. Das ist ein kostbarer Schatz. Das Horoskop kann darüber hinaus in gewisser Weise helfen, indem es Deutungsvorschläge macht:
Was war die Botschaft dieses Schicksalsschlages?
Wir entnehmen Sinn und Bedeutung des Ereignisses in der Regel aus jenem Geburtsplaneten, der den Pluto-Transit bekommt (siehe in Kapitel 6). Wir wissen dann, welcher Planet aus diesem Verlust am meisten lernen kann. Derselbe Radix-Planet sollte auch zum Aufarbeiten benutzt werden und als Lösungsvorschlag, was weiter zu tun ist.

Zweite Phase: Neues Leben blüht in den Ruinen

Irgendwann wächst Gras über jede Wunde. Ob das ein Trost ist, hängt von der Einstellung des Betroffenen ab. Das objektive Problem dabei ist, wie oben beschrieben, dass das Aufblühen nicht einem Willensakt folgt, sondern etwas Zeit braucht. Für die ganze Phase sind das 16 Jahre, und auch wer persönlich von einem Pluto-Transit betroffen ist, muss mehrere Monate oder unter Umständen einige Jahre warten, je nachdem, ob man mit einem engeren oder weiteren Orbis für den Transit rechnet. Gefragt ist dabei die Steinbock-Qualität der Geduld. Im Grund handelt es sich in dieser mittleren Phase, um einen Zustand, in dem man faktisch nichts an den Umständen ändern kann.

Ich empfehle, die Zeit zu nutzen, um an seiner inneren Einstellung zu arbeiten. Dennoch kann es sehr unangenehm sein, dass man auf der Handlungsebene nichts falsch und nichts richtig machen kann, dass man für den Augenblick gar nichts im Griff hat. Gerade Menschen, die von ihrem Charakter her einen guten Zugang zum willensstarken Steinbockzeichen haben oder gerne mit ihrem Pluto Kontrolle ausüben, fühlen sich jetzt besonders machtlos. Ihnen fällt es schwer, zu dulden, dass die Zeit handelt, dass das Schicksal handelt, dass die Natur handelt und nicht sie selber. Schade, aber die Lösung liegt in diesen beiden Symbolen selbst:
Der positive Pluto kann durchaus magische Kräfte, die größer als die Einzelpersönlichkeit sind, integrieren. Der positive Steinbock kann zu weiser Einsicht über den Gang der Zeit kommen. Der griechische Gott Kronos-Saturn ist ja auch Chronos, der Herr über die Zeit. Für beide Lösungen ist ein gewisser geistiger Aufwand notwendig, und so besteht in dieser Phase die Gefahr, dass die äußere Stille uns lähmt. Wir werden passiv, fühlen uns als Opfer. Vielleicht sollten manche Menschen tatsächlich lernen, auch einmal Hilfe anzunehmen, was übrigens ohne innere Stärke gar nicht möglich ist. Das Ziel jeder Hilfe, speziell auch durch Astrologie, sollte allerdings in der Wiedererweckung der Eigeninitiative des Betroffenen liegen.

Andere wiederum hätten kein Problem damit, Hilfe anzunehmen, aber sie finden keine. Was ihnen angeboten wird, ist ihnen zuwenig. Sie fühlen sich vom Leben übers Ohr gehauen. Für sie ist es nicht leicht, aus der Opferhaltung herauszufinden. Ein Opfer stößt nämlich meist auf Mitleid und Empathie. Unsere Gesellschaft nimmt - zumindest auf ihrer Schauseite - Opfer sehr ernst. Dies alles, verstärkt noch durch eine Kultur des Jammerns, die sich etabliert hat, erschwert es den Betroffenen, Eigenaktivität zu entwickeln, weil man als Opfer immer Ersatz-Streicheleinheiten bekommt und sich außerdem als unschuldig fühlen kann. Man entwickelt einen heimlichen Trotz gegen das Leben und glaubt, dass einem die Welt nun etwas schuldig sei.Man empfindet ein gewisses Recht, passiv zu bleiben und von außen Lösung zu erwarten. Selbstverständlich haben die Verursacher und hat die Gesellschaft eine Verantwortung für echte Opfer. Dennoch sollte die Astrologie den Opfern ein Stück Eigenverantwortung zurückgeben. Wie klein auch immer unser eigener Anteil an dem Ganzen ist: Diesen kleinen Teil können wir nutzen. Für unsere Einstellung, unsere Gedanken und Gefühle sind wir selbst verantwortlich. Und hier haben wir auch die Freiheit etwas zu verändern.

Unser Beitrag besteht demnach in der zweiten Phase darin, in unserem Inneren aktiv zu werden, nach außen jedoch eine gelassene Hoffnung zu kultivieren: Ich vertraue auf die Natur und auf die heilende Kraft der Zeit. Wie wir oben gesehen haben, greift die Hoffnung nach den Sternen. Astrologie hilft, sich an den Sternen zu orientieren. Richtig eingesetzt gibt sie uns Informationen über die Zeitphasen und Orientierung für den weiteren Weg. So schenkt sie uns Zukunftshoffnung. Indem sie uns auf unsere Talente und Anlagen zurückführt verleiht sie außerdem Hoffnung in der Gegenwart: Jetzt kann ich bestimmte Talente befreien!

Astrologie lösungsorientiert verwenden und richtig hoffen, das bedeutet demnach: Wir nehmen das Ruder wieder in die eigene Hand. Damit ist auf der äußeren Ebene noch nichts gebessert. Aber die Fähigkeit zum Handeln und Verändern ist wieder hergestellt. Lösungen beginnen im Geist.

Nutzen wir diese stille Phase und gehen jenen Fragen nach, bei denen die Astrologie so hilfreich ist:

Wann geschah es?
Was war ausgelöst?
Was sind die inneren Gründe für das Geschehene?
Was ist Sinn und Bedeutung des Erlebten?
Wie bewerte ich es?
Wann soll ich mich in Akzeptanz üben?
Wann ist es sinnvoll, zu rebellieren, einzugreifen?
Welche Planeten sind heute ausgelöst?
Wie kann ich sie nutzen, um weiterzukommen?

Insbesondere ist ein Umdenken nötig: Jeder sichere Zustand hat seine Schattenseiten. Jeder Schrecken hat seine guten Nebenwirkungen. Jede Angst enthält ein Potential. Astrologie ist wie kaum eine andere Methode geeignet, dieses Umdenken herbeizuführen. Ihre Stärke ist es, die Chance in der Gefahr aufzuzeigen, weil sie ja definitionsgemäß keine einzige Konstellation kennt, die nur negativ ist. Kenntnis der positiven Entsprechungen öffnet unseren Blick für Lösungen.

Übung

1. Denken Sie an etwas Schlimmes. Nehmen Sie das erste persönliche Problem, das Ihnen einfällt. Es kann auch ein allgemeines schlimmes Schicksal sein, jedenfalls etwas, das Sie spontan als schlecht und negativ bewerten.

2. Schreiben Sie es mitten auf ein Blatt Papier.

3. Schreiben Sie auf die Rückseite desselben Blattes mindestens drei positive Nebenwirkungen dieses schlimmen Problems. Zwingen Sie sich, die Kehrseite der Medaille zu sehen. Finden oder erfinden Sie mögliche positive Anteile oder Folgen des Problems. Das dürfen auch Kleinigkeiten sein.

Vielleicht hat sich am Schluss der Übung Ihre Bewertung geändert. Es steht Ihnen aber auch frei, bei der Überzeugung zu bleiben, dass der Schaden größer ist als der Nutzen. Es geht einzig darum, den Blick für die positive Anteile zu trainieren.
Zum Umdenken gehört auch die Fähigkeit, neu wahrzunehmen. In dieser Phase müssen wir wieder sehen lernen. Versetzen wir uns in Gedanken einmal in die beiden Personen, die aus dem Turm geworfen wurden. Sie sind zwar frei, haben aber noch die alte Turm-Optik. Stellen wir uns nun vor, dass weit hinten am Horizont eine Menschengruppe mit einer Fahne auftaucht. Die beiden Personen werden mit einem Angstausbruch reagieren.
In den letzten Jahren haben sie den Blick durch die Schießscharten hinaus vermieden, um die schrecklichen Feinde nicht sehen zu müssen. Sie hofften nur, dass ihre Mauern dick genug sind. Nun sollten sie wieder sehen und beobachten lernen: Falls die herankommende Menschengruppe tatsächlich eine Kriegsfahne trägt und mit Stöcken bewaffnet ist, wäre es nützlich, das rechtzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren, denn die Schutzmauern sind fort, ängstliches Abwarten genügt nicht mehr. Sie könnten geschlagen werden. Sie könnten aber auch siegen. Dies war im Turm nicht möglich.Es geht nur, wenn man draußen ist, die Realität einschätzt und handelt.

Man könnte die Geschichte auch negativ zu Ende erzählen: Die beiden Personen wollen nicht neu sehen lernen. Sie nehmen unscharf Menschen und eine Fahne wahr, setzen sich ins Gras neben der Turmruine und sind tief überzeugt, dass schwerbewaffnete Feinde sie gleich vernichten werden. Nach einiger Zeit zieht der Lärm ab, aber die beiden wagen es erst nach einer Stunde wieder, die Augen zu öffnen. Andernfalls hätten sie gesehen, dass auf der Fahne stand: "Wir feiern, feiert mit!" und die einzige "Bewaffnung" der fremden Menschen in Musikinstrumenten und Sektflaschen bestand. Angst ist eben ein schlechter Ratgeber. Wir könnten anschließend den beiden Angsthasen die Information geben, dass die Fremden gutmeinend gewesen seien. Nur ist unwahrscheinlich, dass man uns glauben wird. Der ängstliche Schießschartenblick von früher sieht überall Feinde. Die alte Angst ist blind für neue Realität.

Im Angstzustand ist es nie möglich, Realität differenziert wahrzunehmen. Angst vergrößert Kriegsfahnen und übersieht Friedensfahnen. In diesem Fall hätte man den ehemaligen Turmbewohnern wünschen müssen, dass der Blitz der Aufklärung nicht nur die Mauer, sondern auch ihre Ängste zerstört hätte.

Dritte Phase: Auferstehung des Begrabenen

Das Ergebnis des Prozesses ist auf jeden Fall, dass etwas sichtbar und manifest geworden ist, das bisher im Schatten lag. Was vorher unter der Erde versteckt war, steht jetzt erkennbar im Licht.

Es gibt keine Garantie dafür, dass dies etwas Erfreuliches ist. Es könnte auch die Wiederkehr des Verdrängten sein, ein Auferstehen von Gestalten der Vergangenheit, die nicht willkommen sind. Bevor wir dann resignieren und uns beim Schicksal beklagen, könnten wir uns allerdings an das Gelernte erinnern: Erstens ist selbst ein Monster, wenn es ans Licht gekommen ist, bei Tag leichter zu bekämpfen als nachts. Zweitens könnte es vielleicht weniger monsterhaft sein, als uns erscheint. Durch die bisherigen Pluto-Prozesse sind wir hoffentlich heilsam verunsichert, so dass unsere fixe Zuordnung von Gut und Böse durcheinander gekommen ist. Licht und Schatten sind nicht mehr sauber getrennt, sondern purzeln durcheinander. Dieser Zustand ist nicht angenehm, hat aber Vorteile, wenn es darum geht, die guten Anteile des sogenannten Bösen zu erkennen, oder die vielen farbigen Zwischenstufen zwischen schwarz und weiß zu sehen.

Doch was sollen wir tun, wenn die auferstandenen Figuren bei uns weit hässlicher aussehen als auf dem Bild? Wenn sich plötzlich Gestalten, Verhaltensweisen, Triebe melden, die wir bisher in die Abteilung "innerer Schweinehund" gesteckt und in einer verborgenen Ecke der Seele arretiert haben? Schlecht! Dann würde die zu erwartende Befreiung der Gefangenen ein paar Kreaturen auf freien Fuß setzen, denen wir lieber nicht begegnet wären. Peinlicherweise können wir nun zum inneren Schweinehund nicht sagen: "Tut mir leid, ich kenne Sie nicht." In einem solchen Fall heißt es: Rücke um zwei Positionen zurück! Hier sind wir nämlich nochmals in der ersten Phase gelandet und fürchten uns vor Blitz und Veränderung. Wir erhalten Gelegenheit, als Wiederholungslektion nochmals in der zweiten Phase eine Neubewertung vorzunehmen. Die Ereignisse wollen erneut vorurteilslos betrachtet werden, solange, bis wir die Blumen wahrnehmen, die aus den Ruinen aufgeblüht sind.

Dazu noch ein kleiner Tipp aus der Praxis: Innere Schweinehunde lassen sich in der Regel nicht zähmen und zivilisieren, sondern nur verstecken. Falls dies wie im vorliegenden Fall nicht länger möglich ist, hilft nur noch die Strategie, sie zu lieben. Nachdem sie nun einmal ins Tageslicht getreten sind, beobachten wir sie so lange mit neugierigem Interesse, bis wir die menschliche Seite dieser süßen Schweinchen entdeckt haben.

Anschließend führen wir sie lustvoll spazieren. Die Vermutung, dass wir dadurch alle Freunde verlieren und vereinsamen werden, ist unbegründet. Wir werden zwar einige Moralapostel unter den ehemaligen Freunden verlieren. Alle anderen jedoch werden instinktiv spüren, dass der Umgang mit uns nun prickelnder und interessanter geworden ist. Unser neues Verhalten wird unsere Freunde nämlich an ihren eigenen Schweinchenbestand erinnern. Schweine sind nicht nur Symbol für urweibliche Fruchtbarkeit, sondern auch einfach für das Lustprinzip.

Im folgenden konzentrieren wir uns im Sinne einer lösungsorientierten Astrologie auf die positiven Potentiale dieser Auferstehung des Begrabenen. Aus den Figuren auf dem Bild direkt abzuleiten wäre die Möglichkeit einer Unterstützung durch die Ahnen. Falls Sie daran glauben, dass die Verstorbenen nicht einfach weg sind und keine Kraft mehr haben, sondern um Unterstützung gebeten werden können, dann ist jetzt eine optimale Zeit, um diese Ressourcen zu wecken und nutzbar zu machen.

Auch wer nicht an die Hilfe verstorbener Ahnen glaubt, kann im psychologischen Sinn eine Stärkung anstreben, in dem belastende negative Erinnerungen aufgelöst werden und auf der anderen Seite stärkende Erinnerungen an gute Erlebnisse mit den Vorfahren gewürdigt und genutzt werden. In der Vergangenheit (Steinbock) falsch Programmiertes kann umprogrammiert werden (Pluto).

Die Analyse der Horoskope von Geschwistern, Eltern und Grosseltern ist aufschlussreich. Wir entdecken vererbte Muster, sich wiederholende Aspekte, gehäufte Besetzungen eines Tierkreiszeichens oder sogar derselben Tierkreisgrade und ähnliches. Dadurch wird klar: Wir sind nicht allein und nicht die ersten mit unserem Problem! Selbst wenn wir einem schweren Familienskript auf die Spur kommen sollten - in vergangenen Zeiten sprach man in solchen Fällen von einem Fluch, der auf der Sippe läge - haben wir durch das bewusste Erkennen des Musters eine gute Voraussetzung geschaffen, um nicht länger das blinde Opfer der unbewussten kollektiven Mechanismen zu bleiben.
Meine persönliche Überzeugung ist: Wenn wir einen Familien-Aspekt freier und konstruktiver leben als in der Vergangenheit, dann haben wir dadurch nicht nur uns selber, sondern auch allen Familienmitgliedern geholfen, sogar wenn diese es nicht erfahren, sogar wenn diese längst tot sein sollten. Aber auch wenn uns kein so umfassender plutonischer Wandel gelingt - schließlich haben wir noch anderes zu tun und sind nicht ausschließlich auf die Welt gekommen, um den ganzen Stamm vom Fluch der Vergangenheit zu erretten - kann schon die Erkenntnis tröstlich sein, dass wir vielleicht die mildere Variante eines Familienaspekts abbekommen haben oder bessere Bedingungen um damit umzugehen. Zumindest haben wir die Astrologie, um Zusammenhänge klarer zu erkennen.

Es gibt noch weitere Gründe, um sich unter Pluto im Steinbock etwas mit dieser symbolischen Auferstehung der begrabenen Ahnen zu beschäftigen. Durch das Studium ihrer Horoskope und durch etwas Familienforschung erfahren wir Dinge über unsere Vorfahren, die wir nicht wussten. Dies ist als Fundament (Steinbock-Entsprechung) eine Bereicherung, um mutiger den eigenen Weg zu gehen. Da erfahren wir nämlich plötzlich von einem Familienmitglied, das einen sehr ähnlichen Lebensentwurf hatte wie wir selber. Ein anderer Vorfahre hatte vielleicht ein ähnliches Wertesystem wie wir. Möglicherweise fühlen wir uns irgendeinem Glied in der Kette sogar geistig näher verwandt als den eigenen Eltern. Plötzlich sind wir weniger allein. Es heißt, man könne die Vergangenheit nicht ändern. Ich glaube nicht daran, denn man kann sie zumindest umdenken. Ich kennen viele Menschen, die durch eine plutonische Umbewertung der Vergangenheit eine völlig neue Sicht gewonnen haben. Früher erschien ihnen alles schlecht, nun erkennen sie, dass es in ihrer Kindheit auch Schönes und Wertvolles gab. Früher war es so, dass man es am liebsten vergessen hätte. Heute erinnert man sich gerne daran oder hat zumindest Akzeptanz gegenüber der eigenen Geschichte erreicht.

Wir werden in den nächsten Kapiteln noch feststellen, dass Familienthemen, die eigentlich dem Krebszeichen zugeordnet sind, zur Zeit ebenfalls eine Rolle spielen, weil der Krebs als Oppositionszeichen dialektisch mit dem Steinbock verbunden ist. Zwischen diesen beiden Zeichen gibt es teils Ergänzungsmöglichkeiten, teils auch ähnliche Entsprechungen, obwohl sie in recht unterschiedlicher Gestalt auftreten.

Zur möglichen Auferstehung von bisher Unsichtbarem gehört die Pluto-Entsprechung Magie. Wenn wir diesen Begriff etwas weiter fassen, bedeutet er einfach: Machtvoll etwas verändern, initiieren, erreichen können, und zwar unter Einbezug von irrationalen Kräften. Was nach der Ursache-Wirkungs-Mechanik nicht funktionieren kann, funktioniert vielleicht doch. Selbst so etwas Logisches wie Maschinen haben ja ihre irrationalen Seiten, erst recht alles Lebendige. Diese 16 Jahre bieten uns die Chance, vermehrt ganzheitliche Künste anzuwenden. Ich denke dabei an Methoden der Lebensführung oder des Managements, welche die Kraft des Unbewussten mit einbeziehen, an Methoden, die nicht vollständig erklärbar sind, sondern nur "einfach wirken", wie Geistheilung, Homöopathie, Aufstellungsarbeit, Astrologie, Rituale, Traumdeutung und viele andere mehr.

Dabei handelt es sich um eine doppelte Auferstehung, denn einerseits schöpfen diese Methoden aus dem vergrabenen Schatz des Unbewussten, und andererseits sind sie alt, wurden aber seit der Aufklärung für tot erklärt und können nun fröhlich auferstehen. Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Die Astrologie war in der Vergangenheit und bis heute die am häufigsten totgesagte Technik. Nicht zufällig ist sie aber auch eines der ganz wenigen Systeme, welches immer wiedergeboren wurde und so die Jahrtausende intakt überlebt hat. Das ist ein ähnlicher plutonischer Vorgang, wie bei der bekannten Tatsache, dass eine überstandene schwere Krise oder Todesgefahr die Betroffenen stärker macht. Sie haben bereits eine Art Tod hinter sich, daher fürchten sie ihn weniger als andere. Das macht sie beinahe unsterblich.


Notes:
  1. Immanuel Kant, Beginn des Traktats "Was ist Aufklärung?", Hamburg 1999.

Entnommen aus
Ernst Ott
Pluto in Steinbock 2008 - 2024.

Neues Leben blüht aus den Ruinen

Chiron Verlag, 2008.

Dieses Buch können Sie bestellen unter
www.astronova.de

 

Astro-Databank
Astro-Databank
Astro Wiki
AstroWiki
Aktuelle Planetenstände
18-Apr-2014, 03:29 Weltzeit
Sonne28Widder1'42"
Mond3Schütze17'54"
Merkur19Widder19'54"
Venus13Fische18'14"
Mars15Waage26'26"r
Jupiter13Krebs12'56"
Saturn21Skorpion38'42"r
Uranus13Widder21'57"
Neptun6Fische51'52"
Pluto13Steinbock34'40"r
Mondkn.(w)28Waage22'59"
Chiron16Fische2'24"
Erklärungen der Symbole
Horoskop des Moments
Werbung
Loading