Symbolsprache der Astrologie / Teil 1

Interview mit Liz Greene, von Nicholas Campion

 

In den Teilen drei und vier des Interviews spricht Nick Campion mit Liz Greene über ihre Erfahrungen mit der Astrologie und über die Konsequenzen, die sie daraus in bezug auf ihre Eigenschaften und praktische Anwendung zieht.

Liz Greene und Nick Campion kennen sich seit vielen Jahren und führten das Gespräch in einem freundschaftlichen Rahmen. Daher haben wir uns entschlossen, die vertrautere Du-Form auch in der Übersetzung beizubehalten. Den englischen Originaltext können Sie in der amerikanischen Astrologie-Zeitschrift "The Mountain Astrologer" (Feb/Mar 2002) nachlesen, die noch unter www.mountainastrologer.com zu erwerben ist.

 

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

 

Nick Campion: Ich möchte gerne mit einer äußerst wichtigen Frage beginnen: Wie bist Du zur Astrologie gekommen? War es eine allmähliche Entdeckung oder eine plötzliche Offenbarung?

Liz Greene: Es war eher plötzlich als allmählich. Es gab zwar keine Zeit in meinem Leben, in der mir die Astrologie nicht präsent war - auch in meiner Kindheit war sie immer da. Aber sie spielte nie eine besondere Rolle für mich. Während meines Studiums ging ich dann einmal zu einer Astrologin, um mein Horoskop deuten zu lassen, und das war der  Startschuss. Das hat mich fasziniert, und dann wollte ich wissen, wie das funktioniert. Also habe ich angefangen, mich intensiv damit zu beschäftigen.

 

Nick Campion: Du musst damals Anfang zwanzig gewesen sein.

Liz Greene: Ich war neunzehn. Einige meiner Freunde gingen zu Isabel Hickey und haben mich gefragt, ob ich nicht auch eine Horoskopdeutung bei ihr machen lassen wolle. Also ging ich mit. Sie ist damals wohl die wichtigste Astrologin an der Ostküste der Vereinigten Staaten gewesen. Viele Leute kennen sie, unter anderem Howard Sasportas und Darby Castello.[13] Bei Isabel Hickey gingen viele ein und aus. Sie war eine knallharte Theosophin, sehr esoterisch und ziemlich dogmatisch. Aber ihre Astrologie war solide, und ihr Glaubensgebäude passte zum Zeitgeist.

 

Nick Campion: Was hast Du studiert?

Liz Greene: Psychologie.

 

Nick Campion: War das Dein Hauptinteresse?

Liz Greene: Ja. Es hat damit angefangen, dass ich mit zwölf Freuds "Traumdeutung" gefunden habe.

 

Nick Campion: Du warst also ein frühreifes Kind?

Liz Greene: Ich war auf jeden Fall eine frühe Freudianerin!

 

Nick Campion: War die Entdeckung Freuds eine Offenbarung für Dich?

Liz Greene: Sie war eine wirklich wichtige Offenbarung. Auf einmal ist der Groschen gefallen. Nicht dass ich alles, was Freud sagte, gleich verstanden habe, aber eines hat mir sofort eingeleuchtet: die Tatsache, dass es eine Seite im Menschen gibt, die er nicht kennt - dass in seinem Inneren ständig unbewusste Prozesse ablaufen. Das habe ich sowieso gewusst, aber mir hat niemand geglaubt. Und dann war da dieses Buch, das genau das bestätigte, was mir schon von klein auf bewusst war. Ich begann zu forschen. Ich habe alles über Psychologie gelesen, was ich bekommen konnte, auch Literatur, die sich mit psychologischen Themen beschäftigte. Ich wurde also hauptsächlich von der Psychologie und psychologisch orientierter Literatur inspiriert, nicht primär von der Astrologie.

 

Nick Campion: War Dein Psychologie-Abschluss Freud-orientiert oder verhaltenspsychologisch?

Liz Greene: Verhaltenspsychologisch.

 

Nick Campion: Ratten in Käfigen?

Liz Greene: Ja, Ratten in Käfigen. Und jede Menge Soziologie und Statistik, was ich gehasst habe. Aber ich glaube, ich habe schon damals verstanden, dass es wichtig ist, ein Stück Papier in der Hand zu haben, einen Abschluss. Also habe ich mich damit abgefunden.

 

Nick Campion: Du hast die Astrologie also während Deines Studiums entdeckt. Hat die Astrologie Dir mit neunzehn neue Einsichten eröffnet, so wie es die Entdeckung Freuds mit zwölf getan hatte?

Liz Greene: Ja, sicher. Durch die Astrologie hat die Psychologie angefangen, einen Sinn zu ergeben. Es war genau wie mit meiner Entdeckung Freuds: plötzlich ist der Groschen gefallen. Die Astrologie hat mir Aspekte unserer selbst gezeigt, die wir normalerweise nicht wahrnehmen, Facetten des Lebens, die wir für gewöhnlich nicht verstehen.

 

Nick Campion: Und da hast Du die direkte Verbindung zwischen Astrologie und der Art von Psychologie, mit der Du Dich schon früher beschäftigt hast, gesehen. Wann hast Du Jung entdeckt?

Liz Greene: Ich habe Jung irgendwann in meiner Jugend gelesen, aber er hat mir nicht im gleichen Maß eingeleuchtet wie Freud. Zwischen zwanzig und dreißig bin ich dann wieder auf ihn zurückgekommen, und dann ist der Funke übergesprungen.

 

Nick Campion: Und das war im Zusammenhang mit der Astrologie?

Liz Greene: Ja.

 

Nick Campion: Hast Du damals beruflich als Psychologin gearbeitet?

Liz Greene: Nachdem ich meinen Doktor gemacht hatte, habe ich eine ziemlich konventionelle, orthodoxe Psychotherapie betrieben, unter anderem auch einige Freud'sche Techniken. Ich hatte damals noch keine offizielle Ausbildung in Jung'scher Therapie. Die habe ich erst 1980 gemacht. Davor absolvierte ich eine Ausbildung bei Ian Gordon-Brown und Barbara Somers im "Centre for Transpersonal Psychology" in London. Dort habe ich langsam bekommen, was ich brauchte - etwas sehr Tiefes und Grundlegendes, an dem ich mir die Zähne ausbeißen und wirklich intensiv arbeiten konnte.

 

Nick Campion: Gab Dir die Psychoanalyse diese Tiefe?

Liz Greene: Nun ja, Jungs Version davon. Ich bin nicht mehr und nicht weniger Jungianerin als sonst eine Art von -ianerin oder -istin, aber ich fühlte, dass die Jung-Ausbildung mehr Potential hatte, Menschen zu helfen als die Freud-Ausbildung.

 

Nick Campion: Jung hat selbst so viel aus der Astrologie und der esoterischen Tradition geschöpft, dass es wahrscheinlich einfacher ist, ihn mit der Astrologie zu kombinieren als Freud zum Beispiel. Du bist Anfang der 70er Jahre nach London gezogen. Ich erinnere mich, dass ich Deinen Namen in "Time Out", dem Londoner Veranstaltungskalender, gesehen habe. Du hast damals Astrologieseminare bei einer alternativen Organisation angeboten, und ich dachte noch, "Da muss ich hingehen", aber leider ist das im Trubel untergegangen.

Liz Greene: Das war 1975-76. Die Organisation hieß "Gentle Ghost".

 

Nick Campion: Hast Du seitdem, in all den Jahren, in denen Du Astrologie unterrichtet und mit ihr gearbeitet hast, eine funktionierende Definition für sie gefunden?

Liz Greene: Nette Frage! Nein, keine Definition, die "in Stein gemeißelt" ist. Für mich ist die Astrologie ein Symbolsystem. Sie ist eine Linse, eine Art "Sehhilfe", die bestimmte Arten von symbolischen Bildern gebraucht, um tieferliegende Strukturen des Lebens zu begreifen, die auf intellektuelle Weise nicht zu erfassen sind. Natürlich sind sie auch auf andere, nicht-intellektuelle Weisen erfahrbar. Die Astrologie ist ein Instrument, mit dem man das Leben in bezug auf seine zugrundeliegenden Muster interpretieren kann. Und deshalb glaube ich, dass all die anderen Instrumente - wie Tarot, die Kabbalah, Mythologie, Literatur, Poesie, Theater, Malerei, Bildhauerei - nicht nur gleichwertig sind, was das Verständnis dieser Strukturen angeht, sondern sie haben auch die Astrologie bereichert. Genauso hat die Astrologie wiederum sie bereichert. Ich denke nicht, dass es so etwas wie die "reine" Astrologie gibt. Wer das behauptet, könnte gerade so gut sagen, dass es eine reine englische Rasse gebe. Die Astrologie ist eine Linse, eine Symbolsprache.

 

Nick Campion: Wenn wir die Astrologie als eine Linse betrachten, bedeutet das, dass der Astrologe etwas anblickt. In diesem Fall kann die Betonung entweder auf dem liegen, was betrachtet wird, oder auf dem Betrachter, dem Astrologen. Und dann stellen sich verschiedene Fragen, zum Beispiel: Wie beeinflusst die Wahrnehmung der Astrologen ihre Astrologie? Oder was betrachten sie, was sehen sie durch die Linse? Verzerrt die Linse das, was wir sehen? Betrachten die Astrologen etwas Reales, etwas Wirkliches? Ist die Astrologie und das, was sie durch die Linse sehen wirklich, real existent?

Liz Greene: Es kommt darauf an, was Du mit "wirklich" meinst. Der Tierkreis existiert nicht als konkretes Ding. Er ist die scheinbare Bahn der Sonne um die Erde, die wir in zwölf Abschnitte eingeteilt haben; jedem Abschnitt ist ein Symbolbild und ein Bündel von Bedeutungen und Verhaltensmustern zugeordnet. Aber der Tierkreis existiert nicht wirklich in dem Sinn, dass da draußen irgendwelche Tiere herumfliegen. In einem gewissen Sinn ist also das ganze System nicht real. Dieser Tisch, an dem wir sitzen, ist etwas, das wir als real bezeichnen würden. Wenn man Wirklichkeit aber als etwas Subtileres definiert, zum Beispiel als Verbindungen oder Resonanzen zwischen den Dingen, dann sind diese Muster tatsächlich real. Aber man kann sie nicht in Quantitäten messen, mit den Instrumenten der so genannten Realität. Wenn Du mich so fragst, dann ist das Problem, dass ich nicht weiß, was Du mit real meinst. Oder vielmehr weiß ich doch, was Du meinst, aber wenn Richard Dawkins fragen würde "Sind diese Zusammenhänge real?", würde er etwas ganz anderes unter real verstehen als ich.[14]

 

Nick Campion: Ich habe "real" im Sinne von Richard Dawkins gemeint.

Liz Greene: In diesem Sinn ist die Astrologie nicht real. Das heißt nicht, dass sie nicht existiert oder dass sie keine Gültigkeit hat - aber, nein, in diesem Sinn ist die Astrologie nicht real. Ich glaube, dass es so etwas gibt wie objektive Strukturmuster, Resonanzen oder schlüssige Zusammenhänge zwischen den Dingen. Ich glaube, dass es eine Einheit gibt. Nenne es wie Du willst, gib ihm einen mystischen oder hermetischen oder sonst einen Namen. Und es existiert außerhalb von uns. Es liegt nicht nur in der Wahrnehmung der Astrologen.

 

Nick Campion: Deinem Buch "Kosmos und Seele" stellst Du ein sehr kraftvolles Zitat von Gerardus Dorneus voran, in dem er die Einheit von allem postuliert:

Weißt du nicht, daß der Himmel und die Elemente früher Eines gewesen sind und durch irgendwelche göttliche Einwirkung voneinander getrennt wurden, damit sie dich und alles übrige erzeugen konnten? Wenn du das weißt, so kann dir das Übrige nicht entgehen. Bei aller Erzeugung ist eine derartige Trennung notwendig ... Aus anderem wirst du niemals das eine machen, welches du suchst, wenn nicht zuvor aus dir Eines wird ...[15]

Das entspricht vor allem der Vorstellung, dass sich die Astrologie ganz natürlich aus dem Verständnis ergibt, dass Himmel und Erde eins sind, und dass auch die astrologische Erfahrung mit uns selbst beginnt. Im gleichen Buch betonst Du aber auch den Wert der modernen Wissenschaft, die sich auf Quantitäten bezieht. Und ich frage mich, ob Du noch hinter dem stehst, was Du vor 25 Jahren geschrieben hast. Es heißt dort: "Astrologie ... ist eine Landkarte der Gesetzessysteme, nach denen die Lebensenergien wirksam sind - eine Astrologie, die durch statistische Erhebungen und wissenschaftliche Untersuchungen untermauert ist."[16] Entspricht das noch Deinem heutigen Denken? Ich frage deshalb, weil seither behauptet worden ist, dass sich die Einstellungen der Astrologen im Hinblick auf eine wissenschaftliche und statistische Herangehensweise verändert haben. Negative statistische Ergebnisse haben eine anti-wissenschaftliche Haltung unter Astrologen ermutigt. Hat sich Deine Sichtweise seit 1977 verändert?

Liz Greene: Ich denke, dass die Forschung sehr wertvoll für die Astrologie ist insofern als sie vorhandene Muster hervorheben kann. Manchmal enthüllt die Forschung Strukturen, die wir nicht erwarten, und das stellt unsere bisherigen Annahmen in Frage. Also: ja, es ist wichtig, dass wir statistische Untersuchungen durchführen. Trotzdem denke ich nicht, dass sie von großem Wert sind, wenn man beweisen will, dass die Astrologie funktioniert. Denn wenn jemand die Einstellung hat, dass Astrologie nicht funktionieren kann, dann wird er sowieso versuchen sie zu widerlegen oder Fehler zu finden. Und jede Statistik ist widerlegbar. Astrologen können ihre eigenen Statistiken machen, aber es bringt nichts, Skeptiker überzeugen  zu wollen. Wenn man in einem Jahr 300 Horoskopdeutungen von Menschen mit einer Saturn-Sonne Opposition macht, und 80 % davon hatten entweder Väter, die sie verlassen haben als sie noch sehr jung waren, oder Väter, die früh verstorben sind, oder Väter, die sie schon vor der Geburt im Stich gelassen haben, oder Väter, die kalt und distanziert waren, dann sind das statistische Untersuchungen. Dann kann man sagen: "Nun, 80 % der 300 Saturn-Sonne Horoskope folgen diesem psychologischen Muster." Es kann dann nützlich sein, die Bedeutung dieses Saturn-Sonne Aspekts genauer zu untersuchen. Aber wenn man diese Untersuchung jemandem vorlegt, der Statistik "wissenschaftlicher" betrachtet, würde derjenige wahrscheinlich sagen: "300 Leute sind nicht genug. Du brauchst mindestens 3000 und eine neutrale Kontrollgruppe." Was immer man auch tut, er würde immer andere Tests dagegenhalten. Ich meine, dass die Forschung, die wir betreiben, für uns selbst sehr wichtig ist. Es ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal, ob sie irgend jemand außerhalb überzeugt oder nicht. Ich denke, wir müssen sie für unsere eigene kontinuierliche Weiterentwicklung betreiben.

 

Nick Campion: Wenn ich Dich also richtig verstehe, ist Forschung für Dich eher ein qualitativer Ansatz, der sich auf Fallstudien stützt.

Liz Greene: Ja. Die Quantität ist dabei zweitrangig.

 

Nick Campion: Ob an der Astrologie etwas "Reales" dran ist, wird meistens darauf zurückgeführt, welche Techniken zur Horoskoperstellung oder welches Haussystem der jeweilige Astrologe verwendet. Die verschiedenen Häusersysteme stellen ein Hauptproblem der Astrologie dar, abgesehen vom Problem des siderischen und tropischen Tierkreises. Woher wissen wir, welches Häusersystem das richtige ist, ganz zu schweigen vom Tierkreis? Du hast einmal gesagt, dass man immer das Häusersystem benutzen sollte, das für einen selbst am besten funktioniert. Das klingt, als würdest Du den Astrologen in den Mittelpunkt stellen, und nicht die Astrologie.

Liz Greene: Nur zum Teil. Ich denke, dass all diese verschiedenen strukturellen Ansätze den Blick auf etwas lenken, aber es ist immer ein eingeschränkter Blickwinkel, und keiner von ihnen kann für sich genommen den Blick auf das Ganze eröffnen. Deshalb bin ich der Meinung, dass alle Ansätze für bestimmte Astrologen von Wert sind, nicht aber für andere.

 

Nick Campion: Du würdest also auch den Astrologen zustimmen, die sagen, dass jeder Astrologe die Klienten bekommt, die er "verdient"?

Liz Greene: Ja.

 

Nick Campion: Wenn Du diese Idee zu Ende denkst, ist sie eigentlich sehr provokativ. Es gibt da irgendwo einen Klienten, der auf einmal das Bedürfnis hat, Dich anzurufen und zu fragen: "Können Sie mein Horoskop deuten?" Ist es, als ob Du diese Person zu Dir gerufen hast?

Liz Greene: Ich weiß nicht, ob es ein Herbeirufen ist. Ich denke, dass wir hier wieder bei Resonanzen angekommen sind. Nehmen wir an, die Saturn-Pluto Opposition bildet ein Quadrat mit Deiner Sonne, und das stellt ein symbolisches Bild von dem dar, was Du selbst zu einer bestimmten Zeit bist. Du erfährst oder erlebst oder wirst erschüttert von einer bestimmten Art von Energie. Sie ist sowohl in Dir als auch außerhalb von Dir. Du erlebst vielleicht einige Dinge, die etwas mit dieser Opposition zu tun haben. Wie Du damit umgehst, hängt ganz von Dir ab. Du könntest zum Beispiel sagen, "Nun gut, das ist ein sehr schwieriger Aspekt. Ich nutze ihn, um eine Doktorarbeit zu schreiben." Oder Du kannst Dich hinlegen und einfach Opfer sein und sagen, "Oh, jemand ist bei mir eingebrochen" oder "Es gab Krawalle in unserer Straße und jemand hat mein Auto angesteckt" oder was auch immer. Die Art der Erfahrung hängt damit zusammen, wie fähig man ist, mit dem umzugehen, was man in diesem Moment ist. In gleicher Weise kann ein Astrologe einen Ansturm von Klienten bekommen, die für das, was er gerade durchmacht resonant sind. Es kann also sein, dass er viele Skorpione oder Steinböcke bekommt, oder eben Menschen, die selbst gerade von dieser Opposition betroffen sind. Die Leute kommen vielleicht mit einem Spiegel zu ihm, der irgendwie für dieselben Schwingungen resonant ist wie er. Ich glaube nicht, dass der Astrologe den Klienten herbeiruft. Es ist eher so: wenn man an einem bestimmten Punkt ankommt, treten Dinge ins Leben, die auf derselben Wellenlänge sind. Das ist nicht kausal.

 

Nick Campion: Ein materialistischer Wissenschaftler wie Richard Dawkins hätte für das Wort "Resonanz" zweifellos eine physikalische Erklärung. Benutzt Du das Wort als Metapher?

Liz Greene: Nun ja, es ist auch wörtlich gemeint. Wenn man eine Stimmgabel direkt neben einer gestimmten Gitarre anschlägt, bekommt man eine hörbare Resonanz. Wenn aber die Gitarre verstimmt ist, hört man nichts. Diese Art von Resonanz passiert auf physischer Ebene.

 

Nick Campion: Heißt das, dass wir alle auf die Sphärenmusik reagieren?

Liz Greene: Ich denke, wir sind sogar Teil der Musik. Sie ist ein Zusammenspiel von unseren Akkorden und Resonanzen.

 

Nick Campion: Ich möchte noch einmal auf Dein Beispiel mit der Saturn-Pluto Opposition zurückkommen. Du sagtest, jemand mit diesem Transit kann die Opferrolle wählen oder sich entschließen, den Transit für sich nutzbar zu machen, etwa durch eine Doktorarbeit. Was steckt hinter dieser Wahl? Kann man die Fähigkeit, eine solche Entscheidung zu treffen, auch aus dem Horoskop ablesen?

Liz Greene: Nein. Die Resonanzen basieren auf dem, was die Psychologie Bewusstsein nennt. Und dafür ich habe bestimmt keine Definition, außer dass es "merkurial" ist. Das Bewusstsein ist wie die Figur des Merkurialen in der Alchimie. Es ist nicht an astrologische Muster gebunden oder durch sie begrenzt. Bewusstsein wohnt diesen Strukturen inne und drückt sich durch sie aus, und dennoch kann es außerhalb und innerhalb und um sie herum sein. Es ist das Bewusstsein, das uns erlaubt, Entscheidungen zu treffen. Das ist es, was unsere Reaktionen auf die Muster umwandeln kann. Entweder wir sind einfach dieses Muster und leben es blind aus, was im Tierreich der Fall ist, oder wir strengen unser Bewusstsein an. Das Muster verschwindet davon zwar nicht, aber wir nehmen die einzelnen Noten in seinen Akkorden mehr wahr.

 

Nick Campion: Willst Du damit sagen, dass Bewusstsein zusätzlich zur Astrologie existiert, dass es über die Astrologie hinausgeht?

Liz Greene: Ja, das meine ich.

 

Nick Campion: Das klingt wie die Seele bei den Neoplatonikern. Sie würden sagen, dass die Seele über dem Körper steht, ja sogar über den Sternen. Wenn aber das Bewusstsein jenseits der Astrologie ist, was ist dann mit den so genannten bewussten Planeten wie Merkur, Venus und Mars im Gegensatz zu den äußeren, unbewussten Planeten?

Liz Greene: Man kann von keinem Planeten mit Sicherheit sagen, dass er bewusst ist. Man sollte die Planeten als etwas sehen, das Strukturen widerspiegelt. Wenn sich ein Individuum des Musters in seinem Inneren bewusst ist, dann drückt sich auch der Planet bewusst aus. Aber nur die Tatsache, dass es ein innerer Planet ist, heißt nicht unbedingt, dass seine Struktur auch bewusst ist. Das habe ich aus meiner Erfahrung gelernt. Es gibt Menschen, die durch die Welt gehen, ohne die geringste Ahnung zu haben, was der Mond oder die Venus für sie bedeutet. Was immer für ein Motivationsmuster die Planeten widerspiegeln, es ist Teil unserer menschlichen Natur, aber wir können uns dessen völlig unbewusst sein. Wir projizieren es, wir sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wir werden von ihm erschüttert, wir identifizieren uns damit, aber uns ist nicht bewusst, dass es in uns selbst ist. Es sieht so aus, als ob es "da draußen" ist, als ob es uns passiert, aber es ist in uns, wir sind es selbst. Doch die Tatsache, dass es in uns ist, garantiert uns nicht, dass es bewusst ist.

 

Nick Campion: Aber woher wissen wir, wann wir uns tatsächlich einer Sache bewusst sind?

Liz Greene: Das ist schwer zu erklären. Es hat etwas mit dem Gefühl zu tun, in seiner Mitte zu sein - nicht nur auf intellektueller Ebene, sondern durch und durch. Man ist sich des eigenen Selbst bewusst, aber dennoch identifiziert man sich nicht mit ihm. Es ist, als ob es einen Freiraum zwischen einem selbst und der Sache gibt. Stell Dir vor, ich habe heute einen Mars Transit. Du sagst etwas Falsches, und ich werde richtig wütend. Wenn ich mir dieser Wut nicht bewusst bin, werde ich einfach nur wütend. Ich weiß nicht einmal, dass ich wütend bin. Und schon kommen die Schimpfworte heraus oder ich schmier Dir eine oder ich schütte Dir mein Glas Wasser ins Gesicht. So verhält sich kein bewusstes Individuum. Ich habe keine Ahnung, was ich da mache, was ich sage, was ich fühle. Ich tue es einfach und sage dann: "Oh, das tut mir furchtbar leid. Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist." Wenn ich jedoch bewusst bin, dann höre ich, was Du sagst, spüre meine Wut, und vielleicht weiß ich auch warum ich wütend bin. Ich fühle vielleicht die Wut, aber ich bin nicht die Wut. Das bedeutet, dass ich mich fragen kann: "Hat er das wirklich so gemeint? Was hat er damit in mir ausgelöst?" Ich kann dann daran arbeiten; wenn ich danach immer noch wütend bin, kann ich ruhig sagen: "Weißt Du eigentlich, was Du da gerade gesagt hast? Das hat mich sehr getroffen." Oder ich halte einfach meinen Mund, weil mir klar geworden ist, dass meine Wut nichts mit Dir zu tun hat: sie ist mein Problem.

 

Nick Campion: Demnach scheinen unsere inneren Denkprozesse entscheidend zu sein. Wenn wir Astrologie als Sprache betrachten, könnten wir diesen bewussten Geisteszustand als zwilling- oder jungfrauhaft bezeichnen? Ist er analytisch?

Liz Greene: Ich glaube nicht, dass es dabei um Analyse geht. Manche Menschen denken sich vielleicht Konzepte aus, aber Bewusstsein kann auch wässerig, feurig oder erdhaft sein. Es ist eine Art der Bewusstheit, die einem sagt, dass man nicht mit dem identisch ist, was man erlebt. Man steht außerhalb, nicht abgeschnitten davon, aber gerade weit genug außerhalb, um es wirklich zu erkennen. Man kann diese Qualität des Bewusstseins auf viele Arten erleben, es muss nicht intellektuell sein.

 

Nick Campion: Wenn also Astrologen sagen - was sie ja sehr oft tun: "Oh, mir geht es gerade schlecht, weil ich einen Saturn-Transit habe." Würdest Du das als eine falsche Aussage bezeichnen?

Liz Greene: Nun, ich sage es auch. Aber ich weiß, was ich meine, wenn ich es sage. Wenn man so redet, sagt man nicht, was wirklich vor sich geht. Es ist Steno, eine Abkürzung. Uns geht es nicht schlecht wegen eines Transits. Der Transit symbolisiert das, was wir erleben, er verursacht es nicht. Es ist nicht meine Sache, die Sprache anderer Leute zu korrigieren, und ich sage es selbst oft genug: "Was für ein miserabler Tag! Saturn steht auf meinem Soundso." Es ist eine Abkürzung.

 

Nick Campion: Ein Transit ist also eine symbolische Entsprechung. Das erinnert mich an den astrologischen Aphorismus, den Charles Carter gerne benutzt hat: "Die Sterne machen geneigt, sie zwingen nicht." Geoffrey Cornelius hat hinzugefügt: "Sie machen weder geneigt, noch zwingen sie, sie symbolisieren." In diesem Sinne betrachtet man Transite wohl eher als symbolische Wegweiser denn als Ursachen?

Liz Greene: Ich bin auch der Ansicht, dass die Planeten symbolisieren. Ich glaube nicht, dass sie zwingen, geneigt machen, wirken oder sonst irgendetwas "tun". Sie sind einfach Symbole.

 

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Nick Campion ist der ehemalige Vorsitzende der "Astrological Association of Great Britain". Er beschäftigt sich seit den frühen 70er Jahren mit Astrologie und unterrichtet seit 1980 - am "Camden Institute" in London, an der "Faculty of Astrological Studies" und seit neuestem auch am "Kepler College" in Seattle. Er hat kürzlich am "Study of Religions Department" des Bath Spa University College in England graduiert. Nick Campion hat 1992 den Marc Edmund Jones Preis erhalten, 1994 den Prix Georges Antares und 1999 den Spica Award for Professional Excellence. Er hat unter anderem "Mundane Astrology" und "The Book of World Horoscopes" veröffentlicht. Mehr Informationen über diese Bücher finden Sie auf seiner Website www.nickcampion.com

 

[13] Howard Sasportas hat 1983 zusammen mit Liz Greene das "Centre for Psychological Astrology" gegründet. Darby Castello unterrichtet dort.

[14] Richard Dawkins ist Professor an der Universität Oxford und beschäftigt sich mit dem Bild, das die Öffentlichkeit von der Wissenschaft hat. Er ist einer der bekanntesten Autoren populärwissenschaftlicher Bücher in Großbritannien. Außerdem ist er ein militanter, atheistischer Materialist und ein vehementer Gegner der Astrologie sowie aller paranormaler Behauptungen und metaphysischen wie religiösen Glaubensrichtungen. Sein Angriff auf die Astrologie kann auf der Website der Astrological Association of Britain unter www.astrologer.com/aanet nachgelesen werden.

[15] Liz Greene, Kosmos und Seele, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1991. S.11.

[16] ebd. S. 279.

 

Übersetzt von Karin Hoffmann

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