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Multiple Persönlichkeiten Dieser Artikel ist ein gekürzter Ausschnitt aus dem Buch "Personare - Die zwölf Personen im Innern der Seele" von Peter Orban und Ingrid Zinnel (Rowohlt Taschenbuch, 1992.) Eine erweiterte und überarbeitete Ausgabe unter dem Titel "Die innere Tafelrunde" ist neu bei www.astronova.com erhältlich. Bearbeitet von Karin Hoffmann. Danny ist sieben Jahre alt
und stets auf Krawall gebürstet, ein zerstörerisches, kreischendes Ekel
von Kind, das keiner leiden mag. Sie alle, das Plärrkind, die Warmherzige, die Nymphomanin, der Erfolgreiche and das Böse, dazu noch einige andere Charaktere von unterschiedlichster Wesensart, existieren vereint in einem einzigen Körper. Der gehört einer Rechtanwältin, die laut Paßeintrag Marianna Lipton heißt, 168 Zentimeter groß und 46 Jahre alt ist. Außer dem Umstand, daß sie zeitweise unsäglichen Seelenschmerz litt, war dies bis vor einigen Jahren alles, was sie mit einiger Sicherheit über sich zu sagen wußte. Unerklärt waren Marianna und dem anderthalb Dutzend Therapeuten, die sie seit ihrem 19. Lebensjahr behandelt hatten, welche Kräfte an ihrem Inneren zerrten - bis der Psychiater Frank Putnam bei ihr eine seelische Erkrankung diagnostizierte, die zu den rätselhaftesten neuropsychotischen Syndromen überhaupt zählt: Multiple Personality Disorder (MPD), so nennen die Fachleute diese Art der Persönlichkeitsstörung, die schwer zu erkennen und noch schwerer zu heilen ist. Beim MPD-Patienten ist das Ich in zahlreiche, gänzlich unterschiedlich geartete Einzelpersönlichkeiten aufgesplittert, die in ständigem Wechsel Wesen und Handeln des Kranken bestimmen - gleichsam ein gelebtes Psychodrama, mehrfältig und vielweltig, in dem der "Multiple" alle Rollen verkörpert. (DER SPIEGEL, 43.Jg. 1989], Heft 37, S. 220) Das, was die moderne Psychiatrie als MPD beschreibt, als multiple Persönlichkeitsstörung, ist - so lautet unsere Behauptung - nicht etwa ein Sonderfall menschlich-seelischer Entwicklung, sondern nur das nach außen auffällige Erscheinungsbild dessen, was im Inneren eines jeden von uns vorzufinden ist. Jeder hat diese multiplen Persönlichkeiten in sich, nur sind sie nicht derart exzessiv und obsessiv in eine Feindschaft zueinander getreten. Sie beeinflussen bei den meisten Menschen eher unauffällig den ganz normalen Alltag. Es mag verwundern, wenn wir behaupten, daß der einzelne Mensch aus verschiedenen Persönlichkeiten besteht, hat sich der Leser doch eben erst mühsam angewöhnt, zu glauben, daß der Weg des Menschen der Weg in die Einheit sei. Das glauben wir auch. Dennoch: Der heutige Mensch ist nicht nur schizophren, sondern polyphren, und es hat kaum Aussicht auf Erfolg, die Einheit herbeizusehnen, wo man nicht bereit ist, sich vorher in aller Deutlichkeit die eigene Zersplitterung anzuschauen. Unsere Theorie handelt also nicht von dem einen sichtbaren Menschen, sondern vom unsichtbaren Menschen oder von der Seele des Menschen, und die ist vielfach. Hier wollen wir den Spuren dieses Vielfachen folgen.
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